Ausgehend vom Protoevangelium des Jakobus und dessen Rezeption verfolgt der Beitrag die Transformationen der Auffassung Marias vor allem unter dem Aspekt der Debatten um ihre Genealogie. Die Diskussionen werden dabei vom spätrömischen Imperium bis ins christliche Mittelalter hinein verfolgt. Aufgezeigt wird, wie die Transformationen des Wissens um Maria – ausgetragen durch immer neue Kommentare zum Protoevangelium bzw. zur Frage des Familienstatus Marias – nicht nur einen weitgefächerten und vielfach strittigen mariologischen Diskurs begründet haben, sondern ebenso wie das so entstehende religiöse Wissen über Maria zugleich einen entscheidenden Beitrag zur Ausdifferenzierung und Dynamisierung von Familienvorstellungen in der Spannung von biologischer Blutsverwandtschaft einerseits, geistlich begründeter Verwandtschaft andererseits leistete. Hiervon konnten ganz unterschiedliche politische, soziale und religiöse Kontexte profitieren, so etwa die Legitimierung der Dynastiebildung über die weibliche Dynastielinie in karolingischer Zeit, aber auch die Einführung des Inzesttabus für Laien oder die Durchsetzung des Zölibats im 11. Jahrhundert.

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa