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In: Zeichen ferner Freiheit
In: Der Anfang
In: Der Staub Gottes
In: Das gemessene Band
In: Morbides Denken
In: Geistige Existenz
Paideia
Bedenkt man, wie vielen Versuchungen und Anfechtungen ein Mensch tagtäglich ausgesetzt ist, will es wie ein Wunder erscheinen, dass er dem etwas entgegenzusetzen hat. Bei aller Schlechtigkeit, die dem Menschen eignet, lässt er sich doch in der Regel vom Guten leiten. Woher kommt der Widerstand in uns? Ist er das Werk von Erziehern, die auch heute noch, aller routinierten Skepsis zum Trotz, so machtvoll in uns wirken, dass wir uns auf den ausgesetzten Pfaden des Lebens zurechtfinden? Oder sind wir selbst es, die sich, wie Oliver Twist, der fast nie etwas Gutes sah und trotzdem zum Guten fand, an der Hand nehmen, sich selber führen?
Man wird selbsterzieherische und fremderzieherische An-teile nicht auswiegen können. Klar ist nur, dass auch gut erzogene Menschen Böses tun und schlecht erzogene Men-schen Gutes. Erziehung stößt an Grenzen.
Und die Angewiesenheit auf Gnade, die einem Einzelnen zuteil werden muss, damit er sich sammeln kann, ist nur um den Preis des Hochmuts zu bestreiten. So behält der alte Traum von der Erziehung des Menschengeschlechts einen fahlen Beigeschmack: Erziehen lassen sich allem Anschein nach nur Einzelne – und auch diese nur begrenzt.
Da mag von der Rückkehr der Religion noch so sehr die Rede sein: Dem Glaubenden, der nach dem Heiligen Ausschau hält, weht im liberalen Gemeinwesen ein profaner Wind entgegen, der ihn stören muss. Dabei sind es nicht die inneren Überzeugungen geistig beweglicher Atheisten, die seine religiöse Lebens-führung behindern. Mit intellektuellen Atheisten, die an sich selbst zweifeln, kann er ins Gespräch kommen. Es ist die zum Dogma erstarrte a-religiöse Gesamttendenz unserer Kultur, die ihm zum Problem geworden ist. Denn in ihrem Sog werden alle Phäno-mene des Lebens unbedacht profan gedeutet. Da-durch sind die Glaubenden genötigt, ihre religiösen Überzeugungen in der Öffentlichkeit zurückzuhalten und sie zu einer bloßen Privatsache zu degradieren. Mit dieser Zumutung leben sie unter den kulturellen Bedingungen einer zementierten laïcité.
Im kalten Neonlicht der Städte wächst die Angst des Menschen vor der Dunkelheit. Doch auch das gleißende Licht der kulturellen und selbstgezimmerten Bühnen der Moderne lässt ihn nicht zur Ruhe kommen: Zu verlassen fühlt er sich im Rampenlicht, zu komplex gerät der Monolog seiner brüchigen Stimme. Deshalb sehnen sich die Menschen weiterhin nach einem Zeichen, nach jenem plötzlich aufblitzenden Stern, an dem sie ihr Leben ausrichten können. Im Abendland hat man von Epiphanie gesprochen, wenn dieses Zeichen plötzlich sichtbar wird, und es waren besondere, exponierte Persönlichkeiten, die von einem solchen Zeichen berichteten: Moses, die Propheten und die Mystiker. Doch wie fast jedes religiöse Phänomen, so ist auch die Epiphanie unter dem Druck der Moderne alternativen Deutungen ausgesetzt. Skeptische Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle räumen zwar ein, dass es so etwas wie ein plötzlich aufscheinendes Licht gibt, das wie ein Blitz ins Leben einbricht und alles schlagartig verändert, aber sie deuten es nicht als Zeichen Gottes. Die einen sprechen von literarischen Erzählstrategien, andere sehen ästhetische Überwältigung am Werke, wiederum andere wollen Halluzinationen erkannt haben. Die FUGE öffnet sich in Band 4 diesen unterschiedlichen Sichtweisen. Es kommen kunsthistorische, phänomenologische, anthropologische und emphatisch-persönliche Stimmen zu Wort.