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Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit war die Frage nach der Rolle des Paulus in der frühen Verbreitung des Christusglaubens unter den Völkern. Im Fokus stand die Selbstdarstellung des Apostels für die Völker und sein Wirken als interkultureller Vermittler. Dabei wurde nachgezeichnet, wie Paulus laut eigener Darstellung als geborener Ἰουδαῖος seine Identität auf sein jeweiliges Gegenüber anzupassen vermag, um sich auf dieses einzulassen. Da dieses Gegenüber jeweils in den Kreisen der Völker zu suchen ist und Paulus sich ihm anpasst, kann man ihn als bikulturelle Persönlichkeit bezeichnen. Seine Bikulturalität setzt Paulus ein für sein Ziel, die Menschen unter den Völkern für den Glauben an Jesus als den Christus zu gewinnen.

Für die Frage nach der Selbstdarstellung des Paulus und seinem Vermitteln erweist sich ein von der Kulturtransferforschung geprägter Ansatz als dienlich. Dieser vermag den Vermittlungsprozess, der sich bei Paulus’ Tätigkeit als Apostel unter den Völkern vollzieht, näher zu beschreiben. Er erhellt, wie der Ἰουδαῖος Paulus als Mittelsmann unter Einsatz seiner Person und in Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitenden kulturelle Artefakte immaterieller Art aus seiner Ausgangskultur, verstanden als Orientierungssystem, im Hinblick auf seine Adressatinnen und Adressaten formt und an sie vermittelt.1

Kulturen bzw. kollektive Orientierungssysteme werden in der Kulturtransferforschung so verstanden, dass sie zwar nicht trennbar, aber doch voneinander unterscheidbar sind.2 Ein solches Verständnis von Kultur liegt vom Untersuchungsgegenstand her nahe, da Paulus selbst dichotomisch unterscheidet zwischen den Ἰουδαῖοι auf der einen Seite und τὰ ἔθνη respektive Ἕλληνες auf der anderen. Dabei kommen auch die Veränderungen innerhalb aller Dimensionen des Vermittlungsprozesses in den Fokus: von der Ausgangskultur über das kulturelle Artefakt und seinen Vermittler bis hin zur Zielkultur. Der Ansatz der Histoire croisée mit dem Verständnis von Kulturtransfers als verflochtenen, multidimensionalen und dynamischen Vorgängen wirkt dabei einer einseitigen Perspektive auf das Geschehen entgegen. Durch Perspektivenwechsel können mannigfaltige Verflechtungen und Verwebungen des geschichtlichen Geschehens adäquater erfasst und beschrieben werden.3

Die vorliegende Studie macht auch die heuristische Fruchtbarkeit eines biografisch orientierten Ansatzes für die Paulusforschung deutlich. Paulus’ Theologie und apostolisches Wirken sind untrennbar mit seinem Leben und interkulturellen Mitteln verbunden. Für sein Wirken ist seine angestammte Identität als Ἰουδαῖος von zentraler und anhaltender Bedeutung. So greift er in fast allen Briefen Aspekte seiner jüdischen Ausgangskultur auf, die er punktuell, kontextuell und intentional im Hinblick auf die Zielkultur in seine Argumentation integriert.

Die Welt des Paulus ist die des hellenistischen Diasporajudentums. Dass Hellenismus und Judentum nicht als Gegensätze verstanden werden dürfen, kann kaum genug betont werden. Vielmehr ist das Ethnos der Ἰουδαῖοι Teil des Hellenismus, wobei das ideengeschichtliche Konstrukt des Hellenismus ein Produkt der Geschichtsforschung aus dem 19. Jh. darstellt und der antiken Bevölkerung fremd ist. Entscheidend ist bei der Einordnung des Judentums zur Zeit des Paulus in die hellenistische Welt allerdings die Erkenntnis, dass Menschen jüdischer Abstammung in der griechischen und römischen Diaspora ihre Partikularität in wesentlichen Aspekten ihrer kulturellen und ethnischen Identität aufrechterhalten. Dies gilt auch unter der Gegebenheit, dass sie mehrheitlich mittels Koiné, der Lingua franca ihrer Zeit, kommunizieren. Die Septuaginta als griechische Übersetzung der Hebräischen Bibel ist selbst ein herausragendes Produkt dieser Zeit und Manifest einer normierten Sprachwelt. Allerdings bleiben kulturelle Unterschiede trotz Akkulturation erkennbar. Paulus vermittelt – sich auf die Septuaginta stützend – in griechischer Sprache jüdische Traditionen in eine pagane Welt. Er ist dabei nicht der Initiator eines solchen Akkulturationsprozesses, aber der Erste uns bekannte, der im Hinblick auf den Glauben an Jesus Christus proaktiv in diese Richtung wirkt. Der Glaube an den auferstandenen Christus wird für ihn innerhalb seiner Version des kollektiven Orientierungssystems der Ἰουδαῖοι zum zentralen kulturellen Artefakt, das es zu vermitteln gilt.

Wenn eine solche Vermittlung gelingen soll, muss sich der Sender in der Kommunikation so auf den Empfänger einstellen, dass er mit dem kulturellen Code des Empfängers übereinstimmt. Dabei bleibt das kulturelle Artefakt nicht unberührt, sondern passt sich im Prozess des Vermittlungsgeschehens an. Im Falle des Paulus bestehen die Herausforderungen darin, die Botschaft vom auferstandenen Christus einerseits in sein angestammtes Orientierungssystem zu integrieren und andererseits die damit verbundenen Anstrengungen auf Erden im Hinblick auf die Parusie in die Sprache, Kategorien und Vorstellungswelt der pagan-hellenistischen Welt zu übersetzen und sie in diese hinein zu vermitteln. Dabei werden andere Elemente dieses Orientierungssystems tangiert, bewegt und sogar verschoben. Konkret betrifft es ganz besonders die kulturellen Grenzen: Bis dato sind diese so definiert, dass sie in Richtung Teilhabe nur durch Proselytentum überschritten werden können. Durch den Glauben an Jesus als den Messias haben sich die Grenzen verändert: Sie sind permeabler geworden für Menschen aus den Völkern.

Dass die Botschaft des Paulus sich zwar nicht exklusiv, aber doch primär an Menschen aus den Völkern richtet, wird aus seinen Briefen deutlich. Diese Briefe partizipieren an einem verbreiteten Kulturgut ihrer Zeit und sind die einzigen Quellen aus erster Hand, über die das paulinische Vermittlungsgeschehen nachvollzogen werden kann. Von ihrer Form her entsprechen die Briefe den Gepflogenheiten jüdischer gemeindeleitender Briefe mit Aspekten philophronetischer Briefe und zeigen also eine starke Prägung durch ihre Ausgangskultur. Sprachlich lassen sich in ihnen interkulturelle Hinwendungen zur Zielkultur erkennen, indem Paulus beispielsweise bei der Wortwahl innerhalb des Grusses Rücksicht nimmt auf die üblichen paganen Formen. Allerdings verbindet er sie auch mit jüdischen Elementen und schafft dadurch wiederum etwas Neues.

Die Briefe sind ein wichtiges Medium der Kommunikation mit den christusgläubigen Gemeinschaften und haben im Laufe der Zeit als Teil des Neuen Testaments einen überaus wichtigen Status erlangt. Diese Zentralität der Briefe verschleiert bisweilen das facettenreichere Geschehen der historischen Realität. In dieser sind ausser den Briefen auch die Begegnungen des Paulus mit den Menschen vor Ort von zentraler Bedeutung. Auch die Rolle, die die Mitarbeitenden des Paulus innehaben, droht übersehen zu werden. Gleichwohl sind die Briefe die überlieferten und damit fassbaren Elemente eines umfassenderen, dynamischen Geschehens und verwobenen Beziehungsgeflechts. Aus ihnen wird deutlich, dass Paulus in seinem Bestreben, das Evangelium unter den Völkern zu vermitteln, angewiesen ist auf zahlreiche Mitarbeitende, die ihn begleiten, mit ihm zusammen die Briefe abfassen, für ihn übermitteln und den Adressatinnen und Adressaten zu Gehör bringen.

Die Paulusbriefe sind kontextuell ausgerichtet und enthalten intentional eingebunden diverse autobiografische Elemente und Selbstdarstellungen des Apostels, die hinsichtlich des Vermittlungsgeschehens ausgewertet werden können. So lässt sich zur Rolle des Paulus Verschiedenes festhalten: Paulus, der ausser seinem griechischen und zumal für einen Ἰουδαῖος seltenen und daher auffälligen Namen keine weiteren Namen nennt, bezeichnet sich als berufenen Apostel, Diener und Sklaven Christi. Er zeichnet es als seine von Christus her gegebene Aufgabe, zwischen seinem angestammten Orientierungssystem und denjenigen der Völker zu vermitteln. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Paulus in der Diaspora geboren und später in Jerusalem weiter ausgebildet und ist in jüngeren Jahren ein militantes Mitglied der pharisäischen Bewegung. In das angestammte kollektive Orientierungssystem pharisäischer Prägung hat Paulus aufgrund seiner Vision vom auferstandenen Christus den Glauben an dessen Heilsrelevanz integriert. Paulus erkennt im auferstandenen Christus den Messias, und diesem dient er fortan, ohne seine Identität als Ἰουδαῖος infrage zu stellen. Paulus hält wiederholt fest, dass er ein Hebräer von Hebräern und Ἰσραηλίτης sei, dass er aus dem Samen Abrahams und dem Stamm Benjamin komme und als Beschnittener auch äusserlich erkennbares Mitglied Israels sei. Als Apostel für die Völker ist er berufen und ausgesandt, dieses Evangelium unter den Nicht-Ἰουδαῖοι zu verbreiten. Dies entspricht seinem Verständnis von Gottes Heilsplan für Israel. Als Ἰουδαῖος glaubt Paulus vor und nach der Berufung an den einen, wahren und lebendigen Gott, der die Welt geschaffen hat. Diesem Gott sieht er sich zusammen mit dem Rest der Menschheit verpflichtet. An ihm wird die gesamte Menschheit schuldig, und auf seine Gnade darf sie hoffen. Insofern verbleibt Paulus nach eigener Darstellung zeit seines Lebens innerhalb seiner Ausgangskultur. Sein Verständnis derselben verändert sich aber nicht unbedeutend, indem er den auferstandenen Jesus als den Christus anerkennt und ihn ins Zentrum seiner Version des Orientierungssystems erhebt.

Durch die Auferstehung Jesu Christi, dessen Zeuge und Anhänger Paulus durch eine Vision geworden ist, bekommen auch alle Menschen aus den Völkern Zugang zum Heil Israels. Diese Botschaft zu verkündigen ist Paulus’ Aufgabe als Apostel für die Völker. In seinem Wirken als Apostel ist er ein freier Mensch. In seiner Freiheit und Versklavung steht er als Nachfolger Christi in der Christusmimesis, wodurch deutlich wird, dass der Völkerapostel sein Wirken nicht auf sich selbst bezogen verstanden haben will, sondern alleine als im Dienste des Evangeliums stehend darstellt. Zusammen mit seinen Mitarbeitenden setzt sich Paulus auf verschiedenen Ebenen dafür ein, die Adressaten unter den Völkern als seinen Zielkulturen für die eigenen Glaubensinhalte und die damit verbundene Lebenspraxis zu gewinnen: durch Begegnungen vor Ort, mittels Briefen und durch Menschen, die diese Briefe überbringen und wohl auch erläutern.

Die intendierten Adressatinnen und Adressaten der Briefe sind Menschen aus den Völkern, die in Städten im Mittelmeerraum leben. Ein wesentlicher Teil dürfte eine Nähe zur Synagoge haben, was sich textimmanent aus den zahlreichen Schriftzitaten und -bezügen ergibt. Ohne jegliche Kenntnisse der jüdischen Kultur wären die Adressatinnen und Adressaten orientierungslos, und Paulus’ Botschaft wäre unverständlich. Insofern ist auch bei den Adressatinnen und Adressaten eine bikulturelle Kompetenz anzunehmen. Dass Paulus eine gewisse Kenntnis des Judentums voraussetzt, zeigt sich allein schon in der Tatsache, dass er in seinen Argumentationen verschiedentlich auf die Septuaginta zurückgreift.

Paulus visiert für seine Mission – verstanden als das multidimensionale Engagement eines Einzelnen oder einer Glaubensgemeinschaft, das das Ziel verfolgt, andere Menschen für die eigenen Glaubensinhalte und die damit verbundene Lebenspraxis zu gewinnen – mit Vorliebe grössere Hafenstädte im Mittelmeerraum an. Korinth als pulsierende, römisch geprägte Handels- und Hafenstadt mit einer heterogenen Gesellschaft ist einer seiner wichtigen Missionsorte. Gegenüber den Mitgliedern der christusgläubigen Gruppe innerhalb dieser Gesellschaft äussert sich Paulus pointiert zu seiner eigenen Person. Er beansprucht für sich selbst ein hohes Mass an Flexibilität und Adaptabilität,4 ohne dabei seine angestammte kulturelle Identität zu kompromittieren. Dies zeigt sich nicht zuletzt in den ‚Spitzensätzen‘ 1 Kor 9,19–23, nach denen Paulus sich den Ἰουδαῖοι als Ἰουδαῖος, denen unter dem Gesetz als einer unter dem Gesetz, denen ohne Gesetz als einer ohne Gesetz sowie den Schwachen als Schwacher erweist und allen alles geworden ist. So agiert Paulus nach eigener Darstellung als bikulturelle Persönlichkeit in dem Sinne, dass er mehrere kulturelle Identitäten in sich vereinen und sich ihrer bedienen kann, ähnlich wie ein Mensch auch verschiedene Sprachen beherrschen und sie je nach Situation verwenden kann.

Indem wir anerkennen, dass Sprache und Kultur untrennbar zusammengehören, hilft uns ein dynamisches Konzept von Bikulturalität zu verstehen, wie Paulus von sich selbst sagen kann, er sei zugleich den Ἰουδαῖοι wie ein Ἰουδαῖος als auch wie einer ohne das Gesetz für die ohne Gesetz. Der dynamische Charakter erlaubt die Vorstellung eines Umschaltens von einer Adressatenschaft zur anderen nicht nur im Laufe der Zeit, sondern auch von einem Setting zum anderen, von einer Gruppe von Gesprächspartnerinnen und -partnern zur anderen. Ein von Bikulturalität geprägter Ansatz beschreibt Paulus somit treffender als solche Ansätze, die für die hellenistische Zeit einen nicht differenzierbaren Synkretismus postulieren.5 Das Konzept von Bikulturalität macht vorstellbar, wie eine Person mehr als eine einzige Identität integrieren kann. Dadurch verändert sich wiederum die Person. So zeigt die Untersuchung auf, wie Paulus seine bikulturelle Persönlichkeit einsetzt, um seine Botschaft unter den Völkern zu vermitteln.

Folgt man der Selbstdarstellung des Paulus, kann kein Bruch mit seiner angestammten Identität behauptet werden. Zentrale Kulturstandards bekommen zwar einen anderen Stellenwert, spielen aber weiterhin eine Rolle. Weder verwirft Paulus das Gesetz als solches noch wendet er seinem Volk den Rücken zu. Auch wenn er entscheidende Umdeutungen vornimmt, stellt Paulus sich weiterhin als im angestammten Orientierungssystem verwurzelt und beheimatet dar, und zwar auch dann, wenn er mit grosser Flexibiliät und Adaptabilität auf sein jeweiliges Gegenüber eingeht. Genau diese Adaptabilität ist aber für Paulus ein Mittel zum Zweck, um möglichst viele Menschen für den Glauben an Christus zu gewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss er sich selbst und seine Sprache auf die Adressatinnen und Adressaten aus den Völkern anpassen, um seine Botschaft unter ihnen zu vermitteln. Und genau das tut er, beispielsweise indem er sich zur Illustration seines Dienstes verbreiteter Agonmetaphorik bedient und damit eines Motivs, das sowohl literarisch als auch in Form von Realia in der gesamten hellenistischen Welt weitverbreitet ist.

Paulus verwendet also in direktem Anschluss an seine Ausführungen über seine Anpassung an seine jeweiligen Gegenüber agonistische Motive, die in der mediterranen Welt insgesamt, und in Korinth speziell, durch die zweijährlich stattfindenden Isthmischen Spiele wohlbekannt sind. Indem er dies tut, weiss er sich seiner in 1 Kor 9,22cd formulierten Selbstdarstellung „allen bin ich alles geworden, damit ich in jedem Fall einige rette“ zutiefst verpflichtet. Zugleich setzt er diesen an sich selbst gestellten hohen Anspruch um, indem er sich Bilder aus der Lebenswelt der Menschen in Korinth zu eigen macht und sich in diese hineinversetzt. Was Paulus theoretisch bzw. allgemein für sich beansprucht und was als eine missionarische Strategie bezeichnet werden kann, setzt er demnach sogleich beispielhaft um. Entsprechend erscheint es sinnvoller, 1 Kor 9,24–27 in engerer Verbindung mit 1 Kor 9,19–23 denn mit den folgenden Ausführungen ab 1 Kor 10,1 zu sehen.

Wenn Paulus Bilder aus der Welt des Wettkampfs verwendet, geht es ihm nicht eigentlich um den Sport, sondern einzig und allein um das Evangelium. Aber er verwendet die Bilder in Form von Metaphern sehr geschickt, um die Christusgläubigen zu ermahnen, dass und in welcher Weise sie sich für die Christusbotschaft einzusetzen habe: nämlich zielgerichtet und mit vollem Einsatz.

Paulus wird somit in doppelter Weise zum Vermittler: einerseits dadurch, dass er Bilder aus der Welt der Adressaten verwendet, und andererseits dadurch, dass er sich selbst beispielhaft in diese Bilder einschreibt. Die Vermittlungstätigkeit ist insofern ein sehr dynamisches Unterfangen. Der Vermittler wird durch die Adressatenschaft geprägt und verändert, während umgekehrt die Adressatinnen und Adressaten vom Vermittler beeinflusst werden. Indem Paulus die Sprach- und Bildwelt seiner Adressatinnen und Adressaten aufgreift, wird er den Korinthern wie ein Korinther. Zugleich sind das verwendete Vokabular und die von Paulus eingebrachte Symbolik zu seiner Zeit in der gesamten hellenistischen Welt verbreitet und verständlich. Insofern wendet er sich an die Menschen in Korinth im Besonderen, aber zugleich auch an die übrige hellenistische Welt. Indem er das Beispiel eines Athleten verwendet, fordert er seine Adressatinnen und Adressaten wirksam dazu auf, sich als Christus-Athleten zu bemühen, um einen unvergänglichen Kranz (στέφανος ἄφθαρτος) zu gewinnen. Der unvergängliche Kranz repräsentiert ein neues Deutungsmuster der gesamten menschlichen Existenz, und zwar nicht nur in dieser Welt, sondern über den Tod hinaus. In dieser Eigenschaft betrifft er aber ganz direkt das irdische Leben. Der unvergängliche Kranz, bzw. das ewige Leben, das er symbolisiert, soll so erstrebenswert erscheinen, dass sich jegliche Anstrengung und jedwede Art von Aufwand bzw. Verzicht lohnen. Mit der eschatologischen Ausrichtung bekommt die Agonmetaphorik deutlich einen paulinisch-apostolischen Sinn, der sie auch von ihrem Gebrauch in anderen Quellen unterscheidet. Die Kranzmetaphorik steht nicht nur im Zentrum des Abschnitts, sondern repräsentiert auch das Zentrum des paulinischen Orientierungssystems.

Die eingehend diskutierten Abschnitte 1 Kor 9,19–23.24–27 und das Kapitel 9 in seiner Gesamtheit sind eingebettet in die Kapitel 8 und 10, die sich in unterschiedlicher Weise mit der Götzenopferfleischthematik auseinandersetzen. In 1 Kor 9,24–10,22 geht es um die Frage der Teilnahme an Opfermahlzeiten, während Kapitel 8 und 10,23–11,1 das weiter gehende Problem des Essens von Fleisch, das in heidnisch-kultischem Zusammenhang geschlachtet worden ist, behandeln. Verbunden sind diese beiden Bereiche dadurch, dass die sogenannten Starken der Gemeinschaft keine Distanz zu heidnischen Opfern halten, da nach ihrer Auffassung die heidnischen Götter gar nicht existieren. Dadurch bringen sie die Schwachen in Gefahr, es ihnen gegen ihr Gewissen nachzutun. Obschon Paulus die Haltung der Starken grundsätzlich teilt, fordert er sie auf, gegenüber den Schwachen Rücksicht zu nehmen. Er behandelt also ein theologisches Problem mit einem seelsorgerlichen Impetus. Dabei denkt er stark von der Beziehungsebene her und räumt dieser Priorität ein. In gewisser Weise kann man das gesamte Kapitel 1 Kor 9 als ausgeweitetes Beispiel dieser (Nächsten-)Liebe auffassen, die Paulus in 1 Kor 8,1 gleichsam zum leitenden Prinzip erhebt, jedenfalls als der Erkenntnis übergeordnet betrachtet und später in Kapitel 13 ausführlich entfaltet. Kapitel 9 fügt sich so gesehen sehr gut in diesen Rahmen der Diskussion über das Götzenopferfleisch Kapitel 8–10 ein: Paulus verkündigt das Evangelium unentgeltlich, obschon er Anspruch auf Gegenleistung hätte. Aus Solidarität und Rücksichtnahme wird er allen alles je nach deren Bedürfnissen. Er selbst wird zu einem Beispiel dafür, wie Entscheidungen gefällt werden sollen. Es handelt sich also bei dieser Darstellung auch um eine Ethik im Vollzug. Der Bogen schliesst sich in 11,1 mit der Aufforderung, Paulus nachzuahmen, so wie auch er imitatio Christi betreibt. Diese Herangehensweise zeigt, dass sein Leben in Christus seine Identität als Ἰουδαῖος verändert hat.

Der Grund, warum die Menschen in Korinth Paulus nachleben sollen, ist der, dass Paulus Christus nachlebt. Er richtet sein gesamtes Leben auf Christus aus, worauf er an verschiedenen Stellen verweist (Phil 2,5–8; Röm 15,1–3.7; 2 Kor 8,9; vgl. Eph 4,32–5,2). Und schliesslich stellt die Wiederholung von καθὼς κἀγὼ in 1 Kor 10,33 und 11,1 eine Parallele zwischen Paulus’ imitatio Christi und der von den Menschen in Korinth gewünschten imitatio Pauli her. Insofern kann geschlossen werden, dass die Aufforderung in 1 Kor 11,1 zu verstehen ist als Aufforderung, ihn nachzuahmen, so wie er Christus nachahmt. Damit beansprucht Paulus auch explizit eine Mittlerstellung zwischen den Menschen in Korinth und Christus.

So hat Paulus’ eigene in 1 Kor 9,19 betonte Freiheit in der Ausführung seines Auftrags als Apostel über ihre praktische Funktion als Missionstaktik hinaus noch eine übergeordnete Dimension. Oder umgekehrt gesagt: Sie hat einen fundamentaltheologischen Nährboden. Die Flexibilität des Paulus ist nicht nur Ausdruck seiner Freiheit, sondern zeigt sich auch in seinem Geknechtetsein. Flexibilität heisst somit, innerhalb konkreter Lebensvollzüge auf Neues zu reagieren. Die höchste Bestimmung der Freiheit ist die der freiwilligen Versklavung unter das Evangelium. Sie ist materialisierte Integrität eines freien Christusnachfolgers und erbaut das Kollektiv. So übernimmt Paulus, der mindestens bis zu einem bestimmten Mass mit verschiedenen ethnischen Gruppen unter seinen Adressatinnen und Adressaten vertraut ist, Begriffe und Konzepte aus deren Welt, adaptiert und rekontextualisiert sie. Dadurch wirkte er als bikultureller Mittelsmann, als interkultureller Vermittler sowie Übersetzer und schafft, letztlich durch ein christologisches Prisma hindurch, den Boden für etwas Neues.

1Vgl. dazu die Ausführungen unter 2.2. „Kulturtransfer und Histoire Croisée“.
2Vgl. dazu die Ausführungen unter 2.1. „Kulturbegriff“.
3Vgl. dazu die Ausführungen unter 2.2. „Kulturtransfer und Histoire Croisée“.
4Vgl. dazu die Ausführungen unter 6.1.3. „Auslegung im grösseren Zusammenhang“.
5Vgl. dazu die Ausführungen unter 3.3. „Überwindung der Dichotomie zwischen Judentum und Hellenismus“.

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Paulus als interkultureller Vermittler

Eine Studie zur kulturellen Positionierung des Apostels der Völker

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