Kapitel VI Interventionen: Der völkische Intellektuelle

in Houston Stewart Chamberlain
Autor:in:
Sven Fritz
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Im Januar 1897, wenige Tage nachdem er mit dem Abfassen der „Grundlagen“ begonnen hatte, schrieb Chamberlain mit Blick auf seine bis dato in der Presse veröffentlichten Artikel nach Wahnfried: „Ich kann nicht glauben, dass das Bischen [sic!] Geschreibsel in Juden- und Christenblättern für Bayreuth eine wahre Bedeutung hat – ausser der subjektiven der bethätigten Gesinnung, welche allerdings nicht gleich Null geschätzt werden darf.“1 Dreieinhalb Jahre später, im August 1900, war diese zögerlich-distanzierte Haltung einem realistischen und fast schon routinierten Umgang mit dem Massenmedium gewichen. Anlässlich eines kurz zuvor in der bekannten Zeitschrift „Jugend“ erschienenen Aufsatzes meldete er an Cosima: „Den übrigen Zeitungen sagte ich ab, doch die Jugend wird viel gelesen – merkwürdiger Weise. […] Natürlich muss man das Ziel – auf ein grosses mittleres Lesepublikum zu wirken – im Auge behalten. Das vorausgesetzt, hoffe ich, Sie werden dem Aufsatz einiges Gute abgewinnen.“2

Diese exemplarisch zitierte Passage spiegelt den Rollenwechsel, den Chamberlain durch die Arbeit an den „Grundlagen“ und deren überwältigenden Erfolg vollzogen hatte: Aus dem Bayreuth-Propagandisten, der neben seinen Büchern vor allem für die „Bayreuther Blätter“, für Musikzeitschriften und für das Organ der Wiener Alldeutschen, die „Ostdeutsche Rundschau“, schrieb, war ein bekannter Schriftsteller geworden, der von allen Seiten um Beiträge gebeten wurde und, wichtiger noch, zu unterscheiden gelernt hatte zwischen lohnenswerten und weniger lohnenswerten Publikationsforen. Damit einhergegangen war auch eine Verschiebung des avisierten Publikums: Es galt nicht mehr nur eine vermeintliche Kultur- und Geisteselite von Wagnerianern zu belehren oder angehende Adepten zu bekehren, sondern mit der in den „Grundlagen“ synthetisierten Weltanschauung auf „ein grosses mittleres Lesepublikum“ und damit möglichst in die Breite des bürgerlichen Milieus zu wirken – Chamberlain hatte damit seine bislang wichtigste Sozialisationsagentur, Cosimas „Schule der Tat“, endgültig hinter sich gelassen. Nun schickte er sich an, zum eigenständig agierenden Akteur in einer Ideenzirkulation zu werden, die zur Jahrhundertwende nicht mehr in einer Elitenöffentlichkeit, sondern in einer durch die Presse und den Buchmarkt konstituierten Massenöffentlichkeit stattfand.3 Mit den „Grundlagen“ verfügte er dabei über ein von vielen Lesern als schlüssig wahrgenommenes „Angebot zur Rationalisierung von Lebensordnungen“ sowie über einen mit der Verheißung einer „germanischen“ Zukunft lockenden, utopischen Entwurf „einer besseren Lebenswelt“.4 Beides galt es nun zu popularisieren und der Brite nutzte, so wird zu zeigen sein, verschiedene Möglichkeiten zur öffentlichen Intervention in den kulturellen und politischen Diskursraum. Diese Interventionen folgten unterschiedlichen diskursiven Strategien, die dem jeweiligen Kreis der Rezipienten angepasst waren, in ihrer Mehrzahl aber über einen identischen völkischen Kern verfügten: Egal durch welches Thema Chamberlain Anschlussfähigkeit für seine weltanschauliche Agenda herzustellen suchte – im Mittelpunkt stand in der Regel die Warnung vor rassischer Degeneration und dem damit unweigerlich folgenden kulturellen wie nationalen Niedergang, angeblich gewollt und vorangetrieben durch die Machinationen des im Verborgenen agierenden Judentums.

„Intellektuelle sind“, so sei noch einmal an die Definition von Daniel Morat erinnert, „in der Regel Angehörige akademischer oder künstlerischer Berufe, die sich auf ihrem jeweiligen Tätigkeitsfeld eine gewisse Reputation erarbeitet haben und sich nun in einer Angelegenheit öffentlich zu Wort melden, die außerhalb ihres originären Tätigkeitsfeldes liegt und von allgemeinem politischen Interesse ist.“5 Schriftsteller, so Morat weiter, seien „für die Intellektuellenrolle prädestiniert“, da „sie einerseits als Spezialisten des Wortes der öffentlichen Rede mächtig“ und andererseits im Unterschied zu den vorrangig als „Experten“ wahrgenommenen Wissenschaftlern „in öffentlichen Angelegenheiten per se Generalisten“ seien, die „im eigenen Auftrag“ handeln.6

Für Chamberlain trifft diese Klassifizierung ganz offenkundig zu: Trotz seiner gescheiterten akademischen Karriere und ohne nennenswerte wissenschaftliche Leistung wurde ihm in der öffentlichen Wahrnehmung die Reputation des wissenschaftlich ausgebildeten Gelehrten zugeschrieben, die ihm nun zur Legitimation seiner Wortmeldungen diente. Als erfolgreicher Schriftsteller wie als vermeintlicher Kulturphilosoph und dilettierender Generalist setzte er sich tatsächlich ab von den Experten einer zunehmend fragmentierten Wissenschaft und Wissensproduktion – was freilich nicht bedeutete, dass er nicht gelegentlich in die Expertenrolle schlüpfte. Zugleich berührte sein universalistisch auftretender Weltanschauungsentwurf sui generis das allgemeine Interesse. Unzweifelhaft wurde so mit dem Erscheinen der „Grundlagen“ aus dem Weltanschauungsautor der Intellektuelle, genauer: der völkische Intellektuelle. Denn Chamberlains öffentliche Interventionen erfolgten stets und ohne Ausnahme auf Basis seiner rassistischen, antisemitischen und religiös wie germanenideologisch überformten Weltanschauung, ganz unabhängig davon, welchen ihrer Bestandteile der Brite jeweils in den Vordergrund rückte.7 Diesen Interventionen, ihren Entstehungszusammenhängen, Interdependenzen und Wirkungen nachzugehen, ist Aufgabe der folgenden Kapitel.

1. Erste Wortmeldungen

Unmittelbar nach Beendigung der Arbeit an den „Grundlagen“, in den ersten Monaten des Jahres 1899, hatte Chamberlain damit begonnen, in schneller Folge eine Reihe von Aufsätzen und Zeitungsartikeln zu publizieren, die sich vorrangig mit Bayreuth-spezifischen Themen befassten – ganz so, als suche er nach Abschluss des Mammut-Projekts einen Ausgleich in den bekannten Gefilden des Wagner-Kultes.8 Auch im weiteren Verlauf des Jahres war er noch beschäftigt mit Texten zum Wagnerkosmos und artverwandten Fragen.9

Im Januar 1900 allerdings änderte sich die thematische Ausrichtung grundlegend: Während die Wagner-Themen nur noch am Rande vorkamen – und wenn, dann nicht selten auch mit politischem Einschlag10 –, rückten nun Artikel in den Vordergrund, in denen Chamberlain die in den „Grundlagen“ ausgebreitete Weltanschauung mit aktuellen politischen Fragen und Anlässen verband. Den Auftakt machte ein zweiteiliger Aufsatz unter dem Titel „Die Racenfrage“ in der Wochenschrift „Die Wage“, die dem liberalen Jung-Wiener Literatenkreis nahestand und von dem Dramatiker Rudolf Lothar sowie dem Journalisten und späteren Reichsratsabgeordneten Ernst Viktor Zenker herausgegeben wurde.11 Lothar hatte bereits im Mai 1899 Kontakt zu Chamberlain gesucht, um ihn für eine Vortragsreihe und für ein weiteres Wagner-Buch zu gewinnen.12 Der Brite hatte zwar an den vorgeschlagenen Projekten kein Interesse, bot aber einen Beitrag für die „Wage“ an, um so die Werbetrommel für die „Grundlagen“ rühren zu können.13

In seinem Aufsatz schilderte er dann auch die „unvergleichliche Bedeutung der Rasse“ als „unanfechtbare, bleibende wissenschaftliche Erkenntnis“ und als Basis alles menschlichen Lebens – hervorgebracht durch „reine Züchtung, verbunden mit besonderen, einseitig fördernden Umständen“, verantwortlich für „gewisse Anlagen des Körpers oder auch gewisse Züge des Charakters und des Intellekts“, formiert in der Nation als der „kräftigste[n] Erhalterin und Förderin der Rasse“14 sowie als treibende Kraft eines ewigen Kampfes zwischen dem „reingezüchtete[n] nordeuropäische[n]“ Menschen und dem „bastardisierte[n], rassenlose[n] Völkerchaos“.15 Die Juden, stilistisch geschickt erst am Ende und ohne schärfere Polemik eingeführt, zeichnete er als „absolutesten Contrast“ zu allen anderen Völkern aufgrund der von ihnen angeblich zum Gesetz erhobenen „Reinheit der Rasse“.16

Als deren Verbündete im Kampf gegen das Germanentum ließ Chamberlain die Basken und die Savoyarden aufmarschieren und schuf sich damit die Möglichkeit, seinen Ausführungen eine antikatholische Stoßrichtung zu geben: Von diesen „fremdartigen Menschen“ sei der „Schlachtenplan entworfen und das Signal gegeben“ worden zum „Ansturm auf alles Germanische“, denn von „den drei ersten Jesuiten waren zwei – Ignatius von Loyola und Franz Xavier – reinrassige Basken, der dritte – Faber – ein typischer Savoyard.“17 Die Ordensregeln der Jesuiten seien überdies „ein wörtlicher Abklatsch von mohammedanischen, d.h. reinsemitischen“ Regelwerken, so dass er zusammenfassen konnte, „hier tritt also das Antigermanische geschlossen auf.“18 Germanen, Juden und Jesuiten, Rassezucht und Völkerchaos – damit waren die wesentlichen Bestandteile des Rassekampfes benannt, dessen Stellenwert der Autor am Ende noch einmal unterstrich: „‚Rasse ist Alles‘; es gibt keine andere Wahrheit. Und jede Rasse muß zu Grunde gehen, die ihr Blut sorglos Vermischungen hingibt.“19

Bemerkenswerter als dieser offene Rassismus ist indes die Art und Weise, mit der Chamberlain seinen Text den Gegebenheiten anpasste: Nicht nur enthielt er sich in dem Blatt mit einem liberalen jüdischen Herausgeber nahezu jeglicher antisemitischer Polemik und beschränkte sich auf scheinbar ganz allgemeine rassische Überlegungen, sondern er inszenierte sich als Teil eines übergeordneten und vermeintlich objektiven Wissenschaftsdiskurses, den es von politisch motivierten Tabuzonen zu befreien galt. So habe angeblich eine „Schule von Naturforschern […] ex cathedra“ verboten, „von Race zu sprechen“, nur weil man „keine scharfe Definition der verschiedenen Racen geben“ könne.20 Es seien diese „Neodogmatiker“ unter dem „Pontificat Virchow’s und dem Vicariat Kollmann’s“, die den Irrglauben verkündeten, „alle Menschen seien ‚für jede Aufgabe gleich begabt‘. […] Hier“, schrieb Chamberlain, „wird Wissenschaft offenbar Wahnsinn. Sie wird aber Frevel, sobald sie – was gerade hier bei der Racenfrage der Fall gewesen ist – in das praktische und politische Leben gesetzgebend eingreift.“ Indem die Wissenschaftler „den Mischmasch des Blutes als die Panacee […] der Menschheit priesen“, seien sie „in Wirklichkeit – ganz unbewußt aber nicht minder erfolgreich – die mächtigsten Bundesgenossen aller Jesuiten der Welt.“

Dagegen jedoch werde „der Germane“ sich zunehmend „seines Germanenthums wieder bewußt“, während „der südeuropäische Bastard“ aus „Abneigung gegen das echt Germanische“ sich „dem erdichteten ‚Romanenthum‘“ zuwende. Die Juden hingegen, „die zwar nicht ihre eigene Existenz, aber doch ihren Stolz ein wenig vergessen hatten, erwachen wieder zu alttestamentarischem Selbstgefühl“ und „strafen Jean Paul Lügen, der von unserem Jahrhundert vorausgesagt hatte: ‚Die Juden werden aufhören und die Völker frei werden.‘“ Dies war eine offene Sympathiebekundung für das sich explosionsartig vermehrende Schrifttum zum Rasse-Thema wie für die alldeutsche und völkische Sammlungsbewegung, die Chamberlain in Wien hatte beobachten können. Zum langfristigen Erfolg der germanischen Erweckung, so belehrte der Autor seine Leser, benötige man nun allerdings „klare, regulative Ideen. Wir ahnen die Bedeutung von Race, finden uns aber in der großen, verwirrten Masse von Thatsachen nicht zurecht. Hier brauchen wir einen Führer.“ Dass die „Grundlagen“ dazu eine wesentliche Vorarbeit waren, ergab sich nach diesen Ausführungen von selbst.

Die Redaktion indes, die Chamberlain ganz offenbar wegen seiner Prominenz eingeladen hatte, sah sich angesichts derart steiler Thesen veranlasst, Distanz zwischen sich und den Autor zu bringen und bemerkte, man könne „nicht unterlassen zu betonen, daß wir bezüglich der Racenfrage in manchen Punkten mit dem geschätzten Herrn Verfasser nicht übereinstimmen.“21 Der wiederum zeigte sich sehr zufrieden mit seiner Arbeit: Er sei, so schrieb er nach Bayreuth, „bei einem Rassenaufsatz, den ein Jude, das Messer in der Hand, von mir forderte, […] ins richtige Feuer gerathen, wo einem die Einfälle vom Himmel kommen, dass man nicht weiss, wohin damit“.22 Das Echo aus Bayreuth kam prompt: „Also nochmals Racen; nur immer zu, das ist jetzt die Frage! Sein oder nicht sein!“23 Drei Wochen später setzte Cosima nach: „[…] ich kann nicht sagen, wie wertvoll ich es finde, daß Sie diese Dinge so bestimmt und überzeugend aussprechen. Der Haß der Jesuiten gegen alles Germanische ist ein Rassen-Haß.“24

Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Redaktion noch einmal an Chamberlain gewandt hätte, wäre ihr das wahre Ausmaß seiner antisemitischen Verachtung bewusst gewesen. So jedoch fragte sie im Juni 1900 erneut an: Der Brite sollte Stellung nehmen zu der „in den letzten Wochen so dringend gewordenen chinesischen Frage“.25 Doch der Autor hatte das Interesse verloren, und so blieb auch eine weitere Offerte zu einem Artikel über „Österreich und das Germanenthum“26 ohne Reaktion. Der Grund für dieses Desinteresse war einfach: Chamberlain erhielt mittlerweile Anfragen von auflagenstärkeren Zeitungen. Als kleine Kulturzeitschrift, die stets im Schatten ihrer großen Konkurrenten blieb, konnte Rudolf Lothars „Wage“ da nicht mithalten. Der „Jude mit dem Messer in der Hand“ hatte seine Schuldigkeit getan.

Die Seele des Chinesen

Während sich Chamberlain im winterlichen Wien in der Intellektuellen-Rolle erprobte, eskalierte am anderen Ende der Welt, in China, ein seit langem brodelnder Konflikt: Eine innenpolitische Krise und die immer drängender werdenden Zugriffsversuche der europäischen Kolonialmächte hatten das Kaiserreich in Fernost politisch und ökonomisch destabilisiert. Das Ergebnis waren Gewalt und Terror: Eine als „Boxer“ bekannt gewordene Protestbewegung erklärte die im Land befindlichen Ausländer wie die Minderheit der chinesischen Christen zu den Schuldigen der Misere und begann mit Angriffen auf Kirchen, Eisenbahnlinien und Telegraphenleitungen. Die Nachrichten über diese Vorfälle gehörten in den ersten Monaten des neuen Jahrhunderts zur Tagesordnung und gelangten als beunruhigende Pressemeldungen auch in die europäischen Gesellschaften. Dort fielen sie auf einen bereits umfassend vorbereiteten Boden, denn die in den USA wie in den europäischen Staaten betriebene Stimmungsmache gegen die „Gelbe Gefahr“, die sich insbesondere gegen das wirtschaftliche Potential Chinas und gegen die ausgewanderten Chinesen richtete, hatte ein Klima der Ablehnung entstehen lassen. Die Berichte über Angriffe auf die Europäer und deren Einrichtungen schienen nun diese Vorurteile zu bestätigen. Als Anfang Juni 1900 die Gewalt die Hauptstadt Peking erreichte und dort die europäischen Gesandtschaften bedrohte, war man in Europa alarmiert.27

Die Anfrage der „Wage“ bewegte sich also ganz am Puls der Zeit. Doch Chamberlain hatte bereits ein anderes Blatt in Aussicht genommen: Das „Neue Wiener Tagblatt“, die auflagenstärkste Tageszeitung der Stadt mit überregionaler Bedeutung und deutschliberaler Ausrichtung – gegen Katholizismus, Sozialdemokratie und die slawische Minderheit und für eine Vereinigung des deutschsprachigen Österreichs mit dem Deutschen Reich, jedoch ohne den aggressiven Judenhass der Deutschnationalen und Christlichsozialen. Hermann Bahr schrieb in der Zeitung, deren Untertitel „Demokratisches Organ“ lautete, außerdem Ludwig Karpath, Heinrich Pollak oder Ernst Mach; der Chefredakteur dieser Jahre war der Journalist Wilhelm Singer, der aus einem jüdischen Elternhaus stammte.28

Chamberlains zweiteiliger Beitrag erschien unter dem Titel „Die Seele des Chinesen“ am 5. und 6. April 1900 jeweils auf der Titelseite, direkt unterhalb des Leitartikels,29 und schlug schon in der Einführung genau den alarmistischen Ton an, der viele Meldungen über die Situation in China kennzeichnete: Durch die zunehmenden Kontakte mit dem riesigen Land, dessen „Einwohner fast ein Viertel der gesamten Bevölkerung der Erde“ ausmachten, sei China den Europäern „nahegerückt; wir haben es so gewollt; […] Möchten wir es nie zu bereuen haben!“30 Die Angstvision, die der Autor dann folgen ließ, entsprach zunächst ganz den stereotypen Vorurteilen, wie sie im allgegenwärtigen Bild von der „Gelben Gefahr“ verdichtet waren: die Vorstellung einer „Menschenwelle“, die „über einen nunmehr zugänglich gemachten Continent ohne Hinderniß“ hereinzubrechen drohte und dabei alles, „was die Arbeit von Jahrtausenden erworben hat, hinwegschwemmen“ würde; außerdem die durch angebliche Rassenunterschiede bedingte Distanz des „Chinesen“ zum Europäer, wobei freilich die Grenzen zwischen Chinesen, Japanern und Angehörigen anderer asiatischer Ethnien fließend waren. Während „alle echten Europäer, dazu die echten und halbechten Semiten, die Syrier, die Perser und die arischen Inder“ trotz ethnischer Unterschiede grundsätzliche anthropologische Konstanten miteinander teilten – die Fähigkeit, „sich zu kennen, zu lieben, geistig zu durchdringen und gegenseitig zu beeinflussen“ –, stelle der Chinese „einen absoluten Gegensatz zu dieser ganzen Menschengruppe“ dar: Ein „Durchdringen unserer Culturideale und der seinen ist ausgeschlossen, ja, selbst ein wirkliches sympathisches Verstehen, nämlich ein Verstehen aus den Motiven heraus“ sei undenkbar.

Im Chinesen stand dem Europäer demnach „ein absolut Fremdes […] gegenüber, gerade so wie beim Neger“, der schließlich auch nur durch „Humanitätsdusel und die kirchliche Lehre“ in den Ruf gekommen sei, ein „liebe[r] schwarze[r] Bruder“ zu sein, „den wir mit einem bischen Pear’s Soap und geduldigem Frottiren bald die schwarze Farbe abgewischt haben würden!“ Dabei, so belehrte Chamberlain seine Leser, bestünde die einzige Leistung der „Neger“ lediglich darin, sich oberflächlich und mit „affenmäßiger Geschwindigkeit“ die Kultureigenschaften des Europäers anzueignen, nur um sie anschließend in ihr Gegenteil zu verkehren oder auf eine primitive Entwicklungsstufe herabzuziehen. Sie müssten deshalb, fuhr er im Rückgriff auf den Schweizer Psychiater und Sozialreformer Auguste Forel fort, „als das erkannt werden, was sie sind, als eine durchaus untergeordnete, minderwerthige, in sich selbst culturunfähige Menschenunterart.“ Dies sei auch nicht durch „Vermischung“ zu ändern, da „in Folge der stärkeren geschlechtlichen Kraft des Negers bei schwächerem Gehirn alle Mulatten erfahrungsgemäß nach kurzer Zeit ins reine Negerthum zurückfallen“. Ganz „Affect“ und gar nicht „Überlegung“, könne der Neger deshalb ein treuer Diener sein, nur um „nach zwanzig Jahren treuen Dienstes […] gleichsam unabsichtlich und ohne Bosheit“ seine „Herrin und alle ihre Töchter der Reihe nach bis herunter zur sechsjährigen [zu] vergewaltigen.“ Mit „solchen Menschen“ müsse man deshalb wie „mit Hausthieren“ verfahren: „Man legt sie an die Kette.“

Ohne Zweifel flossen hier, wenn auch in einer für Chamberlain bemerkenswert drastischen Sprache, die verbreiteten rassistischen Vorurteile zusammen, die Schwarzen eine primitivere Entwicklungsstufe als Weißen zuwiesen und sie in die Nähe des Affen rückten – nur, um dieses Ressentiment zugleich mit der Vorstellung von einer ins Absurde gesteigerten sexuellen Potenz zu befeuern, die, halb gefürchtet, halb beneidet, die weiße Frau und damit den gesamten rassistisch definierten „Volkskörper“ bedrohte. Chamberlain hatte ähnliche Überlegungen in den „Grundlagen“ formuliert und dabei ebenfalls auf die Arbeiten Auguste Forels zurückgegriffen.31 Doch hier wie dort diente ihm „der Neger“ nur als Verstärker für das eigentliche Ziel seiner Attacke: Waren es in den „Grundlagen“ die Juden gewesen, die als noch negativer als der „Neger“ erscheinen sollten,32 richtete sich der Angriff hier gegen „die Chinesen“.

Diesem Typus gegenüber seien die Europäer geradezu „Affectmenschen“, denn der Chinese „sei schlauer als wir selber […], beherrsch[e] sich vollkommen“ und sei fähig, „fernen Zwecken mit eiserner Geduld, wortlos, ohne sich je zu verrathen, nachzustreben“.33 Sein rassebedingtes Unverständnis für die Angehörigen aller anderen Rassen mache ihn für Mitgefühl unempfänglich und befähige ihn zu besonderer Grausamkeit: „Mordet er uns, so geschieht es kaltblütig, als die bequemste Art, einen Lästigen loszuwerden. Nicht aus religiöser Leidenschaft – die kennt er nicht – tötet er hin und wieder Missionäre, sondern weil die Christen das feste Gefüge des socialen Wesens in Unordnung bringen und Zeit vergeuden.“ War damit das Vorgehen der „Boxer“ erklärt, nahm Chamberlain sogleich ein zweites beängstigendes Phänomen in den Blick: die Auswanderung vieler Chinesen in die USA und ins britische Empire. „Und kann er nicht morden, so überwuchert er uns. Die chinesische Welle reicht nach Osten schon bis zu den mittleren Staaten Nordamerikas, im Süden hat sie bereits den ganzen australischen Continent umfaßt, wo die Chinesen als Diener, Dienstmänner, Wäscher, Schneider und so weiter sich immer unentbehrlicher machen, im Westen erstreckt sie sich über ganz Hinter- und Vorderindien sowie ins asiatische Rußland hinein.“

Deshalb sei es nötig, „sine ira et studio, zugleich ohne alle religiöse und sonstige Vorurtheile“, zu untersuchen, „was den Chinesen von uns Allen unterscheidet“ – ein Unterfangen, das der Autor anhand von „Religion und Philosophie“ zu erledigen gedachte.34 In religiösen Belangen, so führte er wortreich aus, sei es das Fehlen einer Erlösungsreligion, das belege, dass der Chinese „gar keine Seele“, besitze, da er in „seinem geistigen Leben“ über „gar nichts“ verfüge, „was unsere[m] Begriff von ‚Religion‘ entspräche“: weder „den unerschütterlichen Gottesglauben der Juden, noch die Verklärung des Diesseits durch ein Jenseits der Christen und noch viel weniger die kühne metaphysisch-religiöse Durchdringung der Zeit und des Ich, wie sie die Inder durchführten und neuerdings Immanuel Kant“.35

Der Konfuzianismus sei hingegen nicht mehr als eine zwar gelungene „Anleitung zum praktischen öffentlichen Leben“ und „eine rationelle Ethik“, seine Literatur aber „von einer Langeweile und Plattheit, von denen man sich schwer einen Begriff machen kann“; der Begründer selbst „keine halbmystische Persönlichkeit wie Yadjuavalkya, kein Entsagungsheld wie Buddha, kein Visionär wie Muhammed, kein Märtyrer wie so Viele, nein, ein Beamter von guter Bildung, von großer Weltkenntnis, von tadellosen Sitten“.36 Diesem „Kompilator“ und „Herausgeber von Ideen anderer Leute“, dessen einziger Wert in seinem „gänzlichen Mangel an Originalität“ gelegen habe, verehre man in China „wie eine Art Gott“, entrüstete sich der Brite und schloss empört: „Ich finde, diese Thatsache sagt mehr als ganze Bände von gelehrten Betrachtungen über die Seele des Chinesen.“

War damit die Religion abgefertigt – den chinesischen Buddhismus hatte er bereits am Beginn seiner Ausführungen kurzerhand als beliebig und im Kern antireligiös lächerlich gemacht –, wandte er sich nun der Philosophie zu, bemerkte allerdings sogleich einschränkend: „Wo die Religion zu kurz kommt, wird man von der Philosophie auch nicht viel erwarten.“ Immerhin: Laotse und den Daoismus ließ Chamberlain als „eine gewisse Ehrenrettung der chinesischen Seele“ gelten, auch wenn von diesen ebenfalls „freilich keine eigentliche Metaphysik“ zu erwarten sei – ein Mangel, der dazu geführt habe, dass die Chinesen im Lauf der Jahrhunderte „progressiv verdummt, erstarrt und corrumpirt“ seien.

Vor diesem Hintergrund erschien der „chinesische Geist“ als geradezu „unfähig“, die „Last der Bildung“ zu tragen und sich zivilisatorisch fortzuentwickeln: Den „Untergrund des chinesischen Staates“ forme deshalb „auch heute noch eine Art Dorfgemeinde-Communismus“ und es gebe „auf der ganzen Welt keine so fleißigen, so pietätvollen, so guten und glücklichen Menschen […] wie die Chinesen – so lange sie keine Bildung besitzen, sondern als kluge, emsige, unwissende Bauern im Schweiße ihres Angesichts das Land bebauen.“ Gerade darin aber, warnte der Autor, lauerte die Gefahr, „denn der Mann ohne Wahn, ohne Traum, ohne Ideal ist dem anderen in gewisser Beziehung immer überlegen; er kann uns im rein stofflichen Kampf ums Leben schlagen, und er kann auch unseren beschwingten Geist mit seinem Geiste inficiren oder ihm tückisch die Flügelsehnen durchschneiden. Vor diesem seelenlosen Menschen sei bei Zeiten gewarnt.“

Es ist unzweifelhaft, dass Chamberlains Artikel seinen Teil zur Einordnung Chinas und seiner Bevölkerung in den Rasse-Diskurs beitrug, wie er sich im populären Diktum von der „Gelben Gefahr“ niederschlug und in der Öffentlichkeit schnell Verbreitung fand. Zugleich ist es bemerkenswert, dass der Brite in seinen Argumentationsmustern einen anderen Weg wählte als die Mehrzahl der sonstigen Mahner. Während dort die Chinesen vorrangig als „Wilde“ figurierten und die Autoren so an koloniale Diskursstrategien anknüpften, wie sie aus dem afrikanischen Kontext bekannt und eingeübt waren, verzichtete Chamberlain auf das Narrativ von der „wilden Bestie“ und ersetzte es durch das Bild des seelen- und gewissenlosen Meuchelmörders. Dies mag daran gelegen haben, dass der Text Anfang April 1900 veröffentlicht wurde – also zu einem Zeitpunkt, als sich die Situation gerade zuspitzte, die militärische Intervention der Europäer aber noch nicht begonnen und die Brutalisierung des öffentlichen Diskurses in Deutschland noch nicht stattgefunden hatte.37 Gut möglich, dass er im Sommer des Jahres ein anderes Bild gezeichnet und darin dem „seelenlosen“ Chinesen zusätzlich eine kreatürlich-bestialische Seite zugeschrieben hätte.

Doch einen solchen zweiten Artikel gab es nicht mehr, denn Chamberlains publizistisches Interesse hatte nie wirklich der Krise in Fernost gegolten, sondern diese nur als Vehikel genutzt, um die „Rassenfrage“ in einem neuen, unverfänglichen und aktuellen Kontext zu behandeln. Liest man den Artikel unter dieser Prämisse, so fällt auf, mit welchem Geschick es dem Autor gelang, den tagesaktuellen Anlass zu nutzen, um tragende Säulen seiner Weltanschauung – Rasse und eine „artgerechte“ Religion – einem breiten Publikum zu präsentieren. Das Mischungsverhältnis rassistischer, kultureller und religiöser Überlegungen stand im Gegensatz zu den sonst verbreiteten Stereotypen, wurde dadurch interessant und sicherte dem Autor ein Alleinstellungsmerkmal. Während die einzelnen Bestandteile der Argumentation ganz offensichtlich den „Grundlagen“ entstammten und lediglich neu kompiliert waren, war die eigentümliche Vermischung von „Negern“ und „Chinesen“ zu einem gemeinsamen Bedrohungsszenario, bei dem jede Gruppe dennoch ihre eigene Funktion erfüllte, älter. Sie war bereits im Dezember 1896 aufgetaucht, als der Brite, noch ganz in Erinnerungen an die vorangegangenen Festspiele, an Cosima geschrieben hatte: „Die Chinesen und Neger mögen sich koalieren und uns morgen überrumpeln und, soweit sie es verstehen, vertilgen; ganz kann diese Tat nie untergehen.“38

Dies erklärt möglicherweise auch, mit welcher Leichtigkeit er in seinem Zeitungsartikel Argumentationsmuster auf die „Chinesen“ übertrug, die er sonst für die Juden reserviert hatte: das Fehlen eines Erlösungsglaubens, die ganz auf das irdische Leben gerichteten religiösen Vorschriften und Gebräuche, die Verschlagenheit und Camouflage, die Unfähigkeit zur Kulturbildung, die Gefahr der Degeneration des eigenen Volkes durch Kontakt mit dem fremden Denken und der fremden Kultur und, als Basis aller Überlegungen, die rassische Distanz zu allen anderen Völkern wie die Unmöglichkeit des gegenseitigen Verstehens und der Empathie füreinander. All dies verstärkt den Eindruck, dass der China-Artikel eigentlich als Belehrung über allgemeine rassische Zusammenhänge anhand eines aktuellen Beispiels konzipiert war. Judenhass und Germanenideologie mussten hier zurücktreten, lauerten aber unter der Oberfläche.

Vielleicht setzte Chamberlain auch auf die Fähigkeit seines Publikums zur Analogiebildung, mit deren Hilfe sich die Chinesen zu Juden und die bedrohten Europäer zu Germanen oder Deutschen rückübersetzen ließen. Wie leicht dies fallen konnte, beweist eine Glosse in den „Wiener Neuesten Nachrichten“, in welcher der Lueger-Parteigänger Franz Masaidek im April 1900 feixte, ein „gewisse[r] Chamberlain“ habe gewarnt, der Chinese sei „ein Mann ohne Wahn, ohne Traum, ohne Ideal“ und deshalb seinen Gegnern „immer überlegen.“ Wenn „dies richtig sein sollte“, schloss der Kolumnist triumphierend, „dann wären ja die Chinesen beinahe so gefährlich, wie die – Juden.“39

2. Internationaler Experte für die „Judenfrage“

Das Frühjahr 1900 sah Chamberlain nach diesem erfolgreichen Auftakt auch weiterhin als fleißigen Autor: Neben kleineren Arbeiten widmete er sich im Verlauf von April und Mai einem arbeitsintensiven Artikel über Kaiser Wilhelm II., auf den weiter unten noch ausführlich einzugehen sein wird. Dann folgte eine lang ersehnte Sommerfrische, die ihn zusammen mit seiner Frau Anna im Juli und August nach Tirol führte. Dort ging man auf gemeinsame Wanderungen und erforschte, ganz Chamberlains botanischen Interessen folgend, ausgiebig die Flora.40 Anfang September reisten beide dann über Salzburg und Linz zurück nach Wien, wo sie am Abend des 7. Septembers eintrafen.

In der Post, die sich während der Abwesenheit angesammelt hatte, fand Chamberlain ein Schreiben von Constantin Rădulescu-Motru vor, Professor für Philosophie an der Universität Bukarest und Herausgeber der „Noua revistă română“, einer in der rumänischen Hauptstadt erscheinenden, liberalen Zeitschrift mit sozialwissenschaftlichem Schwerpunkt und einem bildungsbürgerlichen Publikum.41 Der Professor, der sich selbst zwar nicht als Antisemit sah, in seinem Blatt aber Front gegen die angeblich jüdisch-internationale Hochfinanz machte,42 hatte sich an Intellektuelle in ganz Europa gewandt und sie gebeten, die folgende Frage zu beantworten: „Würden Sie den Rumänen raten, den Juden die volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung sowie das Recht auf Grundeigentum zu gewähren?“43

Die Liste der Befragten konnte sich sehen lassen:44 der ehemalige italienische Finanzminister und spätere Ministerpräsident Luigi Luzzatti, der Politiker, Journalist und spätere französische Premierminister Georges Clemenceau, der Arzt, Schriftsteller und zionistische Vorkämpfer Max Nordau sowie der Schriftsteller und Journalist Émile Zola, dessen wütendes „J’accuse!“ im Januar 1898 die Dreyfus-Affäre in Frankreich zum Skandal gemacht und die Geburtsstunde des Intellektuellen eingeläutet hatte. Sie alle traten als vehemente Befürworter der jüdischen Emanzipation in Rumänien auf und als scharfe Kritiker der staatlichen Unterdrückungspolitik.

Ebenfalls für die Emanzipation, aber zurückhaltender im Ton, äußerten sich der Philosoph und spätere Staatspräsident der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk; der französische Historiker und Essayist Anatole Leroy-Beaulieu; sein Landsmann, der Schriftsteller Henry Fouquier sowie der Jurist und Experte für internationales Recht, Adhémar Esmain; der italienisch-jüdische Psychiater und Begründer der biologistisch orientierten Kriminalanthropologie, Cesare Lombroso sowie der Wirtschaftswissenschaftler Achille Loria von der Universität Padua; der britische Publizist William Thomas Stead; der österreichische Physiker und Philosoph Ernst Mach und der deutsche Historiker Theodor Mommsen.

Auch die politische Elite Rumäniens kam zu Wort: Es schrieben der ehemalige Justizminister Theodor Rosetti, der einstige Bildungsminister Constantin Boerescu und der gewesene Finanzminister Vasile Lascar, außerdem Gheorghe Panu, streitbarer Publizist und Mitglied im rumänischen Oberhaus, Petru P. Carp, ehemaliger Außenminister und zeitweiliger Ministerpräsident sowie der berühmte konservative Politiker und Parteigründer Take Ionescu.

Auf der Gegenseite fanden sich der wohl prominenteste Vertreter des französischen Antisemitismus, der Journalist und Agitator Édouard Drumont, außerdem der Wiener Bürgermeister und Führer der Christlichsozialen Partei, Karl Lueger. Zu ihnen gesellte sich Chamberlain, der durch die „Grundlagen“ ganz offensichtlich zu einer internationalen Autorität im politischen Kampf um die „Judenfrage“ geworden war: Nach der Lektüre von Rădulescu-Motrus Brief, in dem dieser um die Beteiligung an der „Expertenrunde“ bat, war er geradezu elektrisiert und begann sofort mit der Vorbereitung einer eigenen Stellungnahme.45 Doch worüber genau wurde gestritten?

Rumänien war, ganz wie das Deutsche Kaiserreich, ein noch junger Staat, der sich in den 1860er Jahren aus den beiden Donaufürstentümern Walachei und Moldau gebildet hatte.46 Anders als in Deutschland, wo mit der Staatsgründung die endgültige rechtliche Gleichstellung der deutschen Juden einherging, blieben die etwa 200 000 Juden auf dem Gebiet Rumäniens vom Projekt des geeinten Nationalstaates ausgeschlossen: Die neue Rechtsordnung verwehrte ihnen die Staatsbürgerschaft und machte sie zu Staatenlosen. Als sich Rumänien in den folgenden Jahren innenpolitisch konsolidierte, wurde die jüdische Minderheit zunehmend als „fremd“ stigmatisiert und zum Ziel einer immer gewalttätigeren nationalistischen Mobilisierung. Offene Diskriminierung und Pogrome gehörten nun zum Alltag und führten zu einer massiven Fluchtwelle unter den zumeist hoffnungslos verarmten rumänischen Juden.47 Auch der Berliner Kongress im Jahr 1878 und der Artikel 44 der dort verfassten Kongressakte, der die Judenemanzipation in den Staaten Europas festschrieb, änderten daran nichts: Zwar gelang es Rumänien dort, wichtige Schritte zu seiner internationalen Anerkennung durch die europäischen Großmächte einzuleiten, die im Gegenzug avisierte Übernahme der Emanzipationsgesetze allerdings konnte die rumänische Regierung vermeiden. Als Konzession genügten einige hundert Einbürgerungen, der Rest der Minderheit jedoch blieb staaten- und damit weitgehend schutzlos.48

In den folgenden Jahrzehnten änderte sich dieser Zustand nicht, im Gegenteil: Kurz vor der Jahrhundertwende kam es, nach jahrelanger Agitation und politischer Einflussnahme durch die in der rumänischen „Antisemiten-Liga“ versammelten völkisch-nationalistischen Kräfte, erneut zu gewalttätigen Ausschreitungen. Von der Polizei ungehindert, marodierte 1897 ein studentischer Mob durch das jüdische Viertel von Bukarest, der Stadt mit dem höchsten Anteil jüdischer Einwohner, plünderte Geschäfte und zerstörte die Synagoge. Auch in Jassy (Iași), der ehemaligen Hauptstadt des Fürstentums Moldau und Heimat der zweitgrößten jüdischen Gemeinde Rumäniens, kam es zu solchen Ausschreitungen, die schließlich auch auf kleinere Orte in der Provinz übergriffen und erst nach einigen Monaten wieder abebbten.49

Angesichts dieser Entwicklungen war die Frage nach dem Umgang mit den Juden Rumäniens seit dem Berliner Kongress immer wieder auch in der internationalen Öffentlichkeit diskutiert worden – freilich nicht nur in liberalen Kreisen, sondern auch und vor allem unter den Antisemiten Europas, die, ganz dem Muster der Täter-Opfer-Umkehr folgend, die Situation in Rumänien als Bedrohung des neuen Staates durch die Agenten der jüdischen Weltverschwörung, der „Alliance Israélite“, interpretierten.50 Nun, am Beginn des 20. Jahrhunderts und nach einer erneuten Welle von Pogromen, forderten weite Teile der intellektuellen und politischen Elite des Landes eine Klärung der „Judenfrage“ auf nationaler Ebene. Ihre Vertreter waren in zwei Lager gespalten: Eines, das eine engere Anbindung Rumäniens an Frankreich und England favorisierte, und ein zweites, das sich zum Deutschen Kaiserreich hin orientierte. Die Angehörigen dieses zweiten Lagers, die sogenannten Germanophilen – Politiker, Universitätsprofessoren, Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler und Militärs – nutzten, wie der Historiker Lucian Boia detailliert herausgearbeitet hat,51 nicht nur geopolitische, sondern vor allem kulturelle Argumentationsstrategien und operierten dabei gezielt mit den Minderheiten im Land.

Dies also war der Hintergrund, vor dem sich die „Noua revistă română“ an diejenigen europäischen Intellektuellen, Wissenschaftler und Politiker wandte, die sich in der „Judenfrage“ als besonders meinungsstark und öffentlichkeitswirksam hervorgetan hatten – und es ist nur allzu verständlich, dass Chamberlain sich gern daran beteiligte, bot sich ihm hier doch die Gelegenheit, seinen Judenhass in die Form eines politischen Programms zu gießen und gleichzeitig darauf zu setzen, dass seine Wortmeldung nicht nur in Rumänien, sondern auch in Deutschland gehört werden würde.

Chamberlains Lösung der „Judenfrage“

Innerhalb von fünf Tagen erarbeitete er deshalb einen umfangreichen Artikel,52 über den er sogleich auch Cosima informierte: Es hätten sich die „Rumänen mit ihrer leidigen Judenfrage, von deren richtiger Lösung die Zukunft dieser Nation abhängt“,53 an ihn gewandt. Weil aber deren „einzige große Revue einerseits lauter Zolas, Mommsens, Lombrosos u. dgl., andererseits Polterer à la Drumont befragt hatte, so fühlte ich mich verpflichtet […] diese Sache mit dem heiligen Ernst zu behandeln, den sie verdient, zugleich aber lesbar, überzeugend und nicht langweilig.“54 Auch seinen Verleger Bruckmann setzte er ins Bild: „Ich habe jetzt eine ganze Woche über die rumänischen Juden geschwitzt – aber es ging wenigstens von Herzen“.55

Am 1. Oktober 1900, zwei Wochen nach der Fertigstellung, erschien der so angekündigte Text in der „Noua Revistă Română“ unter dem Titel „Cestinuea Israelită“ – „Die jüdische Frage“ –, und schnell wurde klar, dass Chamberlains von Herzen kommender Artikel sein Publikum gefunden hatte: Das Zentralkomitee der nationalistischen und antisemitischen „Liga für die kulturelle Einheit der Rumänen“ übermittelte ihm kurz darauf seine „aufrichtige und tiefe Dankbarkeit“.56

In dem Aufsatz schlug Chamberlain zunächst einen langen Bogen in die Vergangenheit, der einzig und allein dem Zweck diente, ihn als Gelehrten zu präsentieren und zu verhindern, dass er als Vertreter der „rohen, ignoranten Judenfresser“57 erschien. Stattdessen inszenierte er sich als freundlicher Beistand in schwierigen Zeiten, der seine Ratschläge aus „Liebe zum rumänischen Volke“ formulierte und sich dadurch von den „Lombrosos und Zolas“ unterschied: „Und welche Liebe“, fragte Chamberlain rhetorisch, „kann hier maßgebend sein? Diejenige zu einer abstrakten ‚Menschheit‘, die nur in den Hirnen gedankenschwacher Träumer oder mit Scheuklappen versehener Doktrinäre existiert“ und damit „den verlogenen, treubrüchigen, gänzlich seelenlosen Chinesen und den geistig beschränkten, sinnlich bestialischen Neger ebenso warm an die Brust drückt, wie die edle Menschenart, der wir alles verdanken, was wir europäische Kultur, Kunst, Wissenschaft und Weltanschauung nennen?“58 War damit bereits am Beginn des Textes die Rasse als Ordnungskategorie etabliert, setzte er nun diesen Zerrbildern seine Vorstellung von echter, von „nationaler“ Liebe entgegen:

Liebe ist nur ‚Liebe‘, wenn sie sich auf bestimmte, konkrete, begrenzte Erscheinungen bezieht und Liebe vermag nur dann weitere Kreise zu ziehen, wenn der innerste, engste Kreis fest und unverrückbar gezogen ist. Alles Gerede von Menschheit und Menschlichkeit, welches dieses mittlere Gesetz außer acht läßt und nicht begreifen will, daß echte Menschenliebe in der leidenschaftlichen, hingebenden, ja – wenn Sie es so nennen wollen – parteiischen Liebe zur Familie, zur Heimat, zum eigenen Volk, zur eigenen Rasse wurzeln muß, ist bloßes Gewäsch, wo es nicht (wie so häufig heutzutage) eine methodische Irreführung durch Leute bedeutet, die mit ihren schönen, idealen Morallehren die handgreiflichsten Interessen ihres Geldsacks und ihrer Machtstellung verfolgen.

Abb. 12
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Zeittypische Inszenierung: Der Gelehrte bei der Arbeit, um 1900.

Dagegen hätten sich die Rumänen zu wehren, bedeute doch ihre Nation „einen Glanzpunkt und eine Hoffnung in der trostlosen Geschichte der aus der Schmach türkischer Herrschaft sich losreißenden Völker.“ In dem „gemischten Blute der heutigen Rumänen“, so flocht Chamberlain geschickt den rumänischen Nationalmythos dakisch-römischer Abkunft ein,59 „scheint sich ein Teil altrömisches bewahrt zu haben, der als politischer Instinkt sich heilbringend kundtut.“ Ohne diesen Instinkt aber „kann keine Nation gegründet werden und ohne Nation kann keine Zivilisation und Kultur Wurzel fassen“ – eine Einsicht, die man nicht zuletzt am Beispiel der anderen „sonst so sympathischen, rein slavischen Balkanvölker“ verfolgen könne, die „keine Kontinuität, keine Blüte, keine Sicherstellung der Zukunft“ zustande brächten.

Anders als den Nachbarn auf dem Balkan sei es den Rumänen bislang gelungen, drei wesentliche Säulen von Staatlichkeit zu etablieren. Dies waren, laut Chamberlain, 1. die Abwehr des russischen Einflusses, 2. die Berufung eines durch adlige „Zuchtwahl“ zum Herrscher herangebildeten „Fürsten aus dem Hause Hohenzollern als Begründer einer erblichen Dynastie“ sowie 3. die Reaktion der Rumänen auf den „Berliner Kongress“. Denn obgleich dort mit dem englischen Premierminister Benjamin Disraeli „ein Jude das große Wort“ geführt und den Rumänen „die sog. Emanzipation der Juden“ habe aufzwingen wollen, hätten diese mit ihrer antisemitischen Politik „Schutzmauern“ errichtet und „dadurch die werdende Nation aus tödlicher Gefahr“ gerettet.

Was dann – geschickt eingeleitet durch den Disraeli-Bezug – folgte, war ein für Chamberlains Argumentation in derlei Fällen typisches Manöver: Er nutzte seine britische Herkunft als gewissermaßen natürliche Legitimation dafür, über englische Geschichte zu sprechen und dabei dem Leser die Analogiebildung zur eigenen Lage zu überlassen. In seiner Darstellung freilich folgte der historische Exkurs einer speziellen Dramaturgie: Demnach hatte das britische Empire sich nur deshalb zur Weltmacht entwickeln können, weil die Engländer im Mittelalter die Juden von der Insel vertrieben hatten. Nur aufgrund dieser jahrhundertelangen Abschottung hätte „die völlige Gleichberechtigung der Juden dort keinen tiefer reichenden, dauernden Schaden“ angerichtet und sei das Wachstum von Staat und Gesellschaft nicht behindert worden. Wollte Rumänien also „sich nach dem Beispiel des erfolgreichsten Staates England richten, so müßte es schleunigst seine sämtlichen Juden des Landes verweisen und sie erst nach drei bis vier Jahrhunderten wieder zulassen, nachdem die Nation sich äußerlich und innerlich ausgebaut und die Besitzverhältnisse sich dauernd gefestigt hätten.“

Im weiteren Verlauf seines ausführlichen England-Exkurses ließ der Brite keine Möglichkeit ungenutzt, die existenzielle Bedrohung in düstersten Farben zu malen: Die Erfahrung einer „vieltausendjährigen Geschichte“ zeige, dass der „Jude überall und immer ein zersetzendes Element gewesen“ sei. Trotz „vieler achtenswerther Eigenschaften […] jedes politischen Instinktes bar“, dränge ihn sein „ganzer Charakter“ dazu, „mit Leidenschaft die Gegenwart und nur die Gegenwart zu erfassen; Politik dagegen ist das Verständnis der Zukunft“. Deshalb, so folgerte Chamberlain, sei selbst „der ‚edle Jude‘ […] für eine junge, werdende Nation nicht zu gebrauchen“ – in „welchem Maße aber der unedle Jude ein zerfressendes Gift für sie ist, das werden Sie aus eigener Erfahrung wissen.“

In diesem Stil schrieb der Autor Seite um Seite und spickte, ganz in der Manier der „Grundlagen“, sein Horrorszenario mit Alltagsbeobachtungen und vermeintlich historischen Belegen – die Juden als Fremde im biblischen Palästina, die Juden als Totengräber des englischen Kleingewerbes wie als unredliche Profiteure der Industrialisierung und schließlich als „Heuschreckenschwarm“, der „durch unlauteren Wettbewerb, betrügerischen Bankrott, durch Arbeiterschindung“ und durch „Einführung einer Schundware“ die englische Zukunft bedrohte. „So stehen die Dinge“, beendete er diesen Abschnitt, „das haben in kurzer Zeit 100 000 Juden gegen 39 Mill. Angelsachsen vermocht! Und Sie glauben, daß wenn die fünf ein halb Millionen Rumänen ihren 400 000 jüdischen Gästen die volle bürgerliche und politische Gleichstellung zugestehen, es nach hundert Jahren – ach was sage ich – nach fünfzig Jahren noch überhaupt Rumänen auf der Welt geben wird, außer in der Gestalt von Packträgern, Straßenfegern und bis aufs Blut geschundenen Bauernknechten?“

Doch es war nicht nur die rechtliche Gleichstellung, die angeblich zur Gefahr wurde, sondern es war die physische Existenz an sich, die den Staat im Kern gefährdete, weil „die Verschmelzung mit Juden durch geschlechtliche Kreuzung erstens ein verderbliches und zweitens ein illusorisches Unternehmen“ sei. Die „von Juden mit Europäern gezeugten Kinder sind Bastarde, die aber ohne Ausnahmen zum Judentum hinneigen“, klärte Chamberlain auf und zog sogleich den Schluss aus diesem vermeintlichen Naturgesetz: Ohne eine Begrenzung der Vermischung würde es ein rumänisches „Volk […] nicht geben, sondern in einem neuen Palästina würde eine sehr zahlreiche Minderheit reinrassiger Juden mit eiserner Faust die neuen Kanaaniter bedrücken und sie bis aufs Blut schinden.“

Nachdem somit das ursprüngliche Thema – eine Einschätzung der Chancen und Gefahren der Judenemanzipation – abgearbeitet war, ging Chamberlain einen Schritt weiter und übersetzte zum ersten Mal seine Weltanschauung in konkrete politische Maßnahmen. Nicht Pogrome und offene Gewalt, sondern die Weiterführung und der systematische Ausbau der staatlichen Diskriminierung unter dem Deckmantel der „Zivilisation“ sowie unter Aufrechterhaltung eines legalistischen Rahmens erschienen ihm als Mittel der Wahl:

Nieder mit allen Judenverfolgungen! Nieder mit allem absurden, mittelalterlichen Aberglauben! Nieder mit aller sozialer Geringschätzung und persönlichen Animosität! Gewähren Sie den Juden denselben unverletzlichen Schutz, wie Sie ihn allen Fremden gewähren; räumen Sie ihnen, als alten Insassen des Landes, weitergehende Vorrechte ein; lassen Sie sie (da Sie es nicht verhindern können) zu dem gewerblichen und industriellen Wettbewerb zu – doch schauen Sie ihnen dabei genau auf die Finger! Aber räumen Sie ihnen kein politisches Recht und kein Recht auf Grundbesitz ein. Es thun, hieße für Rumänien den Selbstmord begehen. Und sorgen Sie dafür, daß die Juden nicht die Herren der öffentlichen Meinung durch die Zeitung und nicht die Herren der Köpfe und der Herzen durch die Beherrschung des Büchermarktes und der Schule werden. […] Schutzgesetze wären hier zu wünschen, doch noch wichtiger ist die aktive Abwehr des jüdischen Einflusses durch die bewußte Erkenntnis ihrer Gemeingefährlichkeit. Nicht etwa, als ob ich die Motive des Juden verdächtigen wollte, ich thue es auf geistigem ebensowenig wie auf gewerblichem Gebiete; der Jude hat das Recht, so zu sein, wie er ist; die Konsequenz, mit welcher er an seiner Eigenart festhält, ist bewundernswert und nachahmungswürdig; doch für unseren Intellekt, und für unser Gemüt ist sein geistiger Einfluß ein zerfressendes Gift.

Und noch eines: Wenn der Jude sich in Rumänien unglücklich fühlt, wie man in jüngster Zeit erzählen hörte, dann seien Sie freigiebig und greifen Sie tief in die Taschen hinein, um ihnen das Auswandern zu erleichtern. […] Den Juden sollten Sie für das Verlassen Rumäniens eine Prämie zahlen; wie schwer diese Maßregel Ihre Finanzen auch belasten möchte, sie würde tausendfachen Gewinn bringen.

Zu einem Aufsatz verdichtet, offenbarte Chamberlain hier nicht nur sein Verständnis der „Judenfrage“, sondern auch der dazugehörigen Lösungsmöglichkeit: Die Juden waren eine existenzielle Bedrohung für jeden Nationalstaat, jede Zivilisation, jede Kultur. Das Ausmaß ihrer Schädlichkeit wurde maßgeblich durch die Stärke der Abwehrkräfte des jeweiligen Staates bestimmt: Je erfolgreicher er die Juden ausschloss, desto geringer war der angerichtete Schaden. Wie aber das Beispiel des über Jahrhunderte „judenfreien“ England zeigte, zersetzte das „jüdische Gift“ sogar dort sukzessive die Substanz von Volk und Staat. Langfristig war also auch die widerstandsfähigste Nation zum Untergang bestimmt, wenn sie ihre Politik nicht konsequent auf eine „rassische“ Basis stellte, denn schließlich zerstörte der Jude durch „Mischehen“ und die dadurch bedingte „Bastardisierung“ die biologische Grundlage des Volkes.

Chamberlains Lösungsvorschläge erschienen angesichts dieser Bedrohungslage auf den ersten Blick ebenso pragmatisch wie überraschend milde, konstatierte jüngst Udo Bermbach: Der Brite habe sich „aller primitiven Pogromhetze“ wie der „Empfehlung, Gewalt anzuwenden“ enthalten und „stattdessen auf Exklusion der Juden aus bestimmten hoheitlichen Tätigkeitsfeldern des Staates“ gesetzt, ganz so, „wie es die meisten Antisemiten auch in Deutschland zu jener Zeit für richtig hielten.“60 Diese Argumentation allerdings blendet aus, was die „Exklusion aus bestimmten hoheitlichen Tätigkeitsfeldern des Staates“ konkret bedeutete: Ausschluss aus der Mehrheitsgesellschaft durch Fremdenrecht, Einschränkung der persönlichen Freiheit durch Verbot von Grundbesitz, Einschränkungen in der Berufsausübung, Zerstörung ökonomischer Lebensgrundlagen und die Stigmatisierung durch „Schutzgesetze“ – dies alles in einem Land, das ohnehin eine jahrzehntelange Unterdrückungspolitik praktiziert und gerade eben noch massive Gewalt gegen die jüdische Minderheit zugelassen hatte, deren Mitglieder, wenn es ihnen möglich war, seit 1899 in immer größerer Zahl ins Exil flohen: Innerhalb von fünf Jahren verließen etwa 13 Prozent der rumänischen Juden das Land, die Hälfte davon in den Jahren 1899 und 1900.61

Chamberlains hinterhältige Rede von den „in jüngster Zeit“ sich „unglücklich fühlenden“ rumänischen Juden zeigt, dass er diese Vorgänge genau zur Kenntnis genommen hatte und macht seinen letzten Vorschlag, die „Auswanderungsprämie“, noch zynischer. Die „verbliebenen 400 000 jüdischen Gäste“, eine Zahl, die angesichts von ursprünglich nur 300 000 Juden auch noch deutlich überhöht war, galt es demnach möglichst vollständig aus dem Land zu expedieren – nur wohin? Nach Österreich-Ungarn, in dem sich, wie Chamberlain täglich beobachten konnte, der politische Antisemitismus immer schärfer formierte? In die angrenzenden Balkanstaaten, deren slawische Bevölkerungen laut seiner Argumentation ohnehin mit der Staatenbildung überfordert waren und in der Folge vor einem noch größeren „Problem“ als die Rumänen gestanden hätten? Oder nach Russland, aus dem sich viele Juden auf der Suche nach Schutz vor den dortigen Pogromen überhaupt erst nach Rumänien geflüchtet hatten?

Wie immer verweigerte sich Chamberlain einer Antwort auf diese von ihm aufgeworfene Frage. Dies war, wie schon am Beispiel der „Grundlagen“ dargelegt, wenig verwunderlich, machte doch der unveränderlich schädliche Charakter der Juden die „Judenfrage“ nicht zu einem nationalen, sondern zu einem globalen Problem, für das in letzter Konsequenz nur die gewaltsame Lösung in Frage kam. Der Ratschlag zur offenen Gewalt, zum Pogrom, gehörte allerdings nicht in Chamberlains Repertoire – er hatte dies ja explizit ausgeschlossen –, denn er widersprach seinem bildungsbürgerlichen Selbstbild und wohl auch seinen christlichen Moralvorstellungen. Doch Ideologien sind auf die Phantasie ihrer Anhänger angewiesen, um die Widersprüche und Leerstellen zu überbrücken, und zieht man weitere Quellen zu Rate, so scheint es, als habe Chamberlain spätestens hier, beim Verfassen seines Rumänien-Artikels, eine solche Phantasie entwickelt. Dies lässt sich zumindest anhand der Notizen erahnen, die er beim Vorbereiten und Abfassen seiner Schriften anfertigte und später sorgsam aufbewahrte. Auf einem solchen, von der Forschung bislang unbeachtet gebliebenen, Notizzettel findet sich, unter der Überschrift „Judenaufsatz“ und unter dem Datum vom 16. September 1900, folgender Eintrag:

Aufrichtig gesprochen: ich fände es nicht besonders beklagenswerth, wenn sie [die Juden, S.F.] eines Tages sammt [sic!] und sonders erwürgt u. so von der Oberfläche dieses Planeten ausgewischt würden; alle Engel der Reinheit, der Lebensfreude, der Unschuld, der Hoffnung würden im Himmel darüber jubeln; Sentimentalität ist hier durchaus nicht am Platze; wo hätten diese Vampire der europäisch-germanischen Kultur jemals welche gegen uns erwiesen? Die Weltgeschichte wird nicht mit Phrasen gemacht. Doch könnte nur ein Gott ein solches Säuberungswerk durchführen – einer der bei dem süssen Jehova in die Schule gegangen wäre, der sämmtliche schuldlose Erstgeborenen eines grossen Landes in einer Nacht zu tödten wüsste (was unsere Juden noch heute als ‚ihre‘ Ostern feiern!) und zu dessen liebsten Geboten es gehörte, die Schädel der Säuglinge gegen die Steine zu zerschlagen. Wer weiss? Vielleicht birgt die göttliche Natur noch Kräfte, die einmal verzehrend aus verborgenen Tiefen hinaus bersten; vielleicht gibt es einen Grad der Verruchtheit, der selbst bei blinden physischen Kräften vernichtende Empörung auslöst?62

Chamberlain, so muss man nach dieser Notiz konstatieren, hatte eine Ahnung davon, dass es im Rahmen seiner Weltanschauung, die einen bis in alle Ewigkeit geführten und global entgrenzten Rassekampf predigte, für die Abwendung der rassischen Apokalypse eigentlich nur eine endgültige Lösung gab: Die Juden mussten von der Oberfläche des Planeten verschwinden. Da allerdings, den vermeintlichen Rassegesetzen zufolge, die Lösung durch biologische Assimilation ebenso ausfiel wie die schon zuvor für untauglich erklärte und als Mimikry diffamierte religiöse Assimilation durch die Taufe, blieb in letzter Konsequenz eben doch nur die physische Auslöschung.

Es ist, mit dem Wissen um die historischen Folgen dieses Denkens, einigermaßen erschreckend, wie nahe Chamberlain mit seiner Phantasie vom massenhaften Erwürgen der tatsächlichen Methode des Holocaust kam. Gleichwohl gilt es zu unterscheiden: Chamberlain war sich im Klaren, dass seine Schlussfolgerung ungeheuerlich und in einem zivilisierten Europa auch nicht praktizierbar war, wollte man sich nicht außerhalb aller Regeln des menschlichen Miteinanders stellen. Dies war der Grund dafür, dass er ihre zukünftige Realisierung in die Sphäre des Göttlichen verlegte und für die Zumutung, als welche ihm die bloße Existenz der Juden auf Erden erschien, auf einen strafenden Gott oder eine beseelte und rachenehmende Natur hoffte. Das monströs Antimoralische an dieser Überlegung war es wohl auch, das ihn Abstand davon nehmen ließ, derartige Gedanken zu veröffentlichen – die Vernichtungsphantasie wurde nicht nur für den Rumänien-Artikel verworfen, sondern fand auch sonst in keine seiner Schriften Eingang. Zugleich hatte er ganz offensichtlich spätestens hier, im September 1900, einen Weg gefunden, die Konsequenz seiner Weltanschauung ausformulieren und verschriftlichen zu können. Die angebliche Objektivität des Wissenschaftlers angesichts vermeintlich „harter“ Fakten wie die selbstgewählte Mission als Weltanschauungsautor erforderten es, sich wenigstens in der Stille des Studierzimmers in der Blümelgasse den praktischen Folgen des Hasses anzunähern: „Sentimentalität“ sei nicht „am Platze“, hatte er bemerkt und angefügt, „die Weltgeschichte wird nicht mit Phrasen gemacht.“63 Aus der historischen Distanz lässt sich nicht mehr rekonstruieren, was genau hier im Vordergrund stand: die Begründung für den eigenen Radikalismus oder die stille Hoffnung darauf, dass er dereinst irgendwie in die Tat umgesetzt würde.64

Der „Chamberlain aus Wien“

Doch dies waren Chamberlains im Stillen geäußerten Gedanken, sein veröffentlichtes Maßnahmenpaket entsprach hingegen den Vorschlägen, die europäische Antisemiten seit Jahren ventilierten – in Deutschland waren es vor allem der „Alldeutsche Verband“ und die ihm nahestehenden Organisationen, die seit den 1890er Jahren derlei Forderungen stellten. Solche Vorstellungen waren also anschlussfähig und es ist deshalb wenig überraschend, dass der Brite umgehend versuchte, seinen Artikel auch in der deutschen Presse unterzubringen.

Schon bald nach Erscheinen des Textes in Rumänien lancierte er ihn deshalb auch in der viel gelesenen, deutschnationalen „Täglichen Rundschau“:65 Als er der Zeitung seinen Aufsatz Ende Januar 1901 zukommen ließ, bat er darum, den Text „wortgetreu und angekündigt zu bringen, da einige hochstehende Freunde von mir den Brief gewissen Politikern vorlegen wollen“.66 Auch das Blatt selbst machte seine Leser darauf aufmerksam, dass der Aufsatz nicht nur für die rumänischen Verhältnisse gedacht war: Der Abdruck geschehe, so leitetet die Redaktion ein, „nicht bloß um des enger begrenzten Themas willen, das augenblicklich wieder die Öffentlichkeit beschäftigt“, sondern Chamberlain, „der geistvolle Vertreter des germanischen Kulturideals“, bringe darin „eine solche Fülle von beachtenswertem Gedankenmaterial und geschichtlichen Thatsachen bei, daß sich seine Antwort unter der Hand zu einer Abhandlung über die Grundsätze der Nationalitätenbildung auswächst.“67 Wenn diese „Grundsätze“ nun in Rumänien ausgefochten werden mussten, so galt dies selbstverständlich auch für das gerade einmal zehn Jahre ältere Deutsche Reich.

Aufmerksame Beobachter wie Bernard Tag, Redakteur der „Jüdischen Welt“ und kritischer Leser der „Grundlagen“, bemerkten die gefährliche Verquickung verschiedener Sphären, die sich hier vollzog: „Immerhin“, so schrieb der Journalist, „bleibt es von hohem Interesse, die Berührungen zu beobachten zwischen dem Gebiete der Politik und demjenigen der Wissenschaft, der Philosophie. Kann man nicht als Politiker in allen Stücken mit Chamberlain gehen […], so fühlt man sich doch gehoben in dem Bewusstsein eines in vielen Punkten gemeinsamen Culturideals, als dessen Repräsentant Chamberlain erscheint.“ Wenn nun „ein Mann von seiner Bildung […] zum Grundton seiner Empfindung und Darstellung den Ton tiefster Abneigung gegen dasjenige Volk hören lässt, das man ebenfalls aus ganzer Seele hasst, wie sollte jenes Bewusstsein der Gemeinsamkeit nicht noch mehr gestärkt werden? Wie sollte man auf jenen Ton nicht hinhorchen, wo immer derselbe von Chamberlain angeschlagen wird!“68

Welchen Stellenwert der Autor selbst seinen Ausführungen beimaß, lässt sich daran ablesen, dass er nicht nur auf „gewisse Politiker“ zielte, sondern seine Vorschläge zur Lösung der nationalen „Judenfrage“ sogar dem Kaiser unterbreiten wollte. Dieser war, wie noch zu zeigen sein wird, kurz zuvor auf die „Grundlagen“ aufmerksam geworden und hatte Kontakt zu Chamberlain aufgenommen. Für den Briten erfüllte sich damit eine lang gehegte Hoffnung, und so wollte er die sich bietende Möglichkeit nicht ungenutzt lassen. Als sich die Veröffentlichung des Artikels abzeichnete, begann er deshalb, sein Netzwerk zum Hof zu aktivieren: Nicht nur teilte er Cosima die Neuigkeit mit,69 sondern schickte Abzüge seines Aufsatzes auch an die Großherzogin von Oldenburg, die Gräfin Zichy, Baron Romberg und Fürst zu Oettingen-Wallerstein70 – freilich vorerst ohne zu erfahren, ob das Manöver von Erfolg gekrönt war.71 Auch Frankreich, wo die Wellen des Dreyfus-Skandals gerade abebbten, erschien Chamberlain als geeignetes Ziel seiner Ratschläge, der deshalb eine Kopie des Textes an seinen alten Freund Téodor de Wyzewa sandte, den er noch aus den Zeiten der gemeinsamen Zusammenarbeit in der „Revue Wagnérienne“ kannte und der, mittlerweile als Schriftsteller und Kritiker zu Prominenz gelangt, für die „Revue des deux mondes“ wie für die größte konservative Tageszeitung Frankreichs, „Le Temps“, schrieb. Auch der mit Chamberlain seit den Pariser Tagen bekannte Schriftsteller Henry Gauthier-Villars, Ehemann der berühmten Autorin und Journalistin Colette, erhielt ein Exemplar.72 Damit, so schien es, war die Angelegenheit vorerst erledigt.

Ein Jahr später, im Herbst 1902, wurde sie allerdings wieder virulent, denn die rumänischen Antisemiten wandten sich erneut mit einer dringenden Anfrage an Chamberlain. Sie hatten erleben müssen, wie im Juli des Jahres die Unterdrückung der Juden in Rumänien zum Gegenstand internationaler Politik geworden und ihr Land öffentlich in die Kritik geraten war: Die USA, die sich seit dem Berliner Kongress 1878 immer wieder um eine rechtliche Gleichstellung der jüdischen Minderheit bemüht hatten, wandten sich auf Initiative ihres Präsidenten Theodore Roosevelt erneut an alle Unterzeichnerstaaten des Berliner Vertrages, um sie auf die prekäre Situation der rumänischen Juden aufmerksam zu machen und die Durchsetzung der Vertragsbestimmungen anzumahnen.73

Dies rief die nationalistischen und antisemitischen Organisationen auf den Plan, die hinter dem US-Vorstoß die Tätigkeit einer vermeintlich jüdischen Weltverschwörung witterten und zum Schutz ihres Landes auf öffentliche Unterstützung durch die Antisemiten Europas hofften. Aus diesem Grund wandte sich nun Anfang Oktober 1902 Simion Mehedinti,74 Professor für Anthropologie und späterer Bildungsminister Rumäniens, an Chamberlain. Dessen Artikel zur „Judenfrage“ sei, so schrieb Mehedinti, in Rumänien zu einer „Art Katechismus“ avanciert und in tausenden Exemplaren im ganzen Land verteilt worden. Der „Chamberlain aus Wien“, wie man ihn in Bukarest in Abgrenzung zu seinem Namensvetter in London zu nennen pflegte, werde deshalb auch oft in politischen Debatten zitiert. Mehedinti hoffte nun, dass der Autor dieses bahnbrechenden Aufsatzes seine „Stimme hören lassen“ werde: „Zwei Zeilen von Ihnen, gleichgültig in welcher ausländischen Zeitung oder Zeitschrift“, wären ausreichend, um eine Kampagne zu beginnen zugunsten einer „junge[n] Nation, die ihren ethnischen Charakter bewahren möchte, entgegen aller Bemühungen von Diplomaten und Bankiers, die den Lauf der Geschichte mit Ihren Millionen lenken wollen.“75

Chamberlains Antwort ist nicht überliefert, allerdings stimmte sein Schreiben Mehedinti offenbar hoffnungsvoll, der für die Güte des Briten dankte und sich dann, wohl zur Verstärkung seines ursprünglichen Anliegens, in Schreckensvisionen erging: Die „Judenfrage“, so teilte er mit, werde „immer bedrohlicher“, da „jeden Tag“ in einem „Akt politischen Leichtsinns […] irgendein reicher Jude das Bürgerrecht“ erhalte und Rumänien sich somit langsam zu einer „kosmopolitischen Masse“ entwickle.76 Dagegen anzugehen erfordere nicht nur den „nötigen Mut“, sondern auch „das Fachwissen“, welches er sich von Chamberlain versprach: „Man sagt oft, dass es der Ton ist, der die Musik macht. Dieses Mal ist es die Musik Ihrer ‚Grundlagen des 19. Jahrhunderts‘, die uns vollkommen beruhigt über den Erfolg unseres Anliegens. Wir hoffen,“ fuhr er fort, „dass es uns innerhalb kurzer Zeit möglich sein wird, die Wahrheit in die Ohren der Bankiers und Politiker zu schreien, welche […] eine Nation wie eine Bagatelle betrachten, die man zur Seite stellen kann, ohne Folgen für die Entwicklung der Zivilisation.“77

Wenige Tage nach Mehedintis Schreiben und offenbar mit diesem koordiniert, meldete sich auch der Wirtschaftsprofessor Alexandru C. Cuza bei Chamberlain, Gründer der rumänischen „Antisemiten-Liga“ und der radikalste und hasserfüllteste Agitator in der rumänischen Politik.78 Auch er dankte für den Aufsatz und erbat Unterstützung gegen die amerikanische Note. „Es ist also ganz natürlich,“ schrieb er, „dass wir uns nun an Sie wenden möchten, […] in dem Moment, wo der jüdische Krieg der ganzen Welt uns mit ungerechten Beurteilungen bedrückt, und bitten Sie, in den Debatten zu intervenieren“.79 Doch auch dieser Appell zeigte nur bedingt Wirkung, denn Chamberlain veröffentlichte keine weiteren Artikel in der Angelegenheit, sondern schickte Cuza lediglich – gewissermaßen als Anregung zur Selbsthilfe – ein Exemplar seines als Broschüre erschienenen Vorworts zur vierten Auflage der „Grundlagen“, in dem er noch einmal ausführlich auf die Rasse-Problematik eingegangen war.80

Mit seinem Artikel, vor allem aber mit den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, hatte Chamberlain also den rumänischen Nationalisten und Antisemiten die weltanschauliche Basis geliefert, auf der sie ihre Vorstellungen von den nötigen Schritten hin zu einer homogenen, „artgerechten“ rumänischen Nation weiterentwickeln konnten. Ihre Anführer, der radikale Antisemit Alexandru Cuza, der konservative Nationalist Radulescu-Motru, der Parteiführer Aurel C. Popovici – ein begeisterter Anhänger von Chamberlains Germanen-Glauben –, übernahmen, wie der Historiker Marius Turda unlängst herausgearbeitet hat,81 Chamberlains rassistische und antisemitische Aufladung der Nation und sorgten dafür, dass die Debatten um „Nation“ und „nationale Identität“ auch in Rumänien nachhaltig biologisiert wurden. Die „Grundlagen“ wurden so zu einem wichtigen intellektuellen Bezugspunkt in diesem innerrumänischen Konflikt um die „nationale Identität“ des Staates.

Im Herbst 1902 war damit dreierlei offenkundig geworden: 1. Chamberlains „Grundlagen“ entfalteten ihre Wirkung auch im nationalistischen und völkisch-rassistischen Lager anderer europäischer Länder und wurden dort vor allem als vermeintlich wissenschaftliche Bestätigung eines rassisch begründeten Antisemitismus rezipiert, der integraler Bestandteil der „gedachten Ordnung“ der Nation war. 2. Chamberlain galt nun auch im Ausland unter Antisemiten als ein Experte für die „Judenfrage“, der das gelehrte Argument in aktuelle politische Debatten implementierte und sich so in die Paraderolle des Intellektuellen begab. 3. Seine Intervention zielte nur vordergründig auf den rumänischen Diskursraum, sein eigentliches Interesse hingegen galt der Einwirkung auf die deutsche Politik.

Letzteres wird überdeutlich angesichts der Tatsache, dass der Brite versuchte, den Aufsatz zu einer Broschüre umzuarbeiten, um ihn in hoher Auflage in Deutschland herauszubringen – ein Plan, der ihm durch seinen Verleger Hugo Bruckmann ausgeredet wurde: „Den Rumänienaufsatz als Broschüre herauszugeben möchte ich Ihnen abraten. Nicht, weil es nicht lohnen würde – im Gegenteil ich glaube er würde reissenden Absatz finden, sondern weil der Neudruck des Aufsatzes in Deutschland als Judenhetze wirken könnte.“ Damit aber würde der Autor „mehr als es schon geschieht“, als „engagierte[r] Judenhetzer“ verschrien. „Ich weiß“, frotzelte der Verleger, „dass Sie das mit Seelenruhe hinnehmen und es auch darauf ankommen lassen können, als leckerer Christenknabe ans Schächtmesser genommen zu werden. Aber wozu die Rauferei? Wird’s den Rumänen nützen, wenn der Germane mit dem Juden rauft? […] Ihre Frau wird mich einen Judensöldling heissen – aber trotzdem glaubte ich doch meine Meinung sagen zu müssen, zumal ich ja dabei gegen mein nächstes finanzielles Interesse spreche.“82

Damit war die Angelegenheit vom Tisch und sollte erst angesichts der Kriegsniederlage 1918 wieder auf die Tagesordnung rücken – dann allerdings in der von Chamberlain geforderten Form.83 Bis dahin also galt es, die Weltanschauung der „Grundlagen“ weiter zu popularisieren, ohne als „Judenhetzer“ verschrien zu werden und die Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen.

Ritualmord-Fragen und die „Preußische Rasse“

Mit der Begrenzung auf die rumänischen Verhältnisse war dem Briten ein geschickter Coup gelungen, denn die einzigen Zeitungen, die diese Verknüpfung von Weltanschauung und politischem Programm kritisierten, waren, wie schon im Fall der „Grundlagen“, die jüdischen Blätter. So erschien etwa im Oktober 1901 in „Dr. Blochs Österreichische Wochenschrift“, einer vom Wiener Reichsratsabgeordneten Samuel Bloch herausgegebenen Zeitung, ein zweiteiliger Leitartikel unter der schlichten Überschrift „H.St. Chamberlain“. Darin setzte sich das Blatt ausführlich mit den „Grundlagen“ auseinander und lieferte seinen Lesern eine detaillierte Widerlegung der dort ausgebreiteten antisemitischen Argumentation.84 Doch der Autor – wahrscheinlich der Herausgeber selbst – beließ es nicht bei dieser Kritik, sondern teilte dem Publikum auch Chamberlains sonstige publizistische Aktivitäten mit. Man müsse, schrieb er, nicht nur „den ‚wissenschaftlichen‘, sondern den realpolitischen Chamberlain etwas näher besehen, der sich nicht nur „an jener Enquête über die rumänische Judenfrage betheiligt“, sondern auch an einer anderen Debatte teilgenommen habe: „Der ‚Germanische Volksbund‘ in Berlin hat eine Umfrage über den Ritualmord bei allen antisemitischen Berühmtheiten veranstaltet“, schrieb Bloch und setzte dann bitter hinzu:

Herr Chamberlain konnte dabei selbstverständlich nicht übergangen werden und das Organ jenes Volksbundes, die ‚Staatsbürger-Zeitung‘, bringt nun frohlockend die Nachricht, daß Houston Stewart Chamberlain in seinem Gutachten ‚die Möglichkeit, ja die hohe Wahrscheinlichkeit, daß jüdische Ritual- und Blutmörder existieren‘, zugab. Herr Chamberlain bekennt sich also zu jenem absurden mittelalterlichen Aberglauben, den er an anderer Stelle bekämpft. Das genügt vollständig, um ihn als einen literarischen Abenteurer schlimmster Sorte erkennen zu lassen.85

Diese in der Forschung bislang unbeachtet gebliebene Episode verdient einen genaueren Blick, da sich auch hier Chamberlains Antisemitismus mit Gewalt gegen Juden verband – diesmal allerdings nicht im fernen Rumänien, sondern an den Grenzen des Deutschen Reichs.86

Im März 1900 war in der westpreußischen Kleinstadt Konitz ein Jugendlicher ermordet und die Leiche zerstückelt aufgefunden worden. Die Polizei ermittelte ergebnislos und bald richtete sich der Verdacht der ansässigen Bevölkerung gegen die jüdische Minderheit. Die Situation eskalierte, nachdem die antisemitische Presse unter Führung der „Staatsbürger-Zeitung“ eine Hetzkampagne lancierte, die eine Konitzer Familie des Ritualmordes bezichtigte – einer der ältesten antisemitischen Vorwürfe, der allerdings zunehmend aus der Mode kam.87 Die Angelegenheit verschärfte sich schnell, denn andere Antisemiten nahmen die Kampagne dankbar auf: Der Reichstagsabgeordnete und Publizist Max Liebermann von Sonnenberg veröffentlichte eine Broschüre über den „Blutmord von Konitz“ und auch die von Adolf Stoecker herausgegebene Zeitung „Das Volk“ beteiligte sich an der Hetze.88 Die derart angeheizte Stimmung entlud sich schon nach wenigen Tagen in pogromartigen Ausschreitungen, in deren Folge jüdische Bürger bedroht und misshandelt und schließlich die örtliche Synagoge zerstört wurde. Erst der Einsatz des Militärs beendete die Eskalation der Gewalt, an der sich zeitweise mehrere tausend Menschen beteiligt hatten.89

Diese Übergriffe wurden zum Skandal mit reichsweitem Echo – nicht nur die großen Zeitungen berichteten, sondern auch der Reichstag debattierte auf Antrag der „Antisemitischen Volkspartei“ im Februar 1901 die Vorgänge.90 Die publizistische Flankierung übernahm die antisemitische Presse, darunter erneut die „Staatsbürger-Zeitung“. Diese veranstaltete in Zusammenarbeit mit dem „Germanischen Volksbund“ im März 1901 eine Umfrage unter 50 Vertretern von Theologie, Philosophie, Medizin, Rechtswissenschaft, Kunst und Literatur, um deren Einschätzungen zur Ritualmord-Thematik einzuholen. Der Fragenkatalog war explizit und unmissverständlich, die zentrale Frage lautete: „Gibt es nach Ihrer Ansicht Juden, die zu rituellen, religiösen oder sonstigen anderen Zwecken Menschenblut gebrauchen und darum den Ritualmord oder den Blutmord begehen?“91

Abb. 13
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Hetzkampagne: Einband von „Der Blutmord in Konitz“, 1901.

Chamberlains Reaktion fiel zurückhaltend aus – offenbar war ihm die Ritualmord-Legende selbst suspekt. Ganz von ihr lassen wollte er allerdings auch nicht, und so formulierte er bewusst vorsichtig, er besitze in der Frage „keinerlei Specialkenntnisse“ und sei darum „weder befugt noch gewillt, hierüber ein Gutachten abzugeben“.92 Trotzdem, so führte er aus, sei der Ritualmord „von der echten, orthodoxen Gesetzeslehre des Judentums“ zwar „nicht vorgeschrieben“, sondern würde dort sogar perhorresziert, doch könne es sich „um das Fortbestehen eines uralten semitischen oder syrischen Gebrauches handeln – der jüdischen Lehre zum Trotz.“ Das „Opfern von Kindern bei wilden Syrosemiten (z.B. bei den Karthagensern)“ sei schließlich durchaus üblich gewesen, „und zwar verlangte der Gebrauch ursprünglich, dass diese Kinder eigene Kinder seien; fremde Kinder zum Sühneopfer zu gebrauchen, kam erst später auf.“93

Geschickt distanzierte sich Chamberlain hier von dem schon damals als haltlos entlarvten bösartigen Aberglauben des Ritualmords und lehnte jede Verantwortung für die Gegenwart ab – nur um ein solches Verbrechen sogleich wieder für prinzipiell möglich zu erklären. Damit lieferte der Brite auf geradezu perfide Weise einem Medium wie der „Staatsbürger-Zeitung“ die Möglichkeit, mit einer scheinbar rational abwägenden Stellungnahme radikalere Wortmeldungen zu flankieren, wie sie etwa Theodor Fritsch einige Ausgaben zuvor geäußert hatte.94 Der „Experte“ Chamberlain, der sich stets in vornehmer Zurückhaltung übte, gab damit erneut den radikalen und zur Gewalt anstachelnden Kräften Schützenhilfe.

Für gewöhnlich hielt der Brite allerdings Abstand zur antisemitischen Parteipresse und publizierte eher in Zeitungen wie der „Täglichen Rundschau“, die auch seinen Rumänien-Aufsatz veröffentlicht hatte. Mit diesem Blatt arbeitete er bereits seit 1893 zusammen, als die „Rundschau“ sich seiner Bosnien-Beschreibungen angenommen hatte,95 und war mit ihrem Chefredakteur Gustav Manz gut bekannt, der auch zu Cosimas zuverlässigen Ansprechpartnern in Sachen Festspiel-Berichterstattung gehörte.96 Ursprünglich als bürgerlich-nationale und parteilose Zeitung gegründet, hatte 1888 der „Deutschbund“-Gründer und völkische Multifunktionär Friedrich Lange die Herausgeberschaft übernommen und dem Blatt eine deutschnationale und antisemitische Ausrichtung gegeben. Nach dem Ausscheiden Langes, dessen radikaler Antisemitismus und völkischer Dogmatismus zum Bruch geführt hatte, übernahm Heinrich Rippler die Herausgeberschaft, der sich politisch als Mitglied zahlreicher „nationaler“ Verbände betätigte, zum Vorstand im „Deutschen Flottenverein“ wie im „Deutschen Wehrverein“ gehörte und eng mit der Führung des „Alldeutschen Verbandes“ vernetzt war.97 Unter Ripplers Herausgeberschaft mäßigte sich der Ton der Zeitung, die so zum beliebten Blatt des nationalliberalen, protestantischen Bildungsbürgertums avancierte, in ihrer politischen Ausrichtung allerdings weiterhin alldeutschen Vorstellungen – Kolonial- und Flottenrüstung, „Germanisierung“ der „Ostmark“, Kampf gegen den politischen Katholizismus – anhing.98 Chamberlain goutierte diese Ausrichtung und griff, auch weil ihr großer Absatz eine weite Verbreitung seiner Ideen garantierte,99 fortan verstärkt auf die Zeitung zurück.

Den Anfang machte ein Artikel unter dem Titel „Die preußische Rasse“, der in einer Sonderbeilage zum 18. Januar 1901 erschien, dem zweihundertsten Jubiläum der Staatsgründung Preußens.100 Darin nahm der Autor den Aufstieg Preußens zum Anlass, um über die segensreiche Wirkung einer echten „nationalen Eigenrasse“101 nachzudenken, als welche er die dort vermeintlich besonders scharf hervorstechende Ausbildung des „germanischen Stammes“ interpretierte.102 Die „erste Lehre“ aus der preußischen Geschichte sei deshalb, dass „neue Rasse, ausgestattet mit neuen Eigenschaften, jederzeit entstehen kann“:103 Der neue Staat sei nicht einfach ein Territorialstaat, sondern habe einen „Stamm gezüchtet“, der dann „die territoriale Macht“ ermöglichte.104

Vor allem im Dualismus zu Österreich-Ungarn trete deutlich hervor, dass „hier die unbezwingbare physische Kraft echter Rasse über Rassenlosigkeit und die moralische Kraft einer wahren Nation über die numerisch hundertfach überlegene Masse eines nur aus dynastischen Interessen zusammengestoppelten, jeder inneren Einheit ledigen Territoriumskonglomerats [sic!] gesiegt“ habe. Nicht die „kluge Politik der Kurfürsten und Könige“ sei deshalb primär für den Aufstieg Preußens verantwortlich, sondern „die Naturgewalt, genannt ‚Rasse‘.“105 Nun liege es an den Zeitgenossen, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und sich der Verantwortung zu stellen: „Was unbewußt geschah, muß bewußt geschehen; das erst ist Wissenschaft, ein Gestalten des Gewußten, wie sie der Elektriker übt, wenn er verheerende Naturkräfte in den Dienst der Menschheit stellt.“106

Was dann folgte, war Chamberlains aus den „Grundlagen“ bekannte Predigt der wesentlichen Teile seiner „Rassengesetze“: Die Mischung des Volkes durch „systematische Zuziehung von kernigen Zuwanderern […] aus germanischem Stamm“,107 die Vermeidung von „Entartung“ durch fremde Einflüsse sowie die Reinigung des Religions- und Kulturlebens, um die Veredelung der Rasse „aus dem Innern“ heraus zu fördern.108 Die „großen Hohenzollern“ hätten dies mit ihrem „unfehlbaren Instinkt“ bereits demonstriert: Sie „wußten nämlich das Eine genau: wer ein Protestant ist, der ist uns reinen Germanen sicher verwandt, der ‚gehört uns an‘, gleichviel woher er kommt.“ Die Aufnahme der Hugenotten erwies sich in dieser Perspektive als „echte Rassenzüchtung“, die durch die gleichzeitige Ablehnung des Katholizismus noch verstärkt wurde.

Die Gegenwart eröffnete schließlich noch eine weitere Möglichkeit, die Chamberlain vorsichtig bewarb: Es gebe „unter uns, genau wie im 16. Jahrhundert, ‚protestantische Katholiken‘, Männer, welche nur die Luftlinie einzelner unverständlicher Dogmen von uns Protestanten scheidet“, so dass man gelegentlich über die Bildung „einer neuen, allumfassenden deutschen Nationalkirche“ nachdenken könne. Dieser Gedanke sei allerdings nicht in Richtung eines ökumenischen Kompromisses zu deuten, da auch „ein jetziger Monarch“ solche Pläne „nie in einem anderen Sinne auffassen“ dürfe als Schiller, wenn er schreibt: ‚Berlin ist bestimmt, einmal die Metropole des Protestantismus zu sein‘.“ Sollte „je ein Hohenzoller die Prophezeihung [sic!]“ vergessen, „er hätte das Erbe seiner Väter verwirkt.“109

Unübersehbar verschmolz Chamberlain hier publikumswirksam seine Vorstellungen von Rasse und eines den Deutschen „artgerechten“ Protestantismus mit den aktuellen Entwicklungen, wie er sie in Österreich-Ungarn und vor allem in Wien hatte beobachten können. Der Erfolg der deutschnationalen „Los-von-Rom“-Bewegung, der zu tausenden Austritten aus der katholischen Kirche geführt hatte und eine Welle von Konversionen zum Protestantismus oder zu dem von Vatikan und Papst losgelösten Altkatholizismus nach sich zog, schlug sich in seinen Andeutungen über eine „allumfassende Nationalkirche“ ebenso nieder wie seine Hoffnung auf die Zerschlagung der „rasselosen“ Donaumonarchie und der Traum von einem „Alldeutschland“ unter preußischer Führung.

Nicht zuletzt stellte der kleine Aufsatz eine Ergänzung zum Rumänien-Artikel dar, denn während dort eine antisemitische Argumentation im Mittelpunkt stand und für die dazugehörigen Konzepte von Germanenideologie und artgerechter Religion kein Platz war, holte Chamberlain dies hier nach – auch wenn die „Preußische Rasse“ aus redaktionellen Gründen noch vor dem Rumänien-Aufsatz erschien. Dass Chamberlain selbst diesen komplementären Charakter wahrnahm, beweist ein Schreiben an Cosima, in dem er bemerkte, sein „Brief über die rumänische Judenfrage, der im vorigen Herbst bedeutendes Aufsehen in Rumänien verursachte“, erscheine „demnächst in der Berliner ‚Täglichen Rundschau‘“. Es „würde mich freuen, wenn Sie ihn lesen wollten. In meinem kleinen Aufsatz über die ‚Preußische Rasse‘, erschienen im selben Blatt […], habe ich namentlich das Protestantische betont.“110 Cosima zeigte sich hocherfreut, fand den Rumänien-Artikel ein „Meisterwerk“, das sie „gefesselt und unterhalten“111 habe und beschied, auch der Aufsatz über die „Preußische Rasse“ sei ganz „unvergleichlich“.112

Wichtiger als Cosimas Lob dürfte allerdings eine Geste der Anerkennung von höchster Stelle gewesen sein: Der 18. Januar diente dem deutschen Kaiser Wilhelm II. als Anlass, sich denjenigen zuzuwenden, die mit ihrem Wirken seine Aufmerksamkeit erregt hatten. So kam es, dass Chamberlain am 17. Januar 1901 vom deutschen Gesandten in Wien, Philipp zu Eulenburg, in die Botschaft bestellt wurde, um dort von der Anerkennung des Monarchen für die „Grundlagen“ zu erfahren.113 Erfreut schrieb er nach Bayreuth: „Ja, von der Lektüre der ‚Grundlagen‘ durch den Kaiser habe ich insofern erfahren, als Seine Majestät mir zum 18. Januar durch Fürst Eulenburg ein Gedenkblatt zugleich mit dem Ausdruck seines Interesses für mein literarisches Wirken hat überreichen lassen.“ Er habe daraufhin „an den Kaiser geschrieben; doch war er inzwischen nach England gereist und hat den Brief wohl nie zu Gesicht bekommen.“114 Das allerdings war nur die halbe Wahrheit, denn was hier ganz im Ton vornehmer Zurückhaltung und demonstrativ zur Schau gestellten Desinteresses daherkam, war in Wirklichkeit das Ergebnis langjähriger Bemühungen, die nun endlich Früchte trugen.

3. Chamberlain und der Kaiser I: Auf dem Weg an den Hof

Es lässt sich nicht mehr mit Sicherheit klären, wie genau der Kaiser Kenntnis von den „Grundlagen“ erhielt. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit war es Philipp Fürst zu Eulenburg und Hertefeld, der ihm die Lektüre nahebrachte. Dieser gehörte zu Wilhelms engsten Freunden und war Kopf der „Liebenberger Tafelrunde“, einem Kreis von Aristokraten und führenden politischen Persönlichkeiten, die dem Monarchen freundschaftlich verbunden waren und sich regelmäßig auf Schloss Liebenberg, dem Landsitz der von Eulenburgs, einfanden.115

Der Fürst war außerdem ein Verehrer Richard Wagners und seit Jahren mit Cosima befreundet, für die er immer wieder als Verbindungsmann zum Kaiserhof auftrat: 1887 etwa, als die Festspielleiterin versuchte, die Festspiele unter das Protektorat der Hohenzollern zu stellen, hatte Eulenburg vermittelt. Auch 1901, als es um die Verlängerung der Schutzfrist für Wagners „Parsifal“ ging, setzte sich Eulenburg für ihr Anliegen ein.116 Dieses erprobte Vorgehen wurde nun offenbar auch auf Chamberlain ausgedehnt.

Im Oktober 1901, ein Dreivierteljahr nach der kaiserlichen Ehrung, wandte sich der Fürst erneut an den Briten und lud ihn nach Liebenberg ein, um dort den Kaiser zu treffen.117 Chamberlain meldete das bevorstehende Ereignis sogleich nach Wahnfried, versah seinen Bericht aber mit einer Bemerkung, die angesichts dieser außergewöhnlichen Ehrung einigermaßen rätselhaft klang: „Wie kühl und reserviert ich über solche Dinge denke, ist Ihnen bekannt; und freue ich mich auch herzlich über die Anerkennung und Sympathie des hohen Herrn, ich gehe nur aus Pflichtgefühl nach Liebenberg, in einer ziemlich porc-épic Stimmung. Es ist für mich von hohem Interesse und von bedeutendem Bildungswert, den Kaiser und den Reichskanzler (der auch dort sein wird) von nahe zu sehen; doch sonstige Erwartungen knüpfe ich an diese Begegnung nicht.“118

In der Forschung ist diese Bemerkung jüngst als Beleg dafür interpretiert worden, dass Chamberlain der Politik desinteressiert gegenüberstand und deshalb auch keine größeren Erwartungen an ein Treffen mit dem Kaiser hegte.119 Bei genauer Lektüre der Quellen wird allerdings schnell deutlich, dass das Gegenteil der Fall war, denn im direkten Anschluss an die zitierte Passage eröffnete er Cosima die Möglichkeit, die Zusammenkunft mit dem Monarchen in ihrem Sinne zu nutzen: „Trotz alledem wäre es doch denkbar, daß Seine Majestät das Thema Bayreuth und ‚Parsifal‘-Schutz berührte, und zwar so, daß auch ich zu Worte käme. […] Und da ist mir eingefallen, Sie zu fragen, ob Sie in dieser Beziehung mir irgendeinen Wunsch oder Ratschlag oder Instruktion zu geben hätten […].“120

Dieses Angebot war für Wahnfried von höchstem Wert, stand doch die Festspielleiterin, wie weiter unten ausführlich erörtert wird,121 in ihrem Kampf für ein „Parsifal“-Schutzgesetz an einem entscheidenden Punkt: Alle ihre Bemühungen, mithilfe verbündeter Politiker im Reichstag ein solches Gesetz zu erwirken, waren gescheitert und nicht einmal ein von ihr selbst verfasster Brief an das Parlament hatte das Blatt wenden können. Nun blieb als letzte Hoffnung nur noch der Kaiser, auf den sie über den Reichskanzler Bernhard von Bülow und über ihren Freund Philipp von Eulenburg in dieser Angelegenheit Einfluss zu nehmen suchte. Eine weitere Stimme im Chor der Einflüsterer konnte da nicht schaden, zumal, wenn es sich um eine so raffinierte wie die Chamberlains handelte. Dieser hatte bereits erkennen lassen, dass er sich der pikanten Situation bewusst war und vorsichtig formuliert: „Freilich ist Graf Bülow besser informiert als ich über diese Angelegenheit; ich werde – und würde – nur wie einer aus dem Publikum sprechen können; doch auch das hat seinen Wert, und in solchen Dingen kommt ein Tropfen zum andern; […] einen ‚Auftrag‘ könnte ich und möchte ich natürlich nicht übernehmen; dazu fehlt mir jeder Beruf, doch falls der Zufall die Gelegenheit böte, so könnte es doch einen Unterschied machen, ob ich das richtige Wort spreche oder nicht.“122

Chamberlain hatte sich damit sehr wohl einen Auftrag gegeben, der ihn erneut zu Cosimas Informanten und wertvollstem Mitarbeiter machte, und er tat dies in einem Augenblick, in welchem sein Verhältnis zur Festspielleiterin aufgrund des öffentlichen Angriffs auf die „Grundlagen“ schwer belastet war. Das Angebot war demnach nicht nur ein Dienst am Bayreuther „Werk“ – zumal er selbst Cosimas Pläne in der Parsifal-Angelegenheit für aussichtslos hielt –, sondern es war auch der Versuch, die auf persönlicher Ebene gestörte Beziehung durch ein Entgegenkommen auf der Arbeitsebene wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Nicht zuletzt machte die Einladung des Kaisers seinen Wert für Wahnfried überdeutlich und nährte zugleich die Hoffnung, dass der Pfad zur endgültigen „Nationalisierung“123 der Festspiele, zu ihrer Installierung als „National-Festspiele“, ein gutes Stück verbreitert werden konnte. Damit war Chamberlains tragende Rolle im politischen Projekt „Bayreuth“ ebenso unter Beweis gestellt wie seine Treue zur gemeinsamen Sache, ohne dass er seine neu gewonnene Unabhängigkeit gefährdete. Denn die „Grundlagen“ waren sein Werk, die Resonanz darauf, die Einladung des Kaisers, war sein Erfolg – der Brite konnte sich also versöhnlich geben, ohne seine Position zu schwächen. Das so ostentativ zur Schau gestellte Desinteresse erscheint vor diesem Hintergrund eher wie ein taktisches Manöver: Es war die Versicherung an Cosima, weiter zu ihrer Welt, zur Sphäre des Geistes, zu gehören und nicht in die Niederungen weltlicher Politik herabzusteigen – denn verglichen mit dem ewigen „Ideal“ war selbst die Wertschätzung des Kaisers nur eitler Tand, wenn auch politisch nützlicher.

Für diese Interpretation spricht ein Befund, der sich ergibt, wenn man weitere Quellen hinzuzieht. Dann zeigt sich, dass die Einladung durch Wilhelm II. keineswegs aus dem Nichts kam, sondern am Ende einer langen Reihe von Versuchen Chamberlains stand, seine Schriften im Umfeld des Monarchen zu platzieren. Nicht erst mit den „Grundlagen“ hatte er sich dazu berufen gefühlt, sondern bereits 1893, mitten in seinem Kampf gegen die Wagner-kritischen Schriften von Ferdinand Praeger und Hugo Dinger, hatte er gehofft, einen Kontakt zum Kaiser herstellen zu können. Ein kurzer Rückblick scheint deshalb angeraten.

Beide, Praeger und Dinger, hatten, wie weiter oben ausgeführt, Wagners Beteiligung an der Revolution von 1848/49 aufgegriffen und ausführlich seine Rede im „Vaterlandsverein“ gewürdigt, in welcher der Komponist scharfe Kritik an den herrschenden Zuständen und der Monarchie geübt hatte. Anfang der 1890er Jahre war eine solche Position freilich nicht mehr opportun, im Gegenteil: eine Debatte um Wagners politische Haltung konnte das Projekt der Nationalisierung der Festspiele bedrohen, so dass Chamberlain nicht eben wenig Energie darauf verwendet hatte, in seiner Wagner-Biographie die unklaren und widersprüchlichen politischen Haltungen Wagners zu einer vermeintlich konsistenten, Leben und Werk bestimmenden, völkischen Orientierung umzudeuten.

Dabei hatte er schon früh darüber nachgedacht, wie dieser Offensive mehr Durchschlagskraft zu verleihen sei und in einem langen Schreiben an Hans von Wolzogen im März 1893 eine Idee formuliert: „Seit geraumer Zeit zerbreche ich mir den Kopf, wie man es wohl fertigbringen könnte, die Aufmerksamkeit des Kaisers auf […] das Verhältnis R. Wagners zur Revolution, namentlich über die Bedeutung seiner einzigen politischen Rede (wie Praeger sie betitelt: Die Abschaffung der Monarchie!) zu lenken. Mich dünkt, es müsste doch für den deutschen Monarchen von wirklichem Interesse sein, genau zu erfahren, wie der grösste Deutsche, mit Bezug auf den ‚heiligen Mittelpunkt‘ (wie W. das Königthum bezeichnet), gedacht – und auch wie er sich benommen hat.“124

Es ist ungewiss und wohl auch unwahrscheinlich, dass diese hochfliegenden Pläne auf irgendeine Resonanz stießen – zu speziell war das Thema, um außerhalb ohnehin interessierter Kreise zu verfangen, und Cosima wie Wolzogen dürften sich darüber auch im Klaren gewesen sein. Ganz anders verhielt es sich allerdings zwei Jahre später, anlässlich der Drucklegung der Wagner-Biographie: Über Elisabeth von Mecklenburg und Richard von Chelius gelang es Chamberlain, wie weiter oben gezeigt, das Buch bei Hof zu platzieren und dem Kaiser sogar Hinweise auf die besonders wichtigen Passagen zukommen zu lassen.125 Er selbst musste freilich in Ermangelung geeigneter Anlässe auf Distanz zum Hof bleiben, während Wilhelm II., obgleich Wagner-begeistert, Abstand zu den Festspielen hielt – ein unbefriedigender Zustand für einen Mann von Chamberlains Ehrgeiz und Missionierungsdrang, der dem Monarchen wohl am liebsten selbst vorgelesen hätte. Mit dem Erscheinen der „Grundlagen“ bot sich knapp fünf Jahre später eine zweite Gelegenheit und diesmal ging der Brite, der aus dem ersten Versuch gelernt hatte, die Sache strategischer an.

Als Medium seiner Annäherung wählte er die in München erscheinende „Jugend“, die stilprägende Wochenschrift für Kunst und Literatur, die dem „Jugendstil“ zu seinem Namen verhalf. Ihr Herausgeber war Georg Hirth, zugleich Verlagschef und Herausgeber der „Münchner Neuesten Nachrichten“, der auflagenstarken Tageszeitung, über die Cosima 1901 bemerkte, sie habe „immer auf Seiten Bayreuths“126 gestanden. Chamberlain hatte, wie bereits angeklungen, schon im August 1899 einen Jubelartikel auf Siegfried Wagner in dem Blatt veröffentlicht und kurz darauf zwei kleine Aufsätze publiziert: einen zu Goethes „Werther“ und einen zweiten über „Schiller als Lehrer im Ideal“.127 In beiden Texten befleißigte er sich geschickt des schwärmerischen Tonfalls der Zeitschrift und überformte seine Themenfelder spielerisch und assoziativ mit Vorstellungen von Germanentum, von artgerechter Kultur und von der Verantwortung des Individuums für die Gestaltung der kollektiven Zukunft, ohne jedoch konkret zu werden.128

Im Mai 1900 schließlich hatte er anlässlich der Wiederkehr von Wagners Geburtstag129 einen weiteren Artikel publiziert und darin erneut eine verdeckte rassische Ebene implementiert: Unter dem Titel „Richard Wagner’s geschichtliche Stellung“130 verbreitete Chamberlain darin wesentliche Bestandteile seiner Wagner-Deutung: Wagner als Schöpfer des „deutschen Dramas“,131 als Märtyrer, der von einer lebensfernen, verknöcherten Wissenschaft „vertilgt“ und „ausgelöscht“132 und von „Bildungskrüppel[n]“133 entstellt worden war – eine Komposition, die beim Publikum einer lebensphilosophisch orientierten Zeitschrift wie der „Jugend“ zweifelsohne ein positives Echo hervorrufen musste, passte sie sich doch nahtlos ein in die Ideen einer „organischen“ Verbindung von „Geist“ und „Leben“.

In einem Schreiben an die Redaktion nahm Chamberlain auch Bezug auf einen weiteren Text, um den er gebeten worden war. „Ach“, schrieb er da, „der vielgenannte Kaiser Wilhelm II. Aufsatz wäre im Kopf längst überreif. Ich weiss nur nicht, wollen Sie ihn noch? Und welche Gelegenheit würde Ihnen die Veranlassung geben?“134 Die Frage war berechtigt, denn die politische Lage war angespannt: In China spitzten sich die Proteste gegen die Kolonialmächte zu und sollten bald zu einer militärischen Intervention des Deutschen Reiches führen. Auf dem afrikanischen Kontinent war die Lage eskaliert und hatte im Oktober 1899 zum erneuten Krieg zwischen den Buren und dem britischen Empire geführt, der wegen des grausamen Umgangs der Briten mit der Zivilbevölkerung zum internationalen Skandal wurde. In beiden Fällen machte der Kaiser aus Sicht der Öffentlichkeit keine gute Figur.

Chamberlain beobachtete die Lage genau, schließlich war er doppelt involviert: Aus einer Familie englischer Kolonialoffiziere stammend, kannte er nur zu gut die Erwägungen imperialer Machtpolitik. Als Wahl-Deutscher, der von der germanischen Weltmission der Deutschen überzeugt war, stand er allerdings im Lager derer, die glaubten, sich ihren unrechtmäßig vorenthaltenen „Platz an der Sonne“ erst erkämpfen zu müssen. Aus dieser Spannung resultierte eine kritische Wahrnehmung der deutschen Außenpolitik und mit ihr auch eine insgesamt kritische Perspektive auf den deutschen Kaiser, stand doch die Außenpolitik unter dessen „persönlichem Regiment“.

So verwundert es nicht, dass er sich, aufgerufen zu einem Artikel über den Monarchen, angesichts der negativen Nachrichten aus Fernost zurückhaltend gab: „Eine rechte Schreiblust“, bemerkte er im April 1900, „werde ich allerdings kaum kriegen bis die Russen wieder zu siegen beginnen – wofür jetzt wieder Anzeichen vorliegen. Wer soll unter dieser Schmach noch gern und froh schreiben?“135 Mit Blick auf den Buren-Krieg, in dem die Engländer gerade begannen, entscheidende Erfolge zu erzielen, wurde er gänzlich pessimistisch: „Und auch meine herzliche Begeisterung für Kaisers W.’s grossdeutsche Politik leidet schwer an der Erfahrung, dass der Verfasser der Depesche an Krüger nur Siegern und niemals Besiegten seine Sympathien auszusprechen weiss.“136 Umso überraschender war dann der Ton des Artikels, den Chamberlain vier Wochen später der Redaktion vorlegte und zu dem er erklärte, er habe sich auf ein einziges Thema beschränkt: auf „den Kaiser als Kaiser“ und „zwar im grössten, historischen Sinne“.137

Sesam öffne Dich

Trotz seiner Vorbehalte hatte sich Chamberlain zu einer Eloge auf den Monarchen entschlossen, die unter dem schlichten Titel „Kaiser Wilhelm II.“ im Mai 1900 in der „Jugend“ erschien. Der Monarch, so formulierte er die zentrale These gleich zu Beginn, sei „überhaupt der erste deutsche Kaiser“, denn das 1871 gegründete Deutsche Reich sei nicht etwa die Wiedererweckung eines älteren Reiches, sondern etwas gänzlich Neues: Die vorangegangenen Herrscher seien „römische, nicht deutsche“ Kaiser gewesen und die „Vorstellung eines wieder ins Leben gerufenen, früher schon dagewesenen deutschen Reiches“ deshalb „grundfalsch“.138 Schließlich sei erst mit Wilhelm II. das „Deutschtum“ zur bestimmenden Größe auf dem Thron geworden: Die Habsburger Kaiser des „Heiligen römischen Reiches deutscher Nation“ wären durch die „geographische Lage […] und die Zusammenstellung [ihrer] Völkerschaften nicht berufen […], die wirkende Kraft zur Bildung eines echten deutschen Reiches abzugeben“, und auch Wilhelm I. habe, ganz wie der ihm nachfolgende Friedrich III., kein rechtes Verständnis für die Idee des „echten deutschen Kaiserthums“ gehabt. Dagegen „erfüllte das Bewußtsein seiner einstigen Kaiserwürde Wilhelm II. von Kindesbeinen an.“

Damit war das Leitmotiv des Artikels vorgegeben, der Nachweis einer spezifisch „deutschen“ Kaiserwürde als Manifestation eines überzeitlichen, schicksalhaften Deutschtums. Zur Illustration dieser vermeintlichen Gesetzmäßigkeit wählte Chamberlain eine autobiographische Episode: seinen Aufenthalt in Bad Ems, bei dem er als der Vierzehnjähriger zum Zeugen des Kriegsbeginns zwischen Preußen und Frankreich geworden war.139 Dort habe er den Monarchen „am offenen Fenster“ gesehen, „die edlen Züge wie versteinert in dem Ausdruck des furchtbaren, heiligen Ernstes […]. Das ganze Geschlecht der Hohenzollern rief dieser eine Blick aus der Vergangenheit hervor. Der in schlichter Soldatengestalt dastand, war mehr als ein Mann, er war die Verkörperung eines Geschlechtes; […] der Blick schien von weit her, über Jahrhunderte von Noth und Kampf und Sorge zu kommen“.

Diese nur scheinbar illustrative Szene fügte dem bisherigen Gedankengang einen wichtigen Aspekt hinzu: Die Ebene des „Geschlechts“, die in Verbindung mit dem Diktum vom „echten deutschen Kaisertum“ und aus der Feder des Autors der „Grundlagen“ nur als Umschreibung für eine besonders „reine“ Abstammung zu lesen war und zudem die Vorstellung vom „Genie“ als Zusammenfluss der an das jeweilige Volk gebundenen Kräfte transportierte. Mit religiösem Pathos aufgeladen, wurde aus dieser Vorstellung sogar ein Glaubensbekenntnis, das der Brite am Ende des Artikels formulierte: „Ich glaube nicht an Gottesgnadentum, ich glaube aber an die zwingende Macht eines großen Geschlechtes, welche den Ohnmächtigen stützt und den Mächtigen hebt, und welche – vor Allem – dem Individuum eine überindividuelle Konsequenz und dadurch ganz besondere Fähigkeiten verleiht.“

Diese Fähigkeiten gelte es nun für die neue Zeit nutzbar zu machen, denn während die Generation Wilhelms I. und Bismarcks mit der Reichsgründung einen politischen Prozess vollendet hätte, sei es an Wilhelm II., Neues zu schaffen und die „Grundlage zu einem neuen, erweiterten Deutschland […] zu legen.“ Diese weithin verbreitete Hoffnung verband der Autor geschickt mit der bisherigen politischen Linie des Monarchen, der ganz auf seine alleinige Führungsrolle, auf das „persönliche Regiment“, setzte und unter dem Schlagwort vom „neuen Kurs“ neue innenpolitische Positionsbestimmungen formuliert hatte: „Das Wort vom ‚neuen Kurs‘ ist ein weltgeschichtlich viel tieferes, als die Zeitgenossen ahnen; es bezeichnet einen historischen Wendepunkt“, läutete Chamberlain diese Betrachtungen ein. Dem Kaiser sei es gelungen, trotz „Adelsprotz und Bierphilister“ und einer Regierung, „gefesselt durch das allgemeine Wahlrecht […], alle Haupterfordernisse“ immer wieder vorzubringen und „nach Möglichkeit“ durchzusetzen. Diese „Haupterfordernisse“ ließen sich, so Chamberlain, in einer einfachen Formel fassen: „Nach aussen die Seemacht, nach innen die Sprache“. Dies erforderte, sollte Deutschland nicht zu einem vermeintlich dysfunktionalen Vielvölkerstaat wie Österreich-Ungarn werden, die Sicherung und den Ausbau des Reiches zur Weltmacht.

Dazu, so predigte der Brite, müssten die politischen Maßnahmen, welche die öffentliche Debatte bestimmten – insbesondere der Flottenbau und der Erwerb von Kolonien – zwar weiterverfolgt, ihnen zugleich aber eine gesellschaftspolitische Ebene gegenübergestellt werden: „Das nationale Leben ist nichts – und gewiß keiner Flotte werth – wenn wir ihm nicht einen Inhalt geben, und die Form dieses Inhalts ist unzertrennlich an die Sprache geknüpft.“ An der Sprache hingen schließlich „die deutsche Wissenschaft, die deutsche Philosophie, die deutsche Kunst und – so Gott will – die deutsche Religion“ und mit ihnen „die höhere Kultur der Menschheit“ an sich. Wer also „diese Sprache verbreiten hilft, ist mein Mann, mag er es anfangen, wie er will, und mag er selbst alle Gegner über die Klinge springen lassen; nur ein Kaiser, der diese Aufgabe erfaßt, ist ein echter Kaiser der Deutschen.“

Damit waren die zentralen Pfeiler von Chamberlains Weltbild benannt: die Überlegenheit und historische Mission der Deutschen und ihrer Kultur, der an die Sprache gebundene „deutsche Geist“, das Genie als die Geschichte vorantreibendes Moment, eine vom jüdischen Einfluss und von kirchlichen Dogmen bereinigte „deutsche Religion“ und die allem zugrundeliegende Basis der Rasse, hier in Gestalt des „Germanentums“. Zusammen mit der positiv konnotierten Flottenrüstung und dem Streben nach kolonialer Ausbreitung – beides war für die Leser der „Jugend“ hinter Chamberlains Phantasien leicht zu erkennen – war dies ein nicht nur schmeichelhafter, sondern auch überaus anschlussfähiger Forderungskatalog.

Selbst der Krieg als Motor jeder Evolution fehlte in dieser Argumentation nicht, und auch er wurde geschickt mit der Person des Kaisers verbunden: Dieser habe schließlich bereits als Siebenjähriger erlebt, wie im Krieg Preußens gegen Österreich „der innere Feind des im Aufstehen begriffenen neuen Deutschlands aufs Haupt geschlagen wurde“. Als Elfjähriger sei er dann Zeuge geworden, „wie […] seine ganze Familie und mit ihr alle wehrbaren Männer Deutschlands gegen den äußeren Feind in den Krieg zogen […]. Das Werden des Reiches ist ihm also ein persönliches Erlebnis, nicht eine vom Lehrer vermittelte Chronik, und das ist ein kostbarer Besitz.“ Krieg, sollte das heißen, hatte nicht nur das Reich geformt, sondern auch die Persönlichkeit des Kaisers: „Für die geistige Entwicklung einer in einem entscheidenden historischen Augenblicke wirkenden Persönlichkeit ist es nun von ausschlaggebender Bedeutung, in welchem Verhältnis die fortlaufende Bewegung der politischen Ereignisse zu den fortlaufenden Phasen des Lebensalters der betreffenden Persönlichkeit steht. In diesem Falle ist das Verhältnis ein äußerst günstiges […], die letzten Etappen in der Entwicklung des neuen Reiches hat er selbst miterlebt.“

Diese eigenwillige Interpretation der Biographie des Monarchen – der ja aufgrund seiner Jugend an keinem dieser Kriege teilgenommen hatte – erweist sich bei genauerem Hinsehen als bemerkenswert geschickter Schachzug. Denn was bei den Lesern vor allem verfangen haben dürfte, war der generationelle Zusammenhang, den Chamberlain herstellte: Er appellierte an die wilhelminische, die „Junge Generation“ der zwischen 1855 und 1865 Geborenen, die sich selbst in scharfer Abgrenzung zur älteren „Gründergeneration“ definierte und ihre Selbstfindung in den 1890er Jahren in einer Vielzahl von Schriften vollzog. Das Diktum von der „Jugend“ wurde, so hat Martin Kohlrausch formuliert, in diesen vor allem im Bürgertum geführten Debatten zu einem „Standpunkt, der nicht hinterfragt werden musste“ und die generationelle Zugehörigkeit zu „einer extrem wichtigen und breit diskutierten Kategorie“, die „in einem zunehmend negativ gedachten Verhältnis von Alten und Jungen“140 resultierte.

Der bei seiner Thronbesteigung im Jahr 1888 gerade einmal 29-jährige Wilhelm II. war zwangsläufig Teil dieser Diskurse und Projektionsfläche für diese an die Generation gerichteten Erwartungen: Für eine Mitwirkung an der Reichgründung waren ihre Angehörigen zu spät geboren und suchten diesen vermeintlichen Mangel nun durch „Autoritätsfixierung, Assimilation, Harmonieorientierung und Aggressivität“ zu verdecken, wie Martin Doerry in seiner klassischen Studie zu den „Wilhelminern“ und ihrem Charakter als „Übergangsmenschen“ herausgearbeitet hat.141

Bereits 1889 hatte der Schriftsteller Hermann Conradi in einer „Wilhelm II. und die junge Generation“ betitelten Broschüre postuliert, diese Altersgruppe trage „eine ganz anders geartete Last auf ihrem Rücken, denn die ältere Generation trug und trägt“.142 Sie sei geprägt von einer Individualisierung, wohingegen die Alten kollektiv in „maschinalem Beamtentum“143 erstarrt seien. Conradi gab damit den Startschuss für eine Praxis, die zu einem wesentlichen Bestandteil bürgerlicher Debattenkultur des folgenden Jahrzehnts werden sollte und die Stefan Breuer zutreffend beschrieben hat als die „zunehmende Bereitschaft, den Kampf um die symbolische Macht als intergenerationelles Drama zu inszenieren“.144

An diese Diskurse und Stimmungslagen knüpfte Chamberlain an, wenn er den Gegensatz zwischen den Alten, den „Vollendern“ früherer Prozesse, und den Jungen, die die Zukunft zu gestalten hatten, beschwor und damit ein Gefühl des generationellen Zusammenhalts verstärkte. Die so durch ihre Aufgabe definierte Gruppe verband den 1859 geborenen Kaiser mit dem 1855 geborenen Chamberlain und der Leserschaft der „Jugend“. Doch anders als noch Conradi, der in der Verbindung von Monarchie und einer die Verhältnisse zunehmend demokratisierenden Moderne die Herausforderung für den jungen Kaiser gesehen hatte, argumentierte Chamberlain nicht nur entschieden antidemokratisch – wenn er etwa die Politik als „gefesselt durch das allgemeine Wahlrecht“ darstellte –, sondern er modifizierte auch den Begriff der Individualität um eine rassistische Komponente, indem er der überzeitlichen Macht des „Geschlechts“ das Wort redete, die „dem Individuum eine überindividuelle Konsequenz und dadurch ganz besondere Fähigkeiten“145 verleihe.

Derart durch Rasse, Geschichte und Genie zur Führerschaft befähigt und bestimmt, stand der Kaiser einem Volk vor, das Chamberlain nun kurzerhand zur „edelsten germanischen Menschheit“ erklärte – das Konzept vom organisch aus dem Volk erwachsenen „Volkskönig“, das der Brite aus Wagners Vaterlandsvereinsrede abgeleitet hatte, stand hier ebenso unübersehbar Pate wie die Idee von der überlegenen germanischen Rasse. Insbesondere dieser Aspekt überzeugte naturgemäß auch Cosima, die den Artikel sogleich nach der Veröffentlichung las: „Ihre Improvisation über den Kaiser“, schrieb sie nach Wien, „hat uns sehr unterhalten und ich danke herzlichst für die Zusendung. Wollen wir hoffen, sage ich ohne Fragezeichen, und jedenfalls haben Sie den Punkt getroffen, an den hier anzuknüpfen ist, dass Wilhelm II. an sich als Deutscher Kaiser glaubt, was von grossem Werth ist.“146

Mit seinem kleinen Aufsatz, so lässt sich aus der historischen Rückschau konstatieren, hatte Chamberlain Bemerkenswertes geleistet: In einem Text, der eigentlich der Person des Kaisers und damit einem überaus heiklen Thema gewidmet war, hatte er geschickt die wesentlichen Bestandteile seiner Weltanschauung untergebracht – und dies in einem Blatt, welches ein breites Publikum ansprach und in einer Form, die ihm die Aufmerksamkeit hochgestellter Gönner wie Eulenburg zu sichern im Stande war und damit die Chance bot, auch dem Kaiser vorgelegt zu werden.

Tatsächlich wurde der Artikel bei Hofe gelesen, wie ein Tagebucheintrag der Baronin Spitzemberg, einer aufmerksamen Beobachterin des Zeitgeschehens, bezeugt. In einer Reflexion über den politischen Generationenwechsel, in dem sie bemerkt, der Kaiser habe „die ganze Jugend […] hinter sich“, führte sie aus: „In einem Artikel des Maiheftes der ‚Jugend‘ gibt der Verfasser der ‚Grundlagen des 19. Jahrhunderts‘, der Engländer Chamberlain, diesem Gedanken beredten und vielfach wahren Ausdruck, indem er den Kaiser als einen ‚Berufenen‘, einen die Ideen seiner Zeit erfüllenden Mann hinstellt.“147

Dass der Kaiser-Artikel geeignet war, Chamberlain den Weg an den Hof zu ebnen, registrierte auch Hugo Bruckmann, der im Mai 1900 per Telegramm „von Herzen zum Finden des Zauberwortes Sesam öffne dich“ gratulierte. Zugleich hatte der Verleger noch einen weiteren Grund erfreut zu sein, da der Artikel spürbar den Absatz der „Grundlagen“ beförderte,148 die damit endgültig ihren Weg in die höchsten Kreise fanden. Auch die Baronin von Spitzemberg sah sich nun zur ausführlichen Lektüre des Buches angeregt und notierte im Herbst 1900, es sei ihr eine „wahre Offenbarung“ gewesen: „Keine Seite fast, da man nicht widersprechen möchte, verwundert fragen wenigstens […]; keine aber auch, wo man den glänzenden Gedanken, der genialen, männlichen, schwungvollen geistreichen Auffassung nicht zujubeln muß […] – wo man hinkommt, ist das Buch gelesen, hat begeisterte Anhänger, allerdings auch solche, die es oberflächlich, unwissenschaftlich, phantastisch nennen, ein Urteil, das ich völlig begreife vom Standpunkt der landesüblichen, hochwissenschaftlichen und streng logischen Beurteilung aus.“ Doch das „Werk gibt soviel zu denken, reißt hin, macht mutig, begeistert die Seele, vernichtet alle graue Theorie, alle Nörgelei – ist das in unserer matten, kühlen, skeptischen Zeit nicht genug des Lobes?“149

Als wenige Monate später Fürst Eulenburg Chamberlain die Anerkennung des Kaisers für die „Grundlagen“ aussprach, kann dies also nicht mehr ganz so überraschend gewesen sein, wie der Brite vorgab. Auch Cosima hatte bereits aus anderen Quellen erfahren, dass man auf ihren einstigen Musterschüler aufmerksam geworden war – sie hatte sich mit Adolf von Harnack, dem Hoftheologen des Kaisers, über die „Grundlagen“ unterhalten und meldete an Chamberlain: „Er bezeigte das größte Interesse dafür. […] Über kurz oder lang, denke ich mir, werden Sie doch nach Berlin geraten; er wünscht sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, und es würde mich freuen, Ihre Begegnung zu vermitteln“.150 Wenige Wochen später, im April 1901, kam sie noch einmal darauf zurück: „Über Sie, Freund, habe ich Manches u. Gewichtiges in letzter Zeit vernommen. Sehr möglich, dass Ihnen eine bedeutende Einwirkung bestimmt ist. Ja, bereits in einer öffentlichen Kundgebung war Ihr Einfluss unverkennbar. Möchte es immer bestimmter werden, möchte es Ihnen bestimmt sein, die jähe und unerklärliche Abwendung von unserer Sache in die frühere ahnende Erkenntnis ihrer Bedeutung für Deutschland zu wandeln. Ich blicke in die Zukunft u. zwar vielleicht in eine ferne! Daher muss ich mich mit Andeutungen begnügen.“151

So fern wie es Cosima hier erschien, war Chamberlains „bedeutende Einwirkung“ nicht, denn mit der Einladung nach Schloss Liebenberg im Oktober 1901 zahlten sich die Hartnäckigkeit, die stetig steigende Popularität und die Vermittlungstätigkeit seiner Freunde und Gönner aus. Für die ganz auf ihre eigenen Bedürfnisse fixierte Festspielleiterin schloss sich damit der Graben, den die „jähe und unerklärliche Abwendung“ des Kaiserhauses von Bayreuth152 aufgerissen hatte. Für Chamberlain, der sich aus dem Bayreuther Korsett befreit hatte, bedeutete die Einladung mehr – sie bot ihm die Chance, seine Weltanschauung an höchster Stelle zu platzieren, ohne weiter auf die Vermittlung anderer angewiesen zu sein. Dass er dabei Großes erhoffen durfte, darauf hatte ihn ein Brief Eulenburgs vorbereitet: Wilhelm II., so hatte der Fürst geschrieben, kenne Chamberlains „großes letztes Werk so genau wie kaum ein anderer“ und verschenke es „in ungezählten Exemplaren an Freunde und Bekannte. Während der letzten Nordlandreise lasen wir uns stets nachmittags daraus vor. Es wird eine Art Kultus mit Ihnen getrieben.“153

Bei Hof

Chamberlain reiste am 27. Oktober 1901 von Wien nach Berlin, wo er nach knapp 13stündiger Reise am Bahnhof Friedrichstraße ankam.154 Am nächsten Tag folgte dann die letzte Etappe, eine Zugreise in das etwa eine Stunde entfernte Liebenberg. Dort traf er mit Reichskanzler Bernhard von Bülow zusammen und nach einer kurzen Kutschfahrt, auf der man sich über Richard Wagner, den Kaiser und die märkische Landschaft unterhielt, erreichten beide das Schloss.155 Auf der Treppe empfing sie der Monarch mit seiner Entourage, phantasievoll ausstaffiert und wie in einer Theaterkulisse sorgsam arrangiert: „On reaching Liebenberg castle, just as dusk was darking, we found the Emperor, his suit, Prince Eulenburg, his family & guests, all assembled in front of the steps; H.M. [His Majesty, S.F.] & most of the men in a sort of Robin Hood costume, with long flowing mantles, – most picturesque.“156

Nach der förmlichen Begrüßung trafen Chamberlain, Eulenburg und Wilhelm II. zu einer längeren Unterhaltung in einem der Salons zusammen. Man sprach über die „Grundlagen“ und insbesondere über das Kapitel „Die Erscheinung Christi“, über England und vor allem über dessen Krieg gegen die Buren. Anschließend folgte ein großes Abendessen, an dem insgesamt etwa 30 Personen teilnahmen: neben dem Kaiser und Eulenburg auch die Gattin und die Töchter des Fürsten sowie der Reichskanzler, an dessen Seite Chamberlain zu sitzen kam. Wilhelm II. zeigte sich äußerst redselig, wie der Brite in sein Tagebuch notierte: „The Emperor talked a great deal – the Pope, Catholicism (‚germanus sum, qui quod non germanus a alienum puto‘), Spurgeon, the Bishop of Ripon, a Nuntius who held him a long lecture on the history of the Church, etc. etc.“157

Im Anschluss an das Diner folgten lockere Gespräche mit den Kindern Eulenburgs, bis Chamberlain schließlich in eine ruhige Ecke des Salons geführt wurde, um dort ein privates Gespräch zu beginnen über Gott, über das Übernatürliche und über seine weiteren Bücher.158 In diese Unterhaltung mischte sich der Kaiser ein, der bis dahin mit einer Partie Billard beschäftigt gewesen war, und begann eine mehrstündige Unterhaltung mit dem Gast, die gelegentlich durch musikalische Vorträge der Eulenburg-Kinder unterbrochen wurde und auch noch andauerte, nachdem sich die Damen in ihre Gemächer zurückgezogen hatten. In der verbleibenden Herrenrunde, zu der neben Chamberlain und Wilhelm II. auch Philipp zu Eulenburg und Wilhelms Flügeladjutant Kuno von Moltke gehörten, gab der Monarch eine detaillierte Beschreibung seiner 1898 unternommenen Palästina-Reise, schilderte seine Eindrücke von den dortigen christlichen Sekten wie von der muslimischen Bevölkerung, berichtete von seinen Plänen und Hoffnungen hinsichtlich Mesopotamiens, erzählte vom Besuch des englischen Kolonialpolitikers Cecil Rhodes zwei Jahre zuvor, kam von dort erneut auf England, auf dessen Premierminister Lord Salisbury und Kolonialminister Joseph Chamberlain zurück und erkundigte sich auch nach der Familie seines Gastes, insbesondere nach dessen Ahnherren, Sir Henry Orlando Chamberlain.159

Die Mischung der Gesprächsthemen gibt deutliche Hinweise darauf, welche Kompetenzen der Kaiser seinem Gast zusprach: Alle operierten an der Schnittstelle von weltanschaulicher Basis und aktueller Politik und berührten genau jene Themenbereiche, die der Brite in seinem Hauptwerk ausgebreitet und in seinen Artikeln pointiert wie aktualisiert publiziert hatte: Die Unterhaltung über die „Grundlagen“ entzündete sich vor allem am Kapitel zur „Erscheinung Christi“, in dem es im Kern nicht um theologische Fragen ging, sondern um die Begründung und Etablierung eines den Germanen „artgerechten“ und vom jüdischen Einfluss gereinigten Christentums mit einem nicht-jüdischen Jesus als Stifter. Auch die anderen von Chamberlain erwähnten Tischgespräche weisen in diese Richtung: So sprach man über den englischen Theologen William Boyd Carpenter, Bischof von Ripon und Hofkaplan von Königin Victoria, der sich nicht nur mit theologischen Fragen, sondern auch mit eugenischen Überlegungen beschäftigte, vor allem aber die scharf antikatholische Einstellung Wilhelms II. und Chamberlains teilte, die, ganz wie der Bischof, im römischen Katholizismus eine der größten Bedrohungen der europäischen Ordnung sahen.160

Auch der europaweit bekannte, englische Baptisten-Prediger Charles Haddon Spurgeon, dessen Predigten als Flugschriften, in Büchern und in Zeitschriften vertrieben wurden, bildete ein Gesprächsthema. Er gehörte zu den wohl prominentesten Vertretern der freikirchlichen Bewegung und war mit Blick auf Glaubensreform und Kirchenpolitik sicherlich ein interessanter Gegenstand der Erörterung. Zudem stand er für einen christlichen Zionismus, der einen jüdischen Staat in Palästina forderte – eine Idee, deren Unterstützung der Kaiser vor seiner Orient-Reise kurzzeitig erwogen hatte. Auch diese Reise, von deren Eindrücken Wilhelm II. ausführlich berichtete, war ein herausragendes politisches Ereignis, deren bekanntestes Ergebnis, der Bau der Bagdadbahn, das Deutsche Reich in den Rang der um die Vormacht in Vorderasien konkurrierenden Großmächte aufrücken ließ.161

Nicht zuletzt fand ein rabiater Alltagsrassismus seinen Platz in den Gesprächen, wie ein Brief Chamberlains aus dem Jahr 1915 belegt. Dort erinnerte er sich an die „absurde Überbewertung der Yankees seitens des allerhöchsten Herrn“, die ihm in Liebenberg aufgefallen war: „[…] gesät wurde dieser Wahngedanke von Bülow, der wütend auf mich wurde, weil ich den Kaiser lachen machte mit meiner Schilderung von diesen haar- u. zahnlosen Menschen, deren Frauen mit 30 Jahren Greisinnen sind, und die in der dritten Generation keine Kinder mehr zeugen.“162

Auch Chamberlains Aufzeichnungen über die Konversationen am zweiten Tag seines Besuches stützen den Befund eines weltanschaulich-politischen Schwerpunkts: Nach einem späten Frühstück und einem Spaziergang durch Liebenberg mischte sich der Brite unter die kaiserliche Gesellschaft, die im Park Tennis spielte. Gegen Mittag traf Adolf von Harnack ein, Direktor der Berliner Universität und „Hoftheologe“ Wilhelms II., den der Monarch eigens herbeitelegraphiert hatte.163 Auf Wilhelms Wunsch hin begaben sich Chamberlain, Harnack und der Kaiser auf einen anderthalbstündigen Spaziergang, bevor die Gesellschaft zum Mittagessen zusammentraf. Anschließend setzten die drei ihre Unterhaltung fort – ein dreistündiges Gespräch, das, weil der Monarch sich nicht setzen wollte, zweieinhalb Stunden lang im Stehen geführt wurde.164 Nach der Teestunde und einem frühen Abendessen verließ Wilhelm II. Liebenberg, nicht jedoch, ohne im Gespräch mit Chamberlain und Harnack „nochmals […] die ‚Mission des Deutschtums‘ von den verschiedenen Gesichtspunkten aus“165 zu besprechen, wie Eulenburg später befriedigt vermerkte. Auch Chamberlains Tagebuch verzeichnet diese Themen: die „Grundlagen“, der Katholizismus, die Los-von-Rom -Bewegung in Österreich-Ungarn, das Haus Habsburg sowie, „sehr detailliert“, Bismarck und die Geschichte seiner Entlassung, Bismarcks Charakter und sein Umgang mit Kaiser Wilhelm I. sowie schließlich „again Syria, Mohammedanism etc.“166

Am folgenden Tag reiste Chamberlain zusammen mit Eulenburg nach Berlin, wo ihn eine Einladung zum Abendessen im Neuen Palais in Potsdam erwartete. Pünktlich um acht Uhr fand er sich dort ein und speiste zusammen mit dem Kaiser, der Kaiserin und dem „Kleinen Hofstaat“ aus Palast- und Hofdamen, Kammerherren und Flügeladjutanten. Anschließend versammelte sich die Gesellschaft um einen großen Tisch, wo, wie Chamberlain festhielt, „über allerhand gesprochen wurde u. ich meine Nachträge zur 3. Auflage der Grundlagen und die Korrekturbogen der Worte Christi vorzeigte u. erklärte – u. der Kaiser Manches las u. vorlas.“167 Die anwesende Palastdame, Mathilde Gräfin von Keller, erinnerte sich in ihrer Autobiographie ebenfalls in diesem Sinn an die Begegnung. Die Unterhaltung, so schrieb sie, habe sich „hauptsächlich um religiöse Fragen“ gedreht, präzisierte dann aber: „Chamberlain ist jetzt damit beschäftigt, eine Sammlung der Worte Christi aus den Evangelien herauszugeben, ohne Erklärung, nur einfach die Worte nach verschiedenen Richtungen hin geordnet“. Er fertige dies allerdings nicht für „gläubige Protestanten“ an, sondern „für ungläubige Kreise, auch für Katholiken, denen die Heilige Schrift verschlossen sei. […] Er betont immer, daß er kein Theologe sei. Ganz außerordentlich interessant waren auch seine Ausführungen über Kant und Herder“. Der Brite, so bemerkte sie abschließend, sei „Engländer, aber vollkommen germanisiert“ und stehe „voller Bewunderung vor der deutschen Pflichttreue, der deutschen Arbeitskraft und dem deutschen Forschergeist. In England wird man ihn wohl nicht lieben!!“168

Abb. 14
Abb. 14

Souvenir: Bildnis des Kaisers, handschriftlich signiert: „Zur Erinnerung an Liebenberg, Wilhelm I.R. 28. October 1901“.

Der so Gelobte blieb über Nacht in Potsdam und reiste am nächsten Morgen nach Berlin, begleitet von den besten Wünschen Wilhelms II., der ihn ermahnte „nicht zu viel zu arbeiten u. auch den Schlaf nicht zu vergessen“.169 Zurück in der Hauptstadt, folgte Chamberlain einer Einladung zum Abendessen bei Reichskanzler Bülow, an dem nicht nur dessen Gattin, die Fürstin von Bülow und deren Mutter Laura Minghetti, die bekannte Salonière und Ehefrau des 1886 verstorbenen italienischen Regierungschefs Marco Minghetti, teilnahmen, sondern zu dem sich auch Adolf von Harnack einfand, um das in Liebenberg begonnene Gespräch fortzuführen. „Beide Damen höchst lebhaft“, notierte Chamberlain anschließend und bemerkte höflich: „der Kanzler interessant“. Bei Tisch und nach dem Essen habe man sich über die „Sprache u. ihr Verhältnis zum Denken“ unterhalten, über „Religion, die Wagners (der Meister, Frau Cosima, Siegfried) sowie über „Italien u. seine Zukunft, etc. etc.“; außerdem über die „Grundlagen (ob Übersetzungen, Liebe, Menschenliebe, Schweigen als Wohlthat, Bülow u. ich gegen alle anderen), J.J. Rousseau; – Voltaire, Friedrich d. Grosse (nach Harnack die einzigen ‚aus dem 18. Jhd. nicht wegzudenken‘), Kantkontroverse, Kantbiographien, etc.“170 Harnack, der sich laut den Tagebuchaufzeichnungen den Abend hinweg als „zum Widerspruch geneigt“ gezeigt hatte, begleitete Chamberlain anschließend noch zum Hotel, in dem dieser eine weitere Nacht verbrachte, bevor er am folgenden Tag die Rückreise nach Wien antrat.

Hoffnungen und Möglichkeiten

Die Begegnung in Liebenberg markiert den Beginn einer mehr als ein Vierteljahrhundert andauernden Korrespondenz zwischen Wilhelm II. und Chamberlain.171 Ihre intensivste Phase währte von Herbst 1901 bis zum Sommer 1903, schloss also direkt an das Zusammentreffen an. Danach wurde der Kontakt einseitiger, denn während der Brite weiterhin ausführliche Briefe schrieb, bestanden die Wortmeldungen Wilhelms II. nurmehr aus kurzen Postkarten und Telegrammen. Dies sollte sich, sieht man von einigen Ausnahmen ab,172 erst nach der Abdankung des Kaisers ändern, als dieser sich aus dem Exil in Doorn wieder häufiger an seinen gelehrten Gesprächspartner wandte.

Chamberlain antizipierte schon früh, dass ihm zur Einflussnahme auf den Monarchen nur ein relativ kurzes Zeitfenster zur Verfügung stehen würde: Mit spürbarem Pessimismus bemerkte er im Februar 1902 gegenüber Cosima, es sei „fraglich, ob ich je wieder etwas schreiben werde, was so zu ihm spricht wie gerade die ‚Grundlagen‘. Der Philosophie bringt er weder Kenntnisse noch Interesse entgegen – sagte er mir offen; der philosophischen Naturwissenschaft ebensowenig wahrscheinlich. Und für den persönlichen Gedankenaustausch hat das Schicksal wenig oder gar keine Möglichkeit gelassen.“173 Die Festspielleiterin hatte unterdes ebenfalls mit dem Monarchen gesprochen und munterte den Freund auf: „Es schwindelt Einem, wenn man denkt, womit sie sich befassen und was Sie noch vorhaben. Aber Gewiss hat der Kaiser Interesse für Wissenschaft, er sprach es den Abend aus.“174

Zumindest für die nächsten zwei Jahre schien sich Cosimas Urteil zu bestätigen und stand Chamberlains Meinung bei Hofe in hohem Ansehen – auch, weil es ihm gelang, sich dem eitlen und aufbrausenden Monarchen gegenüber als Berater und publizistischer Streiter in Stellung zu bringen. Schon mit seinem ersten Dankesschreiben aus dem Januar 1901 – also noch vor dem Zusammentreffen – hatte er in Rücksprache mit Eulenburg diese Rollenverteilung angeboten: Dort präsentierte er sich als zum Deutschtum Bekehrter, der fest an die weltgeschichtliche Mission des „deutschen Geistes“ glaubte und überzeugt war, dass allein „Preußen […] mit seinem erhabenen Herrscherhause an der Spitze“ fähig war, „Alldeutschland den Weg zur Macht“ zu weisen. Diese Schmeichelei garnierte der Brite mit dem Hinweis, dass er selbst kurz zuvor „diese unbestreitbaren Wahrheiten“ öffentlich vertreten hätte – ein Hinweis, der seinen Artikel zur „preußischen Rasse“ in der Sichtlinie des Kaisers platzierte.175

Chamberlains zweiter Brief datiert auf den 15. November 1901, zwei Wochen also nach der Begegnung in Potsdam, und liest sich wie die Fortsetzung der dort begonnenen Gespräche um die „Mission des Deutschtums“. Das Schreiben ist nicht nur deshalb bemerkenswert, weil es die wesentlichen Themen vorwegnahm, die den Briefwechsel in den nächsten Jahren prägen sollten, sondern auch, weil es deutlich werden lässt, welche Hoffnungen der Brite in seinen neugewonnenen Kontakt setzte. Ein genauerer Blick scheint deshalb gerechtfertigt.

Den Anfang machte eine langatmige Abhandlung über die „alten arischen Inder“, genauer: über deren vermeintliche Vorstellung vom Wesen des Königtums, die er ganz als Bestätigung der Auffassungen Wilhelms II. anlegte. Im Zentrum altindischen Denkens habe demnach „die unbedingte Treue gegen den Monarchen“ als „unbezweifelbare Grundlage aller staatlichen Bildung“ gestanden und damit die uneingeschränkte Anerkenntnis der „Macht des Alleinherrschers“ – obwohl dessen Berater zugleich als dessen Kritiker hätten auftreten dürfen.176 „Doch gleichviel: Der Monarch war und blieb ‚das überaus große Wesen‘, vor dem ein jeder in Gehorsam sich neigte. Und stets […] gehörte er der Kriegerkaste an und war mehr von Militärpersonen als von anderen umgeben.“177

Mit verblüffender Durchsichtigkeit formte Chamberlain hier den vermeintlich indoarischen Herrscher zu einem Abbild Wilhelms II., der die Defizite seiner Persönlichkeitsbildung durch eine übermäßige Pflege alles Militärischen zu kompensieren suchte.178 Dann lenkte er die Aufmerksamkeit geschickt auf die Gegenwart: „Eure Majestät und alle Ihre Untertanen sind in einem Heiligtum geboren; die meisten unter ihnen ahnen es freilich nicht“ schrieb er, der als Ausländer erst spät und „durch jahrelange Studien, gewonnen in jenen feierlichen Stunden, wo die Seele mit dem Göttlichen um Erkenntnis ringt“, zu seinem „wahren Glück“, dem „Deutschtum“, gekommen sei. Die Einsicht des Bekehrten habe ihn zu der Überzeugung kommen lassen, „daß das moralische und geistige Heil der Menschheit von dem abhängt, was wir das Deutsche nennen können. In jener ‚moralischen Weltordnung‘, von der Eure Majestät in Liebenberg öfters sprachen, bildet augenblicklich das deutsche Element den Angelpunkt, le pivot central.“179

Dann folgten, gleichsam als Beleg für diesen Glaubenssatz, klassische völkische Topoi, wie sie aus den „Grundlagen“ und den bis dato erschienenen Aufsätzen sattsam bekannt waren: Die deutsche Sprache als Medium wie als konstituierender Faktor eines auf rassischer Basis ruhenden, allen anderen überlegenen „Deutschtums“, das zur Herrschaft über die gesamte Welt bestimmt war. „Und weil die deutsche Seele unlösbar an die deutsche Sprache geknüpft ist, so ist denn auch die höhere Entwicklung der Menschheit an ein mächtiges, sich weit über die Erde hinausstreckendes, das heilige Erbe seiner Sprache überall behauptendes und anderen aufzwingendes Deutschland gebunden.“180

Dieser welthistorischen Mission standen nicht nur „der Angelsachse“ oder „der Russe“ entgegen – letzterer ohnehin nur „die neueste Verkörperung des ewigen Tamerlanenreiches, nimmt man ihm sein deutsches Kaiserhaus, so bleibt nur eine in sich zerfallende matière brute“ –, sondern alle anderen, in den „Grundlagen“ vorgestellten Gegner. Es brauche, schrieb Chamberlain, deshalb auch den „Kampf gegen den Ultramontanismus, gegen den Materialismus“ und „gegen das zerfressende Gift des Judentums“, außerdem das Bestreben, die Religion „aus syrisch-ägyptischen Fetzen loszuwinden“ und die „transzendentale Erkenntnislehre aus dem Besitz einer Gelehrtenkaste in einen Besitz jedes gebildeten Deutschen zu verwandeln“. Erst dann könne auch „unsere Naturwissenschaft auf einmal und zum erstenmal in Harmonie mit unserer deutschen Philosophie und Religion“ gelangen und die Deutschen „endlich eine wahre Weltanschauung“ ausbilden.181

Diese grundsätzlichen Ausführungen verknüpfte der Autor dann umgehend mit Gegenwart und Zukunft und wählte dabei die gleiche Argumentation wie bereits in seinem Kaiser-Artikel: Die Reichsgründung sei nicht Anfang, sondern Ende eine Epoche gewesen und Wilhelms Aufgabe bestehe darin, den Grundstein für den notwendigen Kurswechsel zu legen. „Jetzt kommt entweder ein ‚neuer Kurs‘ (wie Eure Majestät vorlängst erkannte) oder gar nichts; und in letzterem Falle hat Deutschland versagt und geht langsam unter, von den Wellen eines yankeeisierten Angelsachsentums und eines tartarisierten Slawentums ereilt und ertränkt.“182 Nur die Hohenzollern, der „einzige Trumpf, den das deutsche Volk in Händen hält“, seien fähig, durch „planmäßige Organisation bis ins letzte Detail“, durch die Bekämpfung des „politische[n] Chaos des heutigen reichstäglichen Reiches“, durch die Überwindung von Demokratisierung und Individualismus, eine neue Ordnung zu schaffen: „Die politische Massenfreiheit hat abgewirtschaftet; dagegen kann Deutschland mit der Organisation noch alles erreichen, alles! Hierin vermag es ihm keiner gleichzutun. Und an der Spitze dieser Organisation steht als erster Deutscher der König von Preußen.“183

Was Chamberlain hier entwarf, war eine nach modernen wissenschaftlichen Kriterien eingerichtete Technokratie auf „rassischer“ Grundlage. Unübersehbar vermischten sich hier Kulturkritik, Rassismus und Demokratieverachtung mit einer selektiven Fortschrittsbegeisterung zu einer sozialingenieuralen Machtphantasie nationalen Ausmaßes. Der Weg zu diesem hochgesteckten Ziel war allerdings beschwerlich und so diente sich der Brite sogleich als Unterstützer und weltanschaulicher Berater an. Dabei musste er freilich den Eindruck einer Anmaßung vermeiden und die avisierte Zusammenarbeit als eine sich organisch ergebende Fügung erscheinen lassen – eine Aufgabe, die Chamberlain dadurch löste, dass er erneut sein Hauptanliegen in einem raffinierten Subtext transportierte.

Jetzt zeigte sich, warum die Ausführungen zu den Indoariern den Auftakt des Briefes gebildet hatten, lieferten sie doch den Leitgedanken, auf den Chamberlain nun zurückkommen konnte: Bei den alten Indern, so schrieb er, „kam es nämlich vor, daß der Mann, in dem sich die monarchische Ordnung verkörperte, von seinem Throne herabstieg und sich verneigend einem anderen gleichstellte: das geschah, wenn ein Denker so Vorzügliches zu Tage schuf, daß der König sich dadurch beglückt und gefördert fühlte.“184 Doch nicht vor dem „Denker“ habe sich der Monarch verbeugt, sondern „vor dem Denken verneigte sich der altindische König“185 – eine Interpretation, die es dem Kaiser ermöglichte, sich von Chamberlain belehren zu lassen, ohne seinen, der profanen Welt entrückten, Status als Souverän zu gefährden. Der „arische Soldatenkönig“, so wurde er fast schon überdeutlich, habe sich veranlasst gesehen, „gerade diesem individuellen Träger eines Überindividuellen entgegenzugehen“, denn: Die „große allgemeine Weltidee, die in dem Kopfe des Denkers mehr oder weniger deutliche Gestalt gewinnt, muß auf die lebendige Verkörperung einer Idee“ – also auf die Person des Herrschers – „wie ein Magnet auf einen Eisenstab wirken.“186

Die magnetische Anziehungskraft – eine Metapher, die in den „Grundlagen“ zur Verdeutlichung rassischer Zusammenhänge gedient hatte – war das Bild, in das der listige Autor den Eindruck einer nicht nur natürlichen, sondern fast schon naturgesetzlichen Zusammenarbeit fasste. Vor diesem Hintergrund konnte es kaum mehr als Anmaßung erscheinen, wenn Chamberlain kurz darauf nach seiner eigenen Rolle als „armer, machtloser, vereinzelter Privatmann“ und „sogenannter Ausländer“ fragte. Auf keinen Fall, so schrieb er dem Kaiser, wolle er „in politische Konjunkturen sich leitartikelnd mischen“ und habe deshalb „das Schweigen der Studierstube“187 gewählt – nicht des Kaisers Sprachrohr in der Presse wollte Chamberlain also werden, sondern der Mann für die schwierigen Aufgaben, die einen weiteren Horizont als den der Tagespolitik verlangten. So war sein darauffolgendes Angebot konsequent: „Nur das eine bleibt noch zu sagen übrig: daß meine Kräfte Eurer Majestät stets zur Verfügung stehen. Sollte die zwar allseitig beschränkte, doch bestimmte Art meiner Begabung – zum Entwirren, Disponieren, gegliedert Auferbauen – jemals […] Eurer Majestät zu Nutzen oder zur Freude sich betätigen können, so wäre ich stolz, dienen zu dürfen.“188

Chamberlain, so lässt sich zusammenfassen, wollte hoch hinaus und hatte beschlossen, die sich ihm bietende Chance zu ergreifen, um aus der Begegnung in Liebenberg eine permanente Beziehung entstehen zu lassen. Die dazu nötige Klaviatur beherrschte er erstaunlich gut: Er schmeichelte, wo es die Interessen und Eitelkeiten des launenhaften Monarchen erforderten, und gab sich selbstbewusst und durchsetzungsfähig, wo es um seine Agenda ging. Dafür spricht auch das Postskriptum, das, wie andere Teile des Briefwechsels, in der tendenziösen Edition der Korrespondenz nicht auftaucht und deshalb von der Forschung bislang ignoriert wurde. Chamberlain nutzte es zunächst für einige ergänzende Gedanken und bemerkte dann: „Die Thatsache, dass Herr Botschaftsrath Romberg meine ‚Grundlagen‘ in wenigen Tagen durchgelesen haben will, schien Eurer Majestät unmöglich. Professor Adolf Harnack, den ich beim Reichskanzler zu Tische traf, erzählte mir, er habe das ganze Werk nicht nur gut gelesen, sondern annotiert u. excerpiert in fünf Tagen. Allerdings war er auf den grandiosen Einfall gekommen, dazu im Bett zu bleiben!“189

Dies mag nur eine launige Bemerkung am Ende eines langen Briefes gewesen sein – angesichts der feinen Komposition des Schreibens liegt allerdings eine andere Deutung nahe: Es dürfte sich vielmehr um den Versuch gehandelt haben, die in Liebenberg und Berlin aufgetretenen Spannungen zwischen Harnack und Chamberlain zu nutzen, um sich in der so entstandenen Konkurrenzsituation auf eine unverfängliche Art als überlegen zu inszenieren. Schließlich war es Harnack, der hier Chamberlains Buch las und exzerpierte und sich dafür fünf Tage lang im Bett vergrub – eine Vorstellung, die den Kaiser amüsiert haben dürfte und die noch dadurch verstärkt wurde, dass der Theologe sich bereits lange vor dem Treffen in Liebenberg als begeisterter „Grundlagen“-Leser zu erkennen gegeben und dem Kaiser die Lektüre anempfohlen hatte.190

Chamberlains Brief erwies sich als voller Erfolg: Wilhelm II. ließ sich gern über die „arischen Inder“ belehren und bekannte freimütig seine Unwissenheit auf diesem Gebiet – auch weil, wie er schrieb, seine eigene Schulbildung mehr die Details „von Phidias bis Demosthenes, von Perikles bis Alexander“ und die Analyse „unsere[s] lieben großen Homer“ zum Gegenstand gehabt hatte, anstatt sich auf diejenigen Anteile der hellenischen Kultur zu besinnen, die „wir für die Förderung des Germanentums brauchen!“191 So musste, schrieb der Monarch, „all das Urarische-Germanische, was in mir mächtig geschichtet schlief, sich allmählich in schwerem Kampf hervorarbeiten“,192 ohne jedoch systematisiert werden zu können. „Da kommen Sie, mit einem Zauberschlage bringen Sie Ordnung in den Wirrwarr, Licht in die Dunkelheit; Ziele, wonach gestrebt und gearbeitet werden muß; Erklärung für dunkel Geahntes, Wege, die verfolgt werden sollen zum Heil der Deutschen und damit zum Heil der Menschheit.“ Dies war die Wirkung der „Grundlagen“, und so bekannte der Kaiser in Erinnerung an das Treffen in Liebenberg: „Nun wissen Sie, mein lieber Mr. Chamberlain, was in mir vorging, als ich Ihre Hand in der meinen fühlte!“193

Doch damit nicht genug, denn in der für ihn typischen Verstiegenheit machte Wilhelm II. den Briten sogar zum gottgesandten Retter in der Not: „Sie sind von Ihm zu meinem Bundesgenossen erkoren, und ewig danke ich Ihm, daß Er es getan.“194 Chamberlain als Erwecker des „deutschen Michels“, als derjenige, der den Konflikt zwischen „Germanen“ und der römisch-katholischen Kirche in Deutschland aufgedeckt habe – ihn wählte Wilhelm II. zu seinem „Streitkumpan und Bundesgenossen im Kampf für Germanen gegen Rom, Jerusalem usw.“ und las seinen Brief „unter lautlosem Schweigen und tiefer Ergriffenheit“ den „um den Weihnachtstisch versammelten“ Angehörigen der kaiserlichen Familie und des Hofstaats vor. „Sie“, so schloss der Monarch sein Schreiben, „schwingen Ihre Feder, ich meine Zunge, schlage auf meinen Pallasch und sage trotz aller Angriffe und Nörgeleien – dennoch!“195

4. Gegen „Rom“ und „Jerusalem“

Angesichts derart kämpferischer Worte versuchte Chamberlain den Schwung zu nutzen und setzte sofort nach Erhalt des kaiserlichen Briefes zu einer Erwiderung an.196 Dabei nahm er eine auffällige Verschiebung in der Themenwahl vor, hielt sich nur kurz mit einem Exkurs zum „Denken bei den arischen Völkern“ auf und wandte sich dann seinen eigenen Stellungnahmen zu aktuellen öffentlichen Debatten zu. „Für die ‚Woche‘“, so teilte er Wilhelm II. mit, „schrieb ich neulich auf Verlangen einen kleinen Aufsatz ‚Die Natur als Lehrmeisterin: ein neues Bildungsideal‘, doch scheint er den Leuten nicht gut genug zu sein, denn sie brachten ihn in der Weihnachtsnummer nicht, für die er bestellt war.“ Dann fuhr er fort: „Und ein anderes Mal ließ ich mich hinreißen, gegen den alten Rappelkopf und Konfusionsmeyer Mommsen eine Satire loszulassen. Wer müsste nicht vor Wut schäumen über diese professoralen Dummköpfe, die den Juden auf den Leim gehen und das Spiel den Jesuiten, als wären sie dazu bestellt, machen?“197 Damit war ein neuer Modus in der Korrespondenz etabliert: Chamberlain lenkte die Aufmerksamkeit des Monarchen auf seine neuesten politischen Artikel und versah diese Empfehlungen mit kurzen Zusammenfassungen und eindeutigen Interpretationsangeboten.198

Im vorliegenden Fall also war es der Althistoriker und angehende Nobelpreisträger Theodor Mommsen, der zum Ziel einer besonders rabiaten Attacke geworden war: „Man sagt, ich habe über die Schnur gehauen“, gestand der Brite dem Kaiser. „Frau Cosima Wagner und andere gute Freunde schrieben mir entrüstet, trotzdem ich die tiefste Verbeugung vor dem großen Gelehrten als solchem gemacht hatte; ich werde mit den Prädikaten ‚erzklerikal‘ und ‚antideutsch‘ traktiert; und einige Zeitungen“ sollen „mich maßlos geschmäht haben.“199

Dabei habe er lediglich Kritik am Zustand der universitären Bildung in Deutschland geübt und darauf hingewiesen, dass die dort gepflegte intellektuelle Wagenburgmentalität ein fruchtloses wissenschaftliches Spezialistentum wie eine Tendenz zur akademischen Vetternwirtschaft hervorbringe: „Einzig wenn es gilt, den regierenden Faktoren das Amt [zu] erschweren und die vaterländischen Pläne [zu] durchkreuzen, dann – ja! dann ist’s was anderes, dann, Professorlein, rede und schreibe und hetze, soviel du nur willst und kannst“,200 fasste er die Lage für den Kaiser zusammen.

Diese Polemik stieß mitten hinein in einen erbittert geführten Streit um eine umfassende Bildungs- und Schulreform, der erst kurz zuvor mit der „Schulkonferenz“ des Jahres 1900 zum Abschluss gekommen war. Die in den vorangegangenen Jahrzehnten erfolgten Modernisierungsprozesse der Lebens- und Arbeitswelten hatten das tradierte Bildungssystem mit dem humanistisch ausgerichteten Gymnasium an der Spitze als zunehmend untauglich für die Herausforderungen der Gegenwart erscheinen lassen. Eine schrittweise Aufweichung der alten Strukturen war die Folge – zu den altsprachlich orientierten Gymnasien traten nun die stärker naturwissenschaftlich ausgerichteten Realgymnasien und Oberrealschulen, deren Schülerzahlen langsam aber kontinuierlich stiegen und die sich zum Sprungbrett des sozialen Aufstiegs für viele entwickelten, denen sonst eine höhere Bildung versagt geblieben wäre.201

Auch der universitäre Sektor war tiefgreifenden Veränderungen unterworfen, denn wie die Schulen, so expandierten auch die Universitäten, zu denen sich eine ganze Reihe von neugegründeten Technischen- und Handelshochschulen gesellte. Ein starkes Anwachsen des wissenschaftlichen Personals war die Folge, ebenso eine geradezu explodierende Studentenzahl.202 Zugleich verschoben sich langsam die Machtverhältnisse: Durch den Aufstieg der sich immer weiter differenzierenden und bahnbrechende Ergebnisse zeitigenden Naturwissenschaften verloren die Geisteswissenschaften und insbesondere die Geschichtswissenschaft ihre Funktion als Leitdisziplin.

In diese Situation hinein publizierte Chamberlain die beiden dem Kaiser angekündigten Texte, von denen der erste, „Die Natur als Lehrmeisterin“, die Schulreform als „viel zu empirisch, praktisch, opportunitätsmäßig“203 abkanzelte und forderte, sie nicht nur an den Bedürfnissen der Gegenwart, sondern entlang übergeordneter weltanschaulicher Prämissen auszurichten – sie also auf die Basis der „Rasse“ zu stellen und für spezifisch „germanische“ Bedürfnisse passbar zu machen.204 Diese holzschnittartig vergröberte, germanophile Polemik dürfte ganz den Geschmack Wilhelms II. getroffen haben, der sich, auch aufgrund eigener leidvoller Erfahrungen, als Gegner des auf altsprachlichen Drill ausgerichteten Gymnasiums gezeigt hatte, eine stärkere Berücksichtigung von Naturwissenschaft und Technik forderte und die Schulen als Ort der Erziehung zu Nation und „Deutschtum“ begriff. Mit seiner Umdeutung zum neuen „germanischen“ Bildungsideal nahm der Brite diesen Impuls auf und versah ihn zugleich mit einem völkischen Spin.205

Der Artikel erschien im Januar 1902 in dem neu gegründeten Blatt „Der Tag“, das im Berliner Scherl-Verlag herauskam und als illustrierte Tageszeitung ein Novum in der Presselandschaft war – ein prominenter Ort für Chamberlains erste Intervention in der Angelegenheit. Auch der zweite Streich in dieser Sache, sein Angriff auf den „Rappelkopf“ Theodor Mommsen, war ähnlich prominent platziert: Er erschien in der „Fackel“ des Wiener Schriftstellers und Publizisten Karl Kraus.

Chamberlain, Karl Kraus und der „voraussetzungslose Mommsen“

Der 1874 geborene Kraus entstammte einer jüdischen Familie und hatte sich einen Namen als streitbarer Autor gemacht, der sich mit ätzendem Spott der Wiener Caféhaus-Moderne annahm und dabei vor deftigen persönlichen Angriffen auf Literaten-Kollegen nicht zurückschreckte – ein Kurs, den er mit der im April 1899 gegründeten „Fackel“ fortsetzte und ausweitete.206 Die messerscharfen und oftmals geradezu hasserfüllten Invektiven des maßlos eitlen und geltungssüchtigen Schriftstellers unterschieden kaum zwischen Freund und Feind und richteten sich sowohl gegen das liberale wie das nationale Lager, gegen Juden und gegen Antisemiten. Sein Hauptgegner war die als korrupt und verkommen gezeichnete Presse, die ihm Sinnbild aller vermeintlichen Verwerfungen der Moderne war. Damit lag er dicht bei der von Antisemiten jeglicher Couleur repetitiv vorgebrachten Kritik an den vermeintlichen Schandtaten der „jüdischen“ Presse – und tatsächlich zielte der 1899 aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgetretene und 1911 zum Katholizismus konvertierte Kraus in seinem Kampf gegen die „Journaille“ nur allzu häufig auf das, was er, ganz wie Chamberlain, für „das Jüdische“ hielt. Wie Otto Weininger wurde so auch Karl Kraus zu einem Beispiel dafür, wie der Druck einer antisemitischen Gesellschaft das Individuum in die Überidentifikation und die Ablehnung des Selbst führen kann.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass die erste Nennung der „Grundlagen“ in der „Fackel“ durch Karl Kraus selbst geschah. Darin spottete er zunächst über den unbeholfenen Antisemitismus der christlichsozialen Parteiblätter, denen er dann das neue Werk empfahl: Zwar argumentiere dessen Autor „mit einer Unmenge von aufreizenden Facten“, habe sich zugleich aber in der „Zurückhaltung eines Culturforschers“ geübt und nicht nur den „jüdischen Ritus“ und die „rabbinische Orthodoxie“ angegriffen, sondern auch die „Idee des verkommenen römischen Staates“ und damit die katholische Kirche. Außerdem habe Chamberlain in den „Grundlagen“ geschrieben, ein „rein-humanisierter Jude ist aber kein Jude mehr, weil er, indem er der Idee des Judenthums entsagt, aus dieser Nationalität […] ipso facto ausgetreten ist.“207

Kraus, der zu diesem Zeitpunkt kurz vor der Konversion stand, war hier ganz offensichtlich auf Chamberlains Finte hereingefallen, die einen Ausweg aus dem Dilemma des Jüdisch-Seins durch Assimilation anzubieten schien – eine Schimäre, die, wie gezeigt, durch die zahlreichen gegenläufigen Aussagen in den „Grundlagen“ konterkariert wurde. Für den Publizisten allerdings war die vergiftete Offerte so verlockend, dass er deren irrealen Charakter nicht erkennen konnte oder wollte.208

Abb. 15

Der Versuch, sich von der „jüdischen“ Identität abzugrenzen, verlieh Kraus’ Äußerungen in der Fackel ihre oft verletzende und zerstörerische Qualität und färbte auch auf die Beiträge der Gastautoren ab, die unter seinem Einfluss ihre Wortmeldungen offenbar häufig verschärften. Auch Chamberlain, der im Frühjahr 1899 auf das Blatt aufmerksam geworden war,209 blieb nicht unbeeinflusst von diesen Versuchen des eloquenten und durchsetzungsfähigen Publizisten. So hatte er seinem Angriff auf Mommsen ursprünglich den Titel „Die voraussetzungslose Wissenschaft“ geben wollen, war dann aber, nach einem fünfstündigen Besuch von Kraus in der Blümelgasse, auf die neue Überschrift „Der voraussetzungslose Mommsen“ eingeschwenkt, wozu das Tagebuch explizit vermerkt: „dieser Titel von Kraus“.210

Als der Herausgeber am nächsten Tag erneut erschien, um die Korrekturbögen durchzugehen, wurde, diesmal auf Chamberlains Initiative hin, eine weitere wichtige Frage erörtert: Sollte man die geplante Polemik nicht besser unter einem Pseudonym veröffentlichen?211 Schließlich liefen Autor und Verleger sonst Gefahr, dass der Beitrag als bloßer Ausdruck von Chamberlains Judenhass gelesen wurde und sein eigentliches Ziel verfehlte. Außerdem spielte der Brite mit dem Gedanken, auch zukünftig derartig scharfe Artikel zu verfassen, wollte aber seine Reputation als Mann der Wissenschaft wie als zurückhaltend formulierender Gelehrter nicht beschädigen. Er würde, so ließ er Kraus wissen, bald „wohl öfters die Laune verspüren, mich an Polemiken schärferer Art zu erquicken.“ Hierfür jedoch sei „ein Pseudonym entschieden angezeigt“.212

Schon bei seinen publizistischen Attacken als Streiter für Cosimas Belange hatte er zu Beginn der 1890er Jahre die Idee eines Pseudonyms ins Spiel gebracht und dafür vielsagend „Ârya“ vorgeschlagen, das, wie er seinerzeit erklärte, auf Sanskrit „zu den Freunden gehörig“ bedeutete.213 Aber Wolzogen hatte dagegen optiert und Chamberlain sich murrend untergeordnet.214 Auch jetzt konnte er sich Kraus gegenüber mit dem Plan nicht durchsetzen, das Debüt in der „Fackel“ erschien deshalb Anfang Dezember unter seinem vollen Namen.215

Der Anlass für die wütende Polemik lag da gerade einmal einen Monat zurück: Am 17. Oktober 1901 hatte Wilhelm II. den erst 26-jährigen Historiker Martin Spahn zum Professor für Neuere Geschichte an der Reichsuniversität in Straßburg gemacht und damit den Startschuss für eine erbitterte wissenschaftspolitische Auseinandersetzung gegeben.216 Denn Spahn war nicht nur ein besonders junger Ordinarius, sondern er war Katholik, dessen Berufung in einer politisch äußerst angespannten Situation stattfand: Im mehrheitlich katholischen Elsass war nach dem deutschen Sieg über Frankreich aus der Universität Straßburg 1872 die „Kaiser-Wilhelm-Universität“ geworden, die als „Leuchtturm“ die Überlegenheit des deutschen protestantischen Wissenschafts- und Bildungswesens demonstrieren sollte.217 Als sich im Lauf des Jahres abzeichnete, dass der dortige Lehrstuhl für Geschichtswissenschaft auch noch mit dem nationalliberalen Protestanten Friedrich Meinecke besetzt werden würde, intervenierte der für das gesamte Unterrichtswesen des Reiches zuständige Ministerialdirektor Friedrich Althoff, indem er kurzerhand einen zweiten Lehrstuhl gründete und Spahn zum Professor machte. Trotz wütender Reaktionen durch die Universität beschied Wilhelm II. nach Rücksprache mit Althoff, er habe „einen der lange gehegten Wünsche Meiner Elsaß-Lothringer“ erfüllen können und damit „ihnen sowohl als Meinen katholischen Unterthanen überhaupt“ bewiesen, dass „anerkannte wissenschaftliche Tüchtigkeit auf der Basis von Vaterlandsliebe und Treue zum Reich immer zu Nutz und Frommen des Vaterlandes von Mir verwendet wird.“218

Die Stoßrichtung dieser kaiserlichen Depesche offenbarte deutlich die übergeordneten innenpolitischen Interessen: Hier ging es um die weitere Befriedung des Konflikts zwischen protestantischer Mehrheit und katholischer Minderheit durch die Einbindung derjenigen Katholiken, die sich Kaiser und Reich gegenüber als treu erwiesen und dabei helfen konnten, den ultramontanen Flügel des katholischen Milieus zu neutralisieren. Aus dieser Perspektive war Martin Spahn geradezu eine Idealbesetzung: ein anti-ultramontaner Katholik und überzeugter Verfechter der preußischen Hegemonie in Deutschland.219

Den nationalprotestantischen Professoren hingegen, einst treibende Kraft im antikatholischen „Kulturkampf“, schien die Berufung eines Katholiken – und zumal die Einrichtung eines eigenen Lehrstuhls aus Gründen konfessioneller Parität – als ein Schritt in die falsche Richtung. Hinzu kam die kritikwürdige Art und Weise, mit der Althoff und Wilhelm II. gegen die akademische Selbstbestimmung verstoßen hatten. Dies alles führte zu einer Protestbewegung, die zunächst vom Rektor der Universität, dem Nationalökonomen Lujo Brentano, in Gang gesetzt wurde, sich aber bald hinter dem Nestor der deutschen Geschichtswissenschaft, dem 84-jährigen Theodor Mommsen, sammelte. In den Mittelpunkt ihrer Argumentation stellten die Protestierer die Forderung nach einer von politischen Einflussnahmen wie von konfessionellen Einmischungen befreiten, „voraussetzungslosen“ Wissenschaft.220 Dieses Diktum griff Chamberlain auf, als er seinen Artikel unter dem Titel „Der voraussetzungslose Mommsen“ veröffentlichte.

Darin ergriff der Autor klar Partei für die Einsetzung Spahns an der Straßburger Universität und wandte sich in drastischen Worten gegen die Protestbewegung um Brentano und Mommsen, wobei er vor allem den Geschichtsprofessor zum Hauptziel seiner Attacke machte. Der honorige Gelehrte, so ätzte der Brite, sei gezeichnet von „der Gelenksteifigkeit und dem Eigensinn des schwerhörigen, falsch verstehenden Greises“ und würde seit jeher „jede gute Sache zu einer schlechten“ umwandeln: Schon in den 1890er Jahren, anlässlich der „geräuschvoll inscenierten Enquete über die Judenfrage“, habe er mit „seine[n] achtundvierziger Phrasen“ jenes „dunkle Gewissen der Nation, das sich vorderhand ‚Antisemitismus‘ nennt, noch tiefer hinunter“ gestoßen und „den schlimmsten Instincten derjenigen Elemente des Judenthum[s]“ geschmeichelt, die „zum functionellen Parasitismus zurückgebildet und für Semiten und Nichtsemiten eine gleich verderbliche Seuche“ bedeuteten.221 Auch „vor kurzem, als der Kampf zwischen Deutschen und Tschechen hell aufflammte“, habe er „den unüberlegtesten, leidenschaftlichsten Brandbrief“ geschrieben, „dass der leibhaftige Ritter von Schönerer es nicht ungeschickter, arroganter, aufreizender hätte machen können“, indem er „den Slaven Impertinenzen ins Gesicht“ geworfen und die „ohnehin schon fast fassungslosen Deutschen zu Gewaltthätigkeiten“ aufgehetzt habe.“ Schließlich habe er „vor wenigen Tagen“ im Goethebund polemisiert gegen die Versuche Cosima Wagners, eine rechtliche Sonderregelung für die Urheberrechte am „Parsifal“ zu erlangen und damit nicht nur den „künstlerischen Interessen Deutschlands“ geschadet, sondern auch dafür gesorgt, dass sich „alle Feinde der individuellen Freiheit, alle Mikroben, die von der Zerstörung deutscher Kunst- und Culturthaten leben“, auf „den grossen Mommsen, den berühmten Mommsen, den unsterblichen Mommsen“ berufen könnten.222

Im aktuellen Streit, so fuhr Chamberlain fort, bedeute Mommsens Intervention eine „weittragende nationale Gefahr“, da sie die konfessionellen Gegensätze verschärfe, die ultramontanen Bestrebungen befördere und zugleich „das Gemüth ernster, gut national gesinnter, wissenschaftlich unabhängiger Katholiken“ erbittere. Überhaupt sei die personelle Lage der Straßburger philosophischen Fakultät bemerkenswert: Von „30 Professoren“, so rechnete Chamberlain vor, seien „12 Protestanten, 16 Juden, 2 Katholiken“, wobei man nicht wisse, „wie viele der betreffenden Juden sich haben taufen lassen.“ Die Forderung nach Schutz der akademischen Selbstbestimmung bestehe vor diesem Hintergrund „natürlich einfach darin, dass die 16 Juden 30 sein wollen und dass […] sie mit den Protestanten eine Art Cartell bilden, um jeden Katholiken fernzuhalten.“223 Im Ergebnis würde „die katholische Jugend“ der „akademischen Bildung und damit zugleich“ der Erziehung zu „fester deutscher Gesinnung“ fernbleiben, wohingegen man den „Hetzkaplänen“ das Feld überlasse. Man müsse sich also fragen: „Und ist Mommsen thatsächlich so naiv, wie er sich gibt? oder ist er einer der raffiniertesten Rabulisten, die wir heute haben?“224

Die Juden als Manipulatoren naiver und dogmatischer Protestanten, die den Zwist unter den Deutschen aufrechterhielten und dafür sorgten, dass der deutschnationale Teil der Katholiken dem Reich verloren ging – das war das Bild, das Chamberlain hier zeichnete und dem er als Krönung einen entweder ebenfalls naiven, tatsächlich aber wohl eher zu den Juden „übergelaufenen“ Mommsen beifügte.

Dagegen verblasste der Rest des Textes: Die von seinen Gegnern ins Feld geführte akademische Selbstbestimmung begünstige vor allem Seilschaften und Vetternwirtschaft, wie Chamberlain an mehreren Beispielen aus seinem eigenen Umfeld vorführte – der Bayreuther Hausphilosoph Heinrich von Stein habe darunter gelitten und sei von unbarmherzigen Professoren geradezu „in den Tod“ getrieben worden,225 während sein Freund, der Hygieniker und Rasseforscher Ferdinand Hueppe, trotz seines vermeintlichen Genies klein gehalten würde.226 Um ein solches „Gelehrtenmandarinat“227 zu bekämpfen und langfristig zu verhindern, habe „der Staat das Recht und die Pflicht, die Universitäten genau im Auge zu behalten und energisch und frei einzugreifen, wo er es im Interesse der Allgemeinheit für geboten erachtet.“228

Dieser Frontalangriff auf einen der prominentesten Professorenpolitiker und entschiedensten Vertreter des Liberalismus – Stefan Rebenich bezeichnet Chamberlains Artikel als die schärfste Polemik, die gegen Mommsen in der Angelegenheit veröffentlicht wurde229 – sicherte seinem Debattenbeitrag weitreichende Aufmerksamkeit, denn der „Fall Spahn“ wurde breit diskutiert: Liberale, nationale, deutschnational-antisemitische und sogar sozialdemokratische Blätter in Österreich-Ungarn bezogen Stellung und Karl Kraus wurde nicht müde, in seiner „Fackel“ spöttisch über die Wortmeldungen zu berichten.230Auch Chamberlain selbst war sehr wohl bewusst gewesen, dass er sich mit einem solchen Artikel an so exponierter Stelle angreifbar machte – auch wenn er wegen der Popularität der „Fackel“ in Wien die Bedeutung des Blattes für Deutschland wohl überschätzte.231

Das Echo aus Wahnfried indes war gespalten. Cosima teilte zwar die Ansicht, Mommsen sei ein „altersschwacher, eitler Konfusionsmeyer“232 und hatte sogar Insider-Informationen über dessen Polemik gegen den „Parsifal“ im „Goethe-Bund“ beigesteuert. Angesichts der Heftigkeit von Chamberlains Ausfällen aber war sie zurückgerudert und hatte kurz vor Drucklegung einigermaßen alarmiert nach Wien telegraphiert: „Bitte Mommsen und alles von mir erwähnte auszulassen bis gründliche Unterrichtung erfolgte“.233 Noch am selben Tag setzte sie nach und schrieb: „Mommsens Brief an mich wie der meinige an ihn sind privater Natur.“234 Kein Zweifel: Cosima versuchte ihre eigenen Belange zu schützen und setzte darauf, Mommsen in der Urheberrechts-Frage noch umstimmen zu können.235

Doch für derlei Bremsmanöver war es zu spät: Die „Parsifal“-Affäre konnte oder wollte Chamberlain nicht mehr aus dem Text entfernen, was dazu führte, dass einige Zeitungen, unter ihnen die „Münchner Neuesten Nachrichten“, sofort nach Erscheinen des Artikels Cosima als eigentliche Urheberin vermuteten.236 Diese sah sich daher zu der Forderung genötigt, der Brite solle die Anwürfe des Blattes dementieren und „der Thatsache gemäss mittheilen, dass Bayreuth auf Ihre Anfrage sie zweifach bat, gegen Mommsen nichts zu schreiben.“237 Chamberlain folgte der Anweisung noch am selben Tag und ließ die Zeitung eine Gegendarstellung drucken, die besagte, „sein Aufsatz über Mommsen und die voraussetzungslose Forschung“ sei „weder von irgend einem Mitglied der Familie Wagner angeregt noch durch Mittheilung von Informationen unterstützt“ und die Festspielleiterin habe ihn „telegraphisch und brieflich ersucht“, nicht gegen Mommsen Stellung zu nehmen.238

Der Angegriffene selbst nahm die Attacke zwar zur Kenntnis, verschaffte ihrem Urheber aber nicht die Genugtuung einer Erwiderung. „Herrn Chamberlains Erbitterung ist wagnerisch: unsere Universitäten sind ihm glaube ich sehr gleichgültig. Aber der Parsifal-Fanatismus treibt seltsame Blüten“,239 schrieb Mommsen spöttisch im Dezember an Lujo Brentano. Der wiederum vermutete, Chamberlain habe den Fackel-Artikel geschrieben, „um sich bei Cosima, bei der er in Ungnade gefallen sei, zu rehabilitieren.“240 Statt auf den „Fanatiker“ Chamberlain zu replizieren, entschied sich Mommsen für eine Antwort an Cosima, die er für „besser als ihre Adoranten“241 befand. Doch ihr Vorhaben mochte er auch weiterhin nicht unterstützen und zeigte sich deshalb zwar freundlich, in Sachen „Parsifal“ aber ablehnend.242

Damit hatte die Festspielleiterin endgültig verloren und berichtete wiederum Chamberlain umgehend über Mommsens Antwort: „Der Confusionsmeyer hat mir geantwortet. ‚Dry as dust‘ würde Freund Carlyle sagen u. dabei dünkelhafte Ignorierung der Einwürfe nebst Banalitäten“,243 schrieb sie bissig. Chamberlain hingegen teilte angesichts der ungewollten Weiterungen etwas kleinlaut mit, er habe seinen Artikel „vom ersten Augenblick an“ als „eine Dummheit“ empfunden, und schloss dann die Angelegenheit mit dem lakonischen Zusatz: „Es muss auch solche geben im Leben“.244

Einer anderen Kritikerin gegenüber klang das ganz anders: Die Gräfin Zichy, eine gemeinsame Freundin Chamberlains und Cosimas, die in der angespannten Lage immer wieder als Vermittlerin zwischen Wahnfried und der Blümelgasse auftrat, wandte sich ebenfalls an den Briten, um ihn wegen seiner Sottise zu tadeln. Ihr gegenüber zeigte er sich selbstbewusst und erinnerte an seine Schrift gegen Praeger, die mit dem Ausfall gegen Mommsen eines gemeinsam gehabt hätte: Hier wie da „handelte [es] sich […] um ein öffentliches Interesse, und da haben die Privatrücksichten aufzuhören […]. Allerdings“, so räumte er ein, „als ich meinen Aufsatz schrieb, wusste ich noch nicht, dass der alte urtheilslose Holzkopf nur missbraucht und vorgeschoben worden war und daß hinter ihm die grinsende Maske der Lüge Brentano stand“, der „eigentlicher Macher dieser lächerlichen und dummen u. frevelhaften Bewegung, die einzig und lediglich im Interesse des sich bedroht fühlenden Judenthums geschieht“.“245

„Katholische“ Universitäten

Die Quellen zeigen also recht deutlich: Bei Chamberlains boshafter Invektive handelte es sich keineswegs um ein öffentliches Eintreten für eine voraussetzungslose Wissenschaft oder um eine „ambivalente Haltung“246 gegenüber der Berufung des Katholiken Spahn, wie jüngst von Udo Bermbach befunden wurde. Stattdessen hatte hier ganz offensichtlich die Vorstellung der angeblich „jüdisch-vatikanischen“ Verschwörung Pate gestanden – und diese war es auch, die Chamberlain wenige Wochen später zu einem zweiten Artikel motivierte.

Karl Kraus hatte seinem neuen Autor dazu eine gesamte Ausgabe des Heftes reserviert und dieser nutzte die Möglichkeit, um unter der Überschrift „Katholische Universitäten“ und auf insgesamt 32 Seiten ein Gegengewicht zu seiner Polemik zu schaffen und sich nunmehr ganz so zu präsentieren, wie es seine Leser bislang von ihm gewöhnt waren – als kühl und distanziert urteilender, umfassend gebildeter Gelehrter, der sich nicht in Details der Gegenwart verlor, sondern die tieferliegenden Problemlagen erkannte und mit der gesamten Autorität der Weltgeschichte für eine bestimmte Perspektive eintrat: „Cäsar und Pompeius! Wann wäre die wahre Freiheit nur von einer einzigen Seite bedroht gewesen? Näher betrachtet, handelt es sich immer um eine Liga“,247 begann Chamberlain seinen Aufsatz und steckte damit zugleich die Kulisse für die weiteren Ausführungen ab – eine für Staat und Gemeinwesen so existentielle Bedrohung, wie es der Bürgerkrieg zwischen den beiden zur Alleinherrschaft strebenden Feldherren gewesen war, der den Untergang der Römischen Republik besiegelt hatte.

In der Gegenwart der Jahrhundertwende freilich ging es um den vermeintlichen Krieg der germanischen Deutschen gegen ihre Feinde im Innern. Deren Liga bestand, so schilderte der Brite im Verlauf des Textes, aus zwei wesentlichen Parteien: den ultramontanen Katholiken und orthodoxen Protestanten auf der einen und den Juden auf der anderen Seite. Die katholische Kirche strebte demnach als ganz „in jüdischem Boden wurzel[nde]“,248 übernationale Macht nach der Diktatur über die „gesamte religiöse und geistige Welt eines Volkes, über Glauben, Naturwissenschaft, Philosophie und Geschichte“.249 Dieses zerstörerische Potential verband sie angeblich mit demjenigen Teil der Protestanten, der sich dem hegemonialen nationalprotestantischen Leitbild zu verweigern schien. „Der Protestant ist, sobald er orthodox kirchlich ist, von einer harten Unduldsamkeit“, formulierte Chamberlain diesen Befund und wies sogleich auf die tiefer liegende Ursache dafür hin: „denn er knüpft direct bei den engherzigen, rachsüchtigen Juden an und nimmt täglich aus dieser hohen Schule der erstarrten Rechtgläubigkeit und grundsätzlichen Intoleranz die Lehren auf, die ihn dem Menschen entfremden.“250

Dies schuf die Brücke zu einer mehrseitigen Anklage des Judentums, die mit den üblichen Stigmatisierungen arbeitete und die Juden als im Geheimen operierende und nur mühsam zu enttarnende, supranationale Verschwörung schilderte: „Dem zweiten Feind ist nicht so leicht ins Angesicht zu schauen; […] er schlüpft einem aalglatt durch die Finger […], trägt heute Hoflivrée und drapiert sich morgen in die rote Fahne; Fürstendiener und Freiheitsapostel; Bankier, Parlamentsredner, Professor, Journalist“, getrieben vom „Willen zu Macht und Besitz“, seine Hauptwaffe die Presse, mit der „Völker entsittlicht, Kriege entfacht, Reputationen künstlich errichtet, Verdienste aus der Welt geschafft“ würden. „Wollten wir“, schrieb Chamberlain sich in Rage, „ein Gegenstück zu der gewaltigen Einheit […], die wir Rom nennen“, erhalten, „wollten wir den zweiten Feind ebenfalls in ein einziges Wort zusammenfassen, wir könnten ihn allenfalls ‚Jerusalem‘ nennen.“251

Was dann folgte, war eine Montage seiner bereits in den „Grundlagen“ ausgebreiteten Hasstiraden über das Judentum als „Dämon der Zerstörung“,252 an deren Ende schließlich der explizite Hinweis auf die rassische Komponente stand: „Und wie die Eiche nicht die Föhre ist, so hat jede Cultur ihre eigene, nur ihr eigenthümliche Art, bedingt durch die physische Struktur bestimmter Rassen oder Rassencomplexe, bedingt durch den historischen Entwicklungsgang“.253 Aus diesen Kräften sei jedem Lebewesen „der Weg seines Werdens“ vorgezeichnet – „Abweichung ist Tod, und die Freiheit bedeutet nie und nimmer Voraussetzungslosigkeit und Ungebundenheit, sondern im Gegentheil die Möglichkeit, uns ungehindert nach dem bestimmten Lebensgesetz […] zu entwickeln.“ Diejenigen hingegen, welche „das Feldgeschrei der ‚voraussetzungslosen Wissenschaft‘ erheben, berufen sich also auf Wissen und verkennen im selben Athem das erste Gesetz der Natur“, schrieb er und schloss diesen Teil des Textes dann im Modus der Feldpredigt: „Auch daran mögt Ihr den Feind erkennen und auf der Hut sein!“254

Das freilich zielte auf Theodor Mommsen und alle liberalen Wissenschaftler, die nicht bereit waren, Chamberlains völkische Dogmen zu übernehmen. Ihrer Diffamierung als „antinationale“ Kräfte widmete sich deshalb auch der letzte Teil des Artikels. Dort erklärte der Autor kurzerhand „Virchow, Mommsen und andere politische Petrefacten aus den achtundvierziger Jahren“ zu „Männern, die in jeder einzelnen Etappe der Entwicklung Deutschlands auf der nachweisbar falschen Seite gestanden hatten und auch seither immer gestanden haben“. Ihre Unterstützung für Bismarcks antikatholischen Kulturkampf habe erst die Allianz zwischen „Protestant und Jude“ ermöglicht und dazu geführt, dass nunmehr der politische Katholizismus „wie eine Sonnenfinsternis über Deutschland“ liege.255

Diese geschickte Volte machte den Liberalismus der Revolutionszeit kurzerhand zum Hauptverantwortlichen für Bismarcks missglückte Innenpolitik wie für den Aufstieg der Zentrumspartei, während sich liberale Gelehrtenpolitiker wie Mommsen – von Chamberlain nicht ganz ohne Grund zu „Petrefacten“, zu Fossilien, herabgewürdigt – in dieser Sichtachse als „vaterlandslose Gesellen“ erwiesen, die es schon deshalb zu bekämpfen galt, weil hinter ihnen „der Jude“ lauerte.

Gegen Akteure wie Mommsen und „die schlauen Aufwiegler, die sich hinter dem ehrwürdigen Geschichtsforscher versteckt hielten“,256 helfe nur eine geeinte „germanische“ Front: Wer „uns voneinander trennen will“, um „zuerst die Katholiken und nach und nach, ganz sachte, auch jeden, der sich zum christlichen Culturideal bekennt, von den anderen Universitäten zu entfernen“, schrieb Chamberlain, „der ist ein Feind des Germanenthums, unser Aller Feind […]; wir reissen ihm die Larve vom Gesicht! Vereint haben wir weder Cäsar noch Pompejus zu fürchten.“257

Dies alles hatte mit Hochschulpolitik freilich nichts und mit Religion nur noch insoweit etwas zu tun, als die germanische Kulturmission, wie der Autor bemerkte, eben nur mit der Wiederherstellung von „unserem angestammten arischen Religionsleben“,258 also auf Grundlage des „Rassegedankens“, zu haben war. Der Artikel beinhaltete damit nichts anderes als die in den „Grundlagen“ ausgebreitete Weltanschauung, die Chamberlain hier erneut mit einem stupenden Gefühl für sein Medium wie für dessen Leserschaft neu entwickelte.259

Sein Aufsatz rief deshalb auch erwartungsgemäß begeisterte Reaktionen aus dem antikatholischen und völkischen Lager hervor, dessen Exponenten sich gelegentlich sogar direkt an ihn wandten: Der Wiener Philosoph Friedrich Jodl,260 ein entschiedener Gegner jeder ultramontanen Regung, gehörte ebenso zu den dankbaren Lesern wie Anton Wesselsky,261 ein völkischer Literat und Verfechter der „arisch-deutschen Religion der Tat“; außerdem der Literaturkritiker Karl Bleibtreu, ein Anhänger theosophisch motivierter Rassevorstellungen,262 der selbst für die „Fackel“ schrieb und sich dort fortan positiv auf Chamberlain bezog.263

Auch Hugo Bruckmann freute sich und bemerkte launig, der Artikel habe auf ihn gewirkt „wie ein Guß aus einer anderen Welt, das ist vor allem ‚du vrai Chamberlain – meilleur cuvées. Mit diesem Aufsatz kommt endlich ein großer Gesichtspunkt in das kleinliche Gezänke.“264 Ferdinand Hueppe wiederum, Bakteriologe und Professor an der Universität Prag, den Chamberlain in seinem Artikel gegen Mommsen als Opfer universitärer Vetternwirtschaft präsentiert hatte, dankte für die Unterstützung: „Ihr Artikel in der ‚Fackel‘ greift feste in das Wespennest.“265 Auch Cosima meldete sich und ließ verlauten, sie habe den Aufsatz „mit viel Interesse“ gelesen und stimme ihm „im Schlussatz unbedingt zu“266 – womit freilich nicht das Ende des Artikels, sondern die Gesamtheit der Schlussfolgerungen gemeint war.

Trotz dieses unbestreitbaren Erfolges für Zeitschrift und Autor – das Blatt hatte durch den Aufsatz erheblich an Popularität gewonnen und Chamberlain sich dem Wiener Bildungsbürgertum als streitbarer Autor in aktuellen Fragen präsentiert –, blieb die Allianz mit Karl Kraus nur eine kurze Episode, deren Ende der Brite selbst herbeiführte: Zwar versuchte Kraus wiederholt, seinen Star-Autor zu erneuten Aufsätzen zu motivieren, doch dieser lehnte stets freundlich aber bestimmt ab. Da half es auch nichts, dass die „Fackel“ weiterhin die vom Bruckmann-Verlag geschaltete Werbung für Chamberlains Werke druckte und seinen Aufsatz als eigenständige Broschüre vertrieb.267

Der Grund für diesen auffälligen Abbruch der Beziehung, so hat 1983 der Historiker Hans-Heinrich Wilhelm vermutet, lag in dem Umstand begründet, dass Kraus für Chamberlain schlicht „seine Schuldigkeit getan“ hatte.268 Tatsächlich bestätigen die Quellen diesen Befund:

Ganz offensichtlich realisierte der Brite, dass er langfristig mit der „Fackel“, wenn nicht aufs falsche, so zumindest auf ein lahmendes Pferd gesetzt hatte – und es waren ausgerechnet die begeisterten Zuschriften, die ihm diese Einsicht verschafften. Bruckmann etwa hatte sein Lob mit dem Ausdruck des Bedauerns versehen und bemerkt, der Artikel fände in „der Fackel […] außerhalb der engeren oester. Kreise nur wenig Beachtung.“269 Auch sein Mitarbeiter Albert Vanselow, in allen praktischen Fragen Chamberlains Ansprechpartner im Verlag, hatte die beschränkte Reichweite des Blattes kritisiert und geäußert, der „prachtvolle Artikel“ sei dort „vergraben“, da die österreichische „Fackel“ in „Deutschland so gut wie niemand liest“ und sie außerdem „hier in keinem besonders guten Ruf steht“.270 Selbst Ferdinand Hueppe in Prag hatte trotz aller Begeisterung geschrieben, es sei „schade, dass der Artikel in der ‚Fackel‘ erschien, weil dieses Blatt sich viele Feinde gemacht hat, weil es über alle herfallen will“.271

Tatsächlich hatte sich Kraus, dessen antisemitischen Furor Chamberlain zweifellos zu schätzen wusste, für das bildungsbürgerliche Publikum innerhalb weniger Jahre zum enfant terrible entwickelt. Der Brite indes suchte nicht den Streit um des Streites willen und wollte sich, bei aller Liebe zur Polemik und Einseitigkeit, nicht nur mit der Geißelung des Verfalls begnügen. Zudem zielte sein publizistischer Einsatz nicht auf den österreich-ungarischen Vielvölkerstaat, sondern auf Deutschland und dort insbesondere auf seinen neu gewonnenen Gönner, den Kaiser. Ein Blatt mit beschränkter Reichweite und von zunehmend zweifelhaftem Ruf war da nicht förderlich, insbesondere, wenn es eine unangebrachte Invektive wie die Mommsen-Schmähung enthielt, die Chamberlain wohlweislich in Zukunft nicht mehr erwähnte.272

Dilettantismus-Rasse-Monotheismus-Rom

Zu diesem alles andere als zufriedenstellenden Zustand trat ein weiteres Ärgernis: Nachdem die „Grundlagen“ nunmehr seit knapp zwei Jahren auf dem Markt waren, hatte die Kritik an dem Werk spürbar zugenommen. Sie entzündete sich nicht nur an den antisemitischen Passagen des Buches oder an der Einseitigkeit der Argumentation, sondern fokussierte vor allem auf die Behandlung des Rasse-Themas wie auf die Konstruktion des nicht-jüdischen Jesus.

Chamberlain indes bemühte sich um ostentativ zur Schau gestellte Gelassenheit: Faire Kritik, so ließ er immer wieder verlauten, sei ihm lieber als die unkritische Aufnahme seiner Werke und ein ungerechtfertigter Personenkult. Privatim allerdings schlug er einen anderen Ton an: Dort lobte er zwar die „ultramontanen“ Gelehrten und andere „gebildete Katholiken“,273 die seinem Werk mit ritterlicher Anerkennung begegneten, geißelte aber zugleich in scharfem Ton die restliche Kritik. Die „Vossische Zeitung“ etwa habe eine „Abschlachtung – oder sagen wir lieber Schächtung“ gebracht, schrieb er mit Blick auf den jüdischen Verleger und Unternehmer Rudolf Mosse, zu dessen Imperium das Blatt gehörte. Überhaupt glaubte er, feine Unterschiede unter den jüdischen Redakteuren zu erkennen: „Die distinguirteren u. freieren sind enthusiastisch – oder thun sich [sic!] so“, die „richtigen Juden dagegen holen alle ihre vergifteten Pfeile aus ihrem reichen Arsenal; das argumentum ad hominem ist die Hauptsache: immer wieder kehren sie mein Engländerthum hervor u. hetzen den ‚Deutschen‘ gegen mich auf; dann mein Dilettantenthum u. hetzen die Fachgelehrten gegen mich auf; dann meine antijüdische Unorthodoxie u. hetzen die Protestanten und mein Protestantenthum u. hetzen die Katholiken gegen mich auf.“ Der Grund sei nicht nur „raffinierte Gemeinheit“, sondern vor allem die „organische Unfähigkeit vieles, was ich sage, überhaupt zu verstehen“. Chamberlain machte sich damit zum Opfer einer Presse, die gegen ihn „dieselben Waffen“ einsetzte, „die es gegen Fürsten, Staatsmänner, Künstler, Denker stets gebraucht hat. Es besitzt ja keine anderen.“

Nur für die „Wortträger des Protestantismus“ empfand er noch mehr Verachtung, da deren „gemeines und dummes Hundegekläffe“ die Einwände der Katholiken und „judenliberalen Giftmischer“ bei weitem übertreffe: „Von Anerkennung eines anderen Standpunktes, den man als falsch ritterlich zu bekämpfen sucht, keine Spur. Von Argumenten keine Spur; nur wüstes u. bodenlos albernes Geschimpfe“, das nicht einmal davor zurückschrecke, ausdrücklich auf eine unfläthige Schmähschrift“ hinzuweisen, „die ein Jude u. Socialistenführer gegen mich losgelassen hat: das sind die Bundesgenossen unserer frommen Lutheraner u. Pastoren!“274 Diese „lutherischen Pfaffen“ seien so „dumm und roh und geistig impotent“ wie „Katholiken fünfzehnten Ranges“ und schadeten „dem moralischen Aufblühen der Nation mehr als man glaubt“.275

Aus dieser Frontstellung heraus ging Chamberlain daran, für die vierte Auflage der „Grundlagen“ ein neues Vorwort zu verfassen, das der Kritik begegnen und, als eigenständige Broschüre veröffentlicht, die mangelnde Reichweite des Fackel-Artikels kompensieren sollte.276 Diese Schrift hatte es in sich, denn unter dem betont sachlichen Titel „Dilettantismus-Rasse-Monotheismus-Rom“ wandte sie sich auf knapp 80 Seiten nicht nur gegen die Kritik, sondern griff zugleich eine aktuelle Debatte auf: die seit Beginn des Jahres 1902 als sogenannter „Babel-Bibel-Streit“ erbittert in der Öffentlichkeit ausgetragene Kontroverse um den Stellenwert des Alten Testaments für die christliche Religion, die schon längst nicht mehr nur Theologen, sondern auch die Politik und die Person des Kaisers in ihren Sog gezogen hatte.

Zunächst aber präsentierte sich Chamberlain, ganz wie man es von ihm gewohnt war, als „ausserhalb aller nationalen, kirchlichen und wissenschaftlichen Parteien“ stehender Autor, der sich nur gegen die „absichtlichen Entstellungen der Konfusionserreger“ und die Schmähungen „aus den ultraprotestantischen und ultrajüdischen Lagern“ zur Wehr setzte – „nicht zur Widerlegung der Gegner, sondern zur Aufklärung der Freunde“, wie er in hintersinniger Anlehnung an Wageners Schrift „Eine Mitteilung an meine Freunde“ formulierte, mit welcher der Komponist 1851 seine Vision einer umfassenden Gesellschaftsreform formuliert hatte.277

Dann wandte er sich dem Dilettantismus zu, der ja in den „Grundlagen“ Ausgangspunkt seiner Betrachtungen gewesen war: Was die Fachwissenschaft herausgearbeitet hatte, sollte vom Dilettanten synthetisiert und in einer dem breiten Publikum zugänglichen Form publiziert werden – eine Perspektive, aus der heraus sich trefflich eine erneute Kritik am Wissenschaftsbetrieb formulieren ließ. Das „Autoritätenunwesen, ja der Terrorismus“ blühe nirgends „üppiger […] als in der Gelehrtenrepublik“, so dass die Politik „viele der bedeutendsten deutschen Universitätsprofessoren gegen den Willen der Fakultäten“ habe ernennen müssen – ein deutlicher Rückbezug zur „Spahn-Affäre“ an der Universität Straßburg.278 Wichtiger indes waren die Kapitel über die „Rassenfrage“, über den „arischen und semitischen Monotheismus“ wie über das Verhältnis von „römischer“ und „katholischer“ Kirche und Religion. Chamberlain begann mit der „Rasse“, wiederholte einige Versatzstücke seiner bekannten Ansichten über die bedrohlichen Auswirkungen vermeintlich rassischer Vermischung,279 und verengte dann den Fokus auf den „enorme[n] Einfluss, den in kurzer Zeit das kleine internationale Volk der Juden auf unsere europäische Kultur gewonnen hat, ein Volk, dessen Religion auf den einen Satz zurückgeführt werden kann: Reinheit der Rasse, Solidarität des Blutes, Isolierung, und das dank diesem Gesetze seit 2500 Jahren allen Schicksalsstürmen trotzt.“280

Was dann folgte, war im Wesentlichen die aus den „Grundlagen“ bekannte und hier nun pointiert im Broschüren-Format aufbereitete Mischung: „Rasse“ und ihr Stellenwert bei den Hellenen, bei den „arischen“ Indern und den antiken Persern; die „Natürlichkeit“ der instinktiven Unterscheidung und Absonderung wie die durch „Verbildung“ anerzogene Unnatürlichkeit des „Nichtunterscheidenwollen[s]“;281 Virchows schädliche Idee von einer rassisch einheitlichen „Menschheit“ und die diesem Dogma blind folgende Wissenschaft;282 die Verdienste der Philologie um die Herausarbeitung des grundlegenden Unterschieds zwischen Semiten und ihrem Gegenpol, den Germanen; die wichtigsten Verfechter dieser neuen Perspektive – Otto Ammon, Albert Reibmayr, Georges Vacher de Lapouge – die alle als erfolgreiche „Dilettanten“ figurierten;283 schließlich noch einmal die Feststellung, dass die „Rassenfrage“ keine akademische, sondern eine „Lebensfrage“ sei, die sich vorerst nur durch die Rückkopplung an die Lebenspraxis beantworten lasse – dort aber „ausnahmslos“ und mit „der Sicherheit eines Naturgesetzes“,284 woraufhin Chamberlains „Gesetze“ der Rasse, also vor allem der „Rassezucht“ folgten. Potentiellen Einwänden begegnete der Brite dabei mit dem Verweis auf die Alltagsbeobachtung: „Der ‚Deutsche‘ und der ‚Engländer‘“ seien „aus der täglichen Erfahrung wohlbekannte Vorstellungen; der ‚Germane‘ ist ein Begriff, dessen genauer Sinn nur aus der historischen Darstellung zu gewinnen ist, der ‚Urgermane‘ und der ‚Arier‘ sind schon hypothetische Gebilde“.285

War damit jeder Kritik an der fehlenden Konsistenz und Evidenz seiner Rassekonstruktion die Grundlage entzogen, wandte er sich kurz darauf gegen die von der Konkurrenz vertretenen Ansichten: „Rassendogmatiker“ wie Ludwig Wilser, spottete er, wüssten „alles zu erzählen“, so als seien sie „dabei gewesen“, vermissten aber zugleich in den „Grundlagen“ klare Definitionen der jeweiligen Rassemerkmale: „Das ist das rechte Steckenpferd der Schulweisheit! Ich gebe nirgends eine scharf Begriffsbestimmung, sondern lasse den Leser aus den vorgeführten Thatsachen nach und nach entnehmen, was Rasse sei“.286

Schließlich nahm er die Kritik von jüdischer Seite in den Blick, deren Exponenten, ihrer vermeintlichen Natur gemäß, seine Rasseüberlegungen in Bausch und Bogen verdammten. Wie „sollen wir es nehmen, wenn gerade diese Männer uns geschichtlich beweisen wollen, dass Rasse nichts zu bedeuten habe […]? Ich glaube, man geht schweigend zur Tagesordnung über.“287

Stattdessen gelte es, so wechselte der Brite die Perspektive, „eine möglichst weit verbreitete Rassenkunde für die Erhaltung und Ausbildung der vorwiegend germanischen Staaten“ zu schaffen, die in der Zukunft „von grosser Tragweite werden könnte.“288 Dabei müsse man nicht nur zwischen physisch „Besseren“ und „Schlechteren“ unterscheiden, sondern auch zwischen denjenigen, „die physisch und moralisch Germanen sind, und solchen, die es nicht sind“. Hier könne „das Gesetz Grosses wirken; doch weit mächtiger als diese – dem Gesetz selbst das Gesetz gebend – wäre das lebendige, öffentliche Bewusstsein von Rasse für die Geschichte der Nationen und von der Bedeutung des Germanentums für die Geschichte der heutigen Kultur.“289

Nach diesen grundsätzlichen Ausführungen wandte sich der Autor schließlich dem Thema der Religion zu und kam damit zum eigentlichen Kern der Broschüre, der unter der Überschrift „Babel oder Bibel“ direkt auf die bereits erwähnte Kontroverse verwies. Diese hatte begonnen, als einige Monate zuvor, im Januar 1902, Friedrich Delitzsch, der prominente Altorientalist und Professor an der Berliner Universität, einen viel beachteten Vortrag vor der „Deutschen Orientgesellschaft“ hielt, bei dem auch Wilhelm II. anwesend war. Delitzsch vertrat dort auf Grundlage aktueller Ausgrabungsfunde die These, dass die nichtsemitischen Babylonier den semitischen Israeliten kulturell überlegen gewesen waren und deren Kultur entscheidend beeinflusst hatten. Dieser Einfluss habe das Aufkommen des Monotheismus und die Entstehung des Alten Testaments ermöglicht, die demnach beide babylonischen Quellen entstammten – eine Einschätzung, die nicht nur konservative Christen und Juden, sondern auch Delitzschs Fachkollegen auf den Plan rief.290

Die Vorstellung eines assyrisch-semitischen Mischglaubens musste auch bei Chamberlain auf heftigen Widerstand stoßen, hatte er doch in den „Grundlagen“ behauptet, die semitische Idee des Monotheismus sei von den Israeliten pervertiert worden zur Lehre vom Gehorsam gegenüber einem strafenden Gott, zur Idee vom „auserwählten Volk“ und zur Unterwerfung unter eine jahrhundertelange Priesterherrschaft. Zudem musste in seinem Narrativ das Christentum vom jüdischen Einfluss freigehalten werden, wozu ihm der quasi-arische, zumindest aber nicht-jüdische, Jesus diente – eine Deutung, die sich ebenfalls nicht aufrechterhalten ließ, wenn der Ursprung des Monotheismus in der Vermischung verschiedener Kulturen lag. Vor diesem Hintergrund ging es in Chamberlains Broschüre vor allem darum, Delitzschs Auffassungen vollständig zu diskreditieren und die Überlegenheit des eigenen Denkgebäudes zu beweisen – ein Ziel, das sich am nachhaltigsten erreichen ließ, wenn der Brite die Auseinandersetzung auf das Gebiet der „Rasse“ zog und dort, versehen mit der Autorität des vermeintlichen Fachmannes, einen Frontalangriff startete.

„Wie Rasse bis in die innerste Seele – vielmehr gerade in der innersten Seele – gestaltend wirkt, ersieht man aus der Auffassung von Religion bei verschiedenen Völkern“,291 eröffnete er seine dreißigseitige Polemik und kam dann schnell zur Hauptsache: „Denn hier halten wir den Kern der so oft genannten und so selten verstandenen ‚Judenfrage‘.“292 Möge der „Jude nur auf allen Gebieten mit uns wetteifern; wer will, wer kann es ihm verwehren?“, fragte er listig und fügte an: „In uns selber muss die Umkehr stattfinden. Dort ist es, in der innersten Seele, wo wir das Joch tragen, und es lastet auf unserem ganzen Leben, weil es ein Fremdes ist“.293 Diese scheinbare Toleranz klang allerdings bereits auf der nächsten Seite ganz anders: Es sei „nötig, den indogermanischen Standpunkt stark und – wo es sein muss – rücksichtslos zu betonen; sähe es klarer in den Köpfen aus, die verwickelte und bedrohliche ‚Judenfrage‘ wäre eo ipso gelöst“. Stattdessen drohte Gefahr: „Unser Judenschutz und unsere Judenabwehr, beide sind halbe Massregeln [sic!], undeutlich gedacht, unfrei durchgeführt.“294

Diese Unfreiheit würde, so teilte Chamberlain mit, von einer „verjudeten“ Wissenschaft begünstigt, da sich unter den „protestantischen und katholischen Theologen und Orientalisten […] weit mehr Juden und Judenstämmlinge“ befänden, als „ein naives Publikum“ es sich vorstellen könne.295 Deren Arbeit aber erweise sich, obwohl im Einzelfall verdienstvoll, aufgrund der „rassischen“ Prädisposition insgesamt als schädlich für „indogermanisches Seelenleben“ und würde noch gefährlicher durch die Unterstützung der „echt germanische[n] Orthodoxen, die Gott nie gefälliger zu sein glauben, als wenn sie in die semitische Posaune stoßen.“296

Zu diesen „besten Bundesgenossen […] semitische[r] Geistesrichtung“ zählte Chamberlain auch Delitzsch, dem er im Verlauf des Textes mit zunehmender Verachtung begegnete: Erschien der Gelehrte zu Beginn noch als weitgehend schuldlos und von einer „mirage sémitique geradeso genasführt“ wie „das Auge in den Wüsten Arabiens von der fata morgana“,297 tadelte der Autor die Thesen des Forschers wenig später als „eine der monströsesten Ausführungen der Semitomanie, die je erlebt wurden“.298 Kurz darauf bemerkte er, jeder andere als ein honoriger Universitätsprofessor wäre „sofort in ärztliche Behandlung genommen worden“,299 bevor er Delitzschs Schrift als Ausdruck „laxer Philologie“ wie „phantasievoller Geschichtsfabrikation“ verriss, als „Wahngedanke“ pathologisierte und schließlich zur „Taktik unserer semitomanen Gegner“ erklärte.300

Es ist nicht nötig, hier die Einzelheiten von Chamberlains Argumentation zu schildern und in ihrem theologischen Gehalt zu gewichten. Der Hauptvorwurf seiner mit detaillierten altphilologischen Überlegungen operierenden Argumentation zielte darauf, Delitzsch eine bewusste Verengung in der Übersetzung babylonischer Hieroglyphen zu unterstellen, auf deren Grundlage der Professor dann fälschlicherweise monotheistische Vorstellungen bereits für das zweite Jahrtausend v. Chr. abgeleitet habe. Chamberlain dagegen datierte, im Einklang mit der theologischen Forschung, die Entstehung des Monotheismus in die Zeit des babylonischen Exils der Israeliten und damit in die Mitte des ersten Jahrtausends.

Wichtiger als der philologische Strang der Kritik war ohnehin die rassistische Attacke, die Delitzschs Quellenbasis insgesamt angriff: Die ausgegrabenen Artefakte seien, so schrieb Chamberlain, „nur die Widerspiegelung einer inzwischen untergegangenen Welt […], wie sie semitische und syrische Hirne aufzufassen fähig waren.“301 Da es zudem „eine erwiesene Thatsache“ sei, „dass weder Semiten noch Syrier die Geistesanlage besitzen, aus der Metaphysik und Mythologie und Wissenschaft entstehen“, könne man „ganz sicher sein, dass alles, was man uns heute als ‚babylonische Religion‘ vorsetzt, nur etwas völlig Entartetes, Missverstandenes ist“.302 Damit war Delitzschs These denunziert als nicht nur ihrer Intention nach von „Semitomanie“ getrieben, sondern auch als inhaltlich von jüdischem Einfluss deformiert.

Dann folgte eine Fingerübung, die Chamberlain aus dem Material bestreiten konnte, die ihm die „Grundlagen“ boten: „Alle Semiten und Halbsemiten, von denen die Geschichte zu melden weiss“, tönte er apodiktisch, seien Polytheisten gewesen.303 „Eine wirkliche Ausnahme“, so fuhr er unter Verweis auf das „Juden-Kapitel in den „Grundlagen“ fort, „bildet einzig und allein das kleine Volk der Juden; dies ist aber – wie heute anthropologisch nachgewiesen ist und aus jedem überlegten Studium des Alten Testaments entnommen werden kann – ein vorwiegend syrisches Volk, mit allerdings starkem semitischen, aber auch mit indogermanischem Einschlag“. Ein „solches Volk kurzweg ‚semitisch‘ zu nennen und es ohne weiteres mit den übrigen Semiten zu identifizieren“, sei aber „eine Gedankenlosigkeit; dieses Volk ist ein Volk für sich und es ist unverantwortlich, das, was an seiner religiösen Entwickelung einzig in der Weltgeschichte und ohne Frage bewundernswert ist, den übrigen semitischen Völkern zugute zu schreiben.“304

Damit servierte Chamberlain den Lesern der Broschüre wie dem Publikum der „Grundlagen“ in kompakter Form und noch vor der Lektüre des tausendseitigen Werkes wesentliche Prämissen seiner Weltanschauung: Die Juden waren ein rassisch klar bestimmbares, von allen anderen Völkern verschiedenes Volk. Ihr Beitrag zur Weltgeschichte bestand in der Ausbildung des Monotheismus, zu dem sie der „indogermanische Einschlag“ befähigt hatte. Trotz dieser schicksalhaften Fügung waren sie zur tödlichen Gefahr für die Germanen geworden, gegen die es „rücksichtslose“ Abwehrmaßnahmen zu ergreifen galt – durch das Verständnis historischer Zusammenhänge, durch den Glauben an eine germanische Zukunft und durch den Willen zur Tat in der Gegenwart.305

5. Chamberlain und der Kaiser II: In der Offensive

Die Veröffentlichung seiner Broschüre nahm Chamberlain zum Anlass, den Kontakt zum Kaiser nach zehn Monaten der Stille wiederaufzunehmen und damit eine regelrechte Kommunikations- und Belehrungsoffensive zu starten. Der Brite begann im November 1902 mit einem siebzehn Druckseiten langen Brief, den er tagelang vorbereitet und ausführlich mit seinem neuen Kontaktmann an den Hof, dem Grafen Ulrich von Brockdorff-Rantzau, besprochen hatte.306

Darin unterbreitete er dem Monarchen ein ganzes Bündel von Themen, sorgsam versehen mit Lektürevorschlägen. Im Zentrum stand der soeben erschienene Aufsatz, für den der Brite eine Zusammenfassung mitlieferte und auf dessen neuralgische Passagen er den Kaiser zusätzlich hinwies;307 außerdem berichtete er von den Schwierigkeiten einer englischen Übersetzung der „Grundlagen“, die angeblich durch den „irische[n] Ultramontane[n] und Deutschenfresser Sir Rowland Blennerhassett“308 behindert würde; schließlich von der kurz zuvor erfolgten Übersetzung seines Büchleins „Worte Christi“ ins Holländische und Schwedische.309 Dies alles war zweifellos wichtig, diente aber nicht zuletzt zur Schaffung einer Gesprächsatmosphäre, in der Chamberlain das wichtigste Thema seines Schreibens anschneiden konnte: die Rassenfrage, die er in überraschender Offenheit zu diskutieren plante.

Er hätte, so schrieb er dem Monarchen, in der Delitzsch-Broschüre diesen offenen „Ton nicht anschlagen wollen, da es mir angemessener scheint, in erster Reihe Aufmerksamkeit und Interesse in ganz allgemeiner Weise für solche Fragen zu wecken“. Doch eigentlich gehe es ihm darum, die „Rassenvermischung“ aufzuhalten und zu verhindern, dass Deutschland an der „Blutmischung“ zugrunde gehe – ein Bedrohungsszenario, dass er eindrücklich mit dem vermeintlich rassischen Niedergang der USA illustrierte.310 Es seien solch „durchaus beschränkte Köpfe wie Virchow“ und dessen „demokratische[s] Dogma der Rassengleichheit“, denen Einhalt geboten werden müsse, polterte Chamberlain und erging sich dann in den bekannten grundsätzlichen Ausführungen.311

Speziell für Deutschland allerdings erschien ihm die Vermischungsproblematik vor allem mit Blick auf die Juden als bedrohlich: Man müsse einsehen, dass auch „das jüdische Blut immer wieder durch[dringe]“,312 formulierte er diese Annahme, der er dann ein eindrückliches Beispiel folgen ließ: Ein ihm bekannter „Professor der Literaturgeschichte, der ein unverfälscht deutsches Mädchen heiratete“, sei „nun höchlich entsetzt […], aus dieser Verbindung Kinder hervorgehen zu sehen, die alle so aussehen, als wären sie aus assyrischen Monumenten losgelöst“. Statt einer „germanischen“ Physiognomie verfügten die Sprösslinge des Gelehrten über die „unverkennbaren, widerwärtigen Semitengesichter […] und die entsprechenden Anlagen. Die Mutter des guten Mannes war eben eine ‚Getaufte‘ gewesen; und nun kommt – durch die Vermischung hervorgelockt – das rein Semitosyrische viel kräftiger zum Vorschein als vorher, wo es in dem vermischten Judenblute halbversteckt gelegen hatte.“313

Diese in ihrer Drastik und Vulgarität bemerkenswerte Passage offenbart, wie sicher sich Chamberlain der grundsätzlichen Zustimmung des Kaisers in derlei Fragen sein konnte. Ohne jede Zurückhaltung nutzte er die Vertraulichkeit des Zwiegesprächs, um die Glutkerne seines Denkens offenzulegen und dadurch auf höchster politischer Ebene die zum Handeln notwendige Dringlichkeit herzustellen.

Doch der Brite wollte nicht nur Mahner sein, sondern auch Lösungsoptionen aufzeigen: Es fehle an „genauen Erhebungen (z.B. über die Rassenverhältnisse des Deutschen Reiches)“, auf deren Grundlage sich „nach und nach die endgültigen praktischen Entschlüsse und Maßregeln“ treffen ließen.314 Auch müsse man das Problem der Vermischung „resolut ins Auge […] fassen“ und sich dazu entschließen, „Rasse grundsätzlich zu züchten“315 – ein Vorschlag, auf dessen Konkretion Chamberlain verständlicherweise verzichtete. Ebenso vage blieb er hinsichtlich der Frage nach dem Umgang mit den Juden, die er ja mit seinen Ausführungen selbst aufgeworfen hatte. Statt sich dem Monarchen gegenüber zu exponieren, wählte er den diplomatischen Weg und verwies auf seinen berühmt gewordenen Rumänien-Aufsatz: „Was mich persönlich unschlüssig macht, ist, daß ich nicht gern etwas täte, was mich in den Ruf brächte, als mischte ich mich in die Tagespolitik“, begann er scheinbar zurückhaltend. Doch Schweigen sei „eine Feigheit“ angesichts der Tatsache, dass eine „junge Nation notwendig zu Grunde gehen muß, wenn sie 16 % Juden beherbergt und diesen den Zutritt zum Bodenbesitz und der Regierung offen läßt; in fünfzig Jahren wären die Rumänen samt und sonders nur noch Heloten der Juden.“ Was die junge Nation Deutschland aus Chamberlains Sicht neben dem Ausschluss der Juden vom Grundbesitz noch unternehmen sollte – Berufsverbote, Fremdenrecht, forcierte Auswanderung –, das konnte sich der Kaiser aus der Lektüre des Rumänien-Artikels leicht selbst erschließen.

Das heutige England

Zu den weiteren Lektüreempfehlungen für den Monarchen gehörte auch ein druckfrischer Aufsatz, dessen Korrekturbögen Chamberlain seinem Brief beigefügt hatte. Dieser von der Forschung ignorierte Artikel verdient Aufmerksamkeit, lässt sich doch auch an ihm der Einfluss des Briten auf den Kaiser in den Jahren 1901 und 1902 studieren und zugleich ein beredtes Beispiel dafür finden, wie bewusst und geschickt Chamberlain die sich ihm bietenden Möglichkeiten nutzte, um seine Mission voranzutreiben.

Der Text erschien im Dezember 1902 unter dem Titel „Das heutige England“ in der stramm deutschnationalen „Deutschen Monatsschrift für das gesamte Leben der Gegenwart“, die von dem Schriftsteller Julius Lohmeyer herausgegeben wurde.316 Bereits im September und November hatte Chamberlain in dem Blatt einige kurze Text veröffentlicht, darunter Passagen aus seiner aktuellen Broschüre.317 Dann aber nahm er eine Kurskorrektur vor, denn angeregt von einer aktuellen Lektüre hatte er die Möglichkeit entdeckt, das Thema der jüdisch-katholischen Verschwörung nicht nur aus einer frischen Perspektive zu behandeln, sondern es zugleich in das Fahrwasser eines Ereignisses zu bringen, das die Zeitungen über Monate hinweg beherrscht hatte: der Krieg Englands gegen die Buren.

Schon 1881, als Großbritannien unter Premierminister Benjamin Disraeli die Burenrepublik Transvaal zu annektieren versucht und damit den Ersten Burenkrieg ausgelöst hatte, war Chamberlain entsetzt gewesen.318 Auch in den folgenden Jahren, in denen sich das Verhältnis zwischen Buren und Briten zur Dauerkrise entwickelte, stand er auf Seiten der Buren. Als diese 1896 einen englischen Angriff abwehrten und daraufhin Glückwünsche aus der Hand Wilhelms II. erhielten, verteidigte Chamberlain die sich als internationales Skandalon erweisende kaiserliche Depesche sogar gegen seine aufgebrachte Familie: England, so hielt er ihnen vor, sei von einer nationalistischen Presse aufgewiegelt, betätige sich als Kriegstreiber und camoufliere seine imperiale Machtpolitik in empörender Weise als christliche Mission.319 Selbstsüchtig und ignorant, gewissenlos und arrogant agiere die britische Politik im Namen einer Religion, die es durch ihr Verhalten geradezu pervertiere – kein Wunder also, dass das Empire in der ganzen Welt verhasst sein musste.

Zu dieser Verdammung seines Heimatlandes gehörte freilich auch die sehnsuchtsvolle Verehrung eines anderen, eines vergangenen Englands. Dieses war, so hat Geoffrey Field bemerkt, „aristokratisch, mutig, fleißig“ und entsprach der als Periode besonderer politischer Stabilität und ökonomischer Prosperität wahrgenommen, mittleren Phase der Herrschaft Königin Victorias – Chamberlains Kindheit.320 Es war das Gegenbild zum modernen England, dass in dieser Optik als materialistisch und in seinen Werten degeneriert durch Gier und „Händlergeist“ erschien.

Das psychologische Moment tritt hier offen zutage: Es waren die Brüche in der eigenen Biographie und deren schmerzliche Begleiterscheinungen, die der Brite jetzt der alten Heimat anlastete – einem Land, welches ihm selbst kaum Heimat gewesen war und das er vornehmlich aus dem eng begrenzten und angstbesetzten Lebensraum im Internat kannte. Diesen Prozess der Bewältigung einer zutiefst verunsichernden Kindheit hat Field auf die eingängige Formel gebracht: „England, nicht Houston Stewart Chamberlain hatte sich verändert: England, nicht er, war zum Fremden geworden.“321

Erleichtert wurde die Herausbildung dieses Deutungsrahmens durch den Umstand, dass sich die negative Wahrnehmung Englands in weiten Teilen mit derjenigen deckte, die in Chamberlains Wahlheimat von einer Mehrheit der Menschen geteilt wurde: England als Hauptgegner deutscher „Weltpolitik“, als Konkurrent im deutschen Streben um einen „Platz an der Sonne“, zugleich als weltumspannendes Empire, das sich nicht ohne weiteres ins Raster „nationalen“ und völkischen Denkens einordnen ließ.322

Auch im Austausch mit Cosima war der Burenkrieg Thema: Im November 1899 hatte die Festspielleiterin bemerkt, es scheine, dass „alle ächten Engländer“ auf Seiten der „Buren mit ihrem festen Glauben“ stünden und „nur Herr Rothschild und Konsorten den Krieg“ führten.323 Chamberlain war dieser Einladung zum Dozieren dankbar gefolgt und in die Rolle des Spezialisten geschlüpft: Es sei bedauernswert, „dass wir Engländer so viele prächtige Männer in einer schlechten Sache verlieren. Das kommt davon, wenn ein Lord Salisbury – der angebliche Vertreter der konservativen Tradition – seine Lehrjahre bei einem Vollblutjuden macht, und sich dann, statt eines freien, edel-gezüchteten, adlig cultivierten Mitarbeiters einen Parvenü wählt“.324 Cosima zeigte sich dankbar für derartige Einsichten und sekundierte: Man trauere „um jeden Menschen, der da fällt von beiden Seiten, und das für den Juden Rhodes.“325 Auch wenn der ehemalige Premierminister und Kolonialunternehmer Cecil Rhodes keineswegs Jude war, zeigte sich in dieser Bemerkung das Problem, welches der Burenkrieg all denen bescherte, die an die germanische Suprematie glaubten: Mit den „angelsächsischen“ Engländern und den „indogermanischen“ Buren, die ja hauptsächlich von niederländischen Siedlern abstammten, bekämpften sich hier vermeintlich die Angehörigen derselben Rasse – eine Frontstellung, die nicht nur besonders bedrückend war, sondern zugleich die Spannungen zwischen Deutschland und England zu spiegeln schien.

Als sich abzeichnete, dass die Buren den Krieg verlieren und durch das brutale Vorgehen der Briten tausende zivile Opfer zu beklagen haben würden, bemerkte Cosima deshalb betroffen: „Diese Ausrottung eines der tüchtigsten germanischen Stämme ist so grauenhaft, dass ich nichts, was ich erlebte, ihm an die Seite stellen könnte.“326 Chamberlain hingegen tobte: „Das Land der gemeinen, wortbrüchigen, ehrvergessenen Burenfresser. Das kommt davon, wenn man ein Vierteljahrhundert bei einem Juden Politik studiert hat, und wenn in einer Regierung ein Goschen u. noch 3 oder 4 mehr oder weniger verkappte Juden sitzen, die […] [dem Kolonialminister, S.F.] Chamberlain den Kopf verdrehen […], während der Aristokrat Salisbury sich in seinem chemischen Laboratorium einschliesst u. denkt, seine Sünden u. Germanenmord durch die Erfindung von Homunkuli gutzumachen, und der distinguirte Balfour Golf spielt und eine ziellose Schwärmerei für Musik unterhält – anstatt Deutsch zu lernen.“327 Damit war die Phalanx der Feinde geschlossen, denn zu den Juden und der von ihnen kontrollierten englischen Elite waren nun noch die Ignoranten getreten, die sich für die „Judenfrage“ nicht interessierten – personifiziert durch den konservativen Parteiführer und späteren Premierministers Arthur Balfour, der nicht nur ein Freund der wagnerschen Kunst, sondern auch Festspielbesucher und Bekannter Cosimas war.

Selbst im Gespräch mit Wilhelm II. war es, wie gezeigt, um den Burenkrieg gegangen: Auf Schloss Liebenberg hatte man ihn ausführlich erörtert und Chamberlain wusste sich mit dem Monarchen einig darüber, dass „der Angelsachse […] sein Erbe […] auf Jahrhunderte hinaus verwirkt“ habe328 – ein frustrierender Zustand, der ihn sogar zu einer öffentlichen Wortmeldung in Form eines Gedichts motiviert hatte: Unter dem Titel „Der Krieg“ war im Februar 1900 in Maximilian Hardens vielgelesener „Zukunft“ ein Stück trotzig-kämpferischer Gebrauchslyrik aus Chamberlains Feder erschienen, das Versatzstücke seiner Weltanschauung in Reimform präsentierte.329

Nun, am Ende des Krieges, machte Chamberlain im November 1902 sein Heimatland also noch einmal zum Gegenstand einer Veröffentlichung: Unter dem Titel „Das heutige England“330 unternahm er es, die Ursachen für die Entfremdung der beiden „trotz aller Blutmischungen doch sehr nahe verwandten Völker“ zu ergründen. Diese sei nicht nur das Ergebnis des Burenkriegs, sondern hätte „tiefer eingewurzelte Gründe“, die vom „große[n] Publikum kaum je beachtet“ würden: „ganz nüchterne, harte, kalte Gründe“, zuvörderst „das Aneinanderprallen kaufmännischer Interessen, die wirtschaftliche Konkurrenz“. Diese ganz im Materialistischen liegenden Ursachen hätten „zu moralischer und intellektueller Entfremdung“ geführt und die „gemeinschaftlichen Feinde“ der im Bruderkampf zerstrittenen Völker gestärkt: „Wer die Leute sind, die immer und überall die Nationen zu Mißhelligkeit und Krieg aufstacheln, weil ihr Herz mit keinem Vaterland unlöslich verknüpft ist und sie stets in den Tagen der schlimmsten Not ihre glänzendsten Geschäfte machen – das wissen wir Alle und doch bedenken wir es fast nie.“

Waren damit die Juden als vermeintlich übernationale Kriegstreiber und –profiteure entlarvt, vollzog der Brite anschließend eine unerwartete Volte und lenkte die Aufmerksamkeit der Leser auf die irischen Katholiken, eine Gruppe, die bislang in seinen Artikeln keine Rolle gespielt hatte: Die bekannte Zeitschrift „National Review“, ein Kampfblatt der englischen Konservativen mit ausgesprochen antideutscher Propaganda,331 stehe, so Chamberlain, „unter dem ausschlaggebenden Einfluß irischer Ultramontaner“. Die Deutschen sollten sich deshalb fragen, „ob diese Irländer, die in ganz Europa herumreisen, um alle Länder gegen Deutschland aufzureizen, und die in London jedem Tschechen und Polen und jedem französischen Nationalisten die Spalten der einflußreichsten Zeitschriften […] öffnen“, wirklich „als vollwertige Engländer“ zu bezeichnen seien. Ein genauer Blick würde stattdessen offenbaren, dass „hier vielmehr die Taktik am Werke ist, die seit des großen Hermanns Zeiten immer wieder von den Feinden des Germanentums als einzig erfolgreich angewandt“ worden sei: „Um die Germanen loszuwerden, schürt man Zwietracht zwischen ihnen.“

Was die Lage zusätzlich zu verschlimmern schien, war der Umstand, dass es sich bei den gegeneinander Aufgehetzten nicht bloß um Germanen handelte, sondern um Protestanten, aufgewiegelt von dem „auf der ganzen Linie aggressiv“ vorgehenden „Rom“. Dieses habe im Burenkrieg erleben dürfen, wie „ein protestantisches Weltreich […] ein ganzes kernprotestantisches Volk völlig zu Grunde gerichtet und von der Weltkarte ausgelöscht hat“ und wolle nun eine ähnliche Tragödie im europäischen Maßstab wiederholen: Angestachelt von der Presse sollten „die zwei protestantischen Großmächte – die einzigen Europas – sich gegenseitig in blindem Hasse zerfressen […]. Möchten wir doch hüben und drüben rechtzeitig zur Besinnung kommen.“332 Diese Variation antikatholischer Hetze bezog ihre Wirkungsmacht aus zwei Entwicklungen: dem Erstarkenden des Katholizismus in Großbritannien333 und der zunehmend antideutschen Stimmung in weiten Teilen der britischen Öffentlichkeit. Beide Entwicklungen beobachtete Chamberlain mit Sorge, nicht zuletzt, weil die zahlreichen irischen Emigranten nicht nur ihren Nationalismus, sondern auch ihren Glauben mitbrachten. Dies alles fügte sich zur Vorstellung einer Verschwörung zusammen, die bestens in sein Weltbild passte und ihm zugleich eine willkommene Möglichkeit bot, die Einheit der germanisch-protestantischen Völker zu beschwören.

Angesichts der politischen Situation in Europa weckte der Artikel das Interesse auch anderer Zeitungen und so veröffentlichte er den Text wenig später in der auflagenstarken Berliner „Täglichen Rundschau“.334 Außerdem erschien der Aufsatz leicht gekürzt, dafür aber als Leitartikel, in der ersten Nummer der „Straßburger Zeitung“ des Jahres 1903 – sicherlich keine zufällige Wahl, hatte doch mit der Universität Straßburg und dem „Fall Spahn“ Chamberlains publizistische Offensive gegen die Allianz von „Rom“ und „Jerusalem“ überhaupt erst begonnen.335

Worte Christi

Zu diesem Kampf gegen die vermeintliche Liga dunkler Mächte gehörte auch eine kleine Monographie, die Chamberlain ein Jahr zuvor, im November 1901 veröffentlicht hatte.336 In dem schlicht „Worte Christi“ betitelten Büchlein wollte der Autor die „Stimme des perfectus homo […] vernehmen lassen, losgelöst von allen Beigaben und Zugaben“,337 also den historischen Jesus hörbar machen, bereinigt von allen späteren Hinzufügungen und Verformungen. Dass dieses Unterfangen einige Schwierigkeiten barg – schließlich galt es, den Urtext auf brüchiger Quellengrundlage durch fast zwei Jahrtausende und unzählige Übersetzungen und Veränderungen hindurch zu verfolgen –, war dem Briten durchaus bewusst, machte ihm aber offenbar nichts aus. Die Lösung für alle etwaigen Probleme, so versicherte er seinen Lesern stattdessen, war recht simpel: Neben der Zusammenschau theologischer Fachliteratur und philologischer Erkenntnisse würde er den Ton der Stimme Christi einfach erspüren. „Man lernt […] den persönlichen Ton der einzelnen Evangelisten erkennen und somit von dem andersgearteten, unvergleichlichen Ton der Stimme Christi unterscheiden“,338 erklärte er und bekräftigte später im Text diese Fähigkeit noch einmal: „Das wahrhaftige Ohr wird bezeugen, dass hier verschiedene Stimmen sprechen und das untrügliche Herz fühlt, dass – sobald man diese Worte nur menschlich auffasst – zwei verschiedene Gesinnungen sich kundgeben.“339

Angesichts dieser offenkundig unwissenschaftlichen Herangehensweise musste Chamberlain eingestehen, dass sein Büchlein keinen Beitrag zur theologischen Fachdiskussion liefern konnte, sondern vor allem ein persönliches Bekenntnis war. Trotzdem versuchte er, seinen Erkenntnissen zu Allgemeingültigkeit zu verhelfen, indem er extensiv auf theologische Literatur zurückgriff und in einem ausführlichen Anmerkungsapparat wie in einer einleitenden Apologie mit zahlreichen Detaildiskussionen von Quellen und Literatur aufwartete. Wer diese Ausführungen kritisch las, bekam eine Ahnung von den weltanschaulichen Prämissen, die der Autor hier wohlweislich nicht explizierte. So erörterte Chamberlain beispielsweise ausführlich, welche Bibelübersetzung ihm als Grundlage gedient hatte: Wenig überraschend war es die Übertragung Luthers gewesen und dies, so erklärte er, nicht nur aufgrund der sprachlichen Qualität,340 sondern wegen des Stellenwerts des Reformators und seines Werkes in der Menschheitsgeschichte: „Dieses Werk steht einzig da in der Weltgeschichte. Wehe dem Volke, das einen solchen Besitz – gleichviel aus welchen Beweggründen – geringschätzen könnte! Wollte Gott, dieser Mann hätte die Reden Christi vernommen und aufgezeichnet. Er allein wäre dazu fähig gewesen!“341

Damit war die kanonische Ausgabe der Bibel festgelegt und zugleich völkisch aufgeladen: Die Deutschen sollten, so der Appell, das Meisterstück „deutscher Rede“ zusammen mit seinem Schöpfer als für ihre Identität unerlässliches Erbe anerkennen und für alle Zeiten hochschätzen.342 Weder fremdsprachige Übersetzungen noch die Versuche katholischer Theologen konnten da mithalten, denn deren Autoren hätten bei „Luther abgeschrieben“, ihre Werke seien deshalb „lediglich Paraphrasen […] mit einer Anzahl mehr oder weniger geschickter Verschlimmbesserungen“ und, wie im Fall der „Allioli-Bibel“, auch noch mit „Modernisierungen vom traurigsten sprachlichen Geschmack“.343 Das war nicht nur ein Verriss der wichtigsten und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verbreitetsten katholischen Bibelübersetzung, sondern bereitete zugleich eine bemerkenswerte Schlussfolgerung vor: Da die katholischen Übersetzungen ohnehin an den wesentlichen Stellen plagiierten, sei es besser, gleich „den echten Lutherischen Text beizubehalten, da er ja – im Grunde genommen, wie man sieht – allen deutschen Christen Gemeingut ist.“344 Waren, so musste man dies lesen, die Christen in Deutschland also aufgrund historischer Fehlentwicklungen konfessionell noch getrennt, so zehrten sie im Kern doch alle aus derselben „germanischen“ Quelle. Die „Worte Christi“ wurden so zum Angebot, dieses Quellwasser zu reinigen und zugleich auf einer glaubenspraktischen Ebene Rassegedanken und Germanenideologie zugänglich zu machen – ganz ohne tausendseitige Lektüre der „Grundlagen“, ohne Spezialkenntnisse, ohne Wissenschaft.345

Die insgesamt 160 „Worte“ – kurze Aussprüche, Glaubenssätze und Gleichnisse – waren in sechs Kapitel unterteilt: 1. „Glauben und Beten“, 2. „Gott und das Reich Gottes“, 3. „Worte Christi über sich und die Seinen“, 4. „Über die Priester und ihre Religions-Gebräuche“, 5. „Über die Welt und die Menschen (Lebensweisheit)“ sowie schließlich 6. „Über Thun und Lassen (Sittliche Gebote)“. Die Schwerpunkte, so hat Udo Bermbach konzise herausgearbeitet, waren zum einen die Verankerung des Glaubens als einer „innere[n] Einstellung […] und Haltung des Menschen“ und nicht als „politische oder gesellschaftliche Veranstaltung“ durch „die Kirche oder eine institutionalisierte Organisation“.346 Zum anderen war es die Herausstellung von Jesus als zugleich historischem Individuum und religiösem Symbol. „Christus“, so bemerkt Bermbach, wurde „damit zur personalen Metapher für all das, was nach Chamberlain christliche Religion und den Kern des Christentums ausmacht“.347 Diesem zutreffenden Befund ist allerdings der Verweis darauf hinzuzufügen, dass diese Metapher für den Briten nur auf Basis des Rassegedankens denkbar war: Sein Jesus durfte keine Jude sein, sondern fungierte als Exponent einer „neuen Menschenart“ und als Hoffnungsschimmer, der inmitten des „Völkerchaos“ die Erlösung der Menschheit durch die christlichen Germanen verhieß.

Für die Leser der „Worte Christi“ kam so die „Rasse“ durch die Hintertür ins Spiel, wenn sie auch hier, wohl aus taktischen Gründen, gänzlich unerwähnt blieb. Lediglich Chamberlains Antisemitismus schimmerte in den Anmerkungen durch, etwa wenn er darüber spottete, dass die „jüdischen Theologen dem gesunden Menschenverstand Hohn sprechen“ und die Worte Christi „nach den Regeln ihrer Kasuistik“ auslegten.348 Hinzu trat, noch einmal mit Udo Bermbach, der offenkundige „antikirchlich-institutionelle Affekt“,349 der ganz den historischen Jesus ins Zentrum rückte. „Alles was Jesus je gegen die Schriftgelehrten, die Pharisäer und Pseudopropheten gesagt hat, wird aufgeboten, um für einen Glauben zu werben, der sich über die durch Tradition vermeintlich verfälschten kirchlichen Gesetze hinwegsetzt und wieder auf das ursprüngliche Wort Christi vertraut.“350 Dass allerdings auch diese „Tradition“ und ihre „Verfälschungen“ eine vermeintlich rassische Grundlage hatten, verstand sich von selbst.

Chamberlains „Worte Christi“ waren, gemessen an ihrem geringen Umfang und der eigenwilligen Anlage, ein relativer Publikumserfolg, während sie von der universitären Theologie offenbar kaum zur Kenntnis genommen wurden – trotz aller Belesenheit und trotz der Nähe zu der um die Jahrhundertwende an Fahrt gewinnenden Leben-Jesu-Forschung orientierte sich der Band zu wenig an wissenschaftlichen Standards und ließ seine weltanschauliche Ausrichtung zu deutlich erkennen. Das schloss jedoch eine positive Aufnahme vor allem unter protestantischen Theologen und Pfarrern nicht aus.351

Freilich waren auch kritische Stimmen vernehmbar, und so riefen die „Worte““, wie schon die „Grundlagen“, Gegenpublikationen hervor.352 Selbst Adolf von Harnack, der die Schwerpunktsetzung auf die historische Person Jesus durchaus goutierte, reagierte zurückhaltend.353 Chamberlain, der seit dem Zusammentreffen in Liebenberg mit dem Theologen in brieflichem Kontakt stand, hatte ihm im Oktober 1901 die „Grundlagen“ zukommen lassen und im November auch die „Worte Christi“ Geschickt. Harnack sprach seinen „herzlichen Dank“ aus und fügte an, es sei ein „ausgezeichneter“ Gedanke gewesen, „die Worte allein“ sprechen zu lassen, so dass der Brite hoffen dürfe, „durch dieses einfache Mittel der größten Sache einen Dienst geleistet zu haben.“354 Allerdings habe er „als Historiker u. Theologe […] allerlei Einwendungen u. auch Correcturen im Einzelnen zu machen“, die er dem Autor für eine etwaige zweite Auflage anbot – offenbar davon ausgehend, dass Chamberlain kein Interesse an der Arbeit haben würde.355 Der allerdings nahm das Angebot gern an und zeigte sich „für jede Kritik und Korrekturen von Herzen dankbar (ausser natürlich, sie richten sich gegen den Grundgedanken selbst, was dann blosse Meinungssache ist).“356 Den wesentlichsten „Grundgedanken“ teilte er sicherheitshalber gleich mit und schrieb, „ich hatte speciell Katholiken im Auge bei der Abfassung dieses Buches“.357 Harnack hielt Wort und übersandte im Dezember 1902 in einem viele Seiten umfassenden Brief zahlreiche Korrekturen, von denen Chamberlain rund die Hälfte übernahm.358

Es waren weniger diese ersten, nur wenige tausend Exemplare umfassenden Auflagen, die den „Worten Christi“ eine große Verbreitung sicherten, sondern mehr die Neuausgaben, die Chamberlain und Bruckmann während des Ersten Weltkrieges auf den Markt brachten.359 Im Dezember 1914 einigten sich Autor und Verlag auf eine „Tornisterausgabe im (winzigen) Taschenformat“,360 die im November 1915 druckfertig vorlag und als fünfte Auflage in größerer Stückzahl produziert wurde.361 Damit profitierte der kleine Band zweifelsohne von der seit Kriegsbeginn sprunghaft angestiegen Popularität seines Autors, der als Verfasser von Propagandaschriften plötzlich überaus präsent in Zeitungen und Zeitschriften war.362

Der Einflüsterer

Chamberlains publizistische Interventionen vollzogen sich in einem Debattenklima, dass nicht nur von Intellektuellen und Gelehrten, von Schriftstellern, Journalisten und Kirchenmännern bestimmt wurde, sondern auch durch die Wortmeldungen des Kaisers, der, wie bereits das Beispiel der Universität Straßburg gezeigt hat, einen auf die politische und gesellschaftliche Integration der deutschen Katholiken abzielenden Kurs verfolgte. Diese Strategie schlug sich auch in seinen öffentlichen Auftritten nieder, unter denen eine am 19. Juni 1902 gehaltene Rede in Aachen besonderes Aufsehen erregte: Unter dem Titel „Das Welt-Imperium des deutschen Geistes“ sprach Wilhelm II. vor den Honoratioren der einstigen Krönungsstadt, in der mittelalterliche Tradition und Moderne – seit 1870 existierte eine Technische Hochschule – so augenfällig nebeneinander bestanden.363

Der Titel der Rede verbarg diplomatisch die eigentliche Intention, die ganz offenkundig in der öffentlich sichtbaren Annäherung an die deutschen Katholiken und ihre politische Vertretung, die Zentrumspartei, lag. Als rhetorisches Vehikel diente das germanenideologisch überformte Bild vom Erwachsen des jungen Reiches aus dem „germanischen“ Erbe und der ihm zufallenden Aufgabe: zusammenzuarbeiten „um dem germanischen Stamme seine gesunde Kraft und seine sittliche Grundlage zu erhalten“.364 Dies bedeute, so führte der Kaiser aus, dass „unsere beiden Konfessionen nebeneinander das eine große Ziel im Auge behalten müssen, die Gottesfurcht und die Ehrfurcht vor der Religion zu erhalten und zu stärken.“365

Die „siegesfrohen Germanen mit dem reinen Gemüte“, belehrte Wilhelm II. seine Zuhörer weiter, hätten der „Weltgeschichte den neuen Lauf“ gewiesen und das Erbe des Römischen Reiches angetreten, nur um dann auf politischem Gebiet den gegenläufigen Kräften zu erliegen: „Gleich wie bei der Aloe, wenn sie ihre Blüte treibt, die ganze Kraft der Pflanze sich zu dieser einen Aufgabe aufrafft und, hoch emporstrebend, […] derweil die Pflanze selber zusammenbricht […], so erging es auch dem römischen Kaisertum deutscher Nation.“366 Dementgegen stehe nun die neue „germanische“ Leitlinie: „Dem Charakter der Germanen entsprechend, beschränken wir uns nach außen, um nach innen unbeschränkt zu sein.“367

Diese Sammlungsrhetorik verfing und fand, von zahlreichen Zeitungen aufgegriffen, „unter den deutschen Katholiken ein begeistertes Echo.“368 Auch Chamberlain registrierte den Vorstoß des Kaisers wie dessen Wirkung genau, hatte er doch in seinen Schriften ebenfalls das Angebot eines friedlichen Miteinanders und der Einheit aller Christen im nationalen Projekt formuliert, sich dabei allerdings kritischer und kämpferischer gegen den Katholizismus positioniert und Papst und Kirche zum Bestandteil der antigermanisch-jüdischen Verschwörung gemacht. Eine solche Position freilich, die nur den Altkatholizismus als Bündnispartner übrig ließ, konnte der auf Integration bedachte Wilhelm II. öffentlich nicht einnehmen, sondern höchstens privatim äußern. Ein Jahr zuvor, Chamberlains Attacke auf Mommsen war gerade erschienen, hatte ihm der Monarch geschrieben: „Dann, wenn durch Sie die germanischen Katholiken erst in den offenen Konflikt zwischen dem Germanen und dem ‚Katholen‘, also ‚Römer‘ gekommen sind, dann sind sie ‚erwacht‘ und ‚Wissende‘ geworden, dessen, was die Beichtväter ihnen verbergen möchten; daß sie in schmachvoller Knechtschaft gehalten sind für ‚Rom‘ als Instrumente gegen ‚Deutschland‘ […]. In dieser Hinsicht ist doch eine Bewegung zu bemerken, und Ihr Buch hat rasenden Absatz in den Kreisen gefunden.“369

So wusste sich Chamberlain in der Sache einig mit Wilhelm II. und zeigte sich rundum zufrieden: Besonders beglückt habe ihn, so schrieb er nach Potsdam, wie der Kaiser in seiner Ansprache das „nie auszudenkende Wort Goethes […] zu weltgeschichtlicher Bedeutung erhoben“ hatte370 – gemeint war das Diktum von äußerlicher Beschränkung und innerlicher Grenzenlosigkeit, das der Brite in den „Grundlagen“ als „äusserlich begrenzt, innerlich grenzenlos“371 vorgestellt hatte, um den germanischen Staat zu beschreiben. Der Monarch wiederum hatte dieses Bild offenbar von seinem gelehrten Freund übernommen, und es ist gut möglich, dass die von Wilhelm herangezogene Metapher von der absterbenden Aloe ebenfalls auf Chamberlain zurückging, der zur Erläuterung seiner Thesen gern auf Beispiele aus seinem einstigen Fachgebiet, der Botanik, zurückgriff.372

Auch eine zweite Ansprache, die der Kaiser im November 1902 zur Eröffnung der „Oberlausitzer Gedenkhalle“ in Görlitz hielt, trug eindeutig die Spuren von Chamberlains Einflüsterungen. Dort erläuterte Wilhelm II. seinem Auditorium, dass die Herausforderungen der Gegenwart neue Denkweisen erforderten, um das soeben angebrochene Jahrhundert durch wissenschaftliche Forschung, Organisation und Disziplin positiv zu gestalten: „Die Freiheit für das einzelne Individuum, der Drang zur Individualität, der unserm Stamme innewohnt, ist bedingt durch die Unterordnung unter das Ganze zum Wohle des Ganzen.“ Erst wenn diese Einsicht verinnerlicht sei, werde das, was er in Aachen nur habe andeuten können, „Wirklichkeit und Wahrheit“: Ein Deutschland, „äußerlich begrenzt, innerlich unbegrenzt.“373

Zu dem schon aus Aachen bekannten Motiv gesellte sich hier nun Chamberlains vermeintlich germanischer Freiheitsbegriff, der in den „Grundlagen“ mit dem Begriffspaar von „Freiheit und Treue“ abgebildet war: Freiheitsdrang als Grundlage zur individuellen Entfaltung wie zur Schaffung eines Gemeinwesens ging demnach einher mit der „eigenartige[n] germanische[n] Treue gegen den aus freier Entschliessung, eigenmächtig erwählten Herrn“.374 Es war dieser Gedanke, der seinen Widerhall am Ende der Rede fand, als Wilhelm unter plötzlicher und unvermittelter Einbeziehung der religiösen Frage bemerkte: „Freiheit für das Denken, Freiheit in der Weiterbildung der Religion und Freiheit für unsere wissenschaftliche Forschung, das ist die Freiheit, die Ich dem deutschen Volke wünsche und ihm erkämpfen möchte, aber nicht die Freiheit, sich nach Belieben schlecht regieren zu lassen.“375 Die Basis dieses Freiheitsbegriffs – die rassisch prädisponierte Fähigkeit zum Herrschen376 wie die gleichzeitige instinktive Unterscheidung und Bekämpfung alles „Fremden“377 – ließ der Monarch hier wohlweislich unerwähnt.

Man darf annehmen, dass Chamberlain sich über den außergewöhnlichen Erfolg seiner Beratertätigkeit gefreut haben dürfte, zumal der Kaiser sich persönlich für die Vorlage dankbar zeigte: „Innigen und herzlichen Dank für Ihren Brief und die Beilage. Ich habe beide sorgfältig und öfters durchstudiert und darüber nachgedacht“,378 schrieb Wilhelm nach Wien. Auch habe er die „Hauptpunkte, unsere Zukunft, ihre Aufgaben betreffend, […] als Programm in Görlitz ‚point blanc‘, wie der Brite sagt, unter die Zuhörer gefeuert.“379 Die Rede sei in der Öffentlichkeit auch gut angekommen, nur „die Orthodoxie von rechts und links grollte! Sie hat einen argen Schreck über die ‚Weiterbildung der Religion‘ bekommen und kaut seitdem an dem Ausdruck herum, ohne ihn verstehen zu wollen oder zu können. Möge das Samenkorn Frucht bringen.“380

Auch in einer dritten Angelegenheit lieferte Chamberlain die Stichworte: Im Januar 1903, wenige Wochen nach der Görlitzer Rede, trat der „Babel-Bibel-Streit“ in eine neue Runde, als Friedrich Delitzsch mit einem zweiten Vortrag vor großem Publikum und in Anwesenheit des Kaisers die Debatte anheizte und, vereinfacht gesprochen, behauptete, die hebräische Bibel sei so stark von der überlegenen babylonischen Kultur beeinflusst, dass die christliche Religion das Alte Testament in Zukunft besser ausschließen sollte.381 Auch wenn er mit diesem Vorschlag ganz auf der Linie Chamberlains lag, so konnte der Brite Delitzschs Argument von der angeblichen babylonischen Überlegenheit nicht zustimmen.

Abb. 16
Abb. 16

Wilhelm II. (vorderste Reihe rechts) bei der Einweihung der Oberlausitzer Gedenkhalle in Görlitz, 28. November 1902.

In gewisser Weise hatte Delitzsch mit seinem von der „Deutschen Orientgesellschaft“ veranstalteten Vortrag den kaiserlichen Aufruf zur „Weiterentwicklung der Religion“ angenommen382 und in eine Richtung getrieben, die auch dem Monarchen nicht unsympathisch gewesen sein dürfte. Allerdings musste Wilhelm II. in seiner Eigenschaft als „summus episcopus“, als Oberhaupt der preußischen Landeskirche, auf die Einheit der Gläubigen bedacht sein, die mit derartig radikalen Vorschlägen nicht zu erreichen war. Als sich mit Admiral Friedrich Hollmann der stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft an ihn wandte, um die Freigabe für den Abdruck des Vortrags zu erhalten, nutzte Wilhelm deshalb die Gelegenheit, um in der angespannten Lage ein Machtwort zu sprechen.

In einem Brief an Hollmann rügte der Monarch, dass Delitzsch „den Standpunkt des strengen Historikers und Assyriologen“ verlassen und „theologisch-religiöse Schlüsse und Hypothesen“ formuliert habe, „welche doch recht nebelhaft oder gewagt waren.“383 Das Alte Testament sei zweifelsohne in weiten Teilen eine Sammlung menschengemachter Geschichten und nicht Gottes Wort – es müsse deshalb auch „unter der Forschung und den Inschriften und Grabungen sich entschieden wesentlich ändern“, nicht zuletzt, weil dadurch „viel vom Nimbus des auserwählten Volkes verloren“ ginge.384 Als äußere Form zur Erhaltung und Weitergabe christlicher Religion sei es allerdings nicht auszuscheiden, sondern in dieser reformierten und bereinigten Form zu erhalten.

Wesentliche Passagen dieses umgehend in der Presse verbreiteten Briefes waren, dies haben bereits andere Autoren detailliert herausgearbeitet, bis hinunter auf die wörtliche Ebene Übernahmen aus der Korrespondenz des Kaisers mit Chamberlain – auf die Details kann hier mit dem Verweis auf diese vorangegangenen Studien verzichtet werden.385 Zudem hatte der Brite seine Kritik an Delitzsch im Zwiegespräch mit Wilhelm II. noch einmal verschärft und geschrieben: „Wir modernen Germanen – die Menschen, in deren Namen ich in den ‚Grundlagen‘ rede, wir sind nicht unreligiös oder gar antireligiös“, sondern kämpften für eine moderne, den spezifisch germanischen Anforderungen genügende Religion. Delitzsch dagegen sei „so ein hochmütiger Professor mit seinen Fetzen an Spezialgelehrsamkeit, der ohne Kenntnis des Menschenherzens, ohne das geringste Verständnis für die Bedürfnisse bestimmter Rassen, einfach von seinem drei Stufen hohen Katheder aus die unaussprechlichen Weisheiten der Religion […] für null und nichtig zu erklären unternimmt.“386

Auch dieses Mal zeigte sich der Kaiser dankbar für die Unterstützung: Chamberlains Schreiben habe „wie ein Retter in der Not“ gewirkt und dabei geholfen, „Delitzsch einerseits für seinen Fleiß Anerkennung auszusprechen, sodann ihn freundschaftlich, aber bestimmt in seine Grenzen zurückzuweisen“ und „für ihn und alle anderen Menschen meine Auffassungen und Standpunkte klar darzustellen. […] Da kam nun Ihr Brief like a revelation!“387 Nach „mehrfache[m] Durchstudieren“ des Schreibens hatte der Kaiser schließlich die schwierige Aufgabe lösen können und dankte nun seinem „geistigen Geburtshelfer“ mit der Übersendung der Epistel: „Ich muß dabei aber um Verzeihung bitten, wenn Ihnen beim Lesen Anklänge vorkommen sollten, welche Ihnen bekannt erscheinen!“388

Derart umworben, nutzte der Brite die Gunst der Stunde für einen weiteren ausführlichen Brief. Diplomatisch bediente er Wilhelms Eitelkeit und redete seine eigene Mitarbeiterschaft klein, nur um dann noch einmal zu weit ausholenden Überlegungen anzusetzen und zugleich Kritik am Monarchen zu üben: Dieser habe das Alte Testament falsch interpretiert, bemängelte Chamberlain und ließ diesem Vorwurf seitenlange Ausführungen zu verschiedenen Aspekten des Problems folgen.389 Insgesamt, so lautete sein schulmeisterhaftes Urteil, wäre dem Brief an Hollmann „eine wuchtigere Einheitlichkeit in der Behandlung des Alten Testaments zustatten gekommen.“390

„Man kann nur staunen, was Chamberlain sich mit diesem Brief gegenüber dem Kaiser herausnahm“,391 bemerkt zutreffend Udo Bermbach in seiner Chamberlain-Biographie. Man staunt noch mehr, wenn man das bislang unbeachtet gebliebene handschriftliche Manuskript zu Rate zieht und sieht, was Chamberlain ursprünglich hatte sagen wollen, dann aber offenbar als zu kühn und zu undiplomatisch empfunden und wieder gestrichen hatte:

Und so muss ich bekennen“, heißt es da, „dass während ich die ernsten Mahnworte an D[elitzsch, S.F.] las, und zwar mit inniger Freude darüber, denn die Zeit war dazu reif, ich doch den Eindruck hatte, als stehe Eure Majestät noch unter dem Einfluss dieses unheilvollen Mannes, dessen Bestimmung es zu sein scheint, überallhin babylonische Verwirrung anzustiften und uns Germanen in unserem heissen Ringen nach Klarheit und Besinnung, in unserem Ringen nach reiner Luft, nach ganz nur auf den Höhen wehender Luft, aus der wir seit so vielen Jahrhunderten durch unsere parasitären Tyrannen, unsere Geistesvergifter verbannt sind – als wäre er bestimmt, uns die Wege dahin, die heute vor uns aufzudämmern beginnen, zu versperren, zu verzaubern, damit wir im Kreise uns drehen, nicht hinaus- und hinauffinden, und schliesslich uns dumpf in unser Schicksal fügen.392

Hier zeigte sich nicht nur, wie unauflöslich Chamberlains Religionsverständnis an seine Rassevorstellungen und an seinen Judenhass gebunden war, sondern auch, welche Distanz er dem Kaiser gegenüber einzunehmen in der Lage war, dem er hier vorwarf, wie Delitzsch im Bann der „mirage sémitique“ zu stehen – nur um dann zu entscheiden, dass die Eitelkeit des Monarchen eine solche Kritik aus der Feder seines weltanschaulichen Beraters nicht zuließ und deshalb der Selbstzensur zum Opfer zu fallen hatte.393

Eine andere Passage allerdings war Chamberlain offenbar so wichtig, dass er sich nicht entschließen konnte sie zu streichen. In seinem Brief an Hollmann hatte der Kaiser zur Verdeutlichung seines Standpunktes eine Art Glaubensbekenntnis formuliert und geschrieben: „a) ich glaube an Einen, Einigen Gott. b) wir Menschen brauchen, um zu lehren, eine Form, zumal für unsere Kinder. c) Diese Form ist bisher das Alte Testament in seiner jetzigen Überlieferung gewesen. Diese Form wird unter der Forschung und den Inschriften und Grabungen sich entschieden wesentlich ändern“.394 Dieses Bekenntnis griff Chamberlain auf und formulierte einen Gegenentwurf, dessen Präsentation er damit einleitete, dass er an die von ihm selbst eingeführte Rollenverteilung in „indoarischen König“ und seinen „Denker“ erinnerte: „Vielleicht“, so begann er, „darf ich auf eine so ehrwürdige Tradition bauen, um Euer Majestät mitzuteilen, wie ich […] ein solches zusammenfassendes Glaubensbekenntnis mir für meine Person etwa dächte? Ich bitte es gleichsam als Gegengabe des Denkers an den König aufnehmen zu wollen.“395

1. Ich glaube an Jesus Christus.

2. Ich glaube, daß in ihm alles, was uns Sterblichen von dem unerforschlichen Geheimnis des Göttlichen zugänglich ist, Gestalt gefunden hat. Daß Gott ist und was Gott ist, weiß ich durch ihn allein.

3. Aus Christi Leben und aus seinem Tode erhoffe ich für mich und alle, durch Gottesgnade, die Erlösung.

4. Ich erkenne keine Kultur als gleichberechtigt an, die nicht Gott in Christus verehrt; die Feinde Christi sind meine Feinde; ich will nicht erlauben, daß sie meine Kinder erziehen, meine Jünglinge ausbilden, meinen Staat mitregieren, die christliche Kultur durchseuchen; zwar erkenne ich es als eine Pflicht der Menschlichkeit an, sie zu dulden, ihre antichristlichen Bestrebungen aber will ich mit Wort und Tat und, wo es nottut, mit Gesetz und Schwert bekämpfen; für Christus will ich mein Leben geben.396

Waren die ersten drei Punkte der Kern von Chamberlains religiösen Überzeugungen – hier freilich ohne Explizierung der „rassischen“ Basis –, übersetzte der vierte Punkt das Religiöse in die weltliche Sphäre und war nichts weniger als ein erneuter Frontalangriff auf die Juden in Deutschland und deren rechtliche Gleichstellung. Auf welch unsicherem Grund das Bekenntnis zu deren „Duldung“ als „Pflicht der Menschlichkeit“ stand, hatte er mit seiner als Notiz festgehaltenen Vernichtungsphantasie bewiesen: „Aufrichtig gesprochen: ich fände es nicht besonders beklagenswerth, wenn sie eines Tages sammt und sonders erwürgt u. so von der Oberfläche dieses Planeten ausgewischt würden“.397 Die Tatsache, dass er sich überhaupt dazu verpflichtet fühlte, die bloße Duldung der Juden in der menschlichen Gemeinschaft als notwendige Pflichterfüllung zu betonen, lässt erahnen, wie dicht unter der Oberfläche bildungsbürgerlicher Mäßigung der blanke Hass arbeitete.

Chamberlains Rolle als Wilhelms Einflüsterer bemerkten auch einige aufmerksame Zeitungskorrespondenten im In- und Ausland, die diesen Konnex in ihren Blättern besorgt thematisierten.398 Auch im „Berliner Tageblatt“ regte sich die Kritik in Gestalt des Religionswissenschaftlers Theodor Kappstein, der den Einfluss des Briten in einen Zusammenhang mit dessen Publikationen stellte. Wegen ihrer Klarheit im Urteil soll diese Wortmeldung etwas ausführlicher zitiert werden.

Nicht ohne Zögern nenne ich als eine weitere Quelle des Kaisers neben Lessing H.St. Chamberlain mit seiner Rassentheorie und dem Germanenchristentum. Man konnte schon bisher nicht ohne eine gewisse Besorgnis dem geistreichen Verfasser der ‚Grundlagen des 19. Jahrhunderts‘ bei seinem Bemühen zuschauen, alle Wissensgebiete in sich hineinzuziehen und mit der dem Laien nun einmal eigentümlichen Ungeniertheit zu beurteilen. […] Wer Chamberlains Vorrede zur neuesten Auflage seiner ‚Grundlagen‘ gelesen hat, dem müßte das Blut zu Kopfe steigen: Herr Chamberlain, der Wagner-Biograph und Kulturessayist geht […] mit Fr. Delitzsch, den er vor seinen Richterstuhl citiert, plaudernd assyrisch-babylonische Sprachwurzeln durch und bedenkt den Gelehrten dabei mit Vorwürfen, von denen man wirklich sagen kann: Das ist gerempelt. Als Delitzsch gegen den unberufenen Kritiker vorgehen wollte, haben ihm, wie er mir vor einigen Monaten persönlich erzählte, seine Universitätskollegen freundschaftlich davon abgeraten – denn niemand von ihnen nehme Herrn Chamberlain ernst. Es ist mir nicht zweifelhaft, daß an der Frontveränderung des Kaisers, die sich seit jenem ersten Delitzsch-Abend, […] vollzogen hat, dieses absprechende ‚Vorwort‘ des Wiener Dilettanten mitgewirkt hat. Auf Chamberlains Konto kommen auch die kaiserlichen Unfreundlichkeiten gegen das jüdische Volk in der Hollmann-Epistel.399

Der so Attackierte zeigte sich erfreut darüber, dass man seine Mitarbeit bemerkt hatte: Das „Berliner Tagblatt“, schrieb Chamberlain an seinen Freund Brockdorff-Rantzau, habe „Au weih! geschrieen [sic!] über die Beleidigung des auserwählten Volkes in dem Hollmannb[rie]f u. gesagt, das wäre die Schuld des HSC“.400 Auch die kolportierte Bemerkung von Delitzsch erheiterte ihn, denn es handele sich ja ohnehin um eine Erfindung des Journalisten: „D. ist wohl doch zu dumm, um sich das selber ausgedacht zu haben?“401

Zugleich diente dieses Schreiben an den Freund auch der Übermittlung seines Dankes, da der Brite Brockdorff-Rantzaus Hilfe in Anspruch genommen hatte. Auf den adligen Diplomaten war sogar der Rückgriff auf die Figuration des arischen Königs und seines Denkers zurückzuführen. „Das“, so schrieb selbst Chamberlains Frau Anna ganz begeistert, „war eine so feine Anlehnung, dass ich mein Entzücken darüber gar nicht genug äussern konnte; und nun höre ich, das war Ihr Einfall – […] Glück auf zur diplomatischen Weisheit!“402 Der später oft hervorgehobene diplomatische Ton von Chamberlains Briefen an den Kaiser, er hatte zum guten Teil seinen Ursprung darin, dass der Autor sich einen echten Diplomaten an die Seite gestellt hatte, der sich aktiv einbrachte und nicht nur, wie Eulenburg, die Vermittlung an den Hof mit salbungsvollen Worten begleitete.403

Brockdorff-Rantzau war es auch, der ein drittes und letztes Treffen mit Wilhelm II. im September 1903 arrangierte. Der Freund war mittlerweile zu Chamberlains wichtigstem Verbindungsmann an den Kaiserhof avanciert, nachdem sich Fürst Eulenburg im Jahr zuvor aus dem diplomatischen Dienst zurückgezogen hatte. Als der Monarch anlässlich eines Besuches beim österreichischen Kaiser Franz Joseph I. in Wien weilte und Audienz hielt, gelang es Brockdorff-Rantzau, für Chamberlain einen der raren Termine zu ergattern.

Ernste Themen hatten Wilhelm II. nach Wien geführt: Das Deutsche Reich drohte international in die Isolation gedrängt zu werden und es galt sicherzustellen, dass Österreich-Ungarn weiter zu den Verbündeten zählte und nicht an Russland heranrückte – auch wenn man in Potsdam und Berlin mit Sorge die Möglichkeit in Betracht zog, dass der Habsburger Vielvölkerstaat allzu schnell zerbrechen könnte. So diente der Besuch Wilhelms beim greisen Franz Joseph nicht zuletzt der Demonstration alliierter Bündnistreue in einer Situation zunehmender außenpolitischer Spannungen in Europa.404 Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass Chamberlain überhaupt eine Audienz eingeräumt wurde, zumal seine Wirkung auf den Kaiser bereits Gegenstand von öffentlichen Spekulationen und Kritik geworden war. Doch der Monarch zeigte sich davon unbeeindruckt und so spiegelte das Zusammentreffen vor allem die Wertschätzung, die der Kaiser seinem „Denker“ noch immer entgegenbrachte.

Chamberlain war, instruiert von Brockdorff-Rantzau, am frühen Abend des 19. September 1903 in die Hofburg gekommen und hatte auf den verspäteten Monarchen warten müssen – zusammen mit dem österreich-ungarischen Außenminister Graf Goluchowski, der dem Briten wegen seiner polnischen Abkunft verhasst war. Als Wilhelm II. endlich erschien, so vermerkt das Tagebuch, begrüßte er seinen „Denker“ zunächst kurz mit Handschlag, widmete sich dann allerdings erst einmal „in einem nahegelegenen, abgeschlossenen Salon“ dem „fetten Goluchowski […] auf 5 Minuten“. Erst dann befahl er Chamberlain „25 Minuten“405 zu sich. Der notierte später, „sehr herzlich. I could hardly get a word in edgeways“, und dokumentierte dann die Gesprächsthemen:

Viel über einen semitischen Stamm in Innerafrika, der monotheistisch ist u. dessen Tradition dem jüdischen ungefähr gleicht – namentlich der Glaube, sie seien das auserwählte Volk u. die Erde gehöre ihnen infolgedessen rechtmässig; ‚so ungefähr wie die Engländer‘, bemerkte lachend der Kaiser. Dann auch viel von Delitzsch, von Harnack, von der Gottheit Christi. Sehr Hübsches über die letzte Begegnung mit Leo XIII., kurz vor seinem Tode; der Kaiser habe ihm ‚seitenweise‘ Gr[un]dlagen vordocirt u. ihm bewiesen, er – der Papst – sei der Imperator romanus, was den alten Herrn ganz nachdenklich gestimmt habe: ‚Oui, oui, peut-être vous avez raison!‘406

Auch über die Verbreitung der „Grundlagen“ wurde gesprochen: Der Kaiser sagte, so notierte Chamberlain, „er habe durch den Kultusminister anordnen lassen, dass das Werk in allen preuss. Lehrerseminaren nicht nur gehalten u. studirt, sondern dass auch die grossen Linien meiner historischen Darstellung beim Unterricht zu Grunde gelegt werden“407 – eine Anordnung, für die sich allerdings bislang keine Belege finden ließen, so dass es sich auch um eine Schmeichelei ohne echte Substanz gehandelt haben mag.408

Chamberlain und die „Deutsche Gedenkhalle“

Die Audienz in Wien war das letzte Mal, dass Chamberlain die Wirkung seiner Gedanken auf den Monarchen derart direkt überprüfen konnte. Doch auch wenn sich beide nie wieder persönlich begegneten, bedeutete dies nicht das Ende seines Einflusses auf den Kaiser, im Gegenteil: Im Oktober 1904 meldete sich Fürst Eulenburg brieflich aus Liebenberg und informierte den Briten in bestem Plauderton darüber, dass er erneut Gegenstand von Wilhelms Interesse geworden war. Dieses Mal ging es um ein monumentales Buchprojekt, das der Fürst zusammen mit dem als Herausgeber avisierten Julius von Pflugk-Harttung, Professor für Geschichte und seit 1892 Direktor des Geheimen Staatsarchivs in Berlin, vorbereitete. Bei der Publikation handelte es sich um die „Deutsche Gedenkhalle“,409 eine Sammlung von Aufsätzen über verschiedene Aspekte deutscher Geschichte, die der Nation eine historische Tradition und der Gelehrtenwelt eine Orientierung über die am Hof gepflegte kanonische Geschichtsauffassung geben sollte. „Alle Historiker und andere Fachgelehrte“, so schrieb Eulenburg, hätten sich darin versammelt, um „je ein Kapitel deutscher Geschichte zu schreiben“. Bei einer „eingehenden Besprechung“ mit dem Kaiser habe dieser mit Blick auf das Kapitel „Römer und Germanen“ ausgerufen: „Das kann nur Chamberlain schreiben!“410

Der aber wand sich, denn ein solch offiziöses, auf integrative Momente setzendes Werk erforderte einen Text, der die Germanen zwar als Tradition stiftendes Element zeichnete, dabei aber keinen Platz ließ für weltanschauliche Frontstellungen, für Rassen-Exkurse und die Inszenierung der jüdischen Bedrohung.411 Ganz fernbleiben wollte Chamberlain dem Projekt allerdings auch nicht, lockte doch immerhin ein Platz in einem mit prominenten Namen reich bestückten „Pantheon des deutschen Volkes“, wie ein Zeitungskritiker nach Erscheinen des Buches begeistert schrieb.412 Aus diesem Grund schlug er ein alternatives Thema vor, das leicht aus seinem eigenen aktuellen Großprojekt – einer umfangreichen Biographie Immanuel Kants, an deren Schlusskapitel er gerade schrieb – auszukoppeln war.413 Der Vorschlag verfing und Eulenburg zeigte sich telegraphisch „sehr einverstanden mit Kant“.414

Als der Text dem Kaiser im Februar 1905 zur Genehmigung vorgelegt wurde,415 bot er, neben einer anschaulichen Kurzeinführung in Kants „Kritik der reinen Vernunft“, vor allem zweierlei: die Inszenierung des Philosophen als überzeitliches Genie und die Wiederaufnahme zentraler Gedanken, die Chamberlain in der Korrespondenz mit dem Kaiser entwickelt hatte. Kant sei nicht einfach ein Kind seiner Zeit, sondern in seiner „erhabenen Persönlichkeit“ geradezu „eine die enggesteckten räumlichen und geschichtlichen Grenzen zersprengende Gewalt“416 – eine Variation auf den Typus des durch Vorsehung und Rasse hervorgebrachten Genies, den Chamberlain hier freilich nicht weiter explizite.

Kants Genialität, so belehrte er die Leser, habe die Grenzen seiner Zeit gesprengt, einer Periode der Verflachung von Kunst und Literatur, der „Humanitätsphrasen“, des „flachen, zynischen Materialismus“417 und der staatlichen Zersplitterung, die erst durch geniale Persönlichkeiten habe überwunden werden können: „der Denker in der Welt seiner Gedanken nicht minder als der Preußenkönig auf dem Throne.“418 Zu dieser altbekannten Figuration von Denker und Fürst traten, wenn auch nur in Andeutungen, weitere bekannte Themen hinzu: die Borniertheit der universitären Fachwissenschaft und die ungleich ergiebigere Leistung des umfassend interessierten, genialen Universalgelehrten; die Prägekraft der Naturwissenschaft und ihre notwendige Versöhnung mit der Religion „im Herzen des Menschen“;419 die Bedrohung der Wissenschaft durch eine Universalität anstrebende Religion420 und schließlich die lebensphilosophisch begründete Suche nach einem die Phänomene der Gegenwart erklärenden System, das nicht nach Ursachen fragte, sondern die Gegensätze harmonisierte.

Vor diesem Hintergrund überrascht es wenig, dass einige Passagen des Aufsatzes sich für Eingeweihte so lasen, als habe Chamberlain auf eine Wesensverwandtschaft zwischen sich selbst und Kant hinweisen wollen: „Was hat Kant gewollt?“, fragte er und antwortete mit einem Zitat: „Ich lehre die Stelle geziemend zu erfüllen, welche dem Menschen in der Schöpfung angewiesen ist, und aus der er lernen kann, was man sein muß, um ein Mensch zu sein.“421 Das traf auch auf den Briten zu, der mit seinem Rassedogma nicht weniger versuchte als den Deutschen aufzuzeigen, was sie sein mussten, um Germanen zu sein und ihrer vom Schicksal zugewiesenen Rolle gerecht zu werden. In einer offiziösen Publikation wie der „Gedenkhalle“ war der darin versteckte Appell an das Publikum nicht zu überhören.

Kurz darauf schrieb er, Platon und Kant hätten beide unbewusst und fast schon gegen ihren Willen eine Weltanschauung gestiftet: Ihre „Sittenlehre, ihre Gesellschaftslehre, ihre Religionslehre – das worauf es ihnen einzig ankommt […] – sie können es anderen nicht verkünden, wenn es nicht vorher gelungen ist, ihre neue Weltanschauung überzeugend mitzuteilen. […] Beide Männer werden unbewußt in den Dienst der Vorsehung genötigt; sie sterben, ohne das geleistet zu haben, was sie eigentlich hatten leisten wollen.“422 Für den aufmerksamen Leser, in jedem Fall aber für Wilhelm II., war dies der eindringliche Appell, sich nicht nur mit den Schriften Kants, sondern auch mit der neuen Weltanschauung des „Kulturphilosophen“ Chamberlain auseinanderzusetzen, um so die Entwicklung hin zu einem Zustand zu beschleunigen, in dem sich die noch fehlenden Teile konkretisieren ließen. Auch ohne dass er es hier expliziert hätte, dürfte dem Publikum klargeworden sein, was dies für den prominenten Autor voraussetzte: Die Anerkennung des Rassedogmas als Grundlage menschlichen Daseins und als kategorischer Imperativ der Deutschen.

Der Monarch war erwartungsgemäß zufrieden und telegraphierte aus Straßburg: „Ihren kleinen Auszug aus Ihrem Kantwerk, vom Winter her, habe ich meinen Herren und Damen vorgelesen, atemloser Spannung folgte begeisterte Zustimmung.“423 Dieses Lob dürfte Chamberlain beruhigt haben, stand er doch gerade im Begriff, durch seine Mitwirkung an dem Band in eine schwierige Situation zu geraten.

Fünf Tage vor der kaiserlichen Adresse hatte sich der Herausgeber des Buches, Julius von Pflugk-Harttung, an ihn gewandt, denn hinter den Kulissen brodelte es: Der Wiener Verleger Max Herzig, der die Publikation des Bandes besorgen sollte, hatte sich über Fürst Eulenburg geschickt zum Mitherausgeber aufgeschwungen und damit den Zorn Pflugk-Harttungs auf sich gezogen.424 Der zeigte sich überzeugt davon, dass der aus einer jüdischen Familie stammende Herzig die Manifestation der „ganzen Unverfrorenheit semitischen Geistes“425 sei und „das Wesen des Semitentums, welches Sie so wunderbar in Ihrem Buch schildern […] in ungewöhnlich drastischer Weise“426 offenbare. Auch Chamberlain, der Herzig bereits zuvor getroffen hatte, teilte dieses Urteil und befand, der Verleger sei eine „Verbrechernatur“,427 aufgrund von Eulenburgs Unterstützung aber nicht zu umgehen. Er selbst könne lediglich indirekt auf den Kaiser einwirken und rate ansonsten dazu, die Sache nicht weiter zu verfolgen.428 Damit ließ er es vorerst bewenden und hielt sich, erneut beraten von seinem umsichtigen Freund Brockdorff-Rantzau, aus den Weiterungen der Angelegenheit heraus.429

Stattdessen verfolgte er seine eigenen Pläne und hatte sich dazu im Januar 1904 an den Verleger der „Zukunft“, Maximilian Harden, gewandt. Mit diesem verband ihn, wie gezeigt, eine Arbeitsbeziehung, die bis in die Zeit der Anti-Praeger-Kampagne 1893 zurückreichte. Mittlerweile war das Verhältnis allerdings merklich abgekühlt, da Chamberlain bei Hardens Konkurrent Karl Kraus seine Attacken auf Mommsen und den Katholizismus veröffentlicht hatte – Aufsätze, die Harden selbst gern publiziert hätte. Doch alle seine Avancen waren unbeantwortet geblieben und auch die Vorwort-Broschüre war nicht bei ihm erschienen, eine Entwicklung, die der streitlustige Verleger 1902 mit einem Verriss der „Grundlagen“ in der „Zukunft“ abgestraft hatte.430

Chamberlain, der dies Spiel durchschaute, hatte sich daraufhin zwar mokiert, zugleich aber ein Friedensangebot in Form eines weiteren antikatholischen Artikels unterbreitet.431 Nun, im Januar 1904, bot er erneut einen Text an, dieses Mal unter dem Titel „Christus ein Germane“,432 der noch einmal die Kritik an den „Grundlagen“ aufgriff: Wortreich wandte er sich gegen die Gleichsetzung seiner Rassevorstellungen mit denen Gobineaus, indem er auf dessen unhaltbare Vorstellung einer „Urrasse“ hinwies und die „Wissenschaftlichkeit“ der eigenen Überlegungen unterstrich, bevor er sich dem Titelthema zuwandte: der vermeintlich ungerechten Umdeutung seiner These vom nicht-jüdischen Jesus zur Behauptung von Christus als einem „Germanen“. In endlosen Variationen bestritt er, eine solche Deutung auch nur insinuiert zu haben und bezichtigte jeden Rezensenten, der anderes behauptete, die „Mythen des Bildungspöbels“433 zu verbreiten und bewusst oder unbewusst „systematische Volksverblödung“434 zu betreiben.

Allen Beteiligten dürfte die Ironie dieses Verwirrspiels nicht verborgen geblieben sein: Hier wehrte sich ein Rassist und Antisemit gegen die Vereinfachung seiner Thesen durch das Publikum, die er mit seiner unbestimmten und widersprüchlichen Argumentation gezielt herbeigeführt hatte. Jeder gutmütige Leser der „Grundlagen“ musste, wie weiter oben gezeigt, Jesus für einen „Arier“ oder „Germanen“ halten – zwei Begriffe, die ebenfalls derart unbestimmt geblieben waren, dass sie leicht in eins fallen konnten –, und nur wer mit Gobineaus Thesen bekannt war, konnte die Unterschiede zu Chamberlains Rassentheorie erkennen. All dies spielte sich ab unter dem effektheischenden Titel „Christus ein Germane“, in einer Zeitschrift, deren Verleger ein zum Christentum konvertierter Jude war. Chamberlain, so steht zu vermuten, dürfte äußerst amüsiert gewesen sein – zumal er einige Energie aufgewendet hatte, um den Text für Blatt und Leserschaft anschlussfähig zu machen: „Soeben habe ich die Korrekturen zu einem kleinen satirischen Aufsatz ‚Christus ein Germane‘ gelesen u. zurückgeschickt, der nächstens in Hardens Zukunft erscheinen wird“, schrieb er seinem Verleger Bruckmann. „Ich war sehr vorsichtig und habe Niemanden angegriffen […] Die Polemik ist darauf abgesehen, nur zu nützen, nicht zu schaden. – Auf die Rassenfrage selbst konnte ich nicht eingehen, sonst wäre der Artikel zu lang geworden. Das kommt ein andres Mal.“435

6. „Arische Weltanschauung“

Diese Wiederannäherung an Harden folgte ganz offensichtlich der strategischen Erwägung, mit der „Zukunft“ ein Blatt zur Verfügung zu haben, das im Kampf gegen die vermeintlich jüdisch-katholische Allianz von Nutzen sein konnte. Umso größer dürfte die Enttäuschung gewesen sein, als er sich schon kurz darauf gezwungen sah, erneut auf Distanz zu dem Publizisten zu gehen. Denn im Verlauf des Jahres 1904 nahm die Gedenkhallen-Angelegenheit eine unerwartete Wendung: Anlässlich der Verleihung eines kaiserlichen Ordens an Eulenburg entstand in der Öffentlichkeit der Eindruck, dass es sich dabei um den völlig überzogenen Dank des Monarchen für das teure Prestige-Projekt handelte436 – eine Interpretation, die Harden befeuerte, indem er das Projekt genussvoll mit den verschrobenen Künstlerattitüden Eulenburgs vermengte: „Phili“, so schrieb er boshaft unter Einsatz von Wilhelms Kosenamen für den fürstlichen Freund, „hat sich wieder ‚betätigt‘. Diesmal sind’s nicht Skaldengesänge oder Methlieder […], sondern ein Prachtwerk, das Wilhelm den Zweiten und andere dem Schwärmerauge groß scheinende Männer verherrlicht.“437

Dies war freilich nur der Auftakt einer größeren Pressekampagne gegen Eulenburg, die bald zum nationalen Skandal führte: Im November 1906 machte Harden die Homosexualität Eulenburgs und anderer Mitglieder des „Liebenberger Kreises“ öffentlich und sorgte zugleich dafür, dass das Publikum plastische Eindrücke der erotisch aufgeladenen Zusammenkünfte auf Schloss Liebenberg erhielt. Diese Zerstörung von Eulenburgs politischer Existenz zielte freilich zuvörderst auf den Kaiser, der nun als schwacher Herrscher desavouiert war – manipuliert durch eine aus dem Verborgenen heraus agierende Kamarilla mit zweifelhaften Zielen, die ihn abschirmte und so insgeheim die deutsche Politik steuerte.438

Angesichts dieser Attacken auf seinen kaiserlichen Gönner musste Chamberlain von jeder weiteren Zusammenarbeit mit Harden absehen – eine unvorhergesehene Entwicklung, die insbesondere deshalb ärgerlich war, weil der Brite eine neue Publikation vorbereitete und die „Zukunft“ gut als Werbefläche hätte gebrauchen können.439 Dabei handelte es sich um das im Berliner Verlag „Bard, Marquardt & Co.“ veröffentlichte Buch „Arische Weltanschauung“, ein kleiner Band von knapp 90 Seiten in Klein-Oktav.440 Er erschien als erster Beitrag der vom Verlag neu begründeten Reihe „Die Kultur“, welche von dem prominenten Architekten, Kunsthistoriker und umtriebigen Kulturpublizisten Cornelius Gurlitt herausgeben wurde.441

Wie der Kontakt zu Gurlitt zustande kam, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, möglicherweise erfolgte die Anbahnung über dessen Bruder Ludwig, ein völkisch orientierter Reformpädagoge und Buchautor, mit dem Chamberlain seit 1903 brieflich verkehrte.442 Die ungewöhnliche Wahl des Verlags – schließlich veröffentlichte der Brite sonst ausschließlich bei Bruckmann in München –, war wohl dieser Beziehung geschuldet, da Chamberlain die Berliner eigentlich politisch wie weltanschaulich für ungeeignet hielt und deshalb auch dafür sorgte, dass die späteren Auflagen des Buches bei Bruckmann erschienen.443

Schon im Vorwort machte der Autor die Stoßrichtung des Bandes klar: Mit der Bezeichnung „arisch“, so schrieb er, wolle er keine „Urrasse“ benannt wissen, sondern das Volk, „das vor etlichen Jahrtausenden von der zentralasiatischen Hochebene in die Täler des Indus und des Ganges hinabstieg und sich dort lange Zeit hindurch mittels strenger Kastengesetze von der Vermischung mit fremden Rassen rein erhielt. Dieses Volk nannte sich selbst das Volk der Arier, d.h. der Edlen oder der Herren.“444

Bedenkt man den Entstehungszusammenhang, so zeigt sich recht deutlich, dass die „Arische Weltanschauung“ als Gegenstück zu den „Worten Christi“ fungierte: Dort war es vor allem darum gegangen, die Worte des Vertreters der „neuen Menschenart“ zu erspüren, von Verfälschungen zu befreien und die Basis zu legen für ein neues Christentum. Hier nun ging es um die weltliche Ergänzung, darum, das Denken der Indoarier in vermeintlich unverfälschter Form sichtbar zu machen, um die Basis für eine Weltanschauung zu schaffen, in der Philosophie und Religion nicht mehr in Konkurrenz standen, sondern miteinander verschmolzen. Dass dies nur auf fester „rassischer“ Grundlage und unter reinlicher Scheidung von allem „Semitischen“ gelingen konnte, verstand sich von selbst.

An den Beginn seiner Ausführungen stellte Chamberlain wissenschaftliche Erörterungen: Er diskutierte Forschungsbeiträge, empfahl Literatur und gab eine Einführung in die rund einhundertjährige Geschichte der Indologie als Wissenschaft, wobei er ihrem Doyen, Paul Deussen – der Brite stand mit ihm in Korrespondenz –, ein fast schon hagiographisches Kapitel widmete.445 Damit freilich stellte er nicht nur seine Beschlagenheit im Thema unter Beweis, sondern formulierte implizit auch den Anspruch einer Intervention in diese Wissenschaft: Deren Exponenten müssten einsehen, dass es sich bei altindischer Literatur und Philosophie um die Hinterlassenschaft nicht einfach einer vergangenen Kultur, sondern vor allem einer untergegangenen Rasse handelte, die für die „Germanen“ der Gegenwart Vorbildcharakter haben sollte.446

Dieser Vorbildcharakter trat deutlich in den vermeintlichen „Eigenschaften des arischen Denkens“ hervor, die der Autor wie Merksätze formulierte. Demnach sei dieses Denken 1. „ein rein-arisches, von fremden Einflüssen (in seiner Glanzzeit und auch in den besten Erzeugnissen einer späteren Zeit) völlig unberührtes“;447 es sei 2. „das Denken eines ganzen Volkes, Jahrhunderte hindurch fortgesetzt“ und wachse „darum aus tiefreichenden Lebenswurzeln“, so dass 3. „das Element der individuellen Willkür – sonst beim Denker so mächtig – […] hier auf ein Geringes herabgesetzt“ sei. Insgesamt sei es „darum zwar wenig systematisch, dafür aber durchaus organisch“ und erreiche, da in einem rassisch besonders rein gehaltenen „Volk“ wurzelnd, eine intellektuelle Meisterschaft, die stets „organisch“ bleibe – die also das Gleichgewicht hielt zwischen unübersichtlichem Detailwissen und übersichtlicher Gesamtschau, zwischen negativer „Zergliederung“ und positiver Synthese. Dies war – und, so ließe sich etwas polemisch formulieren, ist vielleicht bis heute – der esoterische Traum aller von den Herausforderungen der jeweiligen „Moderne“ Überforderten.

Mit Blick auf Chamberlains weitere Argumentation genügt es, den Gedankengang in groben Strichen anzudeuten, denn alle wesentlichen Aspekte waren bereits in den „Grundlagen“ angelegt und wurden hier nur in aktualisierter und explizierter Form dem Publikum vorgelegt. So lag es etwa nahe, dass der Brite seinen Merksätzen ein Kapitel zur „Rassereinheit“ folgen ließ, in welchem es bezeichnenderweise zunächst um die drohende „Unreinheit“ durch die „merkwürdige Menschenart“ der „Semiten“ ging.448 Demnach war der gutgläubige „Indoeuropäer“ sich selbst entfremdet worden durch den „jüdischen Halbsemit[en]“;449 schuf „der Jude“ durch die „Gewalt seines Willens […] die Verknüpfung zu einer geschlossenen internationalen Nation“;450 drohte allerorten die rassische Degeneration und mit ihr die Tendenz zu „relativer geistiger Beschränktheit“ bei gleichzeitiger Zunahme „namentlich geschlechtlicher Kraft“;451 und blieb als Reaktion nur der „Kampf um das eigene Dasein“,452 für dessen Erfolg die Germanen sich ihrer Eigenart bewusst werden mussten: „Das“, so schloss Chamberlain im Rückgriff auf Richard Wagners Schrift „Erkenne dich selbst“, „wird uns helfen, uns selbst zu erkennen und das wirklich Eigene von dem Aufgedrungenen und Aufgepropften und Eingetrichterten und auch von dem Verfälschten rein zu scheiden.“453

War damit die grundsätzliche Frontstellung benannt, ging es nun darum, diejenigen Teile „arischen“ Denkens zu extrahieren, die den „Germanen“ bei ihrer Selbstfindung helfen konnten: Der Buddhismus etwa sei „unarisch“, führte Chamberlain überraschend aus – ein Urteil, das erklärlich wird, wenn man berücksichtigt, dass der sich langsam ausbreitende Buddhismus am Beginn des 20. Jahrhunderts zur Provokation nicht nur für die protestantische Mehrheitsgesellschaft geworden war, sondern auch für alle religiösen Reformvorstellungen, die auf dem Protestantismus basierten.454 Die Aussonderung dieser Religion aus dem Kanon „arischen“ Denkens war für Chamberlain deshalb geradezu ein Akt der Selbstverteidigung, um seinen Entwurf von buddhistisch-lebensreformerischen Einflüssen freizuhalten. Die Abwehr erfolgte deshalb so kategorisch wie möglich: Der „Arier“ Buddha sei ein „Abtrünniger“ gewesen, dessen Irrlehre, getragen von „nichtarischen Elementen“, das zum Erhalt der Rassereinheit geschaffene Kastensystem untergraben und damit die Indoarier der „Rassenvermischung mit nichtarischen Völkern“ preisgegeben habe. „Wie eine Pest verbreitete sich diese den religiösen Überlieferungen des Volkes feindliche Lehre über ganz Indien“, polterte Chamberlain und fuhr fort: „Zuletzt aber raffte sich der sieche Arier auf und warf den Feind hinaus; in Indien gibt es seit Jahrhunderten keinen Buddhismus mehr“.455

Damit war der Übergang geschaffen, um sich in den folgenden Kapiteln der strukturellen Bedingungen des „arischen Denkens“ anzunehmen, also insbesondere seines in den Merksätzen bereits angeklungenen organischen Charakters: Es sei „aus der metaphysischen Tätigkeit eines ganzen Volkes organisch heraus[gewachsen]“456 und habe in den Brahmanen lediglich seine professionellen Vertreter gefunden. „Die Denker von Beruf (d.h. die Brahmanen) bildeten die höchste Kaste; der stolzeste Monarch stieg von seinem Thron herab, um einen berühmten Denker zu bewillkommnen; […] Das Denken wurde als materiell und moralisch von dem gesamten Volk gefördert“.457 Solche Vorstellungen waren ebenso vom Idealismus wie von der Bayreuther „Kunstreligion“ beeinflusst und machten außerdem noch einmal deutlich, welche Stellung Chamberlain sich gegenüber Wilhelm II. anmaßte.

Erst in einem derartig „organischen“ Denken konnten schließlich Religion und Philosophie miteinander verschmelzen. Diese Amalgamierung, schrieb Chamberlain, ermögliche „etwas, wovon wir mit Schmerz gestehen müssen, dass es unserer Kultur fast ganz abgeht: kein Mann stand in Indien geistig so tief, dass er nicht etwas Philosophie besessen hätte, kein kühner Flügelschlag des Denkens erhob den außerordentlich Begabten so hoch, dass er nicht noch inbrünstig ‚religiös‘ geblieben wäre.“458 Deshalb waren die „Arier“, anders als etwa hellenische Denker, nicht auf formale Logik angewiesen, sondern gaben sich „in dem Sinne […] alogisch, daß die Logik das Denken nicht beherrscht, sondern ihm nur, wo es Not tut, dient.“459 Dies war zugleich Glaubenssatz wie praktische Immunisierung gegen jede Kritik an Chamberlains Kurz- und Zirkelschlüssen: Logik galt nur, wenn sie der eigenen Argumentation förderlich war – der Rest war „organisch“.

Die Vermischung des „organisch-arischen“ Denkens mit dem von semitischen Einflüssen gereinigten Christentum schließlich ließ gar auf eine Weiterentwicklung hoffen. „Christus“, postulierte der Autor, „hat uns etwas gegeben, was das ganze altarische Denken zu geben unfähig gewesen wäre“, nämlich, das „lebendige Beispiel“, die Übersetzung von Weltanschauung in die Realität durch eine „heitere, unbefangene, vertrauensinnige“, dem Diesseits zugewandte Glaubenslehre: Nicht Religion durch „arisches Denken“ zu überwinden war das Ziel, sondern durch die „Schule des indischen Denkens […] ein reineres, freieres, erhabeneres und infolgedessen auch würdigeres Verhältnis zu Jesus Christus anzubahnen.“460

Die „arische Weltanschauung“ erwies sich damit als der Versuch, in komprimierter und für ein Laienpublikum leicht zu konsumierender Weise Religion, Philosophie und Wissenschaft so miteinander zu versöhnen, wie Chamberlain es in den „Grundlagen“ – wenn auch in weniger kompakter Form – bereits angedeutet hatte. Den „größten unmittelbaren Einfluss“ erhoffte sich der Autor deshalb auch „für jenen Kern unseres Wesens, aus welchem die gesamte Weltanschauung – das heißt alles, was man unter den Begriffen Religion und Philosophie versteht – ausströmt; hier muss Kern auf Kern wirken, uns aus der Schlaffheit zu neuem Leben erweckend.“ Hingegen sei „die Trennungsmauer, die unsere Kirchendoktoren so kunstreich zwischen Religion und wissenschaftlich aufrichtigem Denken aufgeführt haben“, einzureißen, bedeute sie doch „die Anerkennung einer offiziellen Lüge,“ die sich darauf gründe, „dass wir Indoeuropäer – dem religiösesten Menschenstamme der Erde angehörend – uns so tief erniedrigt haben, jüdische Historie als Grundlage und syroägyptische Magie als Krone unserer angeblichen ‚Religion‘ anzunehmen.“461

Vor diesem Hintergrund erscheint die von Udo Bermbach formulierte Deutung als wenig überzeugend, nach der es sich bei Chamberlains Buch vor allem um eine bildungsbeflissene Auseinandersetzung mit dem „Glauben und Denken jener altindischen Völker, die vor Jahrtausenden lebten“ gehandelt habe, „motiviert durch die „Hoffnung eines kulturellen Zugewinns“.462 Stattdessen war die Publikation ganz offenkundig ein Vehikel, um die zentralen Achsen des Rassedenkens noch einmal in neuer Variation dem Publikum von Gurlitts „Kultur“-Reihe vorzustellen: auf der einen Seite die Abhängigkeit aller Kultur von der „rassischen“ Zugehörigkeit ihrer Träger, die Gefahr der Degeneration hierarchisch höherer durch Vermischung mit minder entwickelten Rassen, die gegenseitige Bedingtheit von biologischen und geistigen Faktoren und die Notwendigkeit des Schutzes von „Rasse“ und Kultur vor „semitischen“ Einflüssen. Auf der anderen Seite stand die Besinnung auf verloren gegangenes Wissen, die Aufrichtung am Ideal, die Implementierung „rassisch“ kompatibler Denksysteme und ihre Weiterentwicklung durch eine Synthese mit dem praktischen, kämpferischen, ganz im Individuum statt in der Kirche wurzelnden Protestantismus, wie er angeblich die Germanen, den „religiösesten Menschenstamm der Erde“, auszeichnete.

Die appellative Wirkung seiner Ausführungen, der Ruf nach einem Innehalten und einer Kurskorrektur, ergab sich da von ganz allein, so dass Chamberlain sein Buch hoffnungsvoll beenden und formulieren konnte, er glaube „versichern zu können, daß wenigstens diejenigen unter uns, die es nicht verschmähten, Jünger der wahren Meister unseres Geschlechts zu sein, sehr ‚bald‘ sich in die besondere Art der arischen Weltanschauung hineinleben und dann empfinden werden, als seien sie in den Besitz eines bisher unrechtmäßig vorenthaltenen Eigentums getreten.“463 Dass dies nur und ausschließlich auf die „germanischen“ Deutschen zutraf, hatte Chamberlain zuvor klar gemacht, als er seinen Lesern diese „wahren Meister“ vor Augen geführt hatte. Die „Anerkennung einer moralischen Bedeutung der Welt“ sei ein „inneres Wissen“, das zum Glaubensbekenntnis „aller größten und echtesten Deutschen“ geworden sei: „von Herder und von Kant, von Goethe und von Schiller, von Beethoven und von Wagner, von Friedrich dem Großen und von Bismarck“.464 Damit war der Kreis geschlossen, waren Rasse, Kultur, Ideal und Macht miteinander verschmolzen.

Eine folgenreiche Bekanntschaft: Chamberlain und J.F. Lehmann

Chamberlains Kampf gegen „Rom“ und „Jerusalem“ blieb im Lager der politischen Rechten nicht unbemerkt, und so fand der Brite im Februar 1904, kurz vor Erscheinen der „Arischen Weltanschauung“, einen Brief von Julius Friedrich Lehmann in seiner Post – erfolgreicher Münchner Verleger und aufstrebender Medien-Manager der radikalen Rechten. Der begeisterte Chamberlain-Leser hatte sich als wichtiger publizistischer und organisatorischer Motor der „Los-von-Rom“-Bewegung in Deutschland betätigt465 und hoffte nun, den Star-Autor als Mitstreiter im gemeinsamen Kampf zu gewinnen. Dazu regte er ein Buchprojekt an, um in Form einer „vergleichenden Kulturgeschichte“ den „weitesten Kreisen unseres Volkes“ die Notwendigkeit einer „religiös-geistigen Erneuerung“ zu vermitteln.466 „Dass Rom nur mit durschlagendem Erfolg bekämpft werden kann, wenn es gelingt, seinem ertötenden, aber furchtbaren System etwas Lebenerweckendes und alle Kräfte frei auslösendes, den Bedürfnissen der Nation oder der germanischen Rasse entsprechendes entgegenzusetzen, davon bin ich überzeugt“.467 Das war freilich recht unscharf formuliert und ging in dieser Form auch an Chamberlains Vorstellungen vorbei, für den schließlich Rasse und Nation gerade nicht identisch waren, sondern sich gegenseitig bedingten und einander benötigten.

Lehmann spürte offenbar den Fallstrick und bekannte sich deshalb als noch unfertiger Schüler in weltanschaulichen Detailfragen: Seine Kenntnisse der „Rassenfrage“ seien unzulänglich, da er erst kurz zuvor damit begonnen habe, die „Grundlagen“ eingehender zu studieren,468 – ein folgenschwerer Lernprozess, wenn man bedenkt, dass der Verleger bald zum wohl wichtigsten völkisch-rassistischen Medien-Manager und Netzwerker aufwachsen und schließlich zu einem tatkräftigen Unterstützer Hitlers und der NSDAP avancieren sollte.469

Ganz ohne solche Reserve konnte Lehmann sich indes zum Thema Antisemitismus äußern: „Ihr Standpunkt zu der Judenfrage ist mir durchaus zusagend und entspricht auch der Politik des Alldeutschen Verbandes“,470 schrieb er, der seit 1893 zum Führungsgremium dieses größten und schlagkräftigsten nationalistischen und antisemitischen Agitationsverbandes des Kaiserreichs gehörte. Ganz offensichtlich erschien ihm der prominente Chamberlain als besonders geeignet, um der völkischen Sammlungsbewegung mit einem dringend benötigten Weltanschauungsentwurf unter die Arme zu greifen. Eine „organische Weiterbildung des Protestantismus“ müsse erzwungen und eine „neue christliche Gemeinschaft“ geformt werden, in der sich Protestanten durch Reform, Katholiken durch Konversion zusammenfinden könnten, schrieb er nach Wien und fuhr fort: „Selbstredend“ müsse „ganze Arbeit gemacht werden. Plan und Ziel müssten von langer Hand ausgearbeitet und systematisch vorbereitet werden“, denn: „Solche Ideen durchdringen ja mit grösster Schnelligkeit die ganze Nation. Schlagen Sie heute an das schwarze Brett der Universität Wien Ihre 99 Thesen, so kennen sie am Tage darauf Millionen im Wortlaut.“471

Anders als viele Akteure im alldeutschen und völkischen Milieu entwickelte Lehmann allerdings nicht nur hochfliegende Pläne, sondern verfügte mit seinem Verlag über die reale Möglichkeit zu deren Umsetzung und war außerdem Geschäftsmann genug, um die Lage realistisch einschätzen zu können: Für das von Chamberlain zu schreibende Buch projektierte er eine erste Auflage von 20.000 Stück, der dann zwei weitere folgen sollten, bevor die Reichweite durch verbilligte Volksausgaben noch einmal erhöht werden könnte. Auch finanziell sollte sich die Sache lohnen: Chamberlains Anteil am Gewinn veranschlagte er auf dasselbe Niveau wie dieser es vom Bruckmann-Verlag gewohnt war, wobei Lehmann aus eigener Tasche 25 Prozent zuzuschießen versprach: Diese „Summe kommt in einen Fond, aus dessen Ertrag wir später Exemplare der Volksausgabe […] in vielen Tausenden von Exemplaren in den Kreisen verteilen, die berufen und befähigt sind, die Ideen im Volke zu verbreiten – Lehrer, Pfarrer, Bibliotheken, Volksvereine etc.“472

Ein solches vielversprechendes Unterfangen stieß bei Chamberlain verständlicherweise auf großes Interesse, und so sagte er seine Unterstützung zu – vorausgesetzt, Bruckmann billigte diese Pläne ebenfalls.473 Diese Zustimmung aber blieb aus, da der Verleger sich gegen Lehmanns Vorhaben wehrte, fürchtete er doch zu Recht, damit der Abwanderung seines wichtigsten Autors Vorschub zu leisten. Da Chamberlain wiederum einen Bruch mit Bruckmann vermeiden wollte, blieb die Sache zunächst in der Schwebe.474

Abb. 17
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Der Unbedingte: Verleger Julius Friedrich Lehmann im Jahr 1905.

Diese unbefriedigende Situation ließ ihn allerdings alternative Formen der Zusammenarbeit überdenken, und so erwog er, die „Arische Weltanschauung“ nicht bei „Bard & Marquard“ in Berlin, sondern bei seinem neugewonnenen Freund zu publizieren, musste dann aber auch diesen Plan fallen lassen, wie er im Oktober 1904 zerknirscht mitteilte:475 Der Text werde „leider in einer mir gar nicht sympathischen Umgebung, als erstes Heft der Reihe ‚Kultur‘ bei Bard & Marquardts“ erscheinen müssen. „Ich glaube, es hätte genau für sie gepasst: der ganze Nachdruck liegt auf der Bedeutung dieses Denkens für die Auffassung von Religion, und es gibt so flotte Stellen, dass ich selber ganz hingerissen wurde“.476 Lehmann konnte da nur sekundieren: Auch ihm erschien der Berliner Verlag als „gar nicht sympathisch“ und auch er hätte die Schrift „lieber in den Händen eines Ariers gesehen, als bei diesen Semiten“. Dort, so fügte er hinzu, sei „alles ‚Geschäft‘ und dieser Gesellschaft gönne ich es nicht, dass ihr die Ehre zuteilwurde, einen H. St. Chamberlain verlegen zu dürfen.“477

Diese Verehrung war weder Phrase noch taktisch motiviertes Kompliment, um den Briten zu charmieren, sondern sie war authentisch, wie aus Lehmanns Briefen und Memoiren deutlich hervorgeht. Und so ließ sein Engagement selbst dann nicht nach, als endgültig klar wurde, dass Chamberlain kurzfristig keine Publikation beisteuern würde.478 Lehmann nutzte weiterhin jede Gelegenheit, um sich als ebenso erfahrener wie umtriebiger Verleger zu präsentieren und den Autor bei der Suche nach Verlagen für die Publikation seiner Werke im Ausland zu unterstützen – obwohl er selbst aus solch einem Engagement keinen Nutzen zog, sondern vor allem Bruckmann davon profitierte.479 Beeindruckt von diesem Engagement suchte Chamberlain nach weiteren Möglichkeiten zur Zusammenarbeit.

Im Oktober 1907 glaubte er, eine solche gefunden zu haben, und es war ausgerechnet Lehmanns Unsicherheit in Rassefragen, die ihm den Anlass lieferte. Der dabei entstandene und bis heute unbeachtet gebliebene Text trug die Überschrift „Die Rassenfrage“ und war mit dem Untertitel „Offener Brief an Herrn J.F. Lehmann in München“ versehen.480 Chamberlain hatte zur Vorbereitung aufmerksam rassetheoretische Literatur gesichtet und feststellen müssen, dass über wesentliche Fragen – etwa über den Ursprung der „Rassen“, über exakte Unterscheidungskriterien, über den Einfluss der Umwelt wie über die genauen Vorgänge bei der Vererbung – immer noch keinerlei Einigkeit herrschte, sondern zahlreiche widersprüchliche Meinungen und Phantastereien existierten. Dieses Nebeneinander konkurrierender Vorstellungen allerdings war problematisch, drohte doch damit den „Grundlagen“ nicht nur Kritik von ausgesprochenen Gegnern des Rassegedankens, sondern auch von dessen Anhängern, sofern diese sich auf andere Theorien stützten – eine schwierige Lage, in der sich freilich jeder befand, der mit rassischen Ideologemen operierte.481

Vor dem Hintergrund derart disparater, von Laien und populärwissenschaftlicher Literatur geprägter „Forschung“, zielte Chamberlains neuer Rasseaufsatz nicht darauf ab, einen weiteren, Allgemeingültigkeit beanspruchenden Erklärungsansatz zu postulieren. Statt dessen versuchte er die Gegensätze zu nivellieren, indem er sie kurzerhand für unwesentlich erklärte und dazu auf vermeintliche Belege verwies, für die keine Wissenschaft und keine Theorie nötig war: In einer Tour de Force durch ausgewählte biologische und naturkundliche Literatur der vergangenen hundert Jahre, die mit ätzendem Spott an den von ihm verachteten Denkmodellen nicht sparte, machte er deutlich, dass nicht die Details wissenschaftlicher Forschung zählten, sondern dass es bei allem, „was man über Menschenrassen vorbringen kann […], hauptsächlich auf die Urtheilsfähigkeit“ des Betrachters ankam – eine Qualität, die er sich sogleich selbst zusprach.482

Aus dieser überlegenen Position heraus postulierte er die angeblich durch zahlreiche Wissenschaften belegte „Thatsache der Rassenunterschiede“,483 die nur durch das „religiöse Vorurtheil der christlichen Kirchen“, das „politische Vorurtheil der Liberalen, Demokraten und Sozialisten“ wie durch „das wissenschaftliche Vorurtheil zahlreicher in verknöcherten Vorstellungen […] lebenden und wirkenden Gelehrten“ noch nicht genügend verbreitet sei. Der Grund dafür war wenig überraschend: „Weil diese in den Händen der Juden sind, und weil der durch lange Rassenzüchtung gezeugte, unbeirrbare Instinkt dieses Volkes es belehrt, dass wenige Dinge seinen Sonderinteressen so nachteilig werden könnten, wie ein allgemeines Erwachen der Menschen zu der Erkenntnis von der Bedeutung der Rasse für Geschichte und Kultur.“484

Diese Frontstellung nivellierte alle Unterschiede und ließ es sogar als gleichgültig erscheinen, ob man Anhänger oder Gegner der Deszendenztheorie Darwins war – ein zu dieser Zeit kontrovers diskutiertes Feld, in dem sich Chamberlain als klarer Gegner der Darwin’schen Abstammungslehre positioniert hatte.485 Ob man wie Darwin von einigen wenigen Urformen der Arten ausging oder wie Chamberlain von einer Vielzahl unterschiedlicher Varianten, die sich durch Zuchtwahl weiterentwickelten – in beiden Modellen entstanden, so der Brite, zahlreiche Arten, die „einander im Laufe der Zeiten immer unähnlicher werden“, bis sie „zu verschiedenen Arten, ja, zu getrennten Gattungen, auswachsen.“486 Am Beispiel von Löwen, Tigern, Bären, Pferden, Hunden und Orchideen machte der Autor dann auf den folgenden Seiten klar, dass Angehörige derselben Gattung sich nicht nur phänomenologisch unterschieden, sondern auch in der „Psyche […], dem Temperament“, in den „Besonderheiten der Begabung“ wie im „moralische[n] Werth“ – ein Prinzip, dass er einmal mehr als „unendliche Mannigfaltigkeit innerhalb wohlumschriebener Einheit“487 beschrieb und auch auf den Menschen angewandt sehen wollte: „Was man immer unter dem schwankenden Begriff von ‚Rasse‘ verstehen mag, eines ist sicher, es wird damit auf Unterschiede zwischen Mensch und Mensch hingedeutet“. Dann wurde er geradezu überdeutlich: „Weil es eine unendliche Skala von Zwischenstufen gibt von dem rein mongolischen Gesichtstypus zu dem nordeuropäischen, weil Zwischenglieder zwischen Juden und Germanen vorkommen, darum soll es keine Mongolen als abgesonderten Menschheitstypus und keine Juden als reingezüchtete Rasse geben! Beträfe es nicht unser eigenes Geschlecht, wo Vorurtheil und Interesse sich verbinden uns zu bethören, wir würden über die Trivialität solcher Argumente nur lachen.“488

Was der Brite hier indes nicht sah und offenbar auch nicht sehen wollte, war die Trivialität seiner eigenen Rassevorstellung, die nichts anderes bot, als aus der phänomenologischen Beobachtung äußerlicher Unterschiede und der Zuschreibung entsprechender Eigenschaften die Existenz von Rassen und Rasseunterschieden zu behaupten, diese zu hierarchisieren und das Ganze mit wissenschaftlicher Gloriole zu umgeben. Dies war, ohne die ausschweifenden Exkurse und farbenfrohen Darstellungen der „Grundlagen“, der Kern seiner „Rassentheorie“, die auch trotz der sich explosionsartig vermehrenden Literatur so vorwissenschaftlich einfach und unbestimmt blieb. Zugleich war es die Stärke dieser Vorstellung, sich nicht mit den widersprüchlichen Meinungen aufhalten zu müssen – mehr noch als bei seinen anderen Texten zum Rassethema wurde hier deutlich: Den Wissenschaftler Chamberlain hatte es in der „Rassenfrage“ nie gegeben. Immer war der Weltanschauungsproduzent am Werk, der seinen Erklärungsentwurf verbreitete oder, wenn nötig, verteidigte.

Für dieses Aufgabenfeld war Lehmann ganz offensichtlich ein äußerst vielversprechender Partner und so hatte der Brite seinen „offenen Brief“ mit einer Würdigung des neuen Freundes begonnen. Er begreife, so adressierte er Lehmann dort direkt, „dass ein Mann wie Sie […], der sich nicht mit Phrasen zu begnügen weiss, sondern das häusliche Friedensglück und das geschäftliche Wohlergehen aufopfert, um mitten im heissen Kampfesgewühl der politischen Parteien und der religiösen Gegensätze dem Vaterland zu dienen […], es als ein dringendes Bedürfnis empfinden muss, endlich einmal in der so viel und so laut angerufenen und ebenso bitter und höhnisch bekämpften Rassenfrage klar zu sehen.“489

Lehmanns Wertschätzung, dies wird hier ganz deutlich, wurde von Chamberlain erwidert, der bei dem Verleger etwas fand, das ihm sein langjähriger Kompagnon Bruckmann nicht bieten konnte, und das er auch bei Wilhelm II. vergeblich gesucht hatte: Es war die Unbedingtheit, weltanschauliche Einsichten und Prämissen in die Tat zu übersetzen – eine Eigenschaft, die er sonst wohl nur bei Richard Wagner bzw. in der postumen Verlängerung bei Cosima zu erkennen glaubte. Chamberlains Emphase für die „That“: Hier, bei Lehmann, wurde sie geteilt.

Diese Eindruck wird durch die Anstrengungen verstärkt, die der Brite unternahm, um sich mit dem neuen Freund zusammentun zu können, und die soweit gingen, dass er erwog, die Rechte an den Übersetzungen der „Grundlagen“ wie an seiner 1905 erschienenen Kant-Biographie an Lehmann übertragen zu lassen.490 Im Januar 1907 war dieser Gedanke so weit gediehen, dass Chamberlain bei seinem Rechtsanwalt Franz Troll anfragte, ob er zu einem solchen Schritt „moralisch berechtigt“491 sei. In der ausführlichen Darlegung machte er klar, dass diese Frage für ihn keine juristische, sondern eine der Loyalität war und nicht zuletzt ein Ergebnis wiederholter Enttäuschungen: Verschiedene Buchprojekte, die er Bruckmann vorgeschlagen hatte, waren von diesem nicht weiter vorangetrieben worden, einige hatte er sogar „kalt ablehnend“ behandelt.492 Zudem fühlte sich Chamberlain immer wieder finanziell übervorteilt und hatte deshalb sogar eine Weile vermutet, Bruckmann könnte Jude sein, wenn auch kein ganz „reiner“.493

Noch wichtiger als Loyalität und Abstammung war allerdings der Schutz seines Gesamtwerkes vor der Vereinnahmung durch ein politisches Lager – eine Gefahr, die beim Alldeutschen-Funktionär Lehmann nicht auszuschließen war. „Eine Sache gefällt mir bei Bruckmann“, schrieb er deshalb an seinen Anwalt, „ich bin dort gleichsam allein. Sein Verlag ist Kunstverlag, ausser Wölfflin u. mir sind seine Bücher Schmarrn“. Deshalb „stehe ich nun – auch innerlich – ausserhalb aller Parteien, allen Sektentums, allen Specialistentums, ich gehöre zu keiner Gruppe. Der Name ‚Verlag Bruckmann‘ sagt gar nichts – man denkt dabei höchstens an Photographien u. Gravuren.“494

Lehmann hingegen sei „ein Programm. Und zwar ein mir seiner allgemeinen Absicht nach sympathisches Programm, das ich aber keineswegs zu dem meinigen ohne viele Einschränkungen machen kann. Weder vermag ich es antikatholisch zu empfinden, noch glaube ich an eine ‚Weiterentwicklung der Religion‘ (um Lehmanns Worte zu gebrauchen) aus dem blossen Geiste des Protestantismus, etc. etc.“ Jenseits dieser Einschränkungen fand er aber nur Positives: „Was für Lehmann spricht, ist Ihnen bekannt. Moralisch: sein edles, aufopferungsvolles Benehmen; intellektuell: seine wirkliche Begeisterung für meine Leistungen, praktisch: sein hoher Anstand u. seine grosse geschäftliche Regsamkeit u. Kühnheit, die bei Bruckmann durchaus fehlt.“ Damit stand seine Tendenz zu Lehmann eigentlich fest, doch der Brite machte sich Sorgen: „Wollte ich nur an meine Person denken, ich wüsste sofort, was ich thäte; ich möchte aber vielmehr einzig und allein das Interesse meines Werkes und meines Lebenswerkes gewahrt wissen – und zwar mit Hintansetzung jeder Sentimentalität, jeder Dankbarkeit, jeder Rücksicht welcher Art sie auch sei.“ Hier nun kam die Außenperspektive des Anwalts ins Spiel, denn, so beendete Chamberlain seine Überlegungen: „Solche Dinge wollen wie die Politik behandelt werden: kalt, zielbewusst, sans reception de personne.“495

Der Vorgang gibt wichtige Einblicke in Chamberlains feines Gespür für die Erfordernisse wie für die Gefahren, denen er als öffentlich agierender Intellektueller ausgesetzt war: Lehmanns Hass auf alles Katholische war Chamberlains Sache nicht, der zwar die römisch-katholische Kirche zurückdrängen, die Altkatholiken aber mit den Protestanten zu versöhnen suchte. Auch Erneuerungsversuche aus dem „bloßen Geist des Protestantismus“ konnten ihn naturgemäß ebenso wenig überzeugen, fehlte diesen doch die Implementierung der rassischen Ebene und der notwendige Ausschluss alles „Fremden“, die für seine Vorstellung einer „arteigenen“ Religion so zentral waren. Lehmann waren derlei Unterschiede ebenfalls bewusst, allerdings spielten sie für ihn nur eine nachgeordnete Rolle, wohl auch, weil er stärker auf die Gemeinsamkeiten blickte: Der Verleger, so berichtet der das Geschehen aus der Nähe beobachtende Hermann Keyserling in seinen Memoiren, habe „Chamberlains Katholizismus-Feindschaft“ zutreffend „als wesentlichen Anti-Ultramontanismus“ aufgefasst und seinen „Antiliberalismus“ vor allem „als anti-undeutsch und nicht als reaktionär“ interpretiert.496 Politisch hingegen waren die Übereinstimmungen frappierend: Chamberlain lag in wesentlichen Aspekten ganz offenkundig auf der Linie des „Alldeutschen Verbandes“, dessen Mitglied er 1916 schließlich auch werden sollte. 1907 allerdings war er noch nicht dazu bereit sich selbst öffentlich zu dieser Haltung zu bekennen oder gar für sie Partei zu ergreifen, im Gegenteil: Lehmanns Bindung an den ADV stellte vorerst eher ein Hemmnis für eine Zusammenarbeit dar.

Vor diesem Hintergrund ist erklärlich, dass es nicht zum avisierten Verlagswechsel kam. Auch der „Offene Brief“ blieb unveröffentlicht,497 obwohl Chamberlain sehr daran gelegen war, die professionelle Verbindung wie die freundschaftlichen Bande zu Lehmann aufrechtzuerhalten. Langfristig hatte er mit diesem Bestreben Erfolg, auch wenn sich die Gelegenheit zu einer intensiven Zusammenarbeit erst während des Ersten Weltkriegs bot.

7. Chamberlain und der Kaiser III: Der Einfluss schwindet

Während der Brite an seiner Beziehung zu Lehmann feilte, wurde die Politik von einem Skandal in den höchsten Kreisen des Reiches erschüttert: Maximilian Harden hatte Philipp zu Eulenburg und andere Mitglieder des „Liebenberger Kreises“ der Homosexualität beschuldigt und damit zugleich den Kaiser ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gezogen. Auch Chamberlain war in den Jahren zuvor nicht verborgen geblieben, dass der Freundeskreis des Monarchen wie die eklektischen Zusammenkünfte auf Schloss Liebenberg Anlass für gefährliche Spekulationen lieferten. Zudem war seine Begeisterung für Wilhelm II. langsam abgeklungen, so dass er bereits 1904 im vertraulichen Gespräch mit seinem Diplomaten-Freund Brockdorff-Rantzau besorgt bemerkt hatte, wer „schwache Männer, konventionelle Männer, schlaue Männer, glatte Männer zu Ministern wählt, ist auf alle Fälle ein schlechter König – mag er sonst noch so bedeutend als Mensch u. noch so herzerwärmend als Charakter sein.“498

Als dann der öffentliche Druck auf Eulenburg zunahm und Chamberlain von der Existenz möglicherweise belastenden Materials erfuhr, hielt er den Zeitpunkt für gekommen, sich zu positionieren: Zunächst versuchte er Genaueres zu erfahren über „die Art und Weise, wie Fürst Eulenburg kompromittirt ist“ und inwiefern eine „schwere Erschütterung in der Öffentlichkeit“ zu befürchten sei. Vor allem aber wollte er wissen, „ob hierdurch und in welcher Weise der Kaiser betroffen werden würde“, denn „sobald der Monarch in eine Angelegenheit einbezogen ist […], schwindet vor dieser Rücksicht jede andere“.499 Als Eulenburg – immerhin sein einstiger Vermittler an den Hof und langjähriger Freund der Wagner-Familie – schließlich unhaltbar wurde und zurücktreten musste, kappte Chamberlain tatsächlich alle Verbindungen und nahm den Faden erst 1919, nach der Abdankung des Kaisers, wieder auf.

Zugleich achtete er akribisch darauf, dass seine Loyalitätsbekundungen für den Monarchen zeitnah durch Brockdorff-Rantzau an den Hof gelangten500 – ein geschicktes Manöver, fühlte sich der Kaiser doch so im Augenblick der Krise von seinem „Denker“ richtig verstanden: „Es war mir ein sehr schweres Jahr, was mir seelisch unendlich vielen und schweren Kummer gebracht. Ein trauter Freundeskreis, der auf einmal gesprengt wird durch jüdische Frechheit, Verleumdung und Lüge!“,501 schrieb Wilhelm II. im Dezember 1907 nach Wien. Dabei konnte er darauf setzten, dass sein gelehrter Freund ihm zumindest in der Beschreibung des Schuldigen zustimmte: Auch für Chamberlain war Maximilian Harden, dessen Kampagne den Skandal begründet hatte, nie nur der begabte Journalist und Autor gewesen, sondern stets der Vertreter des verhassten Judentums.

Schon 1893, am Beginn ihrer Arbeitsbeziehung, hatte er sich privatim über „einen ‚Deutschen‘ à la Harden“ mokiert und dabei auf dessen Herkunft abgezielt.502 Auch 1896, als er einen Festspiel-Artikel für die „Zukunft“ vorbereitete, ätzte er gegenüber Cosima: „Auch kein süsser Apfel, in den ich beißen muss!“503 – ein Rekurs auf das in Wahnfried geläufige Bild, nach dem man gelegentlich in den „sauren jüdischen Apfel“504 zu beißen hatte. Die Verwerfungen der Eulenburg-Affäre schließlich motivierten ihn später sogar zu Rachephantasien, ausgelöst durch Zeitungsmeldungen über einen anderen Skandal: Am 16. März 1914 erschoss die Ehefrau des französischen Finanzministers Joseph Caillaux den Chefredakteur des „Figaro“, Henri Calmette, der einen Korruptionsskandal aufgedeckt hatte, in dessen Zentrum ihr Gatte stand. Amüsiert kommentierte Chamberlain einem Freund gegenüber: „Sie werden unsere Bewunderung für Mad. Caillaux, die den französischen Harden niederschoss, teilen?“505 Auch in einem Urlaubsgruß an Siegfried Wagner frotzelte er: „Wir sind hier ganz voll Bewunderung für Madame Caillaux, die den widerwärtigen Saujuden, der gestohlene Privatbriefe veröffentlicht, einfach niederschiesst. Hätte es doch Eulenburg mit Harden gethan! Wolkenloses Sommerwetter. Von Herzen Dein Semi-Titan.“506

Einmal mehr zeigte sich hier, wie präsent Chamberlains Judenhass in seinem Alltag war und wie sorgfältig er ihn immer dann verbarg, wenn es seinen eigenen Zwecken diente. Der jüngst in der Forschung geäußerte Befund, Hardens jüdische Herkunft sei „im persönlichen Kontakt unwesentlich“507 und Chamberlains Antisemitismus ein „abstrakter“ geblieben, erweist sich vor diesem Hintergrund erneut als Schimäre.

Wilhelm II. indes, auch dies wird überdeutlich, konnte sich im Kontakt mit seinem gelehrten Freund ganz unverstellt zeigen – und trotzdem ließ selbst dieser kaiserliche Gefühlsausbruch keinen Zweifel daran, dass der Austausch zwischen dem Monarchen und seinem „Denker“ seit der gemeinsamen Arbeit am Hollmann-Brief 1902 ins Stocken geraten war. Im August 1903 hatte Chamberlain nur eine kurze Nachricht erhalten, eine weitere folgte erst über ein Jahr später, im Oktober 1904. Auch 1905 schickte der Kaiser nur zwei kurze Schreiben.508 Kein Vergleich also zu den langen Briefen der Vergangenheit und dies, obwohl der Brite jede Gelegenheit nutzte, um auf die kaiserliche Zuwendung mit umfänglichen Episteln zu antworten.

Die darin berührten Gegenstände können hier nur kursorisch gestreift werden. Immer wieder ging es um die wachsenden Konflikte mit England, hervorgerufen durch dessen angebliche rassische Degeneration: „In fünfzig Jahren“, prognostizierte der Brite, „wird der englische Adel eine reine Geldoligarchie sein, ohne jede Rassensolidarität und ohne irgendeine Beziehung zum Thron“.509 Die Deutschen müssten deshalb ihr eigenes Herrschergeschlecht rasserein erhalten, denn nur wenn die Hohenzollern nicht „international zersplittert und entnervt“ und „mit dem Blute degenerierender Fürstenstämme infiziert“ würden, könnten sie für eine „langsame, schweigende, von Geschlecht zu Geschlecht vererbte Vorbereitung der Zukunft“ bürgen.510 Vorgebracht im Brustton tiefster Überzeugung verstieg sich der Brite gar zu der Aussage, der Tag sei nicht mehr fern, „wo manches in meinen ‚Grundlagen‘, worüber die Übergescheiten noch heute ironisch lächeln, als unbestritten selbstverständliche Tatsache, als ‚truism‘ gelten und niemand begreifen wird, daß man diese Dinge – qui crèvent les yeux – nicht von jeher gewußt hat.“511

Wie stets gehörten zur germanischen Mission und der damit verbundenen Zukunftsvision auch die vermeintlichen Feinde: in der politischen Sphäre waren dies der Parlamentarismus und sein Kampfplatz, der Reichstag, mit den „schwarzen und roten Verräterparteien“,512 also der vermeintlich unter jüdischer Kuratel stehenden katholischen Zentrumspartei wie der Sozialdemokratie; in der Wissenschaft hingegen handelte es sich nach wie vor um das Kartell der „politisierenden Professoren à la Virchow, Mommsen und Liszt“,513 die, unterstützt von „Demokraten und Juden“ an den Universitäten, angeblich danach strebten, „das deutsche Volk vollends zugrunde zu richten.“514 Da halfen nur eine umfassende Universitätsreform, die Umstellung von Lehrplänen und die Aussonderung der „Judenstämmlinge“515 in der Professorenschaft, von denen man schwerlich erwarten konnte, dass sie die akademische Jugend „zu bewußten, freien tatkräftigen Germanen“516 erzogen.

Eng verknüpft mit diesen Ansichten waren Überlegungen zur Neugestaltung des höheren Schulwesens, eine Aufgabe, die ohnehin seit der Schulkonferenz 1890 und der Nachfolgekonferenz 1900 die besondere Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich zog.517 Chamberlain, der dies wusste und die bei Hofe anerkannte Literatur zugesandt bekam, griff das Thema geschickt auf und empfahl zur Stärkung der „nationalen“ Erziehung die Schriften des völkischen Reformpädagogen und „Wandervogel“-Mitbegründers Ludwig Gurlitt, dessen 1902 erschienenes Buch „Der Deutsche und sein Vaterland“ er gelesen und, trotz einiger Kritikpunkte, für gut befunden hatte.518

Diese Taktik, dem Kaiser Spezialisten für verschiedene Themenbereiche anzudienen, wandte er auch bei anderen Gelegenheiten an. So empfahl er etwa Ferdinand Hueppe, einen befreundeten Arzt und Bakteriologen, der sich seit langem bemühte, seine Professur in Prag gegen eine im Reich einzutauschen. Der Wissenschaftler, an den man sich heute vor allem als Turnreformer und Mitbegründer des „Deutschen Fußballbundes“ erinnert, war in den 1880er Jahren Mitarbeiter und Schüler des späteren Nobelpreisträgers Robert Koch gewesen. Doch trotz unbestreitbarer wissenschaftlicher Verdienste konnte Hueppe mit dem Erfolg seines Lehrers nicht mithalten und fühlte sich durch vermeintliche Missgunst und Unverstand im deutschen Wissenschaftssystem benachteiligt.519 Seit 1899 stand der begeisterte „Grundlagen“-Leser mit Chamberlain in Kontakt und teilte dessen Rassevorstellung wie seinen Antisemitismus.520 Der Brite wiederum schätzte den Professor als Verbündeten in Rassefragen521 und hatte dessen vermeintliche Benachteiligung sogar öffentlich als Beispiel für die Verkommenheit und Vetternwirtschaft im deutschen Universitätssystem herangezogen.522

Im März 1903, Hueppe war kurz zuvor erneut bei der Bewerbung um einen Lehrstuhl im Reich gescheitert, entschloss sich der Brite deshalb zur Intervention beim Monarchen. Der „geniale“ Freund, schrieb er an den Hof, sei von „Koch und Genossen“ bekämpft worden, die seine Erfolge lieber „allerhand Russen und Polen und Franzosen“ zuschrieben – ein eindrückliches Beispiel für den „Patriotismus der Gelehrten“, wie er bitter hinterherschob.523 Selbst in Wien wolle die „an den deutschen Universitäten allmächtige Clique“ Hueppes Fortkommen behindern, und so habe man nicht nur Gerüchte über die nicht standesgemäße Herkunft seiner Frau gestreut, sondern auch verbreitet, er „gebe sich mit der Rassenfrage ab und sei ein überzeugter ‚Germane – was allerdings wahr ist –, wogegen die Begeisterung für die internationale Rassenlosigkeit das erste Dogma im Kredo der Universitäten ist“.524 Doch aller Einsatz half nichts: Hueppe blieb bis zu seiner Pensionierung 1912 in Prag.525

Ein weiterer von Chamberlain empfohlener Spezialist war der Anthropologe Ludwig Woltmann, Herausgeber der 1902 gegründeten „Politisch-anthropologische Revue“. Die Zeitschrift, die sich unter seiner Ägide „zu einem ideologischen Zentrum der sich in dieser Zeit formierenden phantastischen Rassentheorie“526 und zum „völkisch-rassenhygienischen Leitmedium“527 entwickelte, avancierte, wie Rolf Peter Sieferle herausgearbeitet hat, in den folgenden Jahren zum „Organ […] eines die skurrilsten Blüten treibenden pseudowissenschaftlichen Rassismus.“528 Chamberlain indes zeigte sich begeistert von dem Blatt und schickte seinem Freund Brockdorff-Rantzau ein Exemplar, dem er zudem mitteilte, es sei „an u. für sich […] gewiss wünschenswerth, dass Staatsmänner u. Diplomaten die anthropologischen u. speciell die allem zugrunde liegende Rassenfragen studirten.“529 Im Oktober 1904 schließlich empfahl er auch Wilhelm II. die Lektüre der Zeitschrift und insbesondere die Aufsätze Woltmanns, in denen der Herausgeber sich den Themen „Rassenpsychologie und Kulturgeschichte“, „Der physische Typus Immanuel Kants“, „Die biologischen Grundlagen der Soziologie“ und „War Dante blond oder brünett?“ widmete.530

Trotz alledem musste Chamberlain gegen Ende des Jahres 1905 feststellen, dass die Skepsis, die er am Beginn seiner Beziehung zum Kaiser verspürt hatte, nicht ungerechtfertigt gewesen war: „Doch ist es fraglich, ob ich je wieder etwas schreiben werde, was so zu ihm spricht wie gerade die ‚Grundlagen‘“, hatte er im Februar 1902 gegenüber Cosima bemerkt und angefügt, „für den persönlichen Gedankenaustausch hat das Schicksal wenig oder gar keine Möglichkeit gelassen.“531

Tatsächlich hatte er das Interesse des Kaisers besonders nachhaltig durch den persönlichen Gedankenaustausch in Liebenberg auf sich ziehen und in der Folge durch seine Einflüsterungen die weltanschauliche Basis des Monarchen mitgestalten können – für einen längerfristigen Einfluss, für eine Position als Berater in weltanschaulichen Fragen, einen Aufstieg zum Spin Doctor gar, hatte es nicht gereicht. Ursächlich dafür waren mehrere Gründe, wobei der wichtigste wohl in dem Umstand zu suchen ist, dass Chamberlains Nutzen für den Kaiser 1905 schlicht erschöpft war. Der Brite hatte seinen Weltanschauungsentwurf unterbreitet und war von Wilhelm II. in den wesentlichen Punkten – Rassedogma, Antisemitismus, Germanenideologie, Bekämpfung des Ultramontanismus und Förderung eines „arteigenen“ protestantischen Christentums – auch verstanden worden. Sein Einfluss hatte sogar ausgereicht, um bis auf die Ebene der Reden und der offiziellen Korrespondenz durchzuschlagen und war im öffentlichen Diskurs als solcher erkannt und benannt worden. Damit aber waren Chamberlains Möglichkeiten am Ende: Er hatte keine hilfreichen Deutungen konkreter politischer Entwicklungen anzubieten, keine Antwort für die brennenden Fragen in der Außenpolitik und keine Lösungsvorschläge für die innenpolitischen Problemlagen. Weder mit Blick auf die Frontstellung zu England, noch hinsichtlich der drängenden „sozialen Frage“ und der immer stärker werdenden Sozialdemokratie – um nur die offensichtlichsten Felder anzureißen – ließen sich aus Chamberlains rassistischen und antisemitischen Engführungen Handlungsoptionen ableiten, die über die allgemeine Forderung nach dem Ausschluss der Juden und der Stärkung germanisch-nationaler Emphase hinausgingen. Seine Wortmeldungen hatten, auch weil sie Variationen des immer gleichen Themenkreises waren, nur wenig Wert für die Bewältigung des konkreten politischen Alltags.

Zugleich darf diese Einschränkung nicht dazu führen, Chamberlains Einfluss auf den Kaiser zu unterschätzen. John Röhl, dem wir das detaillierteste Bild von Person und Regentschaft Wilhelms II. verdanken, zählt den Briten zu einem der zwei „unverantwortlichen Ratgeber“532 des Monarchen. Der zweite in dieser kurzen Reihe ist Adolf von Harnack, „Hoftheologe“ und einflussreicher Wissenschaftsorganisator, der zum Zeitpunkt des Zusammentreffens mit Chamberlain ebenfalls gerade erst in engeren Kontakt zu Wilhelm II. getreten war, durch Amt und Würden aber über leichteren Zugang zur Macht wie über größere Kompetenz im Spiel mit Schmeicheleien und Intrigen verfügte.533 Für eine kurze Phase allerdings hatte Chamberlain die Konkurrenz gesucht und sich auf der intellektuellen Ebene auch behaupten können. Aus der Außenseiterposition der Wiener Blümelgasse heraus aber waren, selbst mit Wahnfrieds Hilfe, keine langfristigen Erfolge zu erzielen.

Schließlich lassen sich Chamberlains Versuche der Einflussnahme auf den Kaiser auch als Indikator dafür lesen, welchen Stellenwert er seinen Publikationen und nicht zuletzt sich selbst beimaß. Das immer wieder bemühte Bild vom Denker, der von seinem Fürsten als gleichwertig anerkannt wird, war nicht nur ein klug gewähltes diplomatisches Manöver, sondern entsprach ganz offenbar seiner Selbsteinschätzung. Diese Interpretation deckt sich mit der Wahrnehmung seines engen Freundes Hermann Keyserling, der dem Briten in den Jahren um die Jahrhundertwende besonders nahe stand: „In meiner Wiener Zeit“, so schrieb Keyserling rückblickend, „nannte er sich selber manchmal, scheinbar scherzend, den „Grundleger“, doch ich spürte es wohl: er fühlte sich wirklich als Grundleger eines neuen Deutschlands.“534 Umso größer muss seine Enttäuschung gewesen sein, als dieser Anspruch mit dem wachsenden Desinteresse des Kaisers an seinem „Denker“ zu scheitern drohte.

8. Ein eigener „Kreis“

Wer hier so vertrauliche Innensichten preisgab, war Hermann Graf Keyserling, ein heute weitgehend in Vergessenheit geratener Schriftsteller, der selbst zur Hybris neigte und sich als Neuschöpfer einer lebensphilosophisch inspirierten, westliches und fernöstliches Denken synthetisierenden, paneuropäischen Philosophie imaginierte.535 Er war als junger Mann zu Chamberlain gestoßen und gehörte bald zu einer Gruppe von Freunden und Verehrern des Briten, die regelmäßig in der Blümelgasse zusammentrafen, um in geselliger Runde eigene und fremde Werke zu diskutieren. Begonnen hatten diese Zusammenkünfte Mitte Januar 1902,536 als Chamberlains Ehefrau Anna erstmalig einen solchen „Leseabend“ ausrichtete – eine Veranstaltung im kleinen Kreis, die formal zwar von ihr initiiert, aber gänzlich von ihrem Gatten gesteuert und dominiert war.

Diese Abende orientierten sich unübersehbar an der seit dem 18. Jahrhundert populär gewordenen Salonkultur, und tatsächlich hatte Chamberlain selbst diese Form bürgerlicher Vergesellschaftung kurz zuvor kennen und schätzen gelernt: Im Januar 1899 hatte ihn Elsa Bruckmann, die Gattin seines Verlegers, in ihren Salon eingeladen – als Stargast der Premiere, die zugleich „die Geburtsstunde ihres Salons“ bedeutete,537 in dem sich bald Künstler und Gelehrte sowie ab 1924 auch Hitler und die Spitzen der NS-Bewegung trafen. Die Zusammenkünfte in der Blümelgasse allerdings waren kein Salon, denn Anna Chamberlain war keine Salonière, sondern in ihrer mütterlichen Art reine Staffage.538

Weniger also der Gedanke des Salons, sondern eher die von Edward Timms ausführlich beschriebenen „Wiener Kreise“539 standen hier Pate. Diese lockeren Assoziationen von Intellektuellen waren, so Timms, „mehr oder weniger geschlossen […] mit einer begrenzten Anzahl von eingetragenen und engagierten Mitgliedern“, bestanden zumeist aus „jungen, geistig engagierten Männern“, die sich regelmäßig „an einem bestimmten Tag“ oder „an einem eigens reservierten Tisch“540 im Kaffeehaus trafen – die „Mittwochs-Gesellschaft“ Sigmund Freuds und die Gruppe um Karl Kraus im Café Griensteidl sind die wohl prominentesten Beispiele für diese Gemeinschaften.

Wie in den Kaffeehäusern, so trafen sich auch in der Blümelgasse unter dem selbstbewusst gewählten Titel „Kantgesellschaft“541 – Chamberlain arbeitete zu dieser Zeit an einer Kant-Biographie, aus der er häufig vorlas – vor allem Männer, um „beim Asti Spumante zu philosophieren“:542 Neben Hermann Keyserling gehörte zu dieser Runde auch der junge Schriftsteller Rudolf Kassner, der ebenfalls am Beginn seiner Karriere stand und, obgleich der literarischen Welt noch gänzlich unbekannt, über großes Selbstvertrauen und ein hohes Maß an Verachtung für den institutionalisierten Wissenschaftsbetrieb verfügte.543 Andere regelmäßige Teilnehmer waren Leopold von Schroeder, Professor für Indologie an der Wiener Universität, und Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, Diplomat an der deutschen Botschaft. Zu ihnen gesellten sich gelegentlich einige engere Freunde Chamberlains – etwa der Journalist Theodor Antropp und der Industrielle Otto Böhler – sowie eine Anzahl von Bekannten, die zu einzelnen Treffen erschienen, darunter der Kritiker Gustav Schönaich und der deutsche Militärattaché Karl Ulrich von Bülow.544

Es ist auffallend, dass der Kreis in der Blümelgasse ausschließlich aus Freunden und Bewunderern des Briten bestand – eine Auseinandersetzung mit Neuem, Kontroversem oder Abseitigen, wie es die von Anna als Vorbild gewählten Salons boten, fand hier nicht statt. Gleichzeitig ermangelte es der „Kantgesellschaft“ an dem Charakteristikum, welches die Wiener Intellektuellenkreise von ihren Pendants anderswo unterschied: In der Donaumetropole waren, so noch einmal Edward Timms, „die Interaktionen zwischen den schöpferischen Kreisen“ besonders dynamisch. „Das auffallendste Merkmal der Wiener Kreisformation liegt gerade in den Berührungspunkten, oder vielmehr in den Überschneidungen.“545 Der Chamberlain-Kreis, soviel sei vorausgeschickt, brachte solcherlei Überschneidungen nicht hervor. Zwar waren einzelne Mitglieder Gäste auch in anderen Assoziationen – Rudolf Kassner etwa zog es für eine Weile zum Kreis um Stefan George und Hermann Keyserling besuchte regelmäßig den Salon der Fürstin von Thurn und Taxis546 –, Interaktionen und Bezugnahmen indes ergaben sich daraus ganz offenbar nicht. Selbst wo eine direkte Verknüpfung angebahnt wurde, zog dies keine weitergehenden Kontakte nach sich, und dass sich die „Kantgesellschaft“ der Kaffeehaus-Atmosphäre und damit der Öffentlichkeit aussetzte, war geradezu undenkbar.547

Diese Beobachtungen geben einen Hinweis auf die Funktionsweise und den eigentlichen Zweck des Kreises: Unabhängig von der Art der gemeinsamen Lektüre handelte es sich zuvörderst um eine Versammlung von Verehrern Chamberlains, die die Lücke füllten, welche sich durch den Riss in seinem Verhältnis zu Wahnfried ergeben hatte. Damit allerdings verfügte der Kreis über eine äußerst prekäre Basis, musste doch Chamberlains Eitelkeit fast zwangsläufig zu ernsten Konflikten führen. Dass der Brite außerdem nicht über das Charisma etwa eines Stefan George verfügte, machte die Sache nicht einfacher und trug zum Scheitern bei: Die thematisch vor allem um Chamberlains Interessen kreisenden Lektüreabende wurden insbesondere den jüngeren Mitgliedern bald langweilig.

Am Beginn allerdings interpretierte der Hausherr den Zuspruch ganz ähnlich wie seinerzeit die begeisterte Aufbruchsstimmung im „Neuen Wagner-Verein“, und vieles spricht dafür, dass er erneut darauf hoffte, einen Anlauf zur Herausbildung einer eigenen „Schule“ nehmen zu können. Diesmal freilich war die potentielle Strahlkraft größer, versammelte sich hier doch eine Gruppe, die auf mehr und auf nachhaltigere Durchschlagskraft hoffen ließ als die kleinbürgerlichen und intellektuell anspruchslosen Lehrer und Studenten des gescheiterten Vereins. Die Prominenz der Mitglieder führte auch dazu, dass der Kreis in der historischen Forschung immer wieder als Beleg für Chamberlains Reputation zur Zeit der Jahrhundertwende herangezogen wird – eine nicht unzutreffende, aber, so wird zu zeigen sein, alles andere als hinreichende Interpretation.

Der Harmlose: Leopold von Schroeder

Das älteste Mitglied war der 1851 geborene Indologe Leopold von Schroeder, Professor an der Wiener Universität, auf den die jüngeren Teilnehmer mit leichter Arroganz herabblickten. Rudolf Kassner etwa beschrieb ihn als einen „geistig keineswegs sehr beträchtliche[n] Mann“, den „Chamberlain vielleicht gerade um dessen Harmlosigkeit willen gerne leiden mochte“.548 Der Brite habe den Professor von den anderen „sekretiert“, wie „er den deutschen Kaiser […] vor uns, seinen ‚Freunden‘ ‚sekretierte‘. Was gewiß aus Liebe und Bewunderung für beide geschehen sein mochte […], aber doch auch ein wenig darum betrieben wurde, weil der eine oder andere von uns Jüngeren hier nicht ganz mit ihm ging.“549

Aus einer weitverzweigten Baltendeutschen Adelsfamilie stammend, war Leopold von Schroeder 1851 in Dorpat geboren worden. Sein Vater, Direktor des örtlichen Gymnasiums, engagierte sich für die deutsche Minderheit, und der Sohn, der nach einer ausgedehnten Reise in das zum Sehnsuchtsort stilisierte Deutschland nach Livland zurückkehrte und ein Studium der Sprachwissenshaft begann, folgte diesem Vorbild als Mitglied einer kämpferisch anti-russischen Studentenverbindung. 1892 avancierte Schroeder zum außerordentlichen Professor für altindische Sprache und Literatur an der Universität seiner Heimatstadt, verlor diesen Posten aber bald, weil er sich weigerte, seine Vorlesungen in der russischen Amtssprache zu halten. 1894 erhielt er eine Professur an der Universität Innsbruck, bevor er 1899 nach Wien wechselte, wo er fortan als Professor für indische Philologie und Altertumskunde wirkte.550

1878 hatte Schroeder am Weimarer Hoftheater eine Aufführung von Richard Wagners „Tannhäuser“ erlebt, die zum „Wendepunkt“ in seiner „religiösen Entwicklung“551 wurde und ihn zum glühenden Verehrer des Komponisten machte. Als er während der Festspiele 1888 Cosimas Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ beiwohnte, verfestigte sich diese Hingabe an Werk und Weltanschauung des „Meisters“ und vermischte sich schon bald mit seiner Forschung: Neben zahlreichen Übersetzungsarbeiten altindischer Texte und sprachgeschichtlichen Untersuchungen beschäftigte er sich fortan auch mit der Suche nach dem vermeintlich arischen Ursprung des Christentums.552

Bereits bei seiner Ankunft in Wien war der Professor auf Chamberlain aufmerksam gemacht worden und hatte Kontakt zum berühmten Autor der „Grundlagen“ gesucht. Dieser wiederum hatte ihm prompt ein Exemplar seines Werkes übersandt und sich in der Widmung als „dankbarster Schüler“ des Indologen zu erkennen gegeben.553 Damit war der Grundstein für eine Freundschaft gelegt, die bis zu Schroeders Tod im Jahr 1920 andauern sollte:554 „Prof. Schroeder besuchte mich gestern Vormittag“, schrieb Chamberlain im Februar 1902. „So etwas von Liefländer habe ich noch nicht gesehen; vermuthlich ist die russische Sprache seine eigentliche […]. Der Habitus etwa eines liebenswürdigen Beamten. […] Vom Gelehrten oder gar Pedanten gar keine Spur. […] Dienstag oder Mittwoch gehe ich zum Thee hin.“555

Abb. 18
Abb. 18

Leopold von Schroeder, undatiert.

Das kurz darauf folgende Treffen verlief äußerst schmeichelhaft, denn der Professor geizte nicht mit Lob und Anerkennung: „Seine Begeisterung für mich ist wirklich sehr rührend – er betrachtet mich offenbar als eine Art Weltwunder, kann nie aufhören über das ‚19. Jahrhundert‘ und über die indischen Arbeiten etc. – Dabei aber zugleich sehr einfach und schlicht.“556 So wurde Schroeder Chamberlains wichtigster Austauschpartner für alle Fragen der „indoarischen“ Geschichte, Sprache und Religion und außerdem ein Freund, der ihn bewunderte und ihm einen durchschlagenden Einfluss auf die europäische Kultur prophezeite. Zudem verfügte der Indologe über den Status des ordentlichen Universitätsprofessors, so dass Chamberlain darauf spekulieren konnte, auf diesem Weg vielleicht doch noch einmal Einfluss auf universitäre Kreise nehmen zu können.557

Der Brite setzte also einige Hoffnungen in seinen neuen Kontakt, musste aber in den folgenden Jahren feststellen, dass sich in weltanschaulicher Hinsicht Differenzen auftaten. Zwar verstand auch Schroeder – nicht zuletzt durch die Lektüre der „Grundlagen“, die ihn manches erst „in der richtigen Perspektive“558 hatten sehen lassen – die rassisch aufgefasste „Judenfrage“ als ein brennendes Problem der Zeit, war aber nicht dazu bereit, seinen Antisemitismus bis auf Chamberlains Niveau zu radikalisieren. In religionsgeschichtlicher Perspektive erschienen ihm die Juden sogar als positive Kraft, als das erste Volk, das die altindische Vorstellung eines „höchsten Wesens“ in den Mittelpunkt ihres Glaubens gestellt und zur Religion erhoben hatte.559

Chamberlain hingegen hatte in den „Grundlagen“ die Juden zwar ebenfalls als Begründer des Monotheismus beschrieben, zugleich aber abwertend festgestellt, der „semitische Monotheismus“ wirke „auf das ganze geistige Leben eines Volkes verödend, es völlig auslöschend“560 – seine Ablehnung von Schroeders Interpretation war daher zwingend. Die Art und Weise allerdings, mit der er auf diesen Dissens reagierte, ist bezeichnend und illustriert seine Strategie, Widersprüche durch Abwertung des Gegenübers abzuwehren. So schrieb er nach der Lektüre eines von Schroeder veröffentlichten Artikels im Oktober 1904 einigermaßen erbost an den Verleger J.F. Lehmann: „Sie wundern sich, dass ein Fachmann, der eine solche Kenntnis der vergleichenden Religionsgeschichte besitzt, […] ein Mann, der die Grundlagen mehrmals und mit Begeisterung durchstudirt hat […] zu guter Letzt doch nichts besseres weiss, als in die übliche Posaune von Jericho zum Lobe des auserwählten Judenvolkes zu stossen.“ Nichts, so fuhr der Brite fort, „sieht er von dem, was so klar vor aller Augen liegt, gar nichts. […] Ich sage, das ist pathologisch. Es ist eine Gehirnaffection, vergleichbar jeder anderen Erkrankung des Denkorgans.“561

Auf der Suche nach den Ursachen für diese angebliche krankhafte Unfähigkeit kamen auch äußere Faktoren in den Blick: „Da kommen ja noch ganz andere Elemente in Betracht, die viel stärker wirken als Erkenntnis und Einsicht, als Kant u. die Grundlagen“, schrieb Chamberlain in bemerkenswerter Hybris und fuhr fort: „So z.B. die verstorbene Frau. Ich habe sie gekannt, eine unendlich sanfte, freundliche, kindlich gläubige Frau, die einen grossen Einfluss auf den Mann ausübte. Schon ihr zuliebe würde er nie einen Schritt von […] dieser primitiven Glaubensstufe abweichen.“562 Während dies die Deformation mit der christlichen Frömmigkeit der verstorbenen Ehefrau erklärte, wies das düster-nebulöse Diktum von den „anderen Elementen“ auf eine weitere Ebene hin – es erinnerte an all diejenigen Fälle, bei denen Chamberlain eine verborgene jüdische Abstammung oder eine jüdische Beeinflussung seines Gegenübers zu erkennen glaubte. Und tatsächlich hatte der Brite bereits nach dem ersten Besuch bemerkt, der zum zweiten Mal verheiratete Indologe sei „nicht bloss Ehemann, sondern auch Ehekrüppel“, da neben seiner Ehefrau auch noch „Gattin Nr. 2 und Gattin Nr. 3“ existierten, zwei „ultraerwachsene Stieftoechter […]. Und – o Wunder der Natur – diese adligen Töchter sind, was weder Vater noch Mutter im Geringsten in Wesen noch in Bezug auf Intellekt sind – unverkennbare Jüdinnen! […] Kalt, unmanierlich, unelegant. Sonnenthal das höchste Ideal des Menschenthums.“563

Schroeders zweite Ehefrau Lilly hatte offenbar aus einer früheren Beziehung zwei Töchter mit in die Ehe gebracht, deren Vater nach Chamberlains Meinung ein Jude gewesen sein musste.564 Als „Bastarde“ wirkten sie nun negativ auf den Stiefvater ein und hielten ihn von der Erkenntnis wesentlicher rassischer Zusammenhänge ab. Auch Cosima Wagner wurde über diesen Sachverhalt ins Bild gesetzt: „Der Schroeder ist auch verheiratetet u. zwar hat der Arme gleich 3 Frauen […]. Die Gattin sehr zart u. ‚langnid‘, die Stieftöchter ganz das Gegentheil und – unverkennbare Jüdinnen!! Der Ärmste: ich hatte es ihm gleich als er mich besuchte angemerkt, dass irgendwo a skeleton in the cupboard steckte“.565

Drei Jahre später, im Herbst 1907, wurde Schroeders Weigerung, die Juden als Wurzel allen Übels zu sehen und die „Judenfrage“ zum drängendsten Teil der größeren „Rassenfrage“ zu machen, noch einmal zum Gegenstand eines Konflikts, in dessen Verlauf sich Chamberlain sogar gezwungen sah, seinem Freund eine Lektion in politischer Praxis zu erteilen: Im Mai des Jahres hatte die christlichsoziale Partei Karl Luegers erhebliche Wahlerfolge erzielt und stellte im österreichischen Abgeordnetenhaus fortan die größte Fraktion. Im Kampf um die Macht attackierte Lueger alle politischen Gegner und denunzierte sie als „verjudet“. Zu diesen Gegnern gehörte auch die Wiener Universität, die als liberales Bollwerk galt und als Sammelpunkt deutschnationaler Protestanten ein naheliegendes Feindbild abgab. Die „Wiedereroberung“ der Universität wurde so zum politischen Schlagwort, das Lueger in einer Grundsatzrede auf dem österreichischen Katholikentag im November 1907 prägte.566

Derart diffamiert, reagierten die Hochschullehrer mit einer Reihe von Stellungnahmen in der „Neuen Freien Presse“, der wichtigsten liberalen Tageszeitung der Donaumonarchie. Unter ihnen fand sich auch Leopold von Schroeder, der in zwei vergleichsweise handzahmen Wortmeldungen die Freiheit der Forschung ins Feld führte, zugleich über die antisemitische Agitation der Christlichsozialen spottete und dabei seinen Freund Chamberlain als prominenten Kronzeugen zitierte:567 Obgleich charismatischer „Rassemensch“ und Vertreter der prachtvolle[n] Rasse“ des „österreichische[n] Deutschtum[s]“, habe Lueger sich übernommen und seinen politischen Abstieg eingeleitet: „‚Immer mit dem Stich ins Unmögliche‘, – sagt Chamberlain von der Kühnheit der Germanen –‚ sonst blieben sie lieber auf ihren Bärenhäuten liegen‘“.568

Verhallten diese Wortmeldungen weitgehend unbeachtet, zeitigte ein weiterer Artikel, in dem der Professor versuchte, der Debatte die Schärfe zu nehmen und ihre antisemitische Überformung zu thematisieren, unerwartete Folgen: In dem ebenso pathetischen wie ungeschickt konzipierten Text hatte er erklärt, es müsse „ein Unterschied gemacht werden zwischen Juden und Juden, wie auch zwischen Christen und Christen“, und dann gefordert: „Wollt ihr erfolgreich gegen diese Juden kämpfen, dann zeuget Kinder und erzieht sie nicht nur zu braven, sondern auch zu möglichst gebildeten, kulturell hochstehenden Menschen, damit sie die Konkurrenz der Juden aushalten können.“569

Derartige Töne freilich riefen nicht nur höhnische Polemiken aus dem christlichsozialen Lager hervor,570 sondern provozierten auch Widerspruch unter Schroeders deutschnationalen Kollegen. Der Indologe sah sich deshalb dazu genötigt, seinen Artikel um eine weitere Stellungnahme zu ergänzen. Dort führte er nun der Toleranz das Wort und bemerkte, es sei „selbstverständlich, daß wir jede wirkliche Überzeugung achten müssen“, selbst „die religionsfeindliche, antichristliche. […] Lessings Nathan war das große Vorbild dieses Standpunktes. Schillers und Goethes edler, idealer Humanismus stützte und kräftigte seine Vertreter.“571

Schroeders hilfloses Lavieren zwischen den Fronten zeigte deutlich, wie weit entfernt er von der politischen und gesellschaftlichen Realität war572 – ein Umstand, den Chamberlain deshalb auch zum Anlass nahm, um grundsätzlich zu werden. Bereits das für den Artikel gewählte Medium, die „Neue Freie Presse“, sei zur „ausschließlichen Vertretung der jüdischen Interessen […] von der Alliance Israèlite gegründet“ und „alles Geld, was an Abonnements und Annoncen in diese Kasse fällt […] ein direkter Beitrag zur Förderung der jüdischen Sonderinteressen“.573 Wer in diesem Blatt publiziere sei deshalb „verloren“, denn „das Niederträchtige schaltet mit dem Rechten ganz nach seinem Sinne“, und ein dort veröffentlichter Artikel käme „fast einem Verrate“ gleich.574

Vor allem aber sei die Differenzierung, wie Schroeder sie durch seine Unterscheidung zwischen dem Judentum insgesamt und den möglicherweise positiven jüdischen Individuen einzuführen versucht hatte, in einem solchen Rahmen abzulehnen, liefere sie doch dem Gegner Argumente, um die Existenz der „jüdischen Frage“ ganz in Abrede zu stellen: Von „guten und schlechten, klugen und dummen Juden“, zu sprechen, sei deshalb nur privatim statthaft: „Würden Sie unter uns gesprochen haben, so ließe sich nicht das Geringste einwenden. […] Ich selber habe liebe und verehrte jüdische Freunde und finde namentlich den geschäftlichen Verkehr mit redlichen und geschickten Juden besonders angenehm.“ In „der ‚freien Presse‘ hätte ich aber niemals solche Worte gesprochen, und zwar, weil sie an jenem Platze einen ganz anderen Sinn gewinnen […]. Denn dort bedeuten sie einfach: es gibt keine jüdische Frage. Und das ist die Unwahrheit, deren Verbreitung unter blöden Gojim sich die ‚Freie Presse‘ tagtäglich angelegen sein läßt.“575

Statt Lessings „Nathan“ oder dem „idealen Humanismus“ der Klassiker empfahl Chamberlain die Lektüre der Werke Herders, der „verlangt, daß jeder Staat die Maximalzahl der Juden bestimme und unter keinen Bedingungen überschreiten lasse, da sonst jeder Staat von ihnen werde zugrunde gerichtet werden. Die Toleranz gegen den einzelnen Juden, die freudige Anerkennung seiner Verdienste“ habe deshalb „gar nichts mit der Einsicht zu tun, daß das Judentum als Gesamterscheinung eine unberechenbar große Gefahr für unsere gesamte Kultur bedeutet.“576 Statt also „blauen humanitären Dunst“ zu verbreiten, wäre es Schroeders Aufgabe gewesen, eine klare Haltung zu beweisen und eine Minimalforderung zu veröffentlichen: „Den Juden alle Freiheit, jede Gleichberechtigung; nur diese eine Ausnahme: vom Volksschullehrer bis zum Universitätsprofessor, nirgends darf ein Jude Lehrer sein.“ Zu erreichen, dass diese Linie in der „Neuen Freien Presse“ gedruckt würde, „das wäre verdienstvoll gewesen.“577

Dieser Brief gehört zu den wenigen überlieferten Dokumenten, in denen man Chamberlain so offen und ohne die Deckung von Zitaten und Relativierungen dabei beobachten kann, wie genau und sicher er Weltanschauung und politische Praxis trennen konnte und welchen politischen Zielen er Priorität einräumte. Denn zunächst einmal hatte er hier Schroeder über die Spielregeln des politischen Diskurses ins Bild gesetzt: Darüber, dass es beim Schlagabtausch vor großem Publikum nicht um Erkenntnis ging, sondern um Deutungshoheit, dass es dort keinen Platz gab für inhaltliche Differenzierungen, sondern nur für klare, einfache Botschaften, und dass jede Partei das einmal Gesagte zu ihrem Nutzen zu instrumentalisieren suchte. Er hatte auch keinen Zweifel daran gelassen, wie im konkreten Fall die Frontverläufe zu bewerten waren: Anders als Schroeder, ging es Chamberlain nicht um die Verteidigung der Wissenschaft gegen eine klerikale Partei, oder um die Herstellung eines fairen Debattenklimas, sondern um die Bekämpfung des Judentums und der weltumspannenden „Alliance israélite“. Die rassisch definierten Juden – für Schroeders religiöse Argumentation hatte der Brite hier keine Zeile übrig – waren der eigentliche Feind, dem auch an den Universitäten der Kampf zu gelten hatte. Obwohl der anti-katholische Chamberlain sicher kein Freund Luegers und der Christlichsozialen war, sah er in ihnen doch offenbar eine politische Kraft, welche die wichtigsten Punkte seiner Weltanschauung in konkrete Politik übersetzten würde: Der eben zur Macht gelangte Wiener Bürgermeister ließ auf eine antisemitische Politik, auf konkrete, die Juden beschränkende Gesetze, hoffen. In diesem Sinne versuchte Chamberlain nun auch Schroeder für das Praktische, das Machbare zu sensibilisieren – ganz so, wie er es sich in Cosimas Schule zu Eigen gemacht hatte.578

Zwar lässt sich nicht mehr im Einzelnen nachvollziehen, wie groß Chamberlains Einfluss auf Schroeder in politischen Fragen gewesen sein mag. Allerdings zeigt dessen Biographie eine deutliche Annäherung an das Lager des politisch organisierten Antisemitismus in Wien: Der Professor wandte sich von den liberalen Zeitungen ab und der radikal deutschnationalen und antisemitischen „Ostdeutschen Rundschau“ zu, für die auch Chamberlain und seine Freunde aus dem „Neuen Wiener Wagner-Verein“ schrieben.579 Und nicht nur in der Zeitung, auch in seiner Funktion als Universitätsprofessor bezog er eine klare Position: So marschierten anlässlich eines Kommerses der deutschnationalen Studentenverbindungen zur Feier von Richard Wagners 100. Geburtstag im Februar 1913 im Hof der Universität deutschnationale und jüdische Studenten auf580 – eine Situation, die an den berüchtigten Wagner-Kommers von 1883 erinnerte, mit dem Georg von Schönerer den Startschuss für mehr als zwei Jahrzehnte des politischen Aufruhrs und der gewalttätigen Auseinandersetzungen an der Wiener Universität gegeben hatte.581 Um die auch nun wieder drohende Massenschlägerei zu verhindern, betrat der Direktor in Begleitung einiger Professoren die Szene, unter ihnen Schroeder als Dekan der Philosophischen Fakultät. „Plötzlich“, so erinnert sich der Indologe in seiner Autobiographie, „stimmten die Deutschen die ‚Wacht am Rhein‘ an.“ Die jüdischen Studenten, durch das Absingen des bei den Deutschnationalen beliebten Kampfliedes herausgefordert, antworteten „mit schrillen Pfiffen“. Da, so schreibt Schroeder, „drehte ich mich um, fuhr sie an und verbot ihnen auf das Bestimmteste, ein Lied wie ‚Die Wacht am Rhein‘ auszupfeifen; dann wandte ich mich wieder um, den Deutschen zu, schwenkte den Hut und sang ‚Die Wacht am Rhein‘ selbst mit, bis sie in würdiger Weise zu Ende geführt war. Die Deutschen waren voll Begeisterung, die Juden aber voll Wut gegen mich.“.582 Schroeder, der bei der anschließenden Gedächtnisfeier den Festvortrag zum Thema „Richard Wagner als nationaler Dramatiker“583 hielt, war zum Helden der deutschnationalen Studenten geworden, die ihm mit einem Festumzug zu seinem Haus und der Ehrenmitgliedschaft im Dachverband „Germania“ dankten.584 Chamberlain, so darf man annehmen, hätte dieses Mal nichts einzuwenden gehabt.

Der Nützliche: Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau

Weitaus mehr Strahlkraft und historische Wirkungsmacht als der betuliche Indologe entfaltete der 1869 geborene Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, ein junger und aufstrebender Diplomat, der im Januar 1902 im Rang eines Botschaftssekretärs von St. Petersburg nach Wien versetzt worden war. Dort stieg er, zunächst unter der Führung des Botschafters Fürst Eulenburg, dann unter dessen Nachfolger Karl von Wedel, bald zum Legationsrat auf. 1909 wurde er als Generalkonsul nach Budapest versetzt.585

Wahrscheinlich durch Eulenburgs Vermittlung lernten sich Brockdorff-Rantzau und Chamberlain kennen und bereits kurz nach seiner Ankunft in Wien erschien der Diplomat am 1. April 1902 erstmals zu einem der Leseabende in der Blümelgasse.586 Im Herbst des Jahres intensivierte sich die Beziehung, denn beide trafen sich fortan auch abseits der „Kantgesellschaft“ zum gemeinsamen Abendessen oder zur Teestunde.587

In ihrer detailreichen biographischen Studie über Brockdorff-Rantzau hat Christiane Scheidemann zurecht bemerkt, dieser habe sich durch seine Nähe zu Chamberlain als Mitglied in einem „intellektuellen Zirkel“ gefühlt, „der ihm sichtlich das Gefühl der Zugehörigkeit oder zumindest der Teilhabe an einem exklusiven Kreis vermittelte“, ausgelöst durch das selbstbewusste Auftreten des Briten in weltanschaulichen Fragen: „Was Rantzau an der Person Chamberlains am meisten zu imponieren schien, waren dessen Überzeugungsgabe und fester Standpunkt.“588 Der mit dem Kennenlernen einsetzende Briefwechsel offenbart zudem, so noch einmal Scheidemann, die wesentlichen Themen des intellektuellen Austausches: Es waren „primär die in den ‚Grundlagen‘ behandelten Religions- und Kulturfragen“,589 insbesondere die Gegnerschaft zum katholischen Ultramontanismus, die Geringschätzung der institutionalisierten Kirche und die Hoffnung auf eine Erneuerung des Protestantismus. Auch im Antisemitismus wie in der Beschäftigung mit Rassefragen habe es Schnittmengen gegeben, obwohl diese für Brockdorff-Rantzau nicht im Vordergrund gestanden hätten.590 Der Abgleich mit den Quellen bestätigt diese Einschätzung: Chamberlain erging sich in ausführlichen antikatholischen Erörterungen591 und versorgte den Freund nicht nur mit seinen eigenen einschlägigen Schriften zum Thema,592 sondern schickte auch Texte von Rasseforschern, etwa aus der „Politisch-Anthropologischen Revue“.593

Wichtiger als diese intellektuellen Verbindungen dürften für den Briten allerdings Brockdorff-Rantzaus Kontakte gewesen sein: Durch den Abgang Eulenburgs aus Wien hatte der Brite seinen Verbindungsmann zum Kaiser verloren, eine Leerstelle, die nun Brockdorff-Rantzau ausfüllen sollte. Der wiederum war dazu offenbar nur allzu gern bereit, wie der Blick in Chamberlains Tagebuch belegt: Die privaten Verabredungen zum Diner oder Tee waren selten reine Freundschaftsbesuche, sondern trugen häufig den Charakter von Arbeitstreffen: „Abds. Graf Brockdorff-Rantzau allein bei uns“, heißt es da, „mit ihm nach Tisch bis Mitternacht über den neuen B[rie]f an den Kaiser korrigiert (vorg[elesen], umgearbeitet etc.)“;594 oder auch: „Graf Brockdorff-Rantzau zum Essen; viel üb. den Kaiser, über Minister von Hartel, Baron Andraszy usw.“595 Dies waren die Gelegenheiten, bei denen der Graf tatkräftig dabei half, Chamberlains Schreiben an den Monarchen zum richtigen Ton zu verhelfen und anschließend dafür sorgte, dass die Briefe auch zuverlässig ihren Adressaten erreichten. Nicht zu Unrecht spielte Chamberlain deshalb einmal scherzhaft auf diese Funktion an, als er den Freund als „zweiten Eulenburg“596 betitelte.

So ist es kein Wunder, dass das Verhältnis zwischen dem Briten und dem jungen Diplomaten ausgerechnet zwischen Herbst 1902 und Frühjahr 1903 besonders eng wurde: Es war dies, wie weiter oben ausführlich geschildert, die Phase, in der Chamberlain gegenüber Wilhelm II. in die Offensive ging. Den Vermittlungsbemühungen des Freundes war es auch zu verdanken, dass der Brite im September 1903 noch einmal in Wien mit dem Kaiser zusammentreffen konnte, denn es war Brockdorff-Rantzau gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass ein solches Treffen überhaupt zustande kam.597 Schließlich hatte der Graf auch in der Frage des Kant-Aufsatzes für die „Deutsche Ruhmeshalle“ im Mai 1903 die Kommunikation zwischen Chamberlain und dem das Unternehmen leitenden Eulenburg übernommen.598

Auch wenn er freundschaftliche Gefühle für Brockdorff-Rantzau hegte – und daran kann angesichts des überlieferten Briefwechsels kein Zweifel bestehen599 –, so war das Verhältnis ganz offensichtlich von beiden Seiten durch Nützlichkeitserwägungen geprägt. Nur so wird die Geschwindigkeit erklärlich, mit der die Beziehung erst an Intensität gewann und diese wieder verlor, als sich Chamberlains Einfluss auf den Kaiser verringerte. Noch 1903 hatte Brockdorff-Rantzau den Freund in seinen „Jockey-Club“ eingeführt und seinen aristokratischen Bekannten vorgestellt.600 Aber schon in der ersten Jahreshälfte 1904 wurde der Kontakt spärlicher, auch weil der Diplomat beruflich stark eingespannt war und häufiger außerhalb Wiens weilte.601 So endeten nicht nur die Treffen in der Blümelgasse, sondern auch der Briefkontakt verlor schnell an Intensität und schlief, abgesehen von einigen kurzen Lebenszeichen, bald ganz ein. Für Brockdorff-Rantzau hatte sich offenbar nicht nur der intellektuelle Reiz Chamberlains und seines Kreises erschöpft, sondern es scheint, als ob durch die schwindende Nähe zum Kaiser eine wichtige – vielleicht sogar die wesentliche – Motivation weggefallen war, sich mit dem Briten zu beschäftigen. Chamberlain selbst bedauerte diese Entwicklung und versuchte mehrfach, den Kontakt zu dem auf Distanz gegangenen Freund wiederaufzunehmen – vergeblich.

Ein anderes Mitglied der „Kantgesellschaft“ indes dürfte diese Entwicklung mit Genugtuung registriert haben: Rudolf Kassner, der wenig Positives über den Diplomaten zu sagen wusste. Er sei „boshaft, zynisch, schlagfertig, anhänglich, auch gütig, nicht ohne ein gewisses Schwärmerisches, merkwürdig unsicher, plötzlich hochfahrend.“ Eine mit Brockdorff-Rantzau gemeinsam verbrachte Fahrt im Botschafts-Fiaker zum Leseabend in der Blümelgasse regte Kassner gar zu einer boshaften Assoziation an: „Zu erwidern war nichts, und mir fiel nur, und zwar im Augenblick, Mime ein, der Siegfried in einer Szene von großer Genialität des Dichterischen, ihm den Sud hinhaltend, übereifrig gesteht, daß er ihm den Kopf abhauen werde“.602

Anders als der gierige Zwerg Mime aus Wagners „Ring“ allerdings stolperte Brockdorff-Rantzau nicht über die Unfähigkeit, seine wahren Absichten zu verbergen: Nach Stationen in Budapest und Dänemark wurde er während des Ersten Weltkrieges zu einem zentralen diplomatischen Akteur bei der verdeckten Unterstützung der revolutionären Kräfte in Russland.603 Im Dezember 1918 stieg er zum Staatssekretär im Auswärtigen Amt auf und avancierte anschließend zum ersten Außenminister der Weimarer Republik. Doch diese Karriere endete, als er sich weigerte, den Versailler Vertrag zu unterzeichnen. 1922 schließlich gelang ein politisches Comeback, das ihn in sein letztes Amt und auf den Posten des deutschen Botschafters in der Sowjetunion führte. Aus dem weltanschaulichen Dunst der Blümelgasse hatte er sich da längst befreit: Der ganz dem Erhalt der deutschen Großmachtstellung verpflichtete Diplomat war zum „Vernunftrepublikaner“604 geworden, der auf Freihandel und Wirtschaftsimperialismus statt auf militärische Macht und kriegerische Revision des Versailler Vertrages setzte. Im September 1928 starb Brockdorff-Rantzau, 59-jährig, überraschend an den Folgen eines Schlaganfalls.

Der Favorit: Rudolf Kassner

Das wohl schillerndste Mitglied des Chamberlain-Kreises war der dem Grafen in so herzlicher Abneigung verbundene junge Schriftsteller Rudolf Kassner. Der Sohn eines schlesischen Gutsbesitzers hatte in Wien und Berlin Geschichte, Philosophie und Nationalökonomie studiert und 1897 mit einer Promotion über den „ewigen Juden in der Dichtung“ abgeschlossen. Nach ausgedehnten Reisen kam Kassner, der mit vielen Vertretern der Wiener und Münchner Künstlerszene bekannt war, nach Wien und knüpfte dort im Winter 1900/01 Kontakt zu Chamberlain.605

Der zeigte sich aufgeschlossen und lud den jungen Mann in die Blümelgasse ein: „Ich interessiere mich für einen jungen Schriftsteller u. Gelehrten hier von seltener Begabung, Rudolf Kassner“, schrieb er an Cosima. „Der Mann hat viel gelesen, war jetzt 1 ½ Jahr in Oxford u. London, 1 Jahr in Paris, hielt sich auch in Belgien und Holland auf, kennt die ganze jetzige Welt der Feder“.606 Bei einem gemeinsamen Abendessen sei die Sprache auf Nietzsche gekommen, wobei der anwesende Leopold von Schroeder sich „entsetzt über die Urtheilsverwässerung einer Welt“ gezeigt habe, „welche die Werke eines Wahnsinnigen sich auswählt um sie als ein Höchstes u. Weisestes zu loben u. sich davon zu nähren.“607

Hatte der Professor damit ganz der Linie Chamberlains und Cosimas entsprochen, so überraschte der junge Gast: „Und da springt mein Kassner erregt auf […] und erklärt, Zarathustra sei […] eine Reihenfolge von göttlich schönen Hymnen, eines der unsterblichen Werke des Weltlitteraten“.608 Der Brite entwickelte, trotz inhaltlicher Reserve, ganz offensichtlich Sympathie für den fast 20 Jahre jüngeren Kassner, der da so leidenschaftlich für seine Überzeugung eintrat. Obgleich die Verteidigung des in Wahnfried verhassten Nietzsche eigentlich inakzeptabel war, erschien Kassner offenbar als ein potentiell nützliches Mitglied in Chamberlains Freundeskreis – allerdings nur, wenn es gelang, ihn auf den „richtigen“, rassistisch-antisemitischen Kurs zu bringen.

Der junge Autor indes schickte sich an, zu einem prominenten Akteur der Wiener Literatenkreise des Fin de Siècle zu werden und versuchte, sich ein eigenes Netzwerk aufzubauen. Mit seinem 1900 erschienenen Buch „Die Mystik, die Künstler und das Leben“, einer Essay-Sammlung über englische Dichter und Maler, fand er vor allem in Künstlerkreisen Beachtung, der große Publikumserfolg jedoch blieb aus. Nun war er auf der Suche nach einer „geistigen Bleibe“609 und einem Wegweiser in die erfolgversprechenden Kreise des gehobenen Bildungsbürgertums. Dabei schien der Bestseller-Autor Chamberlain vielversprechend zu sein, bot er doch Zugang zu eben dieser Welt. Außerdem lockte die Möglichkeit zum intellektuellen Austausch, denn der kulturkritische Kassner fühlte sich angezogen vom „illiberalen Geist“,610 der ihm in den „Grundlagen“ begegnet war.

Chamberlain wiederum dankte die Verehrung mit herzlicher Anteilnahme am Schicksal des Nachwuchsautors und machte ihn ab Januar 1901 zum festen Bestandteil seines persönlichen Freundeskreises – in Anbetracht seiner ausgeprägten Menschenscheu war dies ohne Zweifel ein Zeichen echter Zuneigung. Er führte Kassner auch mit Siegfried Wagner zusammen, als dieser im Januar 1902 in Wien weilte,611 und sorgte dafür, dass der junge Literat zum regelmäßigen Gast im Münchner Salon von Elsa und Hugo Bruckmann wurde.612 Doch es dauerte keine zwei Jahre, bis das Verhältnis von tiefen Rissen beschädigt war, für die der Brite nur eine Erklärung fand: den negativen Einfluss der Rasse.

Ihren Anfang nahm diese Entwicklung mit einem Schreiben Cosimas aus dem Mai 1903, in dem die Herrin des Festspielhügels über ihre neueste Lektüre plauderte: Kassners soeben bei Bruckmann unter dem Titel „Der indische Idealismus“ erschienenes Buch, ein schmaler Band von etwa 100 Seiten. In dem ganz der zeittypischen Indien-Begeisterung folgenden religionsphilosophischen Essay beschäftigte sich der Autor vor allem mit der Bhagavadgita, an deren Neuübersetzung zur selben Zeit Leopold von Schroeder arbeitete und die auch zu Chamberlains Lektüre gehörte.613 Im Mittelpunkt der Erörterungen stand die Gegenüberstellung von „indischer“ und „abendländischer“ Dichtkunst, die als Vehikel für eine Kritik an der eigenen Gegenwartskultur diente: Während der indische Dichter, laut Kassner, im Einklang mit sich und der Welt schreibe, sei der europäische Literat im Rationalismus, im Glauben an „Systeme“ gefangen und habe somit keinen Zugang zur organischen Einheit von Leben und Kunst.614 Diese alles andere als originäre Vorstellung, die auch Chamberlain wenig später in seiner „Arischen Weltanschauung“ aufgriff,615 bildete die Basis für eine mystizistische Darstellung der alten Inder, in die sich Gedankengänge mischten, die dem abendlichen Gesprächskreis in der Blümelgasse entsprungen zu sein schienen. „Geschichte“, so stellte Kassner etwa kategorisch fest, „ist äußere Politik, und die äußere Politik bildet im Innern Parteien. Die Politik des Inders war seit den ältesten Zeiten Rassenpolitik, und statt der Parteien finden wir die Kasten.“616 Auch andere Passagen wiesen eine erstaunliche Nähe zu Chamberlains Vorstellungen auf, wie sie in den „Grundlagen“ oder in der „Arischen Weltanschauung“ formuliert waren, jedoch lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen, wer hier auf wen gewirkt hat – dass eine intellektuelle Wechselwirkung stattfand, ist allerdings nicht zu übersehen.617

Cosima indes zeigte sich nach der Kassner-Lektüre vor allem irritiert: Zwar würde der Autor „seinen weiten Gegenstand gut […] umfassen“, die Sprache aber schien ihr „stark unter dem Einfluss der letzten Nietzsche’schen zu stehen. Die kurzen, pointirten Sätze wollen mir nicht recht deutsch erscheinen“.618 Das war eine harte Kritik, denn jeder Vergleich mit dem verhassten Nietzsche wog schwer und Chamberlain, der sich seiner einstigen „Meisterin“ ganz offensichtlich als Begründer eines eigenen gelehrten „Kreises“ präsentieren und Kassner als seinen Schüler einführen wollte, musste vorsichtig sein, Cosima nicht zu verstimmen. Das beste Mittel schien es deshalb zu sein, die Freundin in ihrer Rolle als „Parakletin“, als Mittlerin zwischen Ideal und Wirklichkeit, anzusprechen und um ihre Hilfe zu bitten: „Es freut mich herzlich“, begann er sein Unterfangen, „wenn Sie diesen interessanten Menschen kennen lernen, und […] noch mehr würde es mich freuen, wenn sich die Gelegenheit böte, daß er Ihnen nahetreten dürfte.“ Dies „könnte […] einen bedeutenden Einfluß auf sein ganzes Leben ausüben, einen sehr heilsamen, wie ihn wohl unter Lebenden nur Sie allein ihn ausüben könnten.“619

Dieser schmeichelhaften Anbahnung folgte ein Loblied auf Kassners Charakter, auf dessen „Größe der Seele“ wie auf seine „sorgfältig geheim gehaltene Güte des Herzens“, für die Chamberlain, wie er pathetisch bemerkte, „ihn noch mehr liebe und bewundere, als für seinen unleugbaren Reichtum an Geist und Kenntnissen“. Allerdings, so räumte er ein, sei es „jammerschade, eine so große Begabung im Fahrwasser der schlimmsten Modemodernität segeln zu sehen“. Kassner fühle sich „bemüssigt, einen Nietzsche zu copiren, und bei einem Maetterlink in die Schule zu gehen und gar einen Oscar Wilde zu seinem Halbgotte sich zu erheben! […] Ein Mann wie Stefan George ist für ihn der größte Dichter!“620

Eine solche Fehlentwicklung verlangte nach Erklärung und Chamberlain fand sie in Kassners Umgang: „Jeder unsaubere jüdische Macher“ und jede Ansammlung „feuilletonisierender hethitischer Scribenten“ scheine „auf K. eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben“. Mit „diesen Menschen sitzt er bis in die Nacht hinein im Kaffeehaus; ihre Sache preist er als ein Höheres, ihnen strebt er nach. Es ist wirklich ein Jammer“, schrieb er betrübt nach Bayreuth. Kassners Denken und Werk waren demnach kontaminiert vom schädlichen Einfluss der Juden und „semitischen Bastarde“ in seinem Umfeld – nichts anderes meinte der Verweis auf die Hethiter, die Chamberlain zu den Rassen zählte, aus denen die Juden hervorgegangen waren und von denen diese nicht nur den „Rundkopf“, sondern auch die „Judennase“ geerbt hätten.621

Dabei sei der Freund eigentlich „ein echt deutscher Mann […] ganz reiner Abstammung“ und auch hinsichtlich seiner „germanischen Gesinnung“ ausreichend überprüft: „Ich bin es“, schrieb Chamberlain nach Bayreuth, „der ihn auf die indischen Studien gebracht hat und somit in ein Gebiet, wo sich die Rassenverwandtschaft bethätigen mußte“. Angesichts des drohenden Absturzes in den rassischen und intellektuellen Abgrund konnte deshalb nur noch Cosimas Einfluss helfen: „Und doch“, formulierte Chamberlain beschwörend, „denke ich an Ihr Auge und Ihr Wort, so möchte ich nicht alle Hoffnung aufgeben.“

Zwar kam es nicht zu einer persönlichen Begegnung, doch die Festspielleiterin blieb Kassner zunächst weiter gewogen, zeigte sich erfreut über dessen Erfolge und nahm im Dezember 1903 insbesondere seine Übersetzung von Platons „Gastmahl“ positiv zur Kenntnis.622 Mittlerweile hatte sich allerdings Chamberlains Blick auf Kassner ernstlich eingetrübt, da dieser weiterhin in den Kreis um Stefan George gravitierte. So wurde ausgerechnet das von Cosima gelobte „Gastmahl“ zu einer weiteren Etappe im Prozess der Entfremdung und auch hier griffen wieder antisemitisch überformte Erklärungsmuster: Kassner habe in seiner Platon-Übersetzung das griechische „Daimon“ mit „Heiland“ übersetzt, obwohl Chamberlain einzig die Bezeichnung als „Paraklet“ angemessen schien,623 die zugleich seine religiösen Vorstellungen wie sein Verhältnis zu Cosima berührten. Das blieb nicht ohne Folgen: Kassners Arbeit sei, so urteilte er nun gnadenlos, „für alle Menschen von Geschmack u. Kenntniss verunziert u. verdorben“ und „ein Schlag ins Gesicht. […] Zu schade. Originalitätssucht u. jüdische Umgebung sind schuld.“624 Angesichts des erneut erhobenen Vorwurfs schwenkte nun auch Cosima auf die eingeübte Linie ein und änderte ihr Urteil: „Dank auch für Ihre Worte über Kassners Platon. Wie kam er nur auf solchen Unsinn? Das ist eine thörige Frage, denn Sie erklären es mir.“625

Obgleich Chamberlain und Kassner weiterhin freundschaftlich miteinander verkehrten, war das Verhältnis fortan nachhaltig vergiftet. Dem gemeinsamen Freund Hermann Graf Keyserling etwa schrieb der Brite im Januar 1904 gehässig, Kassners „Erfolge u. die Anerkennung“ seien „sehr geringfügige; sie beschränken sich darauf, dass die Judenmischpoche der ‚Neuen Deutschen Rundschau‘ ihn in die Schaar ihrer ‚Geistvollen‘ aufgenommen hat. Im Übrigen dringt er nicht durch, wird höchstens hin u. wieder als ‚Kaffeehausmystiker‘ genannt“. Selbst „die Leute aus dem engeren Kreise um Stephan [sic!] George herum erklären, er ‚würde nur schreiben können‘. Das merkt er also alles noch nicht“.626

Kassner, dies zeigen die Korrespondenzen ganz deutlich, hatte sich nicht in Chamberlains Weltanschauung gefügt, hatte das Rasse-Dogma nicht akzeptiert, war nicht zum paranoiden Antisemiten geworden und hatte sich obendrein in anderen, konkurrierenden Kreisen umgetan. Das disqualifizierte ihn nicht nur als intellektuellen Gesprächspartner, sondern machte ihn auch ungeeignet für eine enge persönliche Freundschaft. Während der Kontakt langsam einschlief, wurde der einstige Favorit im Chamberlain-Kreis erneut – und dieses Mal endgültig – heruntergestuft: In dem Brief, in welchem er Kassner als Mann von „ganz reiner Abstammung“ bezeichnete, findet sich an eben dieser Stelle ein später hinzugefügter Zusatz aus der Hand von Chamberlains Ehefrau Eva. Er lautet: „grosser Irrthum damals, später anders erkannt!“627 Zumindest privatim hatte Chamberlain also seinen einstigen Freund zum „Bastard“ erklärt.

Dieser war freilich bereits erfolgreich seiner eigenen Wege gegangen und hatte sich als Schriftsteller und antimodern-mystizistischer Kulturphilosoph einen Namen gemacht. Trotzdem scheint Chamberlains Ablehnung nachgewirkt zu haben, denn Kassner fügte seinen 1938 erschienenen Lebenserinnerungen den Abdruck der Briefe bei, die der Brite ihm zwischen 1900 und 1906 geschrieben hatte und die nun als Ausweis der Bewunderung dienen sollten, die ihm einst von Chamberlain entgegengebracht worden war. Sie wurden flankiert durch ein Urteil über den früheren Freund, das zeigt, wie schlecht der Schriftsteller die Zurückweisung verwunden hatte: „Houston Stewart Chamberlain hatte die Gewohnheit angenommen, Persönlichkeit mit großer Persönlichkeit zu verwechseln und zum Teil darauf, auf etwas also, das wie ein Trick aussehen konnte, seine politischen Anschauungen aufgebaut“, bemerkte Kassner spitz und fuhr fort: „Ich habe einmal versucht, ihm das klarzumachen. Als Deutscher. Da brach aber plötzlich der Engländer bei ihm durch, der das nicht wahrhaben wollte, und zwar aus einer gewissen natürlichen Anlage zum politischen Denken.“ In Chamberlain, so urteilte er scharf, „war ein Pragmatist versteckt. […] Ich war aus Instinkt, möchte ich sagen, gegen jede Art von Pragmatismus […]. Er ist mir stets billig, ja schäbig, entschieden unheroisch vorgekommen, als ein Zeichen einer präformierten Verkalkung des Geistes, zudem auch falsch.“628

Der Ziehsohn: Hermann Graf Keyserling

Hermann Graf Keyserling wurde 1880 in Könnö im russischen Gouvernement Livland in eine deutsch-baltische Aristokratenfamilie geboren.629 Sein Vater, Alexander Graf Keyserling, war ein bekannter Geologe an der Universität Dorpat, dem der Sohn nacheiferte, indem er 1897 ein Geologie-Studium begann. Doch der Vater starb überraschend und der gerade einmal 21jährige geriet in eine tiefe Krise. Auf der Suche nach einem väterlichen Freund und intellektuellen Mentor wandte er sich an Chamberlain, dessen „Grundlagen“ er begeistert gelesen hatte und den er nun mit jugendlichem Überschwang verehrte. Noch Jahre später sollte er ihn als „erste[n] und wichtigste[n] Gegenstand echter Verehrung, den ich gehabt habe“,630 bezeichnen und vor allem Chamberlains Dilettantismus – positiv verstanden als Universalismus, als „Vielfalt schöpferisch vereinheitlicht“631 – hervorheben. Wie Kassner, den er in diesem Kreis kennenlernte und mit dem ihn bald eine Freundschaft verband, gehörte Keyserling fortan zu den regelmäßigen Gästen in der Blümelgasse. Chamberlain wiederum nahm die ihm angetragene Rolle als Mentor gern an und begriff durchaus die Tragweite seines Engagements: „Es wird eine gute Tat meines Lebens sein, dass ich in der kritischer Periode Ihrer Entwicklung es vermochte, etwas für Sie zu sein – etwas Wirkliches, wahrhaft Förderndes“,632 schrieb er später.

Unter seinem Einfluss wandte sich Keyserling von der Geologie ab und der Philosophie zu, entwickelte dabei allerdings nicht nur einen großen Ehrgeiz, sondern auch ein übergroßes Selbstbewusstsein. Schon bald sah der junge Mann sich selbst und sein noch überschaubares Werk in einer Reihe mit Sokrates, Jesus und Luther,633 eine Entwicklung, die Chamberlain zunehmend besorgte, so dass er, ganz wie bei Kassner, auf Cosimas Hilfe bei der Disziplinierung seines Eleven setzte. Die Festspielleiterin war derweil ebenfalls auf den jungen Literaten aufmerksam geworden, da dieser ihr ungefragt ein Aufsatzmanuskript nach Wahnfried geschickt und Vorschläge für die Verbesserung der Festspiele unterbreitet hatte.634 Obwohl sie für solcherlei Anmaßungen nichts übrig hatte, amüsierte sie der freche Vorstoß, und da sie aus früheren Mitteilungen Chamberlains wusste, dass dieser Keyserling unter seine Fittiche genommen hatte, schrieb sie nach Wien: „Ich erhielt von Graf Keyserling einen sehr liebenswürdigen Brief. […] Erst hier erfuhr ich, dass der Graf 23 Jahre ist! Da darf man etwas thörig sein, den Schwung Byrons mit dem Schwulst Schumanns verwechseln […]. Nur würde ich bedauern, wenn er Journalist würde u. die Geologie für die Geistreichigkeit zurückstellte.“635

Chamberlain nutzte die Gelegenheit, um Cosima ausführlich über den jungen Mann in Kenntnis zu setzen: Der „arme Keyserling“, so schrieb er, habe nicht nur den Vater verloren, sondern sich auch mit der Mutter überworfen, nachdem diese eine nicht standesgemäße Beziehung eingegangen war. Derart ohne Führung verdiene er „die nachsichtigste Beurtheilung“, denn er produziere „enorm viel und mit beängstigender Leichtigkeit. Er studirt unaufhörlich mit wahrem Heißhunger, dann drängt es ihn, sich darüber schriftlich klar zu werden.“ Allerdings drohe Keyserling „in die unfruchtbare Stimmung des Mannes [zu] gerathen, der sich für ein verkanntes Genie hält“ und solle deshalb zunächst für Zeitschriften schreiben, um sich die „literarischen Hörner“ abzustoßen. Dabei benötige er allerdings einen strengen Lehrer und so habe der junge Mann „manche derbe Wahrheit zu hören bekommen und auch ich habe (auf seine Bitte) seine kleinen Arbeiten ausführlich und rücksichtlos kritisiert.“636

Tatsächlich war Chamberlains Einfluss tiefgreifend und blieb nicht auf die Arbeit beschränkt: Der „immer hervorragend gut angezogene“ Brite habe, so erinnerte sich Keyserling später, ihm „zum erstenmal klargemacht, […] daß Kleider wirklich, wie man sagt, Leute machen“ und ihn sogar zum Tragen eines Bartes überredet, „weil er die Disproportion zwischen Stirn und Mundpartie für unerträglich hielt“.637 Auch das Wiener Nachtleben und die Begegnungen mit Chamberlains Freunden gehörten zum Erziehungsprogramm: Keyserling genoss „jene Nächte mit Siegfried Wagner in den Quartieren längst pensionierter, verjährter, verfetteter Wagnersängerinnen […], für deren Gesellschaft Siegfried Wagner eine besondere Vorliebe hatte“,638 und verbrachte Abende mit Gustav Schönaich, diesem „geistreichen, aber charakterlosen und schmarotzerhaften greisen Musikkritiker, welcher mehr von Falstaff hatte als irgendein anderer Mensch, den ich kenne“.639 Gleichwohl blieb es die Arbeit, die das Verhältnis wesentlich prägte: Chamberlain kritisierte Keyserlings Schriften ausführlich, kenntnisreich und wohlwollend und wurde so nicht nur väterlicher Freund, sondern auch Lehrer und Förderer des angehenden Schriftstellers.640

Der wiederum versuchte sich schon bald an einem größeren Werk und veröffentlichte 1905 sein erstes Buch unter dem Titel „Das Gefüge der Welt“, welches direkt auf eine Anregung seines Mentors zurückging.641 Viele der darin ausgebreiteten Ideen – etwa die Forderung nach einer spirituellen Wiedererweckung und einer Ständegesellschaft unter Führung einer adligen Geisteselite – waren Variationen von Chamberlains Weltbild. Anderes jedoch rief den Widerspruch seines Lehrers hervor, wobei es vor allem Keyserlings Rückgriffe auf Nietzsche und Schopenhauer waren, die Kritik provozierten. Trotzdem hielt er an seinem Schüler fest, vermittelte ihn an Maximilian Hardens „Zukunft“642 und stärkte ihm den Rücken gegen den zum Konkurrenten aufwachsenden Rudolf Kassner: Alles was diesen „aus dem düsteren Umkreis von Zuckerfabrikanten u. jüdischen Geistausschrotern zu freien, angenehmen, anregenden, ihn bildenden u. beglückenden Beziehungen emporgehoben“643 habe, sei, so schmeichelte Chamberlain dem Schüler, in Wahrheit Keyserlings Anregung gewesen.

Die daraus erwachsende intensive Freundschaft lag auch in Chamberlains privater Situation begründet, dessen Ehe in eine Krise geraten war. In dieser schwierigen Zeit, die 1906 in der Ehescheidung mündete, war Keyserling sein wichtigster Ansprechpartner, der sich in seiner 1948 veröffentlichen Autobiographie deshalb zu Recht als intimer Kenner des Briten darstellen konnte.644 Überhaupt bildet das etwa dreißigseitige Kapitel, das Keyserling in dieser Schrift Chamberlain widmete, wohl die früheste kritische Auseinandersetzung mit dessen Person wie mit den Grundzügen seines Werkes und erweist sich in vielen Details auch heute noch als überraschend treffsicher. Umso irritierender ist es, dass insbesondere die neuere Chamberlain-Forschung nur die affirmativen Passagen aus Keyserlings Text zitiert, den kritischen Gehalt seiner Einschätzungen aber ausblendet.645 Es ist deshalb lohnenswert, sich dieser frühen biographischen Quelle etwas genauer zu widmen.

Mit dem Abstand von einigen Jahrzehnten beschreibt Keyserling dort ausführlich die Geschichte dieser Freundschaft, nicht frei von Eitelkeit, zugleich aber mit spürbarer Zuneigung zum Menschen Chamberlain. Aus den zahlreichen Abenden in der Blümelgasse, den wöchentlichen Spaziergängen und den Lese- und Diskussionsstunden mit den Freunden der „Kantgesellschaft“, sei eine Beziehung zum Ehepaar Chamberlain erwachsen, in der sich Keyserling als „das Kind im Hause“646 gefühlt habe. Hinzu kam die Förderung seiner Arbeit, die Chamberlain allerdings nur solange begeistert betrieben hätte, bis 1907 aufgrund der Veröffentlichung von Keyserlings Buch „Unsterblichkeit“647 ein Riss aufgetreten sei. Der Brite habe das Buch abgelehnt und „viel abfälliger“ geurteilt, „als dies aus Geistesgründen nötig gewesen“ wäre, was seinen Schüler ratlos zurückließ: Wer „einen jungen Menschen bejaht und fördern will, gibt ihm doch selbstverständlich auch Um- und Abwege vor.“648

In den folgenden Jahren publizierte Keyserling eine Reihe von Monographien und kleineren Schriften, von denen sein 1910 erschienenes Büchlein „Schopenhauer als Verbilder“649 sogar wieder die Zustimmung Chamberlains fand.650 Der hatte kurz zuvor in die Wagner-Familie eingeheiratet und sah sich dort in einen familieninternen Streit verwickelt: „Plötzlich schrieb er mir“, so erzählt Keyserling in seiner Autobiographie, die „Wagners und deren Kreis liefen Sturm gegen mein Schopenhauer-Buch, was ihn in seinem Schaffen störte; und bald darauf, er befände sich in der eigentümlichen Lage, zwischen seiner Frau und mir mehr oder weniger wählen zu müssen.“651

Chamberlains Begeisterung für das Buch ist leicht erklärlich, übernahm Keyserling darin doch nicht nur die in der Wagner-Biographie verbreitete Lesart, dass Wagners Interesse an Schopenhauer nur temporär und von untergeordneter Bedeutung gewesen war,652 sondern zog zur Stützung seiner Argumentation auch Chamberlains Säulenheilige Kant, Goethe und Christus heran. Außerdem führte er seinen einstigen Lehrer neben den prominenten Philosophen Hermann Cohen, Kuno Fischer und Rudolf Haym als einen der wesentlichen Kritiker Schopenhauers auf.653 Keyserlings Schopenhauer-Verriss, der zugleich eine Kritik an der Moderne und ein Plädoyer für eine noch zu begründende Geistesaristokratie war, erschien deshalb auch in der Schriftenreihe des völkischen Werdandi-Bundes, zu dessen Gründungsmitgliedern, neben Adolf Bartels, Arthur Moeller van den Bruck und Ludwig Schemann, auch Chamberlain gehörte.654 So sehr dieser sich für die Arbeit erwärmen konnte, so sicher war es, dass Keyserling den Zorn der Wagner-Familie auf sich ziehen musste – nicht wegen seiner Schopenhauer-Kritik, sondern wegen des aus Wahnfrieds Perspektive nur als blasphemisch zu bezeichnenden Umgangs mit Richard Wagner. Chamberlain muss den heraufziehenden Konflikt geahnt haben und wandte sich noch im Mai 1910 an Keyserling mit der Bitte, „den Begriff ‚Bayreuth‘ aus dem Spiel“ zu lassen, denn er bedeute ihm „ein Heiliges“.655 Der Freund richtete sich zwar danach und ließ den Themenkomplex „Bayreuth“ unerwähnt – eine milde Kritik an dem dort gepflegten Anspruch, mit Wagners Schriften eine allumfassende Lehre zu besitzen, formulierte er aber doch. Wagners Regenerationslehre, schrieb er da, sei die „Utopie einer sozialen Reformation“, bevor er abschließend bemerkte: „Die Philosophien großer Künstler sind nichts Unmittelbares, sie sind Abstraktionen aus ihrer Kunst, Übersetzungen aus der Gefühlssphäre, Rechtfertigungen, Begründungen, Beruhigungen.“656

Chamberlain versuchte offenbar noch kurz, familienintern für Keyserling einzutreten,657 dann aber reagierte er, wie er es in Wahnfried gelernt hatte und exkommunizierte den einstigen „Ziehsohn“ aus dem Kreis der Freunde: „Wohl schickte mir Chamberlain noch 1912 seinen ‚Goethe‘ mit der Widmung ‚in treuem Gedenken an vergangene Zeiten‘, strich aber nichtsdestoweniger die Widmung des ‚Kant‘ an mich bei einer späteren Auflage“, schrieb der Graf rückblickend nicht ohne Enttäuschung.658 Zudem versuchte der Brite, der Nachwelt ein falsches Bild von seinem Verhältnis zu Keyserling zu vermitteln: In der postum publizierten, von Chamberlain noch selbst zusammengestellten Auswahl seiner Briefe finden sich nur negative Bezüge auf den einstigen Schüler. Der so Abgestrafte zeigt sich in seiner Autobiographie getroffen durch diese Klitterungen, die „mir in den Augen einer schlecht informierten Welt schaden mußten: keine Zeile ließ auf unsere wirklichen Beziehungen schließen, wie sie ein volles Jahrzehnt über bestanden haben“.659

Als tieferen Grund für diese Exkommunikation erkannte Keyserling den Dogmatismus des einstigen Mentors: Chamberlains „Universalismus“ habe nicht „Geöffnetheit“ bedeutet, „sondern den Anspruch, alles und jedes in der Welt in den Schoß seiner Weltanschauung heimführen zu können“.660 Dies habe ihn „hochmütig wie ein[en] die Wahrheit besitzende[n] und betreuende[n] Kirchenvater“661 gemacht: „Instinktiv dache er ähnlich wie die katholische Kirche: wer nicht für mich ist, ist wider mich. Deswegen allein konnte er in späteren Jahren mit so gutem Gewissen von mir abrücken“.662 Zugleich gab Keyserling einen Einblick in den Umgang des einstigen Freundes mit den Gegenständen der intellektuellen Auseinandersetzung: Chamberlain habe „den Stil nicht des Geistigen, sondern den eines großen englischen Herrn“ gepflegt, „dessen ‚hobby‘ es war, Ägypten zum Beispiel England vorzuziehen; der ein reiches und weites Gedankenreich scheinbar desinteressiert und frei durchreiste, in Wahrheit jedoch mit kühnem Eroberersinn und zähem Besitzwillen sein eigenes Reich gründete und festhielt.“ Dieses intellektuelle Dandytum hatte ihn für den jungen Keyserling interessant gemacht, der erst später realisierte, dass in Chamberlains Weltanschauungs-Reich keine abweichenden Meinungen geduldet wurden: „Daher seine Unduldsamkeit für alles, was nicht in dieselbe hineinpaßte, daher seine hochmütige Kälte gegenüber allem Fremden. […] Nie hat Chamberlain Deutschland so gesehen, wie es wirklich ist.“663

So obskur Keyserlings eigene Anschauungen auch waren – Kurt Tucholsky beurteilte sie 1928 vernichtend als „fataler Dunst von Überheblichkeit, schludriger Philosophie, Unverständnis und Ignoranz“,664 und Emil Preetorius spottete im Schüttelreim, „Als Gottes Atem leiser ging, schuf er den Grafen Keyserling“665 –, die elitäre, mystizistische, kulturkritische und für die Herausforderungen der Moderne gänzlich ungeeignete Gegenwartskritik des Philosophen kam ohne aggressiven Nationalismus und, obwohl nicht frei von antisemitischen Einstellungen, ohne Hass auf die Juden aus, der für Chamberlain so grundlegend war. In dieser Beziehung unterschätzte Keyserling denn auch seinen Freund und konnte daher nicht ahnen, welche Konsequenzen der Brite zu ziehen bereit war.

Im April 1912, zwei Jahre nach den Differenzen um das Schopenhauer-Buch, war Chamberlain mit einer ungewöhnlichen Arbeit befasst: Der Weimarer „Kyffhäuser-Verlag“ unter Leitung des völkischen Agitators und Multifunktionärs Philipp Stauff666 hatte sich an ihn gewandt, um seine Expertise für die neueste Veröffentlichung des Hauses zu gewinnen. Es handelte sich um den „Semi-Gotha“, ein Handbuch im Stil des „Gothaischen genealogischen Hof-Kalenders“, dem seit dem 18. Jahrhundert und bis heute erscheinenden, wichtigsten Nachschlagewerk zum deutschen Adel.667 Der „Semi-Gotha“ verstand sich als antisemitisches Pendant zum Hof-Kalender, wollte er doch eine Zusammenstellung aller „im Mannesstamme aus jüdischem Geblüt, d.h. aus dem echt orientalischen Rassentypus […] hervorgegangenen Adelsfamilien von einst und jetzt“ liefern, „ohne sonderliche Ansehung ihrer eventuell derzeitigen christlichen Konfession oder etwaiger Blutzumischungen durch Einheirat arischer Frauen – vom Rassestandpunkt aus gesehen“,668 wie der Untertitel verkündete.

Für diese Arbeit war die Redaktion auf Informanten angewiesen, denen sie völlige Anonymität zusicherte und die sie zugleich mit detaillierten Anweisungen für die erhofften Denunziationen versorgte: Scharf zu unterscheiden war demnach „zwischen Familien von im Mannesstamme hebräischer Herkunft, Familien, deren Angehörige Juden oder Jüdinnen geheiratet haben und Angehörigen des deutschen Adels, die jüdisches Blut in ihren Adern haben“. Als „sehr wertvoll“ galten „Geburts-, Vermählungs- […], Sterbe-Anzeigen“, dazu „Abschriften von Grabsteinen […] Sigelabdrücke von Wappen“, jede Form von Handbuch-Artikeln, „Auszüge aus Werken, Zeitungsausschnitte und Literaturnachweise jeder Art. Nichts bleibt unbeachtet!“669

Im April 1912 lag das Werk druckfertig vor und sollte einer finalen Überprüfung durch einschlägig ausgewiesene Experten unterzogen werden. Zu diesen gehörte auch Chamberlain, den die Redaktion ersuchte, die ausführliche Einleitung kritisch zu lesen670 – einen zweiundvierzigseitigen, „an Zynismus und Vulgärsprache kaum zu überbietenden sprachlichen Gewaltakt“,671 wie der Historiker Gregor Hufenreuter zutreffend bemerkt hat. Der Brite indes zeigte sich „über dieses Vorhaben ganz glücklich“ und antwortete hoffnungsvoll: „Ist das Werk gründlich, gewissenhaft und rein objektiv und unbeeinflusst durchgeführt, so wird es von unberechenbarem Einfluss sein“,672 ein „erster Schritt auf dem Wege, […] der schließlich zu der schonungslosen Aufdeckung der unehelichen Bastardisierungen führen muss“.673

Neun Tage später schickte er einen zweiten, umfangreicheren Brief ins Redaktionsbüro. Außer „einer ziemlichen Anzahl kleinerer Druckfehler“674 hatte er an der Anlage des Buches nichts zu monieren, rügte allerdings dessen Tonfall und die zahlreichen Ungenauigkeiten: „Ich glaube“, begann Chamberlain seine Kritik, „Werth und Wirksamkeit Ihrer so mühevollen und verdienstreichen Zusammenstellung hätten durch größere Zurückhaltung gewonnen.“ Dann folgte eine wortreiche Schilderung einiger Fälle, in denen die Autoren des Bandes über das Ziel hinausgeschossen waren und damit, wie Chamberlain fürchtete, „die Autorität des Buches überhaupt verdächtig“675 machten – eine durchaus berechtigte Einschätzung, galt doch der „Semigotha“ wegen seiner zahlreichen genealogischen Fehler selbst in Antisemiten-Kreisen als unzuverlässig, wurde kurz nach seinem ersten Erscheinen im Mai 1912 sogar verboten und durfte erst nach Überarbeitungen im Februar 1913 wieder publiziert werden.

Die Fehlerhaftigkeit und die rüde antisemitische Agitation hielten Chamberlain freilich nicht davon ab, der Redaktion sein Lob für die „peinlich genaue[n] archivarische[n] Forschungsergebnisse“ zu übermitteln, bevor er „einen einzigen Irrtum“ anmerkte: „Auf S. 118 unten sagen Sie von Christian von Ehrenfels ‚verheiratet mit Emma von Hartmann, Halbjüdin‘“. Das aber sei „zweifach falsch“, wie er in einem umfangreichen Abstammungsnachweis zu belegen suchte, der die einst schwärmerisch verehrte Freundin und ihren Ehemann vor den Nachstellungen der Antisemiten in Schutz nahm. Dann allerdings folgte eine als kritische Anmerkung getarnte Denunziation: „Die Familie Keyserling (Hauptzweig: Raykull) kommt wohl erst in dem Alliancen-Buch daran?“, fragte er listig und fuhr fort: „Wie Ihnen bekannt, musste Graf Keyserling, Bismack’s Freund, auf Befehl des russischen Kaisers eine Cancrin heirathen, eine Jüdin mit Beimischung von Tartarenblut; dadurch ist der Vater des jetzigen Stammhalters, Dr. Hermann Keyserling, entgermanisirt; ein wahrer Jammer, wenn man an die edle Geschichte dieser Familie zurückdenkt.“676

Abb. 19
Abb. 19

Titelblatt des „Semi-Kürschner“, 1913.

Das war ein Verrat, wie er in diesen Kreisen größer kaum sein konnte, denn Chamberlain lieferte im sachlichen Ton des um „Objektivität“ bemühten „Wissenschaftlers“ seinen einstigen Freund den radikalen Antisemiten aus – wohl wissend, dass diese Information in den Händen der Semi-Gotha-Redaktion sofort dazu genutzt würde, Keyserling der öffentlichen Stigmatisierung und Hetze auszusetzen und den jungen Autor schwer zu schädigen. Davon, dass der Brite vor allem einen „abstrakten Diskurs über das Judentum“ führte, ohne dabei „diffamierende Worte über jüdische Mitbürger zu verbreiten“,677 wie Sven Brömsel konstatiert hat, kann angesichts eines derartigen Befundes keine Rede sein. Im Gegenteil: Aus der Deckung der Anonymität und versehen mit dem Nimbus des „Experten“ überschritt Chamberlain hier endgültig die Grenze zwischen einem intellektuellen Antisemitismus und dessen Übersetzung in die Praxis. An die Stelle weltanschaulicher Legitimationsschriften trat hier die Proskriptionsliste, wurden die intellektuelle Auseinandersetzung und die publizistischen Interventionen ergänzt durch den geheimen Schulterschluss mit den Exponenten des völkischen Antisemitismus radikalster Ausprägung.

Anders als von Chamberlain erhofft, verzichtete die Redaktion des Semi-Gotha überraschenderweise darauf, die Familie Keyserling in die Liste des jüdischen Adels aufzunehmen und sprach sie stattdessen in einer späteren Auflage sogar vom jüdischen Einfluss frei.678 Was den Ausschlag für diese Entscheidung gab, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht mehr rekonstruieren, doch sorgte diese Zurückhaltung dafür, dass das heimtückische Manöver zumindest hinsichtlich der zu erwartenden Diffamierung in der Öffentlichkeit für Keyserling wohl folgenlos blieb.

In Bayreuth freilich war der Schriftsteller nicht mehr gelitten: Als er sich 1919 noch einmal an den einstigen Mentor wandte, um Unterstützung für seine in Gründung begriffene „Schule der Weisheit“ – eine ebenso obskure wie kurzlebige internationale Begegnungsstätte von Intellektuellen in Darmstadt – zu erhalten, hatte Chamberlain nicht einmal mehr eine persönliche Antwort für ihn übrig. Stattdessen antwortete Eva Chamberlain im Auftrag ihres Gatten und mit dem in Wahnfried üblichen Hochmut, dass „wir hier in Bayreuth die meisten Ihrer Ansichten nicht teilen, noch uns mit Ihren Zielen einverstanden erklären können. Wenn Ihnen das Leben und die Schriften meines Vaters vertraut wären, würden Sie dies sofort verstehen; denn seinen Idealen, denen unsere Festspiele dienen, bleiben wir nach wie vor treu.“679

An anderer Stelle freilich, wo ein solches Verhalten negativ auf Chamberlain zurückfallen musste, schlug er scheinbar versöhnliche Töne an. So zeigte er sich etwa gegenüber der Fürstin Gödela von Bismarck, mit der Hermann Keyserling seit 1919 verheiratet war, überaus freundlich: „Was uns geistig voneinander scheidet“, schrieb er da, „schied uns ja vom ersten Tage an und hat die Freundschaft nicht gehindert noch die gegenseitige anregungsvolle und befruchtende Wirkung. Wenn ich es darf, würde ich bitten, ihm herzlich empfohlen zu werden.“680 Am Vorwurf der „Entgermanisierung“ änderte diese Doppelzüngigkeit indes genauso wenig wie an der Tatsache, dass Chamberlain auch in Zukunft nicht vor übler rassistischer Nachrede zurückscheute: In einem Brief an einen begeisterten Leser der „Grundlagen“ kam 1924 die Sprache auch auf Keyserling, zu dem der Brite bemerkte: „Mit Keyserling war ich sehr befreundet […] Es liegen böse Mischungen in seinem Wesen vor, und der Tartar hat die Oberhand gewonnen.“681

Der so Geschmähte wusste davon offenbar nichts und ließ sich ein Jahr später sogar vom Verleger Bruckmann dazu veranlassen, einen äußerst wohlmeinenden Zeitungsartikel anlässlich von Chamberlains 70. Geburtstag zu veröffentlichen, um dessen schwächelnde Verkaufszahlen aufbessern zu helfen.682 Noch 1937 – Chamberlain war im nationalsozialistischen Deutschland mittlerweile zum Propheten des „Dritten Reiches“ avanciert – schrieb Keyserling im Schweizer Exil nicht unkritisch, aber wohlwollend über den einstigen Lehrer: „Von dem was Chamberlain zur geistespolitischen Macht gemacht hat, seinem Rassenglauben, seinem Pangermanismus, seinem Antidemokratismus und -liberalismus sah ich vollständig ab –, diese Eigenheiten gab ich ‚vor‘, wie der Freund dem Freunde vorgibt, was er von seinem Standpunkt nicht immer billigen kann; mich persönlich interessierten sie nicht.“683 Es ist unwahrscheinlich, dass der Ton ebenso nachsichtig geblieben wäre, hätte Keyserling von den Attacken seines heimtückischen Freundes gewusst.

Rückzug und Neubeginn

Das Zerbrechen des Chamberlain-Kreises und das Ende der dort geknüpften Freundschaften fiel zusammen mit einer privaten Krise, die sich seit der Jahrhundertwende andeutete: Chamberlains Ehe war in eine Schieflage geraten und alles deutete darauf hin, dass die eingetretene Entfremdung irreparabel war. Der Brite, so hat Oliver Hilmes pointiert bemerkt, war „nie das, was man einen treuen Gatten nennt“684 und hatte jahrelang die Dienste einer Prostituierten in Anspruch genommen. Dazu gesellten sich größere und kleinere Affären und Schwärmereien, etwa für Emma von Ehrenfels, die Frau seines Freundes Christian von Ehrenfels.685

Im Frühjahr 1903 hatte Chamberlain zudem die 39-jährige Schauspielerin Lili Petri kennengelernt, die ihm von seinem Freund Theodor Antropp vorgestellt worden war.686 In den folgenden Monaten ging man gemeinsam spazieren, traf sich zum Tee oder verabredete sich zum Essen, gelegentlich zusammen mit Chamberlains Gattin Anna, meistens aber ohne sie. Im Verlauf des Jahres 1904 intensivierte sich die Freundschaft und wohl spätestens im Januar 1905 wurde daraus eine Liebesbeziehung – während seine Frau auf einer Kur weilte, reiste Chamberlain zusammen mit Lili Petri in aller Heimlichkeit für einige Tage nach Paris.687

Die hintergangene Anna hatte in den Jahren zuvor immer stärker gelitten: Einstmals gemeinsame Interessen – Kunst, Musik, Theater – waren zunehmend von der omnipräsenten Arbeit ihres Gatten verdrängt worden, die sie als Sekretärin, Empfangsdame, Korrekturleserin und mütterliche Bezugsperson nach Kräften unterstützte. Diese Unterordnung bestärkte das ohnehin vorhandene Ungleichgewicht in der Beziehung. Sie sei, so erinnerte sich später Hermann Graf Keyserling, eine „sehr brave subalterne Gouvernantennatur“ gewesen, der sich Chamberlain „ehrlich und warm in Dankbarkeit und der Art der Anhänglichkeit verbunden“ fühlte, „welche man langjährigen selbstlosen Betreuern und Behütern gegenüber empfindet“ – die er aber „immer schwerer [ertrug], je mehr seine Stellung sich seinem Selbstbewußtsein anglich.“688 Weniger mitfühlend drücke sich Philipp zu Eulenburg in einem Brief an Kaiser Wilhelm II. aus: Nach einem Besuch in der Blümelgasse berichtete er im Ton aristokratischer Herablassung, er habe „gestern Chamberlain in seinem unendlich bescheidenen Heim besucht. Vier Treppen hoch wohnt er, von Büchern umgeben, und von einer weißhaarigen alten Frau bewacht, die seine eigene ist, aber eigentlich an Faffner erinnert, der vor dem Nibelungenhort lagert.“689

Offenbar unfähig, sich ihrem Mann gegenüber eine eigenständige Position zu bewahren, litt Anna Chamberlain zunehmend unter psychischen Problemen, die von verschiedenen Ärzten und mithilfe von Kuraufenthalten gelindert werden sollten. Einen solchen nutzte ihr Gatte, um nach siebenundzwanzig Ehejahren die Trennung vorzunehmen: Per Brief informierte er sie über seinen Entschluss und war fortan nicht mehr zu sprechen. Alle Kommunikation lief über einige Freunde und über Chamberlains Anwalt, der Anweisung hatte, ihn abzuschirmen, alle Versuche der Kontaktaufnahme zu blockieren und Annas Nachrichten nur im absoluten Notfall an ihn zu übermitteln.690 Derart aus dem eigenen Leben geworfen und ohne die Möglichkeit zu einem klärenden Gespräch – selbst die gemeinsamen Freunde wie Rudolf Kassner oder die Bruckmanns versagten ihre Hilfe691 – brach Anna zusammen und verschwand für einige Jahre in der Obhut von Ärzten und Freunden.692

Dem harten Schnitt der Trennung folgte im Oktober 1906 die Scheidung, bei der auch Chamberlains jahrelanger Ehebruch bekannt wurde und ihm deshalb nichts Anderes übrigblieb, als die Schuld an der Zerrüttung der Ehe auf sich zu nehmen. Auch gegenüber seiner Mätresse musste er offenbar eine Schuld begleichen, indem er sich außergerichtlich zur Zahlung monatlicher Alimente – wahrscheinlich für ein uneheliches Kind – verpflichtete.693 Er selbst litt ebenfalls unter der Krise, nicht zuletzt, weil er sich zunehmend isoliert und von seinen Freunden entfremdet hatte: „Chamberlain ist curios! Vergangenes Jahr war er sehr gesellschaftlich u. hat enorm gearbeitet, heuer seit Herbst hat er sich verhältnismäßig abgeschlossen u. hat nichts gemacht“,694 schrieb Kassner bereits 1903 irritiert an Elsa Bruckmann. Auch anderthalb Jahre später, im November 1904, berichtete er nach München, Chamberlain „schließt sich zu sehr ab. Ich glaube er lebt in der beständigen Angst mit Menschen sich zu verkühlen. Das ist langweilig.“695

Der so Gescholtene flüchtete derweil in die Arbeit an einer voluminösen Goethe-Biographie und in die neue Beziehung zu Lili Petri. Diese freilich gestaltete sich schwieriger, als er erwartet hatte: Die elf Jahre jüngere Frau war selbstbewusst, selbständig und streitbar, Chamberlains Tagebuch offenbart ein Auf und Ab aus Phasen überschwänglicher Verliebtheit und tagelanger Streitigkeiten, aus Kränkungen, Versöhnungen und Reisefluchten. Im Juli 1908 endete die Achterbahnfahrt – das Paar trennte sich „auf unbestimmte Zeit“.696

Der Zeitpunkt dieses Beziehungsendes ist bemerkenswert, denn gerade einmal zwei Tage später bestieg Chamberlain den Zug und verließ Wien: „Ein Tag desgleichen mich bald ins Irrenhaus brächte; nicht eine Sekunde ohne Ory [Lili Petri, S.F.], u. Vergangenheit, Gegenwart u. Zukunft im Sinn“,697 notierte er in sein Tagebuch. Das emotionale Chaos rührte indes nicht nur von den vorangegangenen Turbulenzen, sondern war auch eine Begleiterscheinung der Reise selbst – Chamberlain fuhr nach Bayreuth, zum ersten Mal seit den Festspielen von 1899. Dort stand er im Begriff Cosima wiederzusehen, mit der er das letzte Mal in der Zeit der Krise 1901 in München zusammengetroffen war.

Zwar war der Kontakt zwischen ihm und der Wagner-Witwe nie ganz abgerissen, verglichen mit früheren Jahren war er allerdings erheblich abgekühlt. Doch 1908 hatten sich die Rahmenbedingungen geändert: Cosima hatte zwei Jahre zuvor einen gesundheitlichen Zusammenbruch erlitten und sich daraufhin aus der Festspielleitung zurückziehen müssen. Sie lebte fortan zurückgezogen und durch ihre Kinder von der Welt abgeschirmt in Wahnfried. Diese Entwicklung führte Siegfried Wagner endgültig an die Spitze des Familienunternehmens und zwang ihm ein Erbe auf, dem er allein nicht gewachsen war. Sein Talent lag weniger im organisatorischen Bereich, sondern eindeutig in der künstlerischen Arbeit, und für die politische und weltanschauliche Ebene, die von Wahnfried dem eigenen Anspruch nach zwingend ausgefüllt werden musste, fehlte ihm jegliche Qualifikation. So war es nur konsequent, dass die sich abzeichnende Versöhnung zwischen Wahnfried und der Blümelgasse vom „Meistersohn“ angebahnt wurde, der als einziges Familienmitglied Chamberlain auch in den Jahren seit dem Bruch besucht hatte.698 Am 8. März 1908 wandte sich Siegfried deshalb an den alten Freund und bat um eine Zusammenkunft in Wien.699

Der Brite willigte ein und zwei Tage später trafen beide zum ersten Mal seit vier Jahren aufeinander, spazierten gemeinsam die Ringstraße entlang und ließen sich in einem Kaffeehaus nieder.700 Zwar lässt sich der Inhalt der Gespräch nicht mehr rekonstruieren, das Ergebnis aber war plötzliche Aktivität auf Seiten Chamberlains: Völlig überraschend begann er mit der Überarbeitung seines Praeger-Pamphlets aus dem Jahr 1893, für das er plötzlich in Wahnfried bei Siegfrieds Schwester Eva um einige Abschriften von Dokumenten aus dem Familienarchiv nachsuchte und sich mit der Zusendung der runderneuten Schrift und anderer Aufsätze aus seiner Feder revanchierte.701

Dieser Prozess der Fühlungnahme bereitete die Ereignisse des Sommers vor: Siegfried lud Chamberlain zum Besuch der Festspiele ein und gewährte ihm sogar Zugang zu den Proben – ein Zeichen besonderer Wertschätzung, da nur Künstler, Familienangehörige und enge Freunde Wahnfrieds zu dieser Gelegenheit zugelassen wurden. Der Brite blieb zunächst für fünf Tage in Bayreuth, reiste anschließend kurz zurück nach Wien, kehrte jedoch schon bald wieder zurück. Dann wird sein bis dahin recht detailliert geführtes Tagebuch plötzlich bemerkenswert unscharf. Der einzige, den mehrwöchigen Aufenthalt betreffende, Eintrag lautet verschwörerisch: „Am 20.7. vormtgs. 1 ½ Stunden oben im Walde mit Frau Wagner. Etc. etc. etc.!!“702

Die weitere Entwicklung indes zeigt deutlich, was hier angebahnt wurde, denn in den folgenden Wochen intensivierte Chamberlain den Kontakt zu Cosimas Tochter Eva.703 Nach einigen Anlaufschwierigkeiten – offenbar musste er sich zunächst noch anderer Avancen erwehren – war, so notierte er ins Tagebuch, „vom 8.8. an […] dieses Zwischenstadium dann zu Ende. Ich sandte E[dith] d[e] G[asparin] ihre zweite Karte […] zurück, lunchte in Wahnfried […] – u. war dann mit Eva in der Loge zum Parsifal.“704 Außer mit seinem Bruder Basil, der ebenfalls nach Bayreuth gekommen war und mit dem er sich die Unterkunft teilte, verkehrte er fortan „nur in Wahnfried. […] Bei allen Aufführungen war ich mit Eva – meistens in der Logenecke. Fast an jedem Tag – später an jedem Tag – war ich in Wahnfried vorm[ittag]s, mittags oder ab[end]s, oder alles drei.“705 Am 29. August, nach über vier Wochen, verließ Chamberlain Bayreuth und begann sofort eine Korrespondenz mit Eva Wagner, deren Inhalt hier zwar nicht ausgebreitet werden soll, die aber binnen dreier Monate auf insgesamt 118 Briefe anwuchs und von dem Briten unter der Überschrift „Briefe an Süssevchen“ akribisch verzeichnet wurde. Kein Zweifel: Alle Beteiligten arbeiteten mit Hochdruck auf eine Ehe hin.

Dementsprechend unternahm Chamberlain in den folgenden Wochen fieberhafte Anstrengungen, um möglichst schnell alle noch offenen Angelegenheiten – vor allem die finanzielle Einigung mit seiner Exfrau Anna und die notwendigen juristischen Präliminarien für eine Hochzeit zwischen einer Deutschen und einem Englänger – zu ordnen, Abschied zu nehmen von Wiener Freunden und zahlreiche Ankündigungen der bevorstehenden Hochzeit zu versenden.706 Am 26. Dezember schließlich erfolgte, von der deutschsprachigen und internationalen Presse beobachtet, die standesamtliche Trauung in Bayreuth, einen Tag später die kirchliche Hochzeit in Zürich – das Ausweichen in die Schweiz war nötig geworden, weil die Kirchenvertreter in Bayreuth sich geweigert hatten, einen schuldig geschiedenen Mann erneut zu trauen.707 Der Zürcher Pfarrer, der die Zeremonie organisierte, war Hermann Kutter, Begründer der Lehre vom protestantischen Sozialismus; die Trauung nahm Leonhard Ragaz vor, Theologieprofessor und Mitstreiter in Kutters Bewegung. Er habe sich, schrieb Chamberlain zwei Tage nach dem Ereignis aus Zürich an Cosima, in dieser „von allem Papismus u. Pseudopapismus reingewaschen[en] Kirche sehr wohl gefühlt“, auch weil Ragaz „munteren Schrittes“ und „in Civilkleidung“ an ihn herangetreten sei, „um sich ‚als Mensch‘ vorzustellen und eine Diskussion über die Grundlagen anzuschneiden über das, was ihm gefallen u. das was ihm missfallen“ habe.708

Abb. 20
Abb. 20

Houston Stewart und Eva Chamberlain, 1911.

Die zeitnahe Rückmeldung an die Schwiegermutter, die er fortan nicht mehr als „verehrte Meisterin“, sondern als „hohe theure Mama“ adressierte, verweist auf die tiefer liegende Motivation zu dieser Ehe: Chamberlain hatte die Chance genutzt, um endlich im Wagner-Clan aufzugehen, der für ihn jahrelang vor allem aus dem Kontakt zu Cosima bestanden hatte. Es war, so hat Oliver Hilmes formuliert, „keine Liebeshochzeit im klassischen Sinne, was nicht heißen soll, dass die Eheleute sich nicht geliebt hätten.“709 Diese Einschätzung wird durch die Quellen gestützt: Spätestens seit dem gemeinsamen Erlebnis von Siegfried Wagners Dirigat in Wien im Januar 1896710 hatte ganz offensichtlich tatsächlich eine Verbindung zwischen beiden existiert, die dann, bedingt durch die Lebensumstände, nicht zur Entfaltung kommen konnte. Vielleicht war es auch das immer wieder kolportierte Interesse Chamberlains an Evas älterer Schwester Isolde, das im Wege gestanden hatte und das nun, da Isolde längst verheiratet war, keine Rolle mehr spielte. Auch Evas Lebenssituation, die drohte, mit Anfang Vierzig unverheiratet zu bleiben, mag dazu beigetragen haben, dass sich die Beziehung verfestigen konnte. Zudem teilten beide erklärtermaßen eine Lebensaufgabe: den Dienst an der Sache Wahnfrieds, der nun immer mehr zum Dienst an Cosima wurde. Der „heilig empfundene Bund“ der Ehe, so schrieb Eva Wagner wenige Wochen vor der Hochzeit an eine Freundin, könne überhaupt erst durch diese gemeinsame Basis „segensreich“ wirken: Für sie wie für ihren Gatten stehe deshalb „unerschütterlich“ fest: „unser Leben ist dem von Mama geweiht.“711

Diese Einschätzung entsprach der Realität, denn auch Chamberlain suchte Cosimas Nähe und begann sofort damit, sich mit ihr über die Entfremdung der letzten Jahre zu verständigen und dabei seine Rolle in der neuen Familienkonstellation zu definieren: „Siegfried meinte“, so schrieb er mitten in den Hochzeitsvorbereitungen nach Wahnfried, „er sei seinem ‚guten Instinkt gefolgt‘, als er mich in Wien zu den Proben einlud. Ich empfand es auch sofort als das Durchbrechen eines Bannes.“712 Als entscheidend habe sich dabei erwiesen, „daß es genau im richtigen Augenblick geschah“, nämlich nach einem „kampfreiche[n] Vorgang der Läuterung und Klärung“, den er „innerlich durchgelebt und bis ans Ende durchgeführt“ hätte.713

War dies auf seine Trennung von Anna und die kurz zuvor erfolgte Lösung von Lili Petri bezogen, so nutzte Chamberlain die Gelegenheit, um auch den tieferliegenden Riss zwischen ihm und Cosima zur Sprache zu bringen – eine Passage, welche die auf bruchlose Kontinuität bedachten Herausgeber des Briefwechsels später wohlweislich entfernten: „Ausserdem“, so schrieb er da, „musste ich besorgen, die Stellung zu Ihrem Hause, die in meinem Dasein einen so einzigen Werth besitzt, sicher und mir zu erhalten – was mir bei der letzten Begegnung, München, 1901, gefährdet schien. Weder mit der Kunst Bayreuth’s, noch mit der eigenen Person darf man leichtfertig umgehen, jeder Verzicht war mir lieber als eine Abschwächung.“714

„Nicht unerwähnt“, so leitete er schließlich das Ende seines Schreibens ein, „darf aber der engere Kreis im Kreise bleiben“, das „Willkommen in Wahnfried, wo ich Einsamer nebst der Heimath der Bayreuther Kunst, nun auch ein Heim zu finden wähnen musste, da die Herzen mir zwar nicht bluts-, wohl aber gesinnungsverwandt entgegenkamen und mich mehr als bloß freundschaftlich aufnahmen – fast als gehörte ich dahin.“715 Die Hochzeit brachte diesen Prozess zum Abschluss: Chamberlain gehörte fortan bis zu seinem Tod nicht mehr nur durch Gesinnung und Engagement, sondern auch durch Familienbande zum engsten „Kreis im Kreise“, und es verging nur eine kurze Zeit, bis er auch in diesem eine Führungsrolle beanspruchte.

9. Das germanische Triptychon: Wagner, Kant und Goethe

Die Krise wie der Neubeginn in Bayreuth sind verbunden mit den beiden großen Monographien, die Chamberlain nach den „Grundlagen“ verfasste. Das „Glück des Schreibens“, formulierte er rückblickend in seiner Autobiographie, hatte „mein Wesen dermaßen erfasst, daß ich nicht mehr davon lassen konnte“.716 Dieses „Glück des Schreibens“ war indes die positive Variante des Bildes vom „Schreibdämon“, in dem er seine Arbeitswut zur Zeit des Abfassens der „Grundlagen“ gefasst hatte. Die Umdeutung ist – obwohl wahrscheinlich unbewusst vorgenommen – auch symptomatisch für den Wechsel der Perspektive, den er mit seiner nächsten großen Monographie, einer voluminösen Biographie Immanuel Kants, vornahm: Die „Grundlagen“ hatte er noch als eindringliche Warnung vor den Gefahren des rassischen und kulturellen Niedergangs der Germanen durch das alles bedrohende Judentum konzipiert. Sie zogen ihre Kraft aus der stetigen Beschwörung der Frontstellung im Rassenkampf, suchten also Angst und Wut in Kampfeswillen und Mut zum Widerstand gegen den „Dämon“ des Judentums zu verwandeln. Dagegen ging es nun um die positive Seite von Chamberlains Weltanschauung, die in den „Grundlagen“ zu kurz gekommen war: die Besinnung auf die angeblich kulturschöpfenden, aufbauenden Kräfte des Germanentums, vermittelt durch die Verherrlichung seiner Heroen. Neben Richard Wagner waren dies vor allem Immanuel Kant und Johann Wolfgang von Goethe.

Chamberlains Kant-Biographie

Schon in den 1880er Jahren hatte sich der Brite mit Kant beschäftigt und 1890 fünf Wochen lang die „Kritik der reinen Vernunft“ systematisch durchgearbeitet.717 Seither hatten ihn die Schriften des Königsberger Philosophen nicht mehr losgelassen. Im April 1900 schließlich fiel der Entschluss, sich Kants Philosophie in einem eigenen Buch anzunehmen, ausgelöst durch eine Reihe von Gesprächen mit zwei Freundinnen Cosimas, der Gräfin Zichy und der Gräfin von Oettingen-Wallerstein. Schon 1894 hatte Chamberlain ähnliche Unterhaltungen mit Amélie von Bülow geführt, der Hofdame der Herzogin von Mecklenburg, die er durch die Lektüre der Schriften Kants geführt hatte.718 Nun also ging er, nach einigen Monaten vorbereitender Lektüre, an die Arbeit für das „Damenbuch“,719 wie er die neue Publikation humorvoll bezeichnete.

Dem Charakter eines solchen Buches zur Belehrung aristokratischer Damen entsprach der ganze Entwurf: Der Autor präsentierte auf insgesamt 800 Seiten keine schematische Biographie, sondern eine Zusammenstellung von sechs Vorträgen, von denen sich nur der letzte Kant selbst widmete. Die vorangestellten Vorträge, jeweils zwischen 80 und 170 Seiten lang, stellten hingegen andere Philosophen in den Mittelpunkt, deren Vorstellungen Chamberlain als wesentliche Entwicklungsschritte hin zum kantischen Denken auffasste: Goethe, Leonardo da Vinci, Descartes, Giordano Bruno und Platon waren die Stationen, die der Leser abschritt, bevor er bei Kant anlangte, für den der Autor knapp 220 Seiten aufwandte.

Es ist hier nicht der Ort für eine detaillierte Darstellung und Diskussion des gesamten Buches, zum einen, weil es in der Forschung bereits ausführlich besprochen wurde,720 zum anderen, weil es Chamberlains Weltanschauung keine wesentlichen Aspekte mehr hinzufügte, sondern sie gewissermaßen in Anwendung brachte und so aus einer weiteren Perspektive und mit veränderter Schwerpunksetzung argumentativ unterfütterte. Zum Verständnis sei hier deshalb nur so viel mitgeteilt: Für den Briten bildete Kants Denken den „Grundpfeiler der Kultur der Zukunft“, denn es habe, wie er schon in der Einleitung klar machte, für „jeden gebildeten und gesitteten Menschen“ Vorbildcharakter: „Es bewahrt vor den beiden entgegengesetzten Gefahren: priesterlichem Dogmatismus und wissenschaftlichem Aberglauben – und es stärkt zur hingebenden Erfüllung der Lebenspflichten.“721

Im Mittelpunkt stand damit Kant als Vertreter der wissenschaftlichen Methode, der das Verhältnis von Wissenschaft und Religion zugunsten einer ganzheitlichen Weltanschauung austarierte, indem er die Freiheit der Wissenschaft verteidigte und die christliche Religion – verstanden als innere Angelegenheit des Individuums, als Idee von Gott – zur Grundlage von Moral und Sittlichkeit machte. Das war nicht nur die alte Frontstellung gegen den Katholizismus und seine protestantischen „Helfer“ auf der einen, sondern auch eine erneute Wendung gegen die Wissenschaftsreligion der Monisten auf der anderen Seite. Ihnen setzte Chamberlain seine Reihe „germanischer“ Philosophen und ihrer Ideen entgegen, die in Kants „Kritik der reinen Vernunft“ gipfelten. „Chamberlains Schlüsse aus seiner Kant-Interpretation sind“, so hat Udo Bermbach in seiner kenntnisreichen Darstellung des Buches bemerkt, „ein Plädoyer für die Offenheit der Wissenschaft und des Denkens, eine Absage an alle apriorischen Setzungen und ideologischen Voreingenommenheiten, sie sind die Forderung, alle Einengungen des Denkens zu sprengen.“722 Dies allerdings galt, so muss man einschränkend bemerken, freilich nur innerhalb von Chamberlains weltanschaulichen Prämissen, der deshalb auch konsequent alles ausblendete, was seiner Interpretation zuwiderlaufen musste. Dazu gehörten insbesondere diejenigen Schriften Kants, in denen der Philosoph seine Denkmodelle auf die politische und soziale Wirklichkeit anwandte und etwa für die Gleichstellung aller Menschen, für Demokratisierung oder eine republikanische Staatsform eintrat.723 Damit aber war es, noch einmal mit Udo Bermbach, „ein halbierter Kant, den Chamberlain seinen Lesern als den größten Denker aller Zeiten vorsetzt[e].“724

Dies war, so muss man hinzufügen, nur folgerichtig, ging es doch auch hier nicht um eine möglichst unvoreingenommene Beschäftigung mit dem Untersuchungsgegenstand, sondern um die argumentative Verstärkung einer Weltanschauung. Unter dieser Prämisse ist deshalb auch Chamberlains „Plädoyer für die Offenheit der Wissenschaft und des Denkens“ zu lesen. Sie galt – genauer: sie konnte nur gelten – für die germanischen Deutschen, die den rassischen Prämissen zufolge als einzige in der Lage waren, dem germanischen Genius und „Helden“ Kant echtes Verständnis entgegenzubringen. Ganz ohne explizit zu werden, stand mit der Einordnung Kants als Grundleger einer „germanischen Weltanschauung“ die „Rasse“ deshalb wie selbstverständlich über allem – ein Umstand, den Chamberlain, wie beschrieben, in seinem Artikel in der „Deutschen Gedenkhalle“ noch dadurch verstärkte, dass sich seine Kant-Beschreibung dort auch als Hinführung zu den „Grundlagen des 19. Jahrhundert“ lesen ließ.725

Das Kant-Buch war, so hat Geoffrey Field pointiert bemerkt, ein „merkwürdiges Amalgam widersprüchlicher Eigenschaften: klug und phantasievoll, roh und vorurteilsbehaftet, gelehrt und trotzdem überraschend einseitig“, dabei „weitaus kultivierter“ und „subtiler“ als die „Grundlagen“.726 Das galt insbesondere für den Antisemitismus, der kaum eine Rolle spielte und nur an wenigen Stellen spürbar wurde – etwa wenn es um den phantasielosen „Semiten“727 Spinoza oder um den „witzige[n] Müßiggänger“728 Heinrich Heine ging.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Hier stand die Positiv-Vision und die Besinnung der Germanen auf sich selbst im Fokus. Antisemitische Ausfälle waren da nicht notwendig, sondern mit Blick auf die erhoffte Breitenwirkung sogar eher hinderlich. Zudem war der Antisemitismus der Germanenideologie inhärent – ohne Abgrenzung von der jüdischen Bedrohung war in Chamberlains Weltbild kein Germane zu haben. Schließlich ließ sich Kant nicht so ohne weiteres zum Antisemiten machen, auch wenn der Philosoph alles andere als frei von judenfeindlichen Ressentiments und rassistischen Vorannahmen war, wenn man denn den modernen Terminus des Rassismus für Kants Vorstellungen überhaupt in Anschlag bringen will.729 Chamberlain war sich dieser Tatsache durchaus bewusst, wie ein Brief aus dem Oktober 1909 beweist: „Kant, dem man sonst gewiss das Prädikat eines ‚Antisemiten‘ nicht beizulegen berechtigt wäre, – denkt und fühlt in allen die Religion betreffenden Fragen durchaus unjüdisch und antijüdisch“,730 schrieb er seinem Freund Felix Gross, der kurz zuvor eine Zitatensammlung Kants herausgegeben hatte, die auch antisemitische Passagen enthielt und dafür angegriffen worden war.

Allerdings änderte der Brite seine Zurückhaltung später insofern, als er ab der vierten Auflage 1921 ein neues Vorwort voranstellte, in dem er explizit auf den Gegenwartbezug des Buches hinwies: „Jeden Leser“, schrieb Chamberlain dort, „der das Buch zum ersten Male aufschlägt, mache ich auf die Seiten 716-721 aufmerksam: hier erfährt er, was Kant’s Lebenszweck war und warum dieses Buch über ihn in unsere Zeit der drohenden Gefahren hinausgeschickt wurde.“731 In der so angepriesenen Passage las das Publikum unter anderem, dass einzig durch die Befreiung des Denkens von Dogmen und Vorannahmen die Möglichkeit bestünde, „Schicksal“ und „Menschenwürde“ der „sogenannten kultivierten Menschen“ zu retten,732 die von den Negativerscheinungen der kapitalistischen Moderne bedroht seien: „Verblödung“ und „Vergewaltigung“ durch die Presse wie die Entfremdung von Arbeit und Natur führten dazu, dass die proletarischen Bevölkerungsmassen politisch, moralisch und sittlich orientierungslos waren und durch jeden, „der nach Macht strebt“, instrumentalisiert werden konnten: „Heute gehorchen in Deutschland Millionen solcher Arbeiter einer Handvoll zugewanderter Juden, die ihre Unterhaltung und ihren Vorteil darin finden, den durch die Arbeit und Schmerzen von Jahrhunderten aufgemauerten Staat zu untergraben“, benannte Chamberlain auch sogleich die Schuldigen.733

Wer allerdings diese Passage aufmerksam las, musste bemerken, dass bereits auf den Seiten zuvor Wesentliches gesagt worden war. Beim einmaligen Zurückblättern befand sich der Leser dann in einem Text, der so auch hätte in den „Grundlagen“ stehen können: Hier ging es um den in der Antike tobenden Rassenkampf und das von den „Germanen errichtete Weltreich des Geistes“, das „damals wie heute […] von Feinden […] reich an Macht und überreich an sklavenmässiger Gesinnung“ bedroht schien, außerdem um die Gefahren des Katholizismus und schließlich um das alles verschlingende „rassische“ Chaos der Vermischung und Degeneration. „Rings herum aber ein wimmelndes Massenvolk tatarisierter Russen“ und „die emsigen, seelenlosen Gelben; die träumerischen, kraftlosen Mischlinge Indiens und Oceaniens und Südamerikas“, sodann die „sich heute schon zum schonungslosen Rassenkampfe rüstenden, geistig armen, im Affekte bestialischen Schwarzen“.734 Da konnte nur die Reinhaltung der eigenen Rasse und die Besinnung auf sich selbst helfen: „Keine Gefahr von aussen wäre unüberwindbar, wenn wir – wir echten, nicht durch syrisches und punisches Sklavenblut entarteten Nordeuropäer […] – einig und stark im Besitz und Bewusstsein erworbener, unverlierbarer Freiheit dastünden. […] Denn hier kommt zu der physischen Gewalt die geistige und moralische Überlegenheit.“735

Chamberlains Buch stand nicht allein, sondern ordnete sich ein in eine wahre Kant-Renaissance, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert von Forschern wie Hermann Helmholtz, Friedrich Albert Lange und Otto Liebmann angestoßen worden war und um die Jahrhundertwende nicht nur eine ganze Reihe von Publikationen, sondern sogar die Bildung eigener neokantianischer Schulen nach sich zog.736 Auch deshalb dürfte er sich mit antisemitischen Spitzen zurückgehalten haben, denn, neben anderen, war auch der bekannteste Vertreter des Neokantianismus jüdischer Herkunft. Es handelte sich um den Marburger Philosophie-Professor Hermann Cohen, auf den sich Chamberlain wohl oder übel positiv beziehen musste und von dem er wesentliche Argumente übernahm.737

Diese Einbettung in das Umfeld neokantianischer Debatten macht noch einmal deutlich, dass es sich bei dem Buch nicht um die Selbstvergewisserung eines Intellektuellen, um das Zwiegespräch mit einem seiner Geistesheroen handelte, sondern um einen weiteren Versuch, durch eine gelehrte Intervention die Weltbilder seiner Zeitgenossen in seinem Sinn zu prägen. In diese Richtung weist auch die Enttäuschung, die sich einstellte, als dem Werk die erhoffte Verbreitung verwehrt blieb: Zwar waren die insgesamt 30 000 Exemplare,738 die Bruckmann bis in die 1930er Jahre absetzen konnte, respektabel für ein Buch mit einem nicht gerade breitenwirksamen Thema. Autor wie Verlag aber bewerteten das Ergebnis als Misserfolg.739

Dabei war die Aufnahme in der Öffentlichkeit durchaus positiv: Vor allem im Lager der protestantischen Gelehrten fand das Werk Beifall,740 anders als in der katholischen Presse, die sich nachvollziehbarerweise über Chamberlains Spitzen gegen den „priesterlichen Dogmatismus“ echauffierte.741 Wichtige Fachvertreter der neukantianischen Philosophie, darunter Hermann Cohen und Paul Natorp, zeigten sich ebenfalls angetan. Auch der Hallenser Professor Hans Vaihinger, ein Schüler Friedrich Albert Langes, der die Kant-Forschung maßgeblich geprägt hatte, reagierte positiv. Schon vor Erscheinen des Buches hatte er Chamberlains Kant-Bild nachgespürt und einen ausführlichen Aufsatz zu dessen Rückbezügen in den „Grundlagen“ verfasst. Die darin zum Ausdruck gebrachten, ausschließlich positiven Urteile hatten allerdings nur bedingt fachphilosophische Gründe, da Vaihinger ein begeisterter Leser der „Grundlagen“742 und ein Anhänger insbesondere von Chamberlains Germanen-Bild war und deshalb ganz affirmativ dessen Ausführungen über „unsere spezifisch germanische Weltanschauung“, über Kants „germanische Metaphysik“ und seinen „germanische[n] Religionsbegriff“743 referieren konnte.

Doch es gab auch heftige Kritik wie die vierzigseitige Analyse des Neukantianers Bruno Bauch, ab 1911 Professor in Jena, der sich von Chamberlains stilistischen Kapriolen und weltanschaulichen Bekenntnissen nicht blenden ließ und einen Totalverriss lieferte: Ausführlich sezierte er das Buch in den „Kant-Studien“ und kam zu dem vernichtenden Schluss, das Werk sei voller „Verwirrungen und Verzerrungen des Ganzen der Kantischen Lehre“, biete „Verschiefungen und Verflachungen in spezialwissenschaftlicher Beziehung“, offenbare ein „Übermass von Verständnislosigkeit der Geschichte gegenüber“ und sei vor allem eine Polemik zweifelhaften „intellektuellen und ethischen Charakters“.744

Chamberlain und sein Verleger Bruckmann indes wussten, wie schon im Fall der „Grundlagen“, auch die Kritik am „Kant“ öffentlichkeitswirksam zu instrumentalisieren. 1901 hatten sie unter dem Titel „Kritische Urteile“745 eine Broschüre mit Pressereaktionen herausgebracht, in der die Kritik selbst eine Nebenrolle spielte und eher zum Nachweis diente, dass die „Grundlagen“ eine breite, lagerübergreifende Rezeption erfuhren. 1909 erschien die Broschüre in dritter Auflage, nun erweitert um eine Reihe „kritischer Urteile“ zum Kant-Buch.746 Auch hier war die „Kritik“ in erster Linie Ausweis einer ernsthaften Auseinandersetzung, die höchstens im Detail Widerspruch geltend machen konnte. Der einzig echte Verriss, der es in die Broschüre schaffte, war eine in ihrem Umfang stillschweigend um achtzig Prozent gekürzte und zudem sinnentstellend montierte Besprechung aus der Wiener „Neuen Freien Presse“, die in ihrer Zurichtung den Eindruck einer völlig unsachlichen Polemik erwecken musste.747

Tatsächlich jedoch handelte es sich um eine ausführliche Replik, die anhand von Chamberlains Angriffen auf Darwin und die Deszendenztheorie kleinteilig die selektive Lektüre, die Kurzschlüsse und die Voreingenommenheit des Briten sezierte und damit ins Herz seiner vermeintlichen Kernkompetenz als Naturforscher zielte. Diese Kritik kam aus berufenem Munde, denn der Autor war der Zoologe Berthold Hatschek, Professor an der Wiener Universität und Direktor des dortigen „Zoologisch-Vergleichend-Anatomischen Instituts“.748 Dass Chamberlain die Verbreitung von dessen hartem Urteil scheute, war verständlich, dass er es verstümmelt in die Sammlung aufnahm, war hingegen infam: Hatschek war Jude und die „Neue Freie Presse“ im konservativen Bildungsbürgertum nicht nur als liberal, sondern als „verjudet“ verschrien. Die Klitterungen, die Hatscheks Text als im Ton vollkommen unverhältnismäßig erscheinen ließen, sollten damit ganz offenkundig nur eine bestimmte Lesart evozieren: Hier geiferte ein Jude in einem „Judenblatt“ gegen Chamberlains „germanischen“ Kant und hatte dabei kaum mehr zu bieten als Hass und Häme – eine Reaktion, die ganz ins Weltbild der „echten Germanen“ passte und dort sogar als Auszeichnung für den Autor aufgefasst werden konnte.

Der ungenannt bleibende Kern von Hatscheks Aufsatz indes traf ins Schwarze: „Die Naturwissenschaft“, schrieb der Professor, „bedurfte also dieser Richtigstellung nicht. Die Forschung geht ruhig weiter ihrer Wege, die mühselig und dornenvoll sind und Schritt für Schritt tausendfach geprüft werden müssen.“749 Die vorsichtige, abwägende, nur kleine Fortschritte erzielende Arbeit des Wissenschaftlers freilich war Chamberlains Sache nicht – nicht bei den „Grundlagen“, nicht bei „Kant“ und auch nicht bei seinem nächsten großen Buchprojekt, einer Biographie Goethes, die nicht weniger anstrebte, als ein gänzlich neues Bild des Dichters zu vermitteln.

Chamberlains Goethe-Biographie

Jahrzehnte hindurch hatte vor allem eine Deutungsart das Goethe-Bild der Forschung wie der Öffentlichkeit bestimmt und war zum Symbol der Weimarer Klassik geworden: die Vorstellung vom „Olympier“, dem unerreichten und unerreichbaren Dichtergenie, bei dem Leben und Werk eine harmonische Einheit bildeten. Zur Zeit der Jahrhundertwende allerdings begann dieser Mythos nachhaltig zu bröckeln, denn nicht nur lagen mittlerweile umfassende Goethe-Gesamtausgaben vor, die auch dessen nicht-literarische Schriften erschlossen, sondern die Aufladung des Dichters zum „geheimen Zentrum der nationalen Identität der Deutschen“,750 die „im neuen Reich zur inflationistisch gebrauchten Etikettierung des kulturellen Über-Ichs einer zur politischen Großmacht sich entwickelnden und an ökonomischer Expansion vorrangig interessierten Nation“751 abgesunken war, bedurfte der Aktualisierung.

Chamberlain hatte 1896 mit der Projektierung einer Biographie begonnen, die Arbeit dann aber immer wieder zurückgestellt: erst zugunsten der „Grundlagen“, dann zugunsten des „Kant“. Doch die Lektüre von Goethes Werken wie der dazugehörigen wissenschaftlichen Literatur hatte er nie ausgesetzt und immer wieder Schreibanläufe genommen. Dazu gehörte ein bislang unbeachtet gebliebener Aufsatz, den er im Oktober 1901 in der Münchner „Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichte, einem traditionsreichen liberalen Blatt, das zu dieser Zeit vom Schriftsteller und Germanisten Oskar Bulle herausgegebenen wurde. Die Zeitung hatte wenige Wochen zuvor einen Artikel des gerade einmal 20-jährigen Philosophen Leopold Ziegler veröffentlicht, der später zu einem der einflussreichen Autoren der sogenannten Konservativen Revolution gehören sollte.

Ziegler hatte in einer Polemik unter dem Titel „Goethe und der Typus des germanischen Genius“752 den Dichter als geradezu „ungermanisch“ beschrieben: Das letzte „germanische Genie“ sei Luther gewesen, in dem sich der Zustand der „germanischen Rasse“, von Ziegler synonym für das deutsche Volk bzw. die Nation gebraucht, prototypisch verdichtet hätte.753 Für Chamberlain ergab sich hier eine mehrfache Frontstellung: Zum einen galt ihm Goethe neben Luther, Wagner und Kant als Inbegriff des „germanischen Genies“, zum anderen argumentierte Ziegler aus dem Umfeld der Monisten heraus, war er doch ein Schüler Artur Drews und wenig später Promovend von Ernst Haeckel gewesen – ohne Zweifel also ein nicht ungefährlicher Angriff, dem der Brite begegnen musste.

Chamberlain stellte Zieglers Ausführungen kurzerhand seine Interpretation der langen Reihe germanischer Genies entgegen: Eckhart, Hegel, Eduard v. Hartmann, Morus, Erasmus, Reuchlin, Agricola, Bacon fanden sich neben Luther, Goethe und Wagner. Sie alle dienten als vermeintlicher Beweis dafür, dass aus dem in stetem Wandel begriffenen rassischen Ausgangsmaterial beständig neue, zeitgemäße „Genies“ entstanden, die sämtlich durch die germanische Eigenart miteinander verbunden waren. Luther etwa, so korrigierte Chamberlain Ziegler, sei nicht der Inbegriff des einen „germanischen Typus“, sondern stelle „eine charakteristisch einseitige Entwickelung der besonderen, stark slavisch gemischten Abart des deutschen Volkes dar, sowohl in der leiblichen Physiognomie […], wie in der geistigen Eigenart.“754

Dieser „Richtigstellung“ folgten Ausführungen über Goethe als Naturforscher und Mystiker, als Wissenschaftler und Metaphysiker, bevor er seine Kritik an Ziegler im Tonfall des Predigers beendete: „Wir wissen Goethe Dank dafür, daß er die ihm wie so vielen Anderen eigene mystische Anlage – die philosophia teutonica – nach außen statt nach innen gewendet hat. […] Und so verehren wir ihn als einen Größten unter Germanen, heute und immerdar.“755 Damit machte der Autor im Oktober 1901 nicht nur deutlich, dass Goethe, egal was und wie er über ihn schrieb, fest in sein Rassedenken integriert und unauflöslich mit den „Grundlagen“ verbunden war, sondern nahm zugleich Wesentliches von dem vorweg, was ein Jahrzehnt später den Kern seiner Goethe-Biographie ausmachen sollte.

Dort widmete er sich dem Dichter auf knapp 800 Seiten und in sechs Kapiteln, von denen das erste eine Lebensbeschreibung bot, das zweite die Persönlichkeit Goethes in den Mittelpunkt stellte, das dritte den Praktiker aus Politik, Wissenschaft und Theaterbetrieb beschrieb, das vierte den Naturforscher zeigte, das fünfte den Dichter in den Fokus nahm und das sechste auf fast zweihundert Seiten Goethe als den „Weisen“ präsentierte. Wie schon in der Wagner- und der Kant-Biographie ging es Chamberlain nicht um eine Gesamtdarstellung, die Person, Werk und historischen Kontext zueinander in Beziehung setzte, sondern um die Herausarbeitung angeblich überzeitlicher Wesensbestandteile, aus denen sich Goethe als vorbildhaftes germanisches Genie konstruieren ließ. Auch hier genügt eine vergröberte Beschreibung, da die Details von Chamberlains Argumentation in der Forschung vielfach beschrieben wurden und sich außerdem aus ihnen keine weiteren nennenswerten Einsichten mehr gewinnen lassen.756

Zunächst ging der Autor daran, den „Olympier“ Goethe auf die Erde zurückzuholen, indem er ihn als Persönlichkeit präsentierte, die starke Gegensätze in sich vereinte und aus dieser Spannung heraus zu genialen Höhenflügen ansetzte. Dies war zugleich ein Frontalangriff auf die positivistische Goethe-Forschung vorangegangener Jahrzehnte, die Goethes Leben als dessen größtes Kunstwerk zu interpretieren gewöhnt war. Zugleich war diese Stilisierung der Gegensätzlichkeit zum Prinzip menschlichen Daseins nicht neu, sondern hatte bereits in der Wagner-Biographie eine Säule der Argumentation gebildet – schließlich ließen sich auf diesem Weg gegenläufige Befunde durch den Verweis auf die Widersprüchlichkeit als vermeintliches Lebensprinzip des Genies miteinander harmonisieren: „Das Genie bringt jenes Unlogische, Widerspruchsvolle, aber einzig Wahre, jenen Untergrund alles menschlichen Empfindens und Handelns zum Ausdruck“,757 hatte er seinerzeit mit Blick auf Wagner geschrieben und dann bemerkt, „vielleicht ist Goethe das grossartigste Beispiel des Widerspruches in der Einheit, aber alle grossen Künstler sind in diesem Punkte verwandt.“758

Die anschließenden Kapitel gingen dann gewissermaßen den Folgen nach, die diese spezifische Charakteristik für Goethes Betätigungsfelder hatte. Hier waren es vor allem die naturwissenschaftlichen Schriften zur Botanik, Anatomie, Geologie, Meteorologie und Optik, die Chamberlain in den Vordergrund stellte und mit denen er, aufgrund seiner eigenen Vorbildung auf dem naturwissenschaftlichen Gebiet, souverän umzugehen wusste. Anders stand es mit seiner Darstellung des Dichters, die im Verhältnis dazu schwach und farblos blieb und vor allem die schwärmerisch-überzogene Hingabe des Autors offenbarte sowie den Versuch, durch die Glorifizierung Goethes als einen der größten Dichter aller Zeiten die intellektuelle Anbindung an den Wagner-Kosmos zu schaffen, an das „Wort-Ton-Drama“ und das „deutsche Drama“ des Bayreuther „Meisters“.759 Im letzten Kapitel, das „den Weisen“ porträtierte, richtete er dann das Augenmerk auf die philosophischen und religiösen Anschauungen seines Untersuchungsgegenstandes. Unter Verwendung selektiver Zitate wurde Goethe hier zum „makellosen Kantianer“, der sich in sozialer und politischer Hinsicht nicht nur als „erbitterter Gegner von Herders Humanitäts-Gedanken“ erwies, sondern auch als „unermüdlicher Feind des Liberalismus, der Presse, der engstirnigen Fachwissenschaft“, als tiefreligiöser Anhänger eines germanischen Christentums und schließlich als Gegner der Juden.760

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch der antisemitische Ausfall, den Chamberlain gegen Ende des ansonsten ebenfalls weitgehend von derlei Attacken freien Buches vollzog: Bei der Erziehung der Kinder zum Christentum, so begann er diese Passage mit einem Goethe-Zitat, „dulden wir keinen Juden unter uns; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet“.761 Das diente freilich nicht der Darstellung etwaiger judenfeindlicher Einstellungen Goethes,762 sondern verstand sich als Appell, den Chamberlain „jedem Einzelnen Deutschen auf der ganzen Welt unter die Augen gebracht sehen“763 wollte.

Der Rest war, entwickelt entlang von Goethe-Zitaten, die Wiederaufnahme altbekannter Vorschläge: „Kein Lehrer der Jugend, auf irgend einer Stufe, darf Jude sein“, las das Publikum da, und: „Wir dürften also nicht bloß keinen jüdischen Künstler, Dichter, Naturforscher, Politiker, Offizier, Richter, Beamten, Literaten, Journalisten, nach Goethes Überzeugung, unter uns dulden“.764 Nach seitenlangen Erörterungen schließlich folgte die offensive Anbindung an die Gegenwart der Jahrhundertwende: Gleich nach den antinapoleonischen Kriegen, so schrieb Chamberlain, „stand das neue Gesindeldeutschland fertig da“,765 griffen moralischer, religiöser, politischer, sittlicher Verfall um sich, und als Goethe am 22. März 1832 starb, „da ‚begann das jüdische Zeitalter, in dem wir jetzt leben‘“,766 das „Deutschland Heine’s und Börne’s und ihrer heutigen Nachfolger“, gegen das es ein „Erwachen Deutschlands aus seiner Schmach“767 herbeizuführen gelte. „Goethes Deutschtum“, so wechselte er am Ende seiner Ausführungen einmal mehr in die Tonlage des Predigers, „deckt wie das Himmelsgewölbe liebend die ganze Heimat dessen, was deutsch ist, sowohl geographisch wie ideell, sowohl die Zukunft wie die Vergangenheit“, ab.768

Im Vorwort zur 1920 erscheinenden dritten Auflage des Buches schließlich verschärfte der Autor dieses Narrativ noch und wurde überdeutlich – der verlorene Weltkrieg und die Krisenstimmung der Nachkriegszeit hatten seinen Judenhass noch einmal befeuert. Unter Rückgriff auf einen besonders stark antisemitisch aufgeladenen Artikel, den er 1917 unter dem Titel „Das eine und das andere Deutschland“ verfasst hatte und in dem das Deutschland der „Helden“ dem Deutschland der Juden und „Flaumacher“ gegenübergestellt war,769 bemerkte er nun in seiner Vorrede zum „Goethe“: „Fraglos wäre dieses ‚andere Deutschland‘ nie zu einer derartigen Sündflut angeschwollen ohne die Mitwirkung der Juden, die im Laufe des Weltkrieges vollends die Herrschaft an sich zu reißen wußten“, hatten sie doch „ein Jahrhundert lang emsig den Boden“ bereitet durch „die systematische Vergiftung der Volksseele und Irreführung der Gebildeten“. Die wahre „Schmach“ indes läge im „minderwertigen Deutschland“, das sich „der Förderung durch jüdische Einwirkung zugänglich“ gezeigt hätte: Es gehe „nicht an, sie dem fremden Volke zuzuschieben, vielmehr müssen wir die eigene Unwürdigkeit bekennen; denn allein aus Erkenntnis und Bekenntnis kann die Hoffnung auf Gesundung emporwachsen“770 – eine Erkenntnis, zu der auch „das vorliegende Buch für sein bescheiden Teil wirken“771 sollte.

Trat mit dieser Mischung aus germanischer Selbstbesinnung und antisemitischer Frontstellung das weltanschauliche Angebot erneut offen zutage, so zeigte sich der dazugehörige hasserfüllte Affekt vor allem in der privaten Korrespondenz. Adolf von Harnack, der das Buch mit Begeisterung gelesen hatte und nach anderthalbjähriger Funkstille darüber mit Chamberlain in einen ausführlichen Briefwechsel geriet, sah sich genötigt, in seinem letzten das Thema berührenden Brief die „antijüdische Polemik vom Standpunkt der Rasse“ zu kritisieren: „Sie sind“, schrieb er dem Briten, „wirklich von einem antijüdischen Dämon besessen, der Ihnen den Blick trübt und Ihr herrliches Buch mit einem Flecken entstellt.“772

Diesem später viel zitierten Diktum begegnete Chamberlain mit einer Antwort, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ und noch einmal eindrucksvoll belegt, dass sein Judenhass, trotz der Zurückhaltung, mit der er sich im Goethe-Buch äußerte, nichts an Schärfe und Aktualität eingebüßt hatte: Zur „jüdischen Frage“ wolle er eigentlich gar nichts schreiben, antwortete er Harnack, denn: „Sie werden Ihre Meinung nicht ändern und ich die meine ebensowenig“. Bei „bedeutenden Werken“ allerdings bildeten „die sog. Fehler einen integrierenden Bestandteil […], an dem man nicht rütteln“ dürfe. „Mögen Sie hier also, wenn Ihr Urtheil es fordert, einen ‚entstellenden Flecken‘ erblicken; bei näherer Betrachtung werden Sie gewiss entdecken, dass manches Vortreffliche, manches, was Ihnen Anlass zu so warmen Worten der Anerkennung gegeben hat, untrennbar eng mit diesem ‚Fehler‘ verwachsen ist.“773

Deutlicher konnte man nicht zum Ausdruck bringen, dass der Hass auf die Juden der integrale Bestandteil der eigenen Weltanschauung und aller daraus entstandenen Wortmeldungen war. Dass es sich dabei nicht um theoretisch-abstrakte Vorbehalte, sondern um einen tatsächlich hell auflodernden Hass handelte, wollte Chamberlain dem von ihm geschätzten Briefpartner nicht vorenthalten: Er könne das christliche Gebot, seine Feinde zu lieben, zwar verstehen und im Einzelfall auch praktizieren – unverständlich aber bleibe ihm die Aufforderung, „das Schlechte, das Schändliche, das Gemeine“ zu lieben, denn dies sei „dasjenige, was alle Tage auf allen Gebieten alles was mir hoch und heilig ist beschmutzt, vergiftet, niederreisst, damit alles Edle an unserm lieben armen grossen Europa rettungslos dem Untergang weihend“.774 Deshalb begreife er auch nicht „die Aufforderung, es zu lieben; mit allen Kräften meiner Seele hasse ich es und hasse es und hasse es! Und wie dieser Hass aus meiner leidenschaftlichen Liebe entspriesst, ebenso kräftigt sich und wächst meine Liebe aus diesem Hass. Gäbe ich einmal den Hass auf, ich bliebe bettelarm an Liebe. Also“, schloss er die Passage, „seien Sie auch hierin generös, und lassen Sie mir meinen Hass, auf dass ich nicht meine Liebe verliere; denn in ihr wurzelt rein alles, was ich bin und kann.“775 An kaum einer anderen Stelle kommt die Abfolge von Chamberlains inneren Aggregatzuständen so deutlich zum Ausdruck wie hier: Erst der Hass, dann die Liebe – in weltanschaulicher Hinsicht also erst die Abgrenzung vom Hassenswerten, bevor darauf ein schwammiges Positivangebot folgen konnte. Die Wut, die sich in seinen Werken ihre Sprache suchte, sie war auch im Goethe-Buch nur knapp unter der Oberfläche verborgen, der antisemitische Teil der Monographie war, ungeachtet seiner relativen Kürze, mehr als ein Exkurs – er war der Glutkern.

Harnacks ambivalente Reaktion aus Begeisterung und Distanz kann stellvertretend stehen für die allgemeine öffentliche Rezeption des Buches: Chamberlains Versuch, der Persönlichkeit Goethes neue Seiten abzugewinnen und mit der positivistischen Tradition zu brechen, rief ebenso positive Reaktionen hervor wie seine fundierten Darlegungen über dessen naturwissenschaftliche Schriften und Überlegungen. Der Rest brachte die Monographie ins „Kreuzfeuer einer heftigen Polemik“,776 wobei sich naturgemäß das konservative und völkisch-antisemitische Lager von der Darstellung besonders angesprochen fühlte, befriedigte sie doch dessen spezifische Rezeptionsbedürfnisse: Goethe als Kronzeuge einer konservativen Geschichtsphilosophie, die, ganz nach Rankes „Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott“, die historische Analyse und die Frage nach den Folgen von Geschichte durch historistische Beschreibung und Kontemplation ersetzte;777 Goethe als Kristallisationspunkt eines „Ganzheitsmythos“ und den damit einhergehenden Phantasien von Einigung, Gesundung und Erlösung;778 schließlich die Stilisierung Goethes zum Apostel der Reinheit und Lauterkeit,779 die auch durch den Angriff auf den „Olympier“ keinen Schaden nahm.

Chamberlain allerdings beließ es eben nicht bei der konservativen Kontemplation, sondern verknüpfte die Frage nach den Folgen von Geschichte ohne Umschweife mit seiner Gegenwart und wandelte sie so zum Appell: Goethe als Aufforderung und Mittel zur Selbstvergewisserung der „Germanen“, als Gewährsmann für die vorzunehmende Abwendung von allem „Fremden“, als Legitimation für die Ausscheidung der Juden aus wesentlichen Bereichen des öffentlichen Lebens der Deutschen – für jeden, der mochte, wurde so der „Olympier“ ersetzt durch das germanische Genie, den germanischen Helden.

Chamberlains „Goethe“ war, darauf sei abschließend hingewiesen, alles andere als ein Solitär: 1913 erschien eine ebenfalls vielgelesene Biographie aus der Feder Georg Simmels, bevor 1916 Friedrich Gundolfs Goethe-Buch folgte, das hinsichtlich der Rezeptionsbreite seinen Konkurrenten schnell den Rang ablief.780 Vor diesem Hintergrund wird umso verständlicher, dass Autor und Verleger mit dem Absatz unzufrieden waren: Die fest erwartete zweite Auflage, für die Chamberlain sofort nach dem Erscheinen der ersten Material zu sammeln begonnen hatte,781 ließ sechs Jahre auf sich warten und erschien erst 1918. Noch im Januar 1916 warteten 2000 Exemplare der Erstauflage auf Abnehmer782 und auch die zweite Auflage, die als verbilligte „Kriegsausgabe“ in kleinerem Format geplant war, erschien in geringer Stückzahl.783

10. Der neue Herr

„Was ist in Chamberlain gefahren? Ich lese von seiner Hochzeit im Graphic, den ich zufällig aufschlage […]. Was soll das heißen? […] Wo sind seine Sinne u. sein Alles geblieben?“. So erregte sich im Januar 1909 Rudolf Kassner in einem Brief an Elsa Bruckmann und schrieb sich dann in Rage: „Kennen Sie die Eva Wagner? Ich saß einmal vor Jahren bei einem Essen neben ihr u. fand sie hässlich, affectiert u. boshaft. Und absolut nicht witzig, was man ihr gewöhnlich nach allen Abzügen zu lassen pflegt, gar nicht, sondern wieder nur boshaft.“784

Auch andernorts sah man die Verbindung skeptisch, wenn auch aus entgegengesetzter Perspektive: „Die Familienverhältnisse Wahnfried mögen wohl sehr wenig erquickend sein“, schrieb 1911 Cosimas einstiger Intimus Felix Mottl einer befreundeten Gräfin und fügte an: „Dieser Chamberlain mit seinem Froschgesicht und die in ihn verliebte Eva, – ein scheussliches Bild! Und alles Andere herum! Ach Gott, die arme Frau Wagner!“785

Der so Gescholtene sah das naturgemäß anders: „Nach schweren Jahren“, schrieb Chamberlain an Kaiser Wilhelm II., „gleitet jetzt mein Lebensschiff in freundliche Wasser“.786 Ohne Zweifel war der Brite am Ziel seiner Träume angekommen und hatte der „Wanderer“, wie er sich selbst bezeichnete, eine Heimat gefunden.787 Der Umzug aus der relativen Anonymität seiner Wiener Existenz in die oberfränkische Provinzstadt Bayreuth und zugleich in eine der schillerndsten Familien Deutschlands war eine einschneidende Erfahrung, die sein Leben nachhaltig veränderte: Bereits kurze Zeit später, so vermerkte Hermann Keyserling nach einem Besuch bei seinem einstigen Mentor, war der „vormals so ängstlich auf äußere Selbständigkeit Bedachte […] in Wahnfried eingefangen wie eine Haremsfrau und bald darauf auch vollkommen bezwungen und gezähmt. Es machte mir einen niederschlagenden Eindruck, wie er bei meinem Besuch in Wahnfried 1909 beinahe demütig am Abend Siegfried Wagner, welcher im Schlafrock auf einer Art Thronsessel prangte, aus Plutarch vorlas und begeistert tat, solcher Dienstleistung gewürdigt zu werden. Aber er war so unzweifelhaft glücklich, viel glücklicher als er es als freier Mann gewesen war. Und nachdem er das Erobertsein durch Wagners anerkannt hatte, ließ die Familie ihn natürlich frei gewähren und förderte seine Sonderbestrebungen.“788

Doch dieses Bild von Chamberlain als schrulliger Pantoffelheld am Rockzipfel der Wagner-Familie erfasst nur den nach innen gerichteten, den privaten Teil seiner Lebensrealität. Andere Beobachter, die dem Briten nicht so nahestanden, nahmen eher die politisch-weltanschaulichen Implikationen in den Blick. Die Gräfin Spitzemberg etwa, die sich noch einige Jahre zuvor als begeisterte Leserin der „Grundlagen“ gezeigt hatte, notierte nun lakonisch: „Eva Wagner, nahe der Vierzig, heiratet Mr. Chamberlain, den Schriftsteller, der von seiner sehr gräßlichen Frau seit zwei Jahren geschieden ist – welch ein Herd für Antisemitismus!“789

Damit sind zwei Pole benannt, zwischen denen sein Leben in den folgenden Jahren oszillierte: Der unkritische, ganz den Bedürfnissen Wahnfrieds und des Wagner-Kultes ergebene Chamberlain fand sein Gegenstück im öffentlich wahrnehmbaren Exponenten einer rassistischen, nationalistischen und antisemitischen Weltanschauung, die in den Festspielen ihren sichtbaren Kristallisationspunkt hatte. In den ersten Jahren seines Bayreuther Daseins allerdings galt es zunächst, innerhalb einer konfliktreichen Familienkonstellation die eigene Position zu sichern. Konkret bedeutete dies, allen Parteien deutlich sichtbar zu machen, dass der Clan ab jetzt von einer Doppelspitze regiert wurde, bestehend aus Siegfried Wagner auf der einen und dem Ehepaar Chamberlain auf der anderen Seite. Dazu mussten Cosimas andere Töchter auf Distanz gehalten werden: Daniela und ihr Ehemann, der Kunsthistoriker Henry Thode, sowie Isolde, die mit dem international erfolgreichen Dirigenten Franz Beidler verheiratet war.790

Bereits während seiner Hochzeitsvorbereitungen hatte Chamberlain deshalb im Verlauf des Jahres 1908 bei beiden Ehepaaren für seine Heiratspläne geworben, wohl wissend, dass alle Beteiligten dem Vorhaben skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden.791 Auch Adolf von Groß, der nach dem Tod Richard Wagners als Vormund der Kinder fungiert hatte, wurde in die Charmeoffensive einbezogen: Chamberlain hielt bei ihm förmlich um Evas Hand an und legte dabei dem Bankier ausführlich seine finanzielle Situation dar, die ihn, wie er süffisant bemerkte, zu einer „begehrenswerthe[n] ‚Partie‘“ machten.792 Der Ton dieser vorsichtig-tastenden, auf Dialog und Verständnis setzenden Annäherungsversuche sollte sich schnell ändern, als Chamberlain fester im Sattel saß.

Zunächst aber wurde geheiratet, woraufhin die Frischvermählten im Januar 1909 zusammen mit Cosima für mehrere Monate an die italienische Riviera reisten.793 Von dort aus begab sich der Brite nach Wien, um seine Wohnung aufzulösen, den Umzug zu überwachen und um, wie er akribisch in seinem Tagebuch notierte, an zwei Abenden eine größere Anzahl von Briefen zu verbrennen.794 Nach seiner Abreise aus Wien und einem kurzen Zwischenstopp in München kam er Anfang Mai 1909 in Bayreuth an, wo er zunächst ganz mit dem Einzug in die Villa Wahnfried beschäftigt war.795 Die freie Zeit verbrachte er entweder mit Eva oder mit den unausweichlichen gesellschaftlichen Verpflichtungen, die er als Teil der Wagner-Familie zu absolvieren hatte: Gemeinsame Spaziergänge und Vorlese-Stunden wechselten sich ab mit Diners und Champagner-Abenden, bevor im Sommer die Festspiel-Proben und schließlich die Festspiele selbst begannen, mit ihrem aufgeregten Betrieb aus Empfängen und großen Festen in Wahnfried.

Wenige Wochen nach dem Ende der Saison, im September 1909, brach dann allerdings ein schwelender Familienkonflikt endgültig auf: Das Verhältnis von Cosimas Tochter Isolde und ihrem Mann Franz Beidler zu Wahnfried war bereits seit längerem gestört, denn der ehrgeizige Dirigent wollte sich mit der ihm von der Schwiegermutter zugedachten, subalternen Rolle nicht zufriedengeben. Als hochqualifizierter Musiker, der internationale Erfolge als Dirigent aufweisen konnte und von 1902 bis 1905 kaiserlicher Musikdirektor in Moskau gewesen war,796 wollte er mehr als nur einige Dirigate und die Leitung des Festspiel-Chores – ein Ehrgeiz, der ihn in Konkurrenz zu Siegfried Wagner brachte und damit das dynastische Prinzip auf dem „Grünen Hügel“ zu bedrohen schien. Schon im November 1905, als der Konflikt das erste Mal eskalierte, hatte Cosima ihrer Tochter deshalb mit dem Abbruch der Beziehungen gedroht und ein Jahr später gefordert, das Paar solle sich trennen oder Beidler sich unterwerfen, wolle man jemals wieder zueinander finden.797 Die Fronten waren also verhärtet und sie blieben es auch, als die Festspielleiterin im Dezember 1906 einen gesundheitlichen Zusammenbruch erlitt, nach dem sie nicht mehr zu alter Form zurückfand und zunehmend abhängig wurde von der Unterstützung durch Eva.

Chamberlain seinerseits hatte, vermittelt durch die Briefe Cosimas, den Aufstieg Franz Beidlers aus der Ferne beobachtet und war spätestens seit der Heirat mit Eva auch über die Weiterungen informiert.798 Als die Lage im September 1909 nach einer Drohung aus dem Beidler-Lager schließlich akut wurde, konnte er eingreifen: „früh M[ama]’s Frage an Eva: ‚Greifen sie ihn als Künstler od. als Menschen an?‘ – woraus dann vollständige Aufklärung der ganzen Situation, was unsere Gedanken den ganzen Tag beschäftigte“,799 notierte er am 13. September alarmiert in sein Tagebuch.

Dieser auf den ersten Blick rätselhafte Eintrag bezog sich auf Siegfried Wagner und musste alle Alarmglocken schrillen lassen. Während eine Attacke auf den Künstler schon schwer genug wog, war ein Angriff auf den „Menschen“ verheerend, denn es bedeutete, dass Siegfrieds Homosexualität zum Gegenstand der Auseinandersetzung wurde – kurz nachdem der „Eulenburg“-Skandal zu Ende gegangen war und der gesamten Nation vor Augen geführt hatte, dass der Vorwurf gleichgeschlechtlicher Liebe ein probates Mittel war, um Karrieren und Leben zu vernichten. Zudem war Siegfried in dieser Sache ohnehin unter Druck, da sein Privatleben schon mehrfach Anlass zu Gerüchten gegeben hatte.800

Nur vor dem Hintergrund dieser Bedrohungslage ist die Drastik, mit der sich nun Chamberlain in den Streit einmischte, zu erklären. Nachdem er zusammen mit Eva und Cosima die Angelegenheit besprochen hatte, setzte er am 14. September 1909 ein Schreiben an Adolf von Groß auf, das ihn den „ganzen Tag von früh bis ab[en]ds“ in Beschlag nahm und in zahlreichen Abschriften an Freunde der Familie geschickt wurde.801 Auch in der nächsten Zeit war der Familienstreit die Hauptbeschäftigung,802 weshalb der Brite schließlich seinen Rechtsanwalt, den Münchner Justizrat Franz Troll, nach Bayreuth einlud. Dieser erschien am 25. September zu einer tagesfüllenden Konferenz mit Chamberlain und Adolf von Groß, für die man sich zuvor von der bettlägerigen Cosima „Direktiven“803 eingeholt hatte.

Das Rundschreiben, mit dem die fieberhafte Aktivität ihren Anfang genommen hatte, war ein von Chamberlain konzipierter und mit Cosima abgestimmter Generalangriff gegen das Ehepaar Beidler, der keinen Platz mehr ließ für versöhnliche Töne. Die zentrale Passage in dem als Brief an Adolf von Groß konzipierten Schreiben lautete:

Mama erwartet nun aber auch von allen Freunden Wahnfried’s – und Dir als dem Zunächststehenden soll ich es an erster Stelle mit ihren treuesten Grüssen ausrichten – dass sie wissen werden, wie sie sich bei dieser Sachlage zu verhalten haben. Sie stehen vor einem Entweder – Oder. Es ist einfach unmöglich, zu gleicher Zeit ‚zween Herren‘ zu dienen; man kann nicht für eine Sache sein und auch gegen sie. Wie ehrenwerth auch die Stimmung sein mochte, die bisher dazu verführte, Zweideutigkeit in den Beziehungen zu Wahnfried und zu Colmdorf ist fortan ein Ding der Unmöglichkeit. Wer mit Mama und den Übrigen Mitgliedern des Hauses Wahnfried jetzt verkehrt, bezeugt dadurch, dass er keinerlei Beziehung mehr zu jenen Unglücklichen unterhält.804

Dieses Schreiben, in der Wagnerforschung nicht zu Unrecht als Beispiel eines besonders „perfiden, bösartigen und zerstörerischen Rundbriefes“805 gewertet, verliert etwas von seiner Schärfe, wenn man in Rechnung stellt, dass die vorausgegangene Bedrohung für Siegfried tatsächlich existenziell war und zudem einen nicht wieder gutzumachenden Verrat bedeuten musste – drohte hier doch die eigene Schwester mit der Offenlegung intimster Details. Chamberlains Wut und die dadurch motivierte, vollkommen ungerechtfertigte Pathologisierung Isoldes dürften auch auf die Empörung über dieses Vorgehen zurückzuführen sein.

Wichtiger ist ohnehin die Frage nach dem Stellenwert dieses Manövers in seinem Kampf um eine eigenständige Position innerhalb einer Familie neurotischer und heillos zerstrittener Geschwister, die alle auf den Kurs des Familienunternehmens Einfluss nehmen wollten. Erst in dieser Perspektive zeigt sich, dass der Brite einmal mehr als geschickter Taktiker agierte, der es verstand, zugleich für „die Sache“ wie für sein eigenes Fortkommen zu streiten. Denn mit dem Gegenangriff trat er nicht nur der Bedrohung durch die Beidlers entgegen, sondern erreichte zugleich einen entscheidenden machtpolitischen Erfolg: Neben den Kindern des „Meisters“ und der „Meisterin“, neben den „Halbgöttern“ Eva und Siegfried, hatte er sich, für alle sichtbar, im Machtzentrum der Familie in Stellung gebracht und demonstriert, dass er dazu nicht nur durch die siechende „Herrin des Hügels“ legitimiert worden war, sondern auch durch den amtierenden Festspielleiter und das zukünftige Oberhaupt der Familie, Siegfried Wagner. Alle anderen waren damit auf die Plätze verwiesen.

Die Rücksichtslosigkeit, mit der Chamberlain dieses Manöver vollzog und die Anmaßung, mit der er sich zum Vollstrecker der Verbannung Isoldes machte, zogen wütende Reaktionen der Empfänger des Briefes nach sich: Adolf von Groß etwa und sein Bruder Max, langjähriger Leiter der Bayreuther Stipendienstiftung, beschwerten sich über die Eigenmächtigkeit, so dass Chamberlain sich zu einer förmlichen Entschuldigung für seinen „Manifestbrief“ gezwungen sah, in der er sich allerdings ganz auf die Funktion des „Sprachrohrs“ für die „hohe, angebetete Mama“ zurückziehen konnte.806 Doch kein Kritiker vermochte die Lage zu ändern: Isolde blieb exkommuniziert und alle ihre Versuche, den Dialog mit der Mutter wieder aufzunehmen, scheiterten – weil Siegfried und Eva die Post abfingen und Chamberlain im Hintergrund weiter darauf hin wirkte, Isoldes Ruf zu schädigen.807 Er fürchte, schrieb Max Groß an Eva, dass „unsere Beziehungen“ nie „wieder den früheren Grad von Innigkeit“ erreichen könnten, nun, da „der ‚neue Herr‘ beliebt hat, […] mit bisher fremden Ton den Verkehr“ zu führen.808 Und Evas Schwester Daniela notierte rückblickend: „Im Jahre 1908 begann unser Elend – mit Evas Heirat –, einem Hass begegneten wir, der in aller Stille unausgesetzt wirkend, keine Unwahrheit scheute, sein Ziel zu erreichen – keine falsche Beeinflussung – keine heimliche Kränkung – alles auf solchen Wegen, die nicht zu fassen waren.“809

Abb. 21
Abb. 21

Die neue Führungsspitze: Das Ehepaar Chamberlain mit Siegfried Wagner vor dem Festspielhaus, undatiert.

Diese drastische Beurteilung kam nicht von ungefähr, da Chamberlain wirklich alles tat, um eine weitere Eskalation des Konfliktes zu befördern. Bei einem Besuch im Hause von Groß, so hielt Daniela fest, habe der Brite nicht nur durchgesetzt, seinen „Rechtsanwalt in die Familien-Angelegenheiten aufzunehmen“,810 sondern auch die Idee ins Spiel gebracht, „Isolde zu enterben.“811 Adolf von Groß’ anwesende Ehefrau habe dieses Ansinnen „mit Entrüstung“ zurückgewiesen und sich erschüttert gezeigt: Es habe, so teilte sie später Daniela mit, „ihr gegraut […], in eine so schwarze Seele zu sehen.“812

Der Skandal wird öffentlich

Danielas tiefsitzende Abneigung gegen Chamberlain entsprang dem alten Zerwürfnis um die „Grundlagen“, denn seither war das Verhältnis zwischen dem Briten und dem Ehepaar Thode äußerst angespannt. Doch auch wenn man ihre Beschreibung deshalb nicht allzu ernst nimmt, zeigt sich in der Gesamtschau der anderen Wortmeldungen, dass mit Chamberlain tatsächlich ein „neuer Herr“ in Wahnfried eingezogen war. Während Siegfried sich um die künstlerischen Belange kümmerte und Adolf von Groß vorerst noch die finanziellen Geschäfte regelte, wurde die weitere Familienpolitik nunmehr maßgeblich vom Ehepaar Chamberlain bestimmt.

Dazu gehörte zunächst die Unterstützung Siegfried Wagners als neuem Festspielleiter. Bereits im September 1908 hatte Chamberlain deshalb öffentlich für den Wagner-Sohn Partei ergriffen und damit sein 1896 begonnenes Engagement fortgesetzt.813 Ebenfalls an frühere Zeiten knüpfte er an, als er 1911 diskret dafür sorgte, dass die Korrespondenz des überraschend verstorbenen Dirigenten Felix Mottl aufgekauft wurde – er war Cosimas langjähriger Mitarbeiter und enger Freund gewesen, so dass die Veröffentlichung intimer Details zu befürchten stand. Zum Preis von immerhin 12.500 Mark erwarb deshalb Adolf von Groß die fraglichen Briefe und überstellte sie dem Ehepaar Chamberlain, welches dafür sorgte, dass nichts vom Inhalt nach außen drang.814

Überhaupt gestaltete sich, trotz der anfänglichen Irritation, das Verhältnis zwischen dem Festspiel-Verwalter von Groß und Chamberlain in den folgenden Jahren offenbar weitgehend kollegial und problemfrei – zahlreiche Briefe mit ausführlichen Erörterungen von Vermögensangelegenheiten zeugen ebenso von großem Vertrauen wie die ausführlichen Mitteilungen über den Gesundheitszustand Cosimas, der sich langsam verschlechterte.815 Dann entflammte im Sommer 1913 der Familienstreit erneut.

Am Beginn dieser endgültigen Eskalation stand die Einsicht der Wahnfried-Bewohner, dass die 75-jährige Cosima wohl nicht mehr zu alter Form zurückfinden würde und man deshalb gut beraten sei, rechtzeitig die Erbschaftsangelegenheiten zu ordnen, um eine gefährliche Phase juristischer Unsicherheit, wie sie nach dem Tod Richard Wagners geherrscht hatte, zu vermeiden. Zwei Ziele galt es dabei zu erreichen: Zum einen musste Siegfrieds alleiniger Führungsanspruch über die Festspiele gesichert werden, zum anderen war zu verhindern, dass der erhebliche materielle Besitz an unliebsame Erben abfloss. Dabei ging es um viel Geld, denn das Familienvermögen belief sich auf sechs Millionen Mark,816 wozu auch das Festspielhaus, die Villa Wahnfried und das angrenzende Gebäude „Wahnfriedstraße 1“ gehörten – letzteres hatte das Ehepaar Chamberlain, das bis dato noch einige Räume in Wahnfried bewohnte, als zukünftiges Wohnhaus ins Auge gefasst.817 Machtpolitische Planungen verbanden sich so mit handfesten finanziellen Interessen, während das Zerwürfnis mit Isolde und Franz Beidler den nicht unwillkommenen Anlass bot, die Zahl der zukünftigen Erben zu verkleinern. So beschloss man in Wahnfried im Frühjahr 1913, Isolde als Erbin zu verdrängen und ihr nur einen Pflichtteil zuzusprechen – ein Unternehmen, zu dem allerdings ein neu aufgesetztes Testament Cosimas nötig war.

In dieser Situation besuchte Isolde am 8. und 9. Juni 1913 die Chamberlains, mit denen sie sich zweimal zum Mittagessen traf.818 Die Wagner-Tochter war nicht allein gekommen, sondern hatte – sicherlich nicht zufällig – ihren Sohn Franz Wilhelm mitgebracht. Der elfjährige Knabe repräsentierte, für alle sichtbar, ihren Anspruch auf einen gewichtigen Platz in der Familiendynastie, denn solange Siegfried keinen Sohn hervorbrachte, war Franz Wilhelm der einzige Aspirant auf die „Thronfolge“. Der „Meistersohn“ blieb diesem Treffen wohlweislich fern und delegierte zudem alle Korrespondenz mit den Beidlers an das Ehepaar Chamberlain – ein beredtes Zeichen dafür, dass er keine Verständigung mehr erwartete.819

Es ist nicht bekannt, was zwischen den Chamberlains und Isolde an diesen beiden Tagen besprochen wurde – die Erbschafts-Pläne, die man in Wahnfried zuvor geschmiedet hatte, waren es sicherlich nicht, denn diese sickerten erst Mitte Juni zu Isolde durch, übermittelt von dem mit ihr befreundeten Max Groß, der sich einst so bitter über den „neuen Herren“ beklagt hatte.820 Die Perfidie, mit der sich Isolde nun konfrontiert sah und gegen die sie am 22. Juni bei Adolf von Groß protestierte, war tatsächlich kaum zu überbieten: Die Tochter von Cosima und Richard Wagner wurde kurzerhand zur Tochter von Cosima und deren erstem Mann, Hans von Bülow, erklärt. Dies war möglich, weil Cosima die ersten beiden Kinder Richard Wagners, Isolde und Eva, zur Welt gebracht hatte, als sie noch mit Hans von Bülow verheiratet war. Wichtiger noch: Um einen Skandal zu vermeiden, hatte sie von Bülow 1883 dazu gebracht, beide Wagner-Töchter als seine Kinder zu legalisieren – ein Umstand, von dem Isolde offenbar nichts wusste oder dessen juristische Folgen sie nicht abzuschätzen vermochte, als sie nun Adolf von Groß gegenüber wütend bemerkte, nicht auf ihre „Rechte als älteste Tochter Richard Wagners verzichten“ zu wollen.821

„Vormittags ein u. aus, öfters mit E[va] (die sehr erregt über unverschämten u. vernunftlosen B[rie]f)“,822 notierte Chamberlain am 24. Juni 1913 den Beginn der Eskalation in sein Tagebuch, und zahlreiche Eintragungen in den folgenden Tagen und Wochen belegen, dass er fortan die Führung im Kampf gegen Isolde übernahm: Bereits am Folgetag konferierte er mit Adolf von Groß über eine „Isolde-Regelung“823 und setzte durch, dass sein langjähriger Rechtsanwalt Franz Troll hinzugezogen wurde: Die „Instruktionen für Troll in Form eines Briefes von ihm an I[solde] B[eidler] entworfen, mit E[va] durchgesprochen, umgearbeitet. Telegr[amm] an Troll, B[rie]f an A.v.Gross“, vermerkt das Tagebuch am 26. Juni. Drei Tage später traf der Rechtsanwalt dann in Bayreuth ein: „Um ½ 11 auf die Bahn gefahren, Justizrath Troll abgeholt, der um 11.06 Uhr eintraf; um 11 ½ Konferenz bei mir, zu der Ad. Gross u. Eva kamen, behufs Regelung der Geldangelegenheiten I[solde] B[eidler]’s – im Auftrag Fidis [Siegfried Wagner, S.F.]. Um 12 ½ führte ich Troll zu F[idi] hinunter, der mit ihm über den Festspielfonds konferirte. Um 1 Uhr Troll und Adolf zum Essen.“824

Abb. 22
Abb. 22

Gefahr für die Erbfolge: Isolde und Franz Philipp Beidler mit dem gemeinsamen Sohn Franz Wilhelm, ca. 1906.

Auf diese Strategiebesprechung folgte ein reger Wechsel von Schriftstücken, Vollmachten, Abschriften und Anweisungen, die sämtlich durch Chamberlains Hände gingen, von ihm geordnet, mit Erklärungen versehen und versandt wurden.825 Immer wieder kam dabei auch die Gründung einer – letztendlich nie realisierten – Stiftung zur Diskussion, in die ein Teil des Familienbesitzes eingehen sollte. Dieser, seit den Zeiten Richard Wagners existierende, Plan einer „Nationalstiftung“ erhielt vor dem Hintergrund des Erbschaftsstreits eine ganz neue Relevanz: Je mehr Privatvermögen pro forma in eine Stiftung ausgelagert werden konnte, desto geringer wären die Verluste im Fall einer Prozessniederlage. So verwundert es nicht, dass Chamberlain sich auch in diese Planungen einschaltete und im Juli 1913, als fieberhaft an einer Stiftungssatzung gearbeitet wurde, alle Entwürfe mit den Beteiligten diskutierte.826

Anfang September wandte sich Isolde ein letztes Mal an ihre Mutter und machte unmissverständlich klar, dass sie bereit war, für ihr Erbe auch den Klageweg zu beschreiten – vor dem Hintergrund der rechtlichen Lage und der faktischen Unmöglichkeit, die eigene Abstammung zweifelsfrei nachzuweisen, ein fragwürdiges, vor allem aber verzweifeltes Manöver. Cosima ließ ihr einstiges Lieblingskind elf Tage lang warten, nur um dann mitzuteilen, dass von nun an alle Kommunikation über den Rechtsanwalt stattzufinden habe – eine Entscheidung, die das Ende der Mutter-Tochter-Beziehung bedeutete und an der Chamberlain ebenfalls beteiligt war.827 Anfang Februar 1914, die Chamberlains weilten gemeinsam mit Cosima an der Riviera, reichte Isoldes Anwalt schließlich die Klage ein, Anfang März begann der Prozess vor dem Landgericht Bayreuth.828

Es würde zu weit führen, hier die Einzelheiten des ohnehin vielfach in der Literatur beschriebenen Prozesses zu schildern. Es genügt das Ergebnis: Im Juni wurde Isoldes Klage abgewiesen, denn vor dem Gesetz galt sie als Tochter Hans von Bülows und es war ihr erwartungsgemäß nicht möglich gewesen, das Gegenteil zu beweisen. Chamberlain hatte auch während des Prozesses die Abwehrfront organisiert, die Kommunikation zwischen Wahnfried und dem Anwalt Troll übernommen, Besprechungen angesetzt und zusammen mit Eva in Cosimas Papieren fieberhaft nach Material gesucht, das die Wahnfried-Linie stützen konnte.829

Mindestens genauso wichtig war allerdings sein Eingreifen in die Berichterstattung, die mit Beginn der Verhandlung geradezu explodierte. Die nationale und internationale Presse nahm sich nur allzu gern des skandalösen Prozesses an, der schließlich mit pikanten Details aus dem Leben einer der prominentesten Familien des Reiches lockte. Auf der Suche nach Verbündeten in diesem Kampf um die öffentliche Meinung war indes bei den liberalen Blättern für Wahnfried kein Staat zu machen. Chamberlain versuchte deshalb von Beginn an, die Vertreter der deutschnationalen Presse als Verbündete zu gewinnen und griff dabei auf einen alten Bekannten zurück: Josef Stolzing-Cerny, Mitbegründer des „Neuen Wiener Wagner-Vereins“, betrieb mittlerweile eine deutschnationale Presseagentur und wurde nun zu einem festen Anspielpartner, der Artikel ganz im Sinn Wahnfrieds lancierte.830 Neben Stolzing-Cerny, so hat Oliver Hilmes herausgearbeitet, stellte auch der Journalist Josef M. Jurinek seine Arbeit in Wahnfrieds Dienst. Jurinek schrieb für die „München-Augsburger Abendzeitung“, die wiederum in Chamberlains Hausverlag Bruckmann erschien. Mit effektheischenden Artikeln, die er zuvor mit dem Briten abgesprochen hatte, verteidigte Jurinek den Wahnfried-Kurs und ließ Isolde als undankbar und raffsüchtig erscheinen.831

Die Ausgestoßene litt unter der Niederlage, die ihre ohnehin schon schwierige Situation noch weiter verschlimmerte: Ihre Ehe zerbrach, ihre Gesundheit war durch eine Tuberkulose-Infektion bedenklich angegriffen und ihr psychischer Zustand wechselte zwischen Phasen manischer Aktivität und depressiver Niedergeschlagenheit.832 Nach Jahren in verschiedenen Kliniken und Sanatorien starb Cosimas einstige Lieblingstochter am 7. Februar 1919 in München. Das Verdikt ihrer Mutter, nach dem in ihrer Anwesenheit von Isolde nicht mehr gesprochen werden durfte, wirkte über deren Tod hinaus: Dass die Tochter gestorben war, erfuhr die greise Cosima erst zehn Jahre später. Auch die Spuren der Beidlers wurden, soweit möglich, für die Nachwelt getilgt: Aus den Schriften und Briefausgaben, die mit dem Segen Wahnfrieds entstanden, wurde vieles, das auf die Verstoßenen hinwies, entfernt. Auch der veröffentlichte Teil des Briefwechsels zwischen Cosima und Chamberlain wurde so bearbeitet, dass Isolde und Franz Beidler keine nennenswerte Erwähnung mehr fanden.

11. „Parsifal-Schutz“

Die Familienfehde war indes nicht die einzige Krise, die es im Sommer 1913 zu bewältigen galt: Neben der Abwehr von Isoldes Erbschaftsansprüchen erforderte auch die rechtliche Situation, die um Wagners letztes Werk, „Parsifal“, entstanden war, Chamberlains Aufmerksamkeit:833 Für die rassisch und religiös aufgeladene Oper, den künstlerischen Kern des „Bayreuther Gedankens“, lief am Ende des Jahres der Urheberschutz aus – ein Umstand, der 1913 hohe Wellen schlug, seinen Ursprung aber in den vorangegangenen Jahrzehnten hatte. Eine kurze Rückblende ist deshalb zum Verständnis erforderlich.

Bereits kurz nach dem Tod Richard Wagners 1883 hatten aufmerksame Wagnerianer darauf hingewiesen, dass seine Werke aus rechtlicher Sicht einer ungewissen Zukunft entgegengingen834 – im Deutschen Reich galt das Urheberrecht bis 30 Jahre ab dem Tod des Künstlers, so dass mit Ablauf des Jahres 1913 Wagners Opern ohne Zahlung von Tantiemen für jedermann aufführbar sein würden.835 Da in den Jahren nach dem Tod des „Meisters“ aber drängendere Fragen im Vordergrund standen, war das Problem zunächst offenbar weitgehend unbeachtet geblieben. Erst in den 1890er-Jahren wurde es wieder virulent, denn der neue Intendant des Münchner Hoftheaters, Ernst von Possart, veranstaltete an seinem Haus seit 1893 eigene „Wagner-Musteraufführungen“ und startete zudem erfolgreich eine Initiative zum Bau eines neuen Theaters in München, dem späteren Prinzregententheater, für das er eigene festspielähnliche Aufführungen von Wagner-Opern plante.836

Possarts Pläne bedeuteten eine ernsthafte Konkurrenz für Bayreuth, zumal mit Ablauf der Schutzrechte die erheblichen Tantiemen-Zahlungen wegzufallen drohten.837 Außerdem verlangte der Intendant, dass „Parsifal“ in München aufgeführt werden sollte – ein Sakrileg, hatte doch dereinst Wagner selbst das Stück ausschließlich für die Festspielbühne vorgesehen. Cosima ging deshalb sofort in die Offensive und entwarf eine Adresse an die „Fürsten Deutschlands“, um sie „dafür zu gewinnen, daß ein Gesetz berathschlagt würde, welches für alle Zeiten ‚Parsifal‘ für unser Bühnenfestspielhaus reservirte, und es vor Entweihung auf anderen Bühnen schützte“.838

Ihr Vertrauter und politische Berater, Fürst Ernst zu Hohenlohe-Langenburg, riet 1895 indes dazu, sich in der Sache gleich an den Kaiser zu wenden: „Ich meine immer, daß der Kaiser, wenn er einmal gründlich über die betreffenden Verhältnisse aufgeklärt werden würde, gewiß Interesse bekunden dürfte […], falls sich mir dann Gelegenheit bieten sollte, einmal ein längeres Gespräch mit ihm zu haben, so wäre ich sehr gern bereit, falls Sie es für wünschenswerth halten, in dem gedachten Sinne mit ihm zu sprechen.“839 Ob dieses 1895 avisierte Gespräch tatsächlich stattfand, ist ungewiss. Als drei Jahre später im Reichstag eine Reform des Urheberrechts mit einer allgemeinen Verlängerung der Schutzfrist auf 50 Jahre diskutiert wurde, bot sich dagegen endlich eine konkrete Möglichkeit für Wahnfrieds Ansprüche einzutreten. Doch schnell stellte sich heraus, dass im Parlament keine Mehrheit zu erreichen war, so dass sich Cosima darauf verlegte, eine Sonderregelung nur für den „Parsifal“ einzufordern.840

Die Idee, Bayreuths Anspruch auf Exklusivität zur Gesetzesgrundlage zu erheben, war rechtlich wie politisch abwegig und hatte, als sie 1901 im Reichstag diskutiert wurde, keine Aussicht auf Erfolg. Ihr wortmächtigster Gegner war der liberale Abgeordnete und Führer der „Freisinnigen Volkspartei“, Eugen Richter, der spottete, die „energische Dame“ wolle mit einem „Cosima-Paragraphen“ lediglich ihren „geschäftlichen Unternehmungen“ einen Vorteil verschaffen.841 Auch sei es nicht Aufgabe des Staates, durch die Verlängerung der Tantiemen-Zahlungen die privat geführten Bayreuther Festspiele zu sichern, zumal „nationale Kultur“ nicht nur aus Wagners Werken bestehe.842

Auch der SPD-Abgeordnete Heinrich Dietz argumentierte, Cosima wolle mit dem Gesetz nichts weiter als „eine Liebesgabe von vielleicht einer Million Mark“843 erreichen, und äußerte zusätzlich den Verdacht, die Festspielleiterin habe hinter dem Rücken des Reichstags Einfluss auf das Verfahren nehmen wollen.844 Damit traf Dietz ins Schwarze, denn tatsächlich hatte man von Wahnfried aus hinter den Kulissen Lobbyarbeit geleistet und Adolf von Groß „bei den Herren des Justizministeriums“ für die Sache werben lassen.845 Cosima selbst hatte sich außerdem in einem Brief an den Reichskanzler gewandt und zudem Mitglieder der „Deutschkonservativen Partei“ und des katholischen „Zentrums“ angesprochen846 – angesichts ihres Antikatholizismus ein durchaus bemerkenswerter Vorgang. Auch über den Fortgang der Angelegenheit war sie stets bestens informiert, da Reichskanzler Bernhard von Bülow sie mit Interna aus den Sitzungen der parlamentarischen Ausschüsse versorgte.847 Doch alle Pläne schlugen fehl: In einer ersten Abstimmung am 19. April 1901 fiel der Antrag glatt durch und wurde am 2. Mai endgültig abgelehnt.848

Angesichts der aussichtslosen Situation griff Cosima zu dramatischen Mitteln: Mit einem Brief an den Reichstag, den sie zusätzlich an verschiedene Zeitungen sowie Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft sandte,849 versuchte sie, wieder Bewegung in die Debatte zu bringen. Darin bestritt sie den Vorwurf der Einflussnahme, kehrte den vermeintlichen Altruismus der Wagner-Familie hervor und teilte mit, sie habe stets nur den Wunsch ihres verstorbenen Mannes durchzusetzen gesucht: „dass sein Theater einzig auf dem Hügel zu Bayreuth stehe und dass einzig in diesem Hause sein Bühnenweih-Festspiel ‚Parsifal‘ aufgeführt werde. Dies ist sein Vermächtnis an die deutsche Nation“.850 Damit war der Kurs vorgegeben, der von nun an die weitere Argumentation Wahnfrieds in der Öffentlichkeit bestimmen sollte: „Parsifal“ gehörte ausschließlich zu Bayreuth. Wer dies nicht einsah, versündigte sich an der deutschen Nation.851

Auch Chamberlain war in Cosimas Bemühungen eingebunden, denn die Festspielleiterin bat ihn, in den Wiener Wagnerianer-Kreisen und insbesondere im dortigen akademischen Verein für Wahnfrieds Sicht der Dinge einzutreten – keine ganz unerhebliche Bitte angesichts seines angespanntem Verhältnisses zum Verein wie der Verständnislosigkeit, mit der die Mehrheit der Wagnerianer derartigen Monopolisierungsversuchen gegenüberstand. So überrascht es nicht, dass der Brite dem Ansinnen nur unmotiviert nachkam. Ganz anders verhielt es sich dort, wo er Möglichkeiten sah, tatsächliche Erfolge zu erzielen: Es war, wie gezeigt, der Kaiser, der ihn genau zu dieser Zeit nach Liebenberg einlud und nun zu Chamberlains Ansprechpartner wurde. Vorausschauend erkundigte er sich deshalb bei Cosima, ob diese ihm „irgendeinen Wunsch oder Ratschlag oder Instruktion zu geben hätte“.852 Die Festspielleiterin zeigte sich zuversichtlich und teilte mit, „sollte es zu der Berührung dieses Gegenstandes kommen, so vertraue ich Ihnen unbedingt, im Moment das Rechte zu treffen.“853

Schon wenige Tage später konnte Chamberlain einen Erfolg vermelden: Wilhelm II. habe „von Bayreuth und ‚Parsifal‘ gesprochen […], und zwar, indem er den bestimmtesten, unweigerlichen Willen kundgab, niemals zu erlauben, daß ‚Parsifal‘ auf einer anderen Bühne aufgeführt werde. Er fügte noch einiges hinzu […] über Maßregeln, die er schon ergriffen habe, um in diesem Sinne auch über Deutschlands Grenzen hinaus zu wirken.“ Zwar sei dies „noch lange nicht die Lex specialis, die Sie mit Recht ersehnen; doch ist es immerhin etwas und bezeugt eine Gesinnung, die der evtl. Einbringung eines Gesetzes nur förderlich sein kann.“854 Dabei gab es, bei Lichte besehen, keine Veranlassung für diesen Optimismus, da die Reichsverfassung es dem Monarchen nicht gestattete, Gesetze des Reichstages zu kippen. Cosima hatte den Kampf vorerst verloren.

Die „Parsifal“-Frage blieb auch in den folgenden Jahren auf der Tagesordnung, denn überall in Europa häuften sich nun die Versuche, das Verbot zu unterlaufen: Im Dezember 1902 gelang es der „Gesellschaft zur Beförderung der Tonkunst“ in Amsterdam gegen den erbitterten Widerstand Bayreuths eine konzertante Parsifal-Aufführung unter Willem Mengelberg zu realisieren.855 Genau ein Jahr später, im Dezember 1903, brachte die New Yorker Metropolitan Opera unter der Leitung ihres Direktors Heinrich Conried856 eine überaus erfolgreiche „Parsifal“-Inszenierung auf die Bühne, die nach der Erstaufführung an Weihnachten 1903 innerhalb von zwei Jahren 130 Wiederholungen erlebte. Auch hier hatte Cosima zu intervenieren gesucht und war krachend gescheitert,857 erreichte aber wenigstens, dass die konservativen deutschen Feuilletons schon aus national-chauvinistischem Reflex die Angelegenheit voller Entrüstung zum „Gralsraub“ stilisierten.858 In Mailand und Paris dirigierten derweil Alfred Cortot und Arturo Toscanini konzertante Aufführungen und in Amsterdam brachte die dortige „Richard-Wagner-Gesellschaft“ unter ihrem Leiter Henri Viotta am 20. und 22. Juni 1905 den „Parsifal“ zweimal auf die Bühne, heftig bekämpft von einer aus Wahnfried orchestrierten Pressekampagne.859

Cosima, Chamberlain und die übrigen „Bayreuthianer“ reagierten auf diese Vorgänge in bewährter Manier und interpretierten sie als Versuch der „Alliance israélite“, den „heiligen Gral“ deutscher Kultur zu entweihen. Die Korrespondenz war deshalb auch voll mit den üblichen antisemitischen Zuschreibungen: Ernst von Possart etwa galt als Inbegriff des „jüdischen Unwesens“,860 weil er, wie Cosima vermutete, gemeinsam mit dem Direktor der Metropolitan Opera, Heinrich Conried, die New Yorker Aufführung eingefädelt und die deutsche Kultur „verschachert“ habe.861 Auch die anderen Beteiligten wurden in dieses Raster eingeordnet, aufgrund ihrer jüdischen Herkunft diffamiert oder, wo dies nicht möglich war, als „Judenknechte“ gebrandmarkt.862 Der letztere Vorwurf zielte vor allem auf Cosimas liberalen Widersacher im Reichstag, Eugen Richter, der ihr schon deshalb als korrumpiert erschien, weil „die Juden bei uns den Liberalismus accaparirten“.863

Chamberlain greift ein

Die Niederlage im Parlament nagte an der Festspielleiterin, die deshalb nach Möglichkeiten suchte, die Sache doch noch zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Dazu, so schrieb sie Chamberlain nach Wien, wolle sie „sehen, ob in einigen Jahren wir mit unserem Anliegen wiederkehren können.“864 Auf dem Weg dorthin sei allerdings noch einiges zu tun: „Sehr wichtig“, fuhr sie fort, „wäre uns eine Darstellung der Sache in einer französischen Zeitung (etwa Figaro). Wir wissen einzig und allein Ihre Stimme, die den rechten Ton treffen könnte“.865

Die Idee, sich an die französische Öffentlichkeit zu wenden, war ein Spiel über ideologische Bande und folgte der Grundannahme, dass die Deutschen sich angeblich stets von fremden Einflüssen beeindrucken ließen – wenn man also in Frankreich Verständnis für Wahnfried aufbrächte, könnte dies, so die Logik, in Deutschland zu einem Umdenken führen. Chamberlain hingegen unterbreitete einen alternativen Vorschlag und Cosima zeigte sich einmal mehr begeistert: „Freund, Sie haben absolut Recht! Ich hatte an Frankreich nur gedacht, weil einzig was dort gesagt wird leider hier bei uns einen Eindruck macht. Ihr Plan ist weit bedeutender.“866

Tatsächlich zielte Chamberlain auf Größeres: In Frankreich, so belehrte er Cosima, seien nach den Verwerfungen des Dreyfus-Skandals weder die „Dreyfusards noch die Nationalisten“ von Bedeutung, denn „was die siegreichen deutschen Armeen nicht vermocht hatten“, das habe „Frankreich’s Judenthum vollbracht: ein eigentliches Frankreich existiert nicht mehr.“867 Lohnenswerter als der Weg über die öffentliche Meinung in Frankreich sei deshalb ein Generalangriff auf Eugen Richter und den Liberalismus in Deutschland:

Wozu es mich persönlich drängt mit aller Leidenschaft eines 25 Jahre zurückgedrängten Hasses, das wäre die persönliche Vernichtung Richter’s. Ich sehe sie lächeln: Was Bismarck nie gelang, kann mir nicht gelingen. Bismarck war aber kein Schriftgewandter; die Pfeile mit Widerhaken wollen sorgsam geschliffen werden. Ausserdem wäre der eine Mann mir gleichsam nur ein Typus – wodurch dann (was unentbehrlich ist) bewirkt wird, dass, indem das Auge die eine Gestalt erblickt, der Geist doch die Sache in ihrem zweiten und für die Nation bedeutenden Zusammenhang erfasst: und die betreffende ‚Sache‘ ist jene schmachvolle, elende Schande aller niederträchtigen Gesinnung, genannt Freisinnspartei. Hier handelt es sich um die Lebensinteressen Deutschlands und Deutschreichs [sic!], und es lässt sich leicht verstehen, wessen man sich zu versehen hat von Seiten einer Partei, die dem geistigen Arbeiter und seinen Kindern den Lohn der echtesten, entbehrungsvollsten, einzig ganz und gar eigenen Arbeit entreisst! Und welche Schmach dieser Reichstag! Ein deutscher Reichstag, der für den Schutz geistiger Arbeit kein Interesse besitzt!! Überhaupt, diese deutschen Parlamente….868

Dieser Plan zu einer Kampagne gegen einen der streitbarsten, erfahrensten und wohl auch angesehensten Parlamentarier der Zeit lässt in seiner Vermessenheit noch einmal überdeutlich werden, wie sehr sich Chamberlain in der Rolle des öffentlich intervenierenden Intellektuellen gefiel und welche Kraft er dieser neuen Rolle beimaß: Was der Politiker Bismarck nicht geschafft hatte – seinen schärfsten innenpolitischen Kritiker aus dem Feld zu schlagen –, wollte Chamberlain im Handstreich erledigen.

Noch am selben Tag wandte er sich deshalb an seinen Verleger Bruckmann, dem er den Fall in ähnlich drastischen Worten wie Cosima darlegte und um Rat nachsuchte. Mit dem richtigen Material sei er bereit, „‚minced meat‘ aus dem Manne machen – dem schuftigen Bismarckschmäher“.869 Die Antwort allerdings fiel anders aus, als Chamberlain gehofft hatte, denn Bruckmann warnte eindringlich vor einem solchen Schritt, der nicht nur aussichtslos, sondern auch potentiell rufschädigend war.870

Damit war die Angelegenheit erledigt und auch Cosima musste den unerwartet negativen Bescheid wohl oder übel akzeptieren.871 So verlegte sie sich darauf, den Briten ihrerseits mit Dokumenten zu versorgen und schließlich das Spielfeld zu wechseln: Sie wünsche ein Protestschreiben der Wagner-Vereine in Wien und Graz, ließ sie Chamberlain wissen.872 Doch der hatte kein Interesse daran, sich wieder in die Niederungen der Vereine zu begeben und konnte sich lediglich dazu durchringen, seinen Freund Theodor Antropp in der „Ostdeutschen Rundschau“ zu einigen Mobilisierungsversuchen anzustacheln.873 Die so hochtrabend gestartete Offensive des Jahres 1901 war gescheitert.

Erst zehn Jahre später, als im Winter 1912 eine Konzertagentur in Monte Carlo eine Serie von Aufführungen des „Parsifal“ vorbereitete, sah sich Chamberlain wieder mit der Angelegenheit konfrontiert: Zusammen mit Adolf von Groß organisierte er Wahnfrieds Versuch, die Vorstellung im letzten Augenblick verbieten zu lassen. Über den Kontakt zur Familie des Reichskanzlers von Bülow gelang es, Druck auf das kaiserliche Konsulat in Nizza auszuüben,874 das seinerseits dafür sorgte, dass der Fürst von Monaco seine Genehmigung widerrief.875 Chamberlain, der währenddessen mit Eva und Cosima zur alljährlichen Reise an die Riviera aufgebrochen war, stand in ständigem Kontakt zu Adolf von Groß und empfing sogar in der Urlaubsresidenz Journalisten, die ihn über die Vorgänge vor Ort ins Bild setzten.876

Wichtiger als diese monegassische Episode war allerdings die großangelegte „Parsifal“-Kampagne, die im Sommer 1912 die Feuilletons beschäftigte: Im Juni des Jahres waren in Dresden, Leipzig und Berlin Vertreter der örtlichen Wagner-Vereine und Persönlichkeiten aus dem Umfeld des „Bayreuther Kreises“ zusammengetreten, um „alle für den Schutz des Parsifal-Festspiels Wirkenden zusammen zu schließen“877 und nichts weniger als einen „Protest des gesamten deutschen Volkes“ zu formulieren.878 Die Akteure der Protestbewegung hatten aus den Niederlagen des vergangenen Jahrzehnts gelernt und ihre Strategie angepasst: Dem Vorwurf der Bereicherung der Wagner-Familie traten sie offensiv entgegen und betonten den Wert der Stipendienstiftung für „Unbemittelte jeden Standes“ – ein kluger Schachzug, sollte die vermeintliche Selbstlosigkeit des Wagner-Clans doch eine zentrale Rolle in der Pressekampagne einnehmen. Auch auf organisatorischer Ebene beschritt man nun modernere Wege: Wahnfried hatte die breite Öffentlichkeit für sich entdeckt und versuchte von vornherein durch Journalisten und prominente „Bayreuthianer“ die Feuilletons der Zeitungen mit den gängigen Argumenten für den „Parsifal-Schutz“ zu füllen, während die Wagner-Vereine und die Ortsgruppen des „Parsifal-Ausschusses“ den Versand der Petition organisierten.879

Abb. 23
Abb. 23

Sommerfrische: Chamberlain und Cosima Wagner in Bordighiera, 1913.

Dieses Vorgehen erwies sich als erfolgreich: Bis zum Ende des Jahres 1912 gelang es, 18 000 Unterschriften zu sammeln, darunter zahlreiche Angehörige des deutschen Adels sowie bekannte Persönlichkeiten nicht nur aus den konservativen Lagern in Kunst, Kultur und Politik. Am 24. November 1912 wurden die Unterschriftenlisten zusammen mit einer Eingabe dem Kaiser überreicht. Der Überbringer war General Oskar von Chelius, Mitbegründer des Potsdamer Wagner-Vereins und „Verbindungsoffizier“ zwischen Wahnfried und dem Kaiser.880 Der Monarch erteilte dem Unternehmen seine wohlwollende Zustimmung, während Kronprinz Wilhelm und dessen Gattin die Unterstützung des Hofes durch ihre Unterschrift dokumentierten.

Auch an die Lobbyarbeit im Parlament hatte man gedacht: Der Verwalter der Stipendien-Stiftung, Friedrich von Schoen, referierte am 2. Dezember 1912 in einem Vortragssaal des Reichstages vor „zahlreichen Mitglieder[n] aller Parteien“.881 Flankiert wurde diese Aktion von einer Anfrage des Abgeordneten Reinhard Mumm von der Christlich-Sozialen Partei,882 die jedoch ebenso folgenlos blieb wie die Diskussion in der Petitions-Kommission des Parlaments am 6. Februar 1913: Mit großer Mehrheit stimmten die Kommissionsmitglieder dafür, die Petition gar nicht erst zur Beratung im Plenum anzunehmen.883

Chamberlain hatte sich in der mehrere Wochen andauernden Presseschlacht auffallend zurückgehalten, obwohl die Auseinandersetzung öffentlichkeitswirksam durch alle Lager ging: Neben zahlreichen Journalisten unterschiedlichster politischer Ausrichtung hatten sich viele prominente Wagnerianer sowie völkische Agitatoren vom Schlage eines Reinhold Freiherr von Lichtenberg und eines Ludwig Müller von Hausen zu Wort gemeldet, aber auch bekannte Musiker und Musikschriftsteller wie Richard Strauss, Hans Richter und Paul Bekker.884 Chamberlains Schweigen dürfte Teil der Familien-Räson gewesen sein, denn anders als noch 1901, als Cosima sich erfolglos exponiert hatte, blieb 1912 die gesamte Familie in der Öffentlichkeit stumm.

Ganz anders sah die Sache freilich aus, als sich eine Gelegenheit bot, direkt zur Spitze des Reiches, zur kaiserlichen Familie, durchzudringen. Am 26. November 1912 hatte sich der wagnerbegeisterte Prinz August Wilhelm, der vierte von sechs Söhnen Kaiser Wilhelms II., mit einem Brief an Eva Chamberlain gewandt, um sich über die „Parsifal“-Initiative und deren Beweggründe zu informieren.885 Der Brite ging daraufhin sofort an die Arbeit und entwarf eine Antwort, in der er dem Prinzen mitteilte, er schreibe „im Namen und Auftrag meiner Frau“, die ihre „ungetheilte Sorgfalt […] ihrer Mutter“ widmen müsse – ein listiger Auftakt, installierte sich Chamberlain damit doch gegenüber der kaiserlichen Familie geschickt als Sprachrohr Wahnfrieds und durfte hoffen, auf diesem Weg möglicherweise sogar den Kontakt zum Kaiser zu reanimieren.886 Was dann folgte, war ein achtseitiger Rundumschlag in Sachen „Parsifal-Schutz“, bei dem er sämtliche Argumente noch einmal präsentierte: die vorgebliche Selbstlosigkeit der Familie, der Stellenwert des „Parsifal“ als Ausdruck des „reinen Idealismus“, als Keimzelle einer reinen „deutschen“ Kultur und als zutiefst religiöses Werk: „Wer Parsifal ausserhalb einer geweihten Bühne aufführt […] vergeht sich in blasphematorischer Weise an den heiligen Mysterien des Christenthums“, schrieb er und schloss seine Belehrung mit dem Hinweis, Wagner hab das Werk „nicht geschrieben, dass Juden damit Wucher treiben.“887

Der Prinz zeigte sich beeindruckt und schlug vor, dass Siegfried Wagner und Adolf von Groß, also der Erbe des Vermächtnisses und der Geschäftsführer des Familienunternehmens, sich öffentlich äußerten, um die Unschlüssigen auf ihre Seite zu ziehen. Die Zweifel der Öffentlichkeit, so nahm er wohl zu Recht an, speisten sich vor allem aus dem Verdacht, es gehe lediglich um die Tantiemen und das Vermögen der Wagner-Familie.888 Dies brachte Chamberlain in eine schwierige Situation, denn die Familie dachte gar nicht daran, ihre öffentliche Zurückhaltung aufzugeben. So trat er die Flucht nach vorn an: „Qui s’excuse, s’accuse“, urteilte er forsch und führte an, Siegfried Wagner käme „im Januar nach Berlin“ und würde sich dort „sofort mit Herrn Generalmajor von Chelius in Verbindung setzen, um sich im mündlichen Austausch über dasjenige zu verständigen, was der Freundeskreis von ihm erwünscht.“

Dann wurde er noch einmal grundsätzlich und versuchte, seine schwache argumentative Position durch antisemitische Emphase zu überdecken: Der Gedanke, dass der im Parsifal verkörperte heilige Geist auf einer Opernbühne und nicht auf der „geweihten“ Festspielbühne auftreten solle, sei „geradezu haarsträubend empörend, und wenn wir nicht mit Händen und Füssen gefesselt an die Juden ausgeliefert wären und an den alles vergiftenden Judengeist, würde das ein Jeder empfinden. Kein parlamentarisches Hin- und Hergeschwätz, sondern einfach dem christlichen Glauben derselbe Schutz gewährt, der so reichlich dem Wüstengott Jehova von deutscher Polizei und deutschen Gerichten zutheil wird.“889

Doch auch dieses Manöver zeitigte keinen Erfolg und Chamberlain, der mittlerweile über die Fragen des Urheberrechts informiert war und außerdem die politische Situation realistisch einschätzen konnte, dürfte einen solchen wohl kaum erwartet haben. Auch die anderen Mitstreiter konnten, wenn sie in der Sache kundig waren, kaum verhehlen, dass sie selbst nicht wirklich an einen Erfolg glaubten.890 So blieb Wahnfried und seinen Parteigängern nur noch die propagandistische Umdeutung der Niederlage zum Erfolg im langfristigen Kampf um die Durchsetzung des „Bayreuther Gedankens“: „Eine der erfreulichen Erfahrungen in der an trüben so reichen Geschichte des Bayreuther Werkes ist die Bewegung für den Schutz des Parsifal gewesen“, schrieb Hans von Wolzogen 1913 in den „Bayreuther Blättern“. Im „Wissen von Parsifal, im Wissen von Wagner und von Bayreuth liegt der geweihte Schatz dieser höchsten Kunstoffenbarung sicher geborgen. Dass ein solches Wissen heute lebt, ist der grösste Sieg Bayreuths.“891

Arthur Seidl, ein altgedientes Mitglied des Bayreuther Kreises, sekundierte 1914: „Daß die nötige Majorität noch nicht vorhanden, das deutsche Volk hierzu noch nicht vollauf reif sein würde, das war – nach allen Anzeichen – schließlich einigermaßen wohl voraus zu setzen“. Es könne sogar, „wie andere Majorisierungen auch, mit überlegender Geduld einer, für diesmal noch in der Minderheit gebliebenen ‚Weltanschauung‘ en marche, ruhig-getrost in Kauf genommen werden.“892 Dieses aggressive Amalgam aus Kultur, Politik und Religion lies bereits den Ton erahnen, mit dem die Wagnerianer sich in den folgenden Monaten und Jahren zu Vorkämpfern einer Kultur stilisierten, die durch den Krieg endlich die ihr gebührende Stellung in der Welt erhielt.

1

HSC/EW, 9.1.1897, NAB, NLC, Rot 99.

2

HSC/CW, 11.8.1900, NAB, NLC, Rot 97. Chamberlain, Richard Wagner’s geschichtliche Stellung, in: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben 5 (1900), Nr. 39 (23.9.1900), S. 650-654 [Teil 1] und Nr. 40 (1.10.1900), S. 666-670. Zur „Jugend“ vgl. auch das Kapitel „Sesam öffne Dich“ weiter unten.

3

Vgl. Gangolf Hübinger, Die politischen Rollen europäischer Intellektueller im 20. Jahrhundert, in: Ders./Hertfeld, Kritik und Mandat, S. 30-44, hier: S. 37.

4

Hübinger., Intellektuellengeschichte und Wissenschaftsgeschichte, in: Ders., Gelehrte, Politik und Öffentlichkeit, S. 9-28, hier: S. 11.

5

Morat, Intellektuelle und Intellektuellengeschichte, S. 5.

6

Ebd.

7

Es handelt sich deshalb nicht, wie Udo Bermbach suggeriert, um bloße „völkische und nationalistische Präferenzen“ (Bermbach, Chamberlain, S. 2), ebenso wie Chamberlain nicht „halb Wissenschaftler, halb Publizist“ (ebd., S. 3) war.

8

Vgl. dazu die Artikel zu Siegfried Wagner weiter oben.

9

Vgl. Chamberlain, Richard Wagner als Erzieher, in: OR, 23.12.1899. Ders., Alexander Wernicke, Richard Wagner als Erzieher. Ein Wort für das deutsche Haus und für die deutsche Schule, Langensalza 1899 (Zur literarischen Traditionslinie: Lobenstein-Reichmann, Der völkische Demokratiebegriff, S. 289-290). Außerdem veröffentlichte er einen Aufsatz zu „Schiller als ‚Lehrer im Ideal‘“ und einen zu Goethes „Werther“, vgl. dazu das Kapitel „Sesam öffne Dich“ weiter unten, dort auch die bibliographischen Angaben.

10

Chamberlain, Welches Werk Richard Wagners halten sie für das beste?, in: OR, 18.2.1900. Ders., Richard Wagners politische Grundsätze, in: Neue Musikalische Presse (Wien) 9 (1900), Nr. 12 (25.3.), S. 96-97, wo der Brite in bekannter Weise Wagners Dresdner Rede thematisierte. Außerdem: Ders, Richard Wagner’s geschichtliche Stellung, in: Jugend 5 (1900), Nr. 39 (23.9.), S. 650-654 und Nr. 40 (1.10.), S. 666-670 (siehe ausführlich weiter unten). Ders., Un pilosophe Wagnérien. Heinrich von Stein, in: Revue des Deux Mondes 70 (1900), 1.5.1900, S. 831-858. Ohne politische Implikationen: Ders., Konzert Gulbransson, in: OR, 18.12.1900.

11

Chamberlain, Die Racenfrage, in: Die Wage 3 (1900), Nr. 2 (7.1.), S. 31-32 (Teil 1) und Nr. 9 (25.2.), S. 138-140 (Teil 2). Zur Zeitschrift selbst vgl. Dagmar Lorenz, Wiener Moderne, Stuttgart/Weimar 2007, S. 107. Rudolf Lothar (1865-1943) war ein Schriftsteller, Kritiker und Dramatiker, der vor allem als Librettist Bekanntheit erlangte. Als Jude musste er nach der Annexion Österreichs 1938 in seine Heimatstadt Budapest fliehen. Dort ist er 1943 gestorben. Ernst Viktor Zenker (1865-1946), ein österreichischer Journalist und Reichsratsabgeordneter, gehörte nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zur Provisorischen Nationalversammlung Deutschösterreichs.

12

HSC-Tagebuch, 7.5.1900, NAB, NLC, Diary 12.

13

Rudolph Lothar/HSC, 22.9.1899, 25.12.1899. NAB, NLC, KP, EZ „Die Wage“.

14

Alle Zitate aus Chamberlain, Die Racenfrage, S. 139.

15

Ebd., S. 140.

16

Ebd., S. 141.

17

Ebd.

18

Ebd., Anm. 1.

19

Ebd., S. 141. Chamberlain zitierte hier Benjamin Disraelis satirischen Roman „Coningsby“, der von den europäischen Antisemiten zum Bericht eines Eingeweihten uminterpretiert und als Beleg für die eigenen Argumente herangezogen wurde. Zu Coningsby vgl. das Kapitel zur Hermann Graf Keyserling weiter unten.

20

Chamberlain, Die Racenfrage, S. 32. Die folgenden Zitate stammen ebenfalls von dort.

21

Ebd., Anm. 1, Hervorhebung im Original.

22

HSC/CW, 7.2.1900, NAB, NLC, Rot 97. Als Cosima sich interessiert zeigte, präzisierte er seine Beschreibung und erklärte, die „Wage“ sei ein „spezifisch jüdisches Blatt – man nennt sie die ‚wöchentliche Freie Presse‘“, HSC/CW, 4.3.1900, ebd.

23

CW/HSC, 9.2.1900, NAB, NLC, Rot 97.

24

CW/HSC, 1.3.1900, ebd.

25

Redaktion „Wage“ [Heinrich Osten], 2.6.1900, NAB, NLC, KP, EZ „Die Wage“. Zu China vgl. das folgende Kapitel.

26

Redaktion „Wage“ [E.V. Zenker], 13.12.1901, ebd.

27

Zum Boxeraufstand vgl. Mechthild Leutner/Klaus Mühlhahn (Hrsg.), Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901, Berlin 2007, außerdem den Beitrag von Frank Oliver Sobich/Sebastian Bischoff, „Die Chinesen fielen wie wilde Bestien auf ihre Beute“. Die Savagisierung von Chinesinnen und Chinesen in der deutschen Öffentlichkeit während des Boxeraufstandes 1900, in: Dies., Feinde werden. Zur nationalen Konstruktion existenzieller Gegnerschaft: Drei Fallstudien, Berlin 2015, S. 45-125. Zum Schlagwort von der „gelben Gefahr“ vgl. die klassische Studie von Heinz Gollwitzer, Die gelbe Gefahr. Geschichte eines Schlagworts. Studien zum imperialistischen Denken, Göttingen 1962. Zu völkischen Überformungen vgl. das Kapitel zur „Gelben Gefahr“ bei Puschner, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich, S. 102-105.

28

Wilhelm Singer (1847-1917) hatte bereits in den 1860er Jahren für das „Neue Wiener Tagblatt“ gearbeitet, war dann jedoch zunächst Chefkorrespondent der „Neuen Freien Presse“ in Paris geworden, bevor er 1891 die Chefredaktion des Tagblatts übernahm, das er bis zu seinem Tod 1917 leitete. 1871 war er aus dem Judentum ausgetreten, vgl. ÖBL 1815-1950, Bd. 12, Lfg. 57 (2004), S. 301-302. Staudacher, Austritt, S. 562 und Anm. 88.

29

Chamberlain, Die Seele des Chinesen, in: Neues Wiener Tagblatt, 5./6.4. 1900. Das Manuskript zum Artikel findet sich in: NAB, NLC, Rot 64 R.

30

Chamberlain, Die Seele des Chinesen, Teil 1, die folgenden Zitate ebenfalls von dort.

31

Chamberlain, Grundlagen (Nachträge), S. 1011. Auguste Forel (1848-1931) war Arzt, Psychiater und Sozialreformer, der eine Reform der Sexualmoral anstrebte. Seine sozialreformerischen Ideen waren durchsetzt von rassistischen und eugenischen Vorstellungen.

32

Ausführlich zu dieser Strategie: Lobenstein-Reichmann, Chamberlain, S. 282-283.

33

Chamberlain, Die Seele des Chinesen, Teil 1, die weiteren Zitate von dort.

34

Ebd. Dies erwies sich deshalb als besonders erfolgversprechend, weil er China als Beispiel einer über lange Zeiträume unverändert gebliebenen, monolithischen Kultur auffasste: „China bietet nun außerdem den Vortheil einer sehr alten Cultur, auf welche die politischen Umwälzungen ohne jeglichen Einfluß geblieben sind, so daß momentane Abweichungen verschwinden und der individuelle Charakter durchaus einheitlich erscheint.“

35

Ebd.

36

Chamberlain, Die Seele des Chinesen, Teil 2, die weiteren Zitate von dort.

37

Zur Brutalisierung des Diskurses ausführlich Sobich/Bischoff, Feinde werden, S. 81-120. Möglich ist auch, dass Chamberlain hier durch seinen Bruder Basil Hall Chamberlain beeinflusst wurde, der, so Heinz Gollwitzer, zu den zeitgenössischen „Sachkennern“ gehörte, die sich gegen die Verbreitung des Schlagwortes im politischen Diskurs zur Wehr setzten, vgl. Gollwitzer, Die gelbe Gefahr, S. 57.

38

HSC/CW, 22.12.1896, NAB, NLC, Rot 91.

39

F[ranz] F[riedrich] Masaidek, Wiener Gasflammen, in: Wiener Neueste Nachrichten, 9.4.1900. Zu Masaidek vgl. die zahlreichen Belegstellten in Wladika, Hitlers Vätergeneration.

40

Vgl. die Tagebucheinträge aus Juli und August 1900, NAB, NLC, 12-13.

41

Zu Constantin Rădulescu-Motru und der „Noua revistă română“ vgl. Lucian Boia, Die Germanophilen. Die rumänische Elite zu Beginn des Ersten Weltkrieges, Berlin 2014, S. 94-95, 265-269, 334-335.

42

Motru/HSC, 15./28.10.1900, NAB, NLC, KP, SM N, dort als „banque internationale juive“.

43

Chamberlain, „Cestinuea Israelită“ [Die jüdische Frage], in: Noua Revistă Română, 1.10.1900. Die deutsche Version des Artikels, aus der das Zitat stammt, wurde unter dem Titel „Rasse und Nation“ in zwei Teilen publiziert in: Tägliche Rundschau, Unterhaltungsbeilage, 7. 5. 1901 und 9. 5. 1901. Die Anfrage selbst findet sich im Brief Motru/HSC, 15.8.1900, NAB, NLC, KP, SM N, dort heißt es wörtlich: „Conseilleriez-vous aux Roumains d’accorder aux Juifs une égalité entière des droits civils et politiques.“

44

Im Folgenden nach: Marius Turda, Conservative Palingenesis and Cultural Modernism in Early Twentieth-century Romania, in: Totalitarian Movements and Political Religions 9 (2008), Nr. 4, S. 437-453, hier: S. 444. Instruktiv auch die Studie von Iulia Onac: In der rumänischen Antisemiten-Citadelle. Zur Entstehung des politischen Antisemitismus in Rumänien 1878-1914, Berlin 2017, dort v.a. S. 166-171.

45

HSC-Tagebuch, 8.9. und 10.9.1900, NAB, NLC, Diary 13.

46

Grundlegend: Dietmar Müller, Staatsbürger auf Widerruf. Juden und Muslime als Alteritätspartner im rumänischen und serbischen Nationscode. Ethnonationale Staatsbürgerschaftskonzepte 1878-1941, Wiesbaden 2005. Vgl. außerdem: David Jünger, Jahre der Ungewissheit. Emigrationspläne deutscher Juden 1933-1938, Göttingen 2016. Ders., Am Scheitelpunkt der Emanzipation. Die Juden Europas und der Berliner Kongress 1878, in: Arndt Engelhardt/Lutz Fiedler/Elisabeth Gallas [u.a.] (Hrsg.), Ein Paradigma der Moderne. Jüdische Geschichte in Schlüsselbegriffen. Festschrift für Dan Diner zum 70. Geburtstag, Göttingen 2016, S. 17-38. Carole Fink, Defending the Rights of Others. The Great Powers, the Jews, and International Minority Protection 1878-1938, New York 2004. Harry Culer, Integration versus Emancipation, in: Ion Stanciu (Hrsg.), The Jews In The Romanian History. Papers from the International Symposium Bucharest Sept. 30–Oct. 4, 1996, Bukarest 1996, S. 100-108. Beate Welter, Die Judenpolitik der rumänischen Regierung 1866-1888, Frankfurt/Main [u.a.] 1987. Carol Iancu, Les Juifs en Roumanie 1866-1919. De l’exclusion à l’emancipation, Aix en Provence 1978.

47

Jünger, Scheitelpunkt, S. 23-26. Auch: Henry Eaton, The Origins And Onset Of The Romanian Holocaust, Detroit 2013, S. 20-21.

48

Jünger, Scheitelpunkt, S. 35-36.

49

Iancu, Les Juifs en Roumanie, S. 225-227.

50

Schon Heinrich von Treitschke hatte 1879 in seinem Aufsatz „Unsere Aussichten“ die Ergebnisse des Berliner Kongresses als einen Ausgangspunkt für seine antisemitische Polemik genutzt und dabei Rumänien nicht unerwähnt gelassen, vgl. Heinrich von Treitschke, Unsere Aussichten, in: Preußische Jahrbücher 44 (1879), S. 559-576, hier: S. 563. Vgl. auch: Michel Grunewald, Krise und Umbruch im wilhelminischen Deutschland aus der Sicht der „Preußischen Jahrbücher“ (1890-1914), in: Ders./Puschner, Krisenwahrnehmungen, S. 215-239.

51

Vgl. Lucian Boia, Die Germanophilen.

52

Vgl. HSC-Tagebuch, 10.9.-15.9.1900, NAB, NLC, Diary 13.

53

HSC/CW, 16.9.1900, NAB, NLC, Rot 97.

54

Ebd.

55

HSC/Bruckmann, 16.9.1900, NAB, NLC, 177a.

56

Liga Unitatea Culturala a Tuturor Romanilor/HSC, 6.11.1900, NAB, NLC, KP, SM L.

57

Chamberlain, „Rasse und Nation“, in zwei Teilen publiziert in: Tägliche Rundschau, Unterhaltungsbeilage, 7.5., 9.5.1901, alle weiteren Zitate von dort.

58

Zu Chamberlains Bild von „Chinesen“ und „Negern“ vgl. das vorangegangene Kapitel.

59

Vgl. Lucian Boia, Geschichte und Mythos. Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Gesellschaft, Köln/Weimar 2003.

60

Bermbach, Chamberlain, S. 297.

61

Vgl. die Statistik bei Onac, Antisemiten-Citadelle, S. 162, nach der zwischen 1899 und 1900 etwa 13 Prozent der rumänischen Juden das Land verließen, die Hälfte davon 1899/1900.

62

HSC, Notizzettel [zur Rassenfrage], 16.9.1900, NAB, NLC, Rot 81, darin das Konvolut „45 Zettel zu Rasse, Rassenfrage, etc.“. Die Vorstellung vom unduldsamen, intoleranten und grausamen Jehova gehörte zum Standardrepertoire antisemitischer Agitation und war von Chamberlain bereits im Juni 1897 schriftlich entwickelt worden, vgl. das Manuskript „Schnelle Skizze über jüdische Intoleranz“, NAB, NLC, Rot 261.

63

Das Echo dieses Appells findet sich am Beginn des Rumänien-Artikels, in dem es heißt, Chamberlain wolle keine „Phrasen“ liefern, kein „tönendes Erz und klingende Schellen“.

64

Damit jedoch lag Chamberlain weitaus näher an den antisemitischen Einstellungen des zwanzigsten Jahrhunderts als an denen des neunzehnten – ein Befund, der in der jüngsten Chamberlain-Forschung vehement bestritten wird. Folgt man Udo Bermbach, so ist ausgerechnet der Rumänien-Aufsatz als Beleg dafür anzusehen, dass Chamberlains „Programm, wenn man diese Empfehlung denn so nennen möchte, […] nichts mit der späteren nationalsozialistischen Endlösung zu tun hatte.“ Mehr noch: In der „konkreten Antwort auf eine konkrete Frage“ werde „der grundlegende Unterschied des Antisemitismus und seiner praktischen Folgen von Chamberlain mit dem der späteren Nationalsozialisten deutlich“ (Bermbach, Chamberlain, S. 297). Selbst wenn man vom ahistorischen Charakter dieses Vergleiches absieht, der die Prozesshaftigkeit der Entwicklung hin zum Holocaust außer Acht lässt, dürfte angesichts der hier präsentierten Quellenbefunde kein Zweifel mehr daran bestehen, dass der Unterschied von Chamberlains und Hitlers Antisemitismus in diesem Fall vor allem derjenige zwischen der Theorie und einer sich sukzessive radikalisierenden und schließlich den ursprünglichen Vorstellungsraum sprengenden Praxis war.

65

Zur „Täglichen Rundschau“ vgl. auch das Kapitel zur „Preußischen Rasse“ weiter unten.

66

HSC/Redaktion der Täglichen Rundschau, 30. 1. 1901, NAB, NLC, Rot 283. Auch: Fritz, Chamberlain und der Eintritt Wahnfrieds in die Tagespolitik, S. 201.

67

Einleitung zu „Rasse und Nation“, in: Tägliche Rundschau, Unterhaltungsbeilage, 7. 5. 1901.

68

Bernard Tag, Houston Stewart Chamberlain und seine Beurtheilung des Judenthums, in: Die Welt. Zentralorgan der zionistischen Bewegung 5 (1901), S. 5-6, Nr. 34 (23.8.1901), Kopie in: NAB, NLC, Rot 205. Ein Digitalisat ist verfügbar über die Compact-Memory Website der UB Frankfurt/Main.

69

Vgl. auch HSC/CW, 5.2.1901, NAB, NLC, Rot 97. Dort heißt es: „Mein Brief über die rumänische Judenfrage, der im vorigen Herbst bedeutendes Aufsehen in Rumänien verursachte (wie ich hörte), erscheint demnächst in der Berliner ‚Täglichen Rundschau‘ nach dem deutschen Original; es würde mich freuen, wenn Sie ihn lesen wollten. […] Ja, von der Lektüre der ‚Grundlagen‘ durch den Kaiser habe ich insofern erfahren, als Seine Majestät mir zum 18. Januar durch Fürst Eulenburg ein Gedenkblatt zugleich mit dem Ausdruck seines Interesses für mein literarisches Wirken hat überreichen lassen.“

70

HSC-Tagebuch, 11.5.1901, NAB, NLC, Diary 14. Der Gräfin Zichy und der Fürstin Wallerstein hatte er den Aufsatz bereits am 11.10.1900 vorgelesen, HSC-Tagebuch, 11.10.1900, NAB, NLC, Diary 13.

71

Zum Fortgang vgl. das Kapitel „Auf dem Weg an den Hof“ weiter unten.

72

HSC-Tagebuch, 11.5.1901, NAB, NLC, Diary 14. Weitere Kopien gingen an den mit Chamberlain befreundeten Professor für Hygiene an der Universität Prag, Ferdinand Hueppe, sowie an Emma Ehrenfels. Auch eine Person namens „van den Broek“ erhielt ein Exemplar, deren Identität sich aber nicht sicher feststellen ließ.

73

Zum Memorandum vom 17.7.1902 vgl. Andrea Despot, Amerikas Weg auf den Balkan. Zur Genese der Beziehungen zwischen den USA und Südosteuropa 1820-1920, Wiesbaden 2010, S. 80-81.

74

Simion Mehedinti (1869-1962), Geograph und Anthropologe, war seit 1900 Professor für Anthropologie an der Universität Bukarest. 1918 wurde er Minister für Volksbildung. Vgl. Serban N. Ionescu, Who was who in twentieth century Romania, New York 1994, S. 284.

75

Simion Mehedinti/HSC, undatiert [beschriftet: empfangen 6.10.1902], NAB, NLC, KP, SM M. Ich danke Christine Eckel für Ihre Hilfe bei der Übersetzung.

76

Mehedinti/HSC, undatiert [Oktober 1902], NAB, NLC, KP, ebd.

77

Mehedinti/HSC, undatiert [beschriftet: empfangen 18.10.1902], ebd.

78

Alexandru C. Cuza (1857-1946) war seit 1900 Professor für Ökonomie in Jassy. 1895 hatte er in Bukarest die „Alliance antisémitique universelle“ gegründet, deren Ziel die Entfernung der Juden aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft war. 1910 war er Mitbegründer und Propagandist der nationalistischen und antisemitischen „Nationaldemokratischen Partei“, die, unterstützt durch das NS-Regime, 1935 den Premierminister stellte. Vgl. Jean Ancel, Cuza Alexandru, in: Israel Gutman (Ed.), Encyclopedia of the Holocaust, 4 Bde, New York 1990, hier: Bd. 1, S. 259-261.

79

Alexandru C. Cuza/HSC, 29.10.1902, NAB, NLC, KP, SM C.

80

Cuza/HSC, 6.11.1802, ebd.

81

Turda, Conservative Palingenesis, S. 442. Vgl. auch: Popovici/HSC, 28.10.1903, NAB, NLC, KP, SM P.

82

Bruckmann/HSC, 11.10.1902, NAB, NLC, Rot 177 b.

83

Chamberlain veröffentlichte den Text im Juli 1918 als Broschüre unter dem Titel „Rasse und Nation“ vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs. Dementgegen schreibt Udo Bermbach, dass diese Broschüre bereits 1901 veröffentlicht worden und später lediglich in weiteren Auflagen erschienen sei (Bermbach, Chamberlain, S. 296, Anm. 69). Dies ist nicht richtig, denn bei dem 1918 veröffentlichten Text handelt es sich um eine veränderte Version, die den aktuellen Gegebenheiten des Krieges angepasst war. In Unkenntnis dieser Tatsache und unter Verzicht auf die nötige Quellenkritik nimmt Bermbach deshalb offenbar kurzerhand eine Rückdatierung der ihm vorliegenden Broschüre vor. Anders als in seiner Darstellung verhält es sich hingegen nach Lage der Quellen so, dass Chamberlain den Text des Jahres 1901 in veränderter Form im Juli 1918 zunächst in der Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung“ veröffentlichte und erst dann daraus für den Lehmann-Verlag eine Broschüre fertigte. Aus der von Bermbach zitierten 9. Auflage dieser Broschüre – sie datiert auf das Jahr 1920 – geht dieser Sachverhalt eigentlich auch klar hervor, da sich auf dem Titelblatt der Hinweis findet: „Flugblatt aus ‚Deutschlands Erneuerung‘ […]“. Da diese Zeitschrift bekanntlich erst 1917 gegründet wurde, kann es sich hier unmöglich um eine Fortsetzungsauflage einer Publikation aus dem Jahr 1901 handeln. Vgl. dazu ausführlich das Kapitel „Noch einmal ‚Rasse und Nation‘“ weiter unten.

84

H.St.Chamberlain, in: Dr. Bloch’s Österreichische Wochenschrift. Centralorgan für die gesammten Interessen des Judenthums, 4.10.1901 (Teil 1), S. 657-659 und 11.10.1901 (Teil 2), S. 673-674.

85

Ebd. (Teil 2), S. 674.

86

Einzig Field, Chamberlain, S. 246, erwähnt die Begebenheit.

87

Der Verleger Wilhelm Bruhn (1969-1951) war Mitglied der Deutschen Reformpartei und später der DNVP.

88

Max Liebermann von Sonnenberg, Der Blutmord von Konitz, Berlin 1901.

89

Vgl. Johannes T. Groß, Ritualmordbeschuldigungen gegen Juden im Deutschen Kaiserreich 1871-1914, Berlin 2002. Christoph Nonn, Eine Stadt sucht einen Mörder. Gerücht, Gewalt und Antisemitismus im Kaiserreich, Göttingen 2002. Helmut Walser Smith: Die Geschichte des Schlachters. Mord und Antisemitismus in einer deutschen Kleinstadt, Göttingen 2002.

90

Die Partei war ursprünglich aus der Bewegung Otto Böckels hervorgegangen und hatte sich als radikale Abspaltung der „Deutschsozialen Reformpartei“ gegründet.

91

Vgl. Germanischer Volksbund (G.V.B.)/HSC, 16.5.1901, NAB, NLC, KP, SM G. Vgl. außerdem: Friedrich Frank, Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und der Gerechtigkeit, Regensburg 1901. Ders., Nachträge zu „Der Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit“, Regensburg 1902.

92

Eine Umfrage über den Blutmord IX, in: Staatsbürgerzeitung, 22.8.1901. Teile der Stellungnahme bei Frank, Nachträge, S. 76. Chamberlain hatte sich auch formal in der heiklen Angelegenheit geschickt abgesichert: Sein Schreiben an den „Germanischen Volksbund“ war von seiner Gattin Anna verfasst worden, die im Auftrag ihres angeblich verhinderten Mannes schrieb. Dies brachte noch mehr Distanz zwischen Chamberlain und die Staatsbürger-Zeitung und gab ihm die Möglichkeit, seine Antwort jederzeit als informell und nicht zur Veröffentlichung gedacht auszugeben. Vgl. Entwurf der Antwort von Anna Chamberlain an den Germanischen Volksbund, notiert auf: (G.V.B.)/HSC, 16.5.1901, NAB, NLC, KP, SM G. Die Tatsache, dass die Staatsbürger-Zeitung den Entwurfs-Text wortgenau brachte, zeigt, dass dieser tatsächlich abgesandt wurde.

93

Eine Umfrage über den Blutmord IX, Staatsbürgerzeitung, 22.8.1901.

94

Noch bevor Chamberlains Stellungnahme in Nr. 392 erschien, veröffentlichte das Blatt in Nr. 354 die Wortmeldung von Theodor Fritsch, der schrieb, die „jüdischen Blutmorde sind eine Thatsache. Ihr vorwiegender Zweck ist die Erfüllung eines alten Opferbrauches, an dem das Hebräertum – aller europäischen Kultur zum Trotz – eben so zäh festhält wie an anderen abergläubischen Sitten“, zit. nach Frank, Nachträge, S. 62.

95

Vgl. das Kapitel „Am Grab des Bogomilen“ weiter oben.

96

Zu Gustav Manz (1868-1931) vgl. Mack, Das zweite Leben, S. 851.

97

Zu Rippler vgl. den Eintrag in der Datenbank der deutschen Parlamentsabgeordneten, http://www.reichstag-abgeordnetendatenbank.de/select.html?pnd=11655780X, letzter Zugriff 15.9.2018. Zu Ripplers Beziehungen zum ADV siehe Leicht, Heinrich Claß, S. 173, 186, 207, 228, 273. Zur Täglichen Rundschau vgl. auch: Katharina Kretzschmar, Tägliche Rundschau (1881-1933), in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, 8 Bde., Berlin 2008-2015, hier: Bd. 6, S. 685-686. Christopher König, Zwischen Kulturprotestantismus und völkischer Bewegung: Arthur Bonus (1864-1941) als religiöser Schriftsteller im wilhelminischen Kaiserreich, Tübingen 2018, S. 411-412.

98

König, Artur Bonus, S. 412.

99

Vgl. in den folgenden Kapiteln die Aufsätze aus dem Jahr 1902. Gegenüber Manz bemerkte Chamberlain, die Zeitung flöße ihm „durch ihre ganze Richtung viel Sympathie ein“, HSC/Gustav Manz, 16.2.1900, NAB, NLC, Rot 196, SM M.

100

Chamberlain, Die Preußische Rasse, Sonderbeilage der Täglichen Rundschau, 18.1.1901, Kopie in: NAB, NLC, Rot 103, Mappe G 50. Der Text wurde unverändert wiederveröffentlicht in: Chamberlain, Rasse und Persönlichkeit, S. 81-86, woraus im Folgenden zitiert wird.

101

Ebd., S. 81.

102

Ebd., S. 85.

103

Ebd., S. 82.

104

Ebd., S. 83.

105

Ebd.

106

Ebd., S. 84.

107

Ebd.

108

Ebd., S. 85, die folgenden Zitate von dort.

109

Ebd., S. 86.

110

HSC/CW, 5.2.1901, NAB, NLC, Rot 97.

111

CW/HSC, 11.5.1901, ebd.

112

CW/HSC, 13.5.1901, ebd.

113

HSC-Tagebuch, 17.1.1901, NAB, NLC, Diary 14. Auch: HSC/CW, 5.2.1901, NAB, NLC, Rot 97. HSC/Eulenburg, 4.2.1901, NAB, NLC, Rot 283. Anna Chamberlain, Erinnerungen, S. 133.

114

HSC/CW, 5.2.1901, NAB, NLC, Rot 97.

115

Zu Chamberlains Besuch am Hof vgl. auch die Erinnerungen von Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld, Erlebnisse, Bd. 2, S. 321-358, die sich jedoch durch ihre Unzuverlässigkeit und den Drang des Autors zur Selbstdarstellung als nicht unproblematische Quelle erweisen.

116

Zur Verbindung Eulenburgs mit Wahnfried und zu dessen Vermittlertätigkeit vgl. Hilmes, Herrin, S. 265-273, 277, 298, 322, 372. Du Moulin-Eckart, Cosima Wagner, Bd. 2, S. 415, 426, 568, 592, 712. Zum Kampf um die Aufführungsrechte am „Parsifal“ vgl. das Kapitel zum „Parsifal-Schutz“ weiter unten. Zu Eulenburg vgl.: John C.G.Röhl, Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und die deutsche Politik, München 1987, S. 35-77.

117

HSC-Tagebuch, 15.10.1901, NAB, NLC, Diary 14. Das Einladungsschreiben ist publiziert in: Röhl, Eulenburgs politische Korrespondenz, Bd. 3, Nr. 1459, S. 2039.

118

HSC/CW, 19.10.1901, NAB, NLC, Rot 97. Porc-épic, frz. für Stachelschwein.

119

Bermbach, Chamberlain, S. 201.

120

HSC/CW, 19.10.1901, NAB, NLC, Rot 97.

121

Zur Kampagne für den sog. „Parsifal-Schutz“ vgl. das gleichnamige Kapitel weiter unten.

122

HSC/CW, 19.10.1901, NAB, NLC, Rot 97.

123

Veltzke, Patron, S. 7.

124

HSC/Wolzogen, 18.3.1893, NAB, NLC, Rot 265. Auch bei dieser Gelegenheit stellte Chamberlain sein vorgebliches Desinteresse am Kaiser heraus, um so gegenüber Wolzogen seine Bescheidenheit wie seine Ergebenheit an die Bayreuther Sache zu demonstrieren: „Ihnen brauche ich wohl nicht erst zu sagen, dass nichts auf der Welt mir ferner liegt, als meinen Namen unter die Augen des Kaisers zu bringen; es wäre mir sogar sehr lieb, wenn Sie zu diesem Zwecke einige Exemplare ohne meinen Namen drucken liessen“. Vgl. auch CW/HSC, 23.3.1893 und HSC/CW, 27.3.1893, NAB, NLC, Rot 83.

125

Vgl. weiter oben: „Ein Buch uns seine Folgen“.

126

EW/HSC, 8.7.1901, NAB, NLC, Rot 99. Auch Hirths Schwager und Kompagnon, Thomas Knorr, hatte sich als Freund der Festspiele erwiesen, vgl. Mack, Das zweite Leben, S. 828.

127

Chamberlain, Jung-Siegfried, in: Jugend 4 (1899), Nr. 33 (12.8.). Ders., Werther, in: Jugend 4 (1899), Nr. 35 (26.8.), auch publiziert in: Ders., Deutsches Wesen, S. 98-104. Ders., Schiller als Lehrer im Ideal, in: Jugend 4 (1899), Nr. 51 (16.12.), auch in: Ders., Deutsches Wesen, S. 105-112. Der bei Field, Evangelist, S. 525, als erster Artikel Chamberlains in der „Jugend“ angegebene Text „Das gibt’s nicht“ [Jugend 4 (1899), Nr. 44, (28.10.)] konnte Chamberlain nicht sicher zugeordnet werden. Die kleine Glosse karikiert den Zusammenstoß eines Wiener Studenten mit dem verknöcherten Sekretär der Universität Wien und ist mit dem Kürzel „rl“ versehen. Für eine Autorenschaft Chamberlains fand sich kein Hinweis.

128

Werther ließ sich so als tragische Figur deuten oder aber als Personifizierung der naiven und tragischen Anteile des „Deutschen“, der, obwohl „kein hohler Schwärmer“ und voller „Wahrhaftigkeit“, voll „kerngesund[em] Geist“ und „starkem Charakter“, schließlich an der Unfähigkeit scheitert, die „Gewalt der Eindrücke […] gestaltend zu beherrschen“ (Chamberlain, Goethes Werther, nachgedruckt in: Ders., Deutsches Wesen, S. 98-104, Zitate auf S. 99 und S. 104. Vgl. dazu auch den Werther-Artikel für das französische Publikum, freilich mit anderer Stoßrichtung, Chamberlain, Werther réhabilité, in: La Vogue, 15.3.1900, S. 145-149). Schiller, angeblich durch die Einflüsse nichtdeutscher Künstler in seinen Dichtungen wie durch „einen vielfarbigen fremden Überwurf“ gehemmt, erwies sich in dieser Lesart vor allem durch seine „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ als „Lehrer im Ideal“ (Chamberlain, Schiller als Lehrer im Ideal, in: Deutsches Wesen, S. 105-112, hier: S. 107). „Zu einer Neugeburt, und das heißt zu neuer Jugend weist uns Schiller den Weg“, beendete Chamberlain seinen Aufsatz mit einer geschickten Anspielung auf den Titel der Zeitschrift wie auf den darin mitschwingenden Jugendlichkeits-Kult, nachdem er wenige Zeilen zuvor bemerkt hatte: „Bewußte freie Gestaltatung: das ist die Quintessenz dieser an das Geschlecht der Menschen gerichteten Ermahnung. Von außen her können wir nur einiges erreichen; […] von innen heraus dagegen vermögen wir es einen wirklichen Fortschritt zu vollführen, indem wir uns durch die unermeßliche Kraft des Willens zu einer neuen, höheren Erscheinung des Lebens emporschwingen“ (Ebd., S. 111).

129

HSC/Redaktion „Jugend“, 5.4.1900, NAB, NLC, Rot 282.

130

Chamberlain, Richard Wagner’s geschichtliche Stellung, in: Jugend 5 (1900), Nr. 39 (23.9.), S. 650-654 und Nr. 40 (1.10.), S. 666-670, insgesamt auch veröffentlicht in: Chamberlain, Deutsches Wesen, S. 113-131.

131

Chamberlain, Deutsches Wesen, S. 119.

132

Ebd., S. 117.

133

Ebd., S. 128.

134

HSC/Redaktion „Jugend“ 5 (1900), Nr. 14 (5.4.), NAB, NLC, Rot 282.

135

Ebd. Zum Boxer-Aufstand vgl. das Kapitel „Die Seele des Chinesen“ weiter oben.

136

HSC/Redaktion „Jugend“, 5.4.1900, NAB, NLC, Rot 282. Die „Krüger-Depesche“, die der Kaiser 1896 an den Führer der Buren gesandt hatte, um ihm zu einem Sieg über britische Freischärler zu gratulieren, stand als Sinnbild nicht nur für eine als launenhaft und dilettantisch wahrgenommene Großmachtpolitik gegenüber dem Rivalen England, sondern auch für die „parvenuehaft auftrumpfende Art, mit der die deutsche Führung ihre Ansprüche der Welt zu präsentieren pflegte“. Chamberlain, der das Vorgehen seines ihm mittlerweile verhassten Heimatlandes als prinzipienlos und lediglich den Interessen einer jüdisch unterwanderten Elite gehorchend ablehnte, erhoffte sich von Kaiser Wilhelm II. ein standhaftes Eintreten für die unterlegenen Buren und eine klare Positionierung gegen England und bedauerte, dass der Monarch anderen Interessen folgte. Zitat aus: Rudolf A. Mark, Im Schatten des ‚Great Game‘. Deutsche ‚Weltpolitik‘ und russischer Imperialismus in Zentralasien 1871-1914, Paderborn [u.a.] 2012, S. 285-286.

137

HSC/Redaktion „Jugend“, 1.5.1900, NAB, NLC, Rot 282.

138

Chamberlain, Kaiser Wilhelm II., in: Jugend 5 (1900), Nr. 22 (28.5.), die folgenden Zitate von dort.

139

Vgl. das Kapitel „Chamberlains frühe Biographie“ weiter oben.

140

Martin Kohlrausch, Der Monarch im Skandal, S. 91. Kohlrausch stützt sich bei diesem Befund auf Thorsten Bügner/Gerhard Wagner, Die Alten und die Jungen im Deutschen Reich. Literatursoziologische Anmerkungen zum Verhältnis der Generation 1871-1918, in: Zeitschrift für Soziologie 20 (1991), S. 177-190.

141

Martin Doerry, Übergangsmenschen: die Mentalität der Wilhelminer und die Krise des Kaiserreichs, Weinheim 1986, S. 41-42, dort auch die detaillierte Bestimmung der generationellen Kohorte.

142

Hermann Conradi, Wilhelm II. und die junge Generation (1889), in: Paul Ssymank/Gustav Werner Peters (Hrsg.), Hermann Conradis gesammelte Schriften, Bd. 3, Novellen und Skizzen. Zeitpsychologische Essays, München 1911, S. 307-445, hier: S. 316.

143

Ebd.

144

Breuer, Arthur Moeller von den Bruck: Politischer Publizist und Organisator des Neuen Nationalismus in Kaiserreich und Republik, in: Hübinger/Hertfelder, Kritik und Mandat, S. 138-150, hier: S. 143. Ähnlich Weiß, Arthur Moeller van den Bruck, S. 39.

145

Was freilich nicht bedeutet, dass Conradi nicht selbst rassistische und insbesondere antisemitische Argumente bemüht hätte, die sich bisweilen als nahezu deckungsgleich mit den Ansichten Chamberlains erwiesen, vgl. ebd., S. 336.

146

CW/HSC, 6.6.1900, NAB, NLC, Rot 99. Cosimas Rückgriff auf Wagners Aufsatz „Wollen wir hoffen?“ – dort freilich mit Fragezeichen – war mit Bedacht gewählt. In dieser 1879 in den „Bayreuther Blättern“ erschienenen Schrift hatte Wagner eine düstere Analyse seiner Gegenwart formuliert und an deren Ende als Durchhalteparole „Wir müssen hoffen“ ausgegeben. Vgl: Jürgen Kühnel, Wagners Schriften, in: Müller/Wapnewski, Wagner-Handbuch, S. 471-588, hier: S. 548-549.

147

Rudolf Vierhaus (Hrsg.), Das Tagebuch der Baronin Spitzemberg, geb. Freiin. v. Varnbüler. Aufzeichnungen aus der Hofgesellschaft des Hohenzollernreiches, Göttingen 1963, S. 399 (Eintrag vom 9.7.1900).

148

„Die Jugend hat in Berlin mit ihrem Kaiser-Artikel einen Riesenerfolg gehabt und das hat auch auf die Grundlagen zurückgewirkt“, Bruckmann/HSC, 8.7.1900, NAB, NLC, Rot 177.

149

Vierhaus, Tagebuch der Baronin Spitzemberg, S. 401-402 (Eintrag vom 25.11.1900).

150

CW/HSC, 1.3.1901, NAB, NLC, Rot 97. Das Zitat ist verkürzt publiziert in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 610.

151

CW/HSC, 30.4.1901, NAB, NLC, Rot 97.

152

Vgl. das Kapitel „Eine Schule der Tat“ weiter oben.

153

Eulenburg/HSC, 17.10.1901, in: Röhl, Eulenburgs politische Korrespondenz, Bd. 3, Nr. 1460, S. 2039-2040, hier: S. 2039.

154

HSC-Tagebuch, 27.10.1901, NAB, NLC, Diary 14.

155

Udo Bermbach gibt, ohne Beleg, eine abweichende Darstellung der Ereignisse: „Chamberlain war von Wien angereist, hatte während seiner Bahnreise im Zug zufällig Reichskanzler von Bülow getroffen, der sich mit ihm über die ‚Grundlagen‘ unterhielt, wurde in Liebenberg mit ‚großem Bahnhof‘ empfangen“ (Bermbach, Chamberlain, S. 200). Dagegen verzeichnet Chamberlains Tagebuch recht eindeutig, dass der Brite den Kanzler nicht zufällig im Zug traf, sondern mit ihm die Kutsche vom Bahnhof zum Schloss teilte. Auch gehörten die „Grundlagen“ nicht zu den Gesprächsthemen. Bermbachs Darstellung bleibt auch im Folgenden problematisch, denn er behauptet, der Kaiser sei „sichtlich bewegt“ gewesen, „den von ihm so verehrten Chamberlain wiederzutreffen“, den er „im Jahr zuvor schon in Wien kennengelernt“ hatte. Auch diese Schilderung ist nicht richtig, denn das vorangegangene Treffen in Wien hat es nicht gegeben – es fand im September 1903 statt, also zwei Jahre nach dem Liebenberg-Besuch (HSC-Tagebuch, 19.9.1903, NAB, NLC, Diary 16). Daraus folgt freilich, dass auch der Befund, es seien nach nach dem ersten Zusammentreffen 1901 „keine weiteren persönlichen Begegnungen nachzuweisen“ (Bermbach, Chamberlain, S. 203), unrichtig ist – genauso wie die Darstellung eines Briefes von Chamberlain an den Kaiser, den Bermbach als „langes Dankschreiben für eine persönliche Begegnung“ im „Vorjahr in Wien“ (Ebd., S. 200) interpretiert. Tatsächlich aber handelte es sich um die Reaktion auf Chamberlains Besuch in Liebenberg unmittelbar zuvor.

156

HSC-Tagebuch, 28.10.1901, NAB, NLC, Diary 14. Die folgenden Zitate stammen ebenfalls von dort.

157

Gemeint waren William Boyd Carpenter, Bischof von Ripon, und Charles Haddon Spurgeon, ein berühmter Baptisten-Prediger. Die lateinische Passage war die humoristisch auf das „Germanische“ bezogene Verballhornung von „homo sum, humani nihil a me alienum puto“ – „Ich bin ein Mensch, und meine, dass mir nichts Menschliches fremd ist.“ Vgl. Kinzig, Der Kaiser und der „Evangelist des Rassismus“, S. 108, Anm. 125, dort auch die Quellenangaben für das latenische Original.

158

HSC-Tagebuch, 28.10.1901, NAB, NLC, Diary 14.

159

Ebd. „Die Damen ziehen sich zurück, der Kaiser bleibt, giving me a detailed account of his journey in Syria, of his experiences about the Christian sects & the Mohammedans [sic!], of his high esteem of these latter – of his plans & hopes conc[erning] Mesopotamia, of Cecil Rhodes visit to him – then again England, Lord Salisbury, Chamberlain etc., then question conc[erning] my family (Sir Henry Ch[amberlain] etc.“.

160

John Wolffe, British Protestants and Europe 1820-1860. Some Perceptions and Influences, in: Richard Bonney/D.J.B. Trim (Hrsg.), The Development of Pluralism in Modern Britain and France, Oxford [u.a.] 2007, S. 207-226, hier: S. 224. Patrick T. Merricks, Religion And Racial Progress In Twentieth-Century Britain. Bishop Barnes of Birmingham, Oxford 2017, S. 192. Richard Alan Soloway, Birth Control And The Population Question in England, 1877-1930, Chapel Hill (N.C.) 1982, S. 96-99.

161

Mark, Im Schatten des ‚Great Game‘, S. 285. Zur Orient-Reise auch Röhl, Wilhelm II., Bd. 3, S. 122-129.

162

HSC/Stolzing-Cerny, 24.10.1915, NAB, NLC, Rot 196, EZ Stolzing-Cerny.

163

Eulenburg, Erlebnisse, Bd. 2, S. 331.

164

HSC-Tagebuch, 29.10.1901, NAB, NLC, Diary 14. Auch: Kinzig, Harnack, Marcion, S. 212, Anm. 30.

165

Eulenburg, Erlebnisse, Bd. 2, S. 334.

166

HSC-Tagebuch, 29.10.1901, NAB, NLC, Diary 14.

167

HSC-Tagebuch, 30.10.1901, ebd. Auch am folgenden Tag sprach der Kaiser kurz mit Chamberlain über die „Worte Christi“, die er, wie der Brite in seinem Tagebuch vermerkte, „für eine höchst gelungene Idee hielt, bestimmt, grosses Aufsehen zu erregen; er habe gestern Abd. noch lange mit der Kaiserin darüber geredet“, HSC-Tagebuch, 31.10.1901, ebd.

168

Mathilde Gräfin von Keller, Vierzig Jahre im Dienst der Kaiserin. Ein Kulturbild aus den Jahren 1881-1921, Leipzig 1935, S. 229-230.

169

HSC-Tagebuch, 31.10.1901, NAB, NLC, Diary 14.

170

Ebd. Es nahm auch ein weiterer Herr teil, dessen Namen Chamberlain nicht verstanden hatte.

171

Ausführlich auch Röhl, Wilhelm II., Bd. 3, S. 562-566.

172

Wilhelm II./HSC, 9.5.1905, anlässlich der Übersendung von Chamberlains Kant-Biographie und Wilhelm II./HSC, 23.12.1907, anlässlich der „Eulenburg-Affäre“.

173

HSC/CW, 17.2.1902, NAB, NLC, Rot 94.

174

CW/HSC, 14.3.1902, ebd.

175

HSC/Wilhelm II., 18.1.1901, in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 131.

176

Ebd., S. 133.

177

Ebd.

178

Zur Persönlichkeit des Kaisers pointiert John Röhl, Wilhelm II., München 2013.

179

HSC/Wilhelm II., 18.1.1901, in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 137.

180

Ebd.

181

Ebd., S. 138-139.

182

Ebd., S. 140.

183

Ebd.

184

Ebd., S. 133.

185

Ebd.

186

Ebd., S. 134.

187

Ebd., S. 139.

188

Ebd., S. 141.

189

HSC/Wilhelm II., 15.11.1901, NAB, NLC, Rot 160 d. Bei dem Botschaftsrat handelt es sich um Gisbert von Romberg (1866-1939), der 1901 zu Eulenburgs Mitarbeitern in der deutschen Botschaft in Wien zählte.

190

Kinzig, Harnack, Marcion, S. 207-208.

191

Wilhelm II./HSC, 31.12.1901, in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 141-143, hier: S. 141-142.

192

Ebd., S. 142.

193

Ebd.

194

Ebd.

195

Ebd, S. 143.

196

Vgl. HSC-Tagebuch, 3.1., 4.1, 6.1.1902, alle NAB, NLC, Diary 13.

197

HSC/Wilhelm II., 4.1.1902, in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 144-147, hier: S. 145.

198

Vgl. für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg HSC/Wilhlem II., 20.2.1902, 21.12.1902, 31.12.1905, 24.12.1906, 25.9.1908, 18.11.1912, 27.12.1912. Während des Krieges übersandte Chamberlain regelmäßig seine neuesten Propagandaschriften: HSC/Wilhelm II., 22.11.1914, 26.11.1914, 21.3.1916, 12.1.1917, 26.6.1917, „Juni 1917“, 31.3.1918, 25.6.1918, 9.7.1918, alle in: NAB, NLC, Rot 160 d und Pretzsch, Briefe, Bd. 2. Ausführlich dazu auch das Kapitel zum Ersten Weltkrieg weiter unten.

199

HSC/Wilhelm II., 4.1.1902, in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 145.

200

Ebd., S. 146-147.

201

Vgl. Helmut Becker, Die Bildung der Nation. Schule, Gesellschaft und Politik vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, Stuttgart 1993, S. 1-48. Carola Groppe, Im deutschen Kaiserreich. Eine Bildungsgeschichte des Bürgertums 1871-1918, Wien/Köln/Weimar 2018, S. 199-211. Wehler, Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 1191-1209.

202

Ebd., S. 1209-1224.

203

Chamberlain, Rasse und Persönlichkeit, S. 102-111, ursprünglich publiziert als: Chamberlain, Die Natur als Lehrmeisterin. Ein neues Bildungsideal, in: Der Tag, 26.1. und 29.1. 1902.

204

„Ausschließlich abseits von dem klassischen Bildungsideal, ja, nur im Gegensatz zu ihm ist unsere gesamte heutige Zivilisation entstanden“ schrieb Chamberlain ganz im Stil der Grundlagen. Das von den Vertretern klassischer Gymnasialbildung so geschätzte Latein sei ledigich die Hinterlassenschaft eines untergegangenen Imperiums (Chamberlain, Rasse und Persönlichkeit, S. 105-106). Zudem verwies er auf die vermeintliche Gefahr der „Vermischung“ von Sprache und Kultur wie auf den Verlust von Metaphysik und Religion durch eine materialistische Weltsicht: „Tausendmal lieber will ich den langweiligen Cicero noch weiter mit der Rute einpeitschen lassen, als jene durch doppelte Buchführung, englisch-französisch-italienisches Radebrechen und konfusen Darwinismus zum Kampf ums Leben ausgerüsteten Unseligen für ‚gebildet‘ anerkennen. Kontokorrentbarbaren sind das, weiter nichts; Kaffern, die nicht einmal in der Sonne zu vollwertigen Menschentieren ausgedunkelt sind“ (ebd., S. 109). Dagegen helfe nur das, was „unserer germanischen Eigenart“ entspreche: Naturbeobachtung mit anschließender Analogiebildung und Übertragung auf den Menschen sollte die Basis abgeben für ein „neues und absolut harmonisches Bildungsideal […]. Die Natur als Lehrmeisterin wird den Leib, den Geist, das Gemüt, den Charakter wahrhaft bilden“ (ebd., S. 111).

205

So bemühte Chamberlain sicher nicht zufällig den „langweiligen Cicero“, der den Anschluss an die berühmt gewordene Rede des Kaisers zur Eröffnung der Schulkonferenz im Jahr 1890 herstellte, in der Wilhelm II. in scharfem Ton eben diese Ansichten einer breiten Öffentlichkeit präsentiert hatte. Der Text der Rede findet sich in der Quellenedition von Michael A. Obst (Hrsg.), Die politischen Reden Kaiser Wilhelms II.“. Eine Auswahl, Paderborn (u.a.) 2011, S. 57-65. Zum Kontext und zur öffentliche Wirkung vgl. Ders., „Einer ist nur Herr im Reiche“. Kaiser Wilhelm II. als politischer Redner, Paderborn (u.a.) 2010, S. 100-121.

206

Zu Karl Kraus grundlegend: Edward Timms, Karl Kraus: Satiriker der Apokalypse. Leben und Werk 1874-1918. Eine Biographie, Frankfurt/Main 1999; für die Chamberlain-Episode insbes. S. 323-327. Auch: Friedrich Rothe, Karl Kraus. Die Biographie, München 2003.

207

Karl Kraus, Antworten des Herausgebers: Abgeordneter Schlesinger, in: Die Fackel 1 (1899), Nr. 21, S. 31-32, hier: S. 32.

208

Denn, so hat der Kraus-Biograph Edward Timms bemerkt, die öffentliche Distanzierung von allem vermeintlich Jüdischen bot ihm die Möglichkeit, sich von den ihn scheinbar „kompromittierenden Bindungen“ seiner Herkunft zu befreien und zugleich „die Eigenständigkeit seiner Identität zu behaupten“, ohne in den sogenannten „Selbsthass“ zu verfallen, Timms, Karl Kraus, S. 324.

209

Kraus hatte vom bevorstehenden Erscheinen der „Grundlagen“ erfahren und sich an Chamberlains Bekannten Gustav Schönaich gewandt, um ihn für eine Vorab-Rezension zu gewinnen. Der wiederum schrieb dem Briten, er habe es „übernommen, Ihr Buch in der nächsten Nummer der ‚Fackel‘ kurz – aber im polemischen Sinne des Blattes zu besprechen. […] Haben Sie keine überflüssigen Correcturbogen des 2. Theils? Wäre Ihnen sehr verbunden dafür! Das Judenkapitel ist ja das vierte!“ (Schönaich/HSC, 7.3.1899, NAB, NLC, KP, EZ Schönaich). Dabei vermischte er offenbar zwei Kapitel: Das fünfte zum „Eintritt der Juden in die Weltgeschichte“ und das vierte zum „Völkerchaos“, das auf ihn einen besonders starken Eindruck gemacht hatte, Schönaich/HSC, 6.5.1899, NAB, NLC, KP, EZ Schönaich.

210

Vgl. HSC-Tagebuch, 30.11., 3.12., 4.12.1901, NAB, NLC, Diary 14.

211

HSC-Tagebuch, 5.12.1901, ebd.

212

HSC/Karl Kraus, 4.12.1901, NAB, NLC, Rot 196, SM K.

213

HSC/Wolzogen, 11.9.1892, NAB, NLC, Rot 292. Vgl. auch die Briefe HSC/CW, 31.12.1892, 13.1.1893, NAB, NLC, Rot 98 bzw. Rot 83, in denen sich Chamberlain scherzhaft so betitelte.

214

HSC/Wolzogen, 4.10.1892, NAB, NLC, Rot 292. Cosima indes hatte zugestimmt.

215

Chamberlain, Der voraussetzungslose Mommsen, in: Die Fackel 3 (1901), Nr. 87, S. 1-13.

216

Ausführlich dazu die quellengesättigte Arbeit von Stefan Rebenich, Theodor Mommsen und Adolf Harnack: Wissenschaft und Politik im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Berlin/New York 1997, insb. das Kapitel „Der Fall Spahn“, S. 414-461. Einen kurzen Überblick gibt auch Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 1222. Zum „System Althoff“ und der zeitgenössischen Kritk vgl. Rüdiger vom Bruch, Gelehrtenpolitik, Sozialwissenschaften und akademische Diskurse in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg. von Björn Hofmeister und Hans-Christoph Liess, Stuttgart 2006, S. 14-19, 205-221.

217

Manfred Nebelin, Die Reichsuniversität Straßburg als Modell und Ausgangspunkt der deutschen Hochschulreform, in: Bernard vom Brocke (Hrsg.), Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftspolitik im Industriezeitalter. Das „System Althoff“ in historischer Perspektive, Hildesheim 1991, S. 61-68. Vom Bruch, Gelehrtenpolitik, S. 14-15.

218

Zit. nach: Rebenich, Mommsen und Harnack, S. 420.

219

Ebd., S. 421.

220

Ebd., S. 422. Vgl. auch Nottmeier, Harnack und die deutsche Politik, S. 158-173.

221

Chamberlain, Der voraussetzungslose Mommsen, S. 2. Der Brite spielte hier auf den Interview-Band von Hermann Bahr an, den dieser 1894 herausgegeben und in dem Mommsen sich deutlich gegen den Antisemitismus positioniert hatte. Vgl. Wilhelm, Chamberlain und Karl Kraus, S. 409 sowie Fackel 3 (1901), Nr. 87, S. 11. Hermann Bahr, Der Antisemitismus. Ein internationales Interview, herausgegeben von Hermann Greive, Königstein/Ts. 1979 [Reprint der ersten Auflage, Berlin 1894], S. 26-28.

222

Chamberlain, Der voraussetzungslose Mommsen, S. 2. Vgl. auch das Kapitel zum „Parsifal-Schutz“ weiter unten.

223

Ebd., S. 6.

224

Ebd., S. 7.

225

Ebd., S. 9.

226

Ebd., S. 10.

227

Ebd., S. 11.

228

Ebd., S. 13.

229

Rebenich, Mommsen und Harnack, S. 918, Anm. 4.

230

Vgl. Karl Kraus, „Antworten des Herausgebers“, in: Die Fackel 3 (1901), Nr. 88, S. 25. [Ders.], Die Voraussetzungslosen, in: Ebd., Nr. 89, S. 6-12 und unter demselben Titel in Nr. 90, S. 10-18 sowie in Nr. 94 (1902), S. 11-12. Chamberlain unterstützte Kraus, indem er ihm Material zukommen ließ, vgl. Wilhelm, Chamberlain und Karl Kraus, S. 414-415, dort zahlreiche Zeitungsartikel, S. 416 und S. 429, Anm. 12 und 13.

231

Vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

232

HSC/CW, 29.11.1901, NAB, NLC, Rot 97; auch: CW/HSC 28.11.1901 (ebd). und 30.11.1902, (Rot 99).

233

CW/HSC, 4.12.1901 [Telegramm], NAB, NLC, Rot 99.

234

Ebd.

235

CW/Theodor Mommsen, November 1901, veröffentlicht in: Mack, Das zweite Leben, S. 600-602.

236

Vgl. [Karl Kraus], „Antworten des Herausgebers“, in: Die Fackel 3 (1901), Nr. 89, S. 8-9.

237

CW/HSC, 15.12.1901, NAB, NLC, Rot 99. Ausführlich auch Wilhelm, Chamberlain und Karl Kraus, S. 410-412, dem jedoch nicht alle Briefe zugänglich waren. Wilhelms Auffassung, Chamberlains Attacke sei „nichts anderes als ein ziemlich unüberlegter Racheakt für einige Äußerungen Mommsens im Goethe-Bund zum sogenannten Parsifal-Streit“ (ebd., S. 409) erweist sich vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen als ebensowenig plausibel wie die Deutung Sven Brömsels, der Artikel sei „in Wahrheit Ausdruck des zähen Kampfes, das Kulturgut ‚Parsifal‘ auf dem Grünen Hügel der Wagnerstadt zu belassen“ (Brömsels, Exzentrik, S. 247).

238

HSC/CW, 15.12.1901, NAB, NLC, Rot 99.

239

Theodor Mommsen an Lujo Brentano, 15.12.1901, publiziert in: Rebenich, Mommsen und Harnack, S. 926-927, hier: S. 927.

240

Brentano/Mommsen, publiziert in: Ebd., S. 928-929, hier: S. 929.

241

Ebd.

242

Theodor Mommsen an CW, 27.11.1901, publiziert in: Ebd., S. 413-414.

243

CW/HSC, 30.11.1902, NAB, NLC, Rot 99.

244

HSC/CW, 6.1.1902, NAB, NLC, Rot 94.

245

HSC/Gräfin Zichy, 28.12.1901, NAB, NLC, Rot 283.

246

Bermbach, Chamberlain, S. 207.

247

Chamberlain, „Katholische“ Universitäten, in: Die Fackel 4 (1902), Nr. 92, S. 1-32, hier: S. 1. Vgl. auch: Wilhelm, Chamberlain und Karl Kraus, S. 415. Außerdem HSC-Tagebuch, 6.-15.1., NAB, NLC, Diary 15.

248

Chamberlain, „Katholische“ Universitäten, S. 2. Vgl. auch S. 5, dort als „eine der gewaltigsten und bedrohlichsten – weil völlig aus der Gesellschaft losgelösten – Organisationen der Welt“.

249

Ebd., S. 7-9.

250

Ebd., S. 18. Während Chamberlain also das protestantische Lager in eine positive Mehrheit und eine negative Minderheit gliederte, unterteilte er die Katholiken mit umgekehrter Gewichtung in eine negative – da römisch-katholische – Mehrheit und eine positive Minderheit: „Nun habe ich aber oben gelegentlich zwischen ‚römisch‘ und ‚katholisch‘ unterschieden, und in der That, […] diese Unterscheidung bildet dennoch die grosse, mittlere Thatsache des Katholicismus“ (ebd., S. 14.). Nicht die Katholiken insgesamt, sondern nur diejenigen, die das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes akzeptierten, waren also Teil gegnerischen „Liga“, während die anderen, also die Minderheit der „Altkatholiken“, ins Lager der nationalprotestantischen „Freunde“ integrierbar zu sein schienen – ein Gedanke, der Chamberlain wohl vor dem Vorwurf eines blindwütigen Antikatholizismus‘ bewahren sollte.

251

Ebd., S. 24-25.

252

Ebd., S. 26.

253

Ebd., S. 27.

254

Ebd.

255

Ebd., S. 23.

256

Ebd., S. 29.

257

Ebd., S. 31.

258

Ebd., S. 18.

259

Es ist bemerkenswert, dass Sven Brömsel, der dem Verhältnis von Karl Kraus und Chamberlain ein eigenes Kapitel widmet, zu einer gänzlich anderen Einschätzung kommt. Er interpretiert den Text vielmehr als Beleg dafür, dass die „religions-philosophischen Gedanken und moderne[n] Einsichten des Briten die berüchtigten Rassezuordnungen nicht nötig gehabt“ und sogar „auf antisemitische Ideologie [hätten] verzichten“ können (Brömsel, Exzentrik, S. 263) – eine Einschätzung, die ihn zusätzlich veranlasst, die anderslautenden Interpretationen von Hildegard Châttelier und Anja Lobenstein-Reichmann ohne weitere Diskussion als „stereotype“ (ebd.) Sichtweisen abzukanzeln. Vor dem Hintergrund der zitierten Textstellen und des beschriebenen Gesamtzusammenhanges ist eine solche Deutung einigermaßen rätselhaft und wird nur erklärlich, wenn man in Rechnung stellt, dass Brömsel – wie der ihm die Stichworte liefernde Udo Bermbach – versucht, den gewissermaßen positiven Kern von Chamberlains Religionsvorstellungen freizulegen und zu ergründen, welche Bestandteile davon auch ohne rassistische und antisemitische Aufladung Wirkungsmacht besessen haben mögen. So schreibt Brömsel unter zustimmender Berufung auf Bermbach: „Der Politologe und Wagnerkenner vertritt […] die These, dass religions-philosophische Gedanken und moderne Einsichten des Briten die berüchtigten Rassezuordnungen nicht nötig gehabt hätten und auf antisemitische Ideologie verzichten könnten. Damit ist ein wertvoller Hinweis gegeben, dass Chamberlainsche Religionsvorstellungen ohne die Fratze des Rassismus eine Qualität zeigen und durchaus ohne diese Verzerrung gewirkt haben“ (ebd.). Diese Überlegungen, reizvoll allenfalls als kontrafaktisches Gedankenspiel, erweisen sich bei näherer Betrachtung als ahistorische Sichtweise. Denn Chamberlains religiöse Vorstellungen waren, dies dürfte anhand der vorangegangenen Kapitel deutlich geworden sein, ohne die Rückbindung an die Rasse und damit ohne den Antisemitismus nicht zu haben.

260

Friedrich Jodl/HSC, 30.12.1902, NAB, NLC, KP, SM I/J.

261

Anton Wesselsky/HSC, 8.12.1901, NAB, NLC, KP, SM W.

262

Karl Bleibtreu/Karl Kraus, 26.12.1902, NAB, NLC, KP, SM B II.

263

Erklärung von Karl Bleibtreu, in: Die Fackel 6 (1904), Nr. 165, S. 18-20. Kraus selbst nutzte Chamberlains Artikel für eine Polemik gegen die „Ostdeutsche Rundschau“ im Frühjahr 1902, vgl. Karl Kraus, Antworten des Herausgebers: Alldeutsche Leser, in: Die Fackel 4 (1902), Nr. 99, S. 23.

264

Bruckmann/HSC, 31.1.1902, NAB, NLC, Rot 177 b.

265

Ferdinand Hueppe/HSC, 8.12.1901, NAB, NLC, KP, EZ Hueppe.

266

CW/HSC, 15.2.1902, NAB, NLC, Rot 94. Auch: Wilhelm, Chamberlain und Karl Kraus, S. 418.

267

Ausführlich Wilhelm, Chamberlain und Karl Kraus, S. 421 sowie die Schreiben von Karl Kraus, NAB, NLC, KP, EZ Karl Kraus. Dessen Bitte um einen Artikel zur Errichtung eines Beethoven-Denkmals der Wiener Secession schlug Chamberlain ebenso ab wie einen Text zum „Babel-Bibel“-Streit. Auch als Martin Spahn im Oktober 1903 in der „Fackel“ schrieb und dabei auf Chamberlain rekurrierte, motivierte dies den Briten nicht (Martin Spahn, Ferienkurse und katholische Universitäten, in: Die Fackel 5 (1903), Nr. 145 (28.10), S. 1-17). Einzig im Januar 1903 meldete er sich noch einmal zu Wort, als die Wiener Zeitschrift „Don Quixote“ vortäuschte, einen Artikel aus seiner Feder zu bringen, tatsächlich aber nur eine Zusammenstellung von Zitaten aus den „Grundlagen“ nachdruckte: Karl Kraus, „Deutsche Worte“ von Houston Stewart Chamberlain, in: Die Fackel 5 (1903), Nr. 127, S. 18-20. Im Oktober 1903 schließlich veröffentlichte Kraus eine Passage aus einem Brief Chamberlains, in dem dieser die „Fackel“ gelobt hatte: Karl Kraus, Schimpfen, in: Die Fackel 5 (1903), Nr. 143. Zum Fortgang der Angelegenheit vgl. Wilhelm, Chamberlain und Karl Kraus, S. 422-426.

268

Wilhelm, Chamberlain und Karl Kraus, S. 427. Die Korrespondenz endete im November 1904 und evtl. fortbestehende Sympathien für den Publizisten dürften spätestens im Dezember 1906 endgültig erloschen sein, als Kraus über das Bayreuther „Weihrauchtheater“ spottete, vgl. Die Fackel 8 (1906), Nr. 213, S. 21. Timms, Karl Kraus, Krise der Nachkriegszeit, S. 470.

269

Bruckmann/HSC, 31.1.1902, NAB, NLC, Rot 177 b.

270

Vanselow/HSC, 20.1.1902, zit. nach Bermbach, Chamberlain, S. 208.

271

Ferdinand Hueppe/HSC, 8.12.1901, NAB, NLC, KP, EZ Hueppe.

272

Vgl. Wilhelm Heile/HSC, 8.3.1906, NAB, NLC, KP, SM H, mit Antwortentwurf. Zum Verband vgl. Rüdiger vom Bruch, Zeitschriften katholischer Verbindungen vor 1914, in: Michel Grunewald/Uwe Puschner (Hrsg.), Das katholische Intellektuellenmilieu in Deutschland, seine Presse und seine Netzwerke (1871-1963)/Le milieu intellectuell en Allemagne, sa presse et se réseaux (1871-1963) (Convergences, Bd. 40), Bern [u.a.], S. 59-84, hier: S. 67-68. Rainer Hering, Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939, Hamburg 2003, S. 65-66. Helmut Berding, Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt/Main 1988, S. 118.

273

HSC/Brockdorff-Rantzau, 10.3.1902, Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2, alle folgenden Zitate von dort. Zu Rudolf Mosse vgl. Die Familie Mosse. Deutsch-jüdisches Bürgertum im 19. und 20. Jahrhundert, München 1999.

274

Gemeint war der SPD-Abgeordnete und spätere Chefredakteur des „Vorwärts“, Heinrich Cunow, über den Chamberlain sich bei Bruckmann erkundigt hatte, vgl. Bruckmann/HSC, 8.11.1901, NAB, NLC, Rot 177 b.

275

HSC/Brockdorff-Rantzau, 10.3.1902, Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2.

276

Chamberlain, Dilettantismus-Rasse-Monotheismus-Rom, München 1903. Er vereinigte mit diesem Vorgehen die Vorschläge, die er von seinem Verleger wie von Kraus bekommen hatte. Im Herbst 1901 hatte Bruckmann außerdem „Kritische Urteile über Houston Stewart Chamberlains Grundlagen des XIX. Jahrhunderts“ publiziert.

277

Ebd., S. 6. Ebd. Richard Wagner, Eine Mitteilung an meine Freunde, in: Friedrich, Wagner, Werke, Schriften, S. 1985-2185.

278

Chamberlain, Dilettantismus, Rasse, S. 9-10.

279

Ebd., S. 10. So verwies er auf die Gefahr durch die „nahe Berührung, in die wir Europäer und Europäer-Sprösslinge jetzt mit fast allen Menschen der Welt […] geraten sind und welche schon jetzt, so z.B. in den Vereinigten Staaten von Nordamerika – zu den schwierigsten und bedrohlichsten Problemen geführt“ hätten. Im Vergleich zu den „Grundlagen“ verband sich hier die rassistische Argumentation deutlicher mit der globalen Ebene und den Debatten um „Rasse“ und „Rassenvermischung“, wie sie in den USA geführt und im „alten“ Europa interessiert verfolgt wurden. Instruktiv dazu: Thomas McCarthy, Rassismus, Imperialismus und die Idee menschlicher Entwicklung, Berlin 2015, S. 120-163. Geulen, Wahlverwandte, S. 272-309. Marc Frey, Eugenik in Deutschland und den Vereinigten Staaten, c. 1900 bis 1933, in: Paul/Schraut, Rassismus in Geschichte und Gegenwart, S. 283-314. Vgl. auch Chamberlains Sammlung von Materialien zum Rassethema (NAB, NLC, Rot 81), die auch Artikel zur „Rassenfrage“ in den USA enthält.

280

Ebd.

281

Ebd., S. 11-24, hier: S. 11.

282

Ebd., S. 13.

283

Ebd., S. 13-14.

284

Ebd., S. 16.

285

Ebd., S. 17.

286

Ebd., S. 20.

287

Ebd., S. 23.

288

Ebd., S. 23-24.

289

Ebd., S. 24.

290

Ebd., S. 25-26.

291

Ebd., S. 24.

292

Ebd., S. 25.

293

Ebd.

294

Ebd., S. 26.

295

Ebd., S. 25-26.

296

Ebd.

297

Ebd., S. 28.

298

Ebd., S. 33.

299

Ebd., S. 34.

300

Ebd., S. 51.

301

Ebd., S. 30.

302

Ebd., S. 31.

303

Ebd., S. 43.

304

Ebd., S. 44.

305

Udo Bermbach hingegen interpretiert die Broschüre vor allem als Beweis dafür, „wie zentral die Frage der christlichen Religion für sein [Chamberlains, S.F.] Denken war und wie entschieden er das Christentum als einen eigenen, auf germanischen Empathien beruhenden Glauben gegenüber allen Vorläufern, vor allem gegenüber dem Judentum rechtfertigen wollte“ (Bermbach, Chamberlain, S. 215). Die zitierten Passagen dürften indes deutlich gemacht haben, dass es hier nicht einfach um eine religiöse Hierarchisierung auf Grundlage „germanischer Empathien“ ging, sondern um vermeintlich basale rassische – und damit auch immer antisemische – Zusammenhänge: Ein Christentum ohne rassische Grundlage und ohne Ausschluss der Juden war in Chamberlains Weltanschauung nicht nur nicht vorgesehen, sondern stellte eine Bedrohung der „Germanen“ insgesamt dar.

306

HSC/Wilhelm II., 20.11.1902, NAB, NLC, Rot 160 d, publiziert in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 148-165, hier: S. 156. Das Schreiben wurde dort fälschlich auf den 20.2.1902 datiert, das korrekte Datum ist hingegen der 20.11.1902 – ein Fehler, der trotz offensichtlicher Widersprüche jahrzehntelang von der Forschung übersehen wurde (einzig Lehmann, Friedrich Delitzsch, S. 216, Anm. 24, hat ihn thematisiert, ohne ihn auflösen zu können). Im Original findet sich Chamberlains Datierung als „20.II.1902“, wobei die zwei Einsen der Monatsangabe als senkrechte Striche notiert, vom Bearbeiter der Edition aber für römische Ziffern gehalten wurden – aus dem elften Monat November wurde so der zweite Monat Februar. Bei genauer Untersuchung ergibt sich jedoch zweifelsfrei die Elf als Monatszahl und auch der Kontext wie der weitere Verlauf der Korrespondenz lassen keine andere Datierung zu. Vgl. exemplarisch: HSC-Tagebuch, 10.-20.11.1902, NAB, NLC, Diary 15.

307

HSC/Wilhelm II., 20.11.1902, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 149-153.

308

Ebd., S. 156.

309

Zu den „Worten Christi“ vgl. das entsprechende Kapitel weiter unten.

310

HSC/Wilhelm II., 20.11.1902, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 153.

311

Sie waren hier nur leicht anders akzentuiert und argumentierten entlang völkischer Kolonialdiskurse. Zur Dominanz von Degenerationsvorstellungen in völkischen Kolonialdiskursen vgl. Puschner, Kolonialismus im völkischen Diskurs, S. 235-237.

312

HSC/Wilhelm II., 20.11.1902, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 152.

313

Ebd., S. 153.

314

Ebd.

315

Ebd.

316

Chamberlain, Das heutige England, in: Deutsche Monatsschrift für das gesamte Leben der Gegenwart, hrsg. von Julius Lohmeyer [Verlag Alexander Duncker Berlin] 2 (Dezember 1902), Nr. 3, S. 369-374. Manuskript in: NAB, NLC, Rot 64 v.

317

Chamberlain, Kantbiographien, in: Ebd., Nr. 9 (September 1902), S. 78-79. Chamberlain, Über Dilettantismus, in: Ebd., Nr. 11 (November 1902), S. 225-228.

318

Entrüstet hatte er seiner Familie in England geschrieben, die Buren seien „as fine men as the English soldiers sent against them“, HSC/Harriet Chamberlain, 29.1.1881, zit. nach: Field, Evangelist, S. 355. Zum Burenkrieg grundlegend: Bill Nasson, The South African War 1899-1902, London 1999. Thomas Pakenham, The Boer War, London 1982. Martin Bossenbroek, Tod am Kap. Geschichte des Burenkriegs, München 2016.

319

HSC/Harriet Chamberlain, 25.1.1896, zit. nach: Ebd. „We are the heathen nation and race par ecxellence. War, conquest, commerce, money, and above all an eternal readiness to knock every man down who stands in our way. […] The English press is the most insufferably arrogant, generally ignorant, the most passionately one-sided and narrow minded […]. And the only thing thoroughly distasteful to me in England and Englishman generally, and English politics in particular, is the eternal conquetting with a religion to which everyone of their feelings and opinions and acts is in direct contradiction.“

320

Field, Evangelist, S. 353-361, hier: S. 358.

321

Ebd., S. 355. „England, not Houston Stewart Chamberlain, had changed: England, not he, had become foreign“.

322

Field, Evangelist, S. 358. Vgl. dazu Steffen Bender, Der Burenkrieg und die deutschsprachige Presse. Wahrnehmung und Deutung zwischen Bureneuphorie und Anglophobie 1899-1902, Paderborn 2009.

323

CW/HSC, 29.11.1899, NAB, NLC, Rot 97.

324

HSC/CW, 1.12.1899, ebd. Der „Vollblutjude“ und „Lehrmeister“ des britischen Premiers Lord Salisbury war Benjamin Disraeli, der durch seinen Roman „Coningsby“ den Antisemiten Europas als Personifikation der jüdischen Weltverschwörung galt. Auf wen Chamberlain mit dem „Parvenü“ an Salisburys Seite anspielte, ließ sich nicht sicher rekonstruieren.

325

CW/HSC, 20.9.1900, NAB, NLC, Rot 97.

326

Ebd.

327

HSC/CW, 16.9.1900, NAB, NLC, Rot 97. Der britische Premierminister Salisbury beschäftigte sich privat mit chemischen Experimenten.

328

HSC/Wilhelm II., 15.11.1901, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 138. Vgl.auch das Kapitel „Bei Hof“ weiter oben.

329

Chamberlain, Der Krieg, in: Die Zukunft 9 (17.2.1900), S. 291. Auch: HSC/Harden, 19.2.1900, NAB, NLC, Rot 196 SM H. Die Interpretation Sven Brömsels, Exzentrik, S. 84, der das Gedicht als „letztlich antikriegerisch“ deutet, überzeugt nicht, denn es ging darin nicht um das Für und Wider kriegerischer Auseinandersetzung, sondern um den Unterschied zwischen einem aus rassischer Perspektive gerechtfertigten und einem nicht gerechtfertigten Krieg. Chamberlain hatte bereits zuvor einmal ein Gedicht veröffentlich, in dem es in kitschig-stereotyper Weise um ungarische „Zigeunermusik“ ging: Als junger Mann hatte er eine Sinti-Kapelle gehört und hielt, wie etwa auch Franz Liszt und andere, die „Zigeuner“ in rassischer Hinsicht für eine Seitenlinie ursprünglich „arischer“ Vorfahren. Vgl. Chamberlain, Magyar Czigányzene [Ungarische Zigeunermusik], in: Budapester Tagblatt, 8.4.1900.

330

Chamberlain, Das heutige England, in: Tägliche Rundschau, Beilage zum Morgen-Blatt, 14.12.1902, die folgenden Zitate von dort. Der Text war vordergründig konzipiert als Rezension eines Buches des schwedischen Nationalökonomen Gustaf Fredrik Steffen, England als Weltmacht und Kulturstaat. Studien über politische, intellektuelle und ästhetische Erscheinungen im britischen Reiche, Stuttgart 21902 [zuerst: Stuttgart 1897]. Vgl. auch den Eintrag im HSC-Tagebuch, 2.11.1902, NAB, NLC, Diary 15.

331

Chamberlain scheint nicht gewusst zu haben, dass der Herausgeber des nationalistischen Blattes, Leopold Maxse, selbst öffentlich antisemitische Einstellungen vertrat. Vgl. dazu Susanne Terwey, Moderner Antisemitismus in Großbritannien 1899-1919. Über die Funktion von Vorurteilen sowie Einwanderung und nationale Identität, Würzburg 2006, S. 12-13 und Anm. 11.

332

Chamberlain, Das heutige England.

333

Die „Homerule“-Bewegung, die für die Autonomie Irlands eintrat, hatte wesentlich dazu beigetragen, Katholizismus und Politik miteinander zu verzahnen, denn der Kampf für die politischen Rechte der Iren war fast immer auch ein Kampf der katholischen Mehrheit des Landes gegen das protestantische England.

334

Chamberlain, Das heutige England, in: Tägliche Rundschau, Beilage zum Morgen-Blatt, 14.12.1902. Das Blatt hatte wenige Wochen zuvor bereits eine leicht modifizierte Version seines Artikels über die „Rassenfrage“ aus der „Wage“ gedruckt: Chamberlain, Die Rassenfrage, in: Tägliche Rundschau, 4.11. und 6.11.1902.

335

Chamberlain, Deutschland und England, in: Straßburger Zeitung, 2.1.1903.

336

Chamberlain, Worte Christi, München 1901 [im Folgenden zitiert nach: 5. Auflage, München 1915].

337

Ebd., S. 26.

338

Ebd.

339

Ebd., S. 51.

340

So zuletzt Bermbach, Chamberlain, S. 482.

341

Chamberlain, Worte Christi, S. 269.

342

Dazu gehörte auch die Abgrenzung gegen konkurrierende Versionen wie die Elberfelder Bibelübersetzung.

343

Ebd., S. 271.

344

Ebd.

345

Gleichwohl ordnete sie sich in die Debatten der Leben-Jesu-Forschung ein, die mit der Jahrhundertwende wieder an Fahrt aufnahm. Chamberlain, für den die Existenz eines historischen Jesus fundamental war, überzog denn auch in einer späteren Publikation abweichende Ansätze, etwa von David Friedrich Strauß und Arthur Drews, mit Spott, vgl. Chamberlain, Mensch und Gott, S. 75. Field, Evangelist, S. 305.

346

Bermbach, Chamberlain, S. 483.

347

Ebd.

348

Chamberlain, Worte Christi, S. 294.

349

Bermbach, Chamberlain, S. 483.

350

Ebd.

351

Ebd., S. 484.

352

Vgl. Hans Roeder, Worte für Menschen zur Entgegnung auf Chamberlains Worte Christi, Berlin 1904.

353

Vgl. Kinzig, Harnack, S. 238-239. Bermbach, Chamberlain, S. 484.

354

Harnack/HSC, 22.11.1901, abgedruckt in: Kinzig, Harnack, Marcion, S. 235.

355

Ebd.

356

HSC/Harnack, 24.11.1901, abgedruckt in: Ebd., S. 236-237, hier: S. 236.

357

Ebd., S. 237.

358

Vgl. Kinzigs ausführliche Auswertung des Schreibens Harnack/HSC, 1.12.1902 (ebd. S. 240-248) mit den sorgfältigen Anmerkungen Nr. 191-257. Chamberlain hatte Harnack zuvor seine Vorwort-Broschüre geschickt, auf die der Theologe allerdings kühl reagiert hatte: Harnack/HSC, 15.1.1902, ebd., S. 240.

359

Vgl. Field, Evangelist, S. 305, 497 mit Anm. 57, dort mit Angaben zu Rezensionen der Kriegszeit.

360

HSC/Bruckmann, 21.12.1914, NAB, NLC, Rot 177 g. Auch: HSC/Max von Baden, 24.12.1914 (Rot 264).

361

HSC/Bruckmann, 4.11.1915, NAB, NLC, Rot 177 g. Die erste Ausgabe der „Worte Christi“ war laut Chamberlain „nicht sehr gross“ gewesen (HSC/Harnack, 24.11.1901, in: Kinzig, Harnack, Marcion, S. 236). Sie war begleitet worden von einer auf 100 nummerierte Exemplare beschränkten Prachtausgabe im Oktav-Format auf Büttenpapier, die zum stolzen Preis von 12 Mark vertrieben wurde. Die zweite Auflage war, in Leder gebunden, zum Preis von 3.50 Mark erhältlich, eine geheftete Variante für 2 Mark. Die auf Jackentaschenformat verkleinerte „Tornisterausgabe“ erschien geheftet für 1.50 Mark, in Leinenbindung für 2 Mark und in Leder für 3.50 Mark. Vgl. dazu die Preisliste in der Tornisterausgabe der „Worte Christi“, München 1915.

362

Vgl. dazu das Kapitel zu Chamberlains Kriegsschriften weiter unten. Zusätzlich wurde die Wirkung des Buches durch die Kriegsbedingungen gesteigert – zahlreiche Soldaten dankten mit persönlichen Schreiben dem Verfasser für den Trost, den ihnen die „Worte Christi“ bescherten, vgl. die umfangreiche Sammlung von Feldpostkarten im NAB, NLC, Rot 191.

363

Der Text der Rede ist bei Obst, Die politischen Reden Kaiser Wilhelms II, S. 245-248, publiziert. Zum Kontext außerdem erhellend: Werner Tschacher, Zwischen Wissenschaft, Politik und lokaler Öffentlichkeit. Karl der Große und Aachen im Wilhelminischen Kaiserreich (1890-1918), in: Geschichte im Bistum Aachen 13 (2015/16), S. 41-76. Ders., HerrschaftsTechnik im lokalen Raum. Die Besuche Wilhelms II. in Aachen im Juni 1902 und Oktober 1911, in: Technikgeschichte 77 (2010), Nr. 2, S. 129-146.

364

Obst, Die politischen Reden Kaiser Wilhelms II, S. 247.

365

Ebd., S. 248.

366

Obst, Die politischen Reden Kaiser Wilhelms II., S. 246.

367

Ebd.

368

Vgl. dazu Obst, Einer ist nur Herr im Reiche, S. 175-218, Zitat auf S. 218.

369

Wilhelm II./HSC, 31.12.1901, in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 143. Außerdem Röhl, Wilhelm II., Bd. 3, S. 186-190.

370

Chamberlain/Wilhelm II., 20.11.1902, in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 157. Zu Chamberlains Einfluss auf die Reden Wilhelms II. ausführlich: Reinhard G. Lehmann, Friedrich Delitzsch und der Babel-Bibel-Streit, Göttingen 1994, S. 213-236. Max Buchner, Kaiser Wilhelm, seine Weltanschauung und die deutschen Katholiken, Leipzig 1929. Außerdem Field, Evangelist, S. 255-256.

371

Chamberlain, Grundlagen, S. 663.

372

Vgl. HSC/CW, 27.6.1893, NAB, NLC, Rot 83, wo es heißt: Die „Neottia, eine Orchidee, die zum Parasitismus übergegangen ist und auf den Wurzeln anderer Pflanzen von ihren Säften lebt – kurz, die semitische Orchidee, die Schicksalsfrage vom Standpunkt eines Juden – vollständig farblos wie eine Leiche, des frohen Grüns ewig verlustig […]“.

373

Die Rede ist abgedruckt bei Obst, Die politischen Reden Kaiser Wilhelms II., S. 252-254, Zitate auf S. 253.

374

Chamberlain, Grundlagen, S. 505.

375

Obst, Die politischen Reden Kaiser Wilhelms II., S. 253-254.

376

Chamberlain, Grundlagen, S. 503.

377

Ebd., S. 869-870.

378

Wilhelm II./HSC, 21.12.1902, abgedruckt in Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 165-168, hier: S. 165.

379

Ebd.

380

Ebd., S. 166. Zum „Groll der Orthodoxie“ vgl. Lehmann, Friedrich Delitzsch, S. 218.

381

Dazu ausführlich Lehmann, Friedrich Delitzsch, S. 170-210, sowie Field, Evangelist, S. 255-261. Eine kurze Zusammenfassung bietet auch Bermbach, Chamberlain, S. 215-216.

382

Lehmann, Friedrich Delitzsch, S. 219.

383

Wilhelm II., Babel und Bibel, in: Grenzboten 8 (1903), S. 493-496, zit. nach dem ausführlich kommentierten Abdruck bei Lehmann, Friedrich Delitzsch, S. 221-225, hier: S. 223.

384

Ebd.

385

Vgl. ausführlich Lehmann, Friedrich Delitzsch, S. 220-228. Réal, La lettre à l’amiral Hollmann. Buchner, Kaiser Wilhelm. Außerdem: HSC/Wilhelm II., 20.11.1902, in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 156, in dem er Delitzsch scharf angriff. Im Februar setzte er nach und schrieb, Gottes „Lenkerhand“ habe sich in den „germanischen Helden“ offenbart – in Schiller, Beethoven, Goethe, Kant, Wagner und schließlich im Hohenzollern-Geschlecht, das deshalb vom „Blut degenerierender Fürstenstämme“ reinzuhalten war (HSC/Wilhelm II., 3./4.2.1903, NAB, NLC, publiziert in Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 168-188. Im Original datiert der Brief auf den 3.2.1903, publiziert wurde er unter dem 4.2.1903, das Zitat findet sich auf S. 175).

386

HSC/Wilhelm II., 3./4.2.1903, in: Pretzsch, S. 184.

387

Wilhelm II./HSC, 16.2.1903, NAB, NLC, Rot 160 d, in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 188-192, hier: S. 188.

388

Ebd., S. 189, Hervorhebung im Original.

389

Wilhelm habe z.B. nur Abraham in seine Aufzählung der von göttlichem Geist Beseelten mit aufgenommen, obgleich, wie Chamberlain unter Verweis auf theologische Literatur anmerkte, Abraham keine historische Figur, sondern vielmehr die Personifizierung älterer Mythen sei, HSC/Wilhelm II., NAB, NLC, Rot 160 d, publiziert in: Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 193-212, hier: S. 200.

390

Ebd., S. 205.

391

Bermbach, Chamberlain, S. 216.

392

HSC/Wilhelm II., NAB, NLC, Rot 160 d, Blatt 20.

393

„Und zu noch einer Polemik bitte ich in Ehrerbietung eine Erlaubnis. Denn wie manches in dem Brief an Hollmann mir aus dem Herzen gesprochen ist, bedarf nicht der Versicherung; wir haben uns schon vorher darüber geäussert. Und andrerseits, da die ganze civilisirte Welt aufhorcht, wenn Eure Majestät redet, so würde [sich] die Versicherung kaum merklich von der der modernen, humanitären Juden und der ‚ethischen Gesellschaften‘ unterscheiden […]. Ein höchst gebildeter und scharfsinniger Wiener Bekannter, von halbjüdischer Herkunft, antichrist [sic!], antimonarchist [sic!], der bisher ein eifriger Feind Eurer Majestät war und jede kaiserliche Kundgebung mit der zersetzenden Lauge seines Hasses und Hohnes überschüttete, ist seit dem Brief an Admiral Hollmann zu einem begeisterten Bewunderer umgewandelt: ‚Die Zurechtweisung Delitzsch‘, sagt er, ‚bezieht sich ja nur auf die Unangemessenheit des Ortes zu derartigen Ausführungen; im Grunde aber denkt der Kaiser genau so wie Delitzsch.‘ Delitzsch selber, erzählt man mir aus Berlin, soll die Sache ebenfalls so auffassen“, ebd., Blatt 22.

394

Vgl. den Abdruck bei Lehmann, Friedrich Delitzsch, S. 225.

395

Pretzsch, Briefe, Bd. 2, S. 193-212, hier: S. 197.

396

Ebd., S. 209-210. Auch diese Passage war im ersten Entwurf anders eingeleitet worden. Mit Blick auf den Hollmann-Brief und das darin formulierte Bekenntnis des Kaisers bemerkte Chamberlain auf Blatt 29 des Manuskripts: „Und nun kommt der dritte Punkt, die Stelle nämlich, wo man Christus genannt zu finden erwartet, ihn aber nicht findet. Denn wo Eure Majestät zu einem zusammenfassenden Glaubensbekenntnis gelangen – am Schluss des Schreibens an Admiral Hollmann – da finden wir den einen einzigen Satz: ‚Ich glaube an Einen Einigen Gott‘. Ich gestehe, dass diese Stelle mich betrübt hat, denn hier hatte ich das klare Bekenntnis zu Christus dem Gott erwartet, und da ich es nicht fand, sondern nur den ‚einen einzigen Gott‘, errieth ich sofort, was geschehen würde: alle Juden riefen im Chorus, ‚das ist ja unser Glaube!‘, und alle unsere Antireligiösen, unsere Socialisten, unsere Ethiker, unsere fortschrittlichen Professoren jubelten: der Kaiser ist unser Mann! Was voranging im Briefe war völlig vergessen, sobald Christus bei der Zusammenfassung nicht einmal genannt wurde. Und was soll uns Germanen eigentlich diese altaegyptische Formel? Für die damaligen Priester vor 3000 Jahren vor Christo war es immerhin eine respektable Leistung, sich bis zu dieser Vereinfachung in Gedanken aufzuschwingen; doch Religion steckt in diesem Worte gar keine. Denn Religion ist nicht der Glaube an Gott, sondern der Glaube an den Parakleten – wie ich p. 441 der ‚Grundlagen‘ überzeugend auszuführen versucht habe (und zwar im Anschluss an die sog. ‚Propheten‘, die durchaus nicht religiöse Genies waren, sondern Ethiker und Patrioten und Priesterfeinde). Vielleicht mache ich mich am deutlichsten klar, wenn ich sage, was ich bei einer solchen Zusammenfassung meines Glaubensbekenntnisses gesagt haben würde. Ich vermuthe Folgendes: […]“

397

Vgl. dazu ausführlich das Kapitel zur Judenfrage in Rumänien weiter oben, dort mit Quellenangabe.

398

Speeches by the German Emperor, The Times (London), 20.6.1902. Selbst amerikanische Provinzblätter nahmen die Angelegenheit in ihre Berichterstattung auf: Francis Sees Kaiser, President of St. Louis Fair Granted Audience, in: The Montgomery Advertiser (Montgomery, Al), 10.3.1903, S. 8. Theodor Kappstein, Die Quellen des Kaisers, in: Berliner Tageblatt, 23.3.1903; außerdem die Leipziger Neuesten Nachrichten, zit. nach Lehmann, Friedrich Delitzsch, S. 227, der, ebenso wie Jean Réal, La lettre à l’amiral Hollmann, S. 312, wiederum eine zeitgenössische Broschüre mit dem Titel „Das Bekenntnis des Kaisers im Urteile der Zeitgenossen, Halle/Saale 1903“, zitiert.

399

Theodor Kappstein, Die Quellen des Kaisers.

400

Chamberlain/Brockdorff-Rantzau, 26.3.1903, Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2.

401

Ebd.

402

Anna Chamberlain/Brockdorff-Rantzau, 30.3.1903, Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2.

403

Zu Brockdorff-Rantzaus Hilfestellung beim Verfassen der Briefe vgl. zusätzlich zu den bisher genannten: HSC/Brockdorff-Rantzau, 12.11.1902; 26.1., 30.1., 4.2., 10.2., 18.3., 21.3., 23.9., 23.9., 28.10.1903; 3.6.1904, alle in: Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2. Außerdem: Eulenburg/HSC, 26.11.1901 und Eulenburg/Wilhelm II., 30.11.1901, publiziert in: Röhl, Eulenburgs politische Korrespondenz, Nr. 1462-1463, S. 2044-2045. HSC/Eulenburg, 5.12.1902, NAB, NLC, Rot 284. Auch: Christiane Scheidemann, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau (1869-1928). Eine politische Biographie, Frankfurt/Main [u.a.] 1988, S. 98. Scheidemanns Befund, Brockdorff-Rantzau habe auch „die von Chamberlain erbetene Überarbeitung der ‚Grundlagen-Entwürfe“ geliefert (ebd., S. 95) beruht dagegen offenbar auf einer Verwechslung mit der Vorwort-Broschüre.

404

Röhl, Wilhelm II., Bd. 3, S. 290.

405

HSC-Tagebuch, 19.9.1903, NAB, NLC, Nachlass Chamberlain, Diary 16.

406

Ebd.

407

Ebd.

408

Lediglich für die Lesebücher der Obersekunda an sächsischen Gymnasien scheint der Einsatz von Auszügen der „Grundlagen“ als hinreichend belegt, vgl. Prof. Matthig, Plauen/HSC, 9.9.1906, NAB, NLC, KP, SM M. Der Lehrer berichtete dort, der Druck für die entsprechenden Schulbücher habe begonnen und reichte bei Chamberlain ein Belegexemplar ein. In verschiedenen zeitgenössischen Publikationen finden sich jedoch keine weiteren Hinweise auf die Implementierung der „Grundlagen“ in die Lehrerbildung, vgl. Karl Muthesius, Die Lehrpläne für die Königlich preussischen Präparandenanstalten und Lehrerseminare, Gotha 1901. Karl Schenk, Friedrich Maigatter, Deutsche Geschichte bis zum westfälischen Frieden. Für preußische Lehrerbildungsanstalten, in Übereinstimmung mit den Bestimmungen vom 1. Juli 1901, Leipzig 1901. Dies., Deutsche Geschichte bis zum westfälischen Frieden. Für preußische Lehrerbildungsanstalten in Übereinstimmung mit den Bestimmungen vom 1. Juli 1901, Leipzig/Berlin 1912. Ludwig Hoffmeyer/Wilhelm Hering, Hilfsbuch für den Geschichtsunterricht in den Präparandenanstalten, Breslau 1906 [3. verb. Aufl.] und 1912 [12., verb. Auflage]. Otto Gerstenhauer, Zur Würdigung der Lehrpläne für die königlich preußischen Präparandenanstalten und Lehrerseminare vom 1. Juli 1901. Ein Beitrag zur Frage der Lehrerbildung, Breslau 1906. Ders., Zur zweiten Lehrerprüfung in Preußen, in: Pädagogische Blätter für Lehrerbildung und Lehrerbildungsanstalten 33 (1904), Nr. 7, S. 306-312. Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen, 1859-1919, elektronische Ressource, Volltext auf der Website der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, ttps://bbf.dipf.de. Auch Handbücher zur Geschichte der Pädagogik und Lehrerbildung liefern keine Hinweise, vgl. Christa Berg (Hrsg.), Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. 4, 1870-1918. Von der Reichsgründung bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, München 1991. Hartmut Titze, Datenhandbuch zur deutschen Bildungsgeschichte, Göttingen 1987-2003.

409

Julius v. Pflugk-Harttung (Hrsg.), Deutsche Gedenkhalle. Bilder aus der vaterländischen Geschichte, Berlin 1906, im Folgenden zit. nach der 4. Auflage 1923.

410

Eulenburg/HSC, 15.10.1904, in: Röhl, Eulenburgs politische Korrespondenz, Nr. 1503, S. 2101-2102. Die erste Auflage des Buchs erschien 1906 zum Preis von 5 000 Mark, bis 1939 folgten sieben weitere Auflagen.

411

Dies teilte Chamberlain auch Eulenburg mit: Für den Germanen-Text benötige er die „volle Freiheit bei der Behandlung dieses Themas“, zwischen den zahlreichen versammelten Fachhistorikern fühle er sich jedoch „sehr beengt“, HSC/Eulenburg, 25.10.1904, NAB, NLC, Rot 196, EZ Eulenburg. Der Artikel wurde schließlich verfasst von dem Prähistoriker und Direktor des Berliner Völkerkundemuseums, Carl Schuchhardt (1859-1943). Ein Kapitel über „Die alten Germanen“ steuerte Karl Schumacher (1860-1934) bei, Archäologe und Direktor des Römisch-Germanischen Museums in Köln, vgl. die jeweiligen Texte in: Pflugk-Harttung, Deutsche Gedenkhalle. HSC/Eulenburg, 21.10.1904, Röhl, Eulenburgs politische Korrespondenz, Nr. 1502, S. 2103-2105.

412

Hamburgischer Correspondent, Deutsche Gedenkhalle, 11.12.1907, zit. nach: Domeier, Eulenburg-Skandal, S. 255.

413

HSC/Eulenburg, 21.10.1904, in: Röhl, Eulenburgs politische Korrespondenz, Nr. 1502, S. 2103-2105. HSC/Wolzogen, 16.6.1904, NAB, NLC, Rot 196, EZ Hans von Wolzogen.

414

Eulenburg/HSC, 28.10.1904, NAB, NLC, KP, EZ Eulenburg.

415

Eulenburg/Wilhelm II., in: Röhl, Eulenburgs politische Korrespondenz, Nr. 1502, S. 2107-2108.

416

Chamberlain, Immanuel Kant, in: Pflugk-Harttung, Gedenkhalle, S. 241-246, hier: S. 242. Später erneut publiziert in: Chamberlain, Deutsches Wesen, S. 59-69.

417

Ebd., S. 242.

418

Ebd., S. 243.

419

Ebd., S. 243-244, Zitat auf S. 246.

420

Ebd.

421

Ebd., S. 244.

422

Ebd., S. 245.

423

Wilhelm II./HSC, 9.5.1905, in: Pretzsch, Briefwechsel, Bd. 2, S. 216.

424

Julius Pflugk-Harttung/HSC, 4.5.1905, NAB, NLC, KP, EZ Pflugk-Harttung.

425

Pflugk-Harttung/HSC, 8.5.1905, ebd.

426

Pflugk-Harttung/HSC, 4.5.1905, ebd. Ähnlich negativ, wenn auch ohne antisemitische Spitzen, äußerte sich Gustav Buchholz, der Herausgeber der kurz zuvor in Leipzig gegründeten „Ostdeutschen Korrespondenz für nationale Politik“, der Pflugk-Harttung zu Hilfe eilte und ebenfalls auf Chamberlain einzuwirken versuchte, vgl. die durch die Neuordnung des Nachlasses auseinandergerissenen Briefe von Buchholz an Chamberlain in NAB, NLC, KP, EZ G. Buchholz und EZ Ostdeutsche Korrespondenz (25.5., 29.5., 2.6., 17.7.1905) sowie Pflugk-Harttung/HSC, 18.5.1905, ebd. HSC/Eulenburg, 25.10.1904, NAB, NLC, Rot 196, EZ Eulenburg.

427

HSC/Pflugk-Harttung, 28.7.1905, NAB, NLC, Rot 196, SM P.

428

Ebd. Vgl. außerdem Buchholz/HSC, 17.7.1905, NAB, NLC, KP EZ Ostdeutsche Korrespondenz.

429

HSC/Brockdorff-Rantzau, 19.6.1904, 10.5.1905, 18.5.1905, 23.12.1905, Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2. Pflugk-Harttung und Buchholz entschieden anders und mobilisierten die zahlreichen Autoren des Sammelbandes, die – erfolglos – Eingaben an den deutschen und den österreichischen Kaiser formulierten, um Herzig zu verhindern.

430

Samuel Saenger, Chamberlain als Erzieher, in: Die Zukunft 8 (1902), 12.7. und 19.7.1902, S. 57-71 und S. 104-112. Der Titel war eine spöttische Anspielung auf Julius Langehns „Rembrandt als Erzieher“.

431

Chamberlain, Rom, in: Die Zukunft 8 (1902), 8.11.1902, S. 237-245. HSC/Harden, 29.10.1902, Nachlass Harden, BArch-Ko N 1062, zit. nach: Brömsel, Exzentrik, S. 85, Anm. 32.

432

Chamberlain, „Christus ein Germane“, in: Die Zukunft 10 (1904), S. 139-146.

433

Ebd., S. 142.

434

Ebd., S. 143.

435

HSC/Bruckmann, 15.1.1904, NAB, NLC, Rot 285. Vgl. auch: HSC/Keyserling, 29.1.1904, ebd. Ludwig Gumplowicz (1838-1909), Jurist, einflussreicher Soziologe und Professor für Staatsrecht an der Universität Graz, vertrat einen sozialdarwinistisch geprägten Ansatz. Er entstammte einem jüdischen Elternhaus, war aber schon früh konvertiert.

436

Zum Fortgang vgl. Röhl, Eulenburgs politische Korrespondenz, S. 2101-2102, Anm. 4.

437

Marginalien, in: Die Zukunft 14 (1906), 28.4.1906, S. 121-123, hier: S. 122-123. Für weitere Artikel vgl. Röhl, Eulenburgs politische Korrespondenz, S. 2101-2102.

438

Zum zeitlichen Verlauf des Skandals vgl. Kohlrausch, Monarch im Skandal, S. 176-201.

439

Chamberlains Polemik zum germanischen Christus aus dem Januar 1904 war der letzte Aufsatz in dem Blatt. Ein weiterer ihm zugeschriebener Artikel über „Arisches Denken“, der im Oktober 1905 in der „Zukunft“ erschien, bestand lediglich aus einer Sammlung von Passagen aus der „Arischen Weltanschauung“, die der Verlag zu Werbezwecken selbst angeregt hatte und die von Harden als Beitrag der Redaktion veröffentlicht wurde. Chamberlains Zurückhaltung erklärt sich nur durch den sich anbahnenden Eulenburg-Skandal, denn sonst hätte er sicher nicht auf einen eigenen Aufsatz verzichtet oder die Kompilation wenigstens unter seinem eigenen Namen veröffentlicht. [Maximilian Harden], Chamberlain. Arisches Denken, in: Die Zukunft 11 (1905), 28.10.1905, S. 139-145.

440

Er hat in der Forschung nur wenig Beachtung gefunden. Am ausführlichsten geht Bermbach, Chamberlain, S. 314-316 auf das Buch ein, während Field, Evangelist, S. 286 es nur streift. Auch Rash, German Images Of The Self And The Other, S. 115-116, bietet einen eigenen Abschnitt.

441

Cornelius Gustav Gurlitt (1850-1938) war Architekt, Kunsthistoriker und Professor an der Technischen Hochschule in Dresden.

442

HSC/Ludwig Gurlitt, 12.1.1903, NAB, NLC, Rot 288.

443

HSC/Lehmann, 30.10.1904, NAB, NLC, Rot 285.

444

Chamberlain, Arische Weltanschauung (Die Kultur Bd. 1), Berlin 1905, S. 2.

445

Ebd., S. 11-13, 19-23, 27-32.

446

Dies wurde deutlich, als Chamberlain den Sprach- und Religionswissenschaftler Max Müller, der die Bezeichnung „Arier“ für die Angehörigen einer indogermanischen Sprachfamilie eingeführt hatte, abkanzelte: „Max Müller’s Behauptung, es existiere ‚kein spezifischer Unterschied‘ zwischen einem chinesischen Taoisten und einem indischen Brahmanen, ist einfach haarsträubend. Wer so denkt, wird nie imstande sein, die ‚Individualität der Dinge mit treuem und keuschem Sinn zu erfassen‘, wie Schiller es fordert. Und wer nicht die Individualität erfaßt, erfaßt im Grunde nichts“, Chamberlain, Arische Weltanschauung, S. 25.

447

Ebd., S. 36. Die folgenden Zitate finden sich ebenfalls dort.

448

Vgl. das Kapitel „Die Rassenreinheit“, ebd., S. 37-41, hier: S. 37.

449

Ebd., S. 38.

450

Ebd., S. 39. Chamberlain schaltete diesem antisemitischen Ausfall eine geschickte Finte vor (S. 38-39), indem er sich zunächst von dem Vorwurf der antisemitischen Perspektive durch scheinbare Differenzierung zu schützen versuchte – nur um dann umso stärker auf den „jüdischen Halbsemiten“ abzuheben: „Der Antisemit beachtet zwei Dinge nicht: erstens, dass der Jude niemals ein reiner Semit war, noch ist, und dass er somit manche vermittelnde Elemente in seinem Blut enthält, woraus folgt, dass man zwischen Juden und Juden unterscheiden muss und nicht übersehen darf, dass mancher Jude sich ebensosehr [sic!] wie wir nach der Erlösung aus semitischen Vorstellungen sehnt; zweitens, dass zwar der jüdische Halbsemit durch die Gewalt seines Willens und durch die Verknüpfung zu einer geschlossenen internationalen Nation das auffallendste ‚fremde‘ Element in unserer Mitte ist, beileibe aber nicht das einzige.“

451

Ebd.

452

Ebd., S. 40.

453

Ebd., S. 41.

454

Zum Buddhismus vgl. Martin Baumann, Deutsche Buddhisten. Geschichte und Gemeinschaften, Marburg 1993, S. 52-59. Außerdem: Ulrich Nanko, Vom „Deutschen Glauben“ der Sammlungsbewegung zur „Arischen Weltanschauung“, in: Puschner/Vollnhals, Die völkisch-religiöse Bewegung, S. 105-126.

455

Chamberlain, Arische Weltanschauung, S. 43. Vgl. den Bezug zur Gegenwart der Jahrhundertwende, den Chamberlain selbst herstellte: „Heutzutage, wo wir einen lächerlichen pseudo-buddhistischen Sport erleben, und wo viele ernstlich der Meinung sind, der Buddhismus sei ein zureichender, erschöpfender Ausdruck der höchsten indischen Weisheit, war es geboten, kurz aber energisch Verwahrung einzulegen“, ebd., S. 46.

456

Ebd., S. 47, 49.

457

Ebd., S. 50.

458

Ebd., S. 78.

459

Ebd., S. 58. Zum Hellenen-Bezug vgl. ebd., S. 72-76.

460

Ebd., S. 84-85.

461

Ebd., S. 80.

462

Bermbach, Chamberlain, S. 314 und S. 316.

463

Chamberlain, Arische Weltanschauung, S. 88.

464

Ebd., S. 64-65.

465

Vgl. Brigitte Lohff, „Das Buch als Tat in Deutschlands Namen“. Die Medienpolitik des Verlegers Julius Friedrich Lehmann, in: Sigrid Stöckel (Hrsg.), Die „rechte Nation“ und ihr Verleger. Politik und Popularisierung im J.F. Lehmanns Verlag 1890-1979, Berlin 2002, S. 241-258. Derek Hastings, Catholicism and the Roots of Nazism: Religious Identity and National Socialism, New York 2011, S. 200, Anm. 96. Gary D. Stark, Entrepreneurs of Ideology. Neoconservative Publishers in Germany 1890-1933, Chapel Hill 1981.

466

Lehmann/HSC, 4.2.1904, Rot 179. Vgl. auch Lehmann/HSC, 26.2.1904, ebd.

467

Lehmann/HSC, 26.2.1904, ebd.

468

Ebd.

469

Paul Weindling, The Medical Publisher Julius Friedrich Lehmann and the Racialising of German Medicine, in: Stöckel, Die „rechte Nation“ und ihr Verleger, S. 159-170. Stark, Entrepreneurs of Ideology, S. 19-22 und S. 111-124.

470

Lehmann/HSC, 26.2.1904, NAB, NLC, Rot 179.

471

Ebd.

472

Ebd.

473

HSC/Lehmann, 20.3.1904, NAB, NLC, Rot 196, SM L.

474

Chamberlain beschränkte sich darauf, eine Reihe seiner Freunde an Lehmann zu vermitteln, darunter Leopold von Schroeder und Hermann Keyserling, vgl. die entsprechenden Kapitel weiter unten.

475

HSC/Lehmann, 30.10.1904, NAB, NLC, Rot 285. Chamberlain erklärte, er hätte die Schrift zwar „gar zu gern“ bei Lehmann verlegt, „doch es ging nicht“, da er sich der ursprünglichen Abmachung „moralisch verpflichtet fühlte.“

476

HSC/Lehmann, 30.10.1904, NAB, NLC, Rot 285.

477

Lehmann/HSC, 24.12.1904, NAB, NLC, Rot 179.

478

Lehmann/HSC, 15.3.1904, 23.3.1904, 12.2.1905, NAB, NLC, Rot 179.

479

Vgl. Lehmanns Schreiben aus 1905 und 1906 in NAB, NLC, Rot 179.

480

Chamberlain, Die Rassenfrage. Offener Brief an Herrn J.F. Lehmann in München (Typoskript mit handschriftlichen Korrekturen, paginiert, 23 Blatt), NAB, NLC, Rot 63. Vgl. auch die Tagebucheinträge ab dem 25.10.1907, NAB, NLC, Diary 18. Schon im Juni 1907 hatte er das Rassethema öffentlich berührt, als er für die erste Ausgabe der vom Journalisten Oskar Pöffel neu gegründeten Zeitschrift „Entwicklung“ einen Leitartikel verfasste, der die wesentliche Forderung der „Arischen Weltanschauung“ noch einmal pointiert aufgriff: Gegen die „Suprematie des Judentums“ müssten die Germanen durch „Gesinnung und unsere Taten […] beweisen, daß wir edler Rasse angehören“, Chamberlain, Grundlagen, in: Die Entwicklung 1 (1907), Nr. 1, 15.6.1907.

481

Chamberlain nahm diese doppelte Frontstellung sehr bewusst wahr und empfahl etwa in einem Brief an den Pädagogen und nationalsozialen Schulpolitiker Wilhelm Rein auf die Frage nach geeigneter Lektüre die Rassetheoretiker Ludwig Woltmann und Otto Ammon, warnte aber zugleich vor einem „Fanatiker à la Wilser“. Der Kontext machte dies Vorgehen verständlich: Ammons wie Woltmanns Vorstellungen lagen nahe bei denen Chamberlains, während Wilser die Germanen als Ergebnis einer über Jahrmillionen sich vollziehenden Evolution in der Arktis interpretierte. HSC/Wilhelm Rein, 5.1.1907, NAB, NLC, Rot 289 (Kopie aus dem Hauptarchiv der NSDAP in Rot 196, SM R). Eine weitere Kopie in: BArch, NS 26, Nr. 2505. Zu Chamberlains Meinung über Woltmann auch: HSC/Ludwig Woltmann, 24.12.1904, Rot 196, SM W. Vgl. außerdem: Ingo Wiwjorra, Deutsche Vorgeschichtsforschung, in: Puschner/Ulbricht, Handbuch zur „Völkischen Bewegung“, S. 186-207, hier: S. 195.Puschner, Völkische Geschichtsschreibung, S. 295.

482

Chamberlain, Die Rassenfrage. Offener Brief an Herrn J.F. Lehmann in München, Blatt 2.

483

Ebd., Blatt 4-5. Chamberlain nannte hier die Geschichte, Philologie, vergleichende Mythologie, vergleichende Religionsgeschichte, vergleichende Rechtskunde, Anatomie, Anthropologie und Archäologie.

484

Ebd., Blatt 5.

485

„Denn sofort werden Sie mir den Darwinismus und überhaupt die heute herrschenden Evolutionslehren entgegenhalten und Sie werden mir sagen, diese gingen doch auf Ursprünge zurück […] jede Epoche hat ihren besonderen Wahnsinn, der unsrige ist die Entwicklungslehre; sie ist ein Schulbeispiel für falsche Folgerungen aus richtigen Prämissen; die Krankheit muss sich austoben“, ebd., Blatt 14. Ausführlich dazu auch die Beiträge in Paul/Schraut, Rassismus in Geschichte und Gegenwart, S. 45-80.

486

Ebd., Blatt 15.

487

Ebd., Blatt 21.

488

Ebd., Blatt 23.

489

Ebd., S. 1.

490

HSC/Lehmann, 27.1.1906, NAB, NLC, Rot 289. Er „finde es nicht normal“, ereiferte sich Chamberlain, dass „solche Werke wie meine Grdl. u. mein K[ant] in allen Kulturländern, ausser Deutschland, unbekannt bleiben, so dass jeder Jude wie [Name unleserlich, S.F.] durch seine Revue des 2 Mondes-Aufsätze jeder beliebigen Verleumdung darüber Weltverbreitung schaffen kann.“

491

HSC/Troll, 8.2.1907, NAB, NLC, Rot 289. Auch: HSC-Tagebuch, 8.2.1907, NAB, NLC, Diary 17.

492

Ebd.,

493

„N[eville] asks wether B[ruckmann] of Munich is a Jew? Not by religion, he is a catholic, & I believe his grandfather was so already, - but by race I fear there can be no doubt. There is rarely a publishing house in old Germany (or France) now which is not either completely Jewish, or, if a time-honoured house (like Breitkopf and Härtel, Cotta, & so on) then under Jewish control & direction. Of course B. would be most dreadfully offended & hurt if anybody called him a Jew. He is rather antisemitic; and he has in his publishing house a ‚Herr Direktor‘, a salaried employé, whom he hates, but keeps because he is a real Jew & rejoices in doing all the dirty business. – Of course the fact is, B. is not a real unadulterated Jew; his physiognomy is of a pronounced semitic type, but his character is only partly so. I myself don’t dislike him at all […]“, HSC/Harriett Chamberlain, 16.1.1898, NAB, NLC, Rot 280.

494

HSC/Troll, 8.2.1907, NAB, NLC, Rot 289, Hervorhebung im Original.

495

Ebd.

496

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 142, vgl. auch das Kapitel zu Hermann Keyserling weiter unten.

497

Auch 1916, als Chamberlain erneut über eine Veröffentlichung des Textes nachdachte, kam es nicht dazu, weil Lehmann zu diesem Zeitpunkt bereits über andere Kapazitäten im Bereich der „Rassenfrage“ verfügte und den Text ohne größere Änderungen nicht nehmen wollte, vgl. HSC/Lehmann, 14.6.1916, NAB, NLC, Rot 196 sowie Lehmann/HSC, 19.6.1916, NAB, NLC, Rot 179. Vgl. auch das Kapitel zu „Deutschlands Erneuerung“ weiter unten.

498

HSC/Brockdorff-Rantzau, 19.6.1904, NAB, NLC, Rot 285. Chamberlain äußerte dies nach der Lektüre von: Paul Liman, Der Kaiser. Ein Charakterbild Wilhelms II., Berlin 1904. Er bemerkte trocken, das Buch sei eine „Zusammenfassung dessen, was so ziemlich alle Welt in Deutschland […] denkt u. sagt“. Vgl. dazu auch Kohlrausch, Monarch im Skandal, S. 166.

499

Abschrift eines Briefes HSC/Pflugk-Harttung, 7.5.1906, beigelegt dem Schreiben HSC/Brockdorff-Rantzau, 7.5.1906, Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2.

500

Die Loyalitätsbekundung in dem zitierten Schreiben richtete er zwar an Pflugk-Harttung, doch wichtiger war die Abschrift, die Chamberlain über Brockdorff-Rantzau an den Hof vermitteln ließ. Die gesamte Episode verdeutlicht, dass Sven Brömsels Befund, Chamberlain habe sich in dem Skandal auf die „Seite der Aristokratie“ (Brömsel, Exzentrik, S. 94) gestellt, die Komplexität der Angelegenheit nicht erfasst: Nicht der Aristokratie galt seine Loyalität, sondern dem Kaiser.

501

Wilhelm II./HSC, 23.12.1907, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 226-227, hier: S. 226.

502

HSC/Richard Batka, 21.3.1895, NAB, NLC, Rot 277. In seinem mit antisemitischen Spitzen gespickten Artikel verteidigte Chamberlain Kants Philosophie gegen die materialistischen Anschauungen Ludwig Büchners. Harden hatte den Text für die „Zukunft“ angenommen, dann aber nicht gedruckt, so dass er erst 1895 in der von Oscar Bie herausgegebenen „Neuen Deutschen Rundschau“ erschien. Vgl. Chamberlain, Büchners Sturz, in: Neue Deutsche Rundschau (Berlin) 10 (Juni 1895), S. 572-584. Zur Geschichte des Artikels vgl. außerdem die weiter oben genannte Korrespondenz mit Harden sowie HSC-Tagebuch, 16.-31.12.1893; 19.1., 29.3.1894; 13.5., 27.5.1895, NAB, NLC, Diary 7-8. Instruktiv auch die ideengeschichtliche Einordnung bei Field, Evangelist, S. 292-295.

503

HSC/CW, 17.6.1896, NAB, NLC, Rot 90. Die Festspielchefin replizierte entsprechend: „Dass Sie Harden beehren ist sicher ein saures Amt, das aber sicher unserer Sache zu Gute kommt“ (CW/HSC, 23.6.1896, ebd). Sie selbst hatte früher schon geschrieben, Harden habe ihr „einen geradezu widerlichen Eindruck gemacht“, und bemerkt, die Tatsache, dass Harden sich „gegen Bayreuth geäußert“ habe, sei erfreulich: „Gott segne es ihm. Es wäre wirklich unheimlich, wenn solche Wesen anfingen mitzutun“, CW/Konrad Fiedler, 6.9.1894, in: Mack, Das zweite Leben, S. 382-383, hier: S. 382.

504

Vgl. Heer, Wir wollen doch, S. 291.

505

HSC/Uexküll, 10.4.1914, NAB, NLC, Rot 196, SM R.

506

HSC/SW, 18.3.1914, NAB, NLC, Rot 196, SM W. Es ist unklar, worauf sich der „Semi-Titan“ bezog, doch angesichts antisemitischer Publikationen wie dem „Semi-Gotha“ und vor dem Hintergrund des in Wahnfried gepflegten Tons dürfte es sich um eine antisemitische Pointe gehandelt haben.

507

Brömsel, Exzentrik, S. 94. Ähnlich auch Bermbach, Chamberlain, S. 292, 209, 605.

508

Deutlich spürbar war deshalb die Freude im Dezember 1905, als er Brockdorff-Rantzau berichten konnte: „Übrigens habe ich von dieser Seite [vom Kaiser, S.F.] seitdem wieder einmal gehört u. zwar ohne Veranlassung meinerseits; ich schien in gutem Ansehen zu stehen u. freue mich natürlich darüber, namentlich im Interesse meiner Bücher“ (HSC/Brockdorff-Rantzau, 23.12.1905, Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2). Das bezog sich auf ein kurzes Schreiben des Kaisers (Wilhelm II./HSC, 24.12.1905, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 216-217). Doch der Kontakt wurde nicht mehr so eng wie früher, evtl. auch weil Chamberlain für den Kaiser zum Risiko wurde: Schon das erste Zusammentreffen in Liebenberg hatte Spekulationen über seinen Einfluss auf den Monarchen hervogerufen und auch die Audienz in Wien im Oktober 1903 wurde öffentlich: Die Presse berichtete mit einigem Erstaunen darüber, was Chamberlain verständlicherweise über Wochen hinweg alarmierte. Vgl. HSC/Brockdorff-Rantzau, 9.10.1903, ebd., mit Zeitungsausschnitt aus der Schlesischen Zeitung, 3.10.1903 und HSC/Brockdorff-Rantzau, 9.10., 28.10., 7.12.1903, ebd.

509

HSC/Wilhelm II., 4.2.1903, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 168-188, hier: S. 168-169. Basuto, das heutige Lesotho, war eine britische Kolonie.

510

Ebd., S. 175.

511

HSC/Wilhelm II., 1.10.1904, in: Ebd., S. 214. Auch der „germanischen“ Kunst widmete Chamberlain ausführliche Betrachtungen, etwa wenn er anhand neuerer Literatur darlegte, dass alle „großen Künstler der sogenannten ‚italienischen‘ Renaissance“ entweder „ganz reine Germanen waren oder überwiegend germanisches Blut in den Adern trugen“ – eine These, die er bereits in den „Grundlagen“ in extenso ausgearbeitet hatte und die er nun unter Rückgriff auf neuere „Rasse“-Publikationen bestätigt sah. Freilich spielte Richard Wagner hier eine hervorgehobene Rolle und figurierte als der „größte Poet der Menschheit“. Die Zitate entstammen: HSC/Wilhelm II., 1.10.1904, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 212-215, hier: S. 213 sowie HSC/Wilhelm II. 4.2.1903, in: Ebd., S. 168-188, hier: S. 172.

512

HSC/Wilhelm II., 4.2.1903, in: Ebd., S. 175.

513

Ebd.

514

Ebd., S. 187.

515

HSC/Wilhelm II., 20.2.1902, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 154.

516

HSC/Wilhelm II., 4.1.1902, in: Ebd., S. 146.

517

Vgl. Röhl. Wilhelm II., Bd. 2, S. 430. Berg, Handbuch deutsche Bildungsgeschichte, Bd. 2, S. 229-238.

518

HSC/Wilhelm II., 4.2.1902, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 187. Ludwig Gurlitt, Der Deutsche und sein Vaterland. Pädagogisch-politische Betrachtungen eines Modernen, Berlin 1902. Zu Gurlitts Lagarde-Begeisterung vgl. Stern, Kulturpessimismus als politische Gefahr, S. 408, Anm. 2. Außerdem HSC/Ludwig Gurlitt, 12.1.1903, NAB, NLC, Rot 288. Ludwig Gurlitt, dessen Bruder Cornelius 1904 Chamberlains „Arische Weltanschauung“ verlegte, war von den Schriften Paul de Lagardes beeinflusst und gehörte zu den Gründungsvätern des „Wandervogels“. Als „Sympathisant der völkischen Bewegung“ (Puschner, Völkische Bewegung und Jugendbewegung, S. 14) drängte er darauf, dass in Fächern wie Geschichte und Philosophie die „Identität von Individuum und Volk“ gerstärkt würde, um „den Einzelnen an Nation und Rasse“ zu binden. Christiane Reuter-Boysen, Karl May, in: Puschner/Schmitz/Ulrbicht, Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918, S. 699-710, hier: S. 707.

519

Zu Hueppe vgl. Ralf Schäfer, Hueppe, Ferdinand in: Benz, Handbuch des Antisemitismus, Band 2/1, 2009, S. 385-386. Außerdem die biographischen Einträge in: Walther Killy (Hrsg.), Deutsche Biographie Enzyklopädie (DBE), 13 Bde., München 1995-2003, hier: Bd. 5 (1997), S. 480. Franz Neubert, Deutsches Zeitgenossen-Lexikon, leipzig 1905, S. 428.

520

Ferdinand Hueppe/HSC, 25.12.1900, NAB, NLC, KP, EZ Hueppe. Vermittelt hatte den Kontakt wohl der gemeinsame Freund Christian von Ehrenfels.

521

Vgl. die zahlreichen Briefe Hueppes mit teilweise ausführlichen Einlassungen zu Rasse-Themen, zu „Juden“, „Germanen“ und duchsetzt mit antisemitischen Bemerkungen. Exemplarisch: Hueppe/HSC, 14.11.1901, ebd.

522

Vgl. dazu Chamberlains Anti-Mommsen-Aufsatz. Hueppe seinerseits hatte den Briten mit der Innensicht eines vom „System Althoff“ frustrierten Professors versorgt und dabei immer auch ausführlich gegen Fachkollegen ausgeteilt, vgl. Hueppe/HSC, 14.11., 24.11., 8.12., 15.12.1901, ebd. Nach Chamberlains Attacken gegen Mommsen hatte Hueppe deshalb Hoffnung geschöpft und selbst angeregt, seinen Fall vor den Kaiser zu bringen, Hueppe/HSC, 5.12., 8.12.1901, ebd.

523

HSC/Wilhelm II., 27.3.1903, in: Pretzsch, Briefwechsel, Bd. 2, S. 193-212, hier: S. 195.

524

Ebd., S. 196.

525

Während des Ersten Weltkrieges beriet er als leitender Hygieniker im Rang eines Generalarztes die deutsche Armee. Nach Kriegsende lebte Hueppe in Dresden, wo er 1938 gestorben ist.

526

Rolf-Peter-Sieferle, Rassismus, Rassenhygiene, Menschenzuchtideale, in: Puschner, Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918, S. 436-448, hier: S. 443. Uwe Puschner, Völkische Geschichtsschreibung, S. 287-306, hier: S. 296.

527

Puschner, Sparta – Lichtblick der Menschheit, S. 146. Vgl. auch: Gregor Hufenreuter, Wege aus den „inneren Krisen“ der modernen Kultur durch „folgerichtige Anwendung der natürlichen Entwicklungslehre“. Die „Politisch-Anthropologische Revue“ (1902-1914), in: Grunewald/Puschner, Krisenwahrnehmungen, S. 281-293.

528

Sieferle, Rassismus, Rassenhygiene, Menschenzuchtideale, S. 443. Puschner, Verwissenschaftlichung einer Weltanschauung, S. 12-13.

529

HSC/Brockdorff-Rantzau, 13.3.1902, Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2. Hervorhebung im Original. Im selben Schreiben der Hinweis, dass Chamberlain „von der Redaktion mehrere [Exemplare] zur Verbreitung übersandt wurden“.

530

HSC/Wilhelm II., 1.10.1904, in: Pretzsch, Briefwechsel, Bd. 2, S. 212-215, hier: S. 213. Vgl. die jeweiligen Aufsätze Woltmanns in: Politisch-Anthropologische Revue 3 (1904), Nr. 6 (Juni), S. 350-357, Nr. 7 (Juli), S. 419-423, Nr. 8 (August), S. 473-481. Nr. 9 (September), S. 549-552. Überhaupt setzte Chamberlain große Hoffnungen auf Woltmann, dessen biologisiertes Gesellschaftsbild und dessen Plädoyer für „Rassezucht“ nahe bei seinen eigenen Vorstellungen lagen (vgl. Ludwig Woltmann, Politische Anthropologie. Eine Untersuchung über den Einfluss der Descendenztheorie auf die Lehre von der politischen Entwicklung der Völker, Eisenach 1903; Puschner, Germanenideologie, S. 96). So war es nur folgerichtig, dass der sonst mit Empfehlungen zurückhaltende Brite auf Woltmanns Arbeiten auch in den folgenden Jahren immer wieder positiv rekurrierte. Als Woltmann am 30.1.1907 starb und die Zeitschrift um eine Würdigung durch Chamberlain ersuchte, beteiligte er sich mit einem kurzen Text, vgl. Raoul Richter/HSC, 2.3.1907, 9.3.1907, 23.4.1907, NAB, NLC, KP, SM R. „Gedenkwort“, in: Politisch-Anthropologsiche Revue 6 (1907), S. 72. Andere Rasseideologen hingegen konnten nicht von Chamberlains Einfluss profitieren: Ottomar Beta etwa, ein der „Deutschsozialen Partei“ nahestehender völkischer Schriftsteller und Mitstreiter in Theodor Fritschs „Hammer“-Bewegung, der auch in den „Bayreuther Blättern“ publiziert hatte, versuchte mit Chamberlains Hilfe finanzielle Unterstützung durch den Kaiser zu erlangen, doch der Brite lehnte ab. Ottomar Beta/HSC, 22.9.1911, NAB, NLC, KP, EZ Ottomar Beta. HSC/Beta, 3.11.1911, NAB, NLC, Rot 196, SM B. Außerdem: Böhnisch, Hammer-Bewegung, S. 351.

531

HSC/CW, 17.2.1902, NAB, NLC, Rot 94.

532

So der Titel des entsprechenden Kapitels in Röhl, Wilhelm II., Bd. 3, S. 562.

533

Vom Bruch, Gelehrtenpolitik, S. 82-94, hier v.a. S. 83.

534

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 142.

535

Ute Gahlings, Hermann Graf Keyserling. Ein Lebensbild, Darmstadt 1996. Vgl. auch Bering, Die Epoche der Intellektuellen, S. 232-238.

536

HSC-Tagebuch, 15.1.1902, NAB, NLC, Diary 14, „First of Anna’s Leseabende (Prof. Schroeder & daughter, Kassner, Keyserling), 8-11 ½“.

537

Martynkewicz, Salon Deutschland, S.57-58, hier: S. 57.

538

Sie selbst erinnerte sich naturgemäß etwas anders und schrieb in ihren Erinnerungen: „Schon den Winter zuvor hatte ich, Gräfin Zichys Beispiel folgend, Leseabende eingerichtet, die sehr unterhaltend waren“, Anna Chamberlain, Erinnerungen, S. 149.

539

Edward Timms, Die Wiener Kreise. Schöpferische Interaktion in der Wiener Moderne, in: Jürgen Nautz/Richard Vahrenkamp (Hrsg.), Die Wiener Jahrhundertwende. Einflüsse, Umwelt, Wirkungen, Wien [u.a.] 1996, S. 128-143. Vgl. ausführlich Wolfgang Eßbach, Intellektuellengruppen in der bürgerlichen Kultur, in: Faber/Holste, Kreise, 23-33 sowie Richard Reichensperger, Zur Praxis kommunikativen Handelns. Das „Café Griensteidl“ in Wien, ebd., S. 85-108.

540

Timms, Die Wiener Kreise, S. 131.

541

Anna Chamberlain, Erinnerungen, S. 150, dort auch eine Schilderung des Ablaufs der Abende.

542

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 170.

543

Martynkewicz, Salon Deutschland, S. 98.

544

Anna Chamberlain, Erinnerungen, S. 150. Demnach hätten auch die Schriftstellerin Ada von Treskow-Pinelli und die Gräfin Marietta von Coudenhouve gelegentlich teilgenommen.

545

Timms, Die Wiener Kreise, S. 132.

546

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 170.

547

Als Brockdorff-Rantzau und Kassner Chamberlain mit der Fürstin von Thurn und Taxis bekannt machten (HSC-Tagebuch, 23.2.1903, NAB, NLC, Diary 15), folgte dem Zusammentreffen keine weitere Begegnung.

548

Kassner, Buch der Erinnerung, S. 118.

549

Ebd., S. 127. Bruckmann, dem Chamberlain Schroeder und Kassner vermittelte, hielt Schroeders Arbeiten für defizitär. Vgl. Bruckmann/HSC, 11.10.1902, 15.1.1903 und 3.2.1903, in: Rot 177 b (1902) sowie Rot 177 c (1903). Leopold von Schroeder, Bhagavadgita, der Erhabenen Sang, Jena 1912.

550

Zu Schroeders Biographie vgl. Ders., Lebenserinnerungen, S. 69-96.

551

Ebd., S. 86.

552

Vgl. dazu: Leopold von Schroeder, Wesen und Ursprung der Religion, ihre Wurzeln und deren Entfaltung, in: Adolf Deissmann/Hermann Gunkel (Hrsg.), Beiträge zur Weiterentwicklung der Christlichen Religion, München 1905, S. 1-39. Ders., Über den Glauben an ein höchstes gutes Wesen bei den Ariern. Vortrag, gehalten auf dem zweiten Internationalen Kongreß für Allgemeine Religionsgeschichte in Basel, am 31. August 1904, in: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes, Bd. 19 (1905), S. 1-23. Duch Vermittlung Chamberlains veröffentlichte Schroeder bei J.F. Lehmann ein Buch über „Die Vollendung des arischen Mysteriums in Bayreuth, München 1911“, das ihn in den Kreis der Autoren der „Bayreuther Blätter“ katapultierte (Hein, Hitler in Wagner, S. 89 S. 262).

553

Schroeder, Lebenserinnerungen, S. 161.

554

Vgl. den umfangreichen Bestand von Briefen Schroeders an Chamberlain, NAB, NLC, KP, EZ Schroeder, außerdem die kleine Anzahl von Briefen Chamberlains in NAB, NLC, Rot 196, SM S. Die überlieferte Korrespondenz setzt im Februar 1900 ein und endet im Oktober 1918.

555

HSC/AC, 18.2.1900, NAB, NLC, Rot 196, SM C.

556

HSC/AC, 1.3.1900, NAB, NLC, Rot 196, SM C. Tagebucheintrag, 27.2.1900, NAB, NLC, Diary 12.

557

Vgl. dazu auch HSC/CW, 4.3.1900, NAB, NLC, Rot 97.

558

HSC/AC, 1.3.1900, NAB, NLC, Rot 196, SM C.

559

Vgl. Schroeder, Wesen und Ursprung der Religion.

560

Chamberlain, Vorwort zur vierten Auflage der Grundlagen, S. LXXVIII.

561

HSC/J.F. Lehmann, 30.10.1904, NAB, NLC, Rot 285.

562

Ebd.

563

HSC/AC, 1.3.1900, NAB, NLC, Rot 196, SM C.

564

Lilly von Schroeder (1844-1901), geb. von Foelkersahm, war die Tochter des Barons Eugen von Foelkersahm und seiner Frau Marie, geb. Baronin v. Vietinghoff. Sie heiratete zunächst Karl v. Vietinghoff, mit dem sie fünf Kinder hatte, bevor sie 1891 Leopold von Schroeder ehelichte, vgl. Schroeder, Lebenserinnerungen, S. 125-127.

565

HSC/CW, 17.2.1900, NAB, NLC, Rot 99.

566

Taschner, Hochburg des Antisemitismus, S. 34. Zur Entwicklung der Christlichsozialen auch: John W. Boyer, Karl Lueger (1844-1910). Christlich-soziale Politik als Beruf, Wien 2010, S. 179-248 und S. 249-302. Vgl. auch die zeitgenössische Presse: Der Katholikentag, Neue Freie Presse, 19.11.1.907. Christlichsoziale Eroberung der Universitäten, NFP, 18.11.1907.

567

Leopold von Schroeder, Vier Festungen, Neue Freie Presse, 1.12.1907. Vgl. außerdem: Ders., Die christlichsoziale Eroberung der Universität, NFP, 19.11.1907. Philosophische Fakultät der Universität Wien (Hrsg.), Denkschrift über die gegenwärtige Lage der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, Wien 1902. Protest der deutschen Studentenschaft gegen den Katholikentag, Arbeiter-Zeitung, 1.12.1907. Protest der Wiener Universität gegen die Rede Luegers, NFP, 26.11.1907.

568

Leopold von Schroeder, Vier Festungen.

569

Ders., Eine Rede, die niemals gehalten wurde, NFP, 8.12.1907.

570

Franz Hofer: Eine zweite Rede, die niemals gehalten wurde, Reichspost, 10.12.1907. Siehe auch Schroeders Nennung in der Broschüre „Ein Stich in’s Wespennest oder: Der 6. allgemeine österreichische Katholikentag (1907) und die katholische Universitätsfrage, herausgegeben vom Katholischen Universitäts-Verein Salzburg, Salzburg o.J. [1907/08], S. 7. Dazu auch: Oliver Rathkolb, Gewalt und Antisemitismus an der Universität Wien und die Badeni-Krise 1897. Davor und danach, in: Oliver Rathkolb (Hrsg.), Der lange Schatten des Antisemitismus. Kritische Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Universität Wien im 19. und 20. Jahrhundert, Wien 2013, S. 69-92, sowie den Kommentar zu Anhang 1 und 2, ebd., S. 253-315.

571

Leopold von Schroeder, Die Kehrseite der Medaille. Eine abschließende Betrachtung, in: „Die Zeit“ (Wien), 19.12.1907, alle folgenden Zitate von dort, auch in: Reichspost, 20.12.1907. Außerdem: Deutsches Volksblatt, 19.12.1907 (Abend); „Experimentalwissenschaft“, Reichspost, 21.12.1907; „Streiflichter“, Reichspost, 22.12.1907. Schroeder hatte offenbar zunächst versucht, den erläuternden Artikel ebenfalls in der „Neuen Freien Presse“ unterzubringen, die aber ablehnte.

572

Das „Wiener Montagsjournal“ brachte die wohl treffendste Auswertung von Schroeders glücklosem Engagement: Was er sagte „war weder neu noch besonders wichtig, denn die Juden werden davon nicht anders und die Antisemiten dadurch nicht klüger werden“, Herr von Schroeder und seine Schmerzen, Wiener Montags-Journal, 23.12.1907.

573

HSC/Schroeder, 26.12.1907, in: Pretzsch, Briefe, Bd. 1, S. 167-171, hier: S. 169.

574

Ebd., S. 168.

575

Ebd., S. 169.

576

Ebd., S. 170.

577

Ebd., S. 171.

578

Schroeder/HSC, 29.12.1907, NAB, NLC, KP, EZ Schroeder.

579

Schroeder, Lebenserinnerungen, S. 212.

580

Ebd., S. 243.

581

Wladika, Hitlers Vätergeneration, S. 158-160. Vgl. auch: Ders., Die verspätete Wagner-Rezeption der Schönerianer, S. 268-269.

582

Schroeder, Lebenserinnerungen, S. 243.

583

Der Vortrag wurde in den Bayreuther Blättern gedruckt, vgl. BB 37 (1914), S. 126-133.

584

Schroeder, Lebenserinnerungen, S. 244-245. Nach einer weiteren Massenschlägerei im Mai 1913 stützte Schroeder die Randalierer, indem er in einer Sitzung des akademischen Senats den „Sturm auf das Rektorat“ rechtfertigte, UAW, Rektoratsakten SZ 1469, ex 1912/13, für den Hinweis danke ich Prof. Dr. Oliver Rathkolb. Vgl. auch Rathkolb, Gewalt und Antisemitismus an der Universität Wien und die Badeni-Krise 1897, S. 90.

585

Scheidemann, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, S. 79-80.

586

HSC-Tagebuch, 1.4.1902, NAB, NLC, Diary 14.

587

HSC-Tagebuch, 14.11., 30.11., 19.12., 28.12.1902; 19.1., 4.2., 16.2., 19.2., 4.4.1903, NAB, NLC, Diary 15.

588

Scheidemann, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, S. 91.

589

Ebd., S. 93.

590

Ebd., S. 95.

591

HSC/Brockdorff-Rantzau (B-R), 10.3.1902, Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2.

592

Ebd., außerdem: HSC/B-R, 28.12.1902, ebd.

593

HSC/B-R, 13.3.1902, 28.12.1902, ebd.

594

HSC-Tagebuch, 14.11.1902, NAB, NLC, Diary 15.

595

HSC-Tagebuch, 15.9.1903, NAB, NLC, Diary 16.

596

HSC/B-R, 17.4.1902, ebd. HSC/B-R, 26.3.1902, Pol.Arch.AA, Nachlass Brockdorff-Rantzau, Bd. 2/2. So auch Scheidemann, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, S. 98-99.

597

Tagebucheinträge 18.9-23.9., NAB, NLC, Diary 16, außerdem das Kapitel „Chamberlain und der Kaiser III“ weiter oben.

598

HSC-Tagebuch, 10.5.1903, Diary 16.

599

Vgl. die Briefe Brockdorff-Rantzaus an Chamberlain in NAB, NLC, KP, EZ Brockdorff-Rantzau.

600

HSC-Tagebuch, 23.2.1903, NAB, NLC, Diary 15 und 30.10.1903, NAB, NLC, Diary 16.

601

Scheidemann, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, S. 99.

602

Zitate aus: Kassner, Buch der Erinnerung, S. 158.

603

Scheidemann, Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau, S. 321-334.

604

Ebd., S. 712.

605

Für die ersten zwei Jahre ihrer Bekanntschaft lassen sich in Chamberlains Tagebuch 16 Treffen im Jahr 1901 und 27 Treffen im Jahr 1902 nachweisen. Kassner hatte, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, Chamberlain sein erstes Buch, „Die Mystik, die Künstler und das Leben“, Leipzig 1900, geschickt und so den Kontakt hergestellt, Kassner, Buch der Erinnerung, S. 125.

606

HSC/CW, 9.3.1901, NAB, NLC, Rot 97.

607

Ebd.

608

Ebd. Da Chamberlain und Kassner sich später entfremdeten, wurde die Passage in der veröffentlichten Version kurzerhand anonymisiert, indem „mein Kassner“ ersetzt wurde durch „mein junger Gelehrter“, Pretzsch, Briefwechsel, S. 612. Zu Kassners Darstellung des Abends: Kassner, Buch der Erinnerung, S. 141-142.

609

Martynkewicz, Salon Deutschland, S. 98.

610

Field, Chamberlain, S. 323. Vgl. auch die zahlreichen Briefe Kassners an Chamberlain, NAB, NLC, KP, EZ Rudolf Kassner; zudem die Briefe Chamberlains an Kassner, NAB, NLC, Rot 196, SM K sowie einzelne Briefe in NAB, NLC, Rot 285 (1904) und Rot 296 (1908).

611

HSC-Tagebuch, 21.1.1902, NAB, NLC, Diary 14.

612

HSC-Tagebuch, 11.6.1902, NAB, NLC, Diary 15. Zu Kassner im Salon Bruckmann vgl. Martynkewicz, Salon Deutschland, S. 98-100.

613

Rudolf Kassner, Der indische Idealismus. Eine Studie, München 1903, veröffentlicht in: Rudolf Kassner, Sämtliche Werke, hrsg. von Ernst Zinn und Klaus E. Bohnenkamp, Bd. 1, Stuttgart 22001, S. 428-490. Marie-Claire Méry, Kassner und Indien. Kassners Auffassung des Dichters im indischen Idealismus, in: Jean-Marie Valentin (Hrsg.), Akten des XI. Internationalen Germanistenkongresses Paris 2005 (Germanistik im Konflikt der Kulturen, Bd. 9), Divergente Kulturräume in der Literatur, Bern [u.a.] 2007, S. 99-106.

614

Méry, Kassner und Indien, S. 103. Kassner, Indischer Individualismus, S. 432-434.

615

Vgl. die Vorstellung vom „organischen“ und vom „arischen“ Denken in Chamberlains Buch.

616

Kassner, Indischer Individualismus, S. 437.

617

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Field, Evangelist, S. 323-324. Vgl. etwa die Vorstellung von den „Ariern“ als einem Volk, das durch Kastengesetze seine rassische Reinerhaltung gesichert habe (Kassner, Indischer Idealismus, S. 450-451. Chamberlain, Arische Weltanschauung, Vorwort zur ersten Auflage, S. 2) sowie die negative Bewertung Buddhas als vermeintlichem Zerstörer indoarischer Wesensart (Kassner, Indischer Idealismus, S. 484. Chamberlain, Arische Weltanschauung, S. 34-35. Chamberlain, Grundlagen, S. 197).

618

CW/HSC, 1.5.1903, NAB, NLC, Rot 95.

619

HSC/CW, 12.5.1903, ebd. Die folgenden Zitate ebenfalls von dort.

620

Maurice Maeterlinck (1862-1949), belgischer Schriftsteller, Dramatiker und Vertreter des Symbolismus.

621

Chamberlain, Grundlagen, S. 359-362. Vgl. auch: Lobenstein-Reichmann, Rekonstruktion, S. 198 ff.

622

CW/HSC, 29.12.1903, NAB, NLC, Rot 95.

623

HSC/CW, 2.1.1904, ebd.

624

Ebd.

625

HSC/CW, 3.1.1904, ebd.

626

HSC/Keyserling, 29.1.1904, NAB, NLC, Rot 285. Kassner indes widmete Chamberlain 1904 sein neuestes Buch: „Die Moral der Musik. Sechs Briefe des Joachim Fortunatus an irgend einen Musiker, nebst einem Vorspiel: Joachim Fortunatus’ Gewohnheiten und Redensarten“, in: Kassner, Sämtliche Werke, Bd. 1, S. 491-755.

627

HSC/CW, 12.5.1903, NAB, NLC, Rot 95.

628

Kassner, Buch der Erinnerung, S. 92.

629

Könnö ist das heutige Könnu in Estland.

630

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 117.

631

Ebd.

632

HSC/Keyserling, 30.4.1906, NAB, NLC, Rot 270.

633

Vgl. Field, Chamberlain, S. 322-323.

634

CW/Keyserling, 11.4.1903, in: Mack, Das zweite Leben, S. 629-632, hier: S. 630. Der Aufsatz war am 6. April 1903 unter dem Titel „Die erste Verwirklichung von Appias Ideen zur Reform der Bühne“ in der Münchner „Allgemeinen Zeitung“ erschienen, Mack, Das zweite Leben, S. 856. Ausführlich auch: Henry-Louis de la Grange, Gustav Mahler, Bd. 3: Vienna. Triumpf and Disillusion (1904-1907), Oxford 1999, S. 228-229.

635

CW/HSC, 11.5.1903, NAB, NLC, Rot 95. Vgl. Chamberlains vorausgegangene Schreiben HSC/CW, 22.1.1902, NAB, NLC, Rot 99; 17.2.1902 (Rot 94), 11.11.1902 (Rot 94), CW/HSC, 11.4.1904 (Rot 100).

636

Zitate aus: HSC/CW, 12.5.1903, NAB, NLC, Rot 95.

637

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 314. Der Mentor veranlasste ihn auch dazu „einen Bart zu tragen, weil er die Disproportion zwischen Stirn und Mundpartie für unerträglich hielt“, ebd.

638

Ebd., S. 171.

639

Ebd.

640

Vgl. die Schreiben HSC/Keyserling, 16.1.1903, NAB, NLC, Rot 288, sowie die Schreiben vom 8.2., 9.2., 24.10.1904, NAB, NLC, Rot 285; Außerdem das Konvolut mit Briefen Chamberlains an Keyserling in NAB, NLC, Rot 270 sowie das Verzeichnis von Chamberlains Briefen an Keyserling und Felix Gross, NAB, NLC, Rot 341. Schließlich weitere, separat abgelegte Briefe Chamberlains an Keyserling in NAB, NLC, Rot 196, EZ Keyserling und die Korrespondenz Keyserlings mit Chamberlain in NAB, NLC, KP, EZ Keyserling. Keyserling selbst schrieb später, Chamberlain habe ihn nicht hart genug bewertet und so seine Neigung „Schwierigkeiten lieber auszuweichen als sie auszufechten […] in wirklich gefährlicher Weise bestärkt“ (Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 211).

641

Seng, Weltanschauung als verlegerische Aufgabe, S. 164. Hermann Graf Keyserling, Das Gefüge der Welt. Versuch einer kritischen Philosophie, München 1905. HSC/Keyserling, 16.11.1906, NAB, NLC, Rot 270. Chamberlain hätte es lieber „Das Weltgefüge“ betitelt gesehen.

642

HSC/Maximilian Harden, 11.10.1905, BAarch-Ko, zit. nach Brömsel, Exzentrik, S. 87.

643

HSC/Keyserling, 16.11.1906, NAB, NLC, Rot 270.

644

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 125.

645

So zitiert etwa Udo Bermbach mit Blick auf Chamberlains Werk und Arbeitsweise nur Keyserlings affirmative Äußerungen, nicht aber den kritischen Anteil, vgl. Bermbach, Chamberlain, S. 104-105, 177, 181, 301 ff., 312, 320, 342, 349, 387, 392, 514, 572 ff. Auch Sven Brömsel übersieht durchgehend die kritischen Passagen in Keyserlings Schrift und blendet auch die zunehmende Entfremdung aus, vgl. Brömsel, Exzentrik, S. 9, 87, 106-107, 152 mit Anm. 46.

646

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 125.

647

Hermann Keyserling, Unsterblichkeit. Eine Kritik der Beziehungen zwischen Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt, München 1907.

648

Keyserling, Reise durch die Zeit, S.128. Wie sehr den jungen Autor die Kritik verletzte, zeigt ein Brief von Bruckmann, der auch die ersten Werke Keyserlings verlegte. Dieser hatte erfahren, dass Kassner und Chamberlain das Unsterblichkeits-Buch ablehnten und drohte nun dem Verleger das Schreiben aufzugeben, denn: „Alle Jahre eine eigene Weltanschauung vor die Schweine zu werfen sei zu langweilig“ (Bruckmann/HSC, 12.3.1908, NAB, NLC, Bruckmann-Briefe, Rot 177 d).

649

Hermann Keyserling, Schopenhauer als Verbilder, Leipzig 1910.

650

Keyserling, Reise durch die Zeit, 128.

651

Ebd.

652

Keyserling, Schopenhauer, S. 16-17.

653

Ebd., S. 23, 110-111, 125, 127.

654

Der Werdandi-Vorsitzende Friedrich Seeßelberg hob auch die Aktualität der Schrift hervor, deren Aufgabe es sei, „ragende Götzen“ niederzustoßen, um der von „zersetzenden Strömungen erfüllte[n] Zeit“ hernach „entschlossene Persönlichkeiten“ entgegenstellen zu können, Keyserling, Schopenhauer [Vorwort], S. 1. Zur hybriden Stellung als Vertreter eines „völkischen Idealismus“, der zugleich „Vergangenheit und Moderne zu verbinden“ trachtete, vgl. Puschner, Die völkische Bewegung, S. 132-133. Siehe außerdem: Rolf Parr, Werdandi-Bund [Berlin], in: Ders./Wulf Wülfing/Karin Bruns (Hrsg.), Handbuch literarisch-kultureller Vereine, Gruppen und Bünde 1825-1933, Stuttgart 1998, S. 485-495. Ders., Der „Werdandi-Bund“, in: Puschner, Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871-1918, S. 316-327, hier v.a. S. 318, 324-325. Marina Schuster, Die Bildwelt der Völkischen, in: Stefanie von Schnurbein/Justus H. Ulbricht (Hrsg.), Völkische Religion und Krisen der Moderne. Entwürfe ‚arteigener‘ Glaubenssysteme seit der Jahrhundertwende, Würzburg 2001, S. 254-291, hier: S. 263. Eine Polemik gegen Keyserlings Buch findet sich in: Egon B. Curtiner, Chamberlain gegen Schopenhauer. Eine Untersuchung der von Houston Stewart Chamberlain in seinem „Immanuel Kant“ an Schopenhauer geübten Kritik, Düsseldorf 1910, S. 154-156. Bei dem Autor „Egon B. Curtiner“ handelte es sich um das Pseudonym des Duisburger Unternehmers Curt Böninger, später Mitglied und Mäzen der Frankfurter Schopenhauergesellschaft, vgl. Axel Dröber, Woher Ingenieur Schäfer seinen Namen hat, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.7.2012.

655

HSC/Keyserling, 15.5.1910, NAB, NLC, Rot 196, EZ Keyserling.

656

Keyserling, Schopenhauer, S. 17-18.

657

Dass Chamberlain tatsächlich auch familienintern offenbar für Keyserling eintrat, zeigen die Briefe an Henry Thode, HSC/Thode, 22.5.1910, 8.6.1910, NAB, NLC, Rot 196, EZ Henry Thode sowie HSC/Hausegger, 23.6.1910, NAB, NLC, Rot 196, SM H.

658

Keyserling, Reise durch die Zeit, 128.

659

Ebd., S. 129.

660

Ebd., S. 126.

661

Ebd., S. 127.

662

Ebd., S. 128.

663

Ebd., S. 135.

664

Peter Panter (Kurt Tucholsky), Der darmstädter [sic!] Armleuchter, in: Die Weltbühne 24 (12.06.1928), Nr. 24, S. 901-907, hier: S. 901.

665

Emil Preetorius, Weise Woche in Darmstadt, zit. nach Gahlings, Hermann Graf Keyserling, S. 233-234.

666

Zu Stauff vgl. Hufenreuter, Philipp Stauff, S. 102.

667

Zur Geschichte des Semi-Gotha unerlässlich: Gregor Hufenreuter, Der „Semi-Gotha“ (1912-1919). Entstehung und Geschichte eines antisemitischen Adelshandbuchs, in: Herold-Jahrbuch 9 (2004), S. 71-88. Ders., „… ein großes Verzeichnis mit eingestreuten Verbrechern.“ Zur Entstehung und Geschichte der antisemitischen Lexika Semi-Kürschner (1913) und Sigilla Veri (1929-1931), in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 15 (2006), S. 43-63. Zudem Hufenreuter, Philipp Stauff, S. 95-106 und S. 16-18. Zur Bewertung des Semi-Gotha als völkischen Frontalangriff auf den Adel vgl. Malinowski, Vom König zum Führer, S. 194.

668

Weimarer historisch-genealogisches Taschenbuch des gesamten Adels jehudäischen Ursprunges, Weimar 1912.

669

Leitfaden im Schreiben Semigotha/HSC, 2.3.1914, NAB, NLC, KP, EZ Semigotha.

670

Vorbereitendes Redaktions-Komitee des Semigotha/HSC, 29.3.1912, ebd.

671

Hufenreuter, Philipp Stauff, S. 97.

672

HSC/Schriftleitung des historisch-genealogischen Taschenbuches, 3.4.1912, NAB, NLC, Rot 196, SM T. Vgl. auch die Briefe des Redakteurs Wilhelm von Witkenberg/HSC, NAB, NLC, KP, EZ Witkenberg.

673

Ebd.

674

HSC/Redaktion des Semigotha, 12.4.1912, NAB, NLC, Rot 196, SM S.

675

Ebd.

676

Ebd. Die Rede vom „Alliancen-Buch“ meinte das im Kyffhäuser-Verlag erscheinende und bei Bruckmann gedruckte „Semigothaische Taschenbuch ari(st)okratisch-jüdischer Heiraten mit Enkel-Listen (Deszendenz-Folgen). Aufsammlung aller adligen Ehen mit vollblutjüdischen und gemischtjüdischen Frauen und 18 Ahnentafeln, München 1914“. Chamberlains heimtückisches Manöver stützte sich auf ein seit den 1840er Jahren existierendes antisemitisches Narrativ: Bei der von ihm als Ursprung des „rassischen“ Verfalls ausgemachten Ehe handelte es sich um die Verbindung von Hermann Keyserlings Großvater, dem Grafen Alexander von Keyserling, mit der Gräfin Zenaida von Cancrin, einer Tochter des russischen Finanzministers Georg von Cancrin. Dieser war in einem 1844 erschienenen Roman des Schriftstellers und späteren britischen Premierministers Benjamin Disraeli als Jude bezeichnet worden. (Benjamin Disraeli, Coningsby or The New Generation, London 1853 [zuerst: London 1844], S. 183-184). Das Buch, eine mit versteckten autobiographischen Bezügen gespickte Groteske auf die antisemitischen Anwürfe, denen Disraeli zeitlebens ausgesetzt war, entwarf das Bild einer jüdischen Verschwörung europäischen Ausmaßes. Antisemitische Autoren indes interpretierten es als Tatsachenbericht eines siegesgewissen „Insiders“. Vgl. Adam Kirsch, Dandy, Poet, Staatsmann. Die vielen Leben des Benjamin Disraeli, Berlin 2011. Bernard Glassmann, Benjamin Disraeli. The Fabricated Jew in Myth und Memory. Lanham/New York/Oxford 2003. Einen instruktiven Überblick liefert auch das Kapitel „Die Karriere Benjamin Disraelis“ in: Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt/Main 1975 [zuerst: 1951], S. 125-140. Vgl. außerdem: Theodor Fritsch (Hrsg.), Handbuch der Judenfrage. Eine Zusammenstellung des wichtigsten Materials zur Beurteilung des jüdischen Volkes, 26. Auflage, Leipzig 1907, S. 20. Philipp Stauff (Hrsg.), Semi-Kürschner oder Literarisches Lexikon der Schriftsteller, Dichter, Bankiers, Geldleute […] usw., jüdischer Rasse und Versippung, die von 1813-1913 in Deutschland tätig oder bekannt waren, Berlin 1913, S. 49. Henry Ford, Der internationale Jude, Leipzig 331937, S. 420 [zuerst: The International Jew. The World’s Foremost Problem, Dearborn, Mich. 1920].

677

Brömsel, Exzentrik, S. 45.

678

Die Familie „Kaiserling“, so teilte die Redaktion in der ersten Auflage mit, entspringe einer jüdischen – genauer: einer aschkenasischen – Linie, sei aber nicht „zu verwechseln mit dem deutschen, aus westfäl. Uradel stammenden Gfn. Keyserlingk (Keyserling)“ (Semi-Gotha, 1. Aufl. 1912, S. 64.). Zugleich bemerkte man aber, dass die Reisetagebücher des Grafen Cancrin vom „Gfn Keyserling […] herausgegeben“ wurden (ebd., S. 49) und gab dem Leser damit zumindest ein Verdachtsmoment an die Hand. In der zweiten Auflage war man schließlich übereingekommen, die Keyserlings endgültig freizusprechen und präzisierte die Warnung vor einer Verwechslung dahingehend, dass die Familie „seit Jahrhunderten in Kurland u. Rußland angesessen“ sei (Semi-Gotha, 1913, S. 190). Der Hinweis auf das Reisetagebuch blieb aber bestehen (Ebd. S. 172-174, hier: S. 173).

679

Briefentwurf EW und HSC/Keyserling, 28.9.1919, Rot 196, EZ Keyserling. Spöttisch fuhr Eva Chamberlain fort: „Jedenfalls rechnen wir darauf, dass Sie uns unsre Aufrichtigkeit nicht übel nehmen; mein Mann meint, es wird Ihnen an Anhang nicht fehlen.“

680

HSC/Fürstin Gödela von Bismarck, 13.6.1919, NAB, NLC, Rot 196, SM B.

681

HSC/Ingenieur Preussler, 4.1.1924, NAB, NLC, Rot 196, Hervorhebungen im Original (Typoskript). Wie die Rede vom Tartaren zu interpretieren war – als Hinweis auf rassische Degeneration –, konnte man in Chamberlains Kriegsaufsätzen besichtigen, vgl. dazu das Kapitel weiter unten.

682

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 131.

683

Ebd., S. 117.

684

Hilmes, Cosimas Kinder, S. 104. Vgl. auch: Bermbach, Chamberlain, S. 312-314.

685

Ihr schrieb er eine Anzahl von Liebesgedichten, traf regelmäßig mit ihr zusammen und verreiste sogar ohne Annas Wissen mit der Freundin nach Franzensbad. Nach der Rückkehr notierte er melancholisch ins Tagebuch: „O blessed days […]! I shall have known what purest, perfect & passionate happiness is!“, HSC-Tagebuch, 31.5.1900, NAB, NLC, Diary 12. Die Titel der Gedichte, die Chamberlain an Emma Ehrenfels schickte, lauteten recht eindeutig: „Sonnengruß“, (vgl. HSC-Tagebuch, 19.4.1899), „Die zwei Diademe“ (14.5.1899), „Herz was willst Du“ (17.6.1899), „Liebesklage“ (5.7.1899).

686

HSC-Tagebuch, 24.3.1903, NAB, NLC, Diary 15. Zu Lili Petri vgl. Bohnenkamp, Hofmannsthal, Kassner, Rilke, S. 416.

687

Zu Chamberlains Liebesleben und der Trennung sehr ausführlich Bermbach, Chamberlain, S. 301-314.

688

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 124-125. Ähnliches schrieb Rudolf Kassner: „Die gute Frau Anna […], ich habe sie recht gerne, aber sie ist nicht nur selbst stillos, das ist nur ein malheur, aber wenn sie von […] seinen Mühen spricht, so wird er selbst ganz unfreiwillig stillos u. das ist beinahe fatal!“ Rudolf Kassner/Elsa Bruckmann, 20.10.1902, publiziert in: Bohnenkamp, Hofmannsthal, Kassner, Rilke, S. 339-346, hier: S. 340. Ähnlich negativ: Felix Mottl/Gräfin Christian Thun-Salm, 12.4.1903. wo es heißt: „Ich würde mich nur freuen, wenn sich die scheussliche Mme. Chamberlain ärgern könnte! Das ist doch eine Art Vampyr! Ich habe mich vor diesem Monstrum immer gefürchtet!“, in: Philipp Toman, „Mein Orchester habe ich schon nervös gemacht“. Die Briefe des Dirigenten Felix Mottl an die Gräfin Christiane Thun-Salm. Darstellung und Edition, Hamburg 2016, S. 246.

689

Eulenburg/Wilhelm II., 30.11.1901, in: Röhl, Eulenburgs politische Korrespondenz, Nr. 1463, S. 2045.

690

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 124. „Von einem Tag zum anderen hatte er keine Adresse mehr für sie. Kein Brief erreichte ihn mehr, jede Aussprache lehnte er durch seinen Rechtsanwalt ab“.

691

Vgl. das Schreiben Kassner an Elsa Bruckmann, 11.7.1906, publiziert in: Bohnenkamp, Hofmannsthal, Kassner, Rilke, S. 419-421, hier: S. 419.

692

Field, Evangelist, S. 336. Bermbach, Chamberlain, S. 311. Chamberlain deutete die Situation gänzlich anders: Sein Anwalt übe eine „fürsorgliche Aufsicht“ aus und stehe ihr, ganz wie einige gemeinsame Freunde, „mit Rath und That“ zur Verfügung, HSC/Vult von Steyern, 29.3.1908, NAB, NLC, Rot 196, EZ Vult von Steyern.

693

Hilmes, Cosimas Kinder, S. 104.

694

Kassner/Elsa Bruckmann, 11.2.1903, in: Bohnenkamp, Hofmannsthal, Kassner, Rilke, S. 353.

695

Kassner/Elsa Bruckmann, 15.11.1904, in: Ebd., S. 380. Zum Rückzug vgl. auch Chamberlains Darstellung gegenüber einem Freund, HSC/Vult von Steyern, 29.3.1908, NAB, NLC, Rot 196, EZ Vult von Steyern.

696

HSC-Tagebuch, 13.7.1908, NAB, NLC, Diary 19.

697

HSC-Tagebuch, 15.7.1908, ebd. „Ory“ war der Kosename für Lili Petri, Eintrag vom 8.3.1908, ebd.

698

HSC-Tagebuch, 9. 2. 1904, NAB, NLC, Diary 16.

699

HSC-Tagebuch, 9.3.-11.3.1908, NAB, NLC, Diary 18. SW/HSC 8.3.1908, HSC/SW, 9.3.1908, NAB, NLC, Rot 100.

700

Ein für den nächsten Tag verabredetes zweites Treffen musste ausfallen, HSC-Tagebuch, 10.3., 16.3., 20.3.1908, NAB, NLC, Diary 18.

701

Tagebucheinträge 1.5. und 6.5.1908, NAB, NLC, Diary 18. HSC/EW, 21.4. und 1.5.1908, NAB, NLC, Rot 100.

702

HSC-Tagebuch, 17.7.-20.7.1908, NAB, NLC, Diary 19.

703

HSC-Tagebuch, 22., 23., 27.7.1908, ebd.

704

Tagebucheintrag „August-November 1908“, NAB, NLC, Diary 19 (S. 2). Edith de Gasparin (1875-1967), war eine Schwester des Publizisten und Politikers Agénor de Gasparin (1880-1949) und Verwandte von Chamberlains altem Freund Agénor Boissier.

705

Ebd.

706

Ebd., sowie die Eintragungen für Dezember.

707

Field, Evangelist, 348. Vgl. Neue Freie Presse, 8.12.1908, S. 10. Neues Wiener Tagblatt, 8.12.1908, S. 9. Deutsches Volksblatt (Wien), 9.12.1908, S. 13. Grazer Tagblatt, 9.12.1908, S. 6. Neues Wiener Journal, 9.12.1908, S. 6-7 und ebd., 28.12.1908, S. 6. Deutsches Nordmährerblatt, 13.12.1908, S. 3. Wiener Salonblatt, 19.12.1908, S. 12. Deutsches Volksblatt (Wien), 29.12.1908, S. 7. Salzburger Volksblatt, 30.12.1908, S. 5. The New York Times, 13.12.1908, S. 3. The Washington Post, 13.12.1908, S. 20. The Duluth News Tribune, 8.2.1909, S. 5.

708

HSC/CW, 29.12.1908, NAB, NLC, Rot 95. Zu Kutter vgl. auch den Briefwechsel in NAB, NLC, Rot 264.

709

Hilmes, Cosimas Kinder, S. 105-106.

710

Vgl. weiter oben das Kapitel zum „richtigen Ton“.

711

EW/Mary Balling, 25.10.1908, BSB, Leviana, zit. nach Hilmes, Cosimas Kinder, S. 105.

712

HSC/CW, 1.9.1908, NAB, NLC, Rot 95.

713

Ebd.

714

Ebd.

715

Ebd. Vgl. auch Pretzsch, Briefwechsel, S. S. 691.

716

Chamberlain, Lebenswege, S. 141.

717

HSC/CW, 30.8.1980, NAB, NLC, Rot 88.

718

Vgl. HSC/Amélie von Bülow, 7.9.1894, NAB, NLC, Rot 276 sowie die Schreiben Amélie von Bülow/HSC aus den Jahren 1894 und 1895 in NAB, NLC, KP, Amélie von Bülow.

719

Field, Evangelist, S. 282.

720

Ebd., S. 282-287. Bermbach, Chamberlain, S. 316-343.

721

Chamberlain, Kant, S. 3.

722

Bermbach, Chamberlain, S. 328.

723

Ebd., S. 335-339.

724

Ebd., S. 336.

725

Vgl. weiter oben das Kapitel zur „Deutschen Gedenkhalle“.

726

Field, Evangelist, S. 283. „Chamberlain’s book, like himself, was a curious amalgam of contradictionary qualities: intelligent and imaginative, crude and prejudiced, learned and yet astonishingly one-sided. […] The result was a highly sophisticated book, more subtle than the Foundations.“

727

Chamberlain brachte den Vorwurf der Abstammung nicht in seinen eigenen Worten vor, sondern zitierte Renan (Histoire du peuple d’Israel, Bd. 1, S. 49.): „Ein Mann wie Spinoza zum Beispiel ist uns vollkommen fremd, und zwar schon aus dem einen Grunde: ihm fehlt alles Mythische. […] Die Mythen, sagt Renan, ‚verwandeln sich unter den Händen der Semiten zu flacher historischer Berichterstattung‘; genau das selbe geschieht hier“, Chamberlain, Kant, S. 354.

728

Ebd., S. 431.

729

Überaus kenntnisreich und sorgsam abwägend dazu Bettina Stangneth, Antisemitische und antijudaistische Motive bei Immanuel Kant?, in: Horst Gronke/Thomas Meyer/Barbara Neißer (Hrsg.), Antisemitismus bei Kant und anderen Denkern der Aufklärung, Würzburg 2001, S 11-124. Außerdem: Daniel Purdy, Race and the Processing of Information in Kant, in: Paul/Schraut, Rassismus in Geschichte und Gegenwart, S. 151-168. Wulf D. Hund, „It must come from Europe.“ The Racisms of Immanuel Kant, in: Wulf D. Hund/Christian Koller/Moshe Zimmermann (Eds.), Racisms Made in Germany, Berlin 2011, S. 69-98. Micha Brumlik, Deutscher Geist und Judenhaß. Das Verhältnis des philosophischen Idealismus zum Judentum, München 2000, darin das Kapitel „Kants Theorie des Judentums – Die Euthanasie des statuarischen Gemeinwesens“, S. 27-74.

730

HSC/Felix Gross, 17.10.1910, NAB, NLC, Rot 196, Mappe mit dem Titel „Noch nicht zugeordnet“. Felix Gross, Kant Laienbrevier. Eine Darstellung der kantischen Welt- und Lebensanschauung für den ungelehrten Gebildeten aus Kants Schriften, Briefen und mündlichen Äußerungen zusammengestellt, Berlin 1909.

731

Chamberlain, Kant, Vorrede zur vierten Auflage, Dezember 1920, in: Ders., Kant, S. XI.

732

Ebd., S. 716.

733

Ebd., S. 717.

734

Ebd., S. 715.

735

Ebd. Die ersten Auflagen des „Kant“ waren noch „Hermann Graf Keyserling, dem Freunde“ gewidmet (vgl. dazu die Erstauflage des Kant-Buches von 1905). Ab 1921 kam das Buch ohne Widmung daher, hatte Chamberlain doch, wie gezeigt, mit Keyserling gebrochen. In der Forschung wurde dieser Vorgang bislang übersehen und stattdessen die Dedikation der ersten Auflage als Ausweis der engen Beziehung gewertet (vgl. Bermbach, Chamberlain, S. 320). Gleichwohl musste Chamberlain auch später eingestehen, dass Keyserling Anteil am Entstehen des Werkes gehabt hatte, vgl. HSC/August Püringer, 7.6.1921, NAB, NLC, Rot 196, SM P.

736

Einen fundierten Überblick bietet Hans Joachim Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Stuttgart 51990 [zuerst: Stuttgart 1950], S. 548-557. Außerdem Hans Ludwig Ollig, Der Neukantianismus, Stuttgart 1979.

737

Wie auch bei anderen Gelegenheiten trat das, was in der Öffentlichkeit verborgen bleiben sollte, in der privaten Korrespondenz zutage: So bemerkte etwa Bruckmann 1904 mit Blick auf das neue Kant-Buch des Philosophen und späteren Straßburger Professors Georg Simmel, der wissenschaftliche Gehalt dieser Publikation werde sicherlich hoch sein, „gestalten aber, aufbauen, das liegt ihm nicht im Blute, liegt nicht in der Rasse“, Bruckmann/HSC, 4.1.1904, NAB, NLC, Rot 177 c. Georg Simmel, Kant. Sechzehn Vorlesungen gehalten an der Berliner Universität, Berlin 1905.

738

Field, Evangelist, S. 285.

739

Ebd. Da half es auch nichts, dass hier, wie schon bei den „Grundlagen“, Chamberlains Freund August Ludowici einsprang und eine größere Marge Freiexemplare finanzierte: Bis zum März 1907 waren lediglich 1100 Bewerbungen eingegangen und viele Bücher blieben unverteilt (Bruckmann/HSC, 3.5.1907, 25.3.1907, NAB, NLC, Rot 177 f.). Tatsächlich lief der Absatz, verglichen mit den „Grundlagen“, schleppend: Erst 1909, vier Jahre nach der 6000 Stück umfassenden Erstauflage, erschien die zweite Auflage, der 1916 eine dritte folgte. Die vierte und fünfte Auflage erschienen 1921 bzw. 1938 und auch die internationale Vermarktung war, mit nur einer englischen Auflage im Jahr 1914, überschaubar. Abfolge der Auflagen nach: Bermbach, Chamberlain, S. 342. Zur Höhe der Erstauflage vgl. HSC/Bruckmann, 1.7.1908, NAB, NLC, Rot 196, EZ Hugo Bruckmann. HSC/Prof. Reinke, 13.4.1908, NAB, NLC, Rot 196, SM R.

740

Field, Evangelist, S. 285.

741

Ebd.

742

Vgl. die Briefe Vaihinger/Chamberlain in NAB, NLC, KP, EZ Vaihinger, insbesondere das Schreiben vom 26.1.1916, aus dem auch hervorgeht, dass Vaihinger ebenfalls in Kontakt mit August Ludowici stand.

743

Hans Vaihinger, Houston Stewart Chamberlain – ein Jünger Kants, in: Kant-Studien. Philosophische Zeitschrift der Kant-Gesellschaft 7 (1902), S. 432-440, hier: S. 433. Ausführlich zu Vaihinger, wenn auch ohne Hinweis auf dessen weltanschauliche Präferenzen: Bermbach, Chamberlain, S. 316-318.

744

Bruno Bauch, Chamberlains Kant, in: Kant-Studien 11 (1906), S. 153-195, hier: S. 193. Bauch störte sich insbesondere an Chamberlains Subjektivität wie an der fehlenden Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand (ebd., S. 159) und echauffierte sich über die Verachtung des Briten gegenüber der als „Gelehrtenkaste“ diffamierten universitären Fachwissenschaft (ebd., S. 194). Im Kern griff Bauch damit Chamberlains Inszenierung als Dilettant und die damit einhergehende Immunisierung gegen Kritik an.

745

Chamberlain, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts. Kritische Urteile, München 1901.

746

Chamberlain, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts und Immanuel Kant. Kritische Urteile, dritte vermehrte Auflage, München 1909.

747

Berthold Hatschek, Natur- und Völkerkunde. Herr Houston Stewart Chamberlain und die Evolutionslehre, in: Neue Freie Presse, 7.12.1905, S. 21-23. Verkürzt und sinnentstellend zitiert in: Chamberlain, Kritische Urteile, 3. Auflage, S. 135-137.

748

Berthold Hatschek (1854-1943) wurde 1938 seiner Ämter enthoben, 1941 enteignet und aus seiner Wohnung vertrieben. Er starb kurze Zeit später im Alter von 87 Jahren. Lebenslauf von Berthold Hatschek, auf der Internetseite der Universität Wien, https://geschichte.univie.ac.at/en/persons/berthold-hatschek-prof-dr, letzter Zugriff 15.8.2018.

749

Hateschek, Natur- und Völkerkunde, S. 23.

750

Karl Robert Mandelkow (Hrsg.), Goethe im Urteil seiner Kritiker. Dokumente zur Wirkungsgeschichte Goethes in Deutschland. Teil 1: 1773-1832, München 1975, darin die Einleitung, S. XVII-LXXVI, hier: S. XVII.

751

Ebd., zit. nach Bermbach, Chamberlain, S. 373.

752

Leopold Ziegler, Goethe und der Typus des germanischen Genius, in: Allgemeine Zeitung, 8.8.1901, auch in: Renate Vonessen (Hrsg.), Leopold Ziegler. Gesammelte Werke in Einzelbänden, hier: Bd. 6 (Gesammelte Aufsätze 1: 1901-1906), S. 13-20.

753

Stefan Breuer, Goethe, das Judentum und die antisemitisch-völkische Bewegung, in: Anna-Dorothea Ludwig/Steffen Höhne (Hrsg.), Goethe und die Juden – die Juden und Goethe. Beiträge zu einer Beziehungs- und Rezeptionsgeschichte, Berlin/Boston 2018, S. 215-234, hier: S. 225.

754

Chamberlain, Goethe und der Typus des germanischen Genies. Eine Erwiderung, in: Beilage zur Allgemeinen Zeitung, 12.10.1901, S. 1-5, hier: S. 1-2. Zum Wandel von Chamberlains Slawen-Bild vgl. das Kapitel zu den Kriegsschriften weiter unten.

755

Ebd., S. 5.

756

Vgl. das Goethe-Kapitel bei Bermbach, Chamberlain, S. 346-386. Karl Robert Mandelkow, Goethe in Deutschland. Rezeptionsgeschichte eines Klassikers, Bd. 1 (1773-1918), München 1980, S. 267-285.

757

Chamberlain, Wagner, S. 160.

758

Ebd.

759

Die Nähe zur Bayreuther Vorstellungswelt betonen auch Field, Evangelist, S. 289 und Bermbach, Chamberlain, S. 378. Vgl. außerdem Chamberlain, Wagner, S. 297.

760

Field, Evangelist, S. 290.

761

Chamberlain, Goethe, S. 715.

762

Vgl. Günter Hartung, Goethes Verhältnis zu Juden und Judentum, in: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 16 (2005/06), S. 205-219. Norbert Oellers, Goethe und Schiller in ihrem Verhältnis zum Judentum, in: Otto Horch/Horst Denkler (Hrsg.), Conditio Judaica. Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, Teil 1, Tübingen 1988, S. 108-130. Anette Weber (Hrsg.), Außerdem waren sie ja auch Menschen. Goethes Begegnung mit Juden und Judentum, Frankfurt 2000.

763

Chamberlain, Kant, S. 715.

764

Ebd., S. 716.

765

Ebd., S. 748.

766

Ebd.

767

Ebd., S. 749.

768

Ebd.

769

Ausführlich dazu das Kapitel zu den Kriegsschriften weiter unten.

770

Alle Zitate aus Chamberlain, Goethe, Vorwort zur dritten Auflage, S. X.

771

Ebd., S. XI.

772

Harnack/HSC, 24.11.1912, publiziert in: Kinzig, Harnack, Marcion, S. 262-266, hier: S. 263.

773

HSC/Harnack, 9.12.1912, in: ebd., S. 268.

774

Ebd., S. 269.

775

Ebd.

776

Mandelkow, Goethe in Deutschland, Bd. 1., S. 272.

777

Vgl. dazu den luziden Aufsatz von Jakob Hessing, Friedrich Meinecke: Naturbegriff und Goethe-Bild. Zur Problematik der konservativen Goetherezeption in Deutschland, in: Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte Nr. 12, Tel Aviv 1983, S. 317-351, hier: 323, 330.

778

Ebd., S. 344.

779

Ebd., S. 346.

780

Georg Simmel, Goethe, Leipzig 1913. Friedrich Gundolf, Goethe, Berlin 1916. Zur Rezeption vgl. Mandelkow, Goethe in Deutschland, Bd. 1., S. 276. Erhellend auch: Georg Bollenbeck, Goethe als kulturkritische Projektion bei Chamberlain, Simmel und Gundolf, S. 13-32.

781

HSC/Bruckmann, 7.12.1912, NAB, NLC, Rot 196, EZ Bruckmann. Zu diesem Zeitpunkt, im Dezember 1912, waren annährend 3000 Exemplare verkauft, siehe Bruckmann/HSC, 9.12.1912, NAB, NLC, Rot 177 e.

782

Bruckmann/HSC, 21.1.1916, NAB, NLC, Rot 177 g.

783

Vanselow/HSC, 4.7.1918, NAB, NLC, Rot 177 h.

784

Kassner/Elsa Bruckmann, 21.1.1903, publiziert in: Bohnenkamp, Hofmannsthal, Kassner, Rilke, S. 456-461, hier: S. 456. Der „Graphic“ war die wöchentlich erscheinende Londoner Zeitschrift „The Graphic. An illustrated weekly newspaper“, ebd. S. 458, Anm. 5. Ähnlich auch der Brief Kassners an Elsa Bruckmann vom 12.4.1909, ebd., S. 461. Dort heißt es, Eva sei „ein boshafter Fisch im Sulz, so kalt u. sauer war alles. Doch vielleicht hat sie sich seitdem kochen lassen.“

785

Felix Mottl/Gräfin Thun-Salm, 18.1.1911, in: Toman, Mottl-Briefe, S. 448.

786

HSC/Wilhelm II., 11.12.1908, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 231.

787

HSC/CW, 14.6.1888, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 15.

788

Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 130. Ähnlich auch: Mottl/Gräfin Thun-Salm, 24.2.1910, in: Toman, Mottl-Briefe, S. 435: „Chamberlain u. Thode sollen von Siegfried so gut erzogen sein, daß sie abwechselnd ihm, beim Lever, über Philosophie u. Kunstgeschichte kurze Vorträge zu halten haben. Auch nicht übel!“

789

Vierhaus, Tagebuch der Baronin Spitzemberg, S. 497 (Eintrag vom 9.12.1908).

790

Die vierte Schwester, Blandine, lebte in Florenz und spielte in dieser Situation keine Rolle.

791

Tagebucheintrag „August-November“ 1908, Blatt 1, NAB, NLC, Diary 19.

792

HSC/Adolf von Groß, 26.10.1908, NAB, NLC, Rot 270, Mappe 1 sowie den Folgebrief vom 2.11.1908, ebd. Vgl. auch Hilmes, Herrin, S. 363-364.

793

Vgl. dazu die Tagebucheinträge von Januar bis Mitte April 1909, NAB, NLC, Diary 20.

794

HSC-Tagebuch, 27.4., 30.4.1909, ebd.

795

HSC-Tagebuch, 6.5.1909, ebd.

796

Verena Naegele/Sybille Ehrismann, Die Beidlers. Im Schatten des Wagner-Clans, Zürich 2013, S. 71-72.

797

CW/Isolde Beidler, 28.11.1905, CW/Franz Beidler, 11.8.1906, zit. nach: Hilmes, Herrin, S. 347 und S. 341.

798

CW/HSC, 14.3.1902, NAB, NLC, Rot 94. HSC/CW, 29.8.1904, (Rot 95). HSC/Vult von Steyern, 13.8.1904, (Rot 196), EZ Vult von Steyern.

799

HSC-Tagebuch, 13.9.1909, NAB, NLC, Diary 20.

800

Vgl. den Tagebucheintrag Chamberlains: „Abschrift einer ‚Erklärung‘ in der Verleumdungsangelegenheit“, 21.8.1909, ebd. Pachl, Siegfried Wagner, S. 207. Naegele/Ehrismann, Die Beidlers, S. 85. Außerdem: Abschrift eine Briefes SW/Isolde Beidler, 18.11.1909, NAB, NLC, Nachlass Strobel.

801

„Entworfen, revidirt, geschrieben an der Maschine mit 1 Kopie, u. nachher unter E[va]’s Diktat nochmals in 8facher Vervielfältigung; deren eine an A[dolf] G[ross] nachm[itta]gs hingesandt“, HSC-Tagebuch, 14.9.1909, NAB, NLC, Diary 20. Abschriften gingen an die Gräfin Wolkenstein, Friedrich von Schoen, Geheimrat Kékulé, Hans von Wolzogen, Max Gross und Friedrich von Hausegger, HSC-Tagebuch, 15.9.1909, ebd.

802

HSC-Tagebuch, 15.-17.9.1909, ebd.

803

HSC-Tagebuch, 17.-25.9.1909, ebd.

804

„Abschrift eines Briefes an Herrn Adolf von Groß“, 14.9.1908, NAB, NLC, Rot 270, Mappe 1. In Colmdorf, damals ein kleiner Vorort Bayreuths, lebte die Beidler-Familie.

805

Naegele/Ehrismann, Die Beidlers, S. 87.

806

HSC/Adolf von Groß, 24.9.1909, NAB, NLC, Rot 196, EZ Adolf von Groß.

807

Der Blick in die Briefe, die zwischen dem Festspielleiter und seiner Schwester Isolde im Herbst 1909 gewechselt wurden, macht das Ausmaß der Zerrüttung deutlich: Gegenseitige Vorwürfe wechselten sich ab mit Belehrungen und halbherzigen Aufrufen zur Mäßigung. Dabei bestand kein Zweifel daran, dass Isolde und Franz Beidler, trotz intimer Kenntnisse der Verhältnisse auf dem Festspielhügel, am kürzeren Hebel saßen: „Mama’s Gesundheit erfordert grösste Vorsicht. Ich zeigte daher die Briefe nicht“, ließ Siegfried seine Schwester im November 1909 wissen (Abschrift eines Briefes SW/Isolde Beidler, 14.11.1909, NAB, Nachlass Strobel.) Da halfen auch Isoldes Versuche nichts, das eigene Verhalten zu relativieren, denn Siegfried vermochte nur einen „pathologischen Vorgang“ zu erkennen und forderte weiter die bedingungslose Kapitulation der Beidlers: „So lange du um den Brei herumgehst, solang du die Wahrheit nicht erkennen willst, ist keine Aussprache möglich“ (Abschrift eines Briefes SW/Isolde Beidler, 18.11.1909, NAB, Nachlass Strobel).

808

Max Groß an Eva, 28.12.1909, ebd.

809

Abschrift von Niederschriften Daniela Thodes durch Gertrud Strobel, ebd.

810

Abschrift eines Briefes SW/Isolde Beidler, 18.11.1909, durch Isolde Beidler, ebd.

811

Ebd.

812

Abschrift von Niederschriften Daniela Thodes durch Gertrud Strobel, ebd.

813

Chamberlain, Siegfried Wagner, in: Allgemeine Zeitung, 5.9.1908. Dort stellte er den „Bayreuther Gedanken“ als Keimzelle nationaler Kultur vor und begründete das dynastische Prinzip mit der Weitergabe des Genies: „Der einzelne war es, der hier gegen eine Welt für eine Welt kämpfte“, schrieb er über Richard Wagner und fügte an: „Lebt die Seele, fähig, die autokratische Führung dieses Erbes anzutreten? Die Aufführung des ‚Lohengrin‘ in den soeben beendeten Festspielen des Sommers 1908 hat die Antwort gebracht.“ Vgl. zudem: Chamberlain (Hrsg.), Richard Wagner. Auswahl seiner Schriften, herausgegeben unter Mitwirkung von Felix Groß, Leipzig 1910 sowie den Aufsatz in den „Blättern“, „Richard Wagner. Auswahl seiner Schriften“, in: BB 33 (1910), S. 289-296; ferner: Brief an Hans Sachs über die Bestimmung der Wagnervereine, in: BB 33 (1910), S. 225-228. Richard Wagner und Frankreich, in: BB 34 (1911), S. 91-111. Richard Wagners „Mein Leben“, in: Bruckmanns Almanach für das Jahr 1912, München 1912, S. 19-26. Bericht über die Enthüllung der Büste Adolf von Gross, in: Oberfränkische Zeitung, 2.6.1911. Gelegentlich betätigte sich Chamberlain auch als Redenschreiber, vgl. „Siegfried’s Ansprache beim Chor- und Orchesterfest am 18. August 1912. Disposition und Stichworte“, Typoskript, NAB, NLC, Blau 140.

814

Hilmes, Herrin, S. 365.

815

Vgl. die zahlreichen Briefe in NAB, NLC, Rot 270, Mappe 1. Umgekehrt versorgte von Groß Chamberlain mit wichtigen Informationen, Adolf von Groß/HSC, 29.9.1910, NAB, NLC, KP, EZ Adolf von Groß. Auch: Hilmes, Herrin, S. 376-377.

816

Ebd., S. 384.

817

Chamberlain arbeitete deshalb beharrlich auf die Schenkung hin, HSC/Adolf von Groß, 27.8.1909, NAB, NLC, Rot 270, Mappe 1.

818

Vgl. die Tagebucheintragungen Chamberlains vom 8. und 9. Juni 1913, NAB, NLC, Diary 25.

819

Zum Verhältnis Siegfrieds und Isoldes vgl. Hilmes, Herrin, S. 384-385.

820

Ebd., S. 384.

821

Ebd.

822

HSC-Tagebuch, 24.6.1913, NAB, NLC, Diary 25.

823

HSC-Tagebuch, 25.6.1913, ebd.

824

HSC-Tagebuch, 29.6.1913, ebd.

825

HSC-Tagebuch, 1.7., 4.7., 5.7., 6.7., 13.7., 20.7., 25.7., 30.7., 2.8., 9.8., 13.9., 14.9.1913, ebd.

826

HSC-Tagebuch, 20.7., 25.7., 30.7., 2.8., ebd.

827

Ablauf und Brief bei Hilmes, Herrin, S. 386. Vgl. HSC-Tagebuch, 13.9.1913, NAB, NLC, Diary 25: „vorläufige Anzeige betr. des Briefes der I[solde] B[eidler] an M[ama] u. das ‚Gutachten‘ sowie Abschrift des von M[ama] diktirten Briefes an I[solde] B[eidler]“.

828

Zum Prozess vgl. Hilmes, Herrin, S. 386-389. Chamberlain notierte am 6.2.1914: „Abds. von Adolf Gross die Nachricht von Isoldens Klage“.

829

Vgl. die Eintragungen aus Mai-Juni 1914 im Tagebuch, NAB, NLC, Diary 26.

830

Zu Solzing-Cerny ausführlich das Kapitel „Der Agitator“ weiter unten.

831

Hilmes, Herrn, S. 388. Vgl. auch: HSC-Tagebuch, 20.5., 31.5., 21.6., 23.6. 1914, NAB, NLC, Diary 26 sowie die Briefe Jurineks an Chamberlain, NAB, NLC, KP, EZ Josef Jurinek.

832

Hilmes, Herrin, S. 372-373.

833

Zum Folgenden vgl. ausführlich Sven Fritz, Geschichte der Festspiele 1912, in: Heer, Die Bayreuther Festspiele und die „Juden“, S. 105-132.

834

Arthur Seidl, Neue Wagneriana, Bd. 3, Regensburg 1914, S. 146 ff.

835

Karbaum, Festspiele, S. 49; Mösch, Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit, S. 375-376.

836

Karbaum, Festspiele, S. 47.

837

Ebd., S. 26.

838

CW/Ernst zu Hohenlohe-Langenburg (HL), 31. 1. 1895, in: Ernst Fürst zu Hohenlohe-Langenburg (Hrsg.), Briefwechsel zwischen Cosima Wagner und Ernst zu Hohenlohe-Langenburg, Stuttgart 1937, hier: S. 111.

839

Hohenlohe/CW, 3. 2. 1895, S. 112-114, hier S. 112.

840

Karbaum, Festspiele, S. 49.

841

Rede von Eugen Richter vor dem Reichstag, 86. Sitzung, 2. 5. 1901, in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstags. 10. Legislaturperiode, 2. Session, Bd. 3, Berlin 1901, S. 2490-2508, hier: S. 2495, online abrufbar unter https://www.reichstagsprotokolle.de. Bei dem angesprochenen Dr. Esche handelte es sich um den nationalliberalen Abgeordneten Arthur Esche.

842

Ebd.

843

Rede des SPD-Abgeordneten Johann Heinrich Dietz, 77. Sitzung, 19. 4. 1901, ebd., S. 2222.

844

Ebd.

845

CW/Bodo von Knesebeck, 10.1.1901, in: Mack, Das zweite Leben.

846

Ebd.

847

CW an HL, 16.4.1901, S. 210-211.

848

Abstimmung, 77. Sitzung, 19. 4. 1901, Stenographische Berichte, Bd. 3, S. 2228; Namentliche Abstimmung, 86. Sitzung, 2. 5. 1901, ebd., S. 2507.

849

Dies geht aus einer Reihe von Briefen hervor, vgl. Mack, Das zweite Leben, S. 576-588.

850

CW an die Mitglieder des deutschen Reichstages, 9. 5. 1901, abgedruckt in: BB (1901), S. 221-226, hier: S. 226.

851

Trotz ihres Scheiterns gab Cosima nicht auf: Hans von Wolzogen wandte sich in ihrem Auftrag an den „Richard Wagner-Verein“ in Berlin, während sie selbst die Kampagne auf ihre aristokratischen Freunde ausdehnte und auch dem Kaiser ihren Brief an den Reichstag zukommen ließ, vgl. CW/HSC, 13.5.1901, in: Pretzsch, Briefwechsel, Bd. 1, S. 617. CW/Philipp zu Eulenburg, 13.5.1901, zit. nach: Hilmes, Herrin, S. 322.

852

HSC/CW, 19.10.1901, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 619.

853

CW/HSC, 22.10.1901, in: Ebd., S. 619-620.

854

HSC/CW, 31.10.1901, in: Pretzsch, Briefwechsel, S. 620. Zum Besuch beim Kaiser vgl. HSC-Tagebuch, 19.9.1903, NAB, NLC, Diary 16.

855

Vgl. Frankfurter Zeitung, 14.1.1903; Deutsche Wochenzeitung in den Niederlanden, 21.12., 28.12.1902; 4.1.,11.1., 18.1.1903; Tägliche Rundschau, 8.1.1903; Berliner Börsen-Courier, 23.1.1903.

856

Heinrich Conried (1855-1909), als Heinrich Cohn im österreichischen Bielitz (heute: Bielsko-Biała) geboren, hatte sich in Wien zum Schauspieler ausbilden lassen, war 1878 nach New York ausgewandert und zum erfolgreichen Theaterleiter avanciert. Vgl. Karl Richter, „Heinrich Conried“, in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), online unter: www.deutsche-biographie.de/sfz8685.html, letzter Zugriff 15.6.2018.

857

Die USA waren der „Berner Konvention“ zum internationalen Schutz der Urheberrechte nicht beigetreten, die Schutzfrist des „Parsifal“ war für ihn deshalb ohne Belang. Dies musste auch Cosima erfahren, als die beim zuständigen New Yorker Gericht deswegen eingereichte Klage als unbegründet abgewiesen wurde.

858

Hilmes, Herrin, S. 327-328. Mösch, Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit, S. 322, 379.

859

Vgl. die zahlreichen Presseberichte in: NAB, FSA, Nr. 412, Teilband 2, darin v. a. Frankfurter Zeitung, 30.12.1904; Hamburger Nachrichten, 31.1.1905; Deutsche Wochenzeitung für die Niederlande und Belgien, 4.12.1904; 14.1., 21.1., 4.2., 18.2., 25 2., 11.3.1905; Die Wage, 1.4.1905.

860

CW/HL, 7.9.-10.9.1893 und CW/HL, 18.8.1903, in: Hohenlohe, Briefwechsel, S. 65 und S. 222.

861

Das Bild vom „Schacherjuden“ griff auch einer der radikalsten Autoren der Kampagne auf, der Münchner Schriftsteller Michael Georg Conrad, der Conried als „geriebenen Spekulanten“ diffamierte, dessen „Erwerbsabsichten […] sittlich nicht höher als die Erwerbsabsichten eines internationalen Mädchenhändlers [rangieren], der das Ausland mit frischer verbotener Ware versorgt“, (M.G. Conrad, „Grals-Raub. Bemerkungen zur Parsifal-Frage“, in: Die Freistatt. Kritische Wochenschrift für moderne Kultur 5 (1906), Nr. 40, nachgedruckt in: Michael Georg Conrad, Wagners Geist und Kunst in Bayreuth, München 1906, S. 67-73).

862

Ausführlich dazu: Fritz, Geschichte der Festspiele 1912, S. 110-113.

863

CW/HL, 12. 6. 1895, Hohenlohe, Briefwechsel, S. 118. Accaparieren: wucherisch aufkaufen.

864

CW/HSC, 4.5.1901, NAB, NLC, Rot 97.

865

Ebd., vgl. auch CW/HSC, 30.4.1901, NAB, NLC, Rot 97.

866

CW/HSC, 7.5.1901, ebd.

867

HSC/CW, 6.5.1901, ebd.

868

Ebd.

869

HSC/Bruckmann, 6.5.1901, NAB, NLC, Rot 283.

870

Bruckmann/HSC, 8.5.1901, NAB, NLC, Rot 177 b.

871

HSC/CW, 10.5.1901, NAB, NLC, Rot 99.

872

CW/HSC, 13.5.1901, ebd.

873

HSC/CW, 19.5.1901, NAB, NLC, Rot 97. Bereits 1895 hatte er sich beim österreichischen Reichsrats-Mitglied Nikolaus Dumba, einem altgedienten Wagnerianer, für den Parsifal-Schutz eingesetzt und auf Bitten Cosimas erste Fühlung in Richtung einer gesetzlichen Intervention aufgenommen. (EW/HSC, 21.12.1895, NAB, NLC, Rot 90. HSC/Dumba, 22.12.1895, Wienbibliothek, HIN43038. Abschrift in HSC/CW, 25.12.1895, NAB, NLC, Rot 90. CW/HSC, 6.1.1895, NAB, NLC, Rot 91.)

874

Auswärtiges Amts (im Auftrag des Reichskanzlers) an das Kaiserlich Deutsche Konsulat Nizza 1.1.1913, Pol.Arch.AA. RAV Nizza, Nr. 58, Nizza.

875

Bericht des Konsulats in Nizza an Reichskanzler Bethmann Hollweg, 22.1.1913, Pol.Arch.AA. RAV Nizza, Nr. 58, Nizza. Um zu verhindern, dass aus der Angelegenheit ein Skandal erwuchs, einigte man sich auf nur zwei statt vier Vorstellungen ausschließlich vor dem Teil des Publikums, der bereits Eintrittskarten erworben hatte, Reinschrift der Aktennotiz von Adolf von Groß, Typoskript, undatiert, NAB, NLC, FAS 412, Bd. 3. Vgl. auch den kitschigen Roman des Schriftstellers und Wagnerianers Richard Voß, Parsifal in Monte Carlo, Stuttgart 1914, v.a. S. 89-133.

876

HSC-Tagebuch, Dezember 1912 und Januar 1913, NAB, NLC, Diary 25.

877

Berliner Tageblatt, 27.6.1912, Abendausgabe. Darunter waren der Publizist Michael Georg Conrad, der Komponist Engelbert Humperdinck, der Dresdner Zeitungsredakteur August Püringer und Arthur Prüfer, Professor für Musikgeschichte in Leipzig.

878

Der Aufruf ist abgedruckt in: Reinhold Freiherr zu Lichtenberg/Ludwig Müller von Hausen, Mehr Schutz dem geistigen Eigentum! Der Kampf um das Schicksal des „Parsifal“, Berlin o. J. [1913], S. 6-7.

879

Ebd., S. 8.

880

Ebd., S. 11.

881

Ebd.

882

Anfrage Nr. 12, Aktenstück Nr. 569, 28.11.1912, in: Stenographische Berichte des Deutschen Reichstags 1912/14, Bd. 18, S. 722: „Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß […] das Bühnenweihfestspiel Parsifal demnächst schutzfrei wird und daß weite Kreise unseres Volkes für eine reichsdeutsche Gesetzesbestimmung sowie für eine internationale Konvention eintreten, um ungeeignete Darbietungen dieses Festspiels zu Erwerbszwecken unmöglich zu machen?“ Die lapidare Antwort des zuständigen Staatssekretärs Hermann Lisco lautete: „Meine Herren, es ist dem Herrn Reichskanzler bekannt. (Sehr gut! Und große Heiterkeit links)“, Sitzung vom 2.12.1912, Stenographische Berichte 1912/14, Bd. 4, S. 2498.

883

Lichtenberg/Ludwig Müller von Hausen, Schutz, S. 122. Sitzung vom 13.2.1913, Stenographische Berichte, 1912/14, Bd. 6, S. 3740.

884

Richard Strauss der Politiker, in: Berliner Tageblatt, 31.8.1912. Zu Hans Richter vgl. den Bericht in: Berliner Tageblatt, 11.9.1912, Abendausgabe. Außerdem: Paul Bekker, Bayreuth und seine Leute, in: Frankfurter Zeitung, 11.8.1912, publiziert auch in: Susanne Grossmann-Vendrey, Bayreuth in der deutschen Presse. Beiträge zur Rezeption Wagners und seiner Festspiele, 3 Dokumenten-Bde., Regensburg 1977/1977/1983, hier Bd. 2: Die Uraufführung des Parsifal, 1977, S. 84 ff. Eine antisemitische Replik auf Bekkers Artikel findet sich in: Karl Martell [d. i. Willy Vierath], Bayreuther Kunst und Münchener Kunstkritik, in: Deutsches Literaturblatt Nr. 12, 1.12.1912. Parsifal im Reichstage, in: Ostpreußische Zeitung, 15.2.1913, zit. nach: Lichtenberg/Müller von Hausen, Schutz, S. 124 f. Vgl. auch Hilmes, Herrin, S. 379.

885

Tagebucheintrag, 27.11.1912, NAB, NLC, Diary 24. HSC/AuWi, 27.11.1912, NAB, NLC, Rot 196, EZ August Wilhelm.

886

HSC/AuWi, 27.11.1912, NAB, NLC, Rot 196, EZ August Wilhelm. Chamberlain war außerdem durch Friedrich von Schoen über Interna informiert, vgl. F.v.Schön/HSC, 4.12.1912, NAB, NLC, EZ Friedrich v. Schön.

887

Ebd.

888

Das Schreiben konnte nicht aufgefunden werden, der hier angeführte Inhalt geht allerdings aus Chamberlains Antwort hervor, HSC/AuWi, 2.12.1912, NAB, NLC, Rot 196, EZ August Wilhelm.

889

Ebd.

890

Richard Strauss der Politiker, in: Berliner Tageblatt, 31.8.1912. Strauss hatte seine leidenschaftliche Polemik im „Berliner Tagblatt“ mit den Worten geschlossen: „Wir wenigen werden vergebens protestieren, und der deutsche Spießbürger wird […] zwischen Mittagessen und Abendschoppen, statt fortwährend in den Kintopp und in Operetten zu gehen, auch für fünfzig Pfennig den Parsifal hören.“

891

Hans von Wolzogen, Parsifal-Schutz, in: BB (1913), S. 77-78.

892

Arthur Seidl, Neue Wagneriana, Bd. 3, Regensburg 1914, S. 314. Vgl. auch: Fritz, Chamberlain und der Eintritt Wahnfrieds in die Tagespolitik, S. 218.

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