Author: Jens Boysen

Die Niederlage Deutschlands im Jahre 1918 löste nicht nur die Novemberrevolution aus, sondern auch eine Mobilisierung der polnischen Bevölkerung im preußischen Osten mit der letztlichen Folge einer Abspaltung mehrerer Provinzteile vom Deutschen Reich. Eine Voraussetzung hierfür waren Spannungen, die nach der Reichsgründung 1871 infolge einer Verengung des gesellschaftlichen Toleranzbegriffs und von Diskriminierungen nationaler Minderheiten eingetreten waren. Die Polen entwickelten daraufhin eine Art Parallelgesellschaft; aber nur kleine radikale Gruppen unter ihnen hegten vor dem Ersten Weltkrieg separatistische Absichten. Den Krieg machten die Polen als Soldaten und Zivilisten ebenso mit wie die Deutschen, wenn auch mit deutlich weniger Enthusiasmus. Zugleich förderte das politische Werben der kriegführenden Hauptmächte um die Polen (und andere staatenlose Völker) bei diesen nationalstaatliche Bestrebungen. Aber erst angesichts des deutschen Scheiterns im Herbst 1918 traten die Polen im Deutschen Reich mit entsprechenden Forderungen hervor. In der Provinz Posen als dem Zentrum der polnischen Nationalbewegung wirkte seit dem Sommer 1918 innerhalb der lokalen militärischen Einheiten eine nationalpolnische Konspiration, die zum einen preußische Sicherungsmaßnahmen sabotierte bzw. manipulierte und zum anderen eigene Kommandostrukturen für den Fall eines Zusammenbruchs der staatlichen Macht aufbaute. Diese Soldaten wirkten mit zivilen polnischen Politikern bei der Täuschung der preußischen und Reichsbehörden zusammen, konkurrierten aber zugleich mit ihnen um die Führungsrolle. All diese überwiegend konservativ gesinnten Gruppen teilten jedoch kaum die »roten« normativen Ziele der Novemberrevolution, sondern sahen in dieser vor allem eine günstige Gelegenheit für eine eigene »nationale Revolution«. Aus dieser komplexen Lage heraus erfolgte am 27. Dezember 1918 der Ausbruch des »Großpolnischen Aufstands«, der die Provinz Posen unter polnische Kontrolle brachte und die Westmächte gegenüber weiteren polnischen Gebietsforderungen geneigt machen sollte.

In: Geheime Netzwerke im Militär 1700–1945
In: Minderheiten-Soldaten
Ethnizität und Identität in den Armeen des Ersten Weltkriegs
Minderheiten-Soldaten im Ersten Weltkrieg: Der Band beschäftigt sich erstmals umfassend und vergleichend mit der Situation von Minderheiten in den Armeen des Ersten Weltkrieg.
Rolle und Bedeutung von Minderheiten-Soldaten in den Armeen des Ersten Weltkriegs stellen ein forschungsmäßig vernachlässigtes Thema der Minderheitengeschichte dar. Nationale Minderheiten wurden vielfach in sehr pauschaler Art und Weise als unzuverlässige und illoyale Staatsbürger kategorisiert und wurden deshalb innerhalb der Armeen diskriminiert. Die Autoren analysieren die Entwicklung der Beziehungen zwischen Staat und Minderheit anhand von verschiedenen nationalen Fallbeispielen.
Die Armee ist ein zentraler Machtfaktor im Staat, militärische Informationen sind grundsätzlich gesetzlich geschützt. Das Militär bildet zudem ein soziales System mit eigenen Normen, Ritualen und Symbolen. Die hierarchische Struktur und das starke Berufsethos prägen das Militär bis heute. Innerhalb dieses Rahmens bildeten sich immer wieder geheime Netzwerke von Militärangehörigen mit abweichenden Verhaltenskodizes. Sie erregten häufig den Verdacht, gegen das eigene Militärsystem oder den Staat gerichtet zu sein. Die Autorinnen und Autoren des Bandes erkunden die Wechselwirkungen zwischen Geheimbundorganisationen, Geheimnisträgern, Verschwörern und dem Militär – von Freimaurern und Illuminaten bis zum Stauffenberg-Kreis.