Von den Anfängen bis 1730
Während die Philologen Opern- und Operettentextbücher seit langem als lohnenden Forschungsgegenstand erkannt haben, stellt das Oratorium literaturwissenschaftlich eine unbekannte Größe dar. Dabei erweist sich gerade für dieses Genus die Notwendigkeit eines kulturwissenschaftlichen Ansatzes: In geradezu frappierender Weise gehen musikalische Veränderungen Hand in Hand mit Umorientierungen im Text. Auch für den Musikwissenschaftler müssen Auf-schlüsse über die literarische Struktur, die Herkunft der Texte oder die Zusammenarbeit zwischen Tonsetzer und Textdichter von lebhaftem Interesse sein. Durch die zeitliche Eingrenzung werden die in jeder Hinsicht weniger gut erforschten Jahrzehnte erfaßt. Zugleich handelt es sich um die Epoche vor dem explosionsartigen Zunehmen der Produktion. Eckpunkte bilden die Dialoge, Historien und Aktus des mittleren 17. Jahrhunderts einerseits und die Oratorien von Mattheson und Telemann andererseits. Nicht berücksichtigt sind die vielfach untersuchten oratorischen Werke J. S. Bachs. Die Darstellung sichtet zum einen die sehr verworrene Quellenlage. Bereits bekannte Werke werden literaturwissenschaftlich gelesen, auf die Herkunft und den Charakter ihrer Texte hin untersucht und intertextuell verglichen. Zum anderen wird eine Reihe von unbekannten Quellen erschlossen (z.B. katholische Werke mit deutschen Texten).