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Hans Georg Thümmel
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In dem Zeitalter, in dem die byzantinische Kultur beginnt, herrscht unbestritten in Malerei und Mosaikkunst das, was wir die symbolische Darstellungsweise nennen. Wiedergegeben wurde nicht gesehene Natur, sondern bildlich gefaßte Begriffe wurden einander mehr oder weniger der gesehenen Wirklichkeit entsprechend zugeordnet. In diesem Sinne sind die Darstellungen auch zu interpretieren.

Oft ist man der Versuchung verfallen, in einem Kunstwerk dieser Epoche einen psychischen Ausdruck zu finden. Das ist moderne Betrachtungsweise. Diese Zeit kannte bei der Darstellung von Heiligen keine Emotionen. Allenfalls durch ein Schema konnte Schmerz oder Freude wiedergegeben werden. Vielmehr folgte die Darstellung des Gesichtes einem Schema. Wenn dies auf den heutigen Betrachter ernst oder gar traurig wirkt, so ist das im Werk nicht intendiert.

Das ändert aber nichts daran, daß die literarische Schilderung von Kunstwerken diese als lebendig und der Natur täuschend ähnlich bezeichnet. Vergleiche etwa Isaak Komnenos im Typikon des Kosmosoteira-Klosters 1152):

„Die Ikonen erscheinen nämlich für unseren Blick wie lebende Wesen und sprechen gleichsam mit dem Mund in Anmut zu jenen, die sie anschauen. Es ist wirklich ein Wunder, diese Typen als eine Art lebender Malerei zu sehen, die doch in Ort und Raum unbewegt ist… . Wer priese ihn (den Maler) nicht, da doch die Figuren dem Auge wie lebend erscheinen …“

(Belting, Bild, S. 576).

Dies gehört zum Stil der Schilderung, und dies wurde vielleicht auch so empfunden. Dabei muß auch nicht die Schilderung der Darstellung entsprechen, wie etwa die Predigt des Photios auf die Muttergottesdarstellung in der H. Sophia in Konstantinopel zeigt.

Vielleicht gab es schon im 11. Jahrhundert naturalistische Tendenzen (Daphni). Eher gab es um 1100 einen eleganten Stil, der die Schemata den natürlichen Proportionen anglich. Im 12. Jahrhundert kam es, wie bald auch im Westen zu neuen realistischen Gestaltungen, wie etwa einen Hang zur Dreidimensionalität (Nerezí bei Skopje, 1164). Wenn diese Darstellungen auf uns lebendiger etc. wirken, dann ist darauf hinzuweisen, daß auch stark stilisiert dargestellte Gestalten auf die Zeitgenossen lebendig gewirkt haben. Immerhin machten die neuen Tendenzen es möglich, Individuelles und Gefühle wiederzugeben. Während jedoch die Entwicklung im Westen weiter zu einer neuen Art der Naturwiedergabe fortschritt, stockte die Entwicklung im Osten, und eine an der Natur orientierte Kunst brach sich erst im 16. Jahrhundert Bahn und kam dann vor allem im Barock zustande.

Ein großer Wandel vollzog sich in der Entstehung der Ikone, die die heilige Gestalt dem Beter nahe brachte. Darüber ist gesondert zu handeln. War die Ikone darauf ausgerichtet, den Heiligen präsent zu machen, so gehört es auch zu den dann neuen Tendenzen, Texte zu illustrieren. Damit erhielt die Malerei einen belehrenden Charakter. Dem entspricht auch eine Erzählfreudigkeit, die Zyklen entstehen ließ. Seit dem 14. Jahrhundert wird das neue illustrativ-narrative Element deutlich. Stilistisch ändert sich auch das Inkarnat. Das zuvor oft durch harte Binnenstrukturen gezeichnete Gesicht wird weicher und glatter, so daß geradezu ein teigiger Ausdruck entstehen kann.

Wichtig ist, daß sich immer mehr das Prinzip durchsetzte, Bildschemata von Ikonen möglichst genau zu kopieren, damit aber auch stilistisch einen älteren Zustand zu konservieren. In einer sich immer stärker entwickelnden weltlichen Malerei jedoch folgte man, weithin durch westlichen Einfluß, moderneren Prinzipien. So kam es zu einem Auseinanderfallen der Malerei. Besonders im kirchlichen Gebrauch blieb man möglichst bei einem altertümlichen Stil, während die Darstellung säkularer Gegenstände und von Porträts sich weithin an das moderne „Westliche“ hielt. Freilich schlugen die modernen Tendenzen auch in die Ikonenmalerei hinüber, was zu sehr verschiednen Synthesen führte. Daraus ergab sich aber auch ein heftiger Streit, wie Ikonen gemalt werden sollten. Das ist an späterer Stelle genauer darzustellen.

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