Kapitel II In der Fremde: Chamberlains frühe Biographie

In: Houston Stewart Chamberlain
Author:
Sven Fritz
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Houston Stewart Chamberlain wurde am 9. September 1855 in Southsea geboren, einem prosperierenden Seebad vor den Toren der Hafenstadt Portsmouth im Süden Englands. Seine Mutter, Elizabeth Jane Hall, eine Schottin aus niederem Adel und Tochter des Marinekapitäns und Forschungsreisenden Basil Hall, starb, bevor der Junge ein Jahr alt war. Der Vater, Konteradmiral William Charles Chamberlain, führte ein Leben ganz im Dienst der Marine und pflegte ein distanziertes Verhältnis zu seinem Sohn: „Als Kind“, so berichtet Chamberlain in seiner Autobiographie, habe er seinen Vater „nur alle paar Jahre flüchtig“ gesehen, als Internatsschüler die Ferien bei ihm verbracht und ihn später „nur noch zwei- oder dreimal auf Reisen“ getroffen.1 Ähnlich erging es seinen Brüdern, dem fünf Jahre älteren Basil Hall, später ein bekannter Japanologe und Professor an der Universität in Tokio, und dem drei Jahre älteren Henry, der eine Karriere als Marineoffizier absolvierte.2 Überhaupt brachte der väterliche Zweig der Familie einige prominente Persönlichkeiten hervor, darunter mit Houstons Großvater Henry Orlando Chamberlain einen erfolgreichen Diplomaten und mit seinem Onkel Neville Bowles Chamberlain einen hochdekorierten Kolonialoffizier im Rang eines Feldmarschalls.3 Mit dieser Herkunft verfügte der junge Houston Stewart nicht nur über einen angesehenen Namen, sondern dank des Familienvermögens auch über finanzielle Unabhängigkeit, die ihn zeitlebens von Erwerbsarbeit befreite.

Nach dem Tod der Mutter gab der Vater die Brüder zur Großmutter, die auf einem Anwesen in Versailles lebte, jedoch alt und pflegebedürftig war. So übernahm ihre im Haushalt lebende Tochter, Chamberlains Tante Harriett, die Erziehung der Jungen: „Vom Jahre 1856 bis zum Mai 1868 war also das Haus von Versailles mein eigentliches Heim“, berichtet Chamberlain, der deshalb „England später als ein unbekanntes, fremdes Land“ kennenlernte.4 Die Kindheit in Versailles war geprägt vom speziellen Charakter der englischen Exklave im Herzen Frankreichs: „die Familie englisch, die Dienerschaft – und nicht nur die Dienerschaft, sondern auch alle weiteren Kreise des täglichen Lebens – französisch.“ Auch der Freundeskreis der Chamberlains bestand „hauptsächlich aus alten französischen Offizieren und Staatsbeamten und der kleinen, durch ihren Reichtum mächtigen Kolonie französischer Protestanten“.5 So wurde Französisch zu der Sprache, in der sich der Junge zuhause fühlte.

Gleichwohl fühlte er sich keineswegs als Franzose, denn ihn prägte der imperial-elitäre, ganz auf Distinktion ausgerichtete Habitus der britischen Oberschicht, der die „Überlegenheit des englischen Wesens“ betonte: „Es wurde mir [sic!] nicht gerade gelehrt, ich solle die Franzosen verachten – sah ich sie doch im Hause verkehren – wohl aber, daß ich sie als eine niedrigere Form der Menschheit zu betrachten und nicht in einem Atem mit Engländern zu nennen hätte.“6 Trotzdem blieben es die französischen Gepflogenheiten, die ihm ein Gefühl von Heimat gaben, während er sich bei Besuchen in England fremd und überfordert fühlte.7

Abb. 01
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Kind einer Offiziersfamilie: Houston Stewart (links) mit seinen Brüdern Basil Hall und Henry Chamberlain, undatiert.

Umso dramatischer war der Entschluss des Vaters, ihn mit einer englischen Schulbildung zu versehen und auf eine Privatschule für angehende Offiziere zu schicken. „Im Herbst 1866 – kurz nachdem ich ins zwölfte Lebensjahr getreten war, wurde ich nach England in die Schule geschickt“,8 berichtet Chamberlain und beschreibt dann eine traumatische Erfahrung: Es „war das unbedingte, rettungslose, hoffnungsbare Elend einer verlassenen Seele, plötzlich aus Liebe, Güte, Sanftmut, Freundlichkeit herausgerissen und in die Hölle des Faustrechts hineingeworfen“.9 Alles erschien ihm „gleich hassenswert“: die „elende Unterkunft und Kost, die unfähigen, lieblosen, stockschwingenden Lehrkräfte, die entsetzlich rohen Buben, welche – grausam und feig – kein größeres Vergnügen kannten, als mich – den kleinsten und fremdesten – zu quälen.“10

Erleichterung brachte erst der Wechsel auf das angesehene Cheltenham College neun Monate später, das dem ehrgeizigen und stets um gute Leistungen bemühten, zugleich aber scheuen und sensiblen Schüler ein freundlicheres und stimulierenderes Umfeld bot. Gleichwohl blieb er als „Französling“11 stets ein Außenseiter, der sich zurückzog, um mit „an Tollheit grenzende[r] Begeisterung“ in die Werke Shakespeares zu fliehen und von dort aus „nur noch wie im Traum die Welt der Wirklichkeit“12 wahrzunehmen. Erst eine ernsthafte Erkrankung des körperlich ohnehin schwächlichen Jungen beendete die englische Episode: Chamberlain durfte, mittlerweile knapp fünfzehnjährig, im Sommer 1870 zu seiner Tante nach Versailles zurückkehren und mit ihr zur Kur nach Bad Ems fahren. England besuchte er fortan nur noch auf einigen wenigen Reisen.13

Seine Tante Harriett war die einzig positive Bezugsperson in Chamberlains Kindheit, die ihm eine tiefe und langanhaltende Bindung ermöglichte: „Bis zu meinem zwanzigsten Jahre waren wir – mit Ausnahme der englischen Schulzeit – fast immer zusammen; bis zu meinem dreißigsten Jahre sah ich sie oft und viel; bis zu meinem fünfundvierzigsten, wo sie starb, blieb ich mit ihr in regem Briefverkehr.“14 Bei ihr erfuhr der Junge nicht nur Liebe und Annahme, sondern, wie es scheint, auch eine konsequente und zugleich vergleichsweise gewaltfreie Erziehung: „Nie eine laute Stimme […], nie ein Schimpfen und Drohen und Strafen, nie ein Geheul und Gewinsel bittender, klagender, eigensinniger Kinder“,15 erinnerte er sich später. Harriett war es auch, die ihm eine grundsätzlich liberale Weltsicht nahebrachte: „Cromwell, z.B., den man in meiner Familie noch heute mit der Bezeichnung ‚rascal‘ oder ‚wretch‘ abzutun pflegt, lehrte sie mich als den größten Staatsmann Englands zu bewundern“,16 während sie es in der „modernen Politik“ mit dem viermaligen liberalen Premierminister William Ewart Gladstone hielt und dessen Gegenspieler, den konservativen, schillernden – und jüdischen – zweimaligen Premierminister Benjamin Disraeli „haßte“.17

In religiöser Hinsicht sorgte die Tante ebenfalls für eine erste und nachhaltige Prägung. Sie führte den jungen Chamberlain ein in „die Kenntnis der heiligen Schrift […], namentlich – denn so will es die englische Sitte – in das Alte Testament, aus dem ich Wurm alle Erzväter und Patriarchen mit ihren Stammbäumen auswendig lernen mußte: eine Gesellschaft, die mir mit sechs Jahren ebenso widerwärtig war, wie sie es mit sechzig Jahren immer noch ist.“18 Doch nicht nur diese „unerquickliche Reihe der Helden des Alten Testaments“ erregte seine Abscheu, sondern auch die „Scheußlichkeiten des israelitischen Volkes“, die im schulischen Religionsunterricht angereichert wurden mit „kaum verständlichen Erklärungen über Dogmen und Mysterien“.19 Auch wenn Chamberlain die politisch liberalen Ansichten der Tante später nicht mehr teilen sollte, blieben diese grundsätzlichen Prägungen erhalten: Seine Sympathie für Cromwell war ebenso von Dauer wie sein Hass auf Disraeli, und die Ablehnung kirchlicher Dogmen wie seine Abscheu vor den „Israeliten“ sollte ihn ein Leben lang begleiten – politisch wie religiös erwies sich Chamberlain damit in gewisser Weise tatsächlich als Harrietts „gelehriger Schüler“,20 wie er selbst rückblickend formulierte.

In Fragen der Kunst und in „allgemeine[n] Weltanschauungsfragen“ jedoch war der Horizont der Tante weniger weit – ihre Kunstbetrachtung blieb „sinnlich-sittlich[en]“ Eindrücken verhaftet, beim Philosophieren geriet sie allzu schnell „ins Moralisch-Sentimentale“ und „die Wissenschaften erschreckten sie“.“21 Die entscheidenden Impulse hin zur modernen Wissenschaft kamen demnach von außen.

Chamberlains Erkrankung, die 1870 eingesetzt und zum Abbruch der Schulkarriere in England geführt hatte, war von den Ärzten als Atemwegsinfekt diagnostiziert worden, der durch kontinentales Klima zu bessern sei. Chamberlain selbst aber sah darin stets – und möglicherweise auch zu Recht – den Beginn einer degenerativen Nervenkrankheit, die sich im Lauf seines Lebens schubweise verschlechterte und 1927 zu seinem Tod führte. 1870 allerdings bedeutete sie vor allem den Beginn eines neuen Lebensabschnitts, einer neunjährigen Phase der „Wanderschaft ohne irgendein festes Heim.“22 Ganz den Gepflogenheiten der besseren Gesellschaft folgend, pendelte Chamberlain von seinem 15. bis zum 24. Lebensjahr zwischen verschiedenen Kurorten, verbrachte die Winter meist in Cannes und die Sommer im Schweizer Gebirge, anfangs in Montreux, später in Interlaken.23

Abb. 02
Abb. 02

Leben zwischen den Welten: Chamberlain als Teenager, undatiert.

In Montreux wurde für den nunmehr Fünfzehnjährigen ein Hauslehrer eingestellt: Otto Kuntze, einer deutscher Theologiestudent und späterer Gymnasiallehrer aus Stralsund,24 der, knapp dreißigjährig, ebenfalls in den Bergen Genesung suchte und seinen Lebensunterhalt als Privatlehrer bestritt.25 Der junge Mann wurde für seinen neuen Schützling nicht nur Lehrer, sondern auch väterlicher Freund und Erzieher: Man spielte Schach, las Shakespeare und diskutierte über die Tagespolitik – im Winter 1870 vor allem über den Krieg Preußens gegen Frankreich. Noch Jahrzehnte später erinnerte sich Chamberlain vergnügt an diese Zeit: „Neu war dem Deutschen auch die rege Anteilnahme eines Knaben an der Politik; so las ich z.B. alle Reden Gladstone’s über die irische Frage und verfolgte jetzt im Kriege Granville’s Depeschenwechsel mit Bismarck. Wenig gelernt und schon viel politisiert: an mir lernte Kuntze den werdenden Engländer kennen und mußte oft den Kopf dazu schütteln.“26

Der Schulstoff, der dem streitbaren Jugendlichen geboten wurde, entsprach dem der deutschen Gymnasien, mit einer für den Engländer wichtigen Modifikation: Als „echtes Erzeugnis der deutschen Gymnasial- und Hochschulbildung“ lehrte Kuntze, „was er gelernt hatte und nach den damaligen in Deutschland üblichen Methoden, nur daß in meinem Falle die deutsche Sprache im Vordergrund stand, weil sie uns als das Mittel zu jeder weiteren Ausbildung des Geistes galt, und daneben Mathematik einen gewissen Vorzug genoß, weil ich für diese Wissenschaft eine besondere Begabung besaß.“27

In der Tat war es Kuntze, durch den Chamberlain die fremde Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen lernte,28 und auch später ließ sein alter Hauslehrer ihn in dieser Beziehung nicht im Stich: Kuntze las, neben anderen Manuskripten, auch die „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ Korrektur.29 Zudem war er es, der Chamberlains Interesse für die Wissenschaft weckte: „Kuntze hat mich das Lernen gelehrt, das war viel wichtiger als das viele einzelne, was ich von ihm erfuhr“,30 erinnerte sich der einstige Schüler später dankbar.

Die Begegnung in Montreux markierte so nicht nur den Beginn eines produktiven Lehrer-Schüler-Verhältnisses, sondern auch den Anfang einer lebenslangen Freundschaft. Sein alter Hauslehrer erschien Chamberlain zwar auch Jahrzehnte später noch als ein „echt preußischer Mann: herb, kurz angebunden und dermaßen besorgt, ein Wort aus seinem Munde könnte als Schmeichelei aufgefaßt werden, daß er sich zu Äußerungen der Anerkennung und der Ermutigung selten bereit fand.“ Diese Schroffheit wurde allerdings dadurch aufgefangen, dass sich Kuntze als „wirklich grundguter, bei der Erfüllung seiner Pflichten zu jeder Aufopferung bereiter Mensch“ zeigte, der Interessen „nach allen Seiten“ hin pflegte und dabei eine „Keuschheit des Denkens und des Empfindens“ an den Tag legte, „die jedem Weibe zur Ehre gereicht hätte.“31 In anderen Worten: Kuntze war hinter seiner rauen Schale ein freundlicher, sensibler, umfassend gebildeter und zugleich etwas scheuer Geist, der selbst in dem von Doppelmoral und sittlicher Überkonditionierung gekennzeichneten 19. Jahrhundert als prüde auffiel – eine Beschreibung, mit der später auch Chamberlain gelegentlich charakterisiert werden sollte.32

So ist es kein Wunder, dass der Brite den alten Freund noch 1918 verehrte und in ihm den entscheidenden Impulsgeber für die eigene Hinwendung zum „Deutschtum“ sah. Auch wenn es sich bei dieser retrospektiven Darstellung eher um eine Inszenierung ganz in der Tradition des deutschen Bildungsromans gehandelt haben dürfte, war Kuntze doch offensichtlich eine prägende Figur: In der Verehrung des Lehrers gelang es dem Schüler, das „Fremde zu überwinden“ und so „bald eine Art Heißhunger auf die Erwerbung alles dessen“ zu entwickeln, was ihm „als Anglo-Franzosen abging“ und was der als „Typus des echten Preußen“ wahrgenommene Erzieher ihm zu geben imstande war.33

Fünf Jahre später sah sich Chamberlain 1875 schließlich auch befreit von familiären Zwängen, denn sein Vater gab jegliche Karriereplanung für den Sohn endgültig auf und entließ ihn – versehen mit einer monatlichen Rente, die zum sorgenfreien Leben und Reisen ausreichte – in die Welt. Der mittlerweile Zwanzigjährige wandte sich nun ausschließlich den eigenen Zielen zu, reiste nach Interlaken und hegte die Absicht, sich „die deutsche Sprache vollkommen anzueignen.“ Dadurch, so bemerkte er später ganz im Stil der romanhaften Charakterentwicklung, „wurde meine Wendung zum Deutschtum endgültig entschieden.“34 Zu dieser Wendung gehörten indes noch zwei weitere Faktoren: die Politik und die Musik.

Den unmittelbaren Einbruch der Politik, noch dazu in der Frage nach Krieg und Frieden, hatte Chamberlain bereits als Vierzehnjähriger während einer Kur in Bad Ems im Juli 1870 erlebt. Dort weilte zur selben Zeit auch König Wilhelm I. von Preußen, der im Mittelpunkt einer sich schnell zuspitzenden, internationalen Krise stand: Gelenkt und orchestriert von Bismarck, hatten sich die Spannungen zwischen Preußen und Frankreich derart verschärft, dass es zur Eskalation kam: Am 19. Juli 1870 erklärte Frankreich Preußen den Krieg.

Chamberlain wurde zum Zeugen dieses epochemachenden Ereignisses: „Ich erlebte in Ems die Kriegserklärung, nachdem ich etliche Tage zuvor durch einen merkwürdigen Zufall einer der sehr wenigen Augenzeugen der weltgeschichtlichen Begegnung zwischen König Wilhelm und Benedetti im Kurgarten gewesen war“, erinnerte er sich später. Die „Abfahrt des Königs nach Berlin, der ich aus nächster Nähe beiwohnte, grub sich meinem Gemüte unvergesslich ein; die Hälfte meiner Tage verbrachte ich auf dem Bahnhof, um die deutschen Truppen in den Krieg ausziehen zu sehen, und sah auch bald in umgekehrter Richtung ganze Züge voll französischer Gefangener durchrollen; namentlich aber erlebte ich die Begeisterung und Hingabe eines ganzen Volkes, als unsere Reise uns in den Tagen von Mars-la-Tour über Mainz, Frankfurt, Heidelberg führte, wobei ich Ulanenlager auf freiem Felde erblickte und die Kanonen um Straßburg donnern hörte.“35

Man kann sich leicht vorstellen, dass diese Szenen den vierzehnjährigen Chamberlain tief beeindruckten und seine Vorstellung davon prägten, was Preußen und „die Deutschen“ ausmachte und welcher weltgeschichtliche Platz ihnen gebührte: 1870 habe er „nicht ein philisterhaftes Deutschland“ erlebt, „auch nicht ein Deutschland von Handlungsreisenden und Fabrikdirektoren, nicht einmal ein Deutschland von Phantasten und Professoren, am allerwenigsten ein Deutschland von schwatzseligen Parlamentariern und schwachen Ministern“, schrieb er später. Stattdessen habe er ein „heroisches Deutschland“ gesehen, sich „aufrichtend in der unüberwindlichen Kraft seines Rechtes und seiner riesigen Mannschaften, angeführt von unsterblichen Helden. Wahrlich ein großartiger Auftakt zu meiner Einführung in die Welt des Deutschgedankens!“36

In zeitlicher Nähe zu diesen prägenden Eindrücken geriet Chamberlain in Kontakt mit der deutschen Kultur und insbesondere mit der Musik Richard Wagners, die sich als ein weiteres einschneidendes Erlebnis erwies. Musik hatte für ihn bis dato kaum eine Rolle gespielt und höchstens in Form von Platzkonzerten einer Versailler Militärkapelle oder den Klavierübungen des älteren Bruders stattgefunden. Der Besuch einer Aufführung von Mozarts „Don Giovanni“ im Pariser „Théatre Italiens“ blieb eine Ausnahme,37 und auch die englischen Schulen boten keinen Musikunterricht an.38

Als Sechzehnjähriger hörte er im Mai 1872 Beethoven im Salon einer Unterkunft am Lago Maggiore, gespielt von einem ebenfalls dort logierenden Gast. Für Chamberlain wurde diese Erfahrung zu einer Art Erweckungserlebnis: „Aller Schmerz wandelte sich ja vor meinem lauschenden Sinne in Freude und in Jubel. Die Welt hatte eine neue Bedeutung gewonnen.“39 Zwar dürfte auch diese Schilderung der nachträglichen romanhaften Selbstinszenierung gefolgt sein, doch fiel die Begegnung mit der Musik in die besonders empfindsame und prägende Phase der Pubertät. Chamberlain selbst jedenfalls urteilte später, dass 1872 die „drei Säulen, auf denen der Aufbau meines Geistes beruhen sollte, gleichzeitig aus dem Nebel jugendlicher Unbestimmtheit“ auftauchten: „Naturwissenschaft, Kunst, Religion. Diese Interessen – gleichsam einen heiligen Dreiklang ausmachend – haben mein Leben ausgefüllt.“40

Es war also Beethoven, der Chamberlain die Welt der Musik eröffnete, aber es war die Kunst Richard Wagners, die alsbald lebensbestimmend werden sollte. Im Herbst 1875 lernte er in Interlaken einen jüdischen Musikliebhaber aus Wien kennen, der ihm „Näheres über Richard Wagner mitzuteilen wußte.“ Der Mann namens Blumenfeld erzählte ihm „von Bayreuth, von den Proben zum Ring, der eben stattgefunden hatte, und von den im Jahre 1876 zu erwartenden ersten Festspielen.“41 Auf Blumenfelds Anraten erwarb Chamberlain sogleich das Libretto von „Der Ring des Nibelungen“ – eine Reise nach Bayreuth inklusive des teuren Eintritts zu den Festspielen jedoch konnte oder wollte er sich nicht leisten. So erschloss er sich Wagners Musik zunächst durch die konzertanten Aufführungen des offenbar recht patenten Kurorchesters in Interlaken.42 Diesem Annäherungsprozess folgte die Auseinandersetzung mit Wagners Dichtungen, die allerdings aufgrund seiner noch ungenügenden Sprachkenntnisse mit einigen Schwierigkeiten verbunden war. Die Musik jedoch wirkte derart „elektrisierend“, dass er erhebliche Anstrengungen unternahm, um sich auch textlich in die Welt der Wagner-Opern einzuarbeiten. Hier begann, wie Udo Bermbach zutreffend festgestellt hat, ein Prozess des „sich langsam und allmählich vollziehenden Herantastens an Wagner und dessen Welt, nicht zuletzt an dessen Weltanschauung.“43

1878 besuchte der Brite die erste Aufführung der gesamten Ring-Tetralogie außerhalb Bayreuths, die unter Leitung des Festspiel-Dirigenten Hermann Levi an der Münchner Hofoper gegeben wurde. Chamberlain war begeistert: Das Orchester, so erinnerte er sich später, schaffte dem Hörer nicht nur einen musikalischen „Ozean, in welchen er wonnig untertauchen kann, um endlos daraus zu lernen“, sondern ermöglichte es „jedem, der befähigt ist, tiefer zu schauen und seine Freude darin findet, den ethischen und philosophischen Ideen des Tondichters nachzugehen“.44

Eine ausführliche Kritik, die er anschließend seiner Tante Harriett schickte, zeigt deutlich, dass Chamberlain sich seit dem ersten Zusammentreffen mit der „Ring“-Dichtung zwei Jahre zuvor ausführlich mit der Thematik beschäftigt und sich Detailkenntnisse über die Struktur des Werkes wie über Wagners spezifischen Kompositionsstil angeeignet hatte.45 Auch sein Urteil über den Komponisten stand mittlerweile fest: „Ich meine, es muß wohl die Vollkommenheit des reinen Genies sein, wenn ein großes, tiefes und verwickeltes Werk den Eindruck des Einfachen, Unverwickelten macht“.46 Die Verwendung der musikalischen Leitmotive etwa sei nicht nur „wahre Eingebung“, sondern eine „Eingebung, die den absoluten Wert der Wahrheit besitzt.“47

Auch Wagners Forderung, dass es für seine Kunst einer neuen Kunststätte bedürfe, fand Chamberlain nachvollziehbar: Was „aber Wagner’s Ideal eines neuen Theatergebäudes betrifft“, schrieb er der Tante, „es hat der eine Abend genügt, mich völlig zu bekehren und meine letzten Bedenken zu zerstreuen. Wenn ein wahres Musikdrama überhaupt existieren soll, so müssen unbedingt Stätten gebaut werden, würdig dieser höheren Kunst.“48 Derart enthusiasmiert und im Einklang mit den wesentlichen künstlerischen und kunstpolitischen Ansichten des Bayreuther „Meisters“, vollzog Chamberlain 1878 den Schritt in die organisierte Wagner-Bewegung und schloss sich durch persönliche Anmeldung bei Hermann Levi dem neu gegründeten „Bayreuther Patronatsverein“ an, der sich die finanzielle Unterstützung der Festspiele auf die Fahnen geschrieben hatte.49 Wichtiger noch als dieser formelle Beitritt war die Tatsache, dass der Brite damit zugleich Abonnent der „Bayreuther Blätter“ wurde, der Hauszeitschrift Richard Wagners und des sich um ihn formierenden „Bayreuther Kreises“, die als regelmäßig erscheinendes Publikationsorgan Fragen der Kunst, der Politik und der Weltanschauung erörterte und miteinander amalgamierte.50 Chamberlain wurde als Vereinsmitglied frei Haus mit dieser Lektüre versorgt, die er fortan aufmerksam studierte.

Abb. 03
Abb. 03

Ein neuer Lebensabschnitt: Chamberlain als angehender Student, ca. 1878.

So verwundert es nicht, dass er die nächste sich bietende Gelegenheit nutzte, um endlich nach Bayreuth zu den Festspielen zu reisen. Diese hatten nach der Premiere 1876 aus finanziellen Gründen sechs Jahre lang pausieren müssen und wurden erst 1882 wiederaufgenommen. Statt des „Rings“ stand dieses Mal ein einziges Stück auf dem Spielplan: das soeben von Wagner fertiggestellte, rassisch und religiös aufgeladene „Bühnenweihfestspiel“ „Parsifal“51 – eine Art Gottesdienst des „Deutschtums“ und Fanal im Kampf für eine neue, vermeintlich germanische Kultur.

„So wurde denn“, schildert Chamberlain, der kurz zuvor ein Studium in der Schweiz aufgenommen hatte, „am 23. Juli 1882 die Reise angetreten, die bei den damaligen Verbindungen mehr als dreißig Stunden von Genf aus erforderte. […] Keiner kann sich heute vorstellen, welche begeisterte Stimmung damals herrschte und von Seele zu Seele beglückend sich mitteilte. Auf dem Bahnsteig in Nürnberg erblickte man auf allen Seiten Begrüßungen und stürmische Umarmungen – die Getreuen von 1876 fanden sich jubelnd wieder im selben Gedanken vereint.“52 Der Brite, selbst „Fremdling und Neophyt“,53 fand schnell Anschluss und ging in den folgenden Tagen offenbar völlig in der zwischen freudiger Erregung und andächtigem Pathos oszillierenden Gruppendynamik auf.

Noch vor Beginn der Aufführungen gelang es Chamberlain, im Restaurant auf dem Festspielhügel den verehrten „Meister“ aus der Nähe zu sehen. Der Eindruck war nachhaltig: Wagner wurde ihm zu einer Art Halbgott, der fortan alles andere überstrahlte.54 Ob sich seine Wahrnehmung des Künstlers hier schon explizit politisch überformte und er in ihm vor allem den „Nationalkomponisten“ wahrnahm, oder ob diese Aufladung erst später stattfand, wie Udo Bermbach annimmt,55 muss in Ermangelung von überlieferten zeitgenössischen Äußerungen dahingestellt bleiben.

Dies ändert freilich nichts daran, dass Wagners Kunst und deren weltanschaulicher Kosmos in den folgenden Jahren immer mehr in den Mittelpunkt von Chamberlains intellektuellem Leben rückten. „Die Sonne meines Lebens war und ist: Richard Wagner“,56 bemerkte er in seiner Autobiographie und verknüpfte dieses Bild zugleich mit der politischen Ebene: Die „entscheidende Wendung meines Lebens war die zum Deutschtum: ich schloß mich dem deutschen ‚System‘ an – wenn ich im astronomischen Bilde weiter reden darf – und in dessen Mittelpunkt stand Richard Wagner.“57

1. Studium

Zum Zeitpunkt dieses Bayreuther Erweckungserlebnisses war der so lange zwischen Interlaken und Montreux pendelnde Chamberlain zum Studenten herangereift: 1879 hatte er sich an der Universität von Genf eingeschrieben und ein Studium der Naturwissenschaft begonnen, in dem er sich schon bald auf die Botanik spezialisierte, ein Interesse, das er bereits als Jugendlicher entwickelt hatte und dem er sich nun wissenschaftlich widmen wollte.

Genf war bereits zu dieser Zeit eine prosperierende Handelsmetropole mit einem kosmopolitischen gesellschaftlichen Klima, von deren Reichtum auch die 1559 gegründete „Académie de Genève“ im Herzen der Stadt profitierte: Mit der Einrichtung einer medizinischen Fakultät wurde sie 1876 zur Universität ausgebaut, deren Schwerpunkt neben der Medizin die Naturwissenschaft war und die ihren Studenten eine Vielzahl an modernen Laboren zur Verfügung stellte.58 Chamberlain, der sich nur drei Jahre nach diesem Modernisierungsschub immatrikulierte, hatte zweifellos eine gute Wahl getroffen, da in Genf viele bekannte Vertreter der Biologie und Botanik unterrichteten.59

Besonderen Eindruck machte ihm der prominente Chemiker Carl Graebe, in dessen Labor er für einige Semester arbeitete. Die dortigen Zustände kamen seinen Vorlieben entgegen, waren doch die meisten Studenten Deutsche: „Der Professor, die beiden Assistenten, dreiviertel der Studierenden waren Deutsche oder deutsche Schweizer, und nur die unappetitlichen russischen Nihilistinnen, die uns mit ihrer Gegenwart belästigten, radebrechten eine Sprache, die für Französisch gelten sollte. Hier“, so beschrieb er rückblickend die Atmosphäre, „lernte ich die echt deutsche Hochschulart kennen: vollkommene Freiheit jedes Einzelnen, unablässiger Fleiß, ein nicht leicht zu schildernder Geist reiner Wissenschaftlichkeit […]. Mir behagte es nirgends so wohl wie in diesem Laboratorium Graebe’s; ich lebte dort die glücklichsten Stunden.“60

Nach zwei Jahren in dieser inspirierenden Umgebung erlangte Chamberlain im Herbst 1881 den akademischen Grad eines „Bachelier“ und hatte damit eine wichtige Hürde genommen. Nun sollte die letzte Etappe folgen, eine Doktorarbeit bei seinem Lehrer Graebe über eine Frage der „Pflanzenfette einer bestimmten botanischen Familie“.61 Aber sein unbeständiger Gesundheitszustand setzte dem Vorhaben ein Ende, da beim Betreten des Labors stets ein starkes Unwohlsein auftrat, für das sich keine Ursache finden ließ und das aus heutiger Sicht wohl nur psychosomatisch zu erklären ist. Eine chemische Arbeit kam freilich ohne Laborexperimente nicht in Frage, und so wechselte der Student das Thema: In den folgenden Jahren forschte er zur Natur der Druckverhältnisse von Flüssigkeiten in Pflanzen, dem sogenannten Wurzeldruck, einem aktuellen Forschungsproblem jener Zeit.62

Die damit verbundenen Experimente, die er außerhalb des Labors in seinem Heim vornehmen konnte, erwiesen sich jedoch nicht nur als äußerst langwierig, sondern als über die Maßen kräftezehrend: Über Wochen und Monate hinweg waren an den zahlreichen Versuchspflanzen nach einem strikten Plan Messungen vorzunehmen, die oft auch in die Nacht und die frühen Morgenstunden fielen. Dies rächte sich 1884, als der stets kränkliche Chamberlain aufgrund der großen Anstrengung einen Nervenzusammenbruch erlitt, in dessen Folge er nicht nur die Arbeit an seinen Experimenten einstellen musste, sondern auch die Universität ohne Abschluss verließ. Erst später, im Jahr 1896, sollte er sich, mittlerweile als bekannter Autor in Wien lebend, erneut mit dem Thema befassen: Auf Betreiben des Botanik-Professors Julius Wiesner beendete er seine Dissertationsschrift und veröffentlichte sie ein Jahr später unter dem Titel „Recherches sur la sève ascendante“.63 Auf den Doktortitel musste er jedoch aufgrund einer mittlerweile geänderten Prüfungsordnung verzichten.64

Diese in der historischen Forschung verbreitete Lesart von der jahrelangen aufopferungsvollen Arbeit, die am Ende die Kräfte überspannte, geht auf Chamberlains autobiographische Darstellung zurück und wird zusätzlich gestützt durch die Schilderung seiner Ehefrau Anna, die er zu Beginn seiner Studienzeit in Genf geheiratet hatte.65 Auch seine späteren Biographen haben dieses Narrativ weitgehend übernommen und Udo Bermbach unternimmt in seiner Arbeit gar den Versuch, Chamberlains pflanzenphysiologische Studien innerhalb der zeitgenössischen Forschung zu bewerten. Demnach stünde es „außer Frage“, dass die Arbeit „für die Forschung von großer Bedeutung“66 gewesen sei, nicht zuletzt, weil das daraus hervorgegangene Buch später „bei Fachgelehrten Anerkennung und hohes Lob“67 gefunden habe.

Bei genauer Untersuchung allerdings scheint dieser Befund nicht ganz so außer Frage zu stehen, da nicht nur Bermbachs Quellengrundlage äußerst problematisch ist,68 sondern auch eine abweichende Darstellung in Form der Arbeit des Biologen und Medizinhistorikers Armin Geus existiert. Dieser zitiert in einem 1993 veröffentlichten Aufsatz ausführlich einen 1919 publizierten Artikel aus der Feder Adolph Hansens, seit 1891 Professor für Botanik an der Universität Gießen. Der Gelehrte sparte seinerzeit in dem in der angesehenen „Naturwissenschaftlichen Wochenschrift“ publizierten Text nicht an Kritik,69 sprach den naturwissenschaftlichen Schriften Chamberlains kurzerhand die Wissenschaftlichkeit ab, zeigte sich amüsiert über die „schülerhafte Fassung“70 botanischer Probleme und verriss dann die Dissertationsschrift: Diese sei „ebenso resultatlos wie […] ziellos,“ enthalte „weder Neues noch methodisch Brauchbares“ und sei deshalb, mit ganz wenigen Ausnahmen, von der Fachwissenschaft auch ignoriert worden.71 Außerdem müsse man, so schrieb Hansen aus der Perspektive des Jahres 1919, bei Chamberlain „nicht nur die Sache, sondern auch die Form“ bekämpfen, „denn sie ist nicht die Form der Wissenschaft, sondern, wie er schon bei seiner Dissertation bezeugte, seine eigene ‚Allüre‘.“72 Auch für die vermeintlich kräftezehrenden Experimente hatte er nur Spott übrig: „Niemals“, so bemerkte der Professor, „haben die größten Forscher aller Nationen ihre fruchtbare Tätigkeit auch nur annähernd so überschätzt.“73

Zu einem ähnlich vernichtenden Urteil gelangt auch der den Schlagabtausch nachzeichnende Armin Geus, der die verfügbaren Quellen gegen den Strich gelesen hat: Chamberlain, so urteilt der Historiker, habe die „körperlichen Anstrengungen […] schamlos übertrieben“ und dabei auf die „Unkenntnis seiner Leser“74 gesetzt. Auch die Rahmenbedingungen der Arbeit seien einigermaßen abenteuerlich gewesen: Als Betreuer hatte sich Chamberlain ausgerechnet Marc Thury gewählt, einen „verschrobenen, dem Spiritismus nahestehenden Sonderling, der sich, auch wissenschaftlich unzureichend qualifiziert, mehr darum kümmerte, mit der Konstruktion astronomischer Instrumente einiges Zubrot zu verdienen“.75

Vor diesem Hintergrund erscheint Chamberlains Darstellung seines wissenschaftlichen Scheiterns als wenigstens fragwürdig und Bermbachs Schlussfolgerung zur wissenschaftlichen Relevanz von Chamberlains Forschungsarbeit als zu weit gefasst – umso mehr, als bereits die gewissenhafte Auswertung von Chamberlains Autobiographie Zweifel an dieser Darstellung aufkommen lässt. Denn der Brite räumte selbst ein, dass es keinesfalls nur die Wissenschaft war, der er sich mit großem Aufwand an Kraft und Zeit widmete. Stattdessen setzte er seine bereits früher begonnenen Anstrengungen zum Erlernen des Klavierspiels in seiner Dissertationsphase fort – diesmal aber, wie er schreibt, „eindringlicher und beharrlicher“76 als zuvor und mit einem beachtlichen Pensum, welches er bis zu seinem Zusammenbruch aufrecht erhalten sollte: Sein Lehrer, der prominente Pianist und Komponist Adolf Ruthardt, unterwies ihn in „den Grundzügen der musikalischen Theorie, es wurde fleißig bezifferter Baß eingeübt, dann Harmonie- und Modulationslehre, schließlich Kontrapunkt und die Anfänge der Kunst der Fuge.“77

Zu diesen musikalischen Betätigungen traten die intensive Auseinandersetzung mit dem Werk Immanuel Kants, in dessen Lektüre er sich vertiefte,78 und eine rege Reisetätigkeit, die ihn immer wieder nicht nur nach Paris führte, wo er regelmäßig die Konzerte des Lamoureux-Orchesters besuchte,79 sondern auch in kleinere Orte wie Territet bei Montreux, wo er den weltberühmten und von ihm verehrten Klaviervirtuosen Artur Rubinstein hörte.80 Gelegentlich hatten diese zeitintensiven Nebenbeschäftigungen sogar unmittelbar negative Folgen für die Arbeit, etwa als während eines Bayreuth-Aufenthalts wichtige Pflanzenkulturen eingingen und die damit verbundenen Experimente scheiterten.81

Selbst der eigentliche Anlass für Chamberlains Kollaps im Herbst 1884 resultierte nicht aus seiner Arbeit, sondern war, wie Geoffrey Field herausgearbeitet hat, das Ergebnis finanzieller Schwierigkeiten und einer veritablen Pleite: In den Jahren zuvor hatte der Brite an der Börse spekuliert und sich nach einer Phase kleinerer Gewinne mit einem französischen Geschäftsmann zu Maklergeschäften zusammengetan.82 Während sein Kompagnon das operative Geschäft betrieb, oblagen dem gut vernetzten und weltläufig auftretenden Briten die Kundenakquise sowie die strategische Entwicklung der Firma. Obgleich er dazu selbst seine Kontakte in die Kreise der Wagnerianer bemühte – 1883 war er zum offiziellen Repräsentanten des Pariser Wagner-Vereins geworden –,83 ging die Rechnung nicht auf, denn die langfristigen Verwerfungen der als „Gründerkrach“ bekannt gewordenen europäischen Wirtschafts- und Finanzkrise schlugen auch auf seine Geschäfte durch. Im Februar 1884 stand die Firma kurz vor dem Ruin, so dass sich Chamberlain im April mithilfe von Bürgschaften seiner Tante Harriett von seinem Kompagnon freikaufen musste. Daraufhin versagten die Kräfte: Er floh in die Zurückgezogenheit einer Kur und hoffte, sich in Cannes von den Strapazen zu erholen. Doch auch nach einem mehrmonatigen Aufenthalt trat keine Besserung seiner psychischen Verfassung ein, und so entschied er sich zu einem radikalen Bruch: Als „im Herbst 1885 der Zustand sich einigermaßen erträglicher gestaltete“, erinnerte sich Chamberlain später, „schloß ich meine Genfer Wohnung zu und begab mich für den Winter nach Dresden“.84 Diese Flucht sollte vier Jahre dauern und nach Genf kehrte er nie wieder zurück.

Abb. 04
Abb. 04

In der Krise: Chamberlain 1885 in Vert Pré, Schweiz.

Stillstand und Aufbruch

Kein Zweifel, zu seinem dreißigsten Geburtstag steckte Chamberlain in einer tiefen Krise. Die depressive Verstimmung und die körperlichen Beschwerden waren so stark, dass es ihm in Dresden „anfänglich fast unmöglich“ war, „längere Zeit zu gehen, ohne auszuruhen“, so dass seine Ehefrau Anna „immer einen Klappstuhl“ mitführte, „auf dem er rasten konnte“.85 Erst nach einer Weile traten die negativen Gefühle allmählich in den Hintergrund und konnte Chamberlain die Annehmlichkeiten seines Fluchtpunktes für sich nutzbar machen.

Das wirtschaftliche und kulturelle Leben in Dresden befand sich zu dieser Zeit auf seinem Höhepunkt, da Sachsen besonders von den Modernisierungsschüben der vorangegangenen Jahrzehnte profitiert hatte: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatte es sich zu einem Zentrum der Maschinenbau- wie der Textilindustrie entwickelt und war dadurch zu einer der wohlhabendsten Regionen des Deutschen Reiches herangewachsen.86 Die zahlreichen Prachtbauten der Residenzstadt spiegelten diesen Reichtum und demonstrierten zugleich den auch heute noch vor Ort spürbaren Anspruch, als „Elbflorenz“ den Kulturmetropolen Europas mindestens gleichgestellt zu sein.

Das örtliche Bürgertum indes erwies sich als besonders konservativ, in der überwiegenden Mehrheit fest auf das preußisch dominierte Reich orientiert, auf Protestantismus und Autoritarismus ausgerichtet und mit einem starken Hang zum Antisemitismus, dessen politische Parteien in Sachsen und insbesondere in Dresden ihre Hochburgen hatten.87 Das Ehepaar Chamberlain jedenfalls genoss die „reizende und vornehme Stadt“,88 auch wenn deren ambivalenter Charakter zwischen Großstadt und Provinz, zwischen Moderne und Manieriertheit, Chamberlain zu der spöttischen Bezeichnung „Rokokopolis“89 animierte.

Am neuen Wohnort waren es vor allem die Mitglieder des örtlichen Wagner-Vereins, aus denen sich der Freundeskreis der Zugezogenen rekrutierte, ergänzt um Chamberlains alte Pariser Freunde Adolphe Appia und Téodor de Wyzewa, die häufig in die Wohnung im Englischen Viertel, einem Villenquartier am Rand der Altstadt, zu Besuch kamen.90 Gemeinsam mit den Freunden oder zu zweit genossen die Chamberlains das reiche kulturelle Angebot der Stadt, besuchten regelmäßig Konzertveranstaltungen, das Theater und die Oper: „Wir erlebten dort die erste Aufführung von Tristan und Isolde, hörten die Meistersinger und Teile des Rings, Tannhäuser und Lohengrin“ – häufig unter Einsatz des mitgebrachten Klavierauszugs, um „so der Musik besser als der Handlung folgen zu können, die man ja kannte.“ Aber nicht nur Wagner, sondern auch „Bizets Carmen […] oder Boieldieu und Méhul, auch Italiener, vor allem aber neben den Wagnerschen Werken Fidelio und die Mozartschen Opern“ standen auf dem Programm: „Wir gingen“, bemerkte Anna, „sehr oft in die Oper, waren das doch neue Genüsse für Chamberlain“.91 So wurde die Dresdner Episode mit ihrer intensiven Kunstrezeption prägend für sein Musikverständnis und damit auch für seine Präferenz für die Wiener Klassik, die nicht nur ganz dem Zeitgeist, sondern auch dem in Wahnfried gepflegten Blick auf die europäische Musikgeschichte entsprach.

Doch das finanziell unbeschwerte Leben, das nicht nur durch Kunst und Musik, sondern auch durch zahlreiche Ausflüge und Reisen – nach Böhmen, nach Schlesien und für mehrere Wochen durch Norwegen92 – bereichert wurde, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Chamberlain ohne eine wirkliche Lebensaufgabe gelangweilt und unzufrieden war. Immer wieder befielen ihn „Melancholie“93 und „Trübsinn“,94 fand er sich in einem „traurigen Zustand“95 und in einer „tiefen Niedergeschlagenheit“, die ihn „in den Dresdner Jahren bis fast zum Lebensüberdruß“96 bedrückte. Es gelang ihm ganz offenbar nicht, sich aus eigener Kraft aus dieser Krise zu befreien, und so wählte er als Alternative zunächst das Aushalten: „Immer und immer wieder“, berichtet Anna Chamberlain, „las er jenes Wort: ‚They also serve who only stand and wait!‘, und ertrug mit „unerträglicher Geduld“ diese „schweren Zeiten“. Nie „murrte oder klagte er, nie ließ er andere entgelten, daß er so schmerzlich litt, immer gleich sanft und liebenswürdig blieb er auch in den traurigsten Augenblicken der liebenswerteste Mensch“.97

Auch wenn diese Passage ganz deutlich hagiographische Züge trägt, scheint sie doch einen wesentlichen Kern von Chamberlains Charakter zu erfassen, den auch seine zweite Ehefrau, Eva Wagner, später deutlich hervorkehrt hat: das schweigsame Erdulden widriger Umstände, das besonders deutlich am Ende seines Lebens angesichts einer quälenden und tödlichen Erkrankung zutage trat. Der von Chamberlain herangezogene Vers aus John Miltons berühmtem Sonett98 mag dabei tröstend gewesen sein – er ist auf jeden Fall beredter Ausdruck einer Rolle, die der heimatlose und bindungsarme Brite offenbar schon früh eingeübt hatte und die nun in Dresden zum Tragen kam. Nach seinem Tod und befördert vor allem von Eva Wagner, entstand daraus eine Charakterbeschreibung, die das „Heldenhafte“ dieses Ausharrens betonte: Chamberlain der „edle Dulder“,99 der sein Leben und seine Gesundheit im Kampf für das „Deutschtum“ opferte.100

Als Kern dieser Leidensfähigkeit erwies sich das Unvermögen, sich aus eigener Kraft aus der persönlichen Krise zu befreien, eine positive Perspektive zu entwickeln und sich für eine Aufgabe, eine Richtung des eigenen Lebens zu entscheiden. Zusätzlich verstärkt wurde diese Unentschiedenheit durch die Tatsache, dass aufgrund seines Wohlstandes die persönliche Krise keine materiellen Folgen hatte, dass es also keine Zwänge gab, die ihn in eine Richtung gedrängt hätten. Vielleicht liegt hierin eine der psychologischen Begründungen für das frappierende Nebeneinander von Liebenswürdigkeit, Mitgefühl und Duldsamkeit auf der einen und seinen späteren ebenso gefühlskalten wie menschenverachtenden Äußerungen auf der anderen Seite: Es scheint, als wären der Eifer und die Erbarmungslosigkeit, die Chamberlain bei der Entwicklung seiner auf Verachtung, Hass und Ausschluss des vermeintlich Fremden beruhenden Weltanschauung an den Tag legte, die Kehrseite eines ansonsten über Gebühr verletzlichen Charakters gewesen.

Dieser Befund enthält zweifelsohne spekulative Anteile, lassen sich doch aus der historischen Distanz von mehr als einhundert Jahren und mit dem Werkzeug des Historikers keine psychologischen Diagnosen stellen. Einige Beobachtungen allerdings drängen sich auf, etwa, dass sich Chamberlains Strategie zur Bewältigung und Verhütung von Krisen in den folgenden Jahren änderte: Nutzte er, wie beschrieben, zunächst Rückzug, Ablenkung und Impulse von Dritten, so entdeckte er mit der Hinwendung zum Wagnerismus die stabilisierende Wirkung von Arbeit, die sich bald zur Manie auswuchs und aus dem unbeständigen, suchenden Chamberlain einen echten Workaholic machte. Er selbst bezeichnete diese Besessenheit später als seinen „Schreibdämon“,101 der ihn immer wieder an die körperlichen und psychischen Grenzen trieb, um schließlich in Phasen von Krankheit und Erschöpfung zu münden. Dieses Muster des permanenten Pendelns zwischen Überforderung, körperlichen Beschwerden und depressiven Verstimmungen, zwischen Dämon und Duldsamkeit, verweist auf eine zutiefst unausgeglichene Persönlichkeit, der es, trotz materieller Sicherheit und größter Freiheit bei der Wahl der Lebensführung, nur selten gelang, eine über längere Zeit anhaltende Zufriedenheit zu verspüren. Seine Suche nach einer Weltanschauung auf Basis angeblich überzeitlich gültiger und alles Leben beherrschender Prinzipien, die dichotome Aufteilung der Welt in Gut und Böse und die starke emotionale Reaktion auf eben dieses vermeintlich Böse – das Judentum – erhalten so eine psychische Grundierung, die sie als Mechanismen zur Abwehr der eigenen unsicheren Persönlichkeitsanteile erscheinen lassen.

Vorerst jedoch, Mitte der 1880er Jahre, war Chamberlain noch angewiesen auf Impulse von außen, mit deren Hilfe er seine Langeweile durchbrechen und die Sinnsuche in produktive Bahnen lenken konnte. Dies erklärt die Durchschlagskraft seiner Begegnung mit Cosima Wagner, die ihm zum zweiten Erweckungserlebnis wurde: Die Wagner-Witwe und Festspielleiterin war im Juni 1888 nach Dresden gereist, um sich dort mit denjenigen Künstlern der Hofoper zu treffen, die sie für die unmittelbar bevorstehenden Festspiele eingeplant hatte.102 Auf der Tagesordnung stand auch ein Besuch der sich im Haus des Bildhauers Gustav Kietz versammelnden örtlichen Wagnerianer, bei dem sie am 12. Juni 1888 mit Chamberlain bekannt gemacht wurde. In den nächsten Tagen trafen beide erneut zusammen, und als Cosima abreiste, war der Keim einer lebenslangen Freundschaft gelegt.103

„Diese Woche“, so formulierte Chamberlain kurz darauf in einem Brief, „wurde mir ein so grosses Glück zu Theile, dass ich sie zu den gesegneten meines Lebens rechnen darf: ich lernte Frau Cosima Wagner kennen. Dass der Name schon an und für sich mir Eindruck machte, versteht sich von selbst, – dass sie eine geniale Frau war, wusste ich, – dass sie mir aber das sein würde, was sie mir von der ersten Begegnung an war […], das hatte ich nicht geahnt […]. Ehrfurcht u. Bewunderung hatte ich schon – aber jetzt wurde mir was so unendlich viel mehr werth: die innigste Liebe. – Dass sie noch über solche Kräfte, solche jugendliche Geistesfrische gebietet, hat mich mit Hoffnung für unsere Sache erfüllt.“104

Cosima wiederum wandte sich kurz nach ihrer Rückkehr direkt an Chamberlain und versicherte ihn nicht nur ihrer Zuneigung, sondern vor allem des tiefen gegenseitigen Verständnisses in allen die Festspiele und den Wagner-Kult betreffenden Angelegenheiten. Es „drängt mich mein Gefühl dazu“, begann sie, „es Ihnen und Ihrer Frau auszusprechen, wie eng ich mich mit Ihnen verbunden fühle, und wie unter allen Geschickeswendungen, die mir noch beschieden sein mögen, ich mich freuen werde, Ihnen beiden zu begegnen und Ihnen, sei es, meine Freude zu bezeigen oder mein Leid zu klagen, mag es mir nun glücken, das zu verwirklichen, wovon das Bild in mir lebt, oder mag ich ein um so ärgeres Mißlingen zu erfahren haben, als dieses Bild sich von allem unterscheidet, was unsere jetzigen Kunstgestalten uns entgegenbringen. […]. Unter schwierigen Umständen gehe ich diesen nächsten Festspielen entgegen.“105

Dies bezog sich auf die bevorstehenden Festspiele des Jahres 1888, bei denen die „Meistersinger von Nürnberg“ zur Aufführung kommen sollten, Cosimas erste Regiearbeit und, wie weiter unten zu zeigen sein wird, zugleich ein politisch besonders aufgeladenes Werk.106 Bei dessen Vorbereitung habe sie, so schilderte Cosima im weiteren Verlauf des Briefes, daran gedacht, von den eigenen Ansprüchen an eine mustergültige Aufführung abzuweichen, sei dann aber zu einer anderen Entscheidung gekommen: „Ich kann das nicht und will lieber die Mängel ertragen, welche die unfertige Ausführung einer bedeutenden Intention mit sich bringt, also lieber eine sehr leicht zu bekritelnde Leistung herstellen, als mit dazu beitragen, den falschen Schein noch zu vermehren. Gott helfe mir, ich kann nicht anders, und ich glaube, daß er den Wahrhaftigen hilft“. Mit Blick auf Chamberlain schloss sie: „Wie dem allem auch sei, so betrachte ich es als einen ungemeinen Gewinn, zu einem Menschen so sprechen zu können und zu wissen, daß es welche gibt, welche das durchempfinden werden, was ich um jeden Preis retten und, wenn auch nur – der ungünstigen Umstände halber – zum schwachen, dennoch zum Ausdruck bringen wollte.“107 Diese Bemerkung freilich zielte nicht nur auf die bevorstehende Herausforderung, sondern wies ins Herz der Bayreuther Weltanschauung, deren Manifestation die Festspiele waren. Ein erklärender Exkurs ist deshalb unerlässlich, denn das von Wahnfried propagierte Ideenkonglomerat sollte Chamberlains Weltsicht nachhaltig formen und Cosima zusammen mit dem sie umgebenden Kreis in den folgenden Jahren zu seiner wichtigsten politisch-weltanschaulichen Sozialisationsagentur machen.

2. Zweimal Revolution

„Wir bedürfen einer aufklärenden und beruhigenden Mitwirkung der Presse zu unseren Zwecken. […] Wir müssen uns ein Organ in der Tagespresse gründen.“108 Mit diesen Worten wandte sich im September 1865 Richard Wagner an den bayerischen König Ludwig II., an dessen Hof der vor seinen Schuldnern geflohene Komponist ein Jahr zuvor Schutz gefunden hatte. Durch den königlichen Gönner großzügig unterstützt und finanziell saniert, nahm der Künstler damit einen länger gehegten Plan wieder auf: Die Gründung eines eigenen Theaters mit angeschlossener Gesangsschule und einer Zeitschrift zur Popularisierung des Vorhabens.109

Die Idee selbst war älter und wies direkt in die politischen Verwerfungen der Revolution 1848/49: Wagner war zu dieser Zeit Kapellmeister der Hofoper in Dresden gewesen und hatte nicht abseits stehen wollen – seine Vision von einer erneuerten Kunst als Ausgangspunkt für eine erneuerte Gesellschaft bildete das künstlerische Echo der im liberalen Bürgertum gehegten Hoffnungen auf Überwindung der gesellschaftlichen Starre der Restaurationszeit, auf Demokratisierung und auf die Gründung eines geeinten deutschen Nationalstaates. Mit einem Journal für „Kunst und Leben“, so schrieb er 1849 seinem Freund, dem Kritiker und Publizisten Theodor Uhlig, gelte es, in jedem „Heft eine volle Kanonenladung“110 gegen die bestehenden künstlerischen und gesellschaftlichen Zustände abzufeuern.

Als Student hatte Wagner 1830 die Julirevolution in Paris erlebt und sich von dem Sieg der liberalen und demokratischen Kräfte begeistert gezeigt. Auch in den folgenden Jahren des Vormärz stand er unter frühsozialistischen und anarchistischen Einflüssen, zunächst vermittelt durch Heinrich Laube und die sogenannten Jungdeutschen, später durch seinen Freund und Kapellmeisterkollegen August Röckel sowie durch den Anarchisten Michail Bakunin. Derart geprägt, lehnte Wagner nicht nur die reaktionäre Politik der Metternich-Ära ab, sondern ging auch auf Distanz zur ständischen Gesellschaftsordnung und dem Adel, zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung und dem bürgerlichen Eigentumsbegriff wie zur christlichen Religion und der Kirche. Gleichwohl machte er sich die Ideen seines Umfelds nicht gänzlich zu eigen, sondern beantwortete die Frage danach, wie die Zustände zu bessern seien, mit einer eigenen, nicht eben uneigennützigen Antwort: Für ihn war es die Kunst, seine Kunst, die segensreich auf die realen Zustände einwirken sollte – eine Vorstellung von der erhebenden Kraft der Kunst, die tief in der deutschen Romantik verankert war.111 Als 1848 die Revolution auch Teile des deutschen Bürgertums und der unteren Schichten erfasste, stand Wagner, ungeachtet dieser Einschränkung, damit fast automatisch im Lager der liberalen Kräfte.

Im März 1848 war es in Sachsen zunächst zum Regierungswechsel und zur Einsetzung der liberalen „Märzregierung“ gekommen, die versuchte, die politischen Verhältnisse auf dem Reformweg umzugestalten: Sie setzte ganz auf die Mitwirkung der Monarchie und positionierte sich zugleich gegen die Fraktion derer, die für eine stärkere Demokratisierung und für die Republik eintraten.112 Nachdem am 28. März 1849 in der Frankfurter Paulskirche die Nationalversammlung die deutsche Reichsverfassung beschlossen und der sächsische Landtag sich für deren Anerkennung ausgesprochen hatte, löste der König, der wie die übrigen deutschen Monarchen die Verfassung ablehnte, den Landtag am 28. April auf. In der Folge kam es zu Unruhen, die sich schnell zu Barrikadenkämpfen zwischen der Bevölkerung und dem zur Wiederherstellung der Ordnung eingesetzten Militär auswuchsen. Erst der Einsatz von zu Hilfe gerufenen preußischen Truppen entschied die Lage: Die Aufständischen wurden geschlagen und die Revolution beendet.

Richard Wagner hatte sich an den Unruhen auf Seiten der Revolutionäre beteiligt, jedoch lassen sich die genauen Umstände heute nicht mehr rekonstruieren – moderne Deutungen variieren zwischen einer Tätigkeit als Späher auf dem Turm der Dresdner Kreuzkirche und der aktiven Teilnahme am Barrikadenkampf.113 Das Resultat indes ist unstrittig: Mit der Niederschlagung des Aufstandes wurde Wagner zum steckbrieflich Gesuchten und musste aus Dresden fliehen, wollte er nicht wie sein Freund August Röckel in Kerkerhaft geraten. Der Komponist floh ins Schweizer Exil, die Rückkehr in das Gebiet des Deutschen Bundes blieb ihm bis zu seiner Amnestie im Jahr 1862 versperrt.

Zu Wagners Engagement im politischen Umbruchjahr 1848 hatte auch ein öffentlicher Auftritt in der Dresdner Dependance des „Vaterlandsvereins“ gehört, dem größten, aus zahlreichen Ortsgruppen bestehenden, republikanisch ausgerichteten Verein in Sachsen. Dort hatte er eine Ansprache unter dem Titel „Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königtum gegenüber?“ gehalten, eine Rede, die nicht nur Einblick in sein Verständnis der Revolution gibt, sondern auch für seine Erben – und nicht zuletzt für Chamberlain – großen Stellenwert besaß.

Wagner hatte darin im Kern statt einer Revolution eine Reform der politischen und gesellschaftlichen Zustände gefordert und sich gleichermaßen gegen die absolutistische und feudale Herrschaft wie gegen die Ziele der Revolutionäre gewandt: „Glaubt ihr im Ernst“, hatte er die Anwesenden gefragt, „wenn wir von unserem jetzigen Standpunkte aus noch weiter vorwärtsschreiten wollen, müßten wir mit Allernächstem schon an der offenen königslosen Republik ankommen? Glaubt Ihr dies, oder wollt Ihr es den Ängstlichen nur weismachen? Seid Ihr kenntnislos oder seid Ihr böswillig?“114

Was dann folgte, war ein ebenso unklarer wie naiver Aufruf, der zunächst einmal als Beleg dafür gelesen werden kann, wie wenig Wagner von den Mechanismen konkreter Politik verstand: Der Adel sollte freiwillig auf seine Privilegien verzichten, auf Hofämter, Titel und Prunk,115 während die nach Ständen geordnete politische Vertretung aufgelöst und egalisiert werden müsse. Mit dem allgemeinen Wahlrecht und der Gründung eines Volksheeres116 wollte er den „großen Stand des freien Volkes vereinigen“, um auf dieser Basis „nach dem Grunde alles Elends in unserem jetzigen gesellschaftlichen Zustande“117 zu fragen. Dieser Grund lag für ihn in der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die es zu überwinden galt: Die „hohen geistigen“ und „künstlerisch regsamen leiblichen Fähigkeiten und Kräfte“ seien schließlich von Gott nicht dazu bestimmt, „dem starresten, unregsamsten Produkte der Natur, dem bleichen Metall, in knechtischer Leibeigenschaft untertänig zu sein“.118 Allerdings wollte er die antikapitalistische Stoßrichtung seines Appells nicht im Sinne kommunistischer Ideen verstanden wissen, galten ihm diese doch als „entsittlichte Knechtschaft gemeinster Materie“.119 Sein Zukunftsentwurf hingegen basierte weiterhin auf der christlichen Glaubenslehre und sollte als „Emanzipation des Menschengeschlechts“, als „Erfüllung der reinen Christuslehre“ verstanden werden.120

Das derart geeinte, von allen Friktionen geheilte und sittlich-moralisch erhobene deutsche Volk sollte anschließend heilsbringend auf die gesamte Menschheit wirken: „Nun wollen wir in Schiffen über das Meer fahren, da und dort ein junges Deutschland gründen“, es „besser machen als die Spanier, denen die neue Welt ein pfäffisches Schlächterhaus“ und „anders als die Engländer, denen sie ein Krämerkasten“ wurde. „Wir wollen es deutsch und herrlich machen […], die Strahlen deutscher Freiheit und deutscher Milde sollen den Kosaken und Franzosen, den Buschmann und Chinesen erwärmen und verklären.“121

Für diese Entwicklung der Deutschen zu Heilsbringern einer ihnen ergebenen Welt bedürfe es einer Revolution, jedoch einer anderen, als sie Wagners Zuhörerschaft im Sinn hatte: „Aber, fragt Ihr nun: willst du das alles mit dem Königtum erreichen?“122 Nicht das Königtum, so lieferte er selbst die Antwort auf die rhetorische Frage, gelte es abzuschaffen, sondern die Einsicht des Monarchen zu wecken, dass er „der erste und allerechteste Republikaner sein sollte.“123 Seine Aufgabe sei schließlich die „res publica“, die Wagner in eigenwilliger Übersetzung zur „Volkssache“ umdeutete. Der König müsse durch die Erkenntnis „von seinem herrlichen Berufe“ – nämlich „mit seinem ganzen Fühlen, Sinnen und Trachten lediglich nur der Volkssache anzugehören“ – unausweichlich zu der Überzeugung gelangen, „sich selbst zu verkleinern und nur einem besonderen kleineren Teile des Volkes angehören zu wollen.“124 Dieser Schritt vom Monarchen zum Volkskönig, zum primus inter pares, würde schließlich, so Wagner, den unüberwindlichen Gegensatz zwischen den Verfechtern der Monarchie und den republikanischen Revolutionären überbrücken und die blutige Revolution verhindern.

Doch welcher Fürst könnte dieser Aufgabe gewachsen sein angesichts eines europäischen Adels, der nichts weiter zu sein schien als „verblendetes, tief entartetes Geschlecht, unfähig zu jedem hohen Beruf?“ Weder die europäischen Königshäuser, noch die gekrönten Häupter der deutschen Hegemonialmächte kamen in Frage: Preußen sei zu sehr dem „Begriffe des Preußentums“ verhaftet, während Österreich eine „unnatürlich zusammengeworfene Ländermasse“125 kurz vor dem Kollaps darstelle. So könne nur der sächsische König, das Haus Wettin, helfen, denn: „Will aber der Sachse das Königtum, so leitet ihn zu allernächst die reine Liebe zu seinem Fürsten, das glückliche Bewußtsein, diesen Besten sein zu nennen: hier ist es nicht ein kalter, staatskluger Begriff – es ist die volle warme Überzeugung der Liebe.“126 Mit der Erklärung des Freistaates durch einen solchen Volkskönig würde eine Entwicklung in Gang gesetzt, die erst die anderen deutschen Staaten und dann Europa erfassen müsse.

Es überrascht nicht, dass Wagners Vortrag ohne größeren Einfluss blieb – zu naiv war die Vorstellung, die Revolution zu einer Reform unter Führung des Monarchen umlenken zu können und zu absurd die Idee, dass ausgerechnet die Wettiner das Beispiel für die europäischen Königshäuser geben sollten. Zu offensichtlich war vielleicht auch Wagners Eigeninteresse, sich die einträgliche Stellung als Kapellmeister von des Königs Gnaden zu erhalten und dazu einen Teil der Revolution in die Sphäre der Kunst zu verschieben.

Gleichwohl offenbart die genaue Lektüre der Rede eine Ebene, die über die unmittelbare Zeit der Revolution hinauswies. Denn zusammen mit seiner Forderung nach dem Volkskönig als „erste[r] des Volkes“ und „freieste[r] der Freien“127 äußerte Wagner einen Gedanken, der das bislang Dargelegte amalgamierte: „Würde“, so begann er diesen abschließenden Teil, „dies nicht zugleich die schönste deutsche Auslegung des Ausspruches Christus’ sein: ‚Der höchste unter Euch soll der Knecht Aller sein?‘“ Schließlich erhöhe ein König, der „der Freiheit Aller“ diene, „in sich den Begriff der Freiheit selbst zum höchsten, gotterfüllten Bewußtsein.“

Vor dem Hintergrund der zuvor angeführten Mission der Deutschen als Heilsbringer für die gesamte Welt konstruierte Wagner hier die Denkfigur einer spezifisch „deutschen“ Auslegung des Christentums, in der das Individuum durch den Dienst an der Gemeinschaft dem Göttlichen nahekam. Untermauert wurde diese Lesart durch die unmittelbar folgende, vorgeblich historische Begründung, mit der dem Publikum zugleich die Vorstellung der Deutschen als Abstammungsgemeinschaft offeriert wurde: „Je weiter wir in der Aufsuchung der Bedeutung des Königtums in den germanischen Nationen zurückgehen, je inniger wird sie sich dieser neu gewonnenen als einer eigentlich nur wiederhergestellten anschließen“: Der „Kreislauf der geschichtlichen Entwickelung des Königtums wird an seinem Ziele, bei sich selbst wieder angelangt sein, und als die weiteste Verirrung von diesem Ziele werden wir den Monarchismus, diesen fremdartigen, undeutschen Begriff, anzusehen haben.“128

Mit „Monarchismus“ war hier freilich nicht das angestrebte Volks-Königtum gemeint, sondern die real existierenden Königshäuser, deren Herrschaft, so hatte Wagner an einer früheren Stelle seiner Rede mit einem Hinweis auf das französische Beispiel erklärt, „durch den Konstitutionalismus“ zur „Lüge“ geworden sei.129 Das Streben der Revolutionäre nach einer durch die Verfassung eingehegten, eben konstitutionellen, Monarchie wurde damit allerdings ebenfalls zur „undeutschen“ Angelegenheit – eine bizarre Argumentation, die freilich einer Binnenlogik folgte und nicht nur für eine nationalistische, sondern durch die Indienstnahme der vermeintlich germanischen Abstammungsgemeinschaft auch für eine protorassistische Überformung sorgte.

Wie stark Wagners Utopie mit anarchistischem Gedankengut durchtränkt war und wie viel er von seinem revolutionärem „Zerstörungswillen“130 – so Stefan Breuer – auch aus den Lehren Bakunins bezog, in seinen Lösungsansätzen unterschied sich Wagner demnach erheblich und ganz offensichtlich von den Anarchisten und Frühsozialisten. Denn während diese an die Revolution und die Wissenschaft als Motor der Emanzipation glaubten,131 folgte der Komponist einem antimodernen Impuls und wählte die irrationale Vorstellung einer Versöhnung der widerstreitenden Lager und eines gemeinsamen Weges zur Erlösung der Menschheit – eine Perspektive, die sich in seinem Fall sukzessive zur generellen Ablehnung der sozialen Zustände insgesamt entwickeln sollte und ihre Lösung nur noch durch die Implementierung einer erlösungsreligiösen Komponente, gleichsam durch die Änderung des Aggregatzustandes der Menschheit, erfahren konnte. Wagner selbst hat in seiner 1851 im Zürcher Exil verfassten Schrift „Eine Mitteilung an meine Freunde“ die Aussichtslosigkeit und Unentschiedenheit seiner revolutionären Bestrebungen eingestanden und bemerkt, es sei ihm um eine „friedliche Lösung“ der aus seiner Perspektive „mehr reformatorischen als revolutionären Fragen“ gegangen. Als diese Pläne fehlschlugen, habe ihn der „Ekel“ vor der „Lüge und Heuchelei der politischen Parteien“ zur endgültigen Abkehr von der Tagespolitik veranlasst.132

Für Chamberlain, darauf wird in einem späteren Kapitel zurückzukommen sein, sollte die Rede im Vaterlandsverein zu einem wichtigen Bezugspunkt in seinem Verständnis der Weltanschauung Richard Wagners werden und zu einer Herausforderung beim Verfassen der Biographie des Komponisten unter den veränderten politischen Rahmenbedingungen der 1890er Jahre. Hier indes genügt es zunächst festzuhalten, dass Wagner, trotz unzweifelhaft sozialrevolutionärer wie demokratischer Ideen und Forderungen, bereits während der Revolution an der Vorstellung eines von fremden Einflüssen „gereinigten“ Königtums festhielt und dabei keineswegs frei war von germanophilen und protorassistischen Überformungen. Die These vom dauerhaften Vorherrschen radikal-demokratischer Ideen in Wagners Denken, mithin die Prädominanz eines „linken“ Wagner, wie sie etwa von Udo Bermbach verfochten wird,133 büßt vor diesem Hintergrund einiges an Überzeugungskraft ein.

Dafür spricht auch die Tatsache, dass das berühmteste von Wagners antisemitischen Pamphleten, „Das Judenthum in der Musik“, in direktem zeitlichem Umfeld seiner Revolutions- und Frustrationserfahrung entstanden ist. 1850 erstmals unter Pseudonym publiziert und 1869 in verschärfter Form und unter seinem Namen veröffentlicht, breitete der Komponist darin die Schattenseite der germanophilen Utopie aus: den angeblich zerstörerischen Einfluss des Judentums auf die Deutschen seiner Gegenwart und die Forderung, dass erst dieser Einfluss ausgeschaltet werden müsse, bevor es zu einer wirklichen Umgestaltung der künstlerischen und gesellschaftlichen Zustände kommen könnte.134 Die diesen Überlegungen zugrundeliegende antisemitische Kulturkritik nahm in den folgenden Jahren einen immer wichtigeren Platz in Wagners Denken ein: Hatte er 1850 die vermeintlich negativen Eigenschaften der Juden vor allem anhand von Beispielen aus der Musikwelt zu belegen gesucht, weitete sich dieser Rahmen in der Zukunft deutlich. Sein enger Kontakt zum bayerischen König schließlich ließ ihn darauf hoffen, seiner Weltsicht durch die Beeinflussung des Monarchen zum Durchbruch zu verhelfen.

Metapolitik

Der in diesem Zusammenhang als „nationalpolitischer Leitfaden“135 für Ludwig II. konzipierte Text „Was ist deutsch?“ etwa, der hier nur exemplarisch angeführt werden soll, formulierte drei Hauptthesen: Die Reformation mit der sich anschließenden Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges habe die nationale Einheit der Deutschen wie auch ihr inneres Wesen an den Rand des Untergangs geführt. Die daraus resultierende Schwäche habe das Eindringen „eines allerfremdartigsten Elementes in das deutsche Wesen“136 ermöglicht – des „Juden“ –, der daraufhin die „deutsche Geistesarbeit in die Hand genommen“ und sie den Deutschen als ‚widerwärtiges Zerrbild des deutschen Geistes“, als „vermeintliches Spiegelbild“ – also als seine angebliche Kultur – präsentiert hätte: „Es ist zu fürchten, dass das Volk mit der Zeit sich wirklich selbst in diesem Spiegelbild zu ersehen glaubt: dann wäre eine der schönsten Anlagen des menschlichen Geschlechtes vielleicht für immer ertödtet.“137

In dieser Lage müssten die Deutschen, verstanden als aktuelle Existenzform der „Germanen“,138 sich auf ihr eigentliches Wesen besinnen, in dessen Kern nicht – wie beim Juden – der Nützlichkeitsgedanke, sondern das „Reinmenschliche“, das „Ideal“, stehe. Der „deutsche Geist“, den Wagner hier anhand von Goethe und Bach illustrierte, schuf angeblich seine „Thaten […] aus sich, aus seinem innersten Verlangen sich seiner bewusst zu werden“ und ließ ihn „zum ersten Male der Welt verkünden […], dass das Schöne und Edle nicht um des Vortheils, ja selbst nicht um des Ruhmes und der Anerkennung willen in die Welt tritt; und Alles was im Sinne dieser Lehre gewirkt wird, ist ‚deutsch‘“.139 Ein Jahrzehnt nach der Entstehung dieses Textes, so hat Hannes Heer zutreffend bemerkt, sollte Wagner „diesen Gedanken zu der unheilvollen Maxime verallgemeinern, deutsch sein hieße, ‚die Sache, die man treibt, um ihrer selbst und der Freude […] willen zu treiben.“140 Um den Prozess der Gesundung und „Wiedergeburt“ in Gang zu setzen, benötigten die Deutschen, so Wagner weiter, das „wahrhafte Verständniss von Seiten der Regierenden“. Es sei „die höchste Zeit, dass die Fürsten sich zu dieser Wiedertaufe wenden: die Gefahr, in welcher die ganze deutsche Öffentlichkeit steht, habe ich angedeutet.“141 Dass dieses „Verständnis“ der Fürsten zunächst einmal bedeutete, dass Ludwig II. die ökonomische Basis für die mittlerweile von Wagner in Bayreuth eröffneten Festspiele sicherte, verstand sich dabei von selbst.

Aus diesem mit religions- und lebensreformerischen Vorstellungen142 angereicherten Ideenkonglomerat entstand Wagners sogenannte Regenerationslehre. Diese ebenso irrationale wie widersprüchliche „Lehre“ ging von der schon beschriebenen Diagnose allgemeinen Verfalls aus: Die Deutschen seien sich selbst entfremdet, folgten fremden Einflüssen und seien insbesondere in ihrem rassischen Bestand bedroht durch den schädigenden Einfluss der Juden.143 Dies sei umso dramatischer, als sie nicht bloß Angehörige irgendeiner Rasse, einer „Abart der Menschheit“ seien, sondern „eine[m] Urstamm der Menschheit“ angehören würden, der seit jeher „die großen Männer und geistigen Helden“ hervorgebracht habe.144

Diese pessimistische Vorstellung von einer der Degeneration unterworfenen Urrasse bezog Wagner vor allem aus den Schriften Arthur de Gobineaus, wandte sie aber ins Positive, indem er die Möglichkeit der Umkehr und Erneuerung, eben der Regeneration, hinzufügte. Demnach könnte die Hinwendung zu einem vermeintlich arteigenen, von kirchlichen Dogmen und fremden Elementen gereinigten, Christentum zunächst die Deutschen und schließlich die gesamte Menschheit erlösen. Als Medium wie als Katalysator dieses Prozesses diente die Kunst und vor allem die Musik als „deutscheste aller Künste“: Wagners Bühnenwerke sollten zusammen mit den „Klassikern“ Goethe, Schiller und Beethoven den Kern einer neu zu schaffenden, germanisch-deutschen Kultur bilden.145 Damit entpuppte sich die Regenerationslehre vor allem als ein Programm, um die politische Hülle des Kaiserreichs mit einer, alle Deutschen einigenden, „kulturellen Identität“ zu füllen – ausgehend von Wagners Kunst und verbreitet durch den um ihn entstehenden „Bayreuther Kreis“.

Trotz der Bindung an die pessimistischen Vorstellungen Gobineaus ging bei Wagner also die Weltablehnung mit der Zuwendung zu dieser Welt einher, aber nicht, um, mit Stefan Breuer, „in ihr direkt das Heil zu erlangen, wohl aber, um sie so zu gestalten, daß die wahre Kunst optimale Bedingungen fand. In diesem Sinne“, so Breuer weiter, „war Wagners politische Praxis dieser Jahre weder Egomanie noch Opportunismus. Sie folgte aus dem Streben, in einer Welt, die als Hölle galt, eine Tür frei zu halten, die nach draußen führte; und das war, wenn man die Prämissen zugab, durchaus folgerichtig gedacht.“146 Die wesentliche Prämisse aber war die Bekämpfung des angeblich zerstörerischen Einflusses der Juden. Sie war, um im Bild zu bleiben, einer der beiden notwendigen Schlüssel für diese „Tür nach draußen“. Der andere war die Besinnung der Deutschen auf sich selbst, auf ihre Eigenart als notwendige Grundlage für jede Regenerationsbestrebung.

Dafür brauchte es die Politik, und wenn es nicht die nationale Ebene des Reiches sein konnte, musste zunächst die der Partikularstaaten genügen. Im Zentrum von Wagners politischen Interventionen stand damit, so noch einmal Stefan Breuer, „natürlich die Kulturpolitik, genauer gesagt: eine Politik, die Wagners Vorstellung von Kultur mit Hilfe des bayerischen Königs zunächst für Bayern, virtuell aber auch für ganz Deutschland verbindlich machen sollte.“147

Diese Vorstellung gehörte freilich nicht erst zu Wagners Repertoire, seit er sich unter den Schutz des bayerischen Regenten gestellt hatte, sondern datierte, wie gezeigt, in ihren Anfängen bereits in die Revolutionszeit zurück, als er erstmals geplant hatte, mithilfe einer Zeitschrift Einfluss auf das Zeitgeschehen zu nehmen. Doch aus dem schweizerischen Exil ließ sich ein solches Unternehmen nicht verwirklichen und die folgenden Jahre in Paris boten dazu keine Gelegenheit. So kam der Plan erst im September 1865 erneut auf die Tagesordnung, und dieses Mal schien die Umsetzung dank der Förderung durch Ludwig II. zum Greifen nah. Die „Bayerische Zeitung“, das Regierungsorgan des Königreichs, sollte umfunktioniert werden, um Wagners künstlerisches Schaffen öffentlichkeitswirksam mit dem politischen Projekt eines geeinten deutschen Reiches zu verbinden.148 Weil aber der Komponist die bayerische Tagespolitik ebenso wie die großen nationalen Projekte zu beeinflussen suchte und damit direkt in die Regierungsgeschäfte eingriff, verbündeten sich die Minister gegen ihn und zwangen den Monarchen, Wagner auszuweisen. Dem Geschassten blieb nichts weiter übrig, als wieder in die Schweiz zu flüchten.

Beim dritten Anlauf, ein Jahrzehnt später, gelang es schließlich, zum vermeintlichen Präzeptor deutscher Kultur zu werden: 1876 gingen die Festspiele das erste Mal im neu erbauten Festspielhaus über die Bühne – ein künstlerischer Erfolg, zugleich jedoch ein ökonomisches Desaster. Um die Finanzierung für die folgenden Jahre sicherzustellen, aktivierte der umtriebige Komponist seine Anhängerschaft, aus deren Reihen sich im September 1877 der „Bayreuther Patronatsverein“ gründete, um durch den Verkauf von Anteilsscheinen die nötigen Geldmittel zu akquirieren. Bei dieser Gelegenheit nahm Wagner auch seinen Zeitschriften-Plan wieder auf: Eine Vereinszeitschrift könnte, so seine Vorstellung, zum einen als Organ zur Selbstverständigung der Mitglieder dienen, zum anderen – und vor allem – sich zu einem „Lehrmittel von kanonischem Rang“149 entwickeln. Als dann aber im Januar 1878 endlich die erste Nummer der „Bayreuther Blätter“ erschien, hatte sich, wie der Historiker Veit Veltzke pointiert bemerkt hat, das Verhältnis von Verein und Vereinsorgan in sich verkehrt: Es war „nicht ein Verein, der sich eine Zeitschrift gibt, sondern eine Zeitschrift, die sich einen Verein verschafft“,150 um sich „die erwünschte Leserschaft heranbilden“151 zu können.

Dass es sich dabei keineswegs nur um ein „Organ interner fachlicher Mitteilungen“152 der Wagner-Gemeinde handelte, also um eine herkömmliche Zeitschrift für Musik und Theater, sondern um ein Blatt zur Verbreitung der weltanschaulichen Entwürfe des „Meisters“ und der Herausbildung eines sich durch die Mitarbeiterschaft in den „Blättern“ formierenden „Bayreuther Kreises“,153 war von Beginn an deutlich: Mit Wagners in der ersten Ausgabe veröffentlichtem Leitartikel „Zur Einführung“, vor allem aber mit dem in der zweiten Nummer publizierten Aufsatz „Was ist deutsch?“ und dem in der dritten Ausgabe folgenden Text „Modern“ griff die Zeitschrift politische Fragen auf und positionierte sich zugleich offen im antiliberalen wie antisemitischen Lager.154 Die in den folgenden Heften veröffentlichten Texte machten zusätzlich deutlich, dass man sich mit Wagners „Regenerationslehre“ im Besitz der Lösung für die drängenden Fragen der Gegenwart glaubte.155

Die „Bayreuther Blätter“ waren, wie der italienische Historiker Massimo Zumbini zutreffend festgestellt hat, von Beginn an ein „ideologisches Diskussionsforum“, das die Weltanschauung mit einer großen Bandbreite politischer Themen verknüpfte: mit einem „Nationalismus, der schon völkische Züge angenommen“ hatte, einem „Antisemitismus, der, im Anschluß an Wagner einerseits und im Einklang mit dem neuen, nicht mehr konfessionellen Antisemitismus andererseits, auch ‚rassisch‘ begründet“ wurde, einer „breitangelegte[n] Entartungs-Theorie“, einer prinzipiellen „Kritik des demokratischen Regierungssystems und des Industrialisierungsprozesses“ sowie schließlich mit der „Antithetik zwischen Agrarromantik und Großstadtfeindschaft.“156

Diese Ausrichtung brachte die „Bayreuther Blätter“ in direkte Berührung mit dem sich politisch formierenden Antisemitismus, wie er sich etwa in der Christlich-Sozialen Partei des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker sammelte. Obwohl Wagner dessen Position – Ausschluss der Juden von bestimmten Berufen und Wiedereinführung der Judenstatistik – als zu zahm ansah und sich für Rücknahme aller Emanzipationsgesetze und die Möglichkeit der „völligen Ausweisung“157 der Juden aus dem Deutschen Reich aussprach, verweigerte er sich einer öffentlichen Unterstützung der antisemitischen Bewegung und verhinderte so, dass die „Bayreuther Blätter“ sich als deren Parteiorgan betätigten. Im Februar 1881 klärte er seinen Freund Hans von Wolzogen, der als Herausgeber der „Blätter“ fungierte, über diese generelle Leitlinie auf: „Richard sagt ihm“, notierte Cosima Wagner die Worte ihres Gatten, „daß wir in unsern Blättern keine Spezialität wie die der Vegetarier vertreten können, sondern nur immer das Ideal festhalten und zeigen, und die draußen die Spezialitäten verfechten; so könnten wir auch an der Juden-Agitation keinen Anteil nehmen.“158 Damit hatte der „Meister“, wie er von seinen Anhängern ehrfurchtsvoll genannt wurde, den Kurs abgesteckt, dem das Blatt, von wenigen Ausnahmen abgesehen,159 bis zu seinem Ende 1938 folgen sollte: Das „Ideal“, die große Linie, vorzugeben, die politische Umsetzung aber denen „da draußen“ zu überlassen. Dass dies nicht bedeutete, zu wichtigen Fragen zu schweigen, hatte er zuvor mit den eingangs zitierten Aufsätzen ebenfalls demonstriert.

Diese Auffassung von „Politik“ gehörte zur intellektuellen Grundausstattung nicht nur in Wahnfried, sondern in weiten Teilen des konservativen Bildungsbürgertums: Dessen Diskurse bewegten sich, wie Anja Lobenstein-Reichmann dies für Chamberlains Schriften bemerkt hat, nur zu gern „auf dem bildungsbürgerlichen Höhenkamm, auf dem er seine politikverachtenden Biedermeier besser erreichen konnte. Anders ausgedrückt: Er hebt die Fragen der Politik auf eine vermeintlich höhere Ebene.“160 Den Terminus, mit der diese Form der Politikauffassung bezeichnet wurde, hatte Wagner in einer der ersten Ausgaben der „Bayreuther Blätter“ seinen Anhängern vorschlagen lassen. In einem „Offenen Brief an Richard Wagner“ schrieb dort der antisemitische Publizist Constantin Frantz am Ende eines zwanzigseitigen Aufsatzes: Um „wirklich deutsch zu sein muss daher die Politik über sich selbst hinaus gehen. Sie muss sich zur Metapolitik erheben“, die sich zur hergebrachten Politik „ähnlich verhält, wie zur Physik die Metaphysik. Unser Deutschthum geht uns dabei nicht verloren.“161

Auch wenn Wagner und der ihn umgebende Kreis dem Autor sicher nicht in allen Details folgen mochten, unterstrich der Abdruck des Textes doch eine wichtige Übereinstimmung: Wer am Aufstieg des „Deutschtums“ mitarbeiten wollte, musste neben den wesentlichen weltanschaulichen Schnittmengen auch die Einsicht mitbringen, dass es sich dabei nur um einen lang andauernden Kampf handeln konnte, der außerhalb der Tagespolitik geführt werden musste. Es war diese Perspektive auf Politik, welche die Funktionsmechanismen und Erscheinungsformen realen politischen Handelns – weil egoistischen Interessen und materiellen Vorteilen unterworfen – als profan und unehrlich ablehnte, zugleich aber für sich in Anspruch nahm, die wirklich entscheidenden Leitlinien erfolgreicher Politik zu kennen, die den Blick des „national“ ausgerichteten Bildungsbürgertums auf die politische Sphäre prägte. Verhängnisvoll allerdings wirkte dabei der Umstand, dass es so möglich wurde, auch extreme Ansichten zu äußern, ohne die Verantwortung für die Folgen zu übernehmen – schließlich formulierte man nur das „Ideal“, während für die reale Umsetzung andere zuständig waren.

„Gerade in einer Zeit materieller Prosperität und politischer Entmündigung gedeiht die gegenseitige Transzendierung von Kunst und Politik“, hat der Kunsthistoriker Peter-Ulrich Hein in einem luziden Aufsatz zu völkischer Kunstkritik bemerkt und dann beschrieben, wie „die von der wilhelminischen Nomenklatura ausgeschlossenen, stiefmütterlich behandelten und dennoch patriotisch denkenden Eliten“ ihre Vorstellung von Kunst entscheidend modifizierten, um durch sie die „politische Sprachlosigkeit“ zu kompensieren: Die Gesellschaft wurde so zum eigentlichen Gesamtkunstwerk, das sich nicht mehr nur auf die Transzendenz der Kunst berufen konnte, sondern weitere Begründungszusammenhänge evozierte. „Ethnologische, milieu- und deszendenztheoretische, im weitesten Sinne sozialdarwinistische Theorien sorgen für die zeitgemäße wissenschaftliche Absicherung dieser Vision“, während aus dem „Prozeß der Selektion […] jene Rasse, jenes Volk gestärkt“ hervorging, „welches über die besten Eigenschaften verfügt. Auf die ureigenen Charaktereigenschaften zu bauen, wird so zur wichtigsten Voraussetzung, um im Kampf der Völker zu avancieren.“162

Der Topos der Authentizität, des (Art-)Eigenen, wurde so zum Leitmotiv nicht nur völkischer Kunstkritik, sondern auch all derer, die mit ihrem Kunstbegriff auf die politische Sphäre wirken wollten – eine eigene, von fremden Einflüssen gereinigte „deutsche Kunst“ als unverstellter Ausdruck „deutschen Wesens“ und „germanischen Genies“ waren die dazugehörigen Schlagworte, die gerade auch im Wagner-Kontext besondere Wirkung entfalteten und den eigenen Anspruch der kulturellen Führerschaft untermauerten. Das aber war nicht weniger als ein für lange Zeit wirksamer Aufruf zum Kampf um die kulturelle Hegemonie, die zur Änderung der politischen und gesellschaftlichen Zustände führen sollte.

Auch der von Constantin Frantz geprägte Begriff der „Metapolitik“ erwies sich als langlebig: Über verschiedene Etappen der Rezeption, die so unterschiedliche Autoren umfasst wie den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci und dessen Konzept der „kulturellen Hegemonie“, den Vordenker der französischen „Nouvelle Droite“, Alain Benoist, und schließlich dessen deutschen Epigonen, Götz Kubitschek, ist er für die „Neue Rechte“ des 21. Jahrhunderts zu einer zentralen Denkfigur geworden. Begrifflich modernisiert und nunmehr als das Alltagshandeln vermeintlich transzendierender „vorpolitischer Raum“ gedeutet, legitimiert sie den alten Kampf rechtskonservativer und rechtsradikaler Akteure um die Rettung einer angeblich „eigenen ethnokulturellen Identität“.163

Mit seiner Kunst, den Festspielen und den „Bayreuther Blättern“ glaubte sich Richard Wagner im Besitz des notwendigen Instrumentariums, um diesen Kampf zu beginnen und künstlerisches wie gesellschaftliches Gesamtkunstwerk langsam miteinander zu verschmelzen. Als er 1883 überraschend starb, fiel dieses Erbe an seine Witwe Cosima. Sie modifizierte und konkretisierte die Bayreuther Kulturmission und verschaffte bei ihrer Suche nach geeignetem Personal Chamberlain die Chance seines Lebens.

1

Chamberlain, Lebenswege, S. 24. Leopold von Schroeder, Houston Stewart Chamberlain. Ein Abriß seines Lebens, auf Grund eigener Mitteilungen, München 1918, S. 58.

2

Chamberlain, Lebenswege, S. 32. Yuzo Ota, Basil Hall Chamberlain. Portrait Of A Japanologist, Richmond, Surrey 1998, S. 13-15. Henry Chamberlain, über den kaum etwas bekannt ist, starb 1923.

3

Henry Orlando Chamberlain (1773-1829) handelte wichtige Verträge zwischen Großbritannien und Brasilien aus. Neville Bowles Chamberlain (1820-1902) galt als Kriegsheld, denn er hatte sich in den sogenannten Sikh-Kriegen und während des „Indischen Aufstandes“ 1857 hervorgetan. Später führte er eine Gesandtschaft zum Emir von Afghanistan, deren Scheitern den zweiten Anglo-Afghanischen Krieg auslöste, und diente anschließend als Chef der britischen Verwaltung in Indien, bevor er 1881 in den Ruhestand trat.

4

Chamberlain, Lebenswege, S. 32-33.

5

Ebd., S. 33.

6

Ebd., S. 34.

7

Ebd., S. 36.

8

Ebd., S. 37. Zum vormilitärischen Charakter der Schule vgl. ebd., S. 45.

9

Ebd.

10

Ebd., S. 38.

11

Ebd., S. 44.

12

Ebd., S. 39.

13

Ebd.

14

Ebd., S. 41.

15

Ebd., S. 40.

16

Ebd., S. 42.

17

Ebd.

18

Ebd., S. 40.

19

Ebd., S. 52.

20

Ebd., S. 42.

21

Ebd.

22

Ebd., S. 53.

23

Ebd., S. 53-54. Zu weiteren Stationen in diesen Jahren vgl. Bermbach, Chamberlain, S. 27. Schroeder, Houston Stewart Chamberlain, S. 50-52.

24

Chamberlain, Lebenswege, S. 56.

25

Ebd., S. 54.

26

Ebd., S. 55.

27

Ebd., S. 56.

28

Ausführlich: Chamberlain, Lebenswege, S. 56-58.

29

Zu den „Grundlagen“ vgl. die Notiz bei: Alexander Wernicke, H. St. Chamberlains Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, in: Pädagogisches Archiv 42 (1900), Heft 6.

30

Chamberlain, Lebenswege, S. 56.

31

Ebd.

32

So beschrieb etwa Winifred Wagner Chamberlain als einen stets freundlichen, witzigen und überaus belesenen Gelehrten, der sich zugleich aber auch als über die Maßen scheu und verletzlich, steif und in privaten Angelegenheiten auffallend und unzeitgemäß diskret präsentierte. Vgl. den Interview-Film von Hans-Jürgen Syberberg, Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914-1975, Deutschland 1975.

33

Chamberlain, Lebenswege, S. 189.

34

Ebd.

35

Ebd., S. 54. Chamberlain spielte hier auf den französischen Gesandten Benedetti an, der zu einer Audienz bei Wilhelm I. in Bad Ems erschienen war, um einen letzten Versuch zur Verhinderung des Kriegs zu unternehmen.

36

Ebd. Obgleich diese Zeilen, verfasst im Oktober 1918, deutlich durch Chamberlains Tätigkeit als Kriegspropagandist gezeichnet sind, erscheinen sie doch als authentisch: Heldenverehrung und heroisches Geschichtsverständnis waren ebenso wie die Überzeugung von der Einzigartigkeit der Deutschen und ihrer historischen Mission feste und vielfach dokumentierte Bestandteile seiner Weltanschauung. Die Episode in Bad Ems als Grundlage seiner „Erkenntnis deutschen Wesens in seiner reinsten, heroischen Kundgebung“ (ebd., S. 179) sollte zudem auch bei anderen Gelegenheiten eine Rolle spielen.

37

Ebd., S. 172, 209.

38

Vgl. Ebd., S. 168-173.

39

Ebd., S. 183.

40

Ebd., S. 184-185.

41

Ebd., S. 193-194.

42

Ebd., S. 187, 195-196. Bermbach, Chamberlain, S. 45-46. Field, Evangelist, S. 52-53.

43

Bermbach, Chamberlain, S. 45-46.

44

Chamberlain, Lebenswege, S. 211-212.

45

Ähnlich auch: Bermbach, Chamberlain, S. 46.

46

Ebd., S. 212.

47

Ebd., S. 216.

48

Ebd., S. 213.

49

Zu Levi vgl. das Kapitel „Ungelöste Konflikte“, zu den Vereinen das Kapitel „Mittler in die Wagner-Vereine“.

50

Chamberlain, Lebenswege, S. 217. Zu den „Bayreuther Blättern“ vgl. die Kapitel „Metapolitik“ und „Machtkampf mit Wolzogen.“

51

Zu „Parsifal“ vgl. Stephan Mösch, Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit. Wagners Parsifal in Bayreuth 1882-1933, Kassel 2009, außerdem das Kapitel zum „Parsifal“-Schutz weiter unten.

52

Chamberlain, Lebenswege, S. 234.

53

Ebd.

54

Die Schilderung dieser Begegnung ist ganz offensichtlich von dem nachträglichen Versuch geprägt, eine plastische Beschreibung des „germanischen Genies“ zu liefern – Chamberlain setzte Wagner in eine Reihe mit Goethe und Bismarck, die angeblich in dieselbe Kategorie fielen und wesentliche Bezugspunkte seines weltanschaulichen Koordinatensystems bildeten, vgl. ebd., S. 237.

55

Bermbach, Chamberlain, S. 48.

56

Chamberlain, Lebenswege, S. 160.

57

Ebd., S. 161, Hervorhebung im Original.

58

Vgl Marco Marcacci, Universität Genf, in: Historisches Lexikon der Schweiz, http://www.hls-dhs-dss.ch, letzter Zugriff 20.7.2017.

59

Chamberlain hörte „systematische Botanik bei Johannes Müller (Argovensis) [recte: Argoviensis, S.F.], Anatomie der Pflanzen und Physiologie der Pflanzen bei Marc Thury“, außerdem „Zoologie, vergleichende Anatomie, Anthropologie und Geologie bei Carl Vogt (manchmal durch Émile Yung vertreten), Embryologie bei dem genialen, früh entschwundenen Hermann Fol, Physik bei [Elie-François] Wartmann und [Jacques-Louis] Soret, unorganische und anorganische Chemie bei Karl Graebe, Mineralogie und Kristallographie bei [Charles] Soret, […] Vorträge von [Emile] Plantamour über Astronomie und physikalische Geographie und einen kurzen Kursus von Raoul Pictet über die Schwerkraft“, zudem „in der medizinischen Abteilung [Zygmunt] Laskowskis normale Anatomie des Menschen und [Moritz] Schiffs Physiologie […]“, Chamberlain, Lebenswege, S. 88.

60

Ebd., S. 95.

61

Ebd., S. 102-103.

62

Field, Evangelist, S. 95. Bermbach, Chamberlain, S. 32. Dagegen: Geus, Kontroverse (vgl. auch weiter unten in diesem Kapitel).

63

Chamberlain, Recherches sur la sève ascendante, Neuchâtel 1897.

64

Vgl. das Kapitel „Neue Horizonte“ weiter unten.

65

Die Hochzeit fand am 9.5.1878 im englischen Konsulat in Genf statt. Anna Chamberlain, Erinnerungen, S. 44-48. Bermbach, Chamberlain S. 29 f. Field, Evangelist, S. 36 f.

66

Bermbach, Chamberlain, S. 32.

67

Ebd., S. 33.

68

Bermbach stützt sich auf Chamberlains eigene Darstellung in den „Lebenswegen“ und auf die Erinnerungen von Anna Chamberlain. Auch für die „Anerkennung“ der Fachgelehrten zieht er als Beleg die „Lebenswege“ heran, außerdem einen „Brief von Prof. Julius Wiesner, Universität Wien“, ohne jedoch dem Leser mitzuteilen, dass es sich dabei um einen nur von Chamberlain selbst als Beleg angeführten, im Original aber nicht vorliegenden Brief handelt, über dessen Wahrheitsgehalt oder Vollständigkeit nichts bekannt ist. Sieht man von Annas hagiographischer Schrift ab, schrumpfen die zwei scheinbar unabhängigen Quellen zu einer einzigen zusammen – der Selbstdarstellung Chamberlains.

69

Karl Adolf Hansen, Die ‚Lebenswege‘ H. St. Chamberlains und die Naturwissenschaft, in: Naturwissenschaftliche Wochenschrift 18/34 (1919), S. 681-688. Die Kritik schloss an eine Debatte zwischen Chamberlain und Hansen aus dem Jahr 1907/08 an, die sich um Goethes Stellenwert als Naturforscher drehte. Hansen hatte seinerzeit die Bedeutung Goethes ebenso relativiert wie die des Naturforschers Carl von Linné – beides Säulenheilige Wiesners wie Chamberlains. Der publizierte daraufhin in Wiesners Festschrift einen Aufsatz, in dem er Hansens Artikel als „Geschreibsel eines Botanikers“ abkanzelte. (Chamberlain, Goethe, Linné und die exakte Wissenschaft der Natur, in: Wiesner-Festschrift, im Auftrage des Festkomitees redigiert von K. Linsbauer, Wien 1908, S. 225-238). Diese Fehde nahm Hansen im November 1919 wieder auf.

70

Hansen, Die ‚Lebenswege‘, S. 682.

71

Ebd., S. 684. Ähnlich: Wilhelm Pfeffer, Pflanzenphysiologie. Ein Handbuch der Lehre vom Stoffwechsel und Kraftwechsel in der Pflanze, 2 Bde., zweite völlig umgearbeitete Auflage, Leipzig 1897-1904 [zuerst: Leipzig 1881], hier: Bd. 1 (1897), S. 243. Im Kapitel zur „Wasserbewegung in der Pflanze“ (S. 189-268) heißt es dort zu Chamberlains Arbeit kritisch: „Nach den v. Chamberlain […] mitgetheilten Thatsachen antwortet die Pflanze mit einer beschleunigten Gegenreaction. In Chamberlain’s Arbeit wird aber ein Auseinanderhalten von directen Wirkungen und physiologischen Reactionen vermisst.“ Ebenso kritisch: Geus, Kontroverse, S. 170.

72

Hansen, Die ‚Lebenswege‘ H. St. Chamberlains und die Naturwissenschaft, S. 684.

73

Ebd.

74

Geus, Kontroverse, S. 168.

75

Ebd.

76

Chamberlain, Lebenswege, S. 226-227.

77

Ebd., S. 227. Vgl. auch: Ebd., S. 107.

78

Ebd.

79

Ebd., S. 231.

80

Ebd., S. 228. Zu Rubinstein vgl. die Kapitel „Studium“ weiter oben und „Transformationen“ weiter unten.

81

Ebd., S. 233.

82

Zu Chamberlains Geschäftstätigkeit ausführlich Field, Evangelist, S. 41-46.

83

Vgl. dazu das Kapitel „Mittler in die Wagner-Vereine“ weiter unten.

84

Chamberlain, Lebenswege, S. 111.

85

Anna Chamberlain, Erinnerungen, S. 52.

86

Klaus Christian Szejnmann, Vom Traum zum Alptraum. Sachsen in der Weimarer Republik, Dresden 2000, S. 6-9.

87

Grundlegend: Matthias Piefel, Antisemitismus und völkische Bewegung im Königreich Sachsen, 1879-1914, Göttingen 2004. Außerdem: Holger Starke, Dresden im Kaiserreich. Liberalismus in einer konservativen Stadt?, in: Detlef Lehnert (Hrsg.), Kommunaler Liberalismus in Europa. Großstadtprofile um 1900, Köln 2014, S. 191-207. Zur politischen Situation in Dresden vgl. auch das Kapitel „Eine ‚antisemitische Wende?‘“ weiter unten.

88

Anna Chamberlain, Erinnerungen, S. 77.

89

Ebd., S. 77-78.

90

Anna Chamberlain, Erinnerungen, S. 76-78, erwähnt zudem den Bildhauer Gustav Adolph Kietz, den Maler Ernst Kietz und die Familie des Komponisten Carl Riedel. Vgl. auch: Chamberlain, Lebenswege, S. 111, 338.

91

Anna Chamberlain, Erinnerungen, S. 79.

92

Ausführlich ebd., S. 81-90.

93

Ebd., S. 83.

94

Ebd., S. 82.

95

Ebd., S. 52.

96

Chamberlain, Lebenswege, S. 112.

97

Ebd., S. 52.

98

Es handelt sich um das Sonett „When I consider how my light ist spent“.

99

August Püringer, Der Seher unter Blinden. Zu H. St. Chamberlains Ableben, Deutsche Zeitung, 10.1.1927, ein Exemplar in BArch, R 8048, Nr. 316, Blatt 84. Auch: August Ludowici/Eva Wagner (im Folgenden: EW), 15.8.1924, NAB, NLC, KP, EZ August Ludowici.

100

Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, Die Tragödie H. St. Chamberlain, in: Alldeutsche Blätter, 22.1.1927, S. 16-17, ein Exemplar in BArch, R 8048, Nr. 316, Blatt 88.

101

Chamberlain, Lebenswege, S. 3. Der „Schreibdämon“ sei sein „Trieb zum Schreiben, d.h. also zu der kunstgemäßen Ausgestaltung in Buchform dessen, was mein Innerstes erfüllte, ein Trieb, den ich darum als einen dämonischen bezeichne, weil er das [sic!] beschränkte Machtbereich meines bewußten Wollens um ein Bedeutendes übertrifft und Dinge hervorbringt, die ich als mein Eigenes nicht wiedererkenne […], eine Art Doppelgängertum, wobei die zwei Wesen zwar im Lebensmittelpunkt zusammentreffen, keineswegs aber identisch sind.“

102

Du Moulin-Eckart, Cosima Wagner, Bd. 2, S. 206.

103

Anna Chamberlain, Erinnerungen, S. 90. Zu den Treffen am 13. und 14.6. vgl. Pretzsch, Briefwechsel, S. 15.

104

HSC/Wolzogen, 16.6.1888, NAB, NLC, Rot 292. Der Adressat des Schreibens war Hans von Wolzogen, Mittelpunkt des „Bayreuther Kreises“ und Herausgeber der „Bayreuther Blätter“, des Organs der Wagner-Vereine. Chamberlain stand mit ihm in einer losen Korrespondenz, seit er 1879 unaufgefordert einen einigermaßen naiven Beitrag für die „Bayreuther Blätter“ eingesandt hatte, der von Wolzogen aber barsch abgewiesen worden war. Vgl. das Kapitel „Machtkampf mit Wolzogen“ weiter unten. Auch: Bermbach, Chamberlain, S. 49-51.

105

CW/HSC, 20.6.1888, zit. nach: Pretzsch, Briefwechsel, S. 15-16, hier: S. 16.

106

Vgl. das Kapitel „Ein Theater deutscher Nation“ weiter unten.

107

CW/HSC, 20.6.1888, zit. nach: Pretzsch, Briefwechsel, S. 15-16, hier: S. 16.

108

Richard Wagner, Tagebuchaufzeichnung für König Ludwig II. vom 14.9.1865, in: König Ludwig II. und Richard Wagner. Briefwechsel, herausgegeben vom Wittelsbacher Ausgleichs-Fonds und von Winifred Wagner, bearbeitet von Otto Strobel, 5 Bde., Karlsruhe 1937-1939, hier: Bd. 4 (1937), S. 6. Vgl. auch: Hein, „Es ist viel ‚Hitler‘ in Wagner“, S. 18.

109

Richard Wagner, „Bericht an Seine Majestät den König Ludwig II. von Bayern über eine in München zu errichtende deutsche Musikschule“ vom 23. März 1865, zit. nach: Hein, Es ist viel „Hitler“ in Wagner, S. 18, Anm. 9.

110

Richard Wagner an Theodor Uhlig, 27.2.1849, in: Richard Wagner, Sämtliche Briefe, hrsg. im Auftr. d. Richard-Wagner-Familien-Archivs Bayreuth von Gertrud Strobel u. Werner Wolf, Leipzig 1967, hier: Bd. 3 (1975), S. 194-200, Zitat S. 197. Auch: Hein, Hitler in Wagner, S. 17. Aus der Vielzahl an Wagner-Biographien exemplarisch: Ulrich Drüner, Richard Wagner. Die Inszenierung eines Lebens, München 2016. Udo Bermbach, Richard Wagner in Deutschland. Rezeption, Verfälschungen, Stuttgart/Weimar 2011. Außerdem: Ulrich Müller/Peter Wapnewski (Hrsg.), Richard-Wagner-Handbuch, Stuttgart 1986. Robert Gutman, Richard Wagner. Der Mensch, sein Werk, seine Zeit, München 1970.

111

Breuer, Religion-Kunst-Politik, in: Kiem/Holtmeier, Richard Wagner und seine Zeit, Laaber 2003, S. 145-181, hier: S. 150-154, insb. S. 150-151.

112

Im Folgenden nach: Jörg Ludwig/Andreas Neemann, Revolution in Sachsen 1848/49. Darstellung und Dokumente, hrsg. von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden, Dresden 1999, dort vor allem die Seiten 77-82 und 139-149.

113

Vgl. dazu etwa: Bermbach, Mythos Wagner, S. 69. Drüner, Richard Wagner, S.239-253.

114

Wagner, Vaterlandsverein, in Gänze abgedruckt in Dinger, Wagners geistige Entwicklung, S. 107.

115

Ebd., S. 110-111.

116

Ebd., S. 113-114.

117

Ebd.

118

Ebd., S. 115.

119

Ebd., S. 120.

120

Ebd., S. 118.

121

Ebd., S. 123.

122

Ebd., S. 124.

123

Ebd.

124

Ebd., S. 125.

125

Ebd., S. 130.

126

Ebd., S. 130-131.

127

Ebd., S. 134.

128

Ebd., S. 135.

129

Ebd., S. 129. Diese Interpretation entsprach der verbreiteten Lesart, nach der die konstitutionelle Monarchie seit der Revolution von 1789 als französisches Importprodukt und damit als „undeutsch“ zu gelten hatte.

130

Breuer, Religion-Kunst-Politik, S. 152.

131

Ebd.

132

Zitate aus Richard Wagner, Eine Mitteilung an meine Freunde, in: Sven Friedrich (Hrsg.), Richard Wagner. Werke, Schriften und Briefe, CD-Rom-Ausgabe, Berlin 2004, S. 1985-2185, hier: S. 2122.

133

Udo Bermbach, Mythos Wagner, Berlin 2013. Ders., Richard Wagner in Deutschland, S. 107-116.

134

Grundlegend dazu wie auch zum Folgenden: Jens Malte Fischer, Richard Wagners „Das Judenthum in der Musik“, Frankfurt/Main 2000, darin auch der Text beider Ausgaben der Broschüre.

135

Heer, Wir wollen doch, S. 220. Ausführlich auch: Ders., Richard Wagners Schatten. Ein Vorwort, in: Heer/Fritz, Weltanschauung en marche, S. 7-17, hier: S. 11-13.

136

Wagner, Was ist deutsch, S. 34.

137

Ebd., S. 35.

138

Ebd., S. 36.

139

Ebd., S. 38.

140

Heer, Wir wollen doch, S. 220.

141

Wagner, Was ist deutsch, S. 39.

142

Vgl. Udo Bermbach, Regeneration der Menschheit. Richard Wagners Spätschriften – Hinführung zur Lebensreformbewegung, in: wagnerspectrum 13 (2017), Nr. 2, S. 125-165. Ulrich Drüner, Schöpfer und Zerstörer. Richard Wagner als Künstler, Köln 2003, S. 281-310.

143

Richard Wagner, Erkenne Dich selbst, in: Julius Kapp (Hrsg.), Richard Wagners gesammelte Schriften, 14 Bde., Leipzig 1914, hier: Bd. 14, S. 182-193.

144

Ebd., S. 191.

145

Vgl. Hildegard Châtellier, Wagnerismus in der Kaiserzeit, in: Uwe Puschner/Walter Schmitz/Justus H. Ulbricht (Hrsg.), Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918, Bd. 1, München 1996, S. 575-612, hier: S. 576-583. Eine äußerst pointierte Zusammenfassung bei Drüner, Schöpfer und Zerstörer, S. 284-288.

146

Stefan Breuer, Religion - Kunst - Politik, in: Eckehard Kiem und Ludwig Holtmeier (Hrsg.): Richard Wagner und seine Zeit, Laaber, 2003, S. 145-181, hier: S. 160. Ders., Richard Wagners Fundamentalismus, in: Richard Klein (Hrsg.), Die Narben des Gesamtkunstwerks. Wagners Ring des Nibelungen, München 2001, S. 33-52.

147

Breuer, Religion, Kunst, Politik, S. 157.

148

„Unsre grossen Kunstzwecke haben auch eine politische Bedeutung: diese klar zu machen und im richtigen Lichte zu zeigen, kann Unser Unternehmen einzig wahrhaft, und im guten Sinne populär machen. Wir bedürfen daher einer grossen politischen Zeitung, deren Tendenz Unser Kunstinteresse mit den höchsten politischen Interessen der Nation als im Einklang stehend zu begründen weiss“, notierte Wagner für den König. Vgl. Richard Wagner, Tagebuchaufzeichnung vom 15.9.1865, in: König Ludwig II. und Richard Wagner, S. 7-11, hier: S. 7.

149

Veit Veltzke, Vom Patron zum Paladin. Wagnervereinigungen im Kaiserreich von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende, Bochum 1987, S. 216. Als Überblick zu den Wagnervereinen vgl. auch: Ders., Die organisierte Wagnerbewegung: Verein oder Gemeinde?, in: Ders., Der Mythos des Erlösers. Richard Wagners Traumwelten und die deutsche Gesellschaft 1871-1918, Stuttgart 2002, S. 96-107.

150

Veltzke, Vom Patron zum Paladin, S. 216.

151

Ebd.

152

Wolf-Daniel Hartwich, Richard Wagners ästhetische Herrschaftsform. Zur Soziologie der „Bayreuther Idee“, in: Richard Faber/Christine Holste (Hrsg.), Kreise, Gruppen, Bünde. Zur Soziologie moderner Intellektuellenassoziationen, Würzburg 2000, S. 305-327, hier: S. 316.

153

Schüler, Bayreuther Kreis, S. 69-70. Pointiert auch Massimo Ferrari Zumbini, Untergänge und Morgenröten. Nietzsche-Spengler-Antisemitismus, Würzburg 1999, S. 102-110, insb. S. 105.

154

Richard Wagner, Zur Einführung, in: Bayreuther Blätter. Monatsschrift des Bayreuther Patronatsvereines (im Folgenden: BB) 1 (Jan. 1878), S. 1-5. Vgl. auch den Artikel von Hans von Wolzogen, „Unsere Lage“, ebd., S. 6-22. Richard Wagner, Was ist deutsch, in: BB 1 (Feb. 1878), S. 29-42. Vgl. auch Ders., Publikum und Popularität, in: BB 1 (Apr. 1878), S. 85-92. Ders., Modern, in: BB 3 (März 1878), S. 59-63.

155

Vgl. die folgenden Aufsätze Richard Wagners: Religion und Kunst, BB 3, (Okt. 1880); Was nützt diese Erkenntnis?, BB 3 (Dez. 1880), S. 332-341; Erkenne dich selbst, BB 4 (Feb/März 1881), S. 33-41. Auch: Hein, Hitler in Wagner, S. 103-110.

156

Zumbini, Untergänge und Morgenröten, S. 104-105. Châtellier, Wagnerismus in der Kaiserzeit, S. 585-591.

157

Cosima Wagner (im Folgenden: CW), Tagebucheintrag vom 11.10.1879, in: Martin Gregor-Dellin/Dietrich Mack (Hrsg.), Cosima Wagner, Die Tagebücher. 4 Bde., 2. durchges. und rev. Auflage, München/Zürich 1982, hier: Bd. 3, S. 424.

158

CW, Tagebücher Bd. 4, Eintrag vom 24. 2. 1881, S. 700.

159

Vgl. dazu Veltzke, Früher Parteiantisemitismus, Wagner und Wagner-Anhängerschaft, in: Ders., Der Mythos des Erlösers, S. 142-159, hier: S. 145, 148. Sven Fritz, „Unsere Zustimmung kann immer nur eine verklausulirte sein“. Die Bayreuther Blätter 1878 bis 1938, in: Olivier Dard/Michel Grunewald/Uwe Puschner (Hrsg.), Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus im deutsch- und französischsprachigen Europa (1919-1949), Bd. 4: Konservative, Nationalisten, ehemalige Nationalsozialisten (Convergences, Bd. 100), Bern 2020, S. 335-347.

160

Lobenstein-Reichmann, Textliche Konstruktion einer Weltanschauung, S. 664-665. Auch: Rainer Hering, „Parteien vergehen, aber das deutsche Volk muß weiterleben.“ Die Ideologie der Überparteilichkeit als wichtiges Element der politischen Kultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, in: Walter Schmitz/Clemens Vollnhals (Hrsg.), Völkische Bewegung-Konservative Revolution-Nationalsozialismus. Aspekte einer politisierten Kultur (Kulturstudien, Bd. 2), Dresden 2005, S. 33-45.

161

Constantin Frantz, Offener Brief an Richard Wagner, in: BB 1 (1878), Nr. 6, S. 149-170, hier: S. 169. Auf den Zusammenhang von Frantz’ Metapolitik-Entwurf in den „Bayreuther Blättern“ und den Folgen dieses Denkens hat bereits 1941 der amerikanische Journalist Peter Viereck hingewiesen: Peter Viereck, Metapolitics. From Wagner and the German Romantics to Hitler, New Brunswick (USA)/London (UK) 32007 [zuerst: New York 1941], S. 4. Vgl. außerdem: Michael Dreyer, Constantin Frantz: Der Außenseiter des Antisemitismus, in: Bergmann/Sieg, Antisemitische Geschichtsbilder, S. 39-60. Auch: Hans Rudolf Vaget, Wehvolles Erbe. Zur „Metapolitik“ der „Meistersinger von Nürnberg“, in: Kiem/Holtemeier, Richard Wagner und seine Zeit, S. 271-290. Auch Bermbach, Chamberlain, S. 563, erwähnt Frantz’ Metapolitik-Konzept.

162

Peter-Ulrich Hein, Völkische Kunstkritik, in: Uwe Puschner/Walter Schmitz/Justus H. Ulbricht (Hrsg.), Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918, München 1999, S. 613-633, hier: S. 616. Vgl. auch: Vaget, Wehvolles Erbe, S. 271-287.

163

So etwa die Begriffserklärung auf der Internetpräsenz der „Identitären Bewegung“, https://www.identitaere-bewegung.de/metapolitik, letzter Zugriff 23.1.2019. Als Übersicht instruktiv: Weiß, Autoritäre Revolte. Zur Instrumentalisierung Gramscis vgl. das im rechtsradikalen „Jungeuropa-Verlag“ erschienene Buch von Alain Benoist, Kulturrevolution von rechts: Gramsci und die Nouvelle Droite, Dresden 2017 [zuerst: Krefeld 1985]. Zur Einordnung Benoists vgl. Ellen Daniel, Alain de Benoist. Nouvelle Droite – Antikapitalismus von rechts, in: Ralf Fücks/Christoph Becker (Hrsg.), Das alte Denken der Neuen Rechten. Die langen Linien der antiliberalen Revolte, Bonn 2020, S. 176-189. Auch die Wagner-Forschung bleibt von derartigen Entwicklungen nicht verschont, vgl. die im rechtsradikalen Ares-Verlag erschienene und in Deutschland durch Götz Kubitscheks Antaios-Verlag vertriebene Publikation von Rüdiger Jacobs, Richard Wagner. Konservativer Revolutionär und Anarch. Kritik von Staat und Gesellschaft aus der Sicht eines „Unpolitischen“, Graz 2013. Vgl. auch dessen Dissertationsschrift: Revolutionsidee und Staatskritik in Richard Wagners Schriften. Perspektiven metapolitischen Denkens“, Würzburg 2010.

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