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Dokument 2: Briefauszug Hans Langsdorff vom 14. Nov. 1918 (Familienarchiv Nedden/Langsdorff)

(Bremerhaven,) den 14. November 1918

Liebe Eltern.

Ich will Euch kurz meine Erlebnisse berichten. Wir waren mit der Flottille in See, als der Aufstand in Kiel losbrach und hörten zunächst nichts, bis wir Dienstag vor acht Tagen den Funkspruch erhielten, daß in Kiel die Schiffe des III. Geschwaders die rote Flagge gesetzt hätten.

Am Freitag mussten wir uns entscheiden; wir hatten nichts mehr zu essen. In List gab es nichts, also blieb nur die Wahl zwischen Internierung in Esberg oder Einlaufen nach Bremerhaven, von dem wir nichts wussten. Was eigentlich in Cuxhaven und den anderen Häfen los war, wussten wir auch nicht genau.

Wir liefen in ziemlichem Nebel die Weser rauf und ankerten vor der Schleuse. Die Halbflottillenboote legten zu Verhandlungen an der Schleuse an.

Da hörten wir dann die oben schon erwähnte Rede [Machtübernahme durch den Soldatenrat; d. Verf.]. Das Schlimme war, dass wir nun in der Falle saßen, die ganzen Signalstationen und Forts waren in der Hand des Soldatenrates.

Kriegsmüde sind nun unsere Leute gewiß gewesen, wie wohl jeder andere auch. So machte diese Rede sichtbaren Eindruck. Ich sah gleich, es wäre an Bord zu Mord und Totschlag gekommen und raus aus der Falle kamen wir doch nicht. Ihr kennt ja meine Ansicht über das Verteidigen vor dem Feinde bis zum letzten Mann. Schön und gut, aber regierungstreue Untergebene in das sichere Verderben reißen, damit sie ohne jeden Zweck von Deutschen über den Haufen geknallt würden?

Das ist die schwere Sache gewesen, das Gefühl sagt, unter keinen Umständen nachgeben und der Verstand, es hat ja gar keinen Zweck.

So habe ich mich gefügt. Die Flagge ist zu schade um über Revolutionären zu wehen.

So habe ich zähneknirschend den Befehl gegeben, Flagge und Stander niederzuholen.

Die Schusswaffen mussten wir abgeben, sonst wurden wir nicht behelligt.

Hier in Bremerhaven herrscht eine geradezu musterhafte Ruhe. Der Soldatenrat, dessen Hauptmacher ein Matrose der S.II. Armgard ist, setzt sich aus alten Leuten zusammen, die im Zivilleben gute Stellungen haben. Sie sind alle Mehrheits-Sozialdemokraten mit verblüffend guter geistiger Schulung, die an die Märztage 1848 erinnert und großer Parteidisziplin. Auch als entschiedener Gegner muß ich das bewundernd anerkennen.

Sie haben die Offiziere zusammengebeten und dann Folgendes eröffnet: Sie seien ihrer Überzeugung nach Republikaner, hätten augenblicklich die Macht vollständig in der Hand und gewillt diese auszunutzen. Sie wollten unter allen Umständen Ruhe und Ordnung wahren, u.s.w. Zum Schluß erklärten sie, sie seien nicht in der Lage, die Bewegung zu zügeln, wenn wir nicht hülfen.

Das haben wir abgelehnt, wir haben, als ob wir Metallarbeiter wären, gestreikt, zogen Zivil an und ließen die Karre laufen.

Da kam der Sonntag mit der Nachricht, die Engländer kämen. Da haben wir alle uns bereit erklärt, die Boote gegen den Feind zu führen. Die Beefs kamen ja nicht, aber der S.R. hatte uns jetzt da, wo er uns hin haben wollte. Er sagte nun, er erkenne ohne weiteres an, dass wir unsere alteingewurzelten Anschauungen behielten und nicht umkrempeln könnten. Aber vor unseren persönlichen Anschauungen ginge doch wohl das Vaterland. Sie hätten die Herrschaft über die Bewegung, die in radikale Bahnen überzugehen drohe, verloren und baten uns, wieder unsere alten Kommandos anzutreten, weil wir sonst den Bürgerkrieg innerhalb von 2 Tagen hätten.

So bin ich denn wieder Kapitän auf M 76.

Das sei genug für heute.

Gruß Hans

Dokument 4: Auszug aus dem Kriegstagebuch Langsdorffs vom 26. November 1939 (Privatdruck für die Bordkameradschaft „Admiral Graf Spee“, hg. v. Rudolf Donath, Goslar o. J. – Markierungen H. J. Kaack)

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