Vorwort zur Reihe

in Umkämpftes Gedächtnis
Freier Zugang

Die Französische Revolution und die Herrschaft Napoleons führten nicht nur zu einem tiefgreifenden politischen Umbruch und umfassenden gesellschaftlichen Umwälzungen in weiten Teilen Europas, sondern auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen, aber auch innerhalb von Territorialstaaten. Diese Revolutions- und Napoleonischen Kriege prägten die Geschichte Europas – von Spanien, über Russland bis nach Norwegen – so nachhaltig wie kein anderer bewaffneter Konflikt zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Ersten Weltkrieg. Sie nahmen deshalb im kollektiven Gedächtnis der meisten Völker Europas zumindest bis 1914 einen zentralen Stellenwert ein. Nicht selten stehen die Kriege im Zentrum nationaler Gründungsmythen.

Wie erfuhren und erinnerten die Europäer aber in den unterschiedlichen Gebieten die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen 1792 und 1815? Inwieweit gingen unmittelbare Erfahrungen und Erinnerungen einzelner Gruppen und Regionen, deren kommunikatives Gedächtnis sie formten, in das kulturelle Gedächtnis ein? Inwiefern trugen die Kriege zur Ausbildung regionaler und nationaler Identitäten bei? Welche Dimensionen der Kriegszeit wurden vergessen und verdrängt, welche im Gedächtnis bewahrt? Welche Faktoren formten die kollektive Erinnerung? Welche Rolle spielten z.B. gegenwartsbezogene Erinnerungspolitik oder die Märkte und Medien bei der Ausformung des kollektiven Gedächtnisses? Diese Fragen stehen im Zentrum der Bände dieser Reihe, die damit wichtige Einblicke in die Politik-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte Europas seit dem späten 18. Jahrhundert vermittelt. Dabei wird den unterschiedlichen Medien, mit denen Erfahrungen und Erinnerungen jeweils verbreitet wurden – von Gedichten und Romanen, über Bilddrucke bis hin zu Kinofilmen –, deren intermedialem Zusammenspiel und deren Produzenten und Rezipienten besondere Beachtung geschenkt.

Die Reihe vereint überwiegend Forschungsarbeiten, die von 2005 bis 2009 an der Technischen Universität Berlin und an der Freien Universität Berlin mit großzügiger Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Thema „Nationen, Grenzen, Identitäten: Die Revolutions- und Napoleonischen Kriege in der Europäischen Erinnerung, 1815–1945“ durchgeführt wurden. Die Herausgeber danken den Leitungen der beiden Hochschulen für ihre Unterstützung, die erheblich zum Gelingen des Projektes beigetragen hat. Wir sind aber auch der University of North Carolina in Chapel Hill verbunden, die die Tätigkeit der Projektleiterin in jeder erdenklichen Weise unterstützt und eine Tagung des internationalen Forschungsnetzwerkes, in die das deutsche Projekt eingebunden war, finanziert hat. Zudem möchten wir dem Verlag Ferdinand Schöningh für die exzellente Kooperation bei der Produktion der Bücher danken, die der Forschung zur Erfahrungs- und Erinnerungsgeschichte Europas hoffentlich kräftige Impulse verleihen werden.

Arnd Bauerkämper, Freie Universität Berlin

Etienne François, Freie Universität Berlin

Karen Hagemann, University of North Carolina at Chapel Hill