Vorwort

in Das deutsche Paris
Freier Zugang

Das vorliegende Buch verdankt sich gleichermaßen der Begeisterung für Paris wie dem Interesse an der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Konkret waren es zwei eher zufällige Umstände, die mein Interesse anregten: Zum einen fielen mir vor Jahren die Erinnerungen des deutschen Literaturwissenschaftlers, Lektors und Publizisten Fritz Arnold in die Hände, in welchen dieser eine ihn tief beeindruckende Begegnung schildert, die er, als junger Student zur Wehrmacht eingezogen, im Frühjahr 1943 mit dem französischen Schriftsteller André Gide im nordafrikanischen Tunis hatte.1 Dass er dem bewunderten und verehrten Meister dabei in deutscher Uniform entgegenzutreten genötigt war, sei ihm, so Arnold, zutiefst peinsam gewesen. Die – übrigens auch von Gide in seinen Tagebüchern erwähnte2 – kleine Geschichte führte mir schlaglichtartig vor Augen, wie individuell sich im Einzelfall die Begegnung deutscher „Sieger“ mit der, nach offizieller Lesart der Zeit, „unterlegenen“ französischen Kultur gestalten konnte. Von da war es nicht weit zu der Vermutung, dass die einfache Dichotomie von Siegern und Besiegten, Besatzern und Besetzten, Ausbeutern und Ausgebeuteten, Tätern und Opfern wohl nicht ausreiche, um das Verhältnis von Deutschen und Franzosen während der années noires zu verstehen.

Fast zeitgleich mit Arnolds Erinnerungen wurde ich auf ein unscheinbares Heft mit dem Titel „Wohin in Paris?“ aufmerksam.3 Die regelmäßig erscheinende Broschüre war für deutsche Soldaten bestimmt und entsprach nicht nur in ihrem Format dem heutigen Pariscope, sondern war auch genau dies: ein aktueller Wegweiser mit einer verwirrenden Zahl von Werbeanzeigen und Hinweisen auf unterschiedlichste kulturelle Angebote, Freizeitaktivitäten und Einkaufsmöglichkeiten, wie sie sich im sonstigen deutsch besetzten Europa nirgendwo sonst geboten haben dürften. Die Frage lag nahe, wie deutsche Soldaten und Zivilisten, die es für kürzere oder längere Zeit als Angehörige der Besatzungsmacht oder einfach nur als „Kriegstouristen“ in die französische Metropole verschlagen hatte, mit diesen Angeboten umgingen, mehr noch: wie sie auf die Stadt reagierten, was ihnen der Mythos Paris bedeutete und wie sie dort lebten.

Schon bald stellte sich heraus, dass wir über all dies erstaunlich wenig wissen4, obgleich die Zahl derer, die Paris zu jener Zeit für einige Tage, für Monate oder gar für Jahre erlebten, in die Hunderttausende ging. Zudem ist das wenige, das wir wissen, zumeist von den Aufzeichnungen einzelner herausragender Persönlichkeiten – allen voran Ernst Jünger – geprägt. Die Historiographie der letzten Jahrzehnte hat zwar große und höchst verdienstvolle Anstrengungen unternommen, die Lebensbedingungen der Pariser Bevölkerung in den Jahren der Okkupation nachzuzeichnen und dabei vielfältige Erfahrungswelten identifizieren können. Weit diffuser blieb demgegenüber das Bild, das wir von all jenen haben, die in Paris die deutsche „Siegermacht“ repräsentierten. Und dies, obgleich im Allgemeinen gerade im Falle des Zweiten Weltkrieges die Erfahrungswelt des Normalbürgers – der „Krieg des kleinen Mannes“5 – als vergleichsweise gut dokumentiert gelten darf.

Jedenfalls mangelt es keineswegs an einschlägigen Quellen zu unserem Thema. Ihrer Zahl nach am wichtigsten sind dabei Feldpostbriefe, – eine Quellengattung, für die sich die Forschung in den beiden letzten Jahrzehnten mit großem Gewinn interessiert hat.6 Soweit diese Briefe, von denen jährlich Milliarden von der Front in die Heimat und aus der Heimat an die Front versandt wurden, den Krieg überlebt haben und der Forschung zugänglich sind, finden sie sich über ungezählte Archive verstreut. Für den vorliegenden Band wurden beileibe nicht alle, aber doch die wichtigsten dieser Bestände durchgesehen, d. h. insbesondere jene der Museumsstiftung für Post und Telekommunikation in Berlin sowie der Stuttgarter Bibliothek für Zeitgeschichte, die über die umfangreichsten Feldpostbriefbestände im deutschsprachigen Raum verfügen. Eingesehen wurden darüber hinaus aber auch die einschlägigen Sammlungen des Bundesarchivs in Freiburg (Abt. Militärarchiv) sowie des Deutschen Tagebucharchivs im südbadischen Emmendingen, ferner einige literarische Nachlässe im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Geringer an der Zahl, aber in mancher Hinsicht aufschlussreicher, weil freimütiger als die Briefe an Eltern, Geschwister oder Ehefrau, erwiesen sich die in den erwähnten Archivbeständen ebenfalls erhaltenen Tagebücher, die im übrigen von gar nicht so wenigen Angehörigen der Besatzungsmacht geführt wurden, – dies wohl seltener aus Gewohnheit als vielmehr aus dem Empfinden heraus, Zeuge besonders schicksalsschwerer Zeiten zu sein.

Auffallend viele Kriegsbriefe und -tagebücher sind auch publiziert worden. Hatten sie in den frühen Nachkriegsjahrzehnten meist nur indirekt in die Memoiren von Kriegsteilnehmern Eingang gefunden, so waren es in den letzten Jahrzehnten meist Kinder oder Enkel, die im Bemühen, die Erinnerung an den Krieg lebendig zu erhalten, Briefserien ihrer Anverwandten in Buchform, gelegentlich auch online veröffentlichten. Auch diese Dokumente wurden für die vorliegende Darstellung berücksichtigt.

Eine wichtige Ergänzung zu den hier genannten Quellengattungen stellen die Gesprächsprotokolle dar, die Briten und Amerikaner über die von ihnen abgehörten Unterhaltungen deutscher Kriegsgefangener aller Dienstgrade anfertigten.7 Die Vorzüge dieser erst vor wenigen Jahren bekannt gewordenen Quellen, die durchaus auch in Bezug auf die Pariserfahrungen der Gefangenen ergiebig sind, liegen auf der Hand: Im Kameradenkreis kam spontaner, unverstellter und ungefilterter zur Sprache, was sich in schriftlicher Form, in Briefen, Tagebüchern und Memoiren, meist erst als Ergebnis kürzerer oder längerer Reflexion niederschlug oder ganz verschwiegen wurde. Es sind vor allem dienstliche und allgemein militärische Angelegenheiten, Rechtsverstöße, sexuelle Erlebnisse und Gewalterfahrungen, über die man sich schriftlich nicht oder nur andeutungsweise äußerte, im Gespräch unter seinesgleichen hingegen bemerkenswert offen austauschte. Quellenkritik ist freilich hier wie dort angebracht. So sind in Tagebüchern ein Selbstdarstellungsbedürfnis des Verfassers, in Briefen zudem Rücksichtnahme auf die jeweiligen Adressaten sowie auch Vorsicht gegenüber den Zensurbehörden in Rechnung zu stellen, während in Memoiren gemeinhin ein im Lichte späterer Erfahrungen gewachsenes Rechtfertigungsbedürfnis dominiert. Letzteres spielt auch bereits bei den in Kriegsgefangenenlagern abgehörten Gesprächen eine Rolle, die zwar auf den ersten Blick unverstellt und authentisch erscheinen, tatsächlich aber oftmals von Frustrations- und Schuldgefühlen, von Gerüchten, wie auch von Prahlerei und Übertrumpfungsrhetorik geprägt waren.

Als Ergänzung und, wo nötig, als Korrektiv zu den vielfältigen Ego-Zeugnissen dienten uns unterschiedlichste Akten vorgesetzter Dienststellen und Kommandobehörden. Auch hier war eine Auswahl zu treffen. Sie reicht von den Verhaltensvorschriften des Oberkommandos der Wehrmacht über die Weisungen und Befehle des Stadtkommandanten von Paris bis zu den Monatsberichten des Militärbefehlshabers Frankreich, von den Stimmungsberichten der Feldpostprüfstellen über die Verfahrensakten des Pariser Kriegsgerichtes bis zu den Bewirtschaftungsregeln für die örtlichen Wehrmachtbordelle.

Was nun kann man sich von nachstehenden Seiten versprechen und was nicht?

Das vorliegende Buch gibt ein Bild davon, wie deutsche Soldaten und zivile Angehörige der Besatzungsmacht Paris in den Jahren des Krieges sahen. Das heißt natürlich nicht, dass Paris so war, wie sie es sahen. Im Gegenteil: es ist naturgemäß eine zutiefst subjektive Perspektive, die sich hier mitteilt. Aus naheliegenden Gründen hat sie mit dem Blick, den die Pariser und Pariserinnen selbst auf ihre Stadt und deren unglückliches Schicksal hatten, nur wenig zu tun. Allzu unterschiedlich waren die Erfahrungswelten; allzu Vieles blieb gänzlich außerhalb des Blickfeldes der Besatzer. Manches wollten Letztere auch niemandem anvertrauen, vielleicht nicht einmal sich selbst eingestehen. Aber selbst dort, wo sich die Perspektiven überschnitten, wo sich die Blicke trafen, nahm man die Dinge zumeist gänzlich unterschiedlich wahr. Was der eine als existenzbedrohende Besatzungsherrschaft erfuhr, erlebte der andere als Erholung vom Kriegsalltag. Der in der ganzen Stadt wuchernde Wald deutscher Verkehrsschilder bedeutete den Besatzern Orientierung, den Besetzten indes die Allgegenwart des Feindes. Weckten die öffentlichen Platzkonzerte der Wehrmachtorchester bei den einen Heimatgefühle, blieben sie den anderen ein optisch wie musikalisch gleichermaßen fremdes Ritual. Alliierte Bombenangriffe bedeuteten für Deutsche eine Bedrohung, für Pariser zwar auch dies, vor allem aber ein Hoffnungszeichen. Paris unter deutscher Besatzung – das war nicht die eine, allen gemeinsame, objektiv erfassbare Realität, sondern eine Fülle konkurrierender, ja oftmals widersprüchlicher Wirklichkeitserfahrungen, von denen unser Band nur einen sehr begrenzten, freilich wenig bekannten Ausschnitt widergibt.

Und auch dieses Bild ist unvollständig, und dies nicht nur, weil wir nicht alle Archive durchforsten konnten. Das Parisbild deutscher Soldaten und Zivilisten wäre nämlich trotz der Vielzahl verfügbarer Quellen immer nur annäherungsweise – und schon gar nicht in einem statistisch validen Sinne – rekonstruierbar. In allzu vielen Fällen sind Briefe und Tagebücher verschollen oder ruhen noch unerkannt in Kellern und auf Dachböden. Auch wissen wir aus der Feldpostbriefforschung, dass zahlreiche Soldaten – sei es aus Trägheit oder fehlendem Mitteilungsbedürfnis, sei es mangels geeigneter Adressaten – niemals Briefe schrieben oder jedenfalls keine, die über ein einfaches Lebenszeichen hinausgegangen wären. Doch selbst wenn eine umfangreiche Korrespondenz verfügbar ist, bedeutet dies nicht notwendigerweise, dass sie in Bezug auf Paris ergiebig ist. So manches frisch verliebte Paar, durch die Wechselfälle des Krieges voneinander getrennt, schrieb sich täglich seitenlange Briefe, ohne dass der in Paris stationierte, jedoch völlig auf seine Geliebte in der Heimat fixierte Partner überhaupt auf die Idee gekommen wäre, Nennenswertes von seinem Leben in der französischen Metropole zu berichten.

Nicht statistisch repräsentative, sondern inhaltlich charakteristische Wahrnehmungen von Paris sind es also, die uns auf den folgenden Seiten begegnen. Dabei interessierten uns nicht allein die Sachverhalte an sich – dass also jemand Napoleons Grab eindrucksvoll fand oder den Eiffelturm scheußlich –, sondern auch und vor allem, wie der Einzelne seinem Temperament, seiner Lebenserfahrung, seinen Interessen oder seinem Bildungshintergrund entsprechend seinen Eindrücken Ausdruck verlieh. Daher haben wir uns für das Verfahren einer dokumentarischen Collage entschieden, um einer größtmöglichen Vielfalt zeitgenössischer Stimmen Raum zu geben. Nur durch eingehendes Zitieren werden, wie uns scheint, die Wahrnehmungsstile und -nuancen spürbar. Dabei konnte es nicht darum gehen, „wahre“ von „falschen“ Wahrnehmungen zu scheiden. Nicht die Verhältnisse in Paris sind unser Thema, sondern der Blick auf sie. Lediglich in Fällen ganz offenkundiger Fehlperzeption erschienen uns daher erläuternde Bemerkungen angebracht. Wenn der Leser dabei gleichwohl das eine oder andere über das Leben erfährt, welches Angehörige der Besatzungsmacht in Paris führten, so ist dies freilich kein Zufall. Der Blick auf die Stadt entschlüsselt sich nicht nur durch das, was geschrieben und gesprochen, sondern auch in dem, was getan oder zu tun unterlassen wurde.

Dies zu illustrieren dienen auch die beigegebenen Abbildungen. Sie besitzen keinen eigenständigen Beweiswert, bilden nicht unbedingt ab, was war, sondern was der Photograph zu zeigen gewillt war. Ihr Entstehungskontext bleibt in der Regel unbekannt. Das gilt für einige private Schnappschüsse, die den „touristischen“ Aspekt unseres Themas beleuchten, und gilt erst recht für die zahlreicheren mehr oder minder offiziösen, im Auftrag der Besatzungsmacht oder doch mit ihrer Duldung entstandenen Fotografien. Unter ihnen ausgewählt haben wir daher nur jene, die geeignet erschienen, die aus den Briefen und Tagebüchern gewonnenen Eindrücke vom Leben der Besatzer in der „Stadt des Lichts“ zu kommentieren.