Romantische Literatur stellt den Leser vor Herausforderungen. Die Codierung des Sinns, die Uneindeutigkeit der Lesart und die verworrene Struktur werden – so die Vorannahme dieser Arbeit – durch Oszillation evoziert und erschweren das Textverständnis, sodass diese Texte zweierlei provozieren: Entweder der Rezipient resigniert ob des arabesken Sinn-Labyrinths, das der romantische Text oftmals darstellt, oder aber er nimmt das vom Text ausgehende, herausfordernde Spiel- und Experimentierangebot an und versucht, den Text durch Relektüre zu verstehen. Der Text erschwert nicht nur den Zugang, sondern erzwingt damit ein spezifisches Rezeptionsverhalten. Grenzen lösen sich auf, Sphären oszillieren und verhindern einen Zugriff über Modelle, Theorien und Kategorien. Dem zu trotzen und der inhaltlichen Fülle romantischer Literatur mit differenzierender Kategorisierung beizukommen, fordert einen Preis: Die Detailansicht des Textes reduziert die Vielfalt und negiert ihre oszillierende Dynamik. Eine ‚Theorie der Romantik‘ gibt es nicht: Weder gibt es eine Theorie, noch gibt es eine Theorie.

Die vorliegende Arbeit möchte sich daher nicht des Kompasses der literaturwissenschaftlichen Theorien bedienen, sondern den versteckten Wegweisern des romantischen Labyrinths folgen, um herauszufinden, ob sie aus dem Irrgarten herausführen. Oszillation wird als elementare Strategie literarischer Performanz vermutet. Die dadurch entstehende Dynamik der Texte soll nicht nur näher untersucht, sondern performativ aufrecht erhalten werden.

Zunächst wird anhand der Quellen – romantische Zeitschriften, aber auch eigenständige Publikationen – herausgearbeitet, inwiefern Oszillation in Relation zu romantischen Positionen steht, um diese Ergebnisse im Folgenden mit dem Forschungsdiskurs abzugleichen. Die Texte legen also selbst dar, inwiefern Oszillation eine romantische Strategie ist. Exemplarische Detailanalysen oszillatorischer Elemente ermöglichen in einem zweiten Schritt, die These praktisch zu untersuchen, zu belegen, auszuweiten oder zu revidieren. Dafür werden drei gesonderte Textebenen auf Oszillation untersucht: die inhaltliche, die formale und die strukturelle. Die Grenzauflösung und Vermischung der Sphären, die durch Oszillation initiiert wird, darf dabei – sofern sich die These bestätigt – auch nicht davor zurückschrecken, die Grenzen des Textes nicht nur intern, sondern auch extern zu öffnen und zu überschreiten. Daher soll abschließend untersucht werden, ob und wie dies gelingt.

Dass bei einem Spaziergang durch dieses romantische Labyrinth also nicht der Anblick und die Bewegung von Windrose und Kompassnadel beschrieben, sondern das arabeske Bild skizziert wird, das die Wände des Labyrinths zeichnen, versteht sich von selbst. Der Anspruch, romantische Bewegung durch eigene wissenschaftliche Performanz aufrecht zu erhalten, muss daher zwangsläufig in eine unkonventionelle Methodik münden.

Es ist gleich tödtlich für den Geist, ein System zu haben, und keins zu haben. Er wird sich also wohl entschließen müßen, beydes zu verbinden.1

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Anonym, Fragmente. In: Athenaeum (II), S. 15.

Oszillation als Strategie romantischer Literatur

Ein Experiment in drey Theilen

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