Search Results

In: Verwandlung
In: Öffentliches Schweigen
In: Geistige Existenz
In: Der Anfang
Kulturkritik & Paideia
Was wir uns hierzulande gestatten, als Autorität anzuerkennen, hat in der Regel mit ökonomischem Erfolg und politischer Macht mehr zu tun als mit der Befähigung und Begnadung des erzieherischen Menschen. Wohin ist der Sinn für jenes außerhalb des Menschen liegende Maß entschwunden, welches unser Leben lenken könnte?

Das beklagenswerte Los einer Lehrerschaft, das sich hinter dem Pseudonym des Bildungsbegleiters verbirgt, kann nicht als Unfall bezeichnet werden, sondern weist auf ein problematisches Verständnis der conditio humana. Obwohl kaum ein anderes Wort im öffentlichen Raum so sehr strapaziert wird wie das der Humanität, wird das Inferiore des Menschen, seine Verletzlichkeit und Angst, nicht in dem Maße gewürdigt, wie es zur Wahrscheinlichmachung einer starken Person nötig wäre. Hier darf die Asymmetrie in der Begegnung von Lehrer und Schüler, Wissendem und Lernendem nicht geleugnet werden, sie muss vielmehr anerkannt und mit Achtung durchwirkt werden.
»Das gemessene Band. Kulturkritik & Paideia« enthält Bei-träge von Anthony Carty, Norbert Hummelt, Stephan Steiner, Konrad Weiss u.a.
Paideia
Bedenkt man, wie vielen Versuchungen und Anfechtungen ein Mensch tagtäglich ausgesetzt ist, will es wie ein Wunder erscheinen, dass er dem etwas entgegenzusetzen hat. Bei aller Schlechtigkeit, die dem Menschen eignet, lässt er sich doch in der Regel vom Guten leiten. Woher kommt der Widerstand in uns? Ist er das Werk von Erziehern, die auch heute noch, aller routinierten Skepsis zum Trotz, so machtvoll in uns wirken, dass wir uns auf den ausgesetzten Pfaden des Lebens zurechtfinden? Oder sind wir selbst es, die sich, wie Oliver Twist, der fast nie etwas Gutes sah und trotzdem zum Guten fand, an der Hand nehmen, sich selber führen?
Man wird selbsterzieherische und fremderzieherische An-teile nicht auswiegen können. Klar ist nur, dass auch gut erzogene Menschen Böses tun und schlecht erzogene Men-schen Gutes. Erziehung stößt an Grenzen.
Und die Angewiesenheit auf Gnade, die einem Einzelnen zuteil werden muss, damit er sich sammeln kann, ist nur um den Preis des Hochmuts zu bestreiten. So behält der alte Traum von der Erziehung des Menschengeschlechts einen fahlen Beigeschmack: Erziehen lassen sich allem Anschein nach nur Einzelne – und auch diese nur begrenzt.
Epiphanien werden von Christen als Zeichen gedeutet, mit denen sich Gott in der Geschichte der Menschen bemerkbar macht. Im Moment der Erscheinung öffnet sich die Enge des verzweifelten irdischen Lebens, in dem die Sehnsucht nach Geborgenheit schon allen Lebensmut erstickt hat und die Erfahrung eigener Fehlerhaftigkeit nur noch die erdrückenden Grenzen des Selbst erkennen lässt. Die lebenswendende Kraft der Epiphanie ist eine Gnade. Wie aber bereiten wir uns auf das Wunder der Verwandlung vor? In der FUGE bekennen Autoren, dass wir in diesem Leben verwandelt werden können und suchen nach Möglichkeiten entschiedener Bereitschaft.
Da mag von der Rückkehr der Religion noch so sehr die Rede sein: Dem Glaubenden, der nach dem Heiligen Ausschau hält, weht im liberalen Gemeinwesen ein profaner Wind entgegen, der ihn stören muss. Dabei sind es nicht die inneren Überzeugungen geistig beweglicher Atheisten, die seine religiöse Lebens-führung behindern. Mit intellektuellen Atheisten, die an sich selbst zweifeln, kann er ins Gespräch kommen. Es ist die zum Dogma erstarrte a-religiöse Gesamttendenz unserer Kultur, die ihm zum Problem geworden ist. Denn in ihrem Sog werden alle Phäno-mene des Lebens unbedacht profan gedeutet. Da-durch sind die Glaubenden genötigt, ihre religiösen Überzeugungen in der Öffentlichkeit zurückzuhalten und sie zu einer bloßen Privatsache zu degradieren. Mit dieser Zumutung leben sie unter den kulturellen Bedingungen einer zementierten laïcité.
Das 20. Jahrhundert hat so viele Trümmer angehäuft, dass sich die Nachgeborenen im Zustand der Angst und des Erschauderns vor der Bösartigkeit des Menschen geschworen haben, nie wieder auf politische Utopien hereinzufallen. So vernünftig das Pathos der Mäßigung angesichts des apokalyptischen Wahnsinns wirkte, so deutlich tritt in der Berliner Republik aber auch dessen Kehrseite hervor: eine frivole, selbstgenügsame Prinzipienlosigkeit. Mit dem Verlust unserer geschichtsphilosophischen oder auch nur gesellschaftspolitischen Hoffnungen, von religiöser Zuversicht ganz zu schweigen, neigen wir Bürger dazu, unsere ernsten Erwartungen aneinander gleich mitzubegraben oder pragmatisch aufzulösen. Die Zustimmungsgemeinschaft behauptet in der Republik der Sachzwänge: Gerechtigkeit herrscht, wo alle genügend Geld haben, und Frieden, wo kein lautes Wort zu hören ist. Alles Weitere ist Privatsache, und die Zukunft gehört unseren Kindern.
Im kalten Neonlicht der Städte wächst die Angst des Menschen vor der Dunkelheit. Doch auch das gleißende Licht der kulturellen und selbstgezimmerten Bühnen der Moderne lässt ihn nicht zur Ruhe kommen: Zu verlassen fühlt er sich im Rampenlicht, zu komplex gerät der Monolog seiner brüchigen Stimme. Deshalb sehnen sich die Menschen weiterhin nach einem Zeichen, nach jenem plötzlich aufblitzenden Stern, an dem sie ihr Leben ausrichten können. Im Abendland hat man von Epiphanie gesprochen, wenn dieses Zeichen plötzlich sichtbar wird, und es waren besondere, exponierte Persönlichkeiten, die von einem solchen Zeichen berichteten: Moses, die Propheten und die Mystiker. Doch wie fast jedes religiöse Phänomen, so ist auch die Epiphanie unter dem Druck der Moderne alternativen Deutungen ausgesetzt. Skeptische Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle räumen zwar ein, dass es so etwas wie ein plötzlich aufscheinendes Licht gibt, das wie ein Blitz ins Leben einbricht und alles schlagartig verändert, aber sie deuten es nicht als Zeichen Gottes. Die einen sprechen von literarischen Erzählstrategien, andere sehen ästhetische Überwältigung am Werke, wiederum andere wollen Halluzinationen erkannt haben. Die FUGE öffnet sich in Band 4 diesen unterschiedlichen Sichtweisen. Es kommen kunsthistorische, phänomenologische, anthropologische und emphatisch-persönliche Stimmen zu Wort.