Der Paradiesmythos der Genesis (Gen 1–3) darf als das erste Paradigma für den prekären Status des religiösen Wissens gelten. Der Sündenfall ermöglicht die Erkenntnis, dass Glaube und Wissen zwar logisch unvereinbar sind, topisch aber im Konzept des ‚religiösen Wissens‘ in ein dialektisches Verhältnis überführt werden können. Darum stellt das Paradies zugleich auch den ersten Ort des topischen Denkens dar. Wie im glaubensgebundenen Wissen ist auch dieses Denken in seiner argumentativen Rationalität immer zuerst von vorrationalen Wahrheitsüberzeugungen abhängig. Daher bedient es sich neben der Argumentation immer auch der Metapher und der Narration. Der Beitrag versucht zunächst zu zeigen, welche grundlegende Umstellung die Figuralexegese von der Allegorie zum spezifisch christlichen Metaphernverständnis durchlaufen muss, damit das Paradies, das mit der zunehmenden Rationalisierung des Wissens ein immer fernerer Ort wird, im Glauben metaphorisch zugänglich werden kann. Entsprechend erzählen schon die frühen deutschen Genesisdichtungen immer sowohl konkret als auch im übertragenen Sinne vom Paradies. Ebenso machen die deutschen Alexanderromane und die Brandan-Erzählungen das Paradies nicht dank ihrer positiven Wissenskonzepte, sondern auf der Grundlage einer metaphorisch gewonnenen Glaubenseinsicht zugänglich. Wenn die Paradiesmetapher aber schließlich, wie etwa im Minneroman Flore und Blanscheflur, in einem poetisch-fiktionalen Erzählzusammenhang zwischen Christen und Heiden ausgestaltet wird, beginnt sie selbst durchschaubar zu werden. Dann offenbart sich nochmals die aporetische Grundspannung des religiösen Wissens, dessen Heilsversprechen nun nicht mehr als alternativlos erscheint.

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa