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Die Entstehung eines christlich geprägten religiösen Wissens muss als sehr komplexer, vielschichtiger Prozess aufgefasst werden, bei dem sehr unterschiedliche Faktoren miteinander interagierten. Entscheidend war dabei, dass zunächst einmal die Frage geklärt wurde, ob die Offenbarung abgeschlossen sei oder ob es eine fortgesetzte Offenbarung gäbe.1 Davon gingen der Montanismus 2 aus, wo es neue Prophezeiungen gab, und in anderer Weise die Gnosis, die eine Fülle von pseudoepigraphischen Offenbarungsschriften produzierte, in denen sie ihr elitäres, vor allem aber heilvermittelndes Wissen explizierte.3 Ihnen gegenüber entwickelte sich – durchaus in Anlehnung an den jüdischen Kanon der Schriften des dann sogenannten Alten Testaments – der neutestamentliche Schriftkanon, der sich nicht ohne die gleichzeitige Etablierung von Amts- und Autoritätsstrukturen durchsetzen konnte.4 Das für sie leitende Konzept war das ihrer Rückbindung an die ‚apostolische Zeit‘ der Ursprünge. Die Amtsträger wiederum maßen den Offenbarungsgehalt der von ihnen als ‚kanonisch‘ akzeptierten Schriften am Grad der Übereinstimmung mit der Glaubensregel, der regula fidei/κανὼν πίστεως.5 Dieser Prozess dauerte bis in das 3. Jahrhundert hinein,6 und erst dann kann man von einem einigermaßen gefestigten Offenbarungswissen ausgehen als Basis eines christlich geprägten religiösen Wissens, welches indes weiter und breiter als das ‚kanonische‘ Wissen ist, das aus den ‚kanonischen‘ Schriften stammt, die im Lichte der regula fidei gelesen wurden.

Damit ist hier nicht gemeint, dass nicht auch weiterhin ‚unkanonische‘ Schriften gelesen wurden 7 wie etwa das Protevangelium Iacobi, aus dem die christliche Tradition ihre Kenntnisse über die Eltern Marias und ihre Jugend bezog,8 oder die Petrusakten (Actus Petri cum Simone/Actus Vercellenses),9 aus denen man die Kenntnisse über das Martyrium Petri in Rom schöpfte, welche sich deutlich in der altchristlichen Kunst des 4. Jahrhunderts widerspiegelten.10 Gemeint ist die große Menge der martyrologischen bzw. hagiographischen Literatur, die neben den biblischen kanonischen Schriften im gottesdienstlichen Gebrauch stand,11 besonders im Stundengebet. Das nicht abgeschlossene Mammutunternehmen der Acta sanctorum, in denen diese Literatur seit 1643 gesammelt und publiziert wird, umfasst in seiner Originalausgabe 68 Großfoliobände.12 In den Menologien und den Synaxarien der orthodoxen Kirche 13 bzw. der lateinischen Legenda aurea 14 des 13. Jahrhunderts gewann diese Literatur jeweils eine quasikanonische Gestalt.

Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich freilich auf die Entstehungsgeschichte dieser Literatur, die ab der Spätantike die pagane mythologische Literatur als Lesestoff fast vollständig verdrängte, sodass es zu einem umfassenden Austausch des religiösen Wissens kam: An die Stelle der antiken Gottheiten und Heroen und das Wissen von ihnen traten die Märtyrer und Heiligen, deren Leben und Geschick einen integralen Bestandteil des christlich-religiösen Wissens bildeten und bilden.

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa