Zur Hermeneutik von „Eastern Church Identities“

in Metropolit Andrey Graf Sheptytskyj und das NS-Regime
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Das Verhältnis zwischen den westlichen Kirchen und den Ostkirchen ist über lange Jahrhunderte von einer gegenseitigen theologischen Vorurteilsgeschichte geprägt worden, die, mit politischen Entwicklungen gemischt, einen echten Dialog miteinander nahezu unmöglich machte.

Konnten Teile der Reformation am Anfang ihres Selbstfindungsprozesses in der Orthodoxie noch eine Art ältere Schwesterkirche sehen und bemüht sein, ihre Lehraussagen mit Hinweisen auf die Traditionen der Alten Kirche und durch Bezüge auf die Schriften der Kirchenväter zu belegen, setzte sich doch schon bald die Überzeugung durch, eine nach dem Wort Gottes gereinigte Art Besserkirche nicht nur gegenüber der römischen, sondern auch der orthodoxen Kirchlichkeit zu sein. Je nach dem Stand des eigenen Religions- und Geschichtsverständnisses wurden die Ostkirchen einer Vorbewertung unterzogen, für die eine echte Beschäftigung mit ihnen nicht notwendig zu sein schien. Verheerend war die Wirkungsgeschichte einiger Aussagen Adolf von Harnacks (1851–1930), der den evangelischen „Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit“ dem orthodoxen „Gottesdienst der Zeichen, Formeln und Idole“ gegenüberstellte und in der Orthodoxie eine Verfallsgeschichte des Christentums ausmachte. Generell betrachtet kam es im evangelischen Bereich erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer wissenschaftlichen und sachgemäßeren Beschäftigung mit den Ostkirchen, und im Rahmen der Ökumenischen Bewegung zur Aufnahme von offiziellen Dialogen.

Ähnlich erreichte die katholische Bewertung der Orthodoxie einen Tiefpunkt, als nach den gescheiterten Unionkonzilen von Lyon und Florenz die 1622 in Rom gegründete Propaganda-Kongregation neben der Heidenmission die Aufgabe bekam, die Schismatiker und Häretiker des Ostens zu bekehren und in die römische Kirche zurückzuführen. Es entstanden die katholischen Ostkirchen, die meist aus Teilen ehemaliger orthodoxer Kirchenstrukturen stammten und die durch eine Union eine Kirchengemeinschaft mit Rom eingegangen waren. Diese unierten Kirchen wurden aber in ihren Riten latinisiert und in ihrer Theologie katholischer scholastischer Vorstellung angepasst. Erst 1894 führte die Enzyklika Orientalium Dignitas zu einer Wende in der katholischen Bewertung. Die Dekrete Orientalium Ecclesiarum und Unitatis Redintegratio des II. Vatikanums betrachten die Ostkirchen nun als apostolische Schwesterkirchen, unter denen die unierten Kirchen als Kirchen gleicher Würde und gleichen Rechtes angesehen werden, die orthodoxen Kirchen als Schwesterkirchen, die noch nicht in voller Gemeinschaft mit Rom stehen, mit denen aber ein Dialog mit dem Ziel der Einheit geführt werden soll.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Orthodoxie in sich ein großes Misstrauen gegenüber den westlichen Kirchen bewahrt hat. Nicht nur, dass sie diese als herausgefallen aus den theologischen und rechtlichen Traditionen der Alten Kirche betrachtete, sondern auch in Anknüpfung an die Erfahrung bei den Kreuzzügen mit einer Angst vor theologischer Unterwanderung oder Überfremdung vor politischer Okkupation verband. Sie hielt für sich an einem defensiven, exklusiven Kirchenverständnis fest. Seit den Zeiten des Ersten Weltkrieges öffneten sich die orthodoxen Kirchen und gehörten zu den Initiatoren der ökumenischen Bewegung. Neben einem umfangreichen panorthodoxen Einigungsprozess führen sie zwischenkirchliche theologische Dialoge.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen müssen für eine neue Buchreihe „Eastern Church Identities“ einige Kriterien benannt werden, die für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den Ostkirchen unabdingbar sind.

Zunächst müssen die Identitäten der Kirchen mit deren eigenen Selbstverständnis kongruent sein und auch ohne Vorurteile so dargestellt werden. Die Ostkirchen müssen in ihren eigenen Entwicklungen primär als theologische Größe angesehen werden, bevor man sich ihren historischen Kontexten zuwendet. Dabei dürfen sie nicht vorschnell mit Urteilen bedacht werden, die aus späteren Zeiten stammen. Erst dann können sowohl die Selbstdarstellung wie auch die Außenbetrachtung der Ostkirchen in einen wissenschaftlichen Dialog eintreten, der erhellende Erkenntnisse hervorbringen kann.

Ein wissenschaftlicher Diskurs mit den Ostkirchen darf nicht nur dogmatische Vergleiche und historische Aufarbeitungen leisten, sondern muss auch spirituelle und Frömmigkeitskontexte als „Sitz im Leben“ berühren. Die Konstruktion und Wirkungsgeschichten identitätsstiftender Narrationen werden kulturwissenschaftliche Gegebenheiten zu berücksichtigen haben. Dabei darf man nicht übersehen, dass unreflektierte Denkvoraussetzungen zu blinden Flecken in der Selbst- und Wahrnehmung geführt haben, oder selektiver Umgang mit eigenen Traditionen zur Fanatisierung beigetragen hat. Die wissenschaftliche Betrachtung kann oft auf Grund der Quellenlage nicht alle Rätsel lösen und muss dieses dann auch zugeben und nicht in falsche Urteile zurückfallen. Nur wenn auch Kritik dialogisch mit Selbstkritik verbunden bleibt, kann es zu einem aufrichtigen gemeinsamen Wachsen in der Erkenntnis kommen.

Diese Arbeit von Andriy Mykhaleyko, mit der die Buchreihe „Eastern Church Identities“ eröffnet wird, ist ein gutes Beispiel des eben beschriebenen Ansatzes. Gründliche historische Quellenarbeit vereint sich mit einem zurückhaltenden Urteil in den zeitgeschichtlichen Kontexten. Gleichzeitig werden Fragen gut beantwortet, die der Lesende in sich trägt und die sich im Laufe des Lesens vertiefen.

Reinhard Thöle

Metropolit Andrey Graf Sheptytskyj und das NS-Regime

Zwischen christlichem Ideal und politischer Realität

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