Über den Verlauf von Spätantike und Mittelalter wird das biblisch begründete Wissen über Maria nicht allein dadurch erweitert, dass apokryphe Texte (wie etwa das Protevangelium Jacobi) die spärlichen Informationen der Evangelien über die Frau, die zur Mutter des Messias wird, ergänzen. Zusätzliche Wissenstraditionen konstituieren sich darüber hinaus, indem Passagen des Alten Testaments neu auf Maria hin ausgelegt werden. Von besonderem Interesse ist in diesem Kontext die mariologische Exegese der Weisheits-Bücher und des Hohenliedes und die aus ihr resultierende Gleichsetzung der alttestamentarischen Sapientia und der Braut des Hohenliedes mit Maria. Wie sich dies auf die Marienfrömmigkeit auswirkt, untersucht der Beitrag an einem spätmittelalterlichen volkssprachigen Beispiel, dem Marienlieder-Zyklus des niederrheinischen Konversen Hans. Ziel ist es dabei nicht zuletzt aufzuzeigen, wie Bruder Hans sein Bild einer über eine eigene Erlösungsmacht verfügenden Maria durch den Rückgriff auf biblisches Offenbarungswissen legitimiert.

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa