in Lorenz Jaeger als Theologe
in Lorenz Jaeger als Theologe

Im Laufe der Kirchengeschichte sind immer wieder sogenannte „ekstatische“ Frauen in Erscheinung getreten.1 Das Wort „Ekstase“ zeigt an, dass diese Frauen Zustände eines ‚Außer-Sich-Seins‘ erfuhren. Diese Zustände wurden in einem religiösen Deutungsrahmen entweder als mystische Gotteserfahrungen oder als teuflische Anfechtung bewertet. Diese ekstatische Erfahrung und ihre äußerlich wahrnehmbaren Zustände konnten unthematisch sein oder aber einen klaren (Selbst-)Bezug zu Inhalten der Offenbarungsquellen und/oder der kirchlichen Tradition herstellen. Passionsekstasen und Stigmatisierungen stellten das Nachempfinden, ja geradezu Verkörpern des Kreuzesgeschehens in den Mittelpunkt.

Solche Deutungen setzen bereits ein ‚religiöses Wissen‘ bei den beteiligten Akteuren und Akteurinnen voraus. Nach der Definition des Graduiertenkollegs 1662/1 wird unter religiösem Wissen „die jeweilige kulturell-gesellschaftliche Ausgestaltung einer Kommunikation mit Gott oder dem Göttlichen“ verstanden, „und zwar mit Bezug auf die Formen wie die Inhalte dieser Kommunikation“.2 Auch wenn es in verschiedenen Jahrhunderten ekstatische Frauen (und Männer) im Christentum gab,3 so darf diese Kontinuitätslinie nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre jeweiligen Biografien in bestimmte zeitliche kulturelle Kontexte einzuordnen sind, die sie und die Deutung ihrer inneren Erfahrungen nachhaltig prägten. So lassen sich für bestimmte Zeiten eigene Typen von Stigmatisierten ausmachen.4 Die ekstatischen Frauen trugen mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten wiederum selbst zum religiösen Wissen ihrer Umgebung bei, insofern sie ein Zeugnis ihrer Gottbeziehung abgaben. Dabei standen sie in einem Kommunikationszusammenhang mit ihren Beichtvätern und anderen Menschen in ihrer Umgebung. Auch sie waren am Deutungsprozess beteiligt und müssen im vorliegenden Beitrag in den Blick genommen werden.

in Religiöses Wissen im vormodernen Europa
in Lorenz Jaeger als Theologe
Eine Publikation der Kommission für kirchliche Zeitgeschichte im Erzbistum Paderborn
HerausgeberInnen: Nicole Priesching und Gisela Fleckenstein
Die bewegte Biographie des Paderborner Erzbischofs Lorenz Kardinal Jaeger (1892–1975) wird unter Verwendung seines neu erschlossenen Nachlasses in einem interdisziplinären Forschungsprojekt anhand von Themenschwerpunkten erarbeitet.Für Lorenz Jaeger gehörte die Theologie grundlegend zur Ausübung seines Lehr- und Hirtenamtes. Er musste der Modernismuskrise im Kaiserreich, der Liturgischen Bewegung in der Weimarer Republik genauso begegnen wie den Veränderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Würzburger Synode im geteilten Deutschland. Wie Jaeger als Student, Pfarrvikar, Lehrer im Schuldienst, Bischof und Kardinal mit den theologischen Strömungen seiner Zeit umging, sie rezipierte und zum Teil selbst beeinflusste, zeigen die Beiträge im ersten Band des Forschungsprojektes.
in Die Academia Theodoriana