Kapitel 3 Constantius II. und Julian – Nestor und Achill

in Palastrevolution
Autor:in: Felix K. Maier

Obwohl sich in der langen Regierungszeit von Constantius II. (337-361) wichtige Entwicklungen in kirchenpolitischer, sozialer, wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht ergaben, steht dieser Kaiser in der Forschung bis heute im Schatten von Kaisern wie Constantin oder Julian.1 Seine Herrschaft erscheint deshalb oft als eine Art Übergangsphase, eingeschoben zwischen dem sogenannten ersten christlichen und dem letzten paganen Kaiser.2 Die wenig prominente Rolle des Constantius mag nicht zuletzt auch damit zusammenhängen, dass gerade in der Außenpolitik dieser Jahre keine großen Entwicklungen zu beobachten sind. Constantius erscheint in den Quellen nicht als mutiger Eroberer oder visionärer Propagator des Reiches.3 Angesichts dieser eher ,unauffälligen‘ Regierungszeit verurteilte bereits O. Seeck die seiner Meinung nach wenig expansive Politik des Kaisers: „So bietet er [Constantius II.] das Bild eines Mannes, der sich zum Höchsten berufen glaubt und mit aller Anstrengung danach strebt, das Höchste zu leisten, während doch die Dürftigkeit seiner Begabung ihn niemals über das Mittelmäßige herauskommen lässt.“4Auf der anderen Seite wurde aber auch gerade diese Eigenschaft besonders gewürdigt und das defensive Verhalten an den Grenzen als die eigentliche Leistung des Constantius – im Vergleich zu seinen sonstigen Merkmalen und seinen Errungenschaften auf anderen Gebieten – hervorgehoben.5

3.1 Außenpolitische Situation – Gegner im Innern und an der Grenze

Nachdem alle drei Söhne am 9. September 337 zu Augusti ausgerufen worden waren, verblieb Constantius II. nach der Konferenz von Viminacium 338 zunächst im Osten.6 Sein Regierungsterritorium war mit Ägypten, Syrien, Mesopotamien, Kleinasien und Thrakien eines der am dichtesten bevölkerten Teile des Reiches mit wohlhabenden Regionen und vielen Großstädten (Alexandria, Antiochia, Constantinopel, Ephesos, Nicomedia). Das Steueraufkommen war beträchtlich, vor allem aufgrund des Handels im Schnittpunkt von Ägypten, Phönikien, Syrien und Kleinasien.7

Dass Constantius sich große außenpolitische Experimente jedoch gar nicht leisten konnte, haben nur wenige Forscher erkannt.8 Zwar schien das Römische Reich nach dem Tod Constantins in militärischer Hinsicht aus einer starken und gefestigten Position heraus zu agieren, wenn man die offensiven Aktivitäten im westlichen Reichsteil zugrunde legt. Die vielfältigen Operationen von Constans entlang des Rheines und der Donau nach der Ermordung von Constantin II. 340 zeugen davon, dass zumindest in diesen Territorien offensive Feldzüge abgehalten werden konnten.9 338 kämpfte er erfolgreich gegen die Sarmaten an der Donau, 341 und 342 besiegte er die Franken am Niederrhein, 343 setzte er nach Britannien über, um dort nach feindlichen Invasionen die Ordnung wiederherzustellen.10

Constantius war aber aufgrund der instabilen Lage im Reich, die sich aus den Wirren direkt nach dem Tod Constantins ergeben hatte, aufgrund der Rivalitäten der Bischöfe in seinem Reichsteil, wegen der causa Athanasios11 und vor allem aufgrund des ungelösten Konfliktes an der persischen Grenze vor besondere Probleme gestellt. Letzterer gehörte zu den größten außenpolitischen Herausforderungen seiner Regierungszeit. Als Julian einige Jahre später (363) mit einem großen Heer entlang des Euphrats nach Persien eindrang,12 war dieser Akt nicht der Beginn eines Perserkrieges, sondern nur eine weitere Episode in dem bereits seit 337 währenden Zustand gegenseitiger Feindseligkeiten, die jedoch aus unterschiedlichen Gründen nie zu einem Ende geführt hatten. Der seit 27 Jahren andauernde Krieg war nicht fortwährend mit gleicher Intensität geführt worden. Die Angriffe der Perser dauerten meistens nie mehr als einen Zeitraum von zwei Jahren, 338 und 343 kam es eventuell auch zu einem Waffenstillstand.13 Das Hauptaugenmerk beider Parteien lag im Wesentlichen darauf, die Ressourcen sowie die Infrastruktur des Gegners in einem umkämpften Grenzbereich mit Raub- und Plünderungszügen zu schwächen.14 Die schlechte Quellenlage überliefert als bedeutende Ereignisse der Kriegsjahre nur die dreimal erfolglose Belagerung von Nisibis (337, 356, 350) durch die Perser sowie neun Feldschlachten, von denen sich die meisten jedoch nicht identifizieren lassen.15 Um 350 herum musste Shapur jedoch aufgrund neuer Bedrohungen an seiner östlichen Reichsgrenze Frieden mit den Römern schließen.16

Eine Politik der Stärke gegenüber Persien, wie sie Constantin noch für möglich gehalten hatte, war nicht zu verwirklichen und sollte es auch in den folgenden beiden Jahrzehnten nicht sein, da die Ressourcen dieses Gegners und vor allem auch geostrategische Aspekte einen großen Eroberungsfeldzug als außerhalb des Realisierbaren erscheinen ließen.17 Die Aufteilung der Truppen unter den drei Brüdern ermöglichte zwar Kriege gegen kleinere oder mittelstarke Verbände wie am Rhein oder an der Donau, gegen die bestens aufgestellten Armeen des persischen Reiches jedoch konnte Constantius allein nichts ausrichten, vor allem auch deshalb, weil seine Brüder zu keinerlei Kooperation bereit waren. Constans war zu Beginn seiner Herrschaft in Kriege gegen die Sarmaten verwickelt und fürchtete vermutlich möglichen ,Missbrauch‘, da zwischen ihm und seinem Bruder gerade auch in religiöser Hinsicht diverse Spannungen bestanden.18 Constantin II. versprach zwar, Truppen zu senden, jedoch war dies nur ein strategisches Manöver, um eine Attacke auf Constans vorzubereiten. Die militärischen Ressourcen von Constantius waren also überaus beschränkt.19 Auch kleinere Scharmützel hätten ein enormes Risiko dargestellt, da er aufgrund der ständigen Usurpationsgefahr mit seinen Truppen sehr sparsam umgehen musste.20

Constantius vermied deshalb wohl eine prestigeträchtige, groß angelegte militärische Operation, wie sie sein Vater noch geplant hatte;21 selbst wenn sich nicht entscheiden lässt, ob diese Vorgehensweise ihm eher von den strukturellen Zwängen auferlegt wurde oder er von sich aus eine eher defensive Außenpolitik ohne eine propagatio imperii anstrebte oder inwieweit beide Faktoren sich gegenseitig bedingten, ist festzuhalten, dass dieser Kaiser dennoch nicht das Risiko eines Perserfeldzuges einging.

Dies war zweifellos eine Abkehr von dem traditionellen Umgang mit den Persern, der eine rigorose Vergeltungspolitik für Invasionen in römisches Gebiet vorsah.22 Zeitgenössische Quellen offenbaren, dass Constantius’ Vorgehensweise ambivalent gesehen wurde. Während vor allem die Anhänger Julians zeitgleich und im Nachhinein die defensive Kriegsführung des Constantius heftig kritisierten,23 gab es durchaus auch dankbare Zustimmung wie beispielsweise unter den Bürgern von Nisibis, die das zähe Verteidigen von Mesopotamia durch Constantius sehr schätzten.24 In der neueren Forschung wird die Praxis der defensiven Verteidigung der östlichen Grenze durch Constantius als nachhaltige und effektive Bekämpfung der Persergefahr mit den gegebenen Mitteln bewertet.25 Das vorsichtige Verhalten des Constantius trug dazu bei, dass bis zur Invasion Julians die mesopotamischen Provinzen stets in der Hand Roms blieben, auch wenn auf der anderen Seite die Verluste, die Rom während dieser Zeit hinnehmen musste, beträchtlich waren.26

Wie sehr verschiedene Erwartungshaltungen aber auf Constantius einwirkten, zeigt die um 340 erschienene Schrift Itinerarium Alexandri Magni Traianique, deren unbekannter Autor wahrscheinlich ein hochrangiger Aristokrat war.27 In einem Vorwort wird der Adressat Constantius II. mit den beiden Protagonisten des Textes verglichen. Der Autor verweist zunächst auf biographische Gemeinsamkeiten der drei Personen, um anschließend die größte Kongruenz zu betonen: ihre Feldzüge im Osten. Während Alexander die Achaemeniden besiegte, Trajan über die Parther triumphierte, werde nun Constantius gegen die Perser ziehen, ebenfalls ein Unrecht rächen und dasselbe Glück genießen wie seine Vorgänger.28 Neben dem Aspekt der Promachie, die sich in dem wiederholt vorkommenden Partizip militans ausdrückt, verweist der Text noch explizit auf eine durch Constantius vollendete propagatio imperii: „…. so dass diejenigen, die so lange vor den römischen Waffen zitterten, durch dich zu unseren Leuten zählen, eine neue Provinz formen und mit dem römischen Bürgerrecht beschenkt wurden.“29 Der Autor bezieht sich also auf die Erwartungshaltung einer Erweiterung des Reiches, obwohl gerade zu dieser Zeit die Sicherung der von Galerius eroberten Gebiete die wichtigere und effektivere Aufgabe gewesen wäre.30

Dieser Text verdeutlicht, wie ein Mitglied der Elite des Reiches zwar ein topisches Stereotyp bediente;31 auf der anderen Seite war die damit verbundene Erwartungshaltung dennoch nicht völlig aus der Luft gegriffen und sie konfrontierte Constantius mit einem imperator-Dilemma: Zwar resultierten die preisenden Worte aus einer positiven Absicht, gleichzeitig setzten sie den Kaiser aber unter Druck und brachten ihn in die unangenehme Lage, an dieser Aufforderung – die nun einmal geäußert und dadurch selbst bei einem eingeschränkten Leserkreis öffentlich war – gemessen zu werden, obwohl Constantius kaum über Ressourcen verfügte, ein solches Unterfangen mit einem dauerhaften Resultat durchzuführen.

Trotz der somit eher defensiven Haltung des Constantius war seine Grenzpolitik gegenüber Persien in keiner Weise „lasch“ oder „nachlässig“.32 Constantius’ längerfristige Maßnahmen an der persischen Grenze umfassten drei Strategien: Zum einen wurde eine starke Verteidigungslinie im östlichen Teil von Mesopotamien aufgebaut, die aus gut bemannten Abwehranlagen an möglichen Invasionspunkten vom südlichen Mesopotamien bis zum Euphrat bestand.33 Darüber hinaus begnügte sich Constantius nicht allein mit defensiven Maßnahmen, was wiederum den Persern die Möglichkeit gegeben hätte, stets die Initiative zu ergreifen. Constantius’ Vorgehensweise deutete auf eine aktive Verteidigung der Grenzen im Osten hin, die jederzeit auch kleinere offensive Operationen ermöglichen sollte. So wurden zweitens immer wieder Raubzüge in persisches Gebiet entlang des Tigris unternommen, die dem Zweck dienten, bei den Persern Getreide zu vernichten, um das Anlegen von Vorräten in der Grenzregion für eine Invasion in römisches Gebiet zu verhindern; ein Feindkontakt wurde dabei, so gut es ging, vermieden.34 Die Kavallerieeinheiten wurden aufgestockt und vor allem deren schwerste Truppengattung, die Kataphrakten, signifikant verstärkt. Von den Goten wurden Hilfstruppen rekrutiert.35 Drittens konnten mittels diplomatischer Aktionen arabische Stämme in der syrischen Wüste als Verbündete gewonnen werden, um bei potentiellen Kämpfen mit den Persern die arabischen Alliierten auf der feindlichen Seite zu neutralisieren.36 Zudem engagierte sich Constantius in Armenien, das er nicht zu einem Opfer Persiens werden lassen wollte, was eine zusätzliche offene Flanke bedeutet hätte. Constantius gelang es, Arsakes wieder auf dem armenischen Thron zu installieren und somit einen wichtigen Verbündeten für die Zukunft an seiner Seite zu wissen.37

Nach der Schlacht bei Singara, bei der Constantius einer aktiven Konfrontation mit den Persern nicht aus dem Wege ging und die in einem blutigen Unentschieden endete,38 veränderte sich angesichts der Revolte von Magnentius und der Akklamation von Vetranio die aktive Defensive zu Beginn der 350er Jahre zu einer eher passiven Haltung, die auf die Grenzbefestigungen vertraute und auf den Umstand, dass auch Shapur nach Singara keine weiteren Verluste in offenen Feldschlachten riskieren wollte.39 Constantius konnte es sich nicht leisten, weiter im Osten zu verweilen, sondern er musste zunächst wieder die Angelegenheiten im Westen klären. Sein Feldzug gegen Magnentius, selbst wenn er als eine militärische Operation gegen einen barbarischen Gegner inszeniert wurde, stieß jedoch bei manchen Bewohnern des Reiches nicht auf ungeteilte Zustimmung.40 Auf diese Weise konnte er das imperator-Dilemma nur ungenügend lösen, da ein Feldzug gegen die Perser eher der Tradition eines basileus polemikos entsprochen hätte.

Während der 350er Jahre waren die persischen Truppen vor allem an der nordöstlichen Grenze des eigenen Reiches beschäftigt, Mesopotamien war nicht mehr in der gleichen Weise umkämpft wie in den 340er Jahren. Allerdings war wohl beiden Seiten – Römern wie Persern – bewusst, dass, sobald die eigenen Probleme gelöst waren, Mesopotamien wieder Schauplatz eines eskalierenden Konfliktes werden könnte. Zwar hätte Constantius nach der Niederschlagung des Magnentius-Aufstandes alle Truppen an der Ostgrenze zusammenziehen können, jedoch hielten ihn Invasionen an Rhein und Donau sowie im späteren Verlauf auch die Erhebung Julians davon ab.

Noch bevor Constantius sich dem Aufstand von Magnentius widmete, hatte er den Sohn seines Onkels Julius Constantius, Constantius Gallus, 351 in Sirmium zum Caesar erhoben und als ständigen Vertreter der kaiserlichen Macht in den Osten gesandt.41 Diese Maßnahme zeigt, für wie dringlich Constantius eine kaiserliche Präsenz erachtete – sei es auch in Person eines nahen Verwandten, selbst wenn, wie bei Julian, dessen Loyalität nicht völlig gesichert war. Nach der Ausschaltung von Constantius Gallus 354 lag die Verteidigung an der Ostgrenze in den Händen von Prosper, der 357 von dem zurückkehrenden Ursicinus abgelöst wurde, dem dux Mesopotamiae Cassianus und dem praefectus praetorio per Orientem Musonianus.42 Zunächst blieben die Feindseligkeiten zwischen Römern und Persern auf niedrigem Niveau, da Shapur mit Einfällen von Nomaden im Nordosten seines Reiches beschäftigt war und zunächst keine Invasionen in das römische Gebiet durchführen konnte. Ein zwischenzeitlicher diplomatischer Vorstoß von Musonianus, der mit dem Perserkönig über Frieden verhandeln wollte, scheiterte.43 Als Constantius noch mit einer Umgruppierung seiner Truppen beschäftigt war, konnte Shapur im Jahr 359/60 Amida, Bezabde sowie Singara einnehmen und damit Constantius noch weiter unter Druck setzen.44

Angesichts der dürftigen Quellenlage ist es schwierig, sich über mögliche Truppenstärken und Truppenverschiebungen in den 350er Jahren ein genaues Bild zu verschaffen. Constantius war mit einem Großteil der ihm zur Verfügung stehenden Soldaten gegen Magnentius gezogen und hatte nach dem Sieg über Vetranio noch dessen Heer in sein eigenes eingliedern können. Ebenso integrierte er nach 353 die Mehrheit der Truppen des Magnentius, ordnete aber auch Teile davon an den Rhein und die Ostgrenze ab.45 Julian hatte im Jahr 357 13000 Soldaten in der Schlacht bei Straßburg zur Verfügung, gleichzeitig standen 25000 Mann unter dem Kommando des magister peditum Barbatio.46 Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Constantius zu diesem Zeitpunkt mindestens dieselbe Anzahl an Soldaten bei sich hatte. Somit befand sich der Großteil des Heeres, abgesehen von den Grenztruppen (limitanei) an Rhein und Donau, in Mesopotamien, Britannien, Spanien oder Nordafrika in der Umgebung von Constantius II. Zu diesen mobilen Einsatzverbänden gehörten sowohl die regulären Legionen als auch Eliteeinheiten und Auxiliartruppen. Ihre Stärke dürfte wohl bei 50000 gelegen haben.47

Auf dem Balkan stellte sich aufgrund der Erfolge Constantins und der sich daran anschließenden Politik des Handels und Austausches nach den Friedensverträgen von 332 die Situation relativ freundlich dar.48 Obwohl Constans sich eigentlich vor allem am Rhein und in Trier hätte aufhalten müssen, um durch eine stetige Präsenz die Loyalität seiner Truppen in Zeiten unruhiger innerfamiliärer Konstellationen und Konflikte zu sichern, weilte er sehr oft in der von ihm präferierten Residenz Sirmium auf dem Balkan.49 Dieser Umstand trug dazu bei, dass die Donaugrenze relativ stabil blieb; auch die Erhebung des Vetranio sicherte diesen Raum ab.50 Jene Erhebung zeigte aber sogleich, wie wichtig der Balkanraum auch als Rekrutierungsbasis blieb. Constantius war bei der Rückgewinnung der Truppen Vetranios auch deshalb an einer unblutigen Lösung des Konfliktes interessiert, weil ein mildes Vorgehen gegen dessen Soldaten aus zwei Gründen zu Gebote stand: Erstens war Constantius auf deren Loyalität im nächsten innerrömischen Konflikt gegen Magnentius angewiesen; zweitens setzte sich die Donauarmee aus reichsangehörigen Legionären zusammen, die aus dem illyrisch-pannonischen Raum rekrutiert wurden und deshalb eine „Kaderschmiede“ des römischen Heeres bildeten.51 Außerdem war seit dem dritten Jahrhundert der Balkanraum auch ein steter Ausgangspunkt bedrohlicher Usurpationen, so dass Constantius mit einem unblutigen Ende auch in dieser Hinsicht neuen Gefahren vorbeugen konnte.

Constantius’ Krieg gegen Magnentius führte dazu, dass Roms Gegner eine neue Chance bekamen; erst als Julian 355 zum Caesar im Westen erhoben wurde, konnte Constantius in einer Reihe von Feldzügen gegen die Quaden, Sarmaten und Limiganten ziehen, die nach Pannonien eingedrungen waren und davon profitiert hatten, dass ein Großteil der Balkan-Armee zunächst nach Italien, dann nach Gallien abgezogen worden war.52

Insgesamt war der Balkanraum jedoch eine weitaus geringere Konfliktzone als beispielsweise die Grenzen im Osten (Persien) oder im Westen (Rhein). Das lag vor allem daran, dass die Goten nach dem Vertrag von 332 erstaunlich ruhig blieben.53 Teile von ihnen unterstützten die Römer sogar beim Kriegszug gegen die Sarmaten.54 Erst unter Valentinian und Valens sollte dieser Raum für die Römer wieder ein problematisches Gebiet werden, das der militärischen Präsenz des Kaisers vor Ort und vor allem auch militärischer Operationen bedurfte, um feindliche Einfälle zu verhindern beziehungsweise zu rächen oder bereits eingefallene Heere wieder zurückzudrängen.

Im Westen des Reiches, vor allem an der oberen Donau und am Rhein, stellten sich Constantius gleich mehrere Bedrohungen entgegen.55 Nach dem Tod von Constantin fiel dieser Bereich zunächst Constans zu, der zwischen 340 und 342 in Trier residierte, dann aber – wie bereits angesprochen – sein Hauptquartier nach Sirmium verlegte. Die in der Folge entstehenden Unruhen bei den gallischen Eliten, die in der Erhebung des Magnentius gipfelten, wirkten sich erheblich auf die Grenzverteidigung am Rhein aus. Da Magnentius nach Osten zog, um Constantius in einer offenen Feldschlacht auf dem Balkan zu stellen, zog er große Truppenteile aus dem Westen ab. In diesem Kontext entstand der spätere Vorwurf der projulianischen Partei, dass Constantius die Alamannen beauftragt habe, Magnentius anzugreifen und dass diese Maßnahme dazu geführt habe, dass die Alamannen sich größere Teile römischen Gebietes einverleibten.56

Für Constantius spitzte sich nach der Schlacht von Mursa die Situation im Westen und Osten insofern zu, als der überaus verlustreiche Ausgang der Schlacht – von dem gesamtrömischen Kontingent fielen in Constantius’ Heer über die Hälfte und von Magnentius’ Soldaten zwei Drittel –57 den eigenen Handlungsspielraum entscheidend beschnitt.58 Die spürbare Ausdünnung der Truppen an den westlichen Grenzen nutzten die Franken, Alamannen und andere Kriegerverbände, um in römisches Gebiet einzufallen. Aus diesem Grund war Constantius auch unmittelbar nach der endgültigen Niederschlagung und dem Tod des Magnentius sofort in jene Gebiete zurückgeeilt, um das alamannische Heer wieder zurückzudrängen. Zugleich musste Constantius dabei überaus behutsam vorgehen und angesichts des vorherigen Aderlasses seine Truppen möglichst schonen beziehungsweise weitere Verluste auf jeden Fall vermeiden. Zugleich hatte sich bei manchen Eliten im Reich jedoch schon die Ansicht verfestigt, dass Constantius nur gegen innerrömische Feinde, also im Bürgerkrieg entschlossen vorginge, während er gegen die Barbaren eine ähnliche Haltung vermissen lasse.59

Constantius steckte somit in einem heiklen imperator-Dilemma. Es galt, verloren gegangenes Territorium zurückzugewinnen, jedoch möglichst ohne große und gefährliche militärische Operationen. Seine aus diesem Grund nicht mit voller Aggression geführten Feldzüge an Rhein und Donau entpuppten sich aus der Sicht mancher Zeitgenossen lediglich als halbherzige Antworten auf vorangegangene Invasionen, die nicht zu groß angelegten militärischen Operationen in feindliches Gebiet führten und deshalb als Abwendung von der traditionellen Deinokratie- und Epikratie-Vorstellung empfunden wurden.60 Diese Kritik verband sich mit Constantius’ abwartender, den offensiven Kurs seines Vaters nicht weiterführenden Politik an der Ostgrenze.61 Weil aber bereits erfolgte oder auch potentiell mögliche Usurpationen weitere Ressourcen banden, war ein Ausbruch aus dieser prekären Lage kaum zu schaffen und die Möglichkeit, sich als erfolgreicher basileus polemikos zu stilisieren, kaum vorhanden. Um wenigstens der schwierigen Lage im Westen Herr zu werden und – ironischerweise – einer weiteren Usurpation vorzubeugen, setzte Constantius dann 355 Julian zum Caesar im Westen ein. Dieser erfüllte dort aber mit seinem aggressiven und forschen Vorgehen gegen die Gegner genau diejenigen Erwartungen, die sich am basileus-polemikos-Ideal orientierten, und sollte damit das imperator-Dilemma für Constantius weiter zuspitzen.

Obwohl Constantius – besonders seit dem Beginn seiner Alleinherrschaft – sowohl auf der diplomatischen Ebene als auch im Bereich der Grenzsicherung erfolgreich war, konnte er somit nicht aus dem Schatten seiner Vorgänger treten, was das Ideal eines basileus polemikos betraf.62 Gerade auch im Hinblick auf die Zeit der Parallelherrschaft mit Julian ab 355 zeigte sich ein strukturelles Problem: Da Constantius vor allem im Osten operierte, dort aber mit den Persern der stärkste und ressourcenreichste Gegner an der Grenze stand, während im Westen Julian mit weitaus kleineren und weniger widerstandsfähigen gegnerischen Armeeverbänden konfrontiert war, konnte sich der Caesar gegenüber dem Augustus weitaus häufiger als kriegerisch erfolgreicher Kaiser auszeichnen. Dass Constantius dann die Erfolge Julians auf seine eigenen Fahnen schrieb, wurde ihm erst recht übel genommen.63 Diese asymmetrische Ausgangslage bildete eine entscheidende Grundlage für den später einsetzenden Konflikt zwischen Constantius und Julian.

Vor der Folie dieser außenpolitischen Konstellationen sollen die nun folgenden Kapitel zeigen, dass sich die mit dem imperator-Dilemma verbundene Bedrängnis des Constantius schließlich in der Usurpation Julians 361 entlud und seine außenpolitische Vorgehensweise für ihn zu einem wichtigen Verhängnis wurde; ebenso soll gezeigt werden, dass die von Julian zuvor betriebene Distanzierung zu Constantius nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte und Julian damit zu einer Handlungsweise zwang, die aufgrund des Perserfeldzuges scheiterte.

Zunächst sollen jedoch Tragweite und Relevanz des imperator-Dilemmas herausgearbeitet werden. In einem ersten Abschnitt werden Manifestationen dieser Zwangslagenkonstellation aus den Quellen herauskristallisiert. Parallel dazu wird gezeigt, mit welchen Mitteln Constantius seine Akzeptanzgruppen zu beeinflussen und seine defensive Marschrichtung zu rechtfertigen versuchte, um einen Ausweg aus dem imperator-Dilemma mittels einer Dekonstruktion des basileus-polemikos-Ideals zu finden. Im Anschluss daran wird die völlig diametrale Vorgehensweise Julians beleuchtet, werden die dabei wirksamen Differenzen zwischen beiden Protagonisten nachgezeichnet und in ihren kausalen Konsequenzen analysiert. In einem letzten Kapitel steht schließlich die angesprochene fatale Zwangslage im Mittelpunkt, in die sich Julian gerade durch seine prononciert traditionelle Auslegung des Kaisertums – im Hinblick auf die außenpolitische Vorgehensweise – manövrierte. Hierbei soll belegt werden, dass es die vorausgegangene Stilisierung als basileus polemikos war, die Julian in ein erneutes imperator-Dilemma stürzte, das für ihn alsbald tödliche Folgen haben sollte und das für die Nachfolger erneut die Frage aufwarf, wie man diese prekäre Konstellation meistern könnte.

3.2 Constantius II. – Worte statt Waffen

Als heuristischer Einstieg dient eine Passage aus dem 14. Buch von Ammians Geschichtswerk, da sich an dieser Textstelle gleich mehrere Merkmale der ebenso schwierigen wie komplexen Herausforderung, die Constantius zu bewältigen hatte, exemplarisch nachvollziehen lassen. Darüber hinaus vermittelt jene Passage auch Aufschluss darüber, inwieweit das imperator-Dilemma zur Zeit des Theodosius, also viel später als das Itinerarium und aus der Retrospektive des Autors, der damals sein Werk verfasste, eine wichtige Rolle spielte und welche längerfristigen Entwicklungen von Ammian als wirkmächtige Prozesse angesehen wurden, deren Konsequenzen bis in seine eigene Zeit reichten.

Im Anschluss an diese Analyse wird der gewonnene Befund anhand der Reden des Themistios einer Prüfung unterzogen und die dabei zutage getretenen gedanklichen Verbindungen in ihrer Bedeutung für die übergeordnete Frage beurteilt. In einem letzten Kapitel, das sich der Münzprägung und den epigraphischen Quellen zuwendet, wird sodann die Gegenprobe gemacht und untersucht, inwieweit das imperator-Dilemma nicht nur eine literarische Konstruktion darstellte, sondern sich real in der eigenen und fremden Herrschaftsrepräsentation widerspiegelte.

3.2.1 Effektiver Verzicht auf Krieg – Ammian

3.2.1.1 Der alamannische Krieg findet nicht statt – die Operation gegen die Alamannen (354)

Ammians Einstellung zu Constantius ist – betrachtet man seine Beschreibungen insgesamt – meistens negativ, besonders im Vergleich zur Darstellung Julians. In der Forschung dominierte der Eindruck, dass Ammian herausragende Leistungen des Constantius nur auf dem Feld der Wissenschaft gesehen, während er ihm im Hinblick auf die Außen- und Religionspolitik jeglichen Erfolg abgesprochen habe.64 Diese Sichtweise orientiert sich an Ammians Verdikt im Nachruf auf Constantius: Obwohl Constantius sich durch einen umsichtigen Umgang mit dem Heer ausgezeichnet habe, ein Förderer der Wissenschaften und ein hervorragender Kenner aller Fertigkeiten der Fußtruppen gewesen sei, darüber hinaus in Bürgerkriegen große Erfolge gefeiert habe, sei seine Außenpolitik indessen von gravierenden Rückschlägen gekennzeichnet gewesen.65

Im Folgenden möchte ich jedoch zeigen, dass Ammian gerade das außenpolitische Vorgehen des Constantius positiver einschätzte als bisher angenommen und dass die Zwangslage des imperator-Dilemmas eine wichtige Rolle spielte bei Ammians impliziter Textstrategie, den Kaiser für seine eher defensive Außenpolitik zu verteidigen.66

Im 14. Buch berichtet Ammian über einen Feldzug des Constantius, den der Kaiser im Frühjahr 354 von Arelate aus gegen die Alamannen begann. Den Grund für den Feldzug sieht Ammian in den zahlreichen Einfällen der beiden Könige Gundomar und Vadomar, die das gallische Gebiet mit ihren Heeren brandschatzten.67 Im Heereslager bei Valentia (Valence sur Rhône) muss zunächst noch auf Nachschub gewartet werden, der sich aufgrund der unerwartet häufigen Frühjahrsregenfälle und der daraus resultierenden erhöhten Flussstände jedoch verzögert.68 Ammian berichtet, dass unter den inzwischen in Cabillonum (Châlon sur Saône) stationierten Soldaten eine äußerst gereizte Stimmung herrscht, da weder die Nahrungsmittel ausreichen noch der Nachschub rechtzeitig eintrifft und sie wegen dieser ungewohnten Verzögerung unruhig werden.

Der Gemütszustand der Soldaten wird drastisch beschrieben und erinnert in seinem Wortlaut (miles saeviebat, feritas) geradezu an die Verhaltensweise unkontrollierbarer barbarischer Truppen.69 Die emotionale Aufwallung (tumor) der Soldaten kann schließlich nur dadurch beruhigt werden, dass der praepositus cubiculi Eusebius Geldgeschenke an die heftig erregten Anführer des Aufruhrs (per turbulentos seditionum concitores) verteilt.70 Nachdem die Versorgung sichergestellt ist, bricht das Heer auf und gelangt nach weiteren wetterbedingten Schwierigkeiten an den Rhein, wo es auf eine Streitmacht der Alamannen trifft, die den Übergang mit starkem Bogenschützenbeschuss verhindert. Obwohl es sich hier um eine Pattsituation zu handeln scheint, schicken die Alamannen hohe Gesandte zu Friedensverhandlungen. Es folgen lange Beratungen unter den Römern, bis sich schließlich die Einsicht durchsetzt, dass ein Friede gewährt werden müsse, weil er unter gerechten Bedingungen verlangt worden sei und zudem der allgemeinen Sache diene.71

Trotz dieser rational verständlichen Entscheidung lässt Ammian Constantius seine Gangart gegenüber den Barbaren vor seinen Soldaten in einer Rede ausführlich verteidigen. Die literarische Ausgestaltung des historischen Augenblicks durch Ammian führt zu einem wesentlichen Befund: Da Ammian in seinem Text Reden von Protagonisten immer nur in neuralgischen Situationen einbaut,72 kann man davon ausgehen, dass der Geschichtsschreiber gerade diese Situation als einen kritischen und bedeutsamen Moment ansieht, mit der fingierten Rede des Constantius seinem Leser eine symptomatische Konstellation vor Augen führen und ihn auf eine besondere Problematik aufmerksam machen will. Aus diesem Grund birgt die Rede des Kaisers ein Erkenntnispotential hinsichtlich der Deutung solcher kritischen Situationen durch den Geschichtsschreiber.73

Zunächst legt Constantius in seiner Rede dar, warum eine friedliche Lösung des Konflikts die bessere Variante darstelle. Es fällt auf, mit welcher Inständigkeit Constantius die Zuhörer von seiner Entscheidung für eine friedliche Verhandlungslösung überzeugen möchte. Mit dem prominent über dem Anfang der Rede thronenden quaeso korrespondieren das commilitones mei fidissimi, womit Constantius seine Soldaten anspricht, und die mehrmalige, geradezu verzweifelt anmutende Bitte, den vorgestellten Plan mit neutraler Gesinnung anzuhören.74 In diesem Anfang der Rede wird bereits die Drucksituation des imperator-Dilemmas deutlich, die Soldaten – so kalkuliert Constantius – sind wohl gegen die von ihm präferierte friedliche Lösung des Kriegszuges.

Der Kaiser kommt sodann – wie es eigentlich aus rhetorischer Perspektive zu erwarten wäre – nicht auf einen eigenen Verzicht beim Abbruch des Feldzugs zu sprechen, sondern nur auf die vordergründig unerfüllten Belange der Soldaten.75 Dadurch macht Ammian deutlich, dass sich hier seiner Meinung nach zwei unterschiedliche und klar getrennte Interessenslagen gegenüberstehen: Während das Heer auf einen Feldzug drängt, insistiert der Kaiser auf einer diplomatischen Lösung des Konflikts. Sein Plädoyer, dem Friedensangebot der Alamannen nachzukommen, untermauert Constantius mit verschiedenen Beweggründen, die ein bezeichnendes Licht auf die gegebenen Umstände werfen und die als geradezu symptomatisch betrachtet werden können. Dabei kommt der Aspekt der Nutzensabwägung – utilitas rei publicae – ins Spiel. Der Kaiser erinnert daran, sich bewusst zu machen, dass ein Soldat stets den eigenen Nutzen vor Augen habe, wohingegen der Kaiser seinen Blick auf das Wohl des gesamten Heeres (custos salutis) richten müsse.76 Es wird somit deutlich, dass Constantius den Willen der Soldaten mit dem übergeordneten Interesse des Staates kontrastiert und dabei den kurzfristigen individuellen Vorteil, der sich vor allem in Beutegewinn konkretisiert, dem allgemeinen Nutzen nachordnet. Indem Ammian zweimal den Begriff der ratio verwendet, wird zudem auf einer impliziten Ebene die vernunftgemäße Vorrangstellung der friedlichen Lösung vor der militärischen suggeriert. Obwohl der Kaiser seinen Soldaten keine irrationale Handlungsweise direkt unterstellt, beinhaltet seine Argumentation jedoch indirekt diese Sichtweise und etabliert damit ein weiteres Gegensatzpaar zwischen einem affektiven, impulsgetriebenen Verhalten der Soldaten einerseits und dem nüchtern und pragmatisch denkenden, sich an übergeordneten Realitäten orientierenden Kaiser andererseits.

Ammian lässt Constantius im zweiten Teil der Rede das Friedensabkommen mit weiteren Beweggründen legitimieren: Dem Wunsch der Barbaren sei deshalb nachzukommen, weil sie mit gebeugtem Nacken (summissis cervicibus) um die Beendigung des Konfliktes ersucht hätten.77 Der Forderung nach Abbitte für den Vertragsbruch, nach Reue über das Vergehen und nachhaltigen Vertrauensbeweisen sei mit diesem Unterwerfungsgestus in ausreichendem Maße Genüge getan. Abschließend projiziert Constantius die Verhältnisse der aktuellen Situation auf eine allgemeine Ebene und leitet daraus seine Handlungsmaxime ab: Nicht nur derjenige Feind sei besiegt, der in einer Schlacht durch die Gewalt der Waffen niedergedrückt wurde (in acie pondere armorum oppressus), sondern „um vieles sicherer“ (multo tutius) die Gegner, die sich freiwillig unter das Joch begeben. Auf diese Weise vermittle man den Barbaren die eindeutige Botschaft, dass es die Römer gegenüber aufständischen Völkern nie an Stärke (fortitudinem in rebelles), gegenüber bittenden und einsichtigen Stämmen aber nie an Nachsicht (lenitatem in supplices) fehlen lassen würden.78 Ein ähnliches Argument schiebt Constantius gleich hinterher: Wenn man auf die Bitte eines sich schon unterwerfenden Gegners eingehe, bedeute dies nicht, dass eine solche Reaktion als träge Nachlässigkeit angesehen werde, sondern als Zeichen von Besonnenheit und Gefühl für die menschliche Würde (non enim inertiae, sed modestiae humanitatique, mihi credite, hoc … assignabitur).79

An der Rede des Constantius wird eines deutlich: Ammian lag daran zu zeigen, wie der Kaiser jeglichen Argwohn der ,Falken‘ in seiner Zuhörerschaft entkräften musste, die der Ansicht gewesen sein könnten, ein zu nachsichtiges Vorgehen gegenüber den Barbaren würde als Schwäche ausgelegt werden.80 Vor allem aufgrund des von Ammian als sehr inständig stilisierten Ausrufs mihi credite, der den beschwörenden Ton des Kaisers einfängt, wird der Leser dafür sensibilisiert, dass dieser Hinweis einen Dreh- und Angelpunkt in Constantius’ Argumentation einnahm und wohl auf die im römischen Heer verbreitete Ansicht rekurrierte: Wenn eine diplomatische Lösung eines Konfliktes trotz zuvor erlittenen Unrechts und trotz massiver Truppenstärke angestrebt wurde, rief dies zwangsläufig auf der Gegenseite den Eindruck von Schwäche hervor.

Bemerkenswert ist somit, wie Ammian Constantius in seiner Rede essentielle Bestandteile der basileus-polemikos-Tradition dekonstruieren lässt. Der Kaiser scheint sämtliche Argumente für eine Triumphnotwendigkeit unter den Tisch zu kehren, obwohl er in seiner Argumentation diesen Aspekt sogar als persönlichen Verzicht hätte instrumentalisieren können. Sodann sieht Constantius im entscheidenden Moment die Vergeltung sowie die Demonstration der eigenen Macht durch eine physische Auseinandersetzung nicht als unerlässlich an. Constantius reicht das Einlenken des Gegners, er besteht nicht auf einer Bestrafung für die vergangenen Invasionen und setzt damit nicht das Ideal der Deinokratie durch.

Ammian unterstreicht mit seiner Rede des Constantius, wie viele Anstrengungen der Kaiser seiner Meinung nach habe unternehmen müssen, um die Entscheidung des Kriegsabbruchs zu rechtfertigen. In der Summe ergeben Constantius’ Worte ein Argumentationsbild, das zeigt, dass Constantius die versammelten Soldaten mit allen Mitteln von folgenden Aspekten überzeugen muss: Das Friedensabkommen mit den Barbaren stelle keine ,Zweitlösung‘ dar; die vielen Mühen vor dem Feldzug seien nicht umsonst gewesen, sondern ein notwendiger Mosaikstein auf dem Weg zu einem günstigen Abschluss; der Verzicht auf eine kriegerische Konfrontation schone nicht nur eigene Kräfte, sondern belasse dem Gegner seine Würde und sorge dadurch für einen nachhaltigeren Effekt im Hinblick auf die Vertragstreue; das Demonstrieren von Stärke erschöpfe sich nicht in der Durchsetzung mit physischer Gewalt, sondern zeige sich auch beim nachsichtigen Verzeihen in der direkten Gegenüberstellung, die dem Gegner die potentielle Wirkkraft der römischen Armee vor Augen führe.81 Diese Strategie der Deeskalation, der Verzicht auf Vergeltung, das bewusste Beenden einer als unvermeidlich erscheinenden Spirale von Rache und Gegenrache sei das einzige Mittel, um das ständige Spannungsverhältnis an den Grenzen einigermaßen einzudämmen. Mit bedeutungsschweren Worten, die den Sachverhalt metaphorisch umrahmen, dadurch aber noch stärker an Eindringlichkeit gewinnen, mahnt Constantius seine Soldaten: ut incruenti mitigemus ferociae flatus perniciosos semper provinciis.82

Die von Ammian eingefügte Rede des Kaisers nach dem – von manchen Soldaten als unwürdig empfundenen – Abbruch der Operation gegen die Alamannen macht dem Leser somit auf verschiedenen Ebenen die Auswirkungen des imperator-Dilemmas deutlich. Durch das subtile Ineinandergreifen der Ereignisdarstellung sowie in der Rede des Constantius werden die mühsame Emanzipation des Kaisers von dem basileus-polemikos-Ideal und die operativen Zwangslagen, die damit verbunden sind, vor Augen geführt. Des Kaisers Entscheidung, das Friedensangebot der Alamannen anzunehmen, entstand nach Ammian in einer Situation der höchsten Anspannung.83 Das Urteil des römischen Kaisers musste in einem latenten Spannungsverhältnis unterschiedlicher, auch innerrömischer Parteien (Kaiser/Heer) getroffen werden. Seine Rede versinnbildlicht eine bewusste Akzentuierung in der außenpolitischen Vorgehensweise des Constantius, der sich mit seinem Weg emanzipiert von der überwiegend konträren Ansicht seiner Offiziere und Soldaten, die auf einer Lösung gemäß der Deinokratie und Epikratie insistieren.84 Insofern stellte es für Ammian eine erstaunliche Entwicklung dar, dass Constantius seine friedliche Regelung des Konflikts gegenüber der von den Soldaten favorisierten, rein militärischen Lösung zu behaupten wusste. Constantius ging das Risiko ein, seine Soldaten vor den Kopf zu stoßen; auf der anderen Seite hätte ein Kriegszug ebenfalls ein Risiko dargestellt, da ein prestigeträchtiger Erfolg – laut Ammian – nicht unbedingt gewährleistet war.

Das ständige Spannungsverhältnis zwischen Constantius und seinen Soldaten lässt sich auch daran erkennen, dass Ammian eine besondere Formulierung als funktionales Reizwort in die Rede einstreut, welches die Brisanz der mit dem imperator-Dilemma verbundenen Konsequenzen unterstreicht: Constantius bezeichnet sich selbst in einer einprägsamen c-Alliteration als cunctator et cautus.85 Das Wort „Zögerer“ haben manche Forscher als gezielte Kritik Ammians an Constantius verstanden.86 Schon der Zusatz cautus verweist aber auf eine umsichtige, bedachtsame und abwägende Haltung, die bei Ammian grundsätzlich positiv konnotiert ist.87 Die Soldaten, an die Constantius seine Rede richtet, mögen gerade diese Haltung und Vorgehensweise missbilligt haben. Aber das ist wahrscheinlich auch die Absicht Ammians, der hier das Spannungsverhältnis zwischen der – von ihm positiv beurteilten, wie noch zu zeigen ist – Haltung des Constantius und den völlig konträren Vorstellungen seiner Zuhörer in der konkreten historischen Situation auf die Spitze treiben will.88

Noch einmal: Es spielt für die vorliegende Interpretation keine Rolle, ob die Geschehnisse wirklich in dieser Form eintraten oder inwieweit Ammian die genauen Worte des Constantius wiedergeben konnte, geschweige denn, ob es eine solche Aussprache mit den Soldaten tatsächlich gegeben hat. Entscheidend ist, dass Ammian in besonderer Weise die Einengung des kaiserlichen Handlungsspielraumes in seinem Text geradezu inszenierte, durch eine fiktive Rede hervorhob und die damit verbundenen Dynamiken in einer ausgestalteten Passage mit Beispielcharakter für den Leser unterstrich.

Es muss in den folgenden Kapiteln nachgewiesen werden, ob das von Ammian somit markant betonte imperator-Dilemma nicht nur die Sichtweise eines Historikers widerspiegelt, der aus der Retrospektive der Regierungszeit Theodosius’ diese wirkmächtige Konstellation analysiert, sondern auch in anderen Quellen zeitgenössischer Provenienz nachgewiesen werden kann. In jedem Fall legt aber die Analyse des Kapitels 14.10 bei Ammian schon einmal die Vermutung nahe, dass die Erwartungshaltung an den Kaiser, sich persönlich als propagator imperii beweisen zu müssen, um 390 eine wichtige Rolle spielte. Inwieweit Ammian nun ein aktuelles Problem in die Zeit des Constantius hineinprojizierte oder inwieweit man von einer gewissen Kontinuität dieses Spannungsverhältnisses ausgehen muss, sollen die folgenden Untersuchungen zeigen, für die Quellen herangezogen werden, die in der direkten Situation entstanden sind und die weniger den Retrospektiv-Charakter aufweisen als der Text Ammians.

Zuvor muss aber noch die Frage diskutiert werden, wie Ammian, der diese Rede entworfen hat, zu den Worten des Constantius gestanden haben mag. Die Meinung, dass Ammian mit dieser Erzählung den Kaiser lediglich kritisieren und ihn als einen feigen Heerführer – im Unterschied zu Julian – diskreditieren wollte, ist nicht aufrechtzuerhalten.89 Der auktoriale Kommentar, mit dem Ammian direkt nach der Rede die Zustimmung der Soldaten begründet, kann zwar in diese Richtung gedeutet werden. So bringt der Geschichtsschreiber den Gesichtspunkt ins Spiel, die Soldaten hätten nur deshalb der Entscheidung zugestimmt, weil man Constantius lediglich in Bürgerkriegen das nötige Glück zutraute, nicht aber in Konflikten mit auswärtigen Völkern.90 Eine solche Interpretation greift indessen zu kurz. Ammian wird sicherlich mit großer Skepsis jegliche Handlung des Constantius verfolgt haben, aus seiner Beschreibung lassen sich jedoch Erkenntnisse gewinnen, die in eine andere Richtung weisen als bisher angenommen.

Zieht man noch einmal die gesamte Erzählung Ammians über den Feldzug heran und stellt sie der Rede des Constantius direkt gegenüber, so zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass das militärische Patt, welches kurz vor den Verhandlungen entstanden war, immer noch bestand.91 Die Römer befanden sich also – zumindest legt das der Bericht bei Ammian nahe – nicht in einer Position, in der sie ihre militärische Überlegenheit umsetzen konnten.92 Die Friedensgesandtschaft der Alamannen musste vor diesem Hintergrund zunächst wie ein glücklicher Zufall erscheinen. Darüber hinaus kann auch nicht geltend gemacht werden, dass der ,Problemfall‘ Gallus, über den Constantius gleich nach seinem Aufbruch nach Valentia unterrichtet wurde, als Katalysator für die Friedensbemühungen des Kaisers fungierte, um sich schnellstmöglich einem anderen Kriegsschauplatz zuwenden zu können.93

Der Kontext der Constantius-Rede lässt also die Rückschlüsse zu, dass der römische Kaiser aus der Sicht Ammians mit der diplomatischen Lösung des Konfliktes weder eine eminent vorteilhafte Situation aufs Spiel setzte noch einen unbedingt gewollten Feldzug einer anderen, unvorhergesehenen Aufgabe opfern musste noch sich eines glücklichen Umstands des Augenblicks – nämlich des Friedensangebots der Alamannen – bediente.94 Es war vielmehr nach Ammians Meinung weitaus vorteilhafter, dass sich Constantius als cunctatur cautus erwiesen hatte.

Für diese Vermutung, dass Ammian das Vorgehen des Constantius wohl als eine angemessene Vorgehensweise betrachtete, lassen sich weitere Belege finden: Wie bereits angesprochen, wirkt die Argumentation Constantius’ im Hinblick auf die gegenwärtige Situation sehr rational, wohingegen das Drängen und Verlangen der Soldaten auf einen Feldzug im Vorfeld geradezu irrational anmutet.95 Konträr dazu schildert Ammian gleichzeitig den Entscheidungsprozess der Alamannen, obwohl er offensichtlich keinen Einblick in deren Urteilsfindung hatte, als einen ebenfalls sachgemäßen und bewusst überlegten Beschluss (suscepto pro instantium rerum ratione consilio), der nicht den Keim eines hinterhältigen Plans gegen die Römer in sich trug.96 Die einzigen, die die Situation also richtig einschätzten, waren nicht die Offiziere und die Soldaten, sondern – die Barbaren und Constantius.

Ebenso gut könnte man sich umgekehrt die Frage stellen, warum Constantius seine Entscheidung überhaupt verteidigen muss. Schließlich war auch bei einer demütigenden Niederlage der Alamannen nicht garantiert, dass anschließend ein Friede länger bestehen würde.97 Des Weiteren schildert Ammian im Vorfeld des Feldzugs recht ausführlich, wie sehr die klimatischen Bedingungen allen Vorbereitungen einen Strich durch die Rechnung machten.98 Angesichts dieser Umstände ist es somit mehr als verständlich, dass Constantius in seiner Rede die von ihm gewählte Vorgehensweise damit verteidigt, ut Martis ambigua declinentur.99 Die Erfahrung der unsicheren Wetterverhältnisse sind Mahnung für alle, die den Krieg als ein berechenbares Feld ansehen und deshalb auf eine militärische Operation drängen, die wohl einen Erfolg in Aussicht stellt, der aber unter Umständen nur durch einen hohen Preis erlangt werden kann. Hält man sich diesen Umstand vor Augen, tritt der Eindruck eines ängstlichen römischen Kaisers, der seine eigene Zagheit unter dem Deckmantel der Ungewissheit im Krieg verstecken will, in den Hintergrund; Constantius’ Argument gereicht zu einem nüchternen, auf sachlicher Einschätzung der gegebenen Tatsachen beruhenden Urteil.100

Es scheint somit, als ob Ammian der Handlungsweise des Constantius und seiner Abwendung vom basileus-polemikos-Ideal indirekt zustimmte. Die zahlreichen Querverbindungen zwischen der Erzählung des Geschichtsschreibers und der Rede des Kaisers (Unterwerfungsgestus, rationales Verhalten), die sich teilweise wie komplementäre Teile einer Argumentation ergänzen (schwere klimatische Bedingungen, Ungewissheit im Krieg) erhärten zumindest den Verdacht, dass Ammian die Vorgehensweise Constantius’ für eine den Umständen angemessene Praktik hielt. Dieses Resultat kann auch herangezogen werden, um die offensichtliche Diskrepanz in Paragraph 16, der zwischen dem erfolgreichen Constantius im Bürgerkrieg und dem erfolglosen Constantius im Krieg gegen auswärtige Feinde unterschied, zu erklären. Die spätestens bei der Abfassung der Textstelle gewonnene Erkenntnis des rationalen und angemessenen Verhaltens des Kaisers stand bei Ammian in scharfem Widerspruch zu seiner häufig julianfreundlichen Sichtweise. Aus diesem Grund wurde dem beim Leser möglichen Effekt vorgebeugt, dass Constantius als der bessere Kaiser im Vergleich zu Julian erscheine.

3.2.1.2 Wirkungsvolle Verzeihung – Constantius gegen die Sarmaten (358)

Der Befund aus dem vorherigen Kapitel findet sich auch bei anderen Textstellen, vor allem bei Ammians Beschreibung des Feldzuges von Constantius an der ripa Sarmatica im Jahr 358.101 Der überaus lobend ausfallende und äußerst positiv gehaltene Bericht Ammians wurde in der Forschung verwundert zur Kenntnis genommen und mit dem Hinweis erklärt, dass Ammian an dieser Stelle zweifellos von einer panegyrischen Quelle sämtliches Material übernommen habe.102 Ich möchte im Folgenden zeigen, dass eine solche Deutung zwar denkbar ist, aber angesichts der bisherigen Ergebnisse auch eine andere Möglichkeit in Betracht zu ziehen wäre.

Ammian zufolge erreichen Constantius im Winterlager von Sirmium im Jahr 357/358 zahlreiche besorgte Meldungen, dass die Sarmaten und Quaden nach Pannonien und in einen Teil Mösiens eingedrungen seien.103 Im späten März zieht der Kaiser deshalb Landstreitkräfte zusammen und überschreitet die Donau. In zwei getrennten Truppenverbänden lässt er sein Heer vorrücken, um den Gegner in die Zange zu nehmen.104 Die Sarmaten weichen sofort zurück und verbergen sich in den Tälern des Gebirges.105 Die römischen Truppen verwüsten bei ihrem Vorrücken zahlreiche Landstriche und auch bei einem erneuten Zusammentreffen größerer Armeen, bei dem selbst die verbündeten Quaden nichts ausrichten können, schlagen sie ihre Gegner in die Flucht und dringen nun in das Gebiet der Quaden vor. Diese entschließen sich sogleich, aufgrund der vergangenen Ereignisse und aus Furcht vor dem Kommenden (ex praeterito casu impendentia formidantes), unterwürfig um Frieden zu bitten (rogaturi suppliciter pacem).106

Auffallend ist, wie detailliert Ammian nun die Unterwerfung des Sarmatenkönigs Zizais schildert: Dieser legt vor dem Kaiser die Waffen ab, wirft sich der Länge nach auf den Boden und bleibt dort regungslos liegen. Die Stimme versagt ihm, weil er immer wieder schlucken muss, und erst auf gutes Zureden vermag er seine Bitten in Worte zu fassen. Nachdem Zizais kniefällig um Vergebung und Verzeihung gefleht hat, nähern sich auch seine Begleiter, werfen ihre Schilde beiseite und breiten bittend ihre Hände aus.107 Doch damit nicht genug, ihr Beispiel veranlasst drei weitere Stammeshäuptlinge, bei Constantius um Vergebung für die vergangenen Taten nachzusuchen, und unmittelbar darauf kommen gar noch zwei andere Königssöhne der Sarmaten und Quaden, um mit dem Kaiser Frieden zu schließen. Schließlich „stürzte danach eine sehr große Anzahl von scharenweise heranströmenden Völkern herbei“, bot Geiseln an und erhielt daraufhin den Frieden.108

Dieser diplomatische Erfolg des Constantius war zweifellos außergewöhnlich; auch Ammian bestreitet an keiner Stelle die Errungenschaft, in so kurzer Zeit so viele auswärtige Völker und Stämme zu glaubwürdigen Friedensabmachungen veranlasst zu haben. Schaut man nun genauer auf die Analyse des Historikers, weshalb es zu dem raschen Einlenken vieler unterschiedlicher Gegner kam, deren Wildheit und trotziger Sinn des Öfteren erwähnt wird,109 so offenbart sich ein ganz wesentlicher Aspekt: Ammian betont, dass es gerade die verzeihende und nachsichtige Haltung des Constantius war, die den diplomatischen Triumph erst ermöglichte. Dies wird aus der Tatsache ersichtlich, dass er in seiner Beschreibung dem großzügigen und milden Verhalten des römischen Kaisers stets die Funktion eines direkten Impulses im Hinblick auf die Reaktion der Gegner zuweist. Die erste Kapitulation des Zizais und seiner Begleiter erfolgt, „weil man auf die ziemlich milde Haltung des Kaisers in solchen und ähnlichen Fällen vertraute“ (fidentes ad principis venere conspectum erga haec et similia lenioris). Nach dem Unterwerfungsgestus des Zizais nähern sich die anderen Häuptlinge „in der Hoffnung, ähnliches zu erreichen“ (impetrandi spe similia). Kaum ist diesen der Friede gewährt, eilen die Königssöhne Arahar und der Adlige Usafer herbei, „durch dieses ermunternde Beispiel der Milde“ (hortante hoc exemplo clementiae) veranlasst. Die letzte „große Schar“ von Stämmen bedrängt schließlich den Kaiser, „nachdem man gesehen hatte, dass Arahar straflos davongekommen war“ (postquam Araharium impune compererant abscessisse).110

Entscheidend ist, dass Ammian in dem gnädigen Umgang des Constantius mit seinen Gegnern den wichtigsten Faktor für die unterwürfige Haltung seiner Feinde sieht und damit für den Erfolg auf diplomatischer Ebene im Anschluss an einen militärischen Sieg.111 Arahar und Usafer lassen sich schnell bändigen und Ammian weist an mehreren Stellen darauf hin, dass sowohl Sarmaten als auch Quaden zu weitaus größeren Konzessionen bereit waren als ihnen der römische Kaiser schließlich abverlangte.112 Aber gerade hinter dieser gelassenen Besonnenheit, die Constantius in dem Text bei Ammian an den Tag legt, steht die verzeihende Haltung gegenüber Unterworfenen, ein Prinzip, das der römische Kaiser in seiner Rede nach dem Feldzug gegen die Alamannen eingefordert hatte und das wohl ein Grundprinzip seiner Politik gegen die Barbaren darstellte. Constantius entscheidet sich bewusst gegen die übliche Form einer brutalen Abschreckung des Gegners und gegen die oftmals als einzige Alternative angesehene Demütigung der Feinde im Sinne der Deinokratie und der Epikratie.113

Besonders erwähnenswert ist, dass Ammian, während er sich in seinem Bericht über die Ereignisse des Jahres 354 im Hinblick auf diese Vorgehensweise noch zurückhält, die Haltung des Constantius an dieser Stelle mit eindeutigen Worten kommentiert: Obwohl die Häuptlinge Rumo, Zinafer und Fragiled sich mit ihrem Vermögen, Kindern und Frauen der römischen Macht ausliefern wollten, sei dies von Constantius abgelehnt worden. Laut Ammian ließ man Gnade walten, und dies – ein entscheidender Zusatz – völlig zu Recht (praevaluit aequitati iuncta benignitas).114 Der nachsichtige Umgang mit Arahar sei ein „gerechtes und angemessenes Vorgehen“ (his ex aequo bonoque compositis) gewesen.115 Ammian billigt nicht nur die Maßnahmen des Kaisers, sondern qualifiziert sie als zweckdienliche und nachhaltige Handlungsweise.

Gleichwohl wurde die Kette der Unterwerfungsreaktionen durch einen Akt der Gewalt ausgelöst. Das Eindringen der römischen Truppen zuerst in sarmatisches, dann in quadisches Gebiet wurde begleitet von teils sehr harten Maßnahmen vor allem gegen die Zivilbevölkerung. Auch wurden bis zu diesem Zeitpunkt keine Verhandlungsangebote gemacht.116 Sobald die in die Defensive gedrängten Sarmaten und Quaden aber Verhandlungsbereitschaft zeigen, nimmt Constantius bei Ammian diese Möglichkeit sofort wahr und verlegt sich auf eine offene, gesprächsbereite und versöhnliche Haltung. Somit bringt er eine gleichsam neu akzentuierte Epikratie ins Spiel, die sich von der bisherigen Tradition löst und die Überlegenheit Roms nicht bis zum letzten Blutstropfen durchsetzen will, sondern bei einem Einlenken des Gegners dessen Angebot annimmt. Skeptikern, die hier einwenden könnten, dass ein Verhandeln mit den Barbaren als Schwäche ausgelegt und eine gleichsam ,partnerschaftliche‘ Abmachung keinen wirksamen Abschreckungscharakter entwickeln würde, nimmt Ammian im Folgenden den Wind aus den Segeln. Er macht die Nachhaltigkeit der Maßnahmen von Constantius insofern deutlich, als er die Furcht vor weiterem Vordringen, die den Gegner zum Einlenken veranlasste, detailliert herausarbeitet. Wörter aus dem Begriffsfeld Angst/Furcht (timor, formidantes, formido, pavor) treten immer wieder markant aus dem Textrelief hervor und strukturieren die Abfolge in der oben skizzierten ,ersten Phase‘.117 Jedoch weiß Constantius laut Ammian, dass es mit diesem einen Beispiel der Schreckensverbreitung genug ist, der Wechsel von der Taktik der Einschüchterung zur Politik der Entspannung wird Realität, den Stämmen um Rumo, Zinafer und Fragiled wurde gestattet, ihre Wohnsitze „ohne Furcht“ (impavidi) zu behalten.118

Im Anschluss an diese Ereignisse berichtet Ammian noch von den Verhandlungen mit den Sarmates Limigantes.119 Es fällt auf, wie die bei Ammian typischen Grundsätze von Constantius auch in dieser Situation greifen. Obwohl die Sarmaten römischen Schutz fordern, was Ammian für eine unangemessene Bedingung hält (auch Constantius muss sich beherrschen – iniquitate rei permotus), lässt sich der römische Kaiser nicht provozieren, ja nicht einmal zu einem Tadel hinreißen, sondern antwortet „mit im Gegensatz dazu freundlicheren Worten“ (verbis mollioribus) und macht deutlich, dass man nur ihm selbst und den römischen Heerführern gehorchen solle. Darüber hinaus setzt Constantius Zizais als neuen König ein – „damit die Wiederherstellung der Freiheit mit einer Vermehrung der Würde einherging“ (ut restitutio libertatis haberet dignitatis augmentum).120 Die Eckpfeiler dieser Außenpolitik sind dem Leser bekannt und als Resultat dieser Haltung stellt sich auch gleich der zu erwartende Erfolg ein: Alles wird in friedlichem Einvernehmen geregelt, die gesamte Angelegenheit von Ammian als glorisose gesta bezeichnet.121

Doch ist noch nicht an allen Fronten Ruhe: Es blieben Gruppen der Sarmates Limigantes, die sich gegen die oben erwähnten Sarmates erhoben hatten. Dieser Fall entpuppt sich jedoch für Constantius als eine schwierige Herausforderung: Zwar sind die Limiganten bereit, sich zu unterwerfen, einen jährlichen Tribut zu zahlen sowie junge Männer aus den eigenen Reihen für den Kriegsdienst zu stellen; aber sie lehnen es grundsätzlich ab, in ein anderes Gebiet umzusiedeln, wie Constantius es für sie vorgesehen hatte.122 Obwohl sich die Limiganten trotzig vor dem Kaiser aufstellen – in dem Ausdruck contumaciter und ut iubenda repudiarent ist die Empörung Ammians über dieses Vorgehen geradezu spürbar –, spricht der römische Kaiser sie mit freundlichen Worten an (lenius admonebat). Constantius zielt darauf ab, die Situation nicht weiter eskalieren lassen und den leicht zu provozierenden Charakter der Limiganten trotz einer als frech empfundenen Haltung nicht noch mehr herauszufordern (ne ferocirent).123 Ammian will dem Leser zeigen, dass der römische Kaiser seinen Gegnern in größtmöglichem Maße entgegenkommt, und er steigert diesen Effekt, indem er die unbelehrbare Manier der Limiganten hervorhebt, die ungeachtet der Deeskalationsversuche des römischen Kaisers ihr unbeherrschtes Naturell (furor) nicht zu zügeln bereit sind.124

Es kommt zur Eskalation des Streits und zu einem Gefecht, in dem die römischen Truppen die Oberhand behalten und ihre Gegner völlig besiegen. Die dabei offenbar werdende Brutalität, mit der die Römer die Limiganten behandeln, passt auf den ersten Blick überhaupt nicht zu der friedfertigen Vorgehensweise des Constantius. Doch wird der Leser über die Gründe für die grimmige Haltung der römischen Soldaten und die anzunehmende Duldung dieses Verhaltens durch den römischen Kaiser nicht im Unklaren gelassen: Ammian betont an mehreren Stellen, dass die Limiganten eine Entweder-Oder-Haltung praktizieren, die selbst die Vernichtung der eigenen Existenz einkalkuliere und in ihrer konkreten Radikalität jegliches Maß einer rational nachvollziehbaren Handlungsweise übersteige. Aus diesen Gründen sei es auch kein Wunder, wenn die Soldaten sich zu erbarmungslosen Taten hinreißen ließen, sie hätten die sinnlose „Verrücktheit dieser Kriegslust“ (cuius furoris amentiam) kaum ertragen.125

Darüber hinaus rechtfertigt Ammian die erbarmungslose Haltung der Römer auch damit, dass weiteres Blutvergießen verhindert wurde. Andere Stämme der Limiganten ringen, nachdem sie vom Schicksal ihrer Stammesgenossen gehört haben, mit einer Entscheidung, entschließen sich jedoch letztendlich dazu, sich zu ergeben.126 Ammian betont noch einmal, dass es eine besondere Leistung war, Teile dieses Stammes, der aus Menschen bestand, „von denen man dachte, dass sie lieber sterben würden als sich zur Umsiedelung zwingen zu lassen“ (qui animas amittere potiusquam cogi solum vertere putabantur) und „die die Möglichkeit zu zügellosem, wahnwitzigem Verhalten als Freiheit ansahen“ (licentem amentiam libertatem existimarent), zum Einlenken gebracht zu haben.127

Im Unterschied zur Beschreibung des Alamannenfeldzugs äußert sich Ammian in einem abschließenden Kapitel äußerst lobend über die Vorgehensweise des Constantius und spielt dabei auf die zwei Herangehensweisen – die diplomatische und die militärische – an. Der römische Kaiser habe „mit doppelter Methode“ (gemina ratione) den Feldzug zu einem äußerst günstigen Ende gebracht (hoc rerum prospero currente successu). So wird deutlich, dass Ammian seinen Constantius auch als basileus polemikos dem Leser präsentiert, aber eben – und das ist das große Lob – als einen Feldherrn, der die Eskalation der Gewalt nur dann einsetzt, wenn es die Sachlage erfordert. Während in den vorherigen Beschreibungen eine gewisse Skepsis gegenüber der nachsichtigen Haltung des Kaisers nicht verborgen bleibt, die Angemessenheit dieser Haltung aber nicht geleugnet wird, beurteilt Ammian nun die geduldige und großzügige Praxis im Umgang mit den Sarmaten bemerkenswert positiv: Constantius habe mit dem vorzüglichen Winkelzug, Zizais als neuen König einzusetzen, dem sich alle unterordneten und der über herausragende körperliche und geistige Fähigkeiten verfüge, „sein Werk der Gnade noch einmal gekrönt“ (ad gratiae cumulum).

Ammian erkennt somit die Vorgehensweise des Constantius als kluge und adäquate Praxis an. Hätte auch er Constantius tatsächlich als einen in der Außenpolitik zögernden Zauderer betrachtet, hätte der Geschichtsschreiber sicherlich nicht in einer solchen Ausführlichkeit die Entschlossenheit bei der Ahndung der Verfehlungen der Sarmaten ausgeführt. Obwohl Ammian in seinem Werk das Vorgehen des Constantius meist negativ beurteilt, kann man doch bereits die Annäherung ihrer Standpunkte beobachten: Zu Beginn der Operation gegen die Limiganten weist Ammian darauf hin, dass deren Frevel eigentlich auf keine Weise ungestraft hätte durchgehen dürfen (quos erat admodum nefas impune multa et nefaria perpetrasse). Die Erwartungshaltung geht eindeutig in Richtung Deinokratie. Dennoch – so scheint es – akzeptiert er den Versuch des Constantius, zunächst einmal alle Möglichkeiten der Diplomatie auszuschöpfen (deliberatum est tamen id quoque lenius vindicari, quam criminum magnitudo poscebat). Ammian kritisiert dieses Vorgehen in keiner Weise.128 Dass Constantius aber im Verlauf der Operation zu anderen Mitteln greifen muss, liegt – nach Ammian – an den beinahe unvermeidbaren Komplikationen als Folge der sarmatischen Charaktereigenschaften; sie stellt keinen diskreditierenden Paradigmenwechsel dar, die binäre Struktur (gemina ratione) der Vorgehensweise bleibt als Grundpfeiler bestehen.129

Es passt zu dem durchweg positiven Ton der gesamten Textstelle, dass Ammian Constantius nach der Beschreibung der Kriegsgeschehnisse noch einmal die Möglichkeit gibt, sich in einer Rede zu der von ihm praktizierten Handlungsweise zu äußern. Die wichtigsten Aspekte sollen hier kurz besprochen werden: Zu Beginn seiner Rede verweist Constantius erneut auf die Unterschiede in der Aufgabenverteilung zwischen einem Feldherrn (Kaiser) und seinen Soldaten, die er an differierenden Wahrnehmungsebenen konkretisiert. So freue sich der Soldat über die Taten, die Ausdruck seiner Entschlossenheit seien (miles strenue factis), wohingegen das Herz des Feldherrn höher schlage, wenn im Nachhinein die Klugheit seiner Entschlüsse (ductor prudenter consultis exultet) erkennbar werde.130

Zum Ende seiner Rede kommt Constantius noch einmal auf die eminent wichtige Problematik der Kräfteschonung zu sprechen, die bereits bei der Rede nach dem Alamannenfeldzug eine exponierte Rolle spielte.131 Während der Soldat eine Belohnung bei den gefangenen Feinden und der damit verbundenen Beute finde, sei der höchste Preis für den Feldherrn, wenn durch sein Streben „das Vermögen aller“ (omnium patrimonia) bewahrt bliebe. An dieser Stelle wird somit noch einmal auf die utilitas rei publicae verwiesen, eine Haltung, die über einen kurzfristigen und nur dem materiellen Gewinn Einzelner dienenden Erfolg hinausgeht und das ,große Ganze‘ in den Blick nimmt. Für Constantius konkretisiert sich dies in der Schonung der militärischen Kräfte, um andere Bedrohungen an den Grenzen ohne größere Verluste abwehren zu können. Den Soldaten – und dem Leser – wird noch einmal nachdrücklich vor Augen geführt, dass ein Kaiser bei jedem Feldzug übergeordnete, von individuellen Gründen unabhängige Parameter im Blick haben muss, sich nicht auf die Forderungen der Soldaten, die durch kurzfristige Verlockung auf Beute motiviert sind, einlassen darf und somit im Notfall auch ,unpopuläre‘ Entscheidungen zu treffen hat. Es scheint fast so, als ob Ammian – aus der Perspektive seiner eigenen Zeit, in der er schrieb – Constantius aus dem imperator-Dilemma befreien wollte.

3.2.2 Dekonstruktion des basileus polemikos – Themistios

Die Reden des Themistios erweisen sich gegenüber der eben analysierten Passage aus Ammian in doppelter Weise als Gegenprobe: An den Reden des Themistios lässt sich die Interaktion des Kaisers mit den zivilen und militärischen Eliten nachvollziehen, da die Artikulation der in den Reden vermittelten Argumente nicht auf einen einmaligen Akt beschränkt war. Themistios’ Reden wurden nicht nur einmal gehalten, sondern auch verschriftlicht und in Kopien vervielfältigt.132 Darüber hinaus können die Reden des Themistios herangezogen werden, um die Debatte über das imperator-Dilemma schon unter Constantius II. nachzuweisen.133

Bis vor einiger Zeit hat man den Lobreden des Themistios kaum Aufmerksamkeit gezollt oder ihren Wert als Quelle stark in Frage gestellt.134 Der Umstand, dass Themistios’ Panegyrik nur allzu schnell den Eindruck oberflächlicher Schmeichelei erweckt und darüber hinaus der von vielfältigen Topoi durchwebte Text vom jeweiligen Interpreten ein genaues Studium des Kontextes verlangt, trug verstärkt zu diesem Umstand bei.135

Auf der anderen Seite hat sich jedoch in den letzten Jahren die Ansicht durchgesetzt, dass Themistios’ Reden nicht einfach nur triviale Lobhudelei darstellen, die das Karrierebegehren des Autors manifestieren, sondern dass es sich um konkret auf den jeweiligen historischen Hintergrund zugespitzte ,Kommentare‘ handelt, die erkenntnisreiche Rückschlüsse auf bestimmte Sichtweisen des angesprochenen Publikums ermöglichen.136 Zudem wurde auch die enorme Aussagekraft dieses Genres hinsichtlich der politischen Programmatik des jeweiligen Herrschers erkannt.137 Welche Rolle Themistios dabei genau spielte und inwieweit er als ,Sprachrohr‘ von Constantius agierte, soll nach den ersten Analysen diskutiert werden.

3.2.2.1 Neue Kategorien des Sieges – oratio 1

Die Datierung der oratio prima erweist sich als schwierig. In der Forschung plädierte man für das Jahr 350 und begründete dies damit, dass Constantius’ Bruder Constans mit keinem Wort erwähnt wird.138 Die Erwähnung einer Amnestie könnte zudem auf die verzeihende Haltung gegenüber den Anhängern des Magnentius anspielen, womit die Rede auf das Jahr 351 zu datieren wäre.139 Allerdings wäre dann die völlige Übergehung des Magnentius bei gleichzeitigem Hinweis auf die Perser eine überaus erklärungsbedürftige Leerstelle, für die es kaum gute Argumente gäbe. Aus diesem Grund sprechen sich die meisten Forscher für eine frühere Datierung aus und setzen die Rede entweder auf 347 oder spätestens 350 an.140 Die relativ vage Einordnung tritt jedoch zurück hinter dem Umstand, dass Themistios zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch nicht dieselbe enge Nähe zum Kaiser und seiner Umgebung pflegen konnte wie in den folgenden Reden. Es ist nicht einmal sicher, ob der Redner seine Ausführungen in Anwesenheit des Kaisers vortragen konnte.141

Zwar ist die Rede des Themistios durch einen sehr hohen Grad an topischen Formulierungen und Beschreibungen gekennzeichnet. Wichtig ist aber, welche der Themen Themistios auswählt und inwiefern sich hinter diesen oftmals standardisierten Darstellungsweisen doch individuelle Bezüge zur aktuellen historischen Situation erkennen lassen.

Nachdem Themistios zu Beginn dargelegt hat, dass der philanthropische Herrscher der beste sei, kulminiert seine Definition der besten Eigenschaften in dem Wert der Selbstbeherrschung (σωφροσύνη). Die eher abstrakte und theoretische Definition wird sodann sofort mit einem aktuellen Bezug in Verbindung gesetzt. Themistios überlegt, wer „mit Recht ein tapferer Mann (ἀνδρείῳ) genannt werden könne“. Er verknüpft anschließend die beste Vorgehensweise mit der Zügelung der eigenen Affekte, wohingegen er der schlechten Methode eine unvermeidliche, weil auf zu hoher Emotionalität gründende Selbstzerstörung zuschreibt: „Etwa derjenige, der, um den Zorn der anderen abzuhalten, selbst seine eigenen Kinder aus Zorn tötet? Oder ist es nicht am ehesten ein Zeichen von Menschenliebe, der hitzigen Erregung (θυμοῦ) nicht zu unterliegen?“142

Mag der konkrete Geltungsbereich von Themistios absichtlich offen gelassen worden sein und auch andere Interpretationen ermöglichen, so lassen sich diese Ausführungen jedoch auf den Umgang mit Gegnern des Römischen Reiches projizieren. Vor einem solchen Hintergrund entfaltet das Argument des Themistios dann eine gewisse Dynamik: Der Redner ,fordert‘ den Kaiser auf, eine Haltung an den Tag zu legen, die selbst bei großen Provokationen nicht zum Gegenangriff bläst, sondern das Problem mit einer milden Güte zu lösen versucht. Des Weiteren spricht Themistios den Kaiser – sollte er gnädig mit den Feinden umgehen – sofort vom Vorwurf der Feigheit frei. Eine größere ἀνδρεία zeige derjenige, der sich nicht von seiner ὀργή beherrschen lasse.143

Dass mit diesem Ideal auch eine außenpolitische Konzeption verbunden werden kann, macht der folgende Teil der Rede deutlich. Im Gegensatz zu dem persischen König Shapur orientiere sich der römische Kaiser an der Maxime, dass die Ehrung mehr gelte als die Bestrafung (καὶ τὸ σχῆμα δέ που τῷ βασιλεῖ ἐκ τιμῆς τὸ πλέον, οὐκ ἐκ τιμωρίας).144 Dies sei jedoch keine naive Haltung oder ein Zeichen von Schwäche. Wenn jemand der Ansicht sei, „dass ein mildes Vorgehen zwar recht sei, gleichzeitig dadurch jedoch die Niedertracht gefördert werde“ (εἰ δέ τις οἴεται πρᾳότητα χρῆμά τι εἶναι δεξιόν, αὔξεσθαι δὲ ὑπ’ αὐτῆς πονηρίαν), so irre er sich. Ein gnädiges und verzeihendes Verhalten sei eine effektive Methode, den Täter eines Besseren zu belehren; die Vorteile einer solchen Handlungsweise würden aus vielfältigen Erfahrungen deutlich.145

Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass sich signifikante gedankliche Parallelen zu den Problematiken, die Ammian in seiner Darstellung des Alamannenfeldzuges von 354 aufwarf, ergeben und dass man ohne Skrupel die Ausführungen des Themistios – unter vielen anderen Referenzbereichen – auch auf die Vorgehensweise Constantius’ gegenüber den außenpolitischen Gegnern übertragen kann. Die Überlegung, worin sich tapferes Verhalten wirklich konkretisiere, die Verknüpfung dieser Diskussion mit der Problematik, ob eine wild entschlossene Gegenreaktion besser ist als großzügiges Verzeihen sowie die erstaunliche, aber unter diesen Vorzeichen eben doch nicht mehr überraschende Beruhigungsargumentation für all diejenigen, die ein nachsichtiges Verhalten als Schwäche interpretieren, lassen in ihrer Summe einen möglichen Schluss zu: Mag auch Themistios zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Funktion bekleidet haben, die er später ausübte, so lässt sich berechtigterweise annehmen, dass er in seiner ersten Rede – vielleicht auch, um seinen politischen Scharfsinn zu beweisen – auf Debatten Bezug nahm, die in der konkreten Situation eine wesentliche Rolle in der öffentlichen Diskussion gespielt haben dürften: das von manchen als (zu) nachsichtig empfundene Verhalten des Constantius gegenüber den Barbaren, die über die römischen Provinzen herfallen. Themistios will einer solchen Kritik zuvorkommen und richtet sich damit gegen all diejenigen skeptischen Kreise unter den militärischen und zivilen Eliten, die durch ein verzeihendes Verhalten gegenüber den Gegnern einen Mechanismus in Gang gesetzt sehen, den Synesios später so prägnant formulieren wird: „Wenn der Kaiser nicht Krieg führt, wird gegen ihn Krieg geführt.“146

3.2.2.2 Logokratie statt Deinokratie – oratio 2

Die zweite der sogenannten „Staatsreden“ des Themistios wurde im späten Herbst 355 zunächst vor dem Senat in Constantinopel gehalten und anschließend in schriftlicher Form nach Mailand zu Constantius geschickt, der nach dem Feldzug gegen die Alamannen dort weilte.147 Offizieller Anlass ist der Dank des Themistios für einen Brief des Kaisers, der im September 355 im Senat verlesen wurde und darüber informierte, dass der Redner in den Senat aufgenommen wurde.148 Gegenüber der ersten Rede sollten zwei Aspekte bei der Interpretation in Betracht gezogen werden: Zum einen ist anzunehmen, dass Themistios ab diesem Zeitpunkt ein Nahverhältnis zum Kaiser beziehungsweise seiner höfischen Entourage aufbauen konnte, das ihm wichtige Einblicke in die politischen Handlungsspielräume und Vorgehensweisen des Constantius ermöglichte.149 Darüber hinaus liegt der Zeitpunkt der Rede unmittelbar nach den Feldzügen gegen Gundomar und Vadomar sowie gegen die Lentienser, die ebenfalls nicht als prestigeträchtige Erfolge im traditionellen Sinne der Deinokratie beendet werden konnten.150

Erneut fällt auf, dass sich Themistios sofort prophylaktisch der Frage zuwendet, wie Constantius die Synthese von Herrscher und Philosoph in effektiver Weise gelingen kann. Anhand von Themistios’ Argumentation lässt sich ablesen, wie groß im Senat die Skepsis dagegen gewesen sein muss, mit ,philosophischen‘ Eigenschaften einen Staat wirkungsvoll regieren zu können, das heißt mit einer Vorgehensweise, die sich auch gegenüber den Gegnern an der Grenze an philanthropia orientiert. Die aufwendig betriebene Beweisführung des Themistios vermittelt ein instruktives Bild davon, wie manche Senatoren sich das Vorgehen des Kaisers eigentlich wünschten und dass die Außenpolitik als ein Betätigungsfeld angesehen wurde, in dem auf jeden Fall die Waffen sprechen und nicht abstrakte philosophische Konzepte zur Legitimierung eigener Handlungspraktiken herangezogen werden sollten.

Als erste Prämisse verweist Themistios darauf, dass ein richtiger Herrscher sein ganzes Handeln an der Vernunft ausrichte. Themistios prägt hier den markanten Ausdruck der „Hegemonie der Vernunft“.151 In der Folge dekonstruiert er alle diejenigen Meinungen und Ansichten, die einen Herrscher nur unzulänglich qualifizierten. Weder sollte man denjenigen als Herrscher wählen, der beim Gelage die beste Figur macht,152 noch denjenigen, der die größte und eindrucksvollste Statur besitzt.153 Und es gehe nicht darum, sich von äußerlichen Manifestationen von ,Macht‘ beeinflussen zu lassen: Nicht eine Tiara, nicht ein goldener Säbel, nicht Speer- oder Stabsträger und – das ist die Klimax, auf die der gesamte Gedankengang hinsteuert – eben nicht „eine riesige Zahl gestorbener Soldaten“ (ἀθάνατος ἀριθμὸς ἀποθνῃσκόντων στρατιωτῶν) charakterisierten den „besseren“ (βελτίω) Herrscher. Stattdessen gelte es, den Blick von oberflächlichen Kategorien wie ‚Stärke‘ und ‚Macht‘ abzuwenden hin zu handlungsleitenden Maximen, die den nachhaltigen Nutzen und die Effektivität im Blick haben.154

Dieses Konzept eines besten Herrschers, das sich laut Themistios von traditionellen Auffassungen abhebt, rückt nun in den Mittelpunkt der Rede: „Ihm [Constantius] reicht oft das Wort anstelle von Waffen und Soldaten“ – ἐξαρκεῖ δὲ αὐτῷ πολλάκις ὁ λόγος ἀντὶ τῶν ὅπλων καὶ τῶν στρατιωτῶν. Mit dieser Formulierung findet Themistios eine überaus prägnante Formulierung seiner Hauptthese: Die zweifellos weniger der Deinokratie verpflichtete, eher defensive und auf Verhandlungen setzende außenpolitische Vorgehensweise des Constantius sollte als genauso adäquat und effektiv, wenn nicht sogar noch als wirkungsvoller beurteilt werden als althergebrachte Kategorien der außenpolitischen Leistungsbemessung römischer Kaiser.155

Angesichts dieser Ausführungen drängt sich geradezu die Frage auf, ob Themistios mit seiner immer sehr allgemein anmutenden Argumentation nicht einen konkreten Sachverhalt vor Augen hatte. Eine absolute Sicherheit ist bei der Interpretation nicht zu erreichen, aufgrund der vorherigen Ergebnisse scheint aber eine gedankliche Verknüpfung äußerst wahrscheinlich: Schaut man auf den Alamannenfeldzug des Constantius ein knappes Jahr zuvor, so werden signifikante Übereinstimmungen zwischen der impliziten Botschaft des Ammian und der vorliegenden Rede offenbar. Dort hatte sich der Kaiser dafür entschieden, dass ihm – wie es Themistios formulieren würde – „das Wort anstatt der Waffen und Soldaten reicht“ und mit einem eindrücklichen Plädoyer für seine friedliche Lösung des Konfliktes geworben.156 Ebenso hatte er in seiner Ansprache an die Soldaten darauf bestanden, dass die Vernunft (ratio) sein Handeln leiten müsse und er von seinen Untergebenen deshalb nicht als feige geschmäht werden dürfe. Schließlich hatte er am Ende darauf hingewiesen, dass man sein Verhalten als Zeichen einer milden Haltung (modestia) ansehen solle, die sich mit πραότης deckt, welche Themistios in seiner Rede als den entscheidenden Wesenszug eines wahren Herrschers bezeichnet.157

Umgekehrt lässt sich sowohl bei Themistios als auch bei Ammian die andere Seite, die die traditionellen Ideale im Sinne eines basileus polemikos noch wertschätzte und sich daran orientierte, durchaus konkretisieren. Ammians Darstellung des die Soldaten um Verständnis bittenden Kaisers sowie Themistios’ beschwörendes Ersuchen nach einem Umdenken kongruieren in frappierender Art und Weise. Die Forderung nach einem im Feld siegreichen Kaiser, nach einem die Barbaren mit aller Gewalt zurückdrängenden Oberbefehlshaber ist bei beiden Autoren dennoch stets präsent, bei Themistios sogar, obwohl er ein gegenteiliges Modell entwirft. Auch bei Themistios werden somit die Spannungen und Dynamiken deutlich, die das imperator-Dilemma konstituieren. Ammians Beschreibung des imperator-Dilemmas stellten somit nicht nur eine Rückprojektion in frühere Zeiten dar, sondern die Rezeption und Verarbeitung einer Diskussion, die schon Jahrzehnte zuvor existierte.

All diese Befunde führen aber noch zu einem weiteren Aspekt, der in diesem Zusammenhang geklärt werden sollte. Welche Rolle genau spielte Themistios bei seiner Rede bezüglich einer potentiellen Agenda des Kaisers? Wie sind seine ,Aufforderungen‘ an den Kaiser zu verstehen? Macht man sich bewusst, dass die Rede nach dem Alamannenfeldzug gehalten wurde, so lässt sich zu Recht annehmen, dass Themistios hier in einer gewissen Funktion als Vertreter für Constantius agiert, um den unbeliebten Kurs des Kaisers in außenpolitischen Angelegenheiten zu erklären, zu verteidigen und gegenüber dem Senat als beste Variante für den Umgang mit den Gegnern an der Grenze – und in schriftlicher Form auch anderen Kreisen wie den militärischen Eliten im Umfeld des Kaisers – vorzustellen. Aus dem Abgleich mit Ammian, aber auch mit anderen Reden auf Constantius, gehalten von Julian oder Libanios, aber auch mit offiziellen Dokumenten, die im Folgenden noch besprochen werden, wird deutlich, dass Themistios sowohl diejenigen Punkte ansprach, die Constantius in seiner Agenda besonders wichtig waren, als auch diejenigen Aspekte berührte, die bezüglich der genauen Rolle des Kaisers intensiv diskutiert wurden.158

Dass es sich dabei um einen Zufall handelt, erscheint ausgeschlossen; im Gegenteil, es muss eher angenommen werden, dass Themistios um die wichtigsten Aspekte der jeweils brisanten und aktuellen Themen wusste.159 Allerdings konnte Themistios auch kein reiner ,Erfüllungspanegyriker‘ sein; denn der Redner agierte offiziell als Vertreter des Senats und konnte in seinen Ausführungen nicht ein völlig wirklichkeitsfernes Szenario liefern, das bei den impliziten Adressaten der Reden – den militärischen und zivilen Eliten – nur Kopfschütteln hervorgerufen hätte. Themistios musste also einen Mittelweg finden: Auf der einen Seite galt es, die Interessen des Kaisers zu berücksichtigen und seine Vorgehensweise an den Grenzen Roms zu rechtfertigen. Auf der anderen Seite durfte diese Legitimierung der kaiserlichen Politik nicht in eine Situationsbeurteilung münden, die sich von der Realität zu weit entfernte oder gewisse Erwartungen zu sehr enttäuschte. Nur das zu sagen, was Constantius durchsetzen wollte, konnte sich Themistios angesichts der komplexen Konstellation Kaiser-Senat-Redner also gar nicht leisten. Seine besondere Aufgabe lag somit darin, in einem Aushandlungsprozess die Interessen des Kaisers zu vermitteln und dabei auf die jeweiligen Vorstellungen und Anliegen der Senatoren Rücksicht zu nehmen, selbst wenn die kaiserliche Politik dazu in einem gewissen Widerspruch stand.160

An diesem Punkt stellt sich eine zweite wichtige Frage, die unmittelbar aus dem eben skizzierten Befund resultiert: Aus welchem Grund war es für den römischen Kaiser bedeutsam und erstrebenswert, seine Politik zu rechtfertigen? Hier kommt das imperator-Dilemma wieder ins Spiel, die Antwort ist eng mit der Frage nach dem Publikum der Themistios-Reden verbunden. Schaut man auf die Zuhörerschaft seiner Panegyrik, so wird deutlich, dass ab 355 die meisten Ansprachen vor dem Senat von Constantinopel gehalten wurden, dessen Zusammensetzung hier wichtig ist:161 „The body assembled in Constantinople by the Emperor Constantius represented a fair cross-section of the upper echelons of the landowning, tax-paying, tax-gathering, and locally dominant opinion by whom and for whom the Empire was run.“162

Obwohl Themistios in seinen Reden behauptet, das Sprachrohr des Senats zu sein,163 war es genau umgekehrt: Der Redner sollte die Vorteile der jeweiligen kaiserlichen Politik gegenüber den Senatoren vermitteln, die als Großgrundbesitzer in den verschiedensten Reichsteilen davon überzeugt werden mussten, dass ein der Diplomatie verpflichteter, wenn auch von manchen als zu ,nachsichtig‘ empfundener Umgang mit den Gegnern die richtige Lösung für die Probleme an den Grenzen war.164 In der gleichen Weise war es nicht Jovian, der in or. 5 von dem demütigenden Frieden mit den Persern 363 überzeugt werden musste, sondern die Senatoren und Steuerzahler, die sich mit dieser Maßnahme nicht anfreunden konnten.165

Aus diesem analytischen ,Negativ‘ der Rede des Themistios wird deutlich, dass viele Senatoren die Politik einer erbarmungslosen Deinokratie gegenüber den Gegnern an der Reichsgrenze bevorzugten und nicht auf die Anwendung diplomatischer Mittel setzten.166 Das Ideal vom basileus polemikos und wirtschaftliche Interessen bedingten sich gegenseitig. Ein kriegerischer Kaiser wurde nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen gefordert und bei der Durchsetzung der römischen Belange eine harte, rächende Politik gegenüber den Feinden als effektiver angesehen als Tribute oder Diplomatie. Die in der Panegyrik oftmals so prominent hervorgehobene Milde (clementia) – das parcere subiectis – fand im Alltag relativ wenig Anklang, wenn es um harte Auseinandersetzungen und Konflikte mit bedeutsamen Folgen für eigene Interessen ging. Ansonsten hätte es Themistios nicht nötig gehabt, so intensiv die Politik des Kaisers zu verteidigen.

3.2.2.3 Die Macht des friedlichen Sieges – oratio 4

Anhand der vierten Rede des Themistios können die bisherigen Befunde noch einmal erhärtet und durch neue Aspekte ergänzt werden. Auch bei dieser Rede ist das genaue Datum umstritten, im Allgemeinen wird sie jedoch im Jahr 357 verortet.167 Gesichert ist immerhin, dass die Rede in Constantinopel anlässlich einer Feier für Constantius II. in Italien gehalten wurde.168 Da Constantius zu dieser Zeit in Rom weilte, muss man davon ausgehen, dass zunächst einmal nur die Senatoren von Constantinopel die Zuhörerschaft bildeten. Trotzdem ist es überaus wahrscheinlich, dass die Rede dann auch nach Italien geschickt wurde, sie somit verschriftlicht und auch einem größeren Publikum zugänglich war.

Nach einer Einleitung über die Bedeutung des Constantius für die Stadt Constantinopel veranschaulicht Themistios am Beispiel der Erhebung des Vetranio, welche herausragenden Taten Constantius zu verrichten imstande sei. Erneut – und in engem Anschluss an die zweite Rede – betont Themistios die Macht des logos als wichtigster Waffe des Kaisers. So stelle der Sieg gegen den Mitkaiser, der ohne jedes Blutvergießen zustande gekommen sei, einen weitaus bedeutenderen Vorgang dar als jedes andere militärische Unternehmen: Weil der Triumph über Vetranio „mit einer Rede“ (διὰ τοῦ λόγου) errungen worden sei, hätte Constantius „mit der schönsten Waffe“ (τῷ καλλίστῳ ὅπλῳ) gekämpft.169 Auf diese Weise wird das besondere Geschick des Constantius noch einmal betont und die Wirkkraft dieser Praxis auch gegenüber ,internen‘ Gegnern, die einen blutigen Bürgerkrieg provozieren könnten, hervorgehoben. Die mit physischer Gewalt eigene Interessen durchsetzende Eigenschaft eines basileus polemikos wird also durch eine andere Fähigkeit kompensiert, ja dieser sogar nachgeordnet.170

Es folgt – erneut wie in der zweiten Rede – eine pointiert angelegte Aufforderung an die Zuhörer, umzudenken, etablierte Vorstellungen über Bord zu werfen und für neue Manifestationsformen eines Sieges offen zu sein. Themistios weist darauf hin, dass Constantius dem Senat stets auch von seinen militärischen Operationen berichtet habe. Der Kaiser habe die feindlichen Gegenden, die Angriffe der Schwerbewaffneten und die Siege der Kavallerie „vor allem deshalb“ (καὶ ἐπὶ μάλιστα) beschrieben, um die Senatoren „durch seinen Bericht dazu zu zwingen (ὑμᾶς προσαναγκάζων τῷ λόγῳ), die Überbrückung des Rheins, die Vernichtung der Chaonen und Jazygen sowie die Bestrafung der Germanen für ihre Freveltaten endlich wahrzunehmen und anzuerkennen.“171 Dieser Hinweis des Redners ist zweideutig und offenbart das Spannungsverhältnis zwischen dem Kaiser und dem Publikum der Rede. Abseits des reinen Informationsgehaltes – der Kommunikation zwischen Constantius und den Senatoren – entlarvt Themistios hier traditionelle Erwartungshaltungen und spielt auf die negativen Konsequenzen des imperator-Dilemmas an: Der Kaiser muss unbedingt ,nachweisen‘, dass er militärische Erfolge errungen hat, und er muss seine Akzeptanzgruppen dazu zwingen, diese Leistungen wahrzunehmen.172 Nach Themistios berichtet der „Feldherr“ (στρατηγός) Constantius nur noch deshalb über seine Feldzüge, um damit die Senatoren zufrieden zu stellen, die – wie es die Formulierung des Themistios nahelegt – eine solche Vorgehensweise wünschten und voller Ungeduld „Siege von Schwerbewaffneten und der Reiterei“ erwarteten.173 Die mit der Deinokratie- und Epikratievorstellung verbundene Forderung nach einem basileus polemikos wird zur wenig nachhaltigen Pflichterfüllung, deren Sinnhaftigkeit sich aus keiner konkreten Situation erschließt.

In die gleiche Richtung geht auch das Argument, mit dem Themistios anschließend aufwartet: So habe er Gesandte aus Susa in Antiochia (am Orontes) gesehen, die den Prätorianerpräfekten174 um Frieden und einen Vertrag mit dem römischen Kaiser gebeten hätten.175 Themistios hält einen solchen „Sieg für brachialer, als wenn die Perser in letzter Zeit in einem Kampf besiegt wurden, ihr Gebiet verwüstet wurde und wir Festungen eingenommen sowie Kriegsgefangene gemacht haben.“176 Die Rhetorik des Themistios ermöglicht einen Einblick in die Notwendigkeit, das Vorgehen des Kaisers zu verteidigen. Indem er den – friedlichen – Sieg als „brachialer“ (ἰσχυροτέραν) bezeichnet, suggeriert er seinen Zuhörern, welche wohl die gewaltsame Durchsetzung des römischen Willens erwarteten, die noch machtvollere Dimension eines friedlichen Sieges. Er zeigt auf, dass ein Sieg nicht nur mit ,traditionellen‘ Kategorien zu definieren ist und sich nicht an äußerlichen ‚Triumphen‘ wie der großen Zahl von Kriegsgefangenen und eingenommenen Festungen ablesen lässt: Constantius’ unblutiger Sieg sei größer, als wenn er in einem „Kampf“ (μάχῃ) – Themistios gebraucht wohl bewusst den Begriff einer physischen Auseinandersetzung zweier Parteien – erreicht worden wäre; denn, und damit wird nochmals auf die oben erläuterte Praxis der „Belehrung“ des Feindes Bezug genommen, „nun aber, wo sie aus freien Stücken einlenken, zeigen sie, dass sie selbst erkannt haben, dass sie unterlegen sind.“177

Insgesamt lässt sich für die gesamte Rede feststellen, dass Themistios erneut ein Umdenken unter den Senatoren einfordert und traditionelle Auffassungen von einem basileus-polemikos-Ideal umkodiert. Die außenpolitische Vorgehensweise von Constantius dürfe nicht nach überkommenen Maximen beurteilt und abgestempelt werden, sondern sei im Hinblick auf ihre längerfristigen Folgen zu bewerten. Die ironisch eingestreuten Bemerkungen des Redners, dass der Kaiser hin und wieder ja auch Völker unterwerfe und Angriffe von Schwerbewaffneten durchführe, sind Teil der intendierten Unterminierung etablierter Anschauungen; zum anderen sind sie aber Hinweise darauf, dass Constantius’ Methode keiner Feigheit oder militärischer Unfähigkeit geschuldet sei, da der Kaiser in ausweglosen Situationen durchaus auch zum letzten Mittel greife und die Durchführung militärischer Operationen beherrsche.

Betrachtet man noch einmal die gesamte Rede und vergleicht sie mit den Ausführungen bei Ammian, so fällt auf, dass Themistios den Kaiser um Dinge ,bittet‘, die Constantius – Ammian zufolge – eigentlich bereits angewandt hat. Warum also das Gesuch oder gar die Einforderung von politischen Schritten, die bereits eingeleitet oder durchgeführt worden sind?178 Der rhetorische Kunstgriff, der sich hinter diesem scheinbar sinnlosen Appell verbirgt, besteht darin, mit einer Bitte die Aufmerksamkeit der Zuhörer vom eigentlichen Ursprung der kaiserlichen Politik abzulenken: „If, in a formal speech delivered to an emperor, someone began to plead with him to continue what he was already doing, this planted the idea that he might not.“179 Indem man beispielsweise für eine gemäßigte Politik gegenüber den Feinden an der Grenze plädiert, nimmt man den Kaiser in Schutz und ermöglicht es ihm, sich bei den bereits erfolgten Maßnahmen auf wohlwollende ,Bestätigung‘ aus anderen Kreisen zu stützen. Wenn Themistios also eine milde Vorgehensweise gegenüber den Barbaren einfordert, liefert er dem Kaiser gegen potentielle Kritiker ein Argument, das gleichzeitig in eine öffentliche Verlautbarung gegossen wird.

Macht man sich diesen Zusammenhang bewusst, so wird auch die eigentliche Funktion der Passagen, in denen Themistios vordergründig seine eigene Unabhängigkeit aufgrund seines Philosophenstatus betont, offenbar. Sie dient dazu, den Zuhörern die gedankliche Autonomie der vorgestellten Überlegungen zu suggerieren und gleichzeitig von dem existierenden Nahverhältnis zum Kaiser und seinem Umfeld abzulenken. Durch den Vergleich mit Ammian wird deutlich, dass Themistios darauf abzielt, die außenpolitische Vorgehensweise seines Kaisers, die in eklatantem Widerspruch zur basileus-polemikos-Vorstellung stand und Constantius in ein gefährliches imperator-Dilemma brachte, zu rechtfertigen und Constantius des Erwartungsdrucks zu entheben, als militärischer Anführer offensive Kriege gegen Barbaren zur Demonstration der eigenen Leistungsfähigkeit führen zu müssen. Interessant ist hierbei auch die Entwicklung in den Reden des Themistios: Während es in der zweiten Rede nur darum ging, das außenpolitische Vorgehen des Kaisers zu rechtfertigen, geht Themistios in der vierten Rede den nächsten Schritt, indem er die paradoxen Wirkmechanismen des imperator-Dilemmas problematisiert und seinen Zuhörern vor Augen hält.

3.2.3 Abwendung vom deinos aner – die Münzprägung

Durch die Analyse literarischer Quellen – Ammian und Themistios – ließ sich nachzeichnen, wie die Problematik des imperator-Dilemmas auf verschiedenen Ebenen wahrgenommen, die daraus resultierenden Konsequenzen reflektiert und neue Legitimationsstrategien des römischen Kaisers diskutiert wurden. Es stellt sich nun die Frage, welche Informationen man aus Quellen erhalten kann, bei denen der Grad der direkten Abhängigkeit vom Kaiser und der ihn beratenden Umgebung noch einmal höher ist. Zwar ließ sich aus den Reden des Themistios, bei dessen Gedanken und Formulierungen man eine gewisse Überschneidung mit kaisernahen Kreisen annehmen muss, schon ein erster Eindruck gewinnen; im Folgenden soll nun aber untersucht werden, welche Rückschlüsse sich aus einer mehr ,offiziellen‘ Darstellung ziehen lassen. Hierfür beziehe ich mich vor allem auf die Münzprägung und im nächsten Kapitel auf ausgewählte Inschriften.

Aufgrund der oben skizzierten Besonderheit spätantiker Münzprägungen180 möchte ich jedoch bei der numismatischen Analyse davon Abstand nehmen, einzelne Prägungen konkreten Ereignissen zuzuordnen, sondern aus einer übergreifenden diachronen Perspektive Veränderungen und Modifikationen im Text- und Bildprogramm aufspüren, die einen belastbaren Befund vor der Folie der bisher erbrachten Resultate ergeben.

Eine erste Tendenz wird sichtbar, wenn man nach Veränderungen der Bildmotive auf der Reversseite Ausschau hält und als Ausgangsfrage die aus den Textquellen erarbeiteten Ergebnisse heranzieht. Ein wichtiger Aspekt in der Außenpolitik des Constantius, der – wie aus der Panegyrik des Themistios deutlich wurde – kontrovers zwischen Kaiser, militärischen und zivilen Eliten diskutiert wurde, war die Abkehr vom basileus-polemikos-Ideal und der Versuch, von den Zwängen des imperator-Dilemmas loszukommen. Anhand der Bildprogramme auf den Münzprägungen des Constantius lassen sich allmähliche Veränderungen erkennen, die der Kaiser für seine Außendarstellung einbrachte, und aus den Unterschieden lässt sich auf mögliche Absichten hinter den individuellen Modifikationen schließen.

Ein heikles Thema, das von den Panegyrikern oft nur mit äußerst umständlicher Argumentation und zum Teil bemerkenswerten Aussagewechseln behandelt wurde, war der Umgang mit den Feinden. Themistios plädierte für Constantius’ schonungsvolles und friedliches Verhalten gegenüber den Barbaren, das symptomatisch für die Abkehr vom offensiven basileus-polemikos-Konzept stand. Diese Programmatik gewinnt Profil vor der Kontrastfolie der Rede des Synesios, bei dem sich der wahre Kaiser als deinos aner in einer harten und kompromisslosen Haltung gegenüber den Feinden manifestiert und bei dem der wahre Kaiser nicht verhandelt, sondern sich aktiv ins Kampfgeschehen stürzt, um dadurch seine Legitimation als Herrscher zu demonstrieren.

Vor diesem Hintergrund sind deshalb vor allem jene traditionellen Darstellungen auf dem Revers von besonderem Interesse, welche die Sieghaftigkeit des Kaisers über die Völker der Barbaren durch eine Figuration eines direkten ,Kampfes‘ abbilden. Eine der prominentesten Darstellungen in dieser Hinsicht ist die überaus häufig vorkommende Maiorinaprägung von Constantius II. mit der Legende fel temp reparatio, die seit 344 ausgegeben wurde und auf dem Revers das Motiv des sogenannten „Reitersturzes“ trägt.181 Ein gepanzerter Krieger, der mit Helm, Lanze und Schild bewaffnet ist, sticht auf einen gestürzten Reiter ein. Dieser umklammert den Hals seines eigenen Pferdes, während beide aufgrund des Stoßes vornüber stürzen; auf manchen Darstellungen hält der Unterlegene seine Hand abwehrend nach oben, auf anderen liegt er bereits neben dem Pferd am Boden.182

Abb. 1:
Abb. 1:

Constantius II., AE2, 351-355, RIC 8.72 (Alexandria). Obvers: D N CONSTAN-TIVS P F AVG, Revers: FEL TEMP RE-PARATIO

Während ein Teil der Forschung den siegreichen Krieger als „Legionär“ oder „Virtus“ identifizierte,183 muss man aufgrund verschiedener Beobachtungen jedoch davon ausgehen, dass der Kaiser persönlich abgebildet wurde: Der Krieger hat um seinen Panzer eine Binde geschlungen, die wahrscheinlich auch von römischen Soldaten getragen wurde, bei guten Exemplaren aber als Offiziersbinde zu erkennen ist, die sowohl die höherrangigen Offiziere wie auch den Kaiser von den niederrangigen Soldaten unterschied. Eine Identifizierung als Kaiser wird zudem durch mehrere Vergleiche gestützt.184 Im Hinblick auf den unterlegenen Kämpfer kann man annehmen, dass es sich dabei um einen persischen Krieger handelt, womit die Vermutung nahe läge, dass die Prägung auf die Ereignisse bei Singara anspielt.185 Völlig unabhängig jedoch von der Frage, auf welches konkrete Ereignis dieses Motiv Bezug nimmt,186 wird aus den bisherigen Ergebnissen deutlich, dass der Kaiser als deinos aner dargestellt ist. Das Bildprogramm suggeriert einen Regenten, der sich – wie es Synesios fordern würde – direkt in das Kampfgeschehen stürzt, also die Promachieforderung erfüllt und dabei seinen Gegner mit aller Macht zu Boden stößt. Die Ikonographie zeichnet sich durch eine überaus dramatische Dynamik und zugleich durch eine vergleichsweise brutale Motivik aus, die dem Betrachter die militärische Tätigkeit des Kaisers eindrücklich vor Augen führt, ja, ihn in geradezu plastischer Weise damit konfrontiert. Wichtig ist nun, dass dieses Motiv, für das es während Constantius’ Regierungszeit in seiner illustrativen ,Gewalthaftigkeit‘ kaum ein ähnlich prominentes Äquivalent gibt, eben eine Maiorinenprägung war, die entsprechend der oben skizzierten Distributionskontexte besonders auf die rangniederen Soldaten abzielte.187 Interessanterweise gibt es zu diesen Prägungen keine Variante mit einem signifikant höheren Nominal, das dieselbe Motivik auch für die höheren Kreise, also militärische und zivile Eliten, präsentiert hätte. Der Befund lässt den Schluss zu, dass Constantius, sofern er überhaupt Abbildungen verwendete, die ihn als deinos aner an der Front zeichneten, dieses Bildthema vor allem unter die gemeinen Soldaten streute, nicht aber unter die höheren Kreise seiner Administration und des Reiches. Das Umfeld des Kaisers kalkulierte damit, dass dieses Bildprogramm des knallharten Vorkämpfers römischer Interessen am ehesten von denjenigen Gesellschaftsschichten, die nicht zu den Eliten gehörten, als die angemessene Vorgehensweise gegenüber den Gegnern an der Grenze des Reiches betrachtet wurde.

Ein ähnliches Motiv, das mit den bei Synesios so prominent hervortretenden Idealen gedanklich kongruiert, ist bei all jenen Münztypen konkretisiert, auf denen der Kaiser mit einem besiegten Barbaren dargestellt ist, der entweder vom Kaiser, welcher oftmals eine Trophäe in der Hand hält, weggeschleift wird oder der sich unterhalb des Kaisers befindet, welcher demonstrativ einen Fuß auf den Barbaren stellt und damit die Unterwerfung figurativ durch einen symbolischen Sieggestus demonstriert. Diese Darstellungen, bei denen ein Barbar von einem Repräsentanten römischer Sieghaftigkeit eindeutig in einem bildlich zum Ausdruck gebrachten Unterwerfungsgestus niedergehalten wird, ist bereits seit der Tetrarchie ein geläufiges Motiv der römischen Münzprägung.188

Abb. 2:
Abb. 2:

Constantius II., AE2, 348-350, RIC 8.75 (Cyzicus). Obvers: D N CONSTAN-TIVS P F AVG, Revers: FEL TEMP – REPARATIO

Gleichwohl – dieser Reverstyp hat gegenüber der direkten Promachie-Botschaft des Reitersturzes eine signifikant andere Akzentuierung, die es sich zu vergegenwärtigen gilt. Ein klarer Anhaltspunkt ergibt sich, wenn man das Zeremoniell der calcatio colli in Betracht zieht, das mit diesem Motiv verknüpft ist. Als der von den Westgoten erhobene Gegenkaiser Priscus Attalus 415 gefangen genommen war, wurde er ein Jahr später in einem Triumphzug, der als letzter dieser Art für die Stadt Rom bezeugt ist, von Honorius mitgeführt.189 Zunächst musste der Usurpator vor dem Triumphwagen des Honorius die Wegstrecke gehen.190 Bei dieser Gelegenheit integrierte Honorius wahrscheinlich zum ersten Mal eine calcatio colli in den Triumphritus, bei der der Kaiser seinen Fuß demonstrativ auf den besiegten Gegner stellte und damit die Unterwerfung performativ nachstellte.191 Die calcatio war jedoch bereits vor Honorius ein im Alltag präsentes Motiv. Shapur I. hatte eine calcatio an Valerian als Antwort auf ein römisches Ritual oder römische Darstellungen durchgeführt.192 Und Constantin hatte 328/329 einen Solidus mit der Reverslegende constantiniana dafne prägen lassen, der Victoria mit einem Palmzweig in beiden Händen und mit einem Fuß auf einem Gefangenen zeigte.193

Honorius band die calcatio colli als ,Programmpunkt‘ demonstrativ in den Ablauf des Triumphzuges ein, führte den Zuschauern als performativen Akt in einer Art Standbild genau das Motiv aus den oben genannten Prägungstypen vor Augen und zeigte damit, dass man den Sieg über den Gegner mit eben jener Bildhaftigkeit in Verbindung bringen und mit einer solchen Darstellung einen Assoziationsprozess in Gang setzen konnte, der den Kaiser als triumphalen Sieger über seine Feinde stilisierte.

Dieser Abgleich zeigt, dass diejenigen Prägungen, die Constantius mit einem Fuß auf einem Gefangenen abbilden, nicht automatisch als eine Demonstration seiner Promachie-Tätigkeit aufzufassen sind. Gegenüber dem Reitersturz-Motiv ist dieses Bildthema leicht nuanciert angelegt und verweist eher allgemein auf einen Triumph, der nicht das persönliche Mitkämpfen des Kaisers notwendigerweise impliziert.194 Die relativ späte Prägung dieses Typs195 führt zu der Vermutung, dass hier vor dem Hintergrund einer ersten Version ein zweites, weniger brutales Motiv eingeführt wurde, das – mit derselben Legende und demselben Nominal – eine gedankliche Parallelität zu dem Motiv des Reitersturzes aufbaut und somit suggeriert, dass Herrschaft und Autorität des Constantius auch bei anderen Schwerpunktsetzungen gleich bleiben, kurz: Der Kaiser ist nicht schlechter, selbst wenn er nicht selbst Krieg führt und gegnerische Feinde niedermetzelt. Die Prägung könnte aber auch eine Reaktion auf einen Bronzetyp gewesen sein, den Magnentius im Jahr 350 hatte prägen lassen und der ihn ebenfalls mit einer calcatio colli zeigt.196

Eine ähnliche Bildsprache verwendet eine Prägung, die auf die Münzstätte Rom begrenzt ist. Sie zeigt Constantius, wie er in militärischem Ornat auf einem Pferd nach rechts reitet und dabei mit einem Speer auf einen Barbaren einsticht, der auf dem Boden liegt. Die Legende auf dem Revers liest debellatori gentt barbara.197 Die militärische Sieghaftigkeit des Kaisers und seine Promachie werden im Zusammenspiel aus Legende und Motivik auf dem Revers hervorgehoben. Die Formulierung debellatori gentt barbara nimmt in direkter Weise auf den propagatio-Anspruch Bezug. Hinsichtlich potentieller Adressaten lässt sich erneut eine Vermutung aufstellen: Die Prägung, die zwischen Winter 344 und 358 stattgefunden haben muss, ist auf ein niedriges Nominal beschränkt, womit sich angesichts der bisherigen Befunde der Verdacht zu erhärten scheint, dass Constantius seine Promachie-Tätigkeit vor allem gegenüber den einfachen Soldaten und dem niederen Volk betonen wollte, während gegenüber den Eliten des Reiches wiederum eine leicht veränderte Botschaft kommuniziert wurde.198

Es ist auffallend, dass neben dem Typ „Reitersturz“ kein weiteres Bildprogramm bei Constantius existiert, welches den Kaiser in besonderer Weise – nämlich nicht in Stellvertretung durch Victoria oder in abstrakter Allegorie für ein regierendes Oberhaupt – als basileus polemikos und deinos aner ,in Aktion‘ präsentiert. Bei Julian, wie sich noch zeigen wird, ist die Sachlage signifikant anders, vor allem in der Zeit, als dieser als Alleinherrscher fungierte. Dort wird überaus zielsicher in die kleine Lücke, die Constantius mit seiner neuen Akzentuierung hinterlässt, gestoßen und ein Bildprogramm auf den Prägungen geschaffen, das in Kombination mit den jeweiligen Legenden einen größtmöglichen Kontrast zum Vorgänger aufbaut.199 Eine Vorlage, an der sich Julian orientieren konnte, bot die Münzprägung des Magnentius, der sich nach seiner Erhebung zum Kaiser im Januar 350 in einer ähnlichen Ausgangsposition befand wie Julian im Frühjahr 360.200 In den Prägestätten von Aquileia, Arelate, Rom, Trier und Lugdunum ließ Magnentius einen Bronzetyp herstellen, der ihn auf dem Obvers barhäuptig mit Panzer zeigt; auf dem Revers mit der Legende gloria romanorvm ist der Kaiser im militärischen Ornat zu sehen, wie er auf einem Pferd nach rechts reitend einen Barbaren mit der Lanze tötet, der auf dem Boden kniet.201 Magnentius setzt sich hier ganz deutlich als Promachie-Kaiser in Szene. Fast noch wichtiger ist aber, dass er darüber hinaus über die Legende den Ruhm Roms mit dieser seiner Tätigkeit als basileus polemikos direkt verknüpft. Besonders vor dem Hintergrund der fel temp reparatio-Prägungen des Constantius, welche die aktive Tätigkeit des Kaisers in einem eher abstrakten Rahmen hielten, binden diese Bronzetypen die Promachie unmittelbar an den Ruhm des imperium Romanum.

Es scheint eine direkte Reaktion von Constantius auf diese Prägung des Magnentius gegeben zu haben, da ebenfalls in Rom derselbe Typ mit der Legende dn constantivs pf avg auf dem Obvers ausgegeben wurde.202 Dieser Vorgang muss noch vor dem 3. Juni 350 erfolgt sein.203 Die überaus kurze Zeitspanne und darüber hinaus die lokale Beschränkung sind hier auffallend. Constantius scheint nicht die besondere Kombination des Magnentius dauerhaft übernommen zu haben, sondern wollte andere Wege beschreiten. Auf einem Solidus der folgenden Jahre wird die Legende gloria romanorvm wiederum mit einem allgemeinen Motiv kombiniert: Die Verkörperung von Constantinopel sitzt nach links gewendet auf einem Thron, in ihrer Rechten hält sie einen Globus mit der Victoria, in der Linken ein Szepter.204 Constantius kodierte Botschaften, die über die Legende auf einen spezifischen Inhalt verweisen, um. In manchen Fällen ist zu beobachten, dass er die Promachie-Kongruenz von Legende und Motivik aufbricht und das Ideal des basileus polemikos insofern modifiziert, als er es nicht mehr an die konkrete Betätigung des Kaisers im Feld bindet, sondern eher abstrakte Assoziationen des Sieges – vor allem über Allegorien von Constantinopel oder der Victoria – akzentuiert. Diese Entwicklung lässt sich an vielen anderen Prägungen nachvollziehen. Ein Beispiel ist das Goldmedaillon von 346, das Constantius auf dem Obvers in militärischem Ornat mit Feldherrnmantel und Panzer und auf dem Revers auf dem Wagen einer Triumphquadriga zeigt, dort mit der tunica palmata und der toga picta bekleidet, in der linken Hand ein Szepter und mit der rechten Hand Geld verteilend.205 Die subtile künstlerische Ausgestaltung sowie die reine Goldverarbeitung lassen darauf schließen, dass dieses Medaillon nicht als normales Zahlungsmittel, sondern vor allem als Geschenk in einem feierlichen Rahmen einer largitio in Antiochia hergestellt worden ist.206 Aus diesem Grund kommen auch nur hohe Offiziere, Senatoren oder die Elite der kaiserlichen Administration als Adressaten in Frage. Der Kaiser und sein Umfeld kalkulierten hier – im Gegensatz zu den rangniederen Soldaten und den Nicht-Eliten im Volk – mit der größeren Akzeptanz einer solchen kaiserlichen Repräsentation, die auf eine Motivik der Deinokratie verzichtete.

Vor dem historischen Hintergrund der – nach traditioneller Auffassung – ungelösten Perserfrage in den 340er Jahren und der bisherigen Ergebnisse wird man diese Prägung vor allem als symptomatischen Versuch des Constantius beurteilen müssen, potentielle Erwartungen umzulenken und einer Kritik am defensiven Vorgehen an der persischen Grenze vorzubeugen.207 Constantius musste trotz der Tatsache, dass die Grenzregion relativ stabil war und die Perser dreimal hintereinander Nisibis nicht erobern konnten, dennoch ein großes Interesse daran gehabt haben, seine Sieghaftigkeit darzustellen.208 Der Aureus von Antiochia zeigt nun erneut, dass sich der Kaiser angesichts keiner sichtbaren Erweiterung des Reiches in einer Rechtfertigungsnotwendigkeit sah und deshalb zu dem Mittel griff, seine Rolle als triumphator auf außerordentliche Weise zu betonen. Da das Medaillon nicht explizit auf einen Sieg Bezug nimmt, wird damit die intrinsische Sieghaftigkeit des Kaisers betont und von einzelnen und konkreten Manifestationen losgelöst.

Diese Neuakzentuierung bei der imperialen Programmatik lässt sich vor allem als Reaktion auf das imperator-Dilemma verstehen: Es wird deutlich, mit welchem Erwartungsdruck sich der Kaiser konfrontiert sah. Der Anspruch, die propagatio imperii voranzutreiben oder doch zumindest sich persönlich in der Schlacht als herausragender Feldherr zu erweisen, hatte wohl nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt. Gerade deshalb wollte Constantius gegensteuern. Er tat dies, benützte aber nicht auf allen Kanälen dieselbe Taktik. Während er vor allem im Hinblick auf die niederen Soldaten durchaus noch das Bild des deinos aner hervorhob, lässt sich in seiner Bildprogrammatik gegenüber den Eliten in Heer, Reich und Verwaltung dieselbe Beobachtung machen, die bereits aus der Analyse der Panegyrik und der Geschichtsschreibung deutlich wurde: Constantius wollte die Legitimation seiner Herrschaft ohne eine Stilisierung im Sinne des basileus-polemikos-Ideals unterstreichen und vertraute darauf – im Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Schichten –, dass das damit verbundene politische Programm bei diesen Adressaten eher durchzusetzen war.209

3.2.4 Sieg über Magnentius als Kompensation I – der Constantius-Obelisk

Die in den vorherigen Kapiteln analysierte Erwartungshaltung an den Kaiser manifestiert sich nicht zuletzt in offiziellen Monumenten und Textträgern. Anhand des Constantius-Obelisken in Rom kann exemplarisch nachvollzogen werden, wie die Selbstinszenierung des Constantius im Schatten des imperator-Dilemmas auf die damit verbundene Erwartungshaltung reagierte und diese zu steuern versuchte.

Constantin hatte zwei Obelisken, die aus der Zeit Thutmosis’ III. stammten, nach Alexandria transportieren lassen, um sie nach Rom und Constantinopel zu bringen und dort aufzurichten. Allerdings erreichte nur der kleinere der beiden Monolithen seinen Bestimmungsort, als Constantius II. ihn 357 nach Rom in den Circus Maximus überführte.210 Die Aufstellung des Obelisken verlief im Kontext des triumphalen Rombesuches Constantius’ am 28. April 357. Ammian kommentiert dieses Ereignis in kritischem Tonfall. Constantius habe seinen Besuch der alten Hauptstadt des Reiches inszeniert, als ob „der Tempel des Janus geschlossen und alle Feinde niedergeworfen wären“, und er sei in Rom eingezogen, „um nach dem Ende des Magnentius, zwar ohne einen Titel, aber wegen vergossenen römischen Blutes einen Triumph zu feiern“.211 Auf diese Kritik komme ich im späteren Verlauf noch zu sprechen. Die Kombination aus historischem Kontext und kaiserlicher Inszenierung ist nun vor dem Hintergrund der bisherigen Ergebnisse aufschlussreich: Der Rombesuch des Constantius fällt in den Kontext des 20. Todestages von Constantin und des 20. Jahrestages der Erhebung zum Augustus für Constantius.212 Zuvor hatte Constantius drei Feldzüge gegen externe Feinde, die oben bereits teilweise besprochen wurden, durchgeführt und einen Bürgerkrieg gegen Magnentius gewonnen.213 Obwohl der numismatische Befund auch zu der Vermutung Anlass gibt, dass der Jubiläumsaspekt bei Constantius’ Rombesuch eine (komplementäre) Rolle gespielt haben könnte214 und die genaue Verortung als Triumphzug in der Forschung umstritten ist,215 lässt sich aber aufgrund der Angabe bei Ammian und auch aufgrund der Inschrift des in diesem Zusammenhang aufgestellten Obelisken das gesamte Ereignis als Siegesfeier über einen oder mehrere Gegner bezeichnen. Aber wie inszenierte Constantius seinen Sieg und wer war der Besiegte?

Ammian berichtet, dass der Kaiser bei der Siegeszeremonie mit unbeweglicher Mimik und Haltung, einer Statue gleich, auf einem goldenen Wagen saß und in keiner Weise auf die Zurufe der Zuschauer reagierte.216 Die Begleitung des Kaisers wird von Ammian erneut mit beißender Ironie beschrieben: „Als wollte er den Euphrat oder den Rhein durch den Glanz seiner Waffen schrecken, ließ er die Feldzeichen auf beiden Seiten voranziehen.“217 Darüber hinaus macht sich Ammian über die Kataphraktenreiter lustig, die ebenfalls im Gefolge des Kaisers zu finden waren und die wohl eine wichtige Aufgabe bei der Grenzsicherung zu Persien übernommen hatten.218

Ammians Ironie bei der Darstellung des Triumphzuges von Constantius speist sich aus der Tatsache, dass er am Anfang des Kapitels die bereits in anderem Zusammenhang besprochene219 Aussage tätigt, Constantius habe „kein einziges Volk im Krieg selbst überwunden, … dem Reich keinen Landgewinn eingebracht … und niemals in der ersten Schlachtreihe gekämpft“. Für ihn ist also der Einzug des Constantius insofern eine problematische Angelegenheit, weil sie einen militärischen Sieg suggeriert, obwohl der Kaiser diesen gar nicht habe vorweisen können. Ob man nun diese Einschätzung Ammians teilt beziehungsweise inwiefern sie tatsächlich die Ansicht der anwesenden Zeitgenossen widerspiegelt, ist schwierig zu entscheiden; darauf wird gleich noch näher eingegangen. Auf jeden Fall aber zeigt Ammians Beurteilung, dass bei Constantius’ Einzug in Rom erneut das imperator-Dilemma unheilvolle Schatten warf: Die Entscheidung des Kaisers – wie aus Ammians Reaktion deutlich wird – muss man als bewusste Maßnahme interpretieren, mit der er sein imperator-,Defizit‘, das zumindest von Teilen seiner Akzeptanzgruppen so empfunden wurde und dem Ammian in seinem Text auch deutlich Ausdruck verlieh, kompensieren und gleichzeitig eine neue Betrachtungsweise seiner Leistungen anstoßen wollte. Inwiefern er dabei an traditionelle Vorstellungen eines basileus polemikos anknüpfte und auf welche Weise er diese in neue Bahnen zu kanalisieren versuchte, lässt sich besonders an der Inschrift des Obelisken, der im Rahmen der Feierlichkeiten in Rom aufgestellt wurde, nachvollziehen.

Auf der Basis des Monuments, das im Circus Maximus errichtet wurde,220 befindet sich eine Inschrift mit 24 Versen in Hexametern:221

Patris opus munusqu[e suum] tibi, Roma dicavit,

Augustus [toto Constan]tius orbe receptor,

et quod nulla tulit tellus nec viderat aetas,

condidit, ut claris exa[equ] et dona triumfis.

5 Hoc decus ornatum genitor cognominis urbis

esse volens, caesa Thebis de rupe revellit.

Sed gravior divum tangebat cura vehendi,

quod nullo ingenio nisuque manuque moveri

Caucaseam molem discurrens fama monebat.

10 At dominus mundi Constantius, omnia fretus

cedere virtuti, terris incedere iussit

haut partem exiguam montis pontoque tumenti

credidit, et placido [vexerunt aequora flu]ctu

litus ad Hesperium, [Tiberi] mirante, carinam.

15 Interea, Romam ta[etr]o vastante tyranno,

Augusti iacuit donum, studiumque locandi

non fastu spreti, sed quod non crederet ullus

tantae molis opus superas consurgere in auras.

Nunc veluti rursus ruf[is] avulsa metallis

20 emicuit pulsatque polos. haec gloria dudum

auctori servata suo cu[m] caede tyranni

redditur, atque aditu Ro[mae vi]rtute reperto

victor ovans urbiq[ue locat sublim]e tropaeum

principis et munus cond[it] decoratque triumfis.

Die expliziten und impliziten Verweise auf mögliche Erwartungshaltungen oder bereits schon existierende Kritik im Text ergeben zusammen mit den deutlich erkennbaren Beeinflussungsstrategien ein Bild von den Wechseldynamiken der Selbstrepräsentation, mit denen Constantius konfrontiert war und die er in seinem Sinne in bestimmte Bahnen lenken wollte; die dabei angewandte Strategie lässt erkennen, wie der Kaiser mit den verschiedenen Ansichten und Interessen in den heterogenen Akzeptanzgruppen umgehen und jonglieren musste.

Geht man von der Kritik Ammians aus, dann ergibt sich ein heuristischer Startpunkt, von dem aus man bei der Analyse die in der Inschrift zutage tretenden Spannungen adäquat zu erfassen vermag. Ammian legte bei seinem Tadel an Constantius den Finger in die Wunde, wissend, dass dies zumindest bei manchen seiner Leser ein beifälliges Nicken auslösen würde. Er wies darauf hin, dass Constantius eigentlich keine großen Erfolge als Feldherr hatte feiern können. Damit bezog sich Ammian auf die von manchen wohl als wenig erfolgreich wahrgenommenen Alamannen-Feldzüge des Constantius beziehungsweise auf die Tatsache, dass ein Bürgerkrieg gegen Magnentius eigentlich nicht als ,richtige‘ Legitimation für einen basileus polemikos diente. Ein Triumphzug, wie Constantius ihn inszenierte, entbehrte nach Ammian somit jeglicher Rechtfertigung, weil ein Sieg in einem Bürgerkrieg, der von Ammian als prekäres Ereignis bezeichnet wurde, nicht die mäßigen außenpolitischen Erfolge kompensieren konnte.

Wie ging nun Constantius mit dieser Situation um, die von Ammian zwar ex post formuliert wurde, bei der wir aber dennoch davon ausgehen können, dass sie auf zeitgenössische Meinungen und Kritik rekurrierte? Auffallend ist zunächst, dass der Text einen bestimmten Aspekt mehrfach betont: die Aufstellung des Obelisken als unvorstellbare, alle bisher gekannten Taten in den Schatten stellende Transgressionsleistung. Gleich am Anfang wird der Ausnahmecharakter und die überzeitliche Gültigkeit betont (quod nulla tulit tellus nec viderat aetas) und im späteren Verlauf das Bravourstück der Aufrichtung des Obelisken als schier unbegreifliches Meisterwerk hervorgehoben (quod non crederet ullus). Auch der sprachlich markante Hinweis auf die gängige Meinung (fama), dass es noch keine Idee (nullo ingenio), keinen Anlauf (nisuque) oder keine Hand (manuque) gegeben habe, um eine solche Masse zu bewegen, unterstreicht die Einzigartigkeit dieser Tat.222 Schon an dieser Stelle wird dem Leser vor Augen geführt, dass die Aufstellung des Obelisken insofern eine ruhmvolle Leistung ist, als sie zuvor noch von niemandem ausgeführt, geschweige denn angedacht wurde. Der transgressive Aspekt der Aufstellung des Obelisken ist für den Leser dadurch ersichtlich, dass auch auf Constantin hingewiesen wird, für den der Transport des riesigen Steinklotzes ebenfalls kaum vorstellbar war.223 Auf diese Weise wird dem Betrachter der Inschrift suggeriert, dass Constantius’ Erfolg sogar noch über die Leistungsfähigkeit eines Constantin hinausging.

Trotz all dieser enormen Anstrengungen, dem Kaiser den Obelisken und seine Aufstellung als äquivalente Tat eines Herrschers anzurechnen, scheint Constantius sich wohl dessen bewusst gewesen zu sein, dass eine solche Umdeutung nicht alle Erwartungshaltungen erfüllen und den Makel, ein nicht vollständig ,wahrhafter‘ basileus polemikos zu sein, beiseite wischen konnte. Aus diesem Grund liefert der Inschriftentext auch mehrere Sichtweisen nach, um potentielle Gegenargumente sogleich im Keim zu ersticken. Die erste Strategie besteht in einer überaus virtuos durchgeführten Parallelisierung der Obeliskenaufstellung mit der traditionellen Vorstellung militärischer Ruhmestaten. Im Text wird die Synthese beispielsweise dadurch ausgelöst, dass opus munusque des Kaisers als Tat, gleichwertig einem Sieg im Krieg, eingeführt wird: ut claris exaequet dona triumfis.224 Diese gedankliche Verknüpfung wird gegen Ende des Gedichtes noch einmal aufgenommen, ihr wird dabei sogar die wirkmächtigste Form der Erinnerung eingeräumt, nämlich die letzte Formulierung, mit der die Inschrift den Leser entlässt. Der Text schließt mit dem Hinweis, dass Constantius sein Geschenk für die Stadt schmückt – mit Triumphen. Die gleichlautende, wenn auch in einem anderen Kasus deklinierte Form triumfis nimmt dabei das exaequet dona triumfis aus Zeile 4 auf und bewirkt dadurch, Constantius’ Taten mit Triumphen zu assoziieren.

Neben dieser Strategie, Constantius für die Betrachter der Inschrift als triumphalen Kaiser zu inszenieren, findet sich aber noch eine weitere: die Substituierung des militärischen Sieges durch den Sieg über die Naturgewalten, in diesem Fall die Schwerkraft des Obelisken. Gegen Ende des Gedichtes lässt erneut die Wortwahl aufhorchen. Der Obelisk wird als tropaeum bezeichnet, also als geradezu klassisches Symbol für einen militärischen Sieg. Der Text strebt also danach, die traditionellen Vorstellungen mit den aktuellen Gegebenheiten zu amalgamieren, das etablierte Paradigma eines wahrhaften Herrschers wird überaus behutsam durch einen nun modifizierten Siegestypus substituiert.225

Mehrere Strategien zur Beeinflussung des Lesers greifen somit ineinander. Diese ,Kooperation‘ verschiedener Techniken zur Lobpreisung des Kaisers macht sichtbar, wie man im kaiserlichen Umfeld auf unterschiedliche Interessen und Erwartungshaltungen eingehen wollte. Gegenüber all denjenigen, die sich nicht mit diesem neuen Triumph zufrieden gaben und die hinter der Aufstellung des Obelisken keine gleichwertige Leistung zu einem Sieg im Feld sahen, wird der letzte Trumpf präsentiert, den Constantius’ Taten in den vergangenen Jahren hergaben, zweifellos jedoch eine delikate und heikle Angelegenheit: der Sieg im Bürgerkrieg über Magnentius. Gleich zweimal wird auf die Tatsache verwiesen, dass in Rom ein „Tyrann“ regiert und Constantius die Hauptstadt schließlich von diesem befreit habe. Die Tyrannentopik als Neutralisierungselement für den prekären Status eines Bürgerkrieges entleiht sich Constantius bei prominenten Vorbildern.226 Ähnlich wie bei der gedanklichen Verschmelzung von Obeliskenaufstellung und militärischem Triumph kombiniert der Inschriftentext auch den Sieg über Magnentius mit Assoziationen aus dem Bereich des Sieges im Feld: Der Ruhm (gloria) der Aufrichtung des Obelisken wird direkt mit dem Tod des Magnentius verknüpft (cum caede tyranni redditur) und der Sieg über den internen Gegner als Manifestation der virtus bezeichnet.227

Aus dieser komplexen Textstrategie wird deutlich, wie Constantius hier den Bürgerkriegstriumph über Magnentius in einer ganz spezifischen Weise für seine Zwecke einsetzt. Der Sieg über den römischen Konkurrenten wird offen thematisiert. Da Constantius sich dafür entschied, diese in doppelter Hinsicht umstrittene228 Karte zu spielen, wird der Sieg unmittelbar in die Sphäre militärischer Leistungsfähigkeit gerückt und als Manifestation der imperator-Fähigkeiten des Kaisers instrumentalisiert. Trotz des dezidiert militärischen Vokabulars, das dabei zum Einsatz kommt, erscheint der Sieg über Magnentius jedoch der Aufrichtung des Obelisken – des anderen Triumphes auf der Inschrift – fast nachgeordnet.229 Hält man sich diesen Befund vor Augen, so wird deutlich, dass auch Constantius sich des heiklen Charakters eines Bürgerkrieges in gewissem Maß bewusst gewesen sein muss und diesen somit nicht in epischer Breite auf der Inschrift verkünden ließ. Eine Leserschaft, die den Sieg im Bürgerkrieg nicht gänzlich positiv sah, wurde hier wohl einkalkuliert.

Fasst man nun alle Ergebnisse zusammen, so ergibt sich folgendes Fazit: Dem imperator-Dilemma, das sich aus Ammians Bericht über den Rombesuch des Constantius im Jahr 357 konstatieren ließ, wird mit der Inschrift des in diesem Zusammenhang aufgestellten Obelisken auf mehrere Arten begegnet: Constantius lässt die Aufstellung des Obelisken als neue Manifestation der virtus preisen, mit der er seine eigene Leistungsfähigkeit unter Beweis stellt und implizit die fehlenden militärischen Siege gegen auswärtige Gegner kompensiert. Gleichzeitig präsentiert sich die Aufstellung des Obelisken mittels einer ausgeklügelten Begrifflichkeit im Gewand eines herkömmlichen Triumphes und die Assoziation zu einem militärischen Siegeszug wird durch die Gleichsetzung mit einem Tropaeum ausgelöst. Durch subtile Formulierungen wird zudem die Prävalenz des Constantius gegenüber seinem Vater betont, die sich zwar nur auf den Obelisken bezieht, jedoch vom Betrachter auch auf andere Bereiche ausgedehnt werden kann. Zuletzt greift der Text aber auch den Sieg gegen Magnentius auf und stilisiert diesen – über mehrere Umwege und in einem ausgeklügelten Beziehungsverhältnis zur gloria, die durch den Obelisken erworben wurde – zu einem Beweis der militärischen Leistungsfähigkeit.

Gerade der letzte Aspekt, verbunden mit der oben erwähnten Aussage Ammians, dass nur römisches Blut vergossen worden sei, führt vor Augen, dass Constantius sehr genau kalkuliert haben muss, inwiefern er einen Sieg im Bürgerkrieg als Ersatzleistung für einen Sieg gegen auswärtige Feinde inszenieren konnte. In einem kurzen Exkurs soll deshalb auf die heikle Stellung des Bürgerkrieges eingegangen werden, da dieser Aspekt auch für die Regierungszeit des Theodosius eine große Rolle spielen wird.

3.2.4.1 Exkurs – Ersatzlegitimation Bürgerkrieg

Der Triumph eines Römers über feindliche römische Truppen wurde seit dem Niedergang der römischen Republik als ein Sakrileg angesehen. Bei mehreren Autoren lässt sich eine tiefe Abneigung gegen das bellum civile feststellen.230 So weist Valerius Maximus in einer berühmten Passage darauf hin, dass niemals ein Triumph bei einem Sieg gegen römische Truppen gefeiert werden dürfe; diese ,Regel‘ griff selbst dann, wenn „herausragende Dinge erreicht wurden, die für den Staat sehr nützlich waren“ (praeclaras res maximeque utiles rei publicae), da es sich doch um „traurige“ Erfolge gehandelt habe, die mit römischem Blut erkauft worden seien.231 Wegen dieser Ablehnungshaltung war es für einen siegreichen Feldherrn auch unmöglich, einen Triumph über die eigenen Landsleute in Rom zu feiern.232 Ein berühmtes Beispiel ist der Triumph Octavians über Antonius im Jahr 29 v.Chr., der als Sieg über Cleopatra gefeiert wurde. Octavian nahm dabei besondere Rücksicht auf die Sensibilität seiner Landsleute, indem er jegliche Verweise auf ein bellum civile vermied. Der mit dem Sieg über Cleopatra direkt verbundene Erfolg über Antonius wurde so geschickt in die Feierlichkeiten integriert, dass es auch kein Problem darstellte, den Triumph zu feiern und auch einen Triumphbogen errichten zu lassen.233

An dem prekären Charakter der bella civilia änderte sich in den folgenden Jahrhunderten bis zur Tetrarchie nichts Entscheidendes.234 Auch über die Tetrarchie hinaus bis ins fünfte Jahrhundert blieb der Bürgerkrieg, zumindest für Teile der Bevölkerung des Römischen Reiches, eine heikle Angelegenheit.235 In der Mitte des vierten Jahrhunderts formulierte Aurelius Victor die These, dass seit der Zeit des Severus Alexander „die Kaiser, da sie begieriger danach waren, die Ihren zu unterdrücken als Auswärtige niederzuwerfen und eher gegeneinander in Waffen standen, das Römische Reich gleichsam jählings abwärts gestürzt haben.“236 In die gleiche Kerbe stieß Eutrop, wenn er in seinem nicht viel später veröffentlichten Breviarium darauf hinwies, dass die Kräfte, die im Bürgerkrieg zwischen Magnentius und Constantius II. aufgebraucht wurden, viel besser gegen fremde Feinde hätten gerichtet werden können.237 Eutrop, aus dessen Aussage sich sehr deutlich eine dezidierte Ablehnung gegenüber bella civilia herauskristallisieren lässt, problematisierte sowohl die Tatsache, dass Kämpfe zwischen römischen Armeen die Kräfte des imperium Romanum sinnlos erschöpften, als auch den Umstand, dass Siege, die gegen innere Gegner gewonnen werden, keine wahren oder vollwertigen Triumphe darstellten.238 Mit dieser Meinung war Eutrop nicht allein. In seinem Nachruf auf Constantius kritisierte Ammian, dass sich der Kaiser mit seinen Siegen in Bürgerkriegen gebrüstet und diese Erfolge durch Triumphbögen in Gallien und Pannonien monumentalisiert habe; Ammian echauffierte sich so sehr über dieses Vorgehen, dass man aus seiner Polemik ein implizites Missbehagen gegenüber bella civilia herauslesen kann.239 Inwiefern diese Ansicht Ammians tatsächlich eine Mehrheitsmeinung im Römischen Reich darstellte, lässt sich nicht ermitteln. Die Präsenz bürgerkriegsskeptischer Diskurse in verschiedenen Texten belegt aber die Vermutung, dass – zumindest in den oberen Schichten der Bevölkerung – eine ,traditionelle‘ Ablehnung gegenüber internen Kriegen und der Inszenierung von Bürgerkriegssiegen als Triumphe existierte.

Gleichwohl lässt sich mit der Regierungszeit Constantins der Versuch einer Umkodierung der semantisch negativ belegten Bürgerkriegsassoziation beobachten. Während der Tetrarchie mussten die Hierarchien zwischen den einzelnen Herrschern immer wieder aufs Neue ausgehandelt und bestätigt werden. Als Alleinherrscher musste sich Constantin das prekäre Faktum eingestehen, dass er große Erfolge fast nur gegen innerrömische Gegner erreicht hatte. Das imperator-Dilemma holte auch ihn ein, da er, nachdem die Alleinherrschaft errungen war, nun nicht mehr gegen Machtkonkurrenten, sondern gegenüber seinen Akzeptanzgruppen die Legitimität seiner Herrschaft zu untermauern hatte – eben auch als basileus polemikos.240 Constantin selbst muss diesen Zustand schon weitaus früher als äußerst problematisch empfunden haben, denn nur so lässt sich erklären, dass er einige Jahre zuvor mit einer ,Schockkur‘ zum letzten Mittel gegriffen hatte, sich als siegreicher Feldherr zu beweisen und dabei das bellum civile als akzeptierte Form eigener Herrschaftslegitimation im Sinne eines basileus polemikos zu etablieren. Nach seinem Sieg über Maxentius im Oktober 312 ließ Constantin dessen Körper in Einzelteile zerlegen, der Kopf wurde auf einen Speer aufgespießt und durch die Straßen Roms getragen.241 Es ist kaum anzunehmen, dass die demonstrative Zur-Schau-Stellung und der verstörende Anblick eines abgetrennten Kopfes bei den Zuschauern ausschließlich auf freudige Zustimmung stieß.

Zweifellos ging es in erster Linie darum, den Krieg gegen Maxentius von dem traditionellen Stigma eines bellum civile zu befreien und auch den in einem Bürgerkrieg errungenen Erfolg als legitime Demonstration eigener kriegerischer Befähigung zu etablieren. Die Zur-Schau-Stellung von Maxentius’ Kopf mochte zwar einerseits als ein Bruch mit einer geradezu sakralen Tradition erscheinen; andererseits eröffnete gerade diese grausame Inszenierung des Triumphs aber auch die Möglichkeit, dass vor allem die Zuschauer den problematischen Charakter des Tabubruchs mit einer dezidierten Betonung ihrer Loyalität kompensieren konnten. Durch die ioci triumphales242 war es möglich, den abgeschlagenen Kopf, den man verspottete, bespuckte und beleidigte, zu einem Ventil für inszenierte Wutausbrüche zu machen, mit denen man sowohl die Ablehnung des ehemaligen Regimes als auch die Unterstützung des neuen Machthabers zum Ausdruck bringen konnte.243 Darüber hinaus wurde durch die geradezu übertriebene Darstellungsweise der Niederlage des Maxentius der Besiegte als der Hauptschuldige für den Bürgerkrieg stigmatisiert und die Befreiung von einem Tyrannen assoziiert.244

Für diese Aufforderung zum ,Umdenken‘, zur Akzeptanz eines Sieges im bellum civile, finden sich weitere Beispiele in der Panegyrik und in der Ikonographie: Im Panegyrikos von 313 wird der Sieg über Maxentius – zugegebenermaßen allerdings mit einem schon längst etablierten Topos – als höherwertige Manifestation der militärischen Leistungsfähigkeit des Kaisers beschrieben, da man Feinden gegenübergestanden sei, welche die „schwachen Meder, die unkriegerischen Syrer, die flüchtigen Armeen der Perser“ bei weitem übertroffen hätten.245 Mit dieser Umdeutung konnte Constantin dem imperator-Dilemma gleich in zweifacher Weise begegnen, indem er erstens das bellum civile als Kompensation für Siege über auswärtige Gegner einsetzte246 und darüber hinaus seinen Erfolg über Maxentius als höherwertige Leistung im Vergleich zu ,normalen‘ Siegen über Nicht-Römer darzustellen vermochte.

Auf die sehr blutige Beschreibung der Promachie des Constantin im Panegyrikos von 313 wurde bereits hingewiesen:247 Constantin wird als Soldat gezeichnet, der an vorderster Front in der Schlacht gegen seine Landsleute kämpft, mit schrecklichem Gemetzel eine Schneise in die gegnerischen Reihen schlägt und mit blutbefleckten Händen nach dem Kampf von seinen Soldaten gefunden wird. Auch im Panegyrikos des Nazarius von 321 wird der Kaiser als blutverschmierter Kämpfer gezeichnet, der sich mitten in die Schlacht gegen seine Landsleute stürzt.248 Mit diesem betonten Promachie-Ideal wird hier Constantin als vollendeter basileus polemikos gezeichnet.

Parallel zu dieser Stilisierung des Kaisers und der zielgerichtet eingesetzten Verstümmelung des Körpers von Maxentius etablierte Constantin auch im ikonographischen Narrativ seines Bürgerkriegserfolges die Vorstellung der eigenen Promachie, die nun auch den tödlichen Kampf zwischen römischen Truppen illustrativ umsetzt.249 Der Constantinsbogen in Rom ist ein eindrucksvolles Zeugnis dafür und dokumentiert mit einer überwältigenden Bildsprache die neue Akzentuierung des bellum civile.250 Der Fries des Bogens erzählt vom Höhepunkt der militärischen Auseinandersetzung zwischen Maxentius und Constantin.251 Der Aufbruch des Heeres in Mailand wird dargestellt, sodann die direkten Auseinandersetzungen bei der Belagerung von Verona und der Schlacht an der Milvischen Brücke. Schließlich werden noch der Einzug des Siegers in Rom sowie die Begegnung des Kaisers mit dem Senat und dem Volk von Rom abgebildet. Besonders auffallend sind in dieser Hinsicht die Friese, die das Schlachtgeschehen vor Verona und an der Milvischen Brücke beschreiben: Bei der Darstellung der Belagerung wird ein äußerst intensives Kampfgeschehen nachgeformt, welches der Dynamik der erbittert geführten Auseinandersetzung durch seine überaus lebhafte Illustration Nachdruck verleiht.252 Alle Soldaten werden deutlich erkennbar als Römer dargestellt; es finden sich in der ikonographischen Abbildung von Maxentius’ Truppen keine Hinweise auf eine ,Barbarisierung‘, indem Hilfstruppen dargestellt werden; das bellum civile wird somit schonungslos in seiner Eigenschaft als Bürgerkrieg vor Augen geführt.253

Wie lässt sich diese grausame und schonungslose Darstellung eines innerrömischen Konfliktes erklären? Die Antwort ergibt sich eigentlich nur aus dem imperator-Dilemma, das Constantin zu diesem Zeitpunkt die nachdrückliche Manifestation seiner militärischen Leistungsfähigkeit aufzwang, die er mangels außenpolitischer Erfolge über den Umweg eines bellum civile nachweisen musste. Jüngst wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die militärischen Erfolge der Kollegen innerhalb der Tetrarchie Maßstäbe gesetzt hatten, an denen sich Constantin dringend orientieren musste, um seine eigene Herrschaftslegitimation zu sichern. Im Kontext des Erfolgs über Maxentius konnte dabei der überwältigende Durchbruch in den folgenden Jahren noch nicht vorausgesehen werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Constantin erst zwei Siege, die wenig Aufmerksamkeit errangen, gegen die Germanen erkämpft.254 Hingegen hatte beispielsweise Galerius bis zu seinem Tod 311 insgesamt 19 Titel angehäuft.255 Aus diesem Grund mochte es Constantin als unabdingbar erscheinen, sein Wesen als basileus polemikos zu unterstreichen, um gegenüber den potentiellen Gegnern Licinius und Maximinus Daia nicht an Bedeutung und Ansehen zu verlieren. Seine Entscheidung, das Defizit der Erfolge gegen auswärtige Feinde mit dem Sieg gegen Maxentius zu kompensieren, war zwar riskant, zahlte sich aber zunächst aus.256

Trotz dieser Umwertung durch Constantin und trotz der Tatsache, dass Constantin mit seiner Etablierung der victoria civilis als akzeptierte Form eigener Sieghaftigkeit in gewisser Weise sein Publikum zu manipulieren vermochte, war damit der problematische Charakter des bellum civile als Schreckgespenst nicht aus der Welt.257 Gerade der Bürgerkrieg des Constantius gegen Magnentius zeigt in der literarischen Spiegelung sehr deutlich, inwiefern der prekäre Stellenwert des bellum civile eine überaus zweischneidige Angelegenheit war. Wie sehr man in der Umgebung des Kaisers mit einem Teil der Bevölkerung rechnete, der den Krieg gegen Magnentius nicht als über jede Kritik erhabenen Erfolg werten würde, wird an mehreren Stellen deutlich: Themistios beispielsweise weist, um den Sieg gegen römische Brüder zu rechtfertigen, in seiner dritten Rede darauf hin, dass Constantius mit seiner militärischen Operation gegen Magnentius Rom vor einem Tyrannen bewahrt habe.258 Zudem wird der Aspekt verwandtschaftlicher pietas als weiteres Rechtfertigungsargument ins Spiel gebracht: Themistios betont, dass die Bruderliebe des Constantius (philadelphia) der Grund gewesen sei, weshalb der Kaiser in den Krieg gegen Magnentius gezogen sei, nämlich um seinen Bruder Constans zu rächen.259 Dieses Motiv wird auch von Eutrop aufgenommen und als wesentlicher Antrieb des Constantius für den Krieg gegen Magnentius hervorgehoben.260 Im späteren Verlauf wurde zudem von der arianischen Kirchengeschichtsschreibung eine Verbindung zwischen den Visionen von 312 und 351, als Constantius und seinem Heer ebenfalls ein Kreuz erschienen sein soll,261 hergestellt, um den Krieg des Constantius auch mit einer religiösen Rechtfertigung zu versehen.262 Die bunte Mischung dieser oftmals topischen Argumente zeigt, dass ein Sieg im Bürgerkrieg noch immer auf Vorbehalte und Zurückhaltung bei manchen Rezipienten in den jeweiligen Akzeptanzgruppen stoßen konnte.

Eine ganz andere Sichtweise, die den weiterhin heiklen Charakter des Triumphes über Magnentius belegt, eröffnet sich aus der Perspektive der stadtrömischen Senatorenschaft. Die Senatorin Faltonia Betitia Proba veröffentlichte ein Epos über den Bürgerkrieg zwischen Constantius und Magnentius, das nicht erhalten ist.263 Jedoch sind im Cento-Gedicht der Proba einige Bemerkungen zu ihrer früheren Dichtung erhalten, die auf das Bürgerkriegsepos Bezug nehmen. Dort beschreibt die Autorin, dass sie früher darüber berichtet habe, wie „die Führer den geheiligten Bund des Friedens entweihten, gefesselt von der grässlichen Gier des Herrschers, ... Trophäen, die nicht vom äußeren Feind gewonnen wurden, Triumphe, die der Ruhm mit Blut befleckt davontrug.“264 B. Bleckmann hat die Ähnlichkeit dieser Zeilen mit dem Bellum Civile Lucans verglichen und mehrere Aspekte herausgearbeitet, die in beiden Werken den Bürgerkrieg diskreditieren: Bündnisbruch, Herrschsucht, ,Defizitcharakter‘ des Bürgerkrieges.265 Unabhängig von der bemerkenswerten literarischen Stilisierung fungierte die Bürgerkriegsdichtung der Proba somit als ein überaus illustrativer Gegenpol zu den Normalisierungsbemühungen seit Constantin.266 Das bellum civile stellte für Teile der senatorischen Kreise immer noch eine hochtraumatische Erfahrung dar, die oft auch mit unangenehmen existenziellen Entscheidungsprozessen verbunden war.267 In eine ähnliche, wohl ebenfalls unter den Senatoren diskutierte Richtung geht auch Eutrop, der über die Schlacht bei Mursa zwischen Constantius und Magnentius schreibt wie bereits erwähnt, dass dabei gewaltige Kräfte aufgerieben worden seien, „die zu beliebigen auswärtigen Kriegen geeignet gewesen wären und viele Triumphe und viel Sicherheit hätten gewährleisten können.“268

Aus diesem Grund gibt – wie noch gezeigt werden wird – Julians entschiedene Betonung der victoriae civiles des Constantius gegen Vetranio und Magnentius in seinen Panegyriken begründeten Anlass zu der Vermutung, dass Julian damit das Kopfschütteln bei seinen Adressaten über Constantius verstärken wollte, wohingegen die eigene Fähigkeit als basileus polemikos besonders bei den militärischen Operationen gegen auswärtige Gegner am Rhein implizit als kontrastierende Folie eingesetzt wurde.269 In diesem Sinne ist auch der bereits zitierte Hinweis von Ammian zu verstehen, wenn er Constantius vorwirft, dass der Kaiser Siege im Bürgerkrieg über die Maßen betont hätte und über seine Erfolge aufgeblasen gewesen sei.270 Ammians Verdikt muss man als offene Kritik interpretieren, die nur dann auf fruchtbaren Boden fällt, wenn der Geschichtsschreiber davon ausgehen kann, dass Teile seiner Leserschaft diesem Vorwurf zustimmen.

Constantius operierte somit bei der Ausschlachtung seines Triumphes über Magnentius auf äußerst dünnem Eis. Es galt, die Entwicklung der Normalisierung des Bürgerkrieges, die Constantin eingeleitet hatte, aufzugreifen, sich gleichzeitig aber davor zu hüten, die noch skeptischen oder in dieser Hinsicht andersdenkenden Teile der Truppen und des Senats durch eine allzu euphorische Stilisierung zu irritieren oder Teile des Volkes vor den Kopf zu stoßen.

3.2.5 Sieg über Magnentius als Kompensation II – Inschriften

Vor dem Hintergrund dieses Exkurses ist die Brisanz greifbar, die mit der Inschrift auf der Basis des Constantius-Obelisken verbunden ist. Constantius hatte keine großen Erfolge gegen auswärtige Feinde – im traditionellen Sinn der Deinokratie und der propagatio imperii – vorzuweisen, wohl aber einen militärischen Sieg gegen einen innerrömischen Gegner; diesen konnte man aber, wie sowohl Ammians Kritik als auch die Analyse der Inschrift zeigen, nicht ganz selbstverständlich als Ersatzleistung zur Selbstinszenierung als basileus polemikos für sich reklamieren. Der Text auf der Basis des Obelisken führt nun vor Augen, wie Constantius sich auf einen Balanceakt einließ: Ähnlich wie Constantin trat Constantius hier die Flucht nach vorne an und thematisierte den Bürgerkrieg in aller Offenheit, um auch einen Triumph für sich reklamieren zu können. Gleichzeitig wurden die bekannten Sicherungsmechanismen eingebunden (Tyrannentopik etc.) und der Sieg über Magnentius sehr beziehungsreich mit dem Sieg über die Natur verbunden, so dass diese ,Ersatzleistung‘ zweifelsohne in den Fokus des Betrachters geriet.

Diese bewusste Ambivalenz im Text erlaubt wiederum den Rückschluss, dass Constantius mit einem heterogenen Adressatenkreis rechnete. Die Meinung in Rom und im Reich war gespalten. Da ein Bürgerkrieg offensichtlich noch nicht flächendeckend oder akzeptanzgruppenübergreifend als ,salonfähig‘ galt – was sich aus dem Befund in den literarischen Zeugnissen herleiten lässt –, musste man zu diesen äußerst kunstvoll strukturierten Formulierungen auf der Inschrift Zuflucht nehmen, um möglichst viele Betrachter für sich einzunehmen und möglichst wenige vor den Kopf zu stoßen.

Gerade diese Tatsache zeigt, welche Dynamik das imperator-Dilemma annehmen konnte. Mochte man die Aufstellung des Obelisken auch mit noch so preisenden Worten verherrlichen und dieser Tat den Rang einer unvorstellbaren Leistung einräumen – ganz ohne den militärischen Sieg schien es im Kalkül der engsten Umgebung des Constantius dann doch nicht zu gehen.

Freilich darf der Bericht Ammians auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass etliche und nicht ganz unwesentliche Personen in Rom dem Kaiser den Sieg über Magnentius dankten. Die Geldmittel, die Magnentius teilweise rücksichtslos und ohne Skrupel für seine Feldzüge und die Kriegskosten eingezogen hatte, machten ihn besonders bei den vermögenden Grundbesitzern der römischen Senatsaristokratie, die von diesen Konfiskationen am härtesten betroffen war, zu einem Feind.271 Deshalb mag für manchen Betrachter der Inschrift die Bezeichnung tyrannus durchaus einen wahren Gehalt besessen haben, selbst wenn man den oben bereits erwähnten taktischen Aspekt dieser Kompromittierung natürlich nicht vergessen darf.

Gleichzeitig war der Obelisk aber nicht nur – wie zuvor gezeigt – eine allgemeine Antwort auf das imperator-Dilemma, sondern auch auf den speziellen Fall des Magnentius. Dieser hatte nämlich in Rom gezielt in die Schwachstelle des Constantius gestoßen, wie aus einer anderen Basis-Inschrift deutlich wird, die zwischen der Kirche S. Pietro in Vincoli und dem Colosseum gefunden und von dem praefectus urbi Fabius Titianus in Auftrag gegeben wurde:272

Propagatori orbis

ac Romanae rei

[[d(omino) n(ostro) Magnentio m]]ax[[imo]]

victori ac

5 triumfatori, semper Aug(usto).

Fabius [[Titianus, v(ir) c(larissimus)]], con(sul) ord(inarius)

praef(ectus) urbi iterum, iudex

cogn(itionum) sacr(arum), maiestati eius

dicatissimus.

Auch wenn es der Stadtpräfekt und consul ordinarius Fabius Titianus war, der die Statue für Magnentius stiftete, kann man davon ausgehen, dass er sich mit seinem Text auf einen Diskurs bezog, der den Usurpator als Gegenbild zu Constantius darstellte. Es fällt auf, dass Magnentius die Beschreibung propagator zugeteilt wird, die an den Begriff der propagatio imperii erinnert. Magnentius wird als Gegenbeispiel zu Constantius inszeniert, als Eroberer und Vergrößerer des Römischen Reiches, als basileus polemikos. Bezeichnenderweise betrachtete man die Wirkkraft der mit dem Begriff des propagator verbundenen Assoziationen als effektivsten Schlag gegen Constantius. Julian sollte im bald folgenden Bürgerkrieg gegen Constantius dieselbe Strategie anwenden. Diese Beispiele zeigen, wie sensibel die Problematik des verhinderten basileus polemikos für Constantius war, da sie von seinen ärgsten Konkurrenten um die Macht instrumentalisiert wurde.273

Die daraus resultierende Dynamik des imperator-Dilemmas zeigt sich in einem Reflex auf die Inschrift der Magnentius-Statue, einer Kombination aus Weihinschrift und Reiterstandbild des Constantius, das der praefectus urbi Naeratius Cerealis nach der Beendigung der Usurpation in Rom aufstellen ließ. Der Text preist den Kaiser als restitutor urbis Romae und als extinctor pestiferae tyrannidis.274 Damit wird ganz deutlich auf den Sieg gegen Magnentius angespielt. Dem heiklen Status des Bürgerkrieges begegnet man mit einer Krankheitsmetapher (pestiferae), welche die Auslöschung des Gegners als unumgängliche und notwendige Maßnahme lobt. In Verbindung mit dem Reiterstandbild erschließt sich dann aber für den Betrachter die gesamte Dimension der Aussage, sofern man die Rekonstruktion der durch das Monument präsentierten Ikonographie anhand der Dübellöcher voraussetzt. Constantius wurde dargestellt, wie er auf dem Pferd sitzend über einen am Boden liegenden Barbaren hinwegreitet.275 Mit diesem Motiv wurden für den Betrachter somit zwei Aspekte in den Vordergrund gerückt: Zum einen der Sieg des Kaisers über die feindlichen Barbaren. Zum anderen war dieses Deutungsangebot für den Betrachter aber auch eine direkte Antwort auf die propagator-Stilisierung des Magnentius in den Jahren zuvor. Direkt darauf Bezug nahmen wohl auch die von dem Stadtpräfekten Memmius Vitrasius Orfitus (357-359) auf dem Vorplatz der Kurie aufgestellten Constantius-Statuen, deren Basis jeweils den gleichen Text zeigte, der den Kaiser als propagator imperii Romani und toto orbe victor ac triumfator, semper Augustus verherrlichte.276

Da man davon ausgehen kann, dass eine Person wie Cerealis sicherlich nicht von Constantius eine direkte Order bekommen hatte, er auf der anderen Seite aber auch über die Wünsche des Kaisers Bescheid wusste, lässt sich folgern, dass die von ihm gewählte Kombination aus Text und Ikonographie eine Spiegelung der in der römischen Oberschicht diskutierten Standpunkte darstellte, die dem Kaiser in einer bestimmten Notsituation helfen sollte, konkret: Der praefectus urbi erachtete es als besonders wichtig, den Kaiser als basileus polemikos darzustellen, da der von ihm besiegte Feind wohl zuvor gerade in diesem Bereich punkten und Constantius bei der römischen Oberschicht in Bedrängnis bringen konnte.

Dass Constantius auch einen gewissen Druck in dieser Hinsicht verspürt hat, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass er nach dem Feldzug am Bodensee im Jahr 355, bei dem er wahrscheinlich gar nicht feindliches Gebiet betrat, im Triumphzug nach Mailand einzog und sich auf einem Meilenstein als Alamannicus maximus, zusätzlich zu den sonstigen Siegesnamen Germanicus maximus, Gothicus maximus und Adiaben(icus) maximus, titulieren ließ.277 Die ungewisse Situation in den ostgallischen Provinzen bestand nach diesem Feldzug weiterhin, weshalb man aus Constantius’ Maßnahme schließen kann, dass hier die Notwendigkeit eines Siegesbeinamens als geradezu unerlässlich angesehen wurde. Damit erweitert sich der bisherige Befund, da Constantius – wie man an diesen traditionellen Maßnahmen sieht – nicht auf ganzer Linie ein Umdenken bezüglich herkömmlicher Erwartungshaltungen an den Kaiser einläuten wollte oder konnte, sondern auf unterschiedlichen Ebenen teilweise disparate Strategien verfolgte.

Überblickt man nun Ammians Bericht zum Einzug des Constantius in Rom und vergleicht man diesen mit epigraphischen und archäologischen Quellen, so fügen sich viele Mosaiksteine zu einem Gesamteindruck zusammen: Die Aufstellung des Obelisken in Rom durch Constantius war, wie sich aus der Inschrift auf der Basis nachvollziehen lässt, eine Antwort auf eine mögliche Kritik am Kaiser, dass dieser kein basileus polemikos sei. Der Obelisk fungierte als bereits etabliertes Triumphsymbol;278 gleichzeitig suggerierte der Text auf der Basis für den Betrachter die Deutung, dass Constantius mit der Aufstellung des Obelisken ebenfalls eine heroische Tat vollbracht und mit dem Sieg über Magnentius sich als fähiger Feldherr erwiesen habe. Ob Ammians Meinung tatsächlich auf einen common sense des Jahres 357 rekurrierte, lässt sich kaum entscheiden, ist aber zumindest zu bezweifeln, da Constantius doch relativ offensiv auch den Bürgerkrieg als militärischen Leistungsbeweis thematisierte. Der Sieg über Magnentius wurde als Argument für die eigene Befähigung zum basileus polemikos ins Spiel gebracht und nicht übergangen, ja, durch den triumphalen Einzug in Rom sogar ins Gedächtnis gerufen. In diesem Kontext konnten Zuschreibungen aus anderer Perspektive, wie zum Beispiel die Inschriften auf Statuen, die von den Stadtpräfekten gestiftet wurden, ,offensiver‘ und unbefangener vorgehen, da sie offiziell nicht die Meinung des Kaisers repräsentierten. Deshalb finden sich dort auch Verbindungen von propagator und triumfator, teilweise noch mit einer Ikonographie des über den Feind siegenden Kaisers.

Führt man sich diesen Befund vor Augen, so lassen sich weitere Rückschlüsse bei der Analyse der Gedankenwelt Ammians ziehen. Blickt man zuletzt noch einmal auf dessen Beschreibung des Einzuges von Constantius nach Rom im Jahr 357 zurück, so fällt auf, dass der Geschichtsschreiber vor allem zwei Aspekte kritisiert: Zum einen, dass Constantius sich gezwungen fühlte, einen militärischen Sieg zu erringen;279 zum anderen Constantius’ Feier eines Sieges im Bürgerkrieg und die damit verbundene Memorierung in einem Triumphzug. Constantius’ weiteres Verhalten, sein Umgang mit den verschiedenen Akzeptanzgruppen, wird von Ammian überaus wohlwollend geschildert.280 Ammians Urteil ist also gespalten. Jedoch sollte man diesen Umstand nicht als Widerspruch in der Berichterstattung deuten oder mögliche Divergenzen zu nivellieren versuchen. Vielmehr erscheint es so, dass Ammian – aus der Retrospektive – nur einen Aspekt an Constantius’ Einzug tadeln, auf eine ausgewogene Bewertung aber nicht verzichten wollte. Vor der Folie der bisherigen Ergebnisse lässt sich seine negative Beurteilung des Kaisers somit auch eher als eine Kritik am ,System‘, an den durch das imperator-Dilemma hervorgerufenen Paradoxa und weniger an Constantius selbst interpretieren. Ammian problematisierte die Notwendigkeit des Kaisers, sich als basileus polemikos inszenieren zu müssen, eine Entwicklung, die er auch im Folgenden bei Julian, bei Valentinian und vor allem bei Valens als geradezu fatalen Prozess erachten sollte.

3.2.6 Zusammenfassung

Ausgehend von der Frage der Wirkmächtigkeit des imperator-Dilemmas haben die Untersuchungen zu Constantius II. anhand literarischer, numismatischer und epigraphischer Quellen zu folgenden Ergebnissen geführt:

(1) Hermeneutischer Ausgangspunkt war eine Textpassage Ammians (14.10). Der in gewisser Weise ,anachronistische‘ Charakter wurde dabei bewusst in Kauf genommen, um herauszufinden, welche Prozesse und Dynamiken ein Historiker in der Regierungszeit des Theodosius als wegweisende Aspekte bis hin in die eigene Zeit betrachtete. Ammians Beschreibungen wurden dabei zunächst als Analyse aus der Retrospektive verstanden, bei der der Autor seine Sichtweise aus einer gewissen zeitlichen Distanz als Entwicklungslinie in den geschichtlichen Prozess projiziert. Besonders deutlich wurde diese Projektion daran, dass er die Brisanz des imperator-Dilemmas schon für die Zeit des Constantius hervorhob. Constantius ist bei Ammian stets mit einer prekären Situation an den Grenzen konfrontiert. Damit zielt der Historiker weniger auf die konkrete Bedrohung durch Feinde an Rhein, Donau und im Osten ab, sondern vor allem auch auf den internen Erwartungsanspruch des Heeres, den der Kaiser mit seinen eigenen Plänen und Maximen in Übereinstimmung bringen musste. Besonders daran, dass Ammian dieses Spannungsverhältnis im Text ganz offensichtlich inszeniert – symptomatisch dafür war die Rede des Constantius nach dem Abbruch des Feldzugs – lässt sich erkennen, dass der Autor das imperator-Dilemma als eine wesentliche Problematik in der Interaktion Kaiser/Heer ansah. Bemerkenswert ist, dass Constantius das Begehren seiner Soldaten nicht erfüllt und dem Aspekt der utilitas einen höheren Geltungsrang einräumt. Dass eine solche Maßnahme, die das basileus-polemikos-Ideal negiert, jedoch eine heikle Entscheidung darstellt und enorme Auswirkungen haben kann, deutet Ammian ebenfalls an. Mit der Formulierung cunctator cautus, mit der sich Constantius als „vorsichtiger Zögerer“ darstellt, spitzt sich dieses Spannungsverhältnis insofern zu, als Ammian die daraus resultierenden Fragen mit dem brisanten Wechselverhältnis von Erwartungshaltung, Prestigedenken und übergeordnetem Interesse begründet.

In diesem Zusammenhang konnte die Beobachtung gemacht werden, dass Ammian der Vorgehensweise des Constantius – Emanzipation vom basileus-polemikos-Ideal, Verhandlungen statt Kämpfen, Schonung der Kräfte, Orientierung an der utilitas rei publicae – den Status einer angemessenen und adäquaten Handlungsweise konzedierte.281 Hinter diesen Debatten stand zweifelsfrei der ,strategische‘ Truppenmangel von Constantius, den ich anfangs dargelegt habe: Zwar verfügte Constantius nicht über weniger Truppen als seine Vorgänger, die vielen Brandherde an den Grenzen sowie mögliche Usurpationen bedingten es aber, dass man so schonend wie möglich mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen umging. Diese Vorgehensweise stand jedoch im Kontrast zum Ideal des basileus polemikos, so dass Constantius sich mit einem imperator-Dilemma konfrontiert sah.

Es wird sich im Folgenden noch zeigen, dass die Auffassung Ammians von den späteren Entwicklungen unter Valentinian, Valens und Theodosius beeinflusst wurde; Ammian zog hier eine direkte Linie von der Zeit des Constantius zu Theodosius und sah die Auswirkungen des imperator-Dilemmas als einen möglichen Grund der Katastrophe von Adrianopel an.282

(2) Die Analyse der Reden des Themistios zeigte sodann, dass Ammians Sichtweise nicht eine anachronistische Rückprojizierung darstellt; das imperator-Dilemma wurde auch schon während der Regierungszeit von Constantius diskutiert und problematisiert. Bei Ammians Beschreibung handelte es sich nicht allein um eine Erkenntnis aus der Retrospektive; denn Themistios – als wichtiger Redner am Hof, als Vermittler zwischen Kaiser und Akzeptanzgruppen – erkannte die Bedrohlichkeit des imperator-Dilemmas für die Herrschaft seines Kaisers und ergriff gezielt Gegenmaßnahmen, um die militärischen und zivilen Eliten von der Zweckmäßigkeit seiner Politik zu überzeugen. Themistios’ Reden offenbaren einen tiefgründigen Einblick in die dynamischen Aushandlungsprozesse jener Zeit und dokumentieren, dass Constantius als verhinderter basileus polemikos einer Legitimationsstrategie bedurfte. Themistios entwarf hierbei mehrere Modelle, welche die Adäquatheit der traditionellen Werte und Ansichten römischer Außenpolitik dekonstruieren und alternative Leistungsbemessungen zu etablieren versuchten.

(3) Zuletzt konnte anhand der Analyse numismatischer und epigraphischer Quellen nachgewiesen werden, dass auch Constantius die Problematik eines Erfüllungszwanges als basileus polemikos und propagator imperii als einen wichtigen Aspekt seiner kaiserlichen Selbstrepräsentation ansah. Seine Münzprägung zeigt, dass er – ähnlich wie Themistios – alternative Formen der Legitimierung als Kaiser anstrebte und von den Motiven als kampfeswütiger, die Feinde nicht verschonender Kaiser, als deinos aner, zumindest bei den militärischen und zivilen Eliten, abwich. Gegenüber den rangniederen Soldaten wurden jedoch weiterhin traditionelle Konzepte und Ideale mit der Münzprägung verkündet, ein wichtiges Anzeichen dafür, dass Constantius der Heterogenität seiner Akzeptanzgruppen Rechnung tragen musste.

In ähnlicher Weise verhält es sich beim epigraphischen Befund; dieser zeigte, dass Constantius einerseits traditionelle Praktiken aufgriff und mit Siegesbeinamen die militärische Sieghaftigkeit seiner Person dokumentierte. Auf der anderen Seite versuchte er auch bei diesem Medium, neue semantische Felder zu erschließen, die unabhängig von der militärischen Bezwingung eines Gegners waren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Constantius den Bürgerkrieg als akzeptierte Legitimation der eigenen Herrschaft zu etablieren versuchte und dabei an Konzepte von Constantin anknüpfte. Dass Constantius jedoch ab 355 in Julian ein Konkurrent erwuchs, der diese vielfältigen Bemühungen unterminierte, soll das folgende Kapitel zeigen.

3.3 Julian – Waffen statt Worte

Im Folgenden soll, ebenfalls aufbauend auf den Ergebnissen aus den bisherigen Untersuchungen, die Berichterstattung Ammians über Julians Feldzüge wiederum als einleitender Impuls fungieren, der zunächst das bisherige, oft überaus positiv gestaltete Julian-Bild bei Ammian einer abweichenden Interpretation gegenüberstellt und anschließend als Folie für die beiden Panegyriken Julians auf Constantius mit Blick auf das imperator-Dilemma und seine Auswirkungen benutzt wird. Die Analyse der beiden Lobreden Julians soll zeigen, dass Julian schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt seiner Herrschaft als Caesar sich von Constantius distanzierte und dabei vor allem dessen Defizit als basileus polemikos ausnutzte. Wohin diese Entwicklung führen sollte, wird im anschließenden Kapitel erörtert.

3.3.1 Julian als Opfer des imperator-Dilemmas – Ammian

Im Hinblick auf Julian lässt sich im Text bei Ammian ein oftmals kritischer Unterton feststellen, der – so meine These – auf einer deutlichen Skepsis gegenüber der forschen, die Traditionen des basileus polemikos hochhaltenden Vorgehensweise Julians im militärischen Bereich gründet. Dass Julian somit als „hero, in every sense of the word“283 dargestellt wird, muss somit bezweifelt werden.

Betrachtet man die Berichterstattung Ammians über den ersten Feldzug Julians nach dessen Ernennung zum Caesar im Jahr 355, so fällt auf, dass von Anfang an große Kontraste zu der Vorgehensweise von Constantius bestehen.284 Ich werde zwei Passagen exemplarisch herausgreifen und analysieren. Folgende Deutung möchte ich dabei vorschlagen: Ammian erkennt in dem von ihm als tatkräftig beschriebenen Vorgehen Julians an der Grenze einerseits zwar eine bewundernswerte Energie und Entschlossenheit; auf der anderen Seite problematisiert er jedoch die Konsequenzen, die sich aus dem teilweise unüberlegten Unternehmungsdrang Julians ergeben. Dessen offensive Pläne zur Eindämmung der Barbareneinfälle mögen ganz den Geschmack der Soldaten getroffen und ihn selbst als wahren Repräsentanten des basileus-polemikos-Ideals ins strahlende Licht gerückt haben, jedoch – oder gerade deshalb – lassen sich trotz der oftmals gleichsam panegyrischen Passagen auf Julian deutliche Hinweise bei Ammian finden, die eine wenig nachhaltige Politik Julians anprangern.

3.3.1.1 Kühnheit um jeden Preis und cunctator wider Willen – der Zug gegen die Alamannen (356)

Im Jahr 356 steht Julian vor seiner ersten Bewährungsprobe. Nachdem er am 1. Dezember 355 gleich nach seiner Ernennung zum Caesar nach Gallien aufgebrochen war, erhielt er dort die Nachricht, dass die strategisch bedeutsame Colonia Agrippinensis von den Franken erobert wurde.285 Mit Constantius, der beschlossen hatte, das verlorene Territorium wieder zurück zu erkämpfen, führte Julian 356 einen Zangenangriff gegen die Alamannen durch.286 Die Stadt Augustodonum (Autun) war zunächst von den Alamannen eingenommen, danach von Veteranen wieder zurückerobert worden. Julian beschloss, nach Autun zu marschieren. Ammian kommentiert: „Gleich einem routinierten Feldherrn, der sich durch Willensstärke und Pläne hervortut, wollte er die Barbaren, die in verschiedene Richtungen umherschweiften, angreifen, sobald das Schicksal ihm eine Möglichkeit biete.“287 Dieser Satz wirkt auf den ersten Blick grundsätzlich positiv. Bei näherem Hinsehen und einer genauen Kontextualisierung werden jedoch Details deutlich, die zu einer anderen Deutung führen. Zunächst erscheint das Eingreifen Julians nach der Rückeroberung Autuns durch römische Truppen zwar gerechtfertigt, aber nicht vorbehaltlos zwingend.288 Es ist sehr wahrscheinlich, dass erfahrene Offiziere in seinem Stab das Risiko einer solchen Operation vorhergesehen und ihn darauf hingewiesen haben.289

Der junge Caesar wollte und musste jedoch unbedingt – so erscheint es bei Ammian – seine Eignung als militärischer Anführer, der kein Risiko scheut, der vorangeht und dem Ideal der Promachie nachkommt, unter Beweis stellen. Dies wird an einem Zusammenspiel mehrerer Textstellen in den Res Gestae deutlich: So berichtet Ammian, wie Soldaten im Jahr 358 Julian während einer Nachschubunterbrechung als Graeculus verspotteten und ihn zudem als einen Tölpel schalten, der „unter dem Deckmantel der Weisheit“ (specie sapientiae) – womit auf Julians philosophische Studien angespielt wird – agiere, Julian somit gänzlich die Fähigkeit zu militärischer Führung absprachen.290 Diese Passage interagiert mit einer Beschreibung aus dem 16. Buch, in dem Ammian die philosophischen Studien Julians mit aller Macht als geeignete Vorbereitung auf den militärischen Dienst darstellt, um potentiellen Kritikern, Julian habe aufgrund seines Interesses für jene griechischen Denker eine allzu weiche Seele, den Wind aus den Segeln zu nehmen.291

Neben der inhaltlichen Kongruenz ist hier vor allem die Wiederkehr der von Ammian beschriebenen Problematik entscheidend: Die sich wiederholenden Ausführungen zu Julians philosophischem Hintergrund und die abermaligen Versuche Ammians, den jungen Caesar in dieser Hinsicht als militärischen Befehlshaber zu rehabilitieren, lassen darauf schließen, dass Julian von Anfang an mit heftigem Gegenwind konfrontiert war. Ammians Rechtfertigungsstrategien sind ein Anzeichen dafür, dass sowohl höhere Offiziere als auch einfache Soldaten überaus skeptisch waren, was die Feldherrnfähigkeit ihres neuen offiziellen Oberkommandierenden anbelangte.292

Zurück zum Feldzug von 356 und zur Beschreibung Ammians. Zunächst berät sich Julian mit Ortskundigen (assistentibus locorum peritis), welche Marschroute man am sichersten nach Autosidorum (Auxerre) einschlagen sollte. Obwohl verschiedene Vorschläge gemacht werden, entscheidet sich der Caesar plötzlich dafür, einen anderen, kürzeren Weg zu nehmen und dies nur deshalb – so Ammian –, weil der frühere magister peditum Silvanus dieses als Wagstück angesehene Unternehmen auf dieselbe Weise durchgeführt hatte. „Der Caesar war ziemlich zuversichtlich und eifrig bestrebt, die Kühnheit des mutigen Mannes nachzuahmen“ (fidentius Caesar audaciam viri fortis imitari magnopere nitebatur).293 Gleichwohl – und hier offenbart sich wieder Ammians sehr zweischichtige Darstellungsweise – entschied sich Julian ohne Not für diese Variante, die „unsicher war, weil sie durch dunkle Wälder führte“. Darüber hinaus habe es der junge Caesar auch vernachlässigt, eine ausgewogene Kampftruppe zusammenzustellen, „damit keine Verzögerung einträte“.294 Diese Kommentare des Geschichtsschreibers stellten eine leise Kritik dar, sie verweisen auf potentielle Gefahren, die sich aus der Entscheidung Julians ergeben konnten, deren teils zweifelhafte Motivation eigentlich nur mit dem Hinweis auf ,kühnes‘ Feldherrentum im Sinne des basileus polemikos erklärt werden kann.

Zwar konnte Julian einige Barbaren auf dem Weg nach Tricasae aufspüren und gefangen nehmen; aus der Kaschierung der negativen Erlebnisse durch Ammian lassen sich jedoch ebenfalls Erkenntnisse gewinnen: So sei Julian manchmal nichts anderes übrig geblieben, als die Barbaren zu „beobachten“ (observabat). Aufgrund der unausgewogenen Truppenzusammenstellung habe Julian von manchem Gefecht absehen müssen, weil er die Überlegenheit der alamannischen Truppen fürchtete, andere Gegner habe Julian entfliehen lassen, da er durch schwere Waffen behindert gewesen sei.295 Angesichts der Tatsache, dass Julians Hauptziel eigentlich der Angriff und die Vernichtung war, bedeutete die Gefangennahme von manchen (nonnullos) feindlichen Kriegern somit einen äußerst bescheidenen Teilerfolg. Nach wechselvollen Ereignissen sei Julian dann nach Tricasae gelangt – per multa discrimina, wie Ammian abschließend sehr symptomatisch urteilt.

Auch im weiteren Verlauf ist der Feldzug nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Obwohl die Truppen wieder in „freudigerer Stimmung als sonst“ (solito alacrior miles) den Gegnern entgegengerückt seien, geriet man in einen Hinterhalt und „wäre beinahe völlig vernichtet worden, wenn nicht das plötzliche Geschrei die Bundesgenossen zur Hilfe herangetrieben hätte“.296 Die kontrafaktische Überlegung Ammians umreißt einen Möglichkeitsbereich, der ein erschreckendes Alternativszenario zu dem gerade noch glücklichen Ausgang skizziert und dem Leser damit die durchaus nicht romantische Gefährlichkeit des Unternehmens vor Augen führt. Dieses Erlebnis scheint auch Julians Haltung beeinflusst zu haben: „Von da an und auch danach glaubte er, dass weder Wege noch Flüsse ohne Furcht vor Hinterhalten überquert werden könnten“ – hinc et deinde nec itinera nec flumina transire posse sine insidiis putans erat providus et cunctator.

Hierbei fällt sofort eine Formulierung auf, die man von Constantius’ Rede aus dem 14. Buch kennt:297 Ammian bezeichnet Julian interessanterweise als providus und als cunctator. Ohne Zweifel ist hier cunctator positiv besetzt, weil diese Verhaltensweise das Wohlbefinden des Heeres garantiere.298 Hält man sich vor Augen, dass sich Constantius in seiner Rede an die Soldaten (354) noch dafür entschuldigen muss, dass er cunctatus et tutus sei, also aufgrund einer vorsichtigen und nicht alle Risiken eingehenden Haltung den Feldzug nicht militärisch lösen möchte und dies wohl auf große Ablehnung der Soldaten stieß, ist Julians Apostrophierung als cunctator insofern relevant, als sie eine partikulare Erkenntnis des Caesars suggeriert, der nach ersten Erfahrungen merkt, dass ein allzu kühnes Verhalten doch nicht ratsam erscheint.299

Schon bald kommt es zu einem erneuten Aufeinandertreffen, bei dem einige der Alamannen in Gefangenschaft geraten, aber der Großteil sich in die Wälder retten kann.300 Wiederum ist der Erfolg Julians äußerst bescheiden und Ammian bemüht sich an dieser Stelle gar nicht mehr, die Diskrepanz zwischen ursprünglichem Plan und magerem Ergebnis mit lobenden Worten zu verschleiern. Der Effekt ist, dass der Leser sich spätestens an dieser Stelle überlegt, inwiefern eigentlich die Notwendigkeit eines römischen Herrschers, sich als basileus polemikos zu legitimieren, zu schädlichen und paradoxen Entscheidungen führt.

3.3.1.2 Die Notwendigkeit einer „denkwürdigen Tat“ – die Schlacht bei Straßburg (357)

Die vorerst wohl größte Tat – nach Ammians Überlieferung – vollbrachte Julian während des Feldzuges gegen die Alamannen im Jahr 357, der in der Schlacht bei Straßburg gipfelte.301 Nach dem Winterlager in Sens brach der Caesar nach Reims auf, da „an allen Orten die Germanen im Geheimen Drohungen vernehmen ließen“ (Germanicis undique circumfrementibus minis).302 Laut Ammian habe man mit dem richtigen Konzept (cogitatum est enim solliciteque praestructum) beabsichtigt, die Alamannen in einer Art Zangenbewegung durch die römischen Truppen einzuschließen. Während der strategischen Vorgehensweise somit kein Makel anhaftet, ist die Ausführung jedoch mangelhaft. Ammian kann nicht verschweigen, dass Verbände der Alamannen den Abstand, der sich zwischen den beiden Heeresteilen ergab, ausnutzten und unbemerkt nach Lyon vordringen konnten. Nur die verschlossenen Tore der Stadt hinderten die Alamannen daran, größeres Unheil anzurichten, das Umland wurde jedoch gebrandschatzt.303 Fast schon hilflos entschuldigend klingt anschließend Ammians Hinweis, dass Julian sofort nach Erhalt dieser Nachricht „in geschäftiger Bemühung“ (agili studio) die Wege beobachten ließ, auf denen seiner Meinung nach die Gegner fliehen würden.304

Nach einer anschließenden Vergeltungsaktion gegen die Alamannen zieht Julian weiter nach Saverne, wo er eine schon bestehende, aber nicht mehr gut erhaltene Festung wieder instand setzt. An diesem Punkt wendet sich Ammian völlig unvermutet einer interessanten Überlegung zu, die einiges über den Stellenwert Julians im Heer aussagt: Überall sei das Gerücht verbreitet worden, dass der junge Caesar nicht deshalb ausgesucht worden sei, um Gallien aus seiner schlimmen Lage zu befreien, sondern man habe ihn für diese Aufgabe lediglich auserkoren, damit er in den wilden Wirren der Kriege (bella saevissima) eventuell den Tod finde.305 Nicht nur der Inhalt dieses Gerüchts, sondern auch die Präsentation durch Ammian bergen Details, die einen gewissen Aufschluss über die Stimmung bei den Soldaten zulassen. Zunächst wirkt der Kontext, in den der Historiker die Berichterstattung über das Gerücht einbettet, sehr apologetisch und scheint zudem an den davor geschilderten Zusammenhang gekoppelt zu sein. Im Heer war Unruhe entstanden, weil nicht genügend Versorgung herangeschafft werden konnte. Ammian macht dafür Barbatio verantwortlich, der die logistische Zufuhr geraubt und den Feldzug zu früh beendet habe.306 Für diesen mehr als merkwürdigen Sachverhalt vermag Ammian keine Erklärung zu liefern und muss selbst zugeben, dass die Angelegenheit nie richtig aufgeklärt werden konnte (usque in id temporis latuit).307

Unabhängig von der Frage, ob Barbatios Handeln wirklich ein Verrat war oder nicht eher eine vernunftgeleitete Entscheidung, die die römischen Ressourcen nicht übermäßig strapazieren wollte, kann sich der Leser aufgrund der Erwähnung des Gerüchtes über Julian des Eindrucks nicht erwehren, dass man unter den Soldaten den Caesar für den Engpass bei der Versorgung verantwortlich machte und insgesamt an seinen Oberbefehlshaberfähigkeiten zweifelte. Betrachtet man den narrativen Gedankengang bei Ammian, so gibt es an dieser Stelle eigentlich keinen anderen Grund, das Aufkommen jenes Gerüchtes einzustreuen, als den, damit die feindliche Stimmung gegenüber Julian zu erklären und die schwierigen Herausforderungen, mit denen der Caesar konfrontiert war, als eine Art Entschuldigung für die Pannen und mehr als dürftigen Ergebnisse während der ersten Feldzüge anzuführen.

Darüber hinaus belegt schon nur die Existenz eines solchen Gerüchts, dass das Ansehen Julians bei seinen Soldaten angekratzt war. Eine weitere Bemerkung Ammians passt sodann zu dem obigen Befund: Erneut weist Ammian darauf hin, dass der junge Caesar als „noch unerfahren“ (rudis) und „nicht einmal den Klang der Waffen aushaltend“ (ne sonitum quidem duraturus armorum) eingeschätzt wurde.308 Diese Darstellung Ammians lässt den Leser realisieren, dass Julian aufgrund seiner plötzlichen Ernennung zum Caesar dem Druck des imperator-Dilemmas sofort ausgeliefert war, was ihm die Notwendigkeit aufdrückte, sich militärisch zu betätigen, obwohl sich bisher weder geeignete Situationen ergaben noch Julian über genügend Erfahrung verfügte.309

Falls die Vermutungen Ammians tatsächlich zutrafen, musste Julian klar gewesen sein, dass er alsbald einen Beweis seiner militärischen Fähigkeiten liefern sollte, um die Anprangerung durch seine Kritiker zu entkräften. Um den Respekt und die Achtung der Truppen zu erhalten, musste Julian, der nach Meinung vieler Soldaten eher philosophischen Studien zugewandt und bisher in keiner Weise militärisch in Erscheinung getreten war, zeigen, dass er sich als ,wahrer‘ Verteidiger römischer Interessen zu erweisen wusste; und diese Manifestation konnte, ganz entsprechend der Vorstellungen von Promachie, Deinokratie und Epikratie, nur über offensive, die eigene Kühnheit demonstrierende Aktionen gegen die Gegner an der Grenze erreicht werden.

Nach nicht allzu langer Zeit verbündeten sich die Alamannenkönige Chnodomar, Vestralp, Urius, Serapio, Suomar und Hortar und planten eine gemeinsame Operation gegen die Römer.310 Es folgten einige diplomatische Geplänkel, bevor es zur direkten Auseinandersetzung kam. Julian – so Ammian – habe hierbei die Vorausabteilung der Soldaten noch einmal zurückrufen müssen,311 bevor er eine Rede an die Soldaten gehalten habe. An diesem neuralgischen Punkt realisiert der Leser, dass durch das Mittel der direkten Rede Ammian – wie schon bei Constantius – eine wichtige eigene Beurteilung der historischen Ereignisse und Entwicklungen präsentieren möchte.312

Es fällt auf, dass Julians Rede einen programmatischen Ansatz verfolgt, der in starkem Gegensatz zu seinem eigentlichen Verhalten steht. Ammian stilisiert Julian als constantiusgleichen cunctator im besten Sinne. Gleich der Beginn seiner Ansprache überrascht: „Keine Ruhe lässt mir …“ (urget) – nicht die Provokation der Alamannen, nicht eigener Kampfeseifer, nicht der Drang zur Vergeltung – „… die nüchterne Überlegung, das allgemeine Wohl zu schützen“ (ratio salutis tuendae communis).313 Nach dieser äußerst unerwarteten Einführung mit dem Hinweis auf die utilitas publica verdeutlicht Julian bei Ammian mit beschwörenden Worten seine Ansicht. Es gelte, „sich lieber für den vorsichtigeren Weg zu entscheiden“ (cautiorem viam potius eligamus), anstatt „übereilt ein Risiko einzugehen“ (non praeproperam et ancipitem [viam]). Schon sei es Mittag und der Marsch habe die Körper ermüdet; ein schwieriger Weg stehe noch bevor. Ein Schlachtbeginn am selben Tage könne deshalb katastrophale Auswirkungen haben und aus diesem Grund solle der Angriff auf den nächsten Tag verschoben werden.314 Julian habe sich jedoch mit seiner Ansprache nicht durchsetzen können, Ammian beschreibt mit sehr bildhaften Worten, wie die Soldaten ihn nicht einmal ausreden lassen, „mit den Zähnen knirschen“ und darauf drängen, gegen den Feind geführt zu werden. Der Caesar vermag dieser Dynamik nichts mehr entgegenzuhalten, die Römer entscheiden sich zur Schlacht.315

Welche Rückschlüsse lassen sich nun ziehen aus der zweifachen Diskrepanz zwischen Julians sonstiger Haltung und seinem jetzigen Plädoyer sowie zwischen seiner vorsichtigen Programmatik und dem unzähmbaren Drang seiner Soldaten? Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass Ammian sehr wohl um das hohe Risiko des sofortigen Angriffs wusste. Dies manifestiert sich in den auktorialen Kommentaren direkt nach der Rede Julians. Die Soldaten hätten mitunter auf die „Gunst des himmlischen Gottes“ (caelitis dei favore) vertraut und, wie das Ergebnis des Kampfes verdeutlicht habe, es sei schließlich auch „ein gewissermaßen rettender Schutzgeist“ (salutaris quidam genius) anwesend gewesen. Dass Ammian dieses blinde Vertrauen in überirdische Entitäten gutheißt, kann stark in Zweifel gezogen werden. Der Ausgang der Schlacht stand auf des Messers Schneide und die Anwesenheit eines amorphen Schutzgeistes ist für ihn genauso unerklärbar wie das Auftreten eines deus ex machina, der am Ende eines Schauspiels, völlig unerwartet für die Protagonisten, die ganze Situation rettet. Seine kritische Einstellung zu dem risikoreichen Angriff erkennt man auch daran, dass Julian sich ansonsten mit ,seiner‘ Rede vollends kompromittiert hätte. So aber kann Ammian mit Julians Hinweis auf die utilitas publica das rationale Denken des Caesars betonen, der von einem kurzfristigen, individuellen Nutzen für einzelne Truppenteile wie auch für sich selbst abstrahiert und das übergeordnete Ganze in den Blick nimmt.

Durch die von Ammian inszenierte Diskrepanz zwischen der Feldherrnrede und dem Verhalten der Soldaten wird Folgendes hervorgehoben: der schier unbändige Wille der Soldaten, zur Tat zu schreiten, der sich aber nicht unbedingt in einer als positiv empfundenen Entschlusskraft konkretisiert, sondern eher als irrationaler Drang erscheint, der sich in einer ungebrochenen Dynamik Bahn bricht und dem zuständigen Oberkommandierenden den beinahe unvermeidbaren Zwang aufbürdet, den in risikobehafteten Unternehmungen allmählich angestauten Spannungen ein Ventil zur Entladung einzuräumen. Hält man sich vor Augen, dass Ammian die Situation so inszeniert, dass Julian die Soldaten um einen Tag vertrösten muss, ist dies ein sehr deutlicher Beweis dafür, wie das Heer beziehungsweise die höheren Offiziere den Caesar unter Druck setzten.

Natürlich kann es Ammian nicht daran gelegen sein, Julian in dieser Situation als entscheidungsschwachen Caesar darzustellen, der darüber hinaus auch noch unter einem Autoritätsproblem leidet. Aus diesem Grund verbrämt er die Konfliktsituation und ,romantisiert‘ den römischen Entschluss zum Angriff, indem er auch noch einen Feldzeichenträger zu Wort kommen lässt. Dieser ermutigt Julian mit aufmunternden Worten, das Angriffssignal zu geben und mit Tapferkeit (virtutem) und planvoller Taktik (consilia) voranzuschreiten. Ein sicherlich nicht unwichtiges Detail stellt die Tatsache dar, dass der Soldat Julian dazu auffordert, er solle „den Versuch machen“ (experieris), um zu sehen, was sein Heer leisten könne.316 Diese Bitte kann man auf der einen Seite als rührende Geste zwischen dem Caesar und seinen Soldaten auffassen; vor dem Hintergrund des gesamten Kontextes jedoch erhält eine andere Interpretation den Vorzug: Hinter dem nachsichtig formulierten Appell des Feldzeichenträgers stand wohl der ungeduldige Aufruf, endlich loszuschlagen und – falls Julian der Operation skeptisch entgegensehe – dabei ganz auf das Heer zu vertrauen, das die Angelegenheit zu einem guten Ende führen werde.317

Bezieht man die Rede Julians in die Analyse mit ein, so fällt auf, dass der Caesar in außergewöhnlicher Art und Weise und geradezu krampfhaft sämtliche Verdachtsmomente eines als feige aufgefassten eigenen Verhaltens zu zerstreuen gezwungen ist: „Wie es nämlich beschlossene Sache ist, dass die Jugend [sc. Julians] in Gefahren sich als unverdrossen und kühn beweist, so muss sie sich als lenkbar und vernünftig beratend zeigen, wenn es die Sache erfordert“ (ut enim in periculis iuventutem impigram esse convenit et audacem, ita, cum res postulat, regibilem et consultam).318 Julian, dem hier – wie oben gezeigt – ein sofortiger Angriff als eine Kamikaze-Aktion (ancipitem viam) erscheint, muss um die Zustimmung der Soldaten ringen, die Offensive aufzuschieben. Damit – so die Darstellung durch Ammian – sieht er sich aber gleichzeitig dem dringenden Verdacht ausgesetzt, ängstlich zu sein;319 aus diesem Grund weist er ohne zu zögern darauf hin, sich vollkommen dessen bewusst zu sein, dass sein jugendliches Alter eigentlich ein kühnes und zupackendes Verhalten nahelege, er deshalb durchaus einen Angriff durchführen möchte, aber die momentane Situation eben ein vorsichtigeres Verhalten erfordere. Der Leser erkennt, wie Julian hin und her gerissen gewesen sein mag, auf der einen Seite endlich ein Beispiel seiner Tapferkeit zu liefern und sich somit als basileus polemikos zu erweisen, auf der anderen aber nicht durch eine vorschnelle Maßnahme eine Niederlage zu riskieren.320 So bittet er die Soldaten inständig, ihn anzuhören, für dieses Zugeständnis konzediert er ihnen auch, dass ihre „Empörung gerechtfertigt ist“ (iusta indignatio).321

Die Schilderung des gesamten Feldzugs dient also nicht oder nur eingeschränkt dazu, „to illustrate the particular virtues of Julian and his army“.322 Vielmehr kommt unter der scheinbar nur positiven Beschreibung eine Sub-Ebene zum Vorschein, auf der die Spannungen zwischen Julian und seinem Heer deutlich werden, sowie gegensätzliche Ansichten zwischen Ammian und Julian sich erkennbar abzeichnen.323 Zwar kann Ammian mit seiner ausführlichen Beschreibung der Schlacht dem jungen Kaiser ein Denkmal setzen, einem aufmerksamen Leser entgeht jedoch nicht, dass der Geschichtsschreiber Zweifel äußert an der Nachhaltigkeit dieser Aktion oder vielmehr, dass Ammian das imperator-Dilemma problematisiert und das basileus-polemikos-Ideal in Frage stellt.324

Darüber hinaus weist Ammians Bericht den Leser gleich auch in eine bestimmte Richtung: Indem der Geschichtsschreiber die erste – von Julian abgewiesene – Proklamation zum Augustus durch das Heer direkt nach der Schlacht bei Straßburg schildert,325 betont Ammian, wie der militärische Sieg Julians ihn in den Augen der Soldaten direkt in die Rolle des Gegenspielers von Constantius drängte.326 Der Sieg bei Straßburg fungiert somit in den Augen von Ammian als Katalysator für die folgenden Ereignisse, Julians Entwicklung zum Gegenbild von Constantius sei aufgrund seiner erfolgreichen militärischen Kampagne im Sinne des imperator-Dilemmas unausweichlich gewesen.

Es drängt sich nun ebenfalls die Frage auf, inwieweit diese Sichtweise auch durch zeitgenössische Quellen abgesichert werden kann. Ist die bei Ammian zweifellos erkennbare Tendenz, Julian als basileus polemikos darzustellen, eine Konsequenz rein individueller Einschätzung oder kann dieser Befund auch anhand anderer Quellen nachgewiesen werden?

3.3.2 Subtile Kritik am Augustus – Julians Panegyriken auf Constantius

Um auf diese Fragen Antworten zu erhalten, eignen sich in ganz besonderer Weise zwei Texte, nämlich die beiden panegyrischen Schriften Julians auf Constantius, die wohl zwischen 356 und 359 als Lobreden auf Constantius verfasst wurden. Sie stellen mit ihrem vielschichtigen Deutungsspektrum ein besonders interessantes Textcorpus dar und sind wegen ihrer Abfassungszeit und aufgrund der außergewöhnlichen Konstellation – Julian lobt Constantius, der allerdings für den Tod so vieler seiner Familienangehörigen verantwortlich ist – sehr reizvolle Quellen.327

3.3.2.1 Pyrrhussiege des wortsiegenden Kaisers – Panegyrikos I

Eine genaue Datierung des ersten Panegyrikos erweist sich als schwierig.328 Ein Konsens besteht darüber, dass der Text während Julians Caesariat entstanden sein muss. Teilweise wird die Abfassungszeit auf die Zeit vor der Abreise Julians nach Gallien im Dezember 355 angesetzt.329 Da Julian aber auch auf eine gemeinsame Operation mit Constantius anspielt, muss man wohl mindestens das Jahr 356 als terminus post quem annehmen.330 Zwar wurde noch ein späterer Zeitpunkt als möglich erachtet und die Rede im Kontext der Ereignisse 356/357 verortet,331 die wohl wahrscheinlichste Datierung ist jedoch das Jahr 356, da Julian auf das Fehlen eines eigenen Oberkommandos zu sprechen kommt.332 Ich nehme deshalb im Folgenden eine Abfassungszeit an, die vom Spätjahr 356 bis zum Frühjahr 357 reicht.

Da wir nur von Libanios sicher wissen, dass er den Panegyrikos kannte,333 muss man zunächst die Frage stellen, ob Constantius, in welcher Form auch immer, den Panegyrikos gelesen oder gehört hat.334 Eine klare Antwort lässt sich kaum ermitteln. Auch ist nicht ganz sicher, für welches Publikum Julian seine Rede vorsah. Ähnlich wie bei Synesios’ Rede De regno kann es sich auch um ein Dokument handeln, das in bestimmten, vom Autor zielgerichtet ausgesuchten Kreisen zirkulieren sollte und gar nicht unbedingt an den eigentlichen Adressaten, den Kaiser, gerichtet war. Auf diese Fragen soll am Ende der Analyse zum ersten Panegyrikos noch einmal eingegangen und eine dezidierte These formuliert werden, die vor allem den politisch-historischen Hintergrund mit einbezieht.335

Die Rede scheint zunächst ganz im Stil eines basilikos logos gehalten, wie er von Menander Rhetor vorgegeben wird.336 Julian hält sich in den ersten Paragraphen sehr genau an die traditionelle Struktur, beleuchtet also nach einer Einleitung die üblichen Kapitel wie „Vorfahren“, „Geburt“, „Charakter“, „Erziehung“ und „Leistungen“.337 Die jeweiligen Kategorien werden durchaus lobend abgehandelt und entbehren zunächst jeglichen verdächtigen Charakters. Im anschließenden Teil jedoch wirkt Julians Darstellung – nicht nur aus formalen Gründen – seltsam: Das Thema „Taten im Krieg und im Frieden“ hebt kaum mehr eine lobenswerte Handlung des Constantius hervor, sondern handelt bestimmte Kriegsereignisse einfach nur lapidar erzählend ab, ohne dabei in einem Kommentar auf die besondere Leistung des Kaisers in der jeweiligen Situation hinzuweisen. Welcher Effekt sich dadurch entfaltet, soll an Julians Darstellung der Schlacht bei Singara verdeutlicht werden.

Bei jenem Gefecht zwischen der persischen und der römischen Streitmacht, das im Jahr 344 stattfand,338 errichteten die Perser zunächst ein Lager diesseits des Tigris. Anschließend kam es zu einem kurzen Aufeinandertreffen, das in eine Flucht der persischen Truppen mündete. Julian hebt nun hervor, dass die römischen Truppen es nicht ertragen hätten, dass der Feind ungestraft davonkommen sollte, und deshalb zur Verfolgung ansetzten.339 Obwohl Constantius den Befehl gab, die Verfolgung abzubrechen, hätten die Truppen die Perser verfolgt, seien jedoch in deren Lager gelockt worden, wodurch eine unübersichtliche Situation entstanden sei, die es den Persern erlaubt habe, ihre Flucht fortzusetzen.340

Zwar stellt Julian das gesamte Unternehmen als einen Erfolg dar, es kommen jedoch sicherlich auch beim antiken Leser sofort Zweifel auf, die von der ,ungeschickten‘ Darstellung des Autors herrühren. Zunächst erscheint Julians anschließende Gegenüberstellung, dass die Perser ihren Thronerben verloren und zudem keine Festung eingenommen, wohingegen die Römer einen glanzvollen Sieg erfochten hätten, äußerst fragwürdig.341 Auch das folgende Lob, Constantius habe mit seiner „Tapferkeit“ und seinem „Mut“ (ὑπὸ δὲ τῆς ἀνδρείας καὶ τῆς εὐψυχίας) die entscheidende Wende in der Schlacht herbeigeführt,342 mutet ambivalent an: Der gesamte Bericht erweckt kaum den Eindruck, der Kaiser habe den Ereignissen seinen Stempel aufgedrückt, weil sich sämtliche Prozesse fast autonom und losgelöst von seiner Befehlsgewalt abspielten. Dass sich die Soldaten in der Version Julians kaum mehr bändigen ließen, legt beredtes Zeugnis davon ab, wie sehr selbst im römischen Heer die Ungeduld angesichts der als zu abwartend empfundenen Haltung des Kaisers wuchs; andererseits fällt auf, dass Julian das Vergehen der Soldaten dadurch entschuldigt, dass er sie indirekt zu Wort kommen lässt, indem er ihre Beweggründe für die Befehlsverweigerung schildert: Angesichts der Flucht der Perser hätten die Soldaten großen Unmut empfunden, da sie fürchteten, der Gegner, der zuvor unerhört dreist agiert habe, werde ungestraft davonkommen.343 Die von Julian verwendete Formulierung ὅτι μηδεμίαν ὑπέσχον τῶν τετολμημένων τὴν δίκην zeigt, dass im Heer des Constantius die Ansicht vorherrschte, der Gegner habe unbedingt eine Bestrafung verdient, da sonst das ursprüngliche Begleitphänomen (τετολμημένων) in weitere ,Frechheiten‘ (τόλμαι) umschlagen würde. In dieser Darstellung manifestiert sich erneut die auch in den Texten Ammians und Themistios’ so intensiv diskutierte Vorstellung der Epikratie, die alle Handlungen diskreditiert, die sich abseits der von Vergeltungsmaßnahmen geprägten militärischen Praktiken bewegen, weil sie vom Gegner unausweichlich als Zeichen möglicher Schwäche interpretiert werden könnten. Unabhängig von der ,Wahrheits‘-Frage, ob die von Julian geschilderten Vorgänge sich wirklich so zugetragen haben, lässt sich eine auffallende Diskrepanz zwischen den von Julian angeführten Lobpreisungen und den dazugehörigen Handlungen des Caesars feststellen, die das ,Lob‘ geradezu konterkarieren.344

Mittels der von Julian angewandten Strategie, die ,Tatkraft‘ Constantius’ in einem schiefen kausalen Gefüge zu verorten – wodurch erst recht klar wird, dass der Kaiser Kühnheit und Entschlusskraft vermissen ließ –, wird das Lob auf Constantius geschickt gedämpft.345 Es geht zwar zu weit, wenn man dem gesamten Panegyrikos einen „sarcastic“ Ton unterstellt.346 Jedoch weisen die Befunde des Berichts über die Schlacht bei Singara in die Richtung, dass in das heterogene und komplizierte Gedankengeflecht des Panegyrikos deutlich mehr verdeckte Überreste vorherrschender Meinungen und Ansichten über das außenpolitische Vorgehen Constantius’ Eingang gefunden haben und sich darin widerspiegeln, als man es bisher angenommen hat; Julians Strategie eines Begründungsvakuums – die genauen Argumente für sein Herrscherlob werden nicht angeführt – nahmen wohl genau diese Kritik auf und ließen sie in den ,Panegyrikos‘ einfließen.

Der Widerstreit um die richtige Vorgehensweise gegenüber den Gegnern Roms an den Grenzen wird im Folgenden weiter zugespitzt: Julian nimmt in seinem Panegyrikos auf eine ganz spezielle Maxime der Außenpolitik des Constantius Bezug, die Themistios in die prägnante Formel „Worte statt Waffen“ gekleidet hatte.347 Unmittelbar nach seiner Darstellung der Ereignisse an der Ostgrenze kommt Julian auf Constantius’ Auseinandersetzung mit Magnentius und Vertranio zu sprechen.348 In diesem Zusammenhang betont er, dass Constantius seinen Widersacher Vetranio nicht durch einen militärischen Sieg, sondern allein durch die Macht des Wortes (ὑπὸ τῶν λόγων) dazu gebracht habe, zu kapitulieren und seine Soldaten an Constantius zu übergeben.349

Auf der einen Seite kann ein Feldzug, der ohne den Einsatz von Waffen errungen wurde, als Zeichen höchster Autorität seitens des Siegers angeführt werden.350 Auf der anderen Seite lässt die Art, wie Julian diese Leistung des Constantius beschreibt, wiederum einen gewissen Verdacht aufkommen. Schnell wird nämlich deutlich, dass sich Julian zwar auf eine Leistung des Kaisers bezieht, die Constantius als eine nur ihm eigene Vorgehensweise betrachtete und die er – mithilfe des Themistios – auch zur Akzeptanz bringen wollte; gleichzeitig erhält aber gerade durch Julians akzentuiertes und nachdrückliches Verharren auf diesem Kennzeichen der Politik des Constantius die Skepsis, die damals schon verbreitet war,351 neue Nahrung und Julians Worte unterminieren – bewusst? – die positive Beurteilung von Constantius. Zu Beginn unterstreicht Julian, dass Constantius nach dem Truppenaufmarsch bei Naissus nicht kämpfen wollte, weil er einen Kampf bei numerischer Unterlegenheit als zu risikobehaftet ansah (τολμηρὸν μὲν ἴσως, σφαλερὸν δὲ ἄλλως ὑπολαβών).352 Diese Vorgehensweise kann man gutheißen, man kann aber dem Kaiser hier eine gewisse Feldherrneignung wiederum absprechen, da er es sich nicht zutraute, dieses zahlenmäßige Verhältnis durch ein besonderes strategisches Vorgehen auszugleichen.

Julian verharrt nun bei dieser abwartenden Eigenschaft des Constantius und hebt sie so ausdrücklich hervor, dass es zweifelhaft erscheint, ob er damit eine allgemein akzeptierte Grundhaltung beschreiben will; denn das Bild des ,wortsiegenden‘ Kaisers wird im Folgenden noch weiter strapaziert, Julian beschreibt, wie die Gegner von Constantius nichts verloren hätten und sogar noch Geschenke erhielten.353 Sodann vergleicht Julian Constantius mit Odysseus und Nestor. Unabhängig davon, dass man Odysseus auch als Sinnbild eines hinterhältigen Strategen und Nestor als Symbol eines zwar weisen, aber dennoch zum Kampf nicht mehr fähigen Menschen ansehen könnte, rückt der daraus abgeleitete Folgesatz in das Zentrum des Interesses: Jene griechischen Helden seien Verkörperung all derer, die „vom Rednerpult aus mehr Furcht einflößten als im Krieg“ (φοβερώτεροι ἀπὸ τοῦ βήματος ἢ τοῖς πολεμίοις).354 Wiederum korreliert Julians Lob auf den ersten Blick mit den Anforderungen der Herrscherpanegyrik, Constantius’ respektgebietende Autorität scheint unangefochten. Jedoch wirkt der Aspekt des Furchteinflößens wiederum seltsam quer zu den Ausführungen, aus denen Julian jene Eigenschaft des Kaisers herleitet, und damit steht das gesamte Kartengebäude des Lobes auf sehr unsicherem Grund; denn Julian ,beweist‘ Constantius’ Eigenschaft als φοβερώτερος anhand der Episode über die Kapitulation der Truppen Vetranios, bei der die Soldaten mitnichten aus Furcht überlaufen.355

Julian schließt seine ,Lobrede‘ mit einem Ausruf ab, der wiederum ein ganz besonderes Licht auf seine Meinung über Constantius wirft: „Welche große Stärke der Worte zeigte sich bei dir!“ – τίς οὖν ἡ ῥώμη γέγονε τῶν λόγων.356 Damit nimmt er das Ideal der Logokratie – des Siegens durch Worte – auf, das Themistios Constantius bescheinigt hatte. Zwar wird hier der Aspekt der militärischen Macht und Stärke (ῥώμη) ins Spiel gebracht, erneut denkt der Leser an einen basileus polemikos. Diese Annahme stürzt jedoch im gleichen Atemzug wie ein Kartenhaus zusammen, Constantius’ Stärke wird auf die ,Macht über Worte‘ bezogen und damit aus dem Kontext einer militärischen Schlacht wieder eliminiert. Auf einer Sub-Ebene wird deutlich: Für Julian symbolisiert Constantius weniger einen Kaiser, der sich durch militärische Größe und Kraft auszeichnet, sondern vielmehr einen Regenten, welcher sich lediglich mit rhetorischen Fähigkeiten dekoriert.

Anschließend beschreibt Julian die Schlacht zwischen Constantius und Magnentius bei Mursa. Zwar klingt auch in dieser Beschreibung durchaus ein panegyrischer Ton an,357 ähnlich wie bei den vorausgegangenen ,Kapiteln‘ der Lobrede ist jedoch auch in dieser Passage die aufrichtige Haltung Julians nicht über jeden Zweifel erhaben. Julian belässt es nämlich nur bei einer kurzen Beschreibung des Umzingelungsmanövers, um dann – ohne weiteren Kommentar – auf die schimpfliche Flucht des Magnentius einzugehen. Er schildert ausführlich die beherzte Vorgehensweise der Soldaten, die versuchen, sich nach der Flucht ihres Anführers Magnentius neu zu ordnen, um den Angriffen der kaiserlichen Truppen standzuhalten. Es ist bezeichnend, dass das Lob des ersten emotionalen Ausrufs nicht der herausragenden Taktik des Kaisers gilt, sondern der Tapferkeit der Truppen des Gegners, die „in dieser schrecklichen Situation einen solchen Mut und Kampfeseifer an den Tag legten!“358

Der große Verlierer ist zweifellos Magnentius, der sich von der Schlacht vorzeitig verabschiedet. Es erstaunt jedoch, dass auch Constantius in der Beschreibung der Kampfhandlungen auf narrativer Ebene ,durch Abwesenheit glänzt‘ und damit eher an die Seite des Magnentius gerückt wird, denn als Anführer der siegreichen Truppen erscheint. Bedeutungsvoll ist zudem, dass in diesem Zusammenhang Julian nur die Gesinnung der kaiserlichen Truppen preist: „Sie gaben ein edles Beispiel von Kühnheit und Kampfleidenschaft ab (ἔργα τόλμης ἐπεδείκνυντο καὶ θυμοῦ γενναῖα).“359 Eine vergleichbar panegyrische Beurteilung des Anteils von Constantius fehlt hingegen völlig.360

Fasst man nun die vielen Eindrücke der gesamten Rede, die zwar durchaus unterschiedliche Punkte ansprechen, aber in einem übergeordneten Zusammenhang korrelieren, noch einmal zusammen, so lassen sich folgende Aspekte hervorheben:

(1) Obwohl es sich um einen Panegyrikos handelt, wirkt das Lob auf Constantius seltsam ,neutral‘ und an manchen Stellen geradezu künstlich. Der ambivalente Eindruck, der den gesamten Text durchzieht, entsteht durch auffällige Inkongruenz zwischen der Erzählung der Taten und den daraus abgeleiteten Lobpreisungen. Julian belässt die Begründung seiner Huldigungen in einem kausalen Schwebezustand: Der Leser findet die Erläuterungen der jeweiligen Würdigung nicht in den Erzählungen, Argumentation und Lob stehen in einem schiefen Verhältnis. Das Besondere ist jedoch, dass diese panegyrische Schieflage nicht zu einer allzu offensichtlichen Kritik oder gar Ironisierung des Kaisers verkommt. Der zweischneidige Eindruck entfaltet sich auf äußerst subtile Weise, eine einseitige Lesart wird geschickt verhindert.361

(2) Die Vorgehensweise Julians – sanfte Anspielungen auf Kritik, die sich aber immer noch gerade im Bereich einer zu rechtfertigenden Panegyrik bewegt – ist wohl dem Umstand geschuldet, dass er seinen Text nicht allzu deutlich als Vorwurf oder Anfeindung bei denjenigen Rezipienten, die zu Constantius hielten, positionieren wollte. Dass der Text hingegen bei denen, die Constantius kritisch gegenüberstanden, sehr schnell eine entsprechende Lesart auszulösen vermochte, konnte bereits gezeigt werden. Gerade in diesem Metamorphosen-Charakter liegt wohl die besondere Eigenschaft des Panegyrikos, der je nach Voreinstellung des Rezipienten eine andere Gestalt annimmt. Es ist deshalb aber auch zu vermuten, dass Julian mit seinem Text ein Nachdenken über den ,richtigen‘ Kaiser anstoßen wollte.362 Das heißt, er kalkulierte den Effekt ein, dass seine Leser sich Gedanken darüber machen, wie ein ,richtiger‘ Kaiser bei den geschilderten Aktionen des Constantius gehandelt hätte.

Julian konzipierte somit eine Rede „for more than one audience which could be understood in different ways by the different audiences“.363 Wegen der vielfach konstatierten kunstvollen Ambivalenz sowie der vorsichtigen ,Normerfüllung‘ panegyrischer Traditionen erscheint es wahrscheinlich, dass Julian seinen Panegyrikos auf jeden Fall als Text verfasste, der als geschriebenes Dokument in die Hände von kaisertreuen Kreisen gelangte. Das Besondere an dem Panegyrikos ist nun aber, dass man ihm keine dezidiert feindliche Sichtweise unterstellen konnte, weil Julian eben gerade auf jene Verhaltensmuster anspielt, die auch Themistios als angemessene Eigenschaften seines Kaisers verteidigt. Angesichts des imperator-Dilemmas sind diese Zuschreibungen jedoch vergiftete Lobpreisungen. Die Huldigung des wortsiegenden Kaisers stieß sicherlich auf große Skepsis unter den militärischen und zivilen Eliten, denen ein militärisch siegreicher Kaiser oder ein Kaiser, der den Gegnern weniger verzeiht, lieber gewesen wäre.364

Vor diesem Hintergrund ist es sehr gut möglich, dass Julian seinen Panegyrikos nicht als ,privaten Brief‘ an den Kaiser intendierte, sondern als Text, der von einem größeren Publikum entweder per Vortrag oder als ,Flugschrift‘ rezipiert werden sollte, ähnlich dem Pamphlet des Synesios über Arcadius. Die von Julian verwendete Ambiguität entfaltet nur dann ihre Wirkkraft, wenn das von ihm subtil durchgeführte Spiel auf fruchtbaren Boden fällt, nämlich bei Constantius feindlich gesinnten Lesern.

3.3.2.2 Verhängnisvoller Nestor – Panegyrikos II

Nur kurze Zeit später schrieb Julian einen zweiten Panegyrikos auf Constantius. Der Text ist ebenso nicht leicht zu datieren. Mit guten Argumenten lässt sich die Abfassung in den Zeitraum zwischen März und Oktober 359 verlegen.365 Am Ende der Analyse soll jedoch auf diese Problematik noch einmal näher eingegangen werden. Wie bei dem Text der ersten Rede bleibt ungeklärt, welchem Publikum und bei welcher Gelegenheit die Rede möglicherweise präsentiert wurde. Während man zunächst die These vertrat, dass die Rede überhaupt nicht gehalten wurde,366 lassen sich auch Hinweise dafür finden, dass Julian seine Gedanken in Anwesenheit von Constantius ausgeführt hat.367 Jedoch gibt es für beide Ansichten keine handfesten Beweise und deshalb muss dieser Punkt zunächst offen gelassen werden. Wie immer man die Situation auch beurteilen mag: Ich gehe davon aus, dass es sich um einen Text handelt, bei dem Julian sich im Klaren darüber war, dass er an die Öffentlichkeit – und dies schließt den Kaiser mit ein – gelangen und dass seine Urheberschaft eindeutig damit in Verbindung gebracht würde.

Was für die erste Lobrede Julians auf Constantius im Hinblick auf ihren rätselhaft subversiven Charakter gilt, trifft in noch größerem Ausmaß auf die zweite Rede zu: Diese wurde von der Forschung als ein äußerst ambivalenter Text wahrgenommen.368 Die Gründe für die wie beim ersten Panegyrikos ambivalente Darstellung sind jedoch umstritten. Im Folgenden sollen deshalb zunächst noch ergänzende Beispiele für die zwiespältige Darstellungsweise Julians vorgestellt und daraus auf einen möglichen Grund seines subtilen rhetorischen Arrangements für diesen Text geschlossen werden.

Julian steigt sofort mit einem sehr assoziationsreichen Vergleich ein.369 Er schildert, wie Agamemnon Achill in die Schranken wies, dabei jedoch die Grenze zur Überheblichkeit – Julian wählt das bedeutungsschwere Wort ὑβρίζειν – eindeutig überschritten habe.370 Fast zu spät hätten beide, Achill und Agamemnon, erkannt, dass ihr Streit beinahe in eine Katastrophe des gesamten Unternehmens vor Troia mündete. Deshalb, so Julian, sei diese Episode aus Homer eine Lehre für alle Könige, niemals dem Hochmut (ὕβρει) zu verfallen, niemals ihre Macht über alles zu stellen, niemals sich von Emotionen leiten zu lassen. Auf der anderen Seite – und damit ist Achill gemeint – dürften sich Heerführer unter keinen Umständen über Geringschätzung ärgern, sondern jeglichen Tadel mit Selbstdisziplin und Gelassenheit ertragen.371 Anschließend weist Julian darauf hin, dass sich Constantius mehr (κρείττονα) als Agamemnon erwiesen habe, da er sogar denen Verzeihung gewährte, die es eigentlich nicht verdienten.372

Die Parallelisierung von Constantius und Julian, die jeder Rezipient jedoch selbst übernehmen muss, öffnet in dieser Form eine Schleuse, in die Julian eine ungefilterte Welle an Interpretationsmöglichkeiten schicken wollte. Durch den Vergleich wird – vor der Folie des Streites beider Figuren in der Ilias – Constantius unmittelbar in die Sphäre eines eifersüchtigen und missgünstigen, dem anderen dessen Erfolge neidenden Herrschers gerückt, der seinen heldenhaften Untergebenen aus verletztem Stolz heraus demütigt, indem er ihn zur Herausgabe von Eigentum auffordert.373

Darüber hinaus leitet die Parallelisierung den Blick aber direkt auf den Gegenpart von Agamemnon/Constantius. Hier sind die von mir angedeuteten Ebenen zu unterscheiden, die wiederum eine Ambivalenz der Deutung auslösen: Sofern sich Julian als Leidtragender der Politik des Constantius verstand, ist schnell klar, dass er Achill als die Symbolfigur für sich selbst ansah. Sofern die Leser des Panegyrikos den Vergleich Julians mit Achill nicht aus den Spannungen bezüglich der Außenpolitik herleiteten – was durchaus einer Intention der Lobrede entsprechen konnte –, deutet Julian dennoch an, dass er sich als ‚Achill‘ versteht, indem er kurz darauf bemerkt, dass er „Scham empfände, wenn ich mich nicht überlegter als der Sohn des Peleus erwiese und nicht das, was dir gebührt, preisen würde.“374

Allerdings – dieser Anfang ist nicht ausschließlich so konstruiert, dass er als allzu offensichtliche Kritik aufzufassen wäre. Erneut zeigt sich Julians Textstrategie, für unterschiedliche Rezipienten unterschiedliche Perspektiven einfließen zu lassen. Julian verweist nachdrücklich darauf, dass Constantius Agamemnon bei weitem überträfe und eigentlich gar nicht mit ihm verglichen werden könne;375 er spricht sicherlich auch im Sinne des Constantius, wenn er mit dem Pittakos-Vergleich die Verzeihung (συγγνώμη) als herausragendes Merkmal des Kaisers hervorhebt, wie dies auch Themistios in seinen Reden tat.376 Allerdings wird damit genau der gleiche Effekt erzielt, den man schon beim ersten Panegyrikos beobachten konnte: Auf der einen Seite erweckt Julian bei Rezipienten, die auf der Seite des Constantius stehen, den Eindruck, dass er einfach bekannte Eigenschaften von Constantius lobe. Bei Lesern, die gegen Constantius eingestellt sind oder eine leicht skeptische Haltung gegenüber dem Kaiser haben, verstärkt und überzeichnet Julian beinahe den Charakter des nachsichtigen Kaisers; Julian nimmt damit die bestehende Kritik an Constantius als einem zu tolerant und verzeihend vorgehenden Vertreter römischer Interessen gegenüber Gegnern an der Grenze auf und verstärkt diese Kritik insofern, als er sie als reale Vorgehensweise des Constantius überbetont.377

Julian belässt es innerhalb des Panegyrikos jedoch bei weitem nicht bei der Agamemnon-Achill-Parallele. Immer wieder finden sich zahlreiche Anspielungen und Vergleiche mit homerischen Helden.378 Eine für den Tenor der gesamten Rede symptomatische Passage, die aber erst vor dem Hintergrund des ersten Panegyrikos auf Constantius ihre volle Brisanz entfaltet, ist die indirekte Gleichsetzung des Constantius mit Nestor.379 Julian weist erneut darauf hin, dass Constantius allein mit der Macht der Worte die Angelegenheit gegen Vetranio gelöst habe. In der Analyse zur ersten Rede wurde bereits herausgearbeitet, dass dieser Vergleich äußerst kritische Untertöne beinhaltet, da die Nestor-Parallele den Diskurs des zögernden und nur ,Worte statt Taten‘ bevorzugenden Kaisers impliziert.380 In diesem Fall kann auf einen gleichen Effekt geschlossen werden, der jedoch durch einen weiteren Aspekt noch intensiviert wird. Julian bringt Nestor als Urheber für einen Plan ins Spiel, der „die Handschrift eines alten Mannes trug“ (πρεσβυτικόν) und „feige“ (ἄτολμον) gewesen sei: der Bau der griechischen Mauer vor Troia (τειχοποιία).381 Zwar beteuert Julian einen Satz zuvor, dass Constantius Nestor bei weitem überrage,382 jedoch wurde der römische Kaiser schon im ersten Panegyrikos mit der griechischen Figur in Verbindung gebracht, so dass jeder Zuhörer unwillkürlich bei Nestor auch gleich an Constantius denken muss.

Hier zeitigt der Vergleich interessante Parallelen, die vor dem historischen Hintergrund eine Vielzahl an Assoziationen ermöglichen. Wenn man die Mauer der Griechen als ,feste Sicherungsgrenze‘, in welcher Form auch immer, interpretiert, so spielt die Formulierung bei Julian eindeutig entweder auf einen festen Wall oder auf eine durch klar definierte Schutzbastionen markierte Grenzlinie an. Für die erste Interpretation käme der Grenzverlauf an der oberen und mittleren Donau in Frage, für die zweite die Grenze zu den Persern.383

Inwiefern nun der Text von Julian das Verhalten des Constantius in diesen Regionen problematisiert, lässt sich an seinen Ausführungen zu der griechischen Schutzmauer erkennen: „Dieses Werk war den Achaiern überhaupt nicht nützlich; denn nach der Fertigstellung der Mauer unterlagen sie den Troianern, und das ziemlich berechtigt.“384 Dadurch wird eine zu defensive Politik angeprangert, die sich nur auf scheinbare Schutzlinien verlässt und einen die eigenen Kräfte und den eigenen Ehrgeiz ,abstumpfenden‘ Charakter in sich trägt. Während der Text den vorherigen Zustand der offensiven Selbstverteidigung385 als eine edle, geradezu im aristokratischen Kriegsethos verortete Haltung (γενναῖον) beschreibt, wird das Verstecken hinter einer Mauer als ein Verhalten charakterisiert, bei dem die eigene Leistungsfähigkeit aufgrund der damit verbundenen, allmählich einsetzenden Trägheit und Nachlässigkeit sukzessive abnimmt. Dieses ,Gleichnis‘ impliziert die Botschaft, dass eine reine Verteidigungspolitik den umgekehrten Effekt auslöse als den ursprünglich intendierten: Sie führe dazu, dass der Gegner erstens seine eigene Chance gekommen sehe, in die Offensive zu gehen, weil er das Sich-Schützen seiner Feinde als Schwäche auslege; zweitens, dass er nun selbst das Heil im Angriff suche und deshalb den Widerpart vor noch größere Probleme stelle, da dieser sich auch intern durch eine nicht mehr wache und angriffslustige Haltung auszeichne, sondern durch die scheinbare Sicherheit in einen lethargischen Zustand verfalle, der es ihm nicht mehr ermögliche, adäquat auf die neuen Bedrohungen zu reagieren.

In diesen impliziten Hinweisen wird wiederum deutlich, mit welcher Kritik Constantius wohl in den 350er Jahren konfrontiert war, einer Kritik, die sich aus dem Ideal des basileus polemikos speiste. Teile seiner Akzeptanzgruppen, seien es Soldaten oder militärische Eliten oder Funktionsträger, waren mit der Vorgehensweise des Kaisers nicht einverstanden und sahen in ihr eine Gefährdung römischer Interessen. Ob diese Kritik berechtigt war oder nicht, sei dahingestellt. Aber Julian nahm sie auf und versuchte, sie gegen Constantius einzusetzen.386

Auch eine zweite Parallelisierung Julians eröffnet die Möglichkeit, die damaligen Spannungen zwischen ihm und Constantius und damit den Status des schwelenden Konfliktes zu ermitteln: Odysseus, so Julian, habe sich insofern als inkompetent und untätig erwiesen, als er mit Friedensverhandlungen genau das Gegenteil von dem erreicht habe, was die ursprüngliche Absicht gewesen sei. Indem der „umtriebige Redner“ (ῥήτωρ πολύτροπος) dem Achill nämlich „viele Geschenke und tausend andere Dinge versprach“, habe er diesen zu Abfahrtsvorbereitungen veranlasst, die zuvor noch kein Thema gewesen seien.387 Julian setzt hier sehr auffallend eine Friedensverhandlung, bei der ein als befähigt angesehener Redner seine Überredungskünste anwendet, mit einer Eskalation gegenseitiger Beziehungen gleich. Ein Constantius gegenüber kritisch eingestellter Leser assoziiert angesichts der vorherigen Bemerkungen zwei Aspekte: Zum einen löst die Episode, bei der Achill involviert ist, sofort eine Gedankenassoziation aus, bei der die Konstellation Odysseus/Constantius ihren Widerpart in Achill/Julian findet. In dieser Hinsicht wäre das ,lobende‘ Beispiel, das Julian heranzieht, fast schon eine Mahnung, dass man den jungen Caesar nicht mit fadenscheinigen Geschenken abspeisen sollte, da dieser, als bester Kämpfer im gemeinsamen Heer, sonst eine Handlung beabsichtigen könnte, die im Gegensatz zu der mit den Versprechungen verknüpften Intention stünde. Zum anderen, wenn man dieses exemplum nicht mit Achill als Verkörperung von Julian interpretieren möchte, bleibt dennoch die scharfe Kritik an nutzlosen Friedensverhandlungen, die aufgrund von schönen Worten zu einem ,Erfolg‘ führen, der das Gegenteil der ursprünglichen Absicht bewirke. Der Text charakterisiert mit einer verkürzten Verzerrung der Sachlage ein Friedensangebot als eine Handlung, bei der der Aussöhnungsversuch (πρὸς διαλλαγάς) nur eine Irritation bei einem Gegenüber provoziere. Verortet man diese ,Parabel‘ in dem historischen Kontext, so scheint untergründig durch, dass der Text an dieser Stelle die Haltung kritisiert, bei eigentlich nicht erwartbaren Kontinuitäten mit einer Friedensvereinbarung auf Erfolg zu hoffen.388 Dadurch wird beim Leser eine Kritik an der Friedensverhandlungspolitik des Constantius ausgelöst, die insofern als eine wenig lohnenswerte und nicht nachhaltige Vorgehensweise disqualifiziert wird, als das Gegenüber gar nicht darauf eingehen möchte.

Hinter dieser Textstrategie verbirgt sich somit eine mit der Deinokratie verbundene Haltung, dass die Gegner an den Grenzen eigentlich gar nicht verhandeln möchten. Die Realität sah wohl anders aus, aber aufgrund von Julians Text lässt sich rekonstruieren, mit welchen Ansichten und Meinungen Constantius konfrontiert wurde, die zweifellos zu seinem imperator-Dilemma beitrugen.

Julian nutzt den Panegyrikos auf den Kaiser nicht nur dazu, auf die Unangemessenheit der Vorgehensweise von Constantius anzuspielen und dabei auf bereits latent vorhandene Skepsis Bezug zu nehmen, sondern auch zur Dekonstruktion potentieller Kritik an der eigenen Person. Vielleicht war sich der junge Caesar durchaus darüber im Klaren, dass auch seine Vorstellung von einem effektiven Verhalten im Krieg nicht über jeden Zweifel erhaben war. Die oben herausgearbeiteten Ergebnisse, die eine kritische Sichtweise Ammians belegen, wären ein Beispiel dafür. Julians Verhalten in Gallien hatte allerdings auch Vertraute am Hof Constantius’ gegen den Caesar aufgebracht, dem man aufgrund seiner forschen Vorgehensweise den Titel „Victorinus“ gab und ihn einen Ziegenbock (capella) nannte.389 Sollte seine eigene Haltung als zu offensiv, zu ungestüm, ja zu gefährlich für das Römische Reich angesehen werden, baute Julian gleichzeitig möglicher Skepsis vor, die durch den wiederholten Vergleich mit Achill zusätzliche Nahrung hätte bekommen können: In einem längeren Exkurs über den ,wahren‘ König – eine direkte Verbindung zu Constantius wird übrigens auch hier nicht gezogen – betont Julian, dass eine wichtige Komponente des richtigen Herrschens das Maßhalten sei. Um sich über jeden Argwohn zu erheben, er würde Helden der Ilias wie Achill verklären und die schadhafte Komponente ihres Verhaltens nicht erkennen, fügt Julian hinzu, dass „die Griechen und in gleichem Maße die Barbaren zwar viele große Schlachten führten, Völker besiegten und diese tributpflichtig machten, dass sie aber in noch beschämenderer Weise Sklaven ihrer eigenen Lust, Schwelgerei, Zügellosigkeit, ihres Hochmuts und ihrer Ungerechtigkeit wurden“.390 Aus diesem Grund, so Julian, sollte niemand Homers Helden allein aufgrund der Größe ihrer Taten (μέγεθος ἔργων) beurteilen: „Denn nur derjenige ist stark, der sich durch Tugend und Großherzigkeit auszeichnet“.391 Diese Stelle dient Julian wohl weniger dazu, die Problematik homerischer Helden zu betonen und mögliche Bewertungskriterien zu hinterfragen; vielmehr wird dem Leser ein Deutungsangebot gemacht, dass er selbst, Julian, durch diese seine Erkenntnis gerade sämtliche positiven Eigenschaften in sich vereine. Er selbst habe das Kämpferherz und die herausragenden Eigenschaften Achills, könne sich im Gegensatz zum Sohn der Thetis aber auch mäßigen und kontrollieren.392

Fasst man nun alle Befunde aus den Reden Julians auf Constantius zusammen, so entsteht trotz unterschiedlicher Einzelergebnisse ein kohärentes Gesamtbild, das sich – von den allgemeinen zu den individuellen Beobachtungen fortschreitend – folgendermaßen umreißen lässt: Beide Texte zeichnen sich dadurch aus, dass ihnen eine enorm komplex aufgebaute Ambivalenz anhaftet –, was aber in dieser Form vielleicht genau die Absicht des Autors war. Obwohl vordergründig panegyrische Traditionen gewahrt bleiben und keine ganz offene, explizite Kritik von Seiten des Caesars am Kaiser auszumachen ist, löst ein dichtes Netz an Anspielungen und impliziten Hinweisen vor dem aktuellen geschichtlichen Hintergrund bei Lesern, die Constantius gegenüber skeptisch eingestellt waren, gegenteilige, nicht-panegyrische Effekte aus.

Viele Zweifel an einer ambivalenten Intention Julians werden beseitigt, wenn man seine Panegyrikoi auf Constantius mit anderen Quellen vergleicht und in die dort ebenfalls wirkmächtigen Diskurse einbettet. So wird durch einen Vergleich mit den bei Ammian und Themistios – sowie im Folgenden bei Libanios – herausgearbeiteten Ergebnissen sofort deutlich: Julian griff mit seiner impliziten Wertung der Politik des Constantius ganz bestimmte Aspekte auf, über die man zur damaligen Zeit zumindest hinter vorgehaltener Hand in Führungskreisen des Heeres und der Funktionselite diskutierte und die das imperator-Dilemma des Constantius konstituierten.393

Als Beispiel könnte man den Kritikpunkt der „fehlenden Entschlossenheit“ des Kaisers anführen, die sich an verschiedenen Stellen konkretisieren ließ. Vom Ideal der Promachie, des vorwärts stürmenden, das Risiko nicht scheuenden Kaisers ist Constantius in den beiden Texten meilenweit entfernt. Die Fähigkeit der waffenlosen Beeinflussung des Gegners durch Worte – eine der stark betonten ,Stärken‘ des Constantius – wird jedoch diskreditiert, da Odysseus mit seinen ,Wortsiegen‘ genau das Gegenteil von dem erreicht habe, was er ursprünglich beabsichtigte. Die „Stärke durch Worte“ (ῥώμη τῶν λόγων) – bei Themistios noch als die Logokratie und bessere Alternative zum bloßen Kämpfen eingeführt – ist bei Julian ein prekäres, ja fast schon ins Lächerliche gezogenes Charakteristikum. Mit dieser Kritik diskreditiert der Text die in einem sehr subtil durchgeführten indirekten Vergleich von Achill und Nestor angedeutete defensive Grundhaltung gegenüber den Barbaren an der Grenze als falsche und folgenschwere Vorgehensweise.

Des Weiteren wird die Nachsichtigkeit des Constantius (συγγνώμη) nicht mehr als nur edle oder ehrenhafte Haltung, sondern durch starke, sogar überzeichnende Betonung als fatales Verzeihen disqualifiziert, das bei bezwungenen oder zurückgedrängten Gegnern, die im Grunde nur die Sprache der Härte verstünden, neue Hoffnungen erwecke und Rom als geschwächte Macht erscheinen lasse. All dies sind Aspekte, die auch schon bei Ammian durchscheinen und in Themistios’ Reden als Gegenstände rhetorischer Entschärfungsstrategien zu beobachten sind.

Angesichts dieses permanent subversiven Untertons drängt sich die Frage auf, ob Julian – infolge eines immer heikler werdenden Verhältnisses zu seinem Kaiser – den ersten und zweiten Panegyrikos verfasste, um bei einer möglichen Usurpation bestimmte ,konservativ‘ denkende – d.h. dem basileus-polemikos-Ideal anhängende – Kreise, vor allem auch im Osten des Reiches, hinter sich zu bringen.394

Wahrscheinlich fungierten die beiden Lobreden auf Constantius als programmatische Schriften Julians, welche die verschiedenen Eskalationsstufen in der immer prekärer werdenden Beziehung zwischen dem Augustus und seinem Caesar erkennen lassen. Während die erste Rede noch geradezu verhalten die gegenseitigen Unterschiede skizziert, was sicherlich mit der früheren Abfassungszeit 356/57 zusammenhängt, problematisiert die zweite Schrift ganz eindeutig, aber immer noch unter einem funktionalen Deckmantel, das außenpolitische Vorgehen des Kaisers Constantius.395

Vor dem Hintergrund des immer mehr eskalierenden Konfliktes mit Constantius scheint es möglich, dass Julian mit seinen beiden Panegyrikoi die Grundlage dafür legen wollte, in einem Ernstfall auf Rückhalt und Unterstützung sowohl im Westen als auch im Osten zählen zu können, indem er potentielle Kritiken an Constantius thematisierte, sie verstärkte und eigene Ansichten zu einer außenpolitischen Vorgehensweise stereotyp mit Constantius’ Verhalten an den Grenzen kontrastierte.396 Weil Julian damit rechnen konnte, dass seine Programmatik, die sich eng an dem basileus-polemikos-Ideal orientierte, bei wichtigen Kreisen im Militär und unter den zivilen Eliten Zuspruch erfahren würde, stilisierte er sich als das diametrale Gegenteil von Constantius, um auf sich als den wahren Vertreter der Interessen Roms aufmerksam zu machen.397

Diese Sichtweise wäre eine Möglichkeit, um die seltsame Ambivalenz in Julians Panegyriken auf Constantius zu erklären. Julians ‚Überraschung‘ über die plötzliche Kaiserakklamation seiner Truppen wäre in diesem Fall kaum mehr glaubwürdig.398 Vielmehr müsste man davon ausgehen, dass der junge Caesar schon früher eine direkte Konfrontation aufgrund unterschiedlicher Interessenslagen und verschiedener Provokationen als unausweichlich ansah und sich deshalb mit geeigneten Mitteln auf eine potentielle Konfrontation adäquat vorbereiten wollte; und dass Julian überaus geschickt die Möglichkeit der mit dem imperator-Dilemma verbundenen Drucksituation auf den Kaiser ausnützte, um für eine direkte Auseinandersetzung mit Constantius gerüstet zu sein.399 Eine zweite Sichtweise wäre, dass Julian einfach nur Constantius kritisieren wollte. Zweifellos führte dies jedoch bei seinen Adressaten zu demselben Effekt, wie wenn man annimmt, dass Julian vielleicht doch schon länger mit einem möglichen Konflikt rechnete.

3.3.3 Zusammenfassung

Die bisherigen Ergebnisse haben gezeigt, dass Constantius während seiner Regierungszeit einen Paradigmenwechsel in der Außenpolitik einzuläuten versuchte, der mit einer Abkehr vom basileus-polemikos-Ideal verbunden war und der langfristig die Zwänge und Drucksituationen, die aus dem imperator-Dilemma resultierten und denen ein Kaiser immer wieder ausgesetzt war, entschärfen sollte. Anhand der Reden des Themistios konnte nachgewiesen werden, dass Constantius sich dabei gegen eine breite Opposition, die noch den traditionellen Vorstellungen verhaftet war, durchsetzen musste.400 Darüber hinaus – dies wurde anhand der Analysen zum Geschichtswerk Ammians deutlich – sah sich Constantius auch mit enormen Situationszwängen von Seiten des Militärs konfrontiert, die aus unterschiedlichen Gründen – Beute, persönliche Animositäten gegenüber Barbaren, konservative Einstellung – ebenfalls auf die Einhaltung der Maßstäbe, die man mit dem basileus polemikos verband, pochten und nur mühsam oder gar nicht in ihrer fordernden Eigendynamik gebremst werden konnten.

Vor diesem Hintergrund wurde ersichtlich, dass die Ernennung Julians zum Caesar zwar mittelfristig eine strategisch wichtige und richtige Entscheidung des Constantius war.401 Langfristig ergab sich jedoch daraus – ohne dass Constantius dies unbedingt hätte vorhersehen können – ein brisantes Spannungsverhältnis. Der bisher in keiner Weise militärisch in Erscheinung getretene Julian musste sich gegenüber den etablierten Militärs als tatkräftiger Stellvertreter der kaiserlichen Macht beweisen, um den nötigen Respekt zu erlangen, wie der Text bei Ammian vermuten lässt. Julian wurde somit die Rolle als basileus polemikos geradezu aufgedrängt.402

Mit zunehmenden Erfolgen verschlechterte sich jedoch das Verhältnis zu Constantius. In diesem Zusammenhang erscheint es bei einer Analyse zu Julians Panegyriken auf Constantius möglich, dass Julian die Unausweichlichkeit einer Eskalation des Verhältnisses in gewisser Weise antizipierte und sich schon ab ca. 357, spätestens aber 359 auf mögliche Szenarien vorbereitete, die einen Ausbruch von Feindseligkeiten einschlossen.403 Julian nutzte dabei das Vakuum, das Constantius durch seine Abkehr von der basileus-polemikos-Vorstellung hinterließ, aus, schlüpfte in die Rolle des Achill und brachte sich als neuer, wahrer Repräsentant römischer Interessen in Stellung. Er stilisierte sich in pointierter Weise als deutlichen Gegenpart zu seinem Kaiser, betonte seine Promachie, seine Deinokratie im Gegensatz zur Logokratie des Constantius.

Die Stilisierung zum basileus polemikos war für Julian Segen und Fluch zugleich. Sie ermöglichte es ihm auf der einen Seite, sich als wahrer imperator und als prädestinierte Alternative zu Constantius zu profilieren und sie war vielleicht auch der wesentliche Katalysator und die Grundvoraussetzung für die Akklamation zum Kaiser durch die eigenen Truppen.404 Freilich sollte sich diese bedingungslose Hinwendung zum Repräsentanten des basileus-polemikos-Ideals als zweischneidiges Schwert erweisen, Julian musste die Sublimierung zum imperator teuer erkaufen, weil er diesen Ruf als offensiv vorgehender und die Interessen Roms mit energischer Tatkraft durchsetzender Kaiser immer wieder nachzuweisen hatte. Ein Weg zurück war nach den Ereignissen der Jahre 357-360 kaum mehr möglich.

3.4 Der Konflikt zwischen Constantius und Julian – Achills Scheitern

Wahrscheinlich im Jahr 351 hielt der griechische Sophist und Redner Himerios eine Rede anlässlich der Ernennung des Constantius Gallus zum Caesar in Sirmium.405 Himerios geht mit blumigen Worten auf die aktuelle Situation im Reich ein: „O <Constantius>, leuchtendes Auge deines Geschlechts, der du für die deinen bedeutest, was so oft Helios, der Vater deiner Väter, für dich bedeutet hat! Von diesem edlen Paar voll Schönheit, <Gallus und Julian>, hast du den einen auf den Thron erhoben, und dort gleicht er dem Stern des Morgens und hat an deiner Seite Ehren erworben, indem er durch heldische Taten dem Glanz deines Ruhms nacheifert; der andere aber, <Julian>, überragt die Menge der gleichaltrigen Jugend wie ein stolzer Stier die Herde, die er anführt; er tummelt sich im Gefilde der Musen gleichwie ein junges Rennpferd erhobenen Hauptes, befeuert durch göttliche Begeisterung. So ist er ein würdiger Nachfahre des jugendlichen Helden Homers, des Sohnes der Thetis, ein Meister in der Kunst der edlen Sprache und in der Kunst des edlen Tuns.“406

Die drei Männer, die hier gelobt werden, können gut identifiziert werden: Das helle Licht, das die Welt erstrahlen lässt, ist Constantius. Der Morgenstern ist Gallus und Achill ist Julian.407 Diese Textstelle ist vor der Folie der bisherigen Ergebnisse in zweierlei Hinsicht kommentierungsbedürftig: Zum einen erscheint es angesichts des frühen Stadiums der Rede unmöglich, dass die Charakterisierung Julians bereits auf spezielle politische Ereignisse Bezug nimmt.408 Dennoch legen die Worte nahe, dass Himerios Julians Naturell in gewisser Weise als ungestüm und vorwärtsdrängend einordnete. Ob und inwieweit eine solche Vermutung damals wirklich die Realität getroffen hat, sei dahingestellt.409

Zum anderen ist es angesichts der bisherigen Ergebnisse nur allzu wahrscheinlich, dass Julian das mit ihm in Verbindung gebrachte Wesen des thessalischen Helden und dessen spezifische Rolle in irgendeiner Form aufgegriffen zu haben scheint und in eine ganz bestimmte Richtung instrumentalisiert hat. Ich möchte im Folgenden anhand weiterer Quellen zunächst zeigen, wie Julian in der Phase der allmählichen Zuspitzung des Konfliktes mit Constantius II. sein Image als Achill, dessen Genese und erste Etablierung schon zuvor besprochen wurde, gezielt einsetzte, um sich als wahre Verkörperung eines basileus polemikos zu stilisieren. Das Thema der Außenpolitik fungierte dabei als bestes Mittel, da Julian mit der Kategorie der Religion nicht auf eine übergreifende Akzeptanz bei seinen potentiellen Befürwortern rechnen konnte und vielmehr seine Stilisierung als basileus polemikos eine höhere Zustimmung erfahren haben dürfte als die heikle Frage nach dem richtigen Glauben. Sodann soll gezeigt werden, wie sich Julian dadurch in eine neue Zwangslage manövrierte, die ihn zu einem Unternehmen veranlasste, das für ihn tödlich endete.

3.4.1 „Ich bin der wahre Kaiser!“ – Julians Brief an die Athener

Als der persische König Shapur im Jahr 359 die Festung von Amida eingenommen hatte, sah sich Constantius gezwungen, die Probleme an der Ostgrenze persönlich zu klären. Wahrscheinlich rechnete er mit weiteren Einfällen der Perser. Aus diesem Grund forderte er von Julian die vier besten Verbände seines Heeres an und aus den übrigen Einheiten noch einmal 300 der leistungsfähigsten Soldaten.410 Julian, der sich angesichts dieser signifikanten Beschneidung und weiterer Maßnahmen des Constantius in die Ecke gedrängt sah, versuchte zunächst auf Zeit zu spielen.411 Als sich jedoch die Situation zuspitzte, ergriff Julian die Initiative und ließ sich von seinen Truppen im Februar 360 in Paris zum Augustus ausrufen.412 Ablauf und Erfolg dieser Proklamation lassen darauf schließen, dass es sich dabei um ein sorgsam geplantes Unternehmen gehandelt hat, das vielleicht auch schon länger vorbereitet worden war.413 Julian verwies einige Zeit später darauf, dass der Neid des Constantius auf Julians militärische Erfolge der Hauptgrund für die Empörung seiner Soldaten gewesen sei.414

Julian nahm zunächst noch einmal diplomatischen Kontakt mit Constantius auf. Constantius jedoch blockte ab und erklärte Julian zum hostis publicus.415 Im Frühjahr 361 begann Julian mit dem Marsch nach Osten, schon Ende Juli gelang dabei die Einnahme von Sirmium. Um einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, verblieb Julian bis Anfang Dezember in Naissus.416 Während dieses Aufenthaltes verfasste Julian mehrere Sendschreiben an die wichtigsten Städte Illyriens, Griechenlands und Makedoniens, um sein Vorgehen zu rechtfertigen.417

Der „Brief an die Versammlung [boule] und das Volk [demos] der Athener“, wie der Titel in den Handschriften lautet, wurde wohl gemeinsam mit den anderen Schriften verfasst. Der Text stellt einen Höhepunkt der Polemik Julians gegenüber Constantius dar und offenbart tiefe Einblicke in die Stilisierungen und Selbstdarstellungen des Usurpators. Hinzu kommt die für die vorliegende Studie äußerst reizvolle Konstellation, dass sich Julian in diesem Text wegen des Bürgerkrieges rechtfertigt. Es existiert wohl kein anderer Text, in dem ein Herausforderer seinen Fall so systematisch darlegt.418

Die wichtigste Botschaft Julians besteht in der Rechtfertigung, dass nicht er, sondern Constantius an dem endgültigen Bruch schuld sei. Weder habe er selbst seine Akklamation zum Kaiser in Paris entscheidend forciert, noch habe er jemals höhere Ambitionen gehegt als die, ein Partner des Constantius in Gallien zu sein.419 Vielmehr sei Constantius als Hauptschuldiger anzusehen, der nicht mit Julian verhandelt, schon früh einen Konflikt vorbereitet und zudem die Barbaren am Rhein ermutigt habe, Julian in Gallien anzugreifen.420 Dies ist auch Julians erster Aufhänger, sich als Interessenvertreter Roms gegenüber Constantius ins Spiel zu bringen. Während jener es geduldet habe, dass die Bauern in Gallien ihr Vieh nicht mehr weiden lassen konnten, dass ganze Städte verlassen wurden und dass überall Barbaren hausten, habe er selbst nacheinander das Territorium wieder zurückerobert und damit das Prestige Roms gewahrt.421 Julian stellt sich in den größtmöglichen Gegensatz zu Constantius, der mit den Barbaren „freundlichen Umgang getrieben“ (θεραπεύειν τοὺς βαρβάρους) habe, während er selbst das Kämpfen habe übernehmen müssen.422

Im Anschluss daran schildert Julian ein Detail, das er ganz im Sinne seiner dezidiert antagonistischen Sichtweise kommentiert. Eine von Florentinus versprochene Tributzahlung habe aufgrund einer Order des Constantius an die Barbaren ausgezahlt werden müssen, obwohl sich Julian laut eigener Aussage dagegen verwahrte. In diesem Zusammenhang ruft Julian empört aus, dass Constantius eben immer gewöhnt gewesen sei, sich devot gegenüber den Barbaren zu verhalten.423 Mit dieser Aussage beklagt Julian summarisch, dass sich Constantius zu knechtisch gegenüber den Feinden an den Grenzen verhalte, und leitet daraus implizit einen nachhaltigen Schaden für das römische Prestige im Sinne des Epikratie-Anspruchs ab. Wie man hingegen richtig mit den barbarischen Stämmen verfahren sollte, schickt Julian sogleich hinterher: Er selbst habe allen „so viel Schrecken eingejagt und sie zittern gemacht“ (πάντας ἐφόβησα παρεσκεύασα καταπτῆξαι), dass sie schon bei seinem Herannahen Geiseln gaben, um seinen Wünschen nachzukommen.424 Diese ganz an der Deinokratie-Vorstellung orientierte Verhaltensweise wird als wirksamer und adäquater Kontrast zu dem als geradezu unterwürfig empfundenen Verhalten des Constantius dargestellt. Julian bewegt sich hier auf einer völlig anderen Schiene als Constantius, bei dessen Vorgehensweise im Umgang mit den Partnern an den Grenzen Themistios die Nachsicht und Milde als leitende Direktive betonte und auf die alternative Konfliktlösung diplomatischer Anstrengungen im Sinne der Logokratie verwies.

Ganz im Einklang mit dem basileus-polemikos-Ideal weist Julian anschließend voller Stolz darauf hin, dass er innerhalb von vier Jahren dreimal über den Rhein in das feindliche Territorium eingedrungen sei und über zehntausend Gefangene genommen habe.425 Hier erkennt man ebenfalls die der Deinokratie verpflichtete Vorstellung von der herausgehobenen Bedeutung der Invasionen in feindliches Gebiet und ihrer Priorität gegenüber anderen Maßnahmen, eine Überzeugung, die völlig im Gegensatz zu den außenpolitischen Maximen des Constantius stand, der seine Erfolge – laut Themistios – eben nicht durch oberflächliche Demonstrationen von Macht definierte. Es ist bemerkenswert, aber eben auch symptomatisch, dass Julian vor allem seine militärische Aktivität im Sinne des herkömmlichen imperator-Ideals als die wichtigste und herausragendste Leistung seiner Zeit in Gallien verstanden wissen wollte.426 Aus diesem Grund lässt er sich auch in dem Brief an die Athener weitschweifig darüber aus und beklagt sich, dass er den Triumph nach dem Sieg bei Straßburg an Constantius abtreten musste.427 Die epigraphische Evidenz verdeutlicht, wie Julian sich diesen Sieg nach dem Beginn des Konfliktes mit Constantius sofort zueignete.428 Im Anschluss an seine Ausführungen legt Julian schließlich dar, dass auch seine Verhandlungsbereitschaft nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten von Constantius stets unterminiert worden sei und deshalb eine Konfrontation unvermeidlich werde, wenn der Kaiser nicht einlenke.429

Zusammengefasst: Die gegensätzlichen außenpolitischen Vorgehensweisen von Julian und Constantius fungierten für den Usurpator als effektive Kontrastierungsmöglichkeit, um neben der Rechtfertigung der eigenen Maßnahmen sich als ,wahren‘ basileus polemikos zu profilieren, der die Interessen Roms mit den effektiveren Vorgehensweisen vertrat. Die Tatsache, dass Julian mit verschiedenen Mitteln versuchte, seinen Gegenpart Constantius als einen unkriegerischen, schwächlichen, nach Konsens mit den Barbaren strebenden Kaiser darzustellen und die militärische Unfähigkeit seines Kontrahenten nachdrücklich in den Vordergrund rückte, macht deutlich, dass Julian in der ,friedlichen‘ außenpolitischen Praxis Constantius’ einen empfindlichen Angriffspunkt sah, den man hervorragend gegen den Kaiser instrumentalisieren konnte. Julian machte von diesem Diskurs auch in anderen Schriften Gebrauch. So verwies er beispielsweise im Misopogon, einer politischen Streitschrift, die als Reaktion auf die Kritik der Bevölkerung von Antiochia wegen der als restriktiv empfundenen Maßnahmen des Kaisers verfasst wurde, auf den Ruf, der ihm aufgrund seiner Erfolge in Gallien vorausgeeilt war: „Alle sprachen es laut aus, dass ich tapfer, verständig und gerecht und nicht nur im Krieg ein furchtbarer (δεινόν) Gegner sei, sondern auch in der friedlichen Politik geschickt, zugänglich und mild.“430 Julian nahm für sich in Anspruch, ein furchtbarer Gegner für Roms Feinde zu sein, während er – so darf man den zweiten Satz lesen – sich im Innern gegenüber seinen Untertanen als milder und offener Kaiser erweise.

Die Prominenz des basileus-polemikos-Diskurses in der Rede an die Athener, aber auch in anderen Schriften, beweist, dass die damit verbundenen Streitfragen und Spannungen – hier konkretisiert in der Vorstellung der Deinokratie und Epikratie – eine wirkmächtige und prekäre Debatte waren, auf die sich Julian bei der Disqualifizierung seines Gegners stützen konnte. Während seines Zuges in den Osten, bei dem es galt, möglichst viele Teile der zukünftigen Akzeptanzgruppen auf seine Seite zu bringen, zeigte sich schließlich auch eine symptomatische Reaktion: Bei den Militärs stieß Julians Selbstinszenierung auf viel Beifall, die östliche Armee akklamierte ihn sofort nach dem Tod des Constantius zum Augustus.431 Bei den anderen Funktionseliten – vor allem in Antiochia – wurde Julian hingegen viel skeptischer gesehen, von einer ungeteilten Zustimmung zu seiner Herrschaft konnte keine Rede sein.432

3.4.2 Barbaren brauchen Denkzettel – Libanios’ 12. Rede

Die historische Aussagekraft der Reden und Briefe des Libanios ist sehr unterschiedlich bewertet worden.433 Zunächst sah man in Libanios lediglich einen gänzlich abhängigen Schmeichler, dessen Schriften nur „adulatorisches Gerede“ darstellten.434 In jüngerer Zeit wurde aber dafür plädiert, die einzelnen Reden oder Schriften des Libanios mit genauer Analyse im jeweiligen historischen Kontext zu verorten und dadurch unter der rhetorischen Oberfläche „zumindest Interpretationsmuster zu konkreten Ereignissen und Abläufen“ beziehungsweise die „psychagogische Funktion“ der Reden, die das Publikum zur Annahme einer bestimmten Sicht oder Beurteilung eines Sachverhalts bewegen sollten, freizulegen.435 Es wurde gezeigt, dass es sich bei den Reden des Libanios nicht um oberflächliche Schmeichelei handelt, aus der sich keine historischen Erkenntnisse ziehen lassen, sondern um Dokumente, die einen tiefen Einblick in verschiedene Diskussionen und Debatten am Kaiserhof ermöglichen. Ebenso wie die Reden des Themistios eignet sich somit auch das Werk des Libanios, das immer noch nicht umfassend erforscht ist,436 dazu, verschiedene Motive und Strategien bei der öffentlichen Rechtfertigung politischer Entscheidungen im Hinblick auf die mit dem imperator-Dilemma verbundenen Spannungen herauszukristallisieren.437

Frappierende Übereinstimmungen von Formulierungen in Texten Julians mit denen von Libanios manifestieren erstens, dass der Redner bei seinen Äußerungen engen Anschluss an die Redeweise und Diktion aus dem direkten Umfeld des Kaisers suchte, beziehungsweise aus diesem Kreis über eine gewünschte Darstellungsweise informiert wurde; zweitens, dass Libanios’ Reden „vor allem als ein politisches Dokument, eine offiziöse Kundgebung des julianischen Hofes, aufzufassen [sind].“ Bei Libanios ist dabei aufgrund seiner Nähe zu Julian ein engeres Beziehungsgeflecht innerhalb seiner Reden anzunehmen als bei Constantius/Themistios. Man muss hierbei von einer stärkeren ,Auftragsrhetorik‘ ausgehen, die Texte bestätigen „die These, dass die Kaiser Lobreden in Auftrag gaben, um ihre politischen Ideen an die maßgeblichen Kreise in Verwaltung, Militär und Gesellschaft zu vermitteln.“438 Angesichts dieses Umstandes kann man durch eine Analyse der Stellungnahmen des Redners im Hinblick auf die außenpolitische Programmatik Julians eine öffentliche Sprechart herausfiltern, die das Vorgehen Julians gegenüber den Völkern an der Grenze des Imperiums charakterisiert.

Die Rede Auf den Kaiser Julian als Consul, auch als „Hypatikos“ bezeichnet, verfasste Libanios im Auftrag des Kaisers anlässlich seines Antritts zum vierten Consulat am 1. Januar 363.439 Aus einem bestimmten Grund ist diese Ansprache für die vorliegende Untersuchung besonders interessant: Das Publikum bestand aus Gästen, welche die zivilen Eliten des Reiches repräsentierten und in der Kurie von Antiochia versammelt waren.440 Auch ranghohe Hofbeamte und die Führer des Bewegungsheeres waren anwesend,441 sowie Vertreter des Senats von Rom und Constantinopel.442 Der illustre Kreis, den Julian für diese Feier eingeladen hatte, umfasste somit seine wichtigsten Bezugspartner für die Verteidigung der Provinzen sowie die mächtigsten Akzeptanzgruppen. Die von Libanios vorgestellten Gedanken, die – wie noch gezeigt wird – aus dem direkten Umfeld Julians stammten, beinhalten somit eine besondere Aussagekraft, aus der sich auf die vom Kaiser gewollte Vorstellung seiner Prinzipien im Umgang mit den Barbaren schließen lässt.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass Julian die Rede in schriftlicher Form verbreiten ließ, somit die Worte des Libanios als eine Botschaft an alle Eliten des Reiches zu sehen sind.443 Was über den Kaiser gesagt wurde, sollte als ,autorisierte‘ Äußerung Julians in die Öffentlichkeit getragen und dort bekannt gemacht werden.

Nach einem Proömium, in dem er die herausragende Gelegenheit für seine Rede betont, kommt Libanios auf den Consulat des Julian zu sprechen. Alles beginnt mit einem Enkomion auf Julian, das zunächst die Frage klärt, inwieweit der Consulat den Ruhm des Kaisers vermehre. Als Antwort präsentiert Libanios den idealen Consul – verkörpert natürlich von Julian –, der ganz bestimmte Eigenschaften auf sich vereint und dem deshalb im Consulat besondere Ehre zuteil wird: „Ich bin der Meinung, dass derjenige, der die Welt mit der Fähigkeit eines Imperators lenkt, der die Sache Roms größer, die der Feinde kleiner macht, der den Römern Freude bereitet, den Feinden aber Anlass zur Trauer gibt, der das Gute bewacht, das Schlechte verbessert, es verdient, in diesem Amt zu sein und unsterblichen Ruhm zu gewinnen, wie schon Theseus, Peleus, Palamedes und all die anderen, denen die Tugend viel bedeutete.“444Libanios lässt keinen Zweifel daran, dass ein Kaiser nur dann „unsterblichen Ruhm“ (ἀίδιον μνήμην) erhalte, wenn er seine Feinde tatkräftig bekämpfe und die Interessen Roms mit einer offensiven Vorgehensweise verfolge.445 Schon hier wird also deutlich, dass Libanios wieder zum alten Katalog traditioneller Kaisertugenden zurückkehrt, während Themistios bei Constantius noch dezidiert dafür plädiert hatte, diese seit langer Zeit etablierten Erwartungen an einen Kaiser neu zu definieren.

Noch anschaulicher wird die Forderung des Libanios im anschließenden Satz: „Aber jeder, der die Angelegenheit der Seinen ins Schlimmere wendet, während er die Situation der Gegner verbessert und sie daran gewöhnt zu siegen, jene hingegen, die Flucht zu ergreifen“ habe ein Consulat nicht verdient.446 Die Formulierung lässt es offensichtlich erscheinen, dass auf den vorherigen Kaiser angespielt wird und Constantius als Negativbeispiel für Libanios herhalten muss.447 Im Anschluss daran geht Libanios auf das Leben Julians bis zur Akklamation zum Augustus ein. Nachdem er zunächst Julians Berufung zum Caesar kommentiert hat, widmet er sich danach auch den Feldzügen in Gallien. Libanios erwähnt, dass „die Barbaren dort bereits ihre Saat aussäen, zusätzlich zu dem Land, das sie zuvor bebaut hatten“ und zeichnet damit das Bild einer beinahe abgeschlossenen, flächendeckenden Eroberung durch die Alamannen.448 Während Julian direkt einen Feldzug geplant habe, um diesen Zustand zu ändern, habe seine Umgebung diese Anstrengungen nachhaltig gebremst. Libanios macht die Schuldigen nicht unter den gemeinen Soldaten, sondern unter den Offizieren aus (οἱ ἵππαρχοι καὶ λοχαγοὶ καὶ ταξίαρχοι). Nun kann man diesen Umstand natürlich wiederum als Intrige von Seiten des Constantius werten. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse, die durch die Analyse zu Ammian gewonnen wurden, erscheint es jedoch gleichermaßen möglich, dass die erfahrenen Offiziere das allzu übereifrige Vorgehen des jungen Caesars nicht billigten und von Hasardeur-Aktionen abrieten. Libanios hingegen rechnet nicht mit solchen Gedanken bei seinem Publikum, sondern vergleicht Julian mit einem an Ketten gelegten Ares.449 Gerade diese Parallelisierung soll den Eindruck verstärken, dass es sich bei Julian um einen Feldherrn handelt, der sich geradezu kriegswütig in das Getümmel stürzen wollte, der das Ideal der Promachie erfüllen wollte, von den ‚Ketten‘ des Constantius aber an einer ungestörten Realisierung der eigenen Pläne gehindert wurde.

Die von Julian in seiner Rede an die Athener so deutlich betonte und auch bei Ammian markant herausgestellte Kriegseifrigkeit wird somit auch von Libanios unterstrichen; interessant ist dabei, dass der Redner dieses Vorgehen nicht entschuldigt, sondern gerade als besonderes Distinktionsmerkmal des neuen Kaisers hervorhebt; indem sich Libanios so entscheidet, muss er bei seiner Stilisierung Julians als basileus polemikos weitaus weniger umständlich argumentieren als Themistios bei der Rechtfertigung von Constantius’ Verhandlungs- und Kompromissfähigkeit und man kann davon ausgehen, dass das Publikum von Libanios in seiner Mehrheit die Vorgehensweise Julians als die angemessenere und einem Kaiser adäquatere ansah.450 Dieser Befund verdeutlicht wiederum, dass das basileus-polemikos-Ideal eine dominierende Stellung in der Erwartungshaltung der zivilen Eliten wie auch der hochrangigen Militärs einnahm und Julian gerade dadurch seine Usurpation legitimieren konnte, weil er sich als wahren Repräsentanten dieses Ideals – im Unterschied zu seinem Vorgänger – präsentierte.

Libanios übergeht zunächst eine detaillierte Schilderung der Schlacht bei Straßburg. Jenes Kräftemessen mit den Alamannen schien ihm nicht die dringendste Angelegenheit zu sein, die verteidigt oder gar als ,neue Leitlinie‘ des Kaisers hervorgehoben werden musste. Die Rechtfertigung der julianischen Motivation war für ihn notwendiger, vielleicht ebenso notwendig wie der anschließend geschilderte Übergang über den Rhein. Auch hier hält es Libanios für unabdingbar, erneut einen kritischen Zustandsbericht über die Verhältnisse in Gallien vorwegzuschicken, um die Beweggründe Julians nachvollziehbar zu machen. Wiederum wird ein ,Stimmungsbericht‘ gegeben, der übliche Motive aufgreift: Die Barbaren hätten sich römischen Boden für die Bebauung nutzbar gemacht, 55 römische Städte gebrandschatzt, sich den größten Teil der Region einverleibt. Diese an sich schon beeindruckende Aufzählung, die geschickt mit sensiblen Bildern spielt und für jeden Zuhörer ein Horrorszenario entwirft, kulminiert schließlich in der Feststellung: „Die berühmtesten der gallischen Völker sind jammervoll versklavt, während die Feinde schon neue boshafte Pläne ausheckten.“451 Erneut lässt sich dasselbe Muster feststellen: Das Gewicht dieser bewusst als beängstigend dargestellten Lage lässt es als unvermeidbar erscheinen, dass gehandelt werden muss. Julian, von Libanios als „bester General“ (ὁ στρατηγικώτατος) apostrophiert, ergreift deshalb die Initiative.

Anschließend wird kurz auf die Operation Julians jenseits des Rheins eingegangen. Der damalige Caesar habe schließlich nach erfolgreichem Abschluss des Unternehmens die Gefangenen seinem Kaiser ausgeliefert. In diesem Zusammenhang bringt Libanios erneut einen Vergleich ein, der wiederum symptomatisch für die Außenwirkung Julians ist: Dieser sei dem Beispiel des Achill gefolgt, dem der Sieg das wichtigste gewesen sei.452 Genau wie Julian in seinem zweiten Panegyrikos auf Constantius sich als zweiter Achill stilisiert, so greift auch Libanios diese Parallelisierung auf und macht sie für seine Argumentation fruchtbar. Julian soll den Zuhörern als Verkörperung des an der Front kämpfenden, tapferen, keine Gefahr scheuenden Kaisers im besten Sinne der Promachie-Erwartung erscheinen.

Im Folgenden räsoniert Libanios über einen wichtigen Punkt, der bisher noch nicht angesprochen wurde, jedoch vor einem solchen Publikum nicht fehlen durfte: die Nachhaltigkeit der Politik Julians, die utilitas publica. Hier lobt Libanios zunächst den Wiederaufbau römischer Städte durch Julian, bevor er einen ,immateriellen‘ Aspekt einbringt. Sollte man nicht so verfahren wie Julian – dieser Hinweis ist auf jeden Fall auch gegen die Politik des verstorbenen Constantius gerichtet –, so käme dies einer „Einladung an die Barbaren gleich, weitere Wagnisse einzugehen“ (τοῖς τε βαρβάροις ἂν ἦν εἰς τόλμαν παράκλησις), und einer „Motivation zu weiteren ähnlichen Anstrengungen“ (τοὺς δὲ παρώξυνε).453 Libanios holt wieder gerade diejenigen traditionellen Ansichten hervor, die mit der Deinokratie-Strategie verbunden waren, welche Constantius eigentlich diskreditieren wollte, vor allem auch die bei Synesios so prominente Domino-Theorie.454 So zementiert er die Ansicht, dass ein zu nachsichtiges, zu defensiv eingestelltes Verhalten, das für erlittenes Unrecht nicht sofort Rache nehme und das den Gegner nicht präventiv einschüchtere, sofort den Eindruck aufkommen lasse, Rom sei geschwächt oder nicht fähig, von sich aus offensive Operationen durchzuziehen; daraus resultiere wiederum die erhöhte Gefahr weiterer feindlicher Invasionen, da die Barbaren die Gunst des Augenblicks mit Sicherheit ausnutzen möchten und sich zu weiteren kühnen Einfällen entschließen würden.

Wäre es so weitergegangen wie unter Constantius, so darf man Libanios mit einer unausgesprochenen Annahme ergänzen, und wäre nicht Julian mit seiner ganz eigenen Form des „Widerstands“ auf den Plan getreten (εἰ δὲ μὴ σὺ τότε ἀντέκρουσας), so hätten sich irgendwann die Barbaren, die das Römische Reich von zwei Seiten bedrängten, am Bosporus getroffen.455 Nun sei mit Julian jedoch eine ganz andere Situation eingetreten. Durch seine Siege habe er „die einen niedergeschlagen und den anderen eine Gelegenheit gegeben, darüber nachzudenken“ (ἡ τῶν ἑτέρων ἧττα τοὺς μὲν ἀπώλεσε, τοὺς δὲ φροντίζειν ἐποίησε). Schließlich habe sich durch Julians Erfolge endlich auch der Schatten der Schande früherer Niederlagen von Rom gehoben und die ,Denkzettel-Politik‘, die an die Deinokratie anknüpft, habe sich gelohnt.456

Fasst man die Kerngedanken, die in der Rede des Libanios geäußert werden, zusammen,457 so lassen sich folgende Punkte festhalten: Bei Libanios wird die Vorgehensweise Julians an den Grenzen in demselben Maße konträr zur Leitlinie von Constantius dargestellt, wie es auch Themistios und Ammian darlegten. Trotz der unterschiedlichen Quellengenres ergibt sich in gewissen Punkten geradezu ein geschlossenes Bild einer antithetischen Konstellation, die auf gegensätzlichen Barbarenbildern und Einstellungen zu den Gegnern an der Grenze beruht. Im Unterschied zu Constantius, der über Themistios das Prinzip verkünden ließ, dass die Barbaren mit einem nachsichtigen Verhalten zur Einsicht geführt werden müssten, bei der Verteidigung des Reiches keine Auge-um-Auge-Regel angewandt werden dürfe und schließlich ,Macht‘ sich nicht in traditionellen Demonstrationen der militärischen Stärke erschöpfe, sondern im freiwilligen Respekt und in der Anerkennung der Gegenseite, vertritt Julian diametrale Grundsätze. Libanios orientiert sich dabei sehr präzise an den oben dargelegten Prinzipien der Promachie, der Deinokratie und der Epikratie.

Schließlich wird noch eine letzte Eigenschaft Julians gelobt, die wiederum im unausgesprochenen Vergleich zu seinem Vorgänger hervorgehoben wird: Das gesamte Handeln des Kaisers zeichne sich dadurch aus, dass er „in Notlagen weder Kommissionen, bestehend aus Generälen, Hauptmännern und Unterfeldwebeln, einrichte, noch Zeit mit Analysen verschwende“, sondern sich im Geheimen mit seinen Vertrauten abspreche und dann das Problem schnell angehe.458 Das Bild, das uns Libanios hier vermittelt, ist deshalb so interessant, weil es in einem widersprüchlichen Verhältnis zu dem Befund steht, den man bei Ammian feststellen konnte. Constantius erscheint dort eher als derjenige Feldherr, der sich in kritischen Situationen noch einmal mit seinen Offizieren berät;459 bis hierhin passt also die ,stille Kontrastfolie‘, die Libanios aufzieht, um Julian als noch entscheidungsfreudiger herauszustellen. Bei Julian hingegen schien es zumindest in der ersten Zeit seines Aufenthaltes in Gallien so, als ob er – zur Offensive getrieben durch die Ratschläge seiner Offiziere – diesem Druck nicht standzuhalten vermochte oder vielleicht auch in späterer Zeit diese Vorgehensweise guthieß. Auffallend ist nun, dass Libanios hier die gegebenen Verhältnisse sehr geschickt uminterpretiert: Aus der nicht erfolgten Emanzipation Julians von seinen militärischen Beratern wird kurzerhand die Entscheidungsfindung auf den Beschluss in einem adēlon verlagert und damit die operative Autonomie des Kaisers suggeriert. Die Anwendung dieses rhetorischen Schachzuges und die ins Auge fallende Betonung dieser positiven Eigenschaft des Kaisers lassen vermuten, dass Libanios von einer auf Seiten der Zuhörer verbreiteten Überzeugung ausging, die sowohl die Zügigkeit der Entscheidungen als auch die jeweilige Genese von Beschlüssen kritisierte. Libanios setzt bei beiden Problemen an, disqualifiziert das nüchtern berechnende Verhalten Constantius’ als falsches Abwarten, das dem Gegner nur die Schwäche Roms vor Augen führe, und das hektische Vordringen Julians als geistesgegenwärtiges Handeln, das plötzlich eintretende Krisen umgehend offensiv anpacke und mit einer energischen Demonstration von Stärke die römische Macht adäquat nach außen vertrete.

Ein letzter Punkt, der sich aus der Rede herauslesen lässt: Die Anklagen des Libanios – Constantius habe nicht gewollt, dass Julian „Schlachten gewinnt“, er habe dem jungen Caesar Berater mitgegeben, die ihn von „edlen Taten“ abgehalten hätten, er habe mehr gefürchtet, dass Julian Ruhm erringe, als dass die Feinde anmaßend würden, und sich schließlich mehr darüber gefreut, dass Julian kein Lob erringe, als dass die Feinde niedergeschlagen wurden460 – kann man natürlich als bloße panegyrische Topik auffassen. Vor dem Hintergrund der bisher herausgearbeiteten Ergebnisse drängt sich jedoch eine andere Lesart auf: Constantius wollte wirklich all das, was Libanios ihm vorwirft; aber die Beweggründe waren andere: Er fürchtete nicht per se den Ruhm eines Mitstreiters,461 sondern viel eher, dass sich sein Mitstreiter in der Art eines basileus polemikos diesen Ruhm mit offensiver Strategie und kriegsbereiter Einstellung erwerben wollte. Wie Ammians Beschreibung von Julians Charakter462 und die Tatsache, dass Julian noch über keine militärische Ausbildung verfügte, nahelegen, war Constantius völlig zu Recht in Sorge, dass Julian unbedingt „edle Taten“ (ἔργων γενναίων) vollbringen sowie bedingungslos und ohne große Vernunft nach „Ruhm“ streben wollte; auch Libanios’ Kritik an Constantius, dass er nicht die radikale Niederschlagung der Gegner gewünscht habe, passt ins Profil, das Themistios eben gerade als lobenswerte Eigenschaft hervorgehoben und dem auch Ammian eine gewisse Berechtigung konzediert hatte. Hinter den Schmähungen des Libanios ist also nicht eine rein oberflächliche Unterstellung zu sehen, sondern eine Umdeutung der eigentlichen Vorstellungen des Kaisers, der seinen jungen Kollegen nach Gallien schickte, um die Grenze zu verteidigen, nicht aber, um die Gegner im Übereifer zu provozieren und mit zu großem Tatendrang, der auf dem Bewusstsein der Unterlegenheit der Barbaren fußte und diese auch mit aller Macht demonstrieren wollte, eine Eskalation der Gewalt auszulösen. Eine solche Interpretation lag natürlich nicht in der Absicht des Libanios, der eindeutig den Vorgänger Julians kritisieren wollte.463 Sie lässt sich jedoch unter dem dichten Geflecht rhetorischer Strategien als die eigentliche Konstellation herausheben und ist im Abgleich verschiedener Aussagen, die teilweise gar nicht dieselbe Meinung vertreten müssen, dennoch als gemeinsamer Nenner zu finden.

3.4.3 Fatale Erwartungserfüllung – Julians Perserfeldzug (363) bei Ammian

Die vorausgegangenen Kapitel haben gezeigt, dass Julian sich auch nach seiner Erhebung zum Kaiser sowie nach dem Tod Constantius’ als basileus polemikos stilisierte, der die Interessen Roms mit einer offensiven Außenpolitik durchzusetzen hatte. Diese Kaiser-Imago scheint aber gleichzeitig auch den Erwartungsdruck auf Julian beträchtlich erhöht zu haben, denn Julian sah sich offenbar angesichts seines Ansehens als basileus polemikos auch nach der Erlangung der Herrschaft genötigt, mit einem prestigeträchtigen Unternehmen gegen die Perser seinem Ruf als unerschrockener imperator weiterhin gerecht zu werden.

Auf die außenpolitischen Beziehungen zwischen den Römern und den Persern im vierten Jahrhundert bin ich bereits eingegangen.464 Kurz vor der Usurpation Julians hatte das Römische Reich einige empfindliche Niederlagen hinnehmen müssen: 359 und 360 wurden die wichtigen Festungen Amida, Bezabde und Singara von den Persern erobert. Laut Ammian führten diese Ereignisse dazu, dass Constantius eiligst größere Truppenverbände zusammenzog, um diesen Invasionen zu begegnen.465 Als sich der Kaiser jedoch im Herbst gen Westen wenden musste, um die Usurpation seines Caesars niederzuschlagen, zog auch überraschenderweise Shapur II., der zuvor ebenfalls mit einer großen Streitmacht zum Tigris marschiert war, aus dem persisch-römischen Grenzterritorium ab und kehrte wieder zurück in das eigene Gebiet.466 Dennoch war es Shapur nicht gelungen, die Inhalte des Vertrages von 298 entscheidend zu revidieren. Immerhin hatte er aber neben der Einnahme wichtiger Städte die Kontrolle über das östlich des Djebel Sindjar gelegenen Gebietes erreichen können. Mit dieser Situation sah sich Julian konfrontiert, als er sich zum Perserfeldzug entschloss.

Wie schildert Ammian die Motivation Julians für den Perserfeldzug?467 Julian habe im Winter 362/63 in Antiochia den Plan zu einem Perserfeldzug vorbereitet. Dieses Vorhaben habe er schon lange gehegt. Interessant sind vor allem die folgenden Worte Ammians: Julian habe sich „stürmisch dazu hinreißen lassen“ (vehemter elatus), das durch die Perser erlittene Unrecht zu rächen.468 Die Formulierung Ammians deutet bereits an, dass diesem Kriegsentschluss mehr eine emotionale als eine rationale Motivation zugrunde lag. Dieser Befund wird sogleich bestätigt: „Er brannte (urebatur) aber aus zwei Gründen vor Verlangen nach einem Krieg: Zum einen, weil er – von Natur aus nicht fähig, Ruhe zu ertragen – von Trompetenschall und Schlachten träumte, zum anderen, weil er danach glühte (ardebat), dem Schmuck glänzender Ruhmestaten den Beinamen Parthicus beizufügen.“469

Was ist an der Wortwahl Ammians auffallend? (1) Zunächst, dass Ammian die emotionalen Antriebe zum Perserfeldzug besonders betont. Julian lässt sich zu Rache hinreißen, er brennt auf einen Krieg und glüht vor Ruhmeseifer. In vielen Textstellen, bei denen Ammian die früheren Kriegsentschlüsse Julians beschreibt, wird hingegen das Bild eines nüchtern überlegenden und rational handelnden Feldherrn gemalt, der vor allem auch das übergeordnete Wohl beachtet und von der Profilierung der eigenen Imago oftmals absieht.470 Sein aus dem Affekt resultierender Antrieb zu dem Perserfeldzug gleicht in seiner Darstellung zudem nicht der durchdachten Rationalität römischer Feldherrn, sondern eher der Unbeherrschtheit barbarischer Anführer.471

(2) Darüber hinaus ist bemerkenswert, wie Ammian die Entscheidung zum Perserfeldzug nur an persönlichen Motiven des Kaisers festmacht und keine weiteren, übergeordneten Aspekte als Beweggründe anführt. Der gesamte Entschluss zu dem groß angelegten militärischen Unternehmen erscheint damit nur als Erfüllung der – zwar positiv konnotierten – Ruhmsucht eines einzelnen, die aber im Hinblick auf das Ergebnis, das sowohl Ammian wie auch die Leser kannten, den Charakter einer geradezu unheilvollen Prophetie annimmt. Bei der Konstatierung dieses Mangels handelt es sich nicht um eine moderne oder anachronistische Interpretation. Es fehlt der Hinweis auf die utilitas publica, auf einen übergeordneten Zweck, wie er sich in anderen vergleichbaren Textstellen bei Ammian über Constantius finden lässt. Es wäre für Ammian sicherlich ein Leichtes gewesen, einen allgemeinen, sich auf das gesamte Wohl des Reiches beziehenden Stimulus für den Perserfeldzug anzuführen, um potentiellen Kritikern der Selbstsucht Julians das Wasser von den Mühlen zu nehmen.472

Die Existenz einer Opposition gegen den Perserkrieg kann auch Ammian nicht verleugnen, wenngleich er versucht, deren Urheber als „böswillige Neider“ zu desavouieren. Interessanterweise wird dabei Julian eben genau der verderbliche Charakter des gesamten Unternehmens vorgehalten und ihm sein Treiben als unnötige Verwirrungen, die nur dem Aktionismus einer einzigen Person geschuldet seien, vorgehalten.473 Fl. Sallustius, Amtskollege von Julian in demselben Jahr, bat um eine Verlegung des Perserfeldzuges, sicherlich aus Angst, dass die westlichen Provinzen dabei allzu entblößt werden könnten.474 Auch der westlich orientierte Senat war den Plänen des Kaisers nicht zugetan.475 Andere Gruppierungen wiederum sahen die größte Gefahr in den Problemen an der Donaufront, die es dringlicher zu lösen gelte als eine Invasion nach Persien durchzuführen.476

Schaut man zudem auf die textexhärente Kritik, so findet die implizite Kritik Ammians ihren Widerhall in anderen Stimmen: Libanios selbst scheint sogar ein Befürworter einer diplomatischen Lösung des Perserproblems und gegenüber einem Feldzug kritisch eingestellt gewesen zu sein.477 Besonders nach dem Tod Julians spricht Libanios seine ehemaligen Vorbehalte gegen das militärische Unternehmen offen an, klagt über die Missachtung einer persischen Gesandtschaft sowie über den Umstand, dass der Plan Julians zur Vergeltung größer gewesen sei als das Unrecht, das man von den Persern erlitten habe.478 In seinem Epitaphios auf Julian verweist Libanios sogar darauf, dass „alle“ gegen den Perserfeldzug gewesen seien.479

Wichtig ist: Ammian interpretiert diese folgenschwere Entscheidung Julians als Resultat einer unheilvollen Zwangslage, in die sich der Kaiser wohl selbst hineinmanövriert hatte. Die Betonung des ruhmesgierigen Naturells könnte zwar eine rhetorische Strategie gewesen sein, um mögliche Kritiker des Perserfeldzuges von den lauteren Absichten des Kaisers zu überzeugen; aber Ammian betont eben auch, dass Julian seine Usurpation bei diesem Kriegsentschluss insofern rechtfertigen wollte, als nun zum ersten Mal ein römischer Kaiser in dem schon lange schwelenden Konflikt die Initiative ergreifen und das Prestige Roms offensiv verteidigen würde.480 Julian befand sich also – wie Constantius – für Ammian in einem imperator-Dilemma, dessen Spannungen er allerdings selbst durch seine vehement propagierte Selbstinszenierung als basileus polemikos ausgelöst hatte.481 Der neue Kaiser fühlte sich zu einer offensiven, prestigeträchtigen militärischen Kampagne genötigt, die Teile der Gruppe, an die das Unternehmen adressiert war, gar nicht befürworteten.482

Es kann hier nicht auf die gesamte weitere Beschreibung des Perserkrieges bei Ammian eingegangen werden. Aus dem langen Bericht des Geschichtsschreibers über dieses Unternehmen seien jedoch charakteristische Punkte herausgegriffen, an denen die eben skizzierten Ergebnisse aus dem Einleitungskapitel zu Julians letztem Feldzug noch einmal in ihrer übergreifenden Symptomatik exemplifiziert werden können. Ein wesentliches Merkmal bei Ammian in der Darstellung des Perserkrieges Julians ist die geradezu exponentiell ansteigende Erwähnung unheilvoller Vorzeichen im Laufe des militärischen Unternehmens. Ammian berichtet ausführlich über jede mögliche Art bedeutungsschwangerer Prophetien, die den Feldzug begleiteten: der Einsturz eines Apollontempels, Austrocknung von Bächen und Quellen, plötzlicher Tod eines Priesters, Einsturz eines Säulengangs.483

Vermutlich wollte Ammian den Perserfeldzug Julians doch deutlicher kritisieren, als man es angesichts seiner überwiegend positiven Haltung dem Kaiser gegenüber anzunehmen wagt. Durch die häufige Erwähnung der prodigia erscheint Julian in einem ungünstigen Licht, das Beharren des Kaisers auf seiner Entscheidung trotz der vielen unglücksverheißenden Vorboten erscheint geradezu als borniertes Festhalten an einem getroffenen Entschluss. Oder Ammian wollte damit nicht Julian direkt kritisieren, sondern die aus dem imperator-Dilemma sich ergebenden Zwänge, die ihm den Feldzug geradezu aufoktroyierten und ihm keine Chance ließen, trotz einer Vielzahl an bedenklichen Vorzeichen den Feldzug abzubrechen, weil der damit verbundene Gesichtsverlust nicht zu ertragen gewesen wäre. Julian wird damit zum tragischen Helden, der, obwohl er hervorragende militärische Fähigkeiten besessen habe, an einer zu großen Aufgabe scheitern musste, welche ihm die besonderen Umstände seiner Zeit aufzwangen und denen er nicht entfliehen konnte.484

Letztere Deutung wird gestützt durch die Reden, mit denen Ammian seinen Protagonisten während des beschwerlichen Feldzuges sich rechtfertigen lässt. In seiner zweiten Rede an die Soldaten, unmittelbar nach der Eroberung von Pirisabora, muss sich Julian verteidigen, weil er seinen Truppen eine Belohnung versprochen hat, die sie aber für zu gering hielten. Mit dieser Rede macht Ammian deutlich, wie sehr der Kaiser auch unter dem Druck zur Beutebeschaffung stand, was ein Abbrechen des gesamten Unternehmens beinahe unmöglich machte.485 Dem Leser erschließt sich dadurch noch ein weiteres Spannungsverhältnis, das – viel profaner als die Erfüllung des basileus-polemikos-Ideals – dem Kaiser zusätzliche Kraftanstrengungen aufbürdete und sein Handlungsspektrum entscheidend einengte.

Insgesamt erweckt die Beschreibung des Perserfeldzuges durch Ammian an vielen Stellen ein ,ungutes Gefühl‘ beim Leser. Neben den negativen Vorzeichen und der Rede an die Soldaten hinterlassen auch andere Schilderungen ein irritierendes Bild: Während der Zug bis Ktesiphon fast ohne Vorkommnisse verläuft, häufen sich danach die besonderen Ereignisse: Bestrafung von Offizieren, Befehlsverweigerung, blindwütige Gewaltexzesse der Truppen.486 Der unaufhaltsame Strudel unheilvoller Begebenheiten kulminiert schließlich in der Verbrennung der Schiffe durch Julian, die wahrscheinlich dazu dienen sollte, die Entscheidungsschlacht schnell herbeizuführen.487

All diese von Ammian erwähnten Faktoren, angefangen beim Kriegsentschluss, über die Anlage des gesamten Unternehmens, die fatale Entwicklung während der militärischen Operation, die sich in der Demoralisierung der Kräfte wie auch in der zunehmenden Gereiztheit des oberbefehlshabenden Kaisers488 widerspiegeln, bis hin zum katastrophalen Ende des Feldzuges lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Ammian sah den Perserkrieg Julians als ein Unternehmen an, dessen Schicksalshaftigkeit sich weniger oder gar nicht nur durch den Tod des Kaisers definierte, sondern vor allem durch die latenten Strukturen und Entwicklungen des imperator-Dilemmas, das durch seinen Zwang zur basileus-polemikos-Imitation einen hoffnungsvollen Akteur seiner persönlichen Willensfreiheit beraubte, das Kräftepotential des Kaisers sukzessive bis zum tödlichen Ausgang aufzehrte und damit das Römische Reich in eine überaus kritische und gefährliche Situation trieb. Die besondere Aura, die ein siegreicher Feldzug im Osten gegen den großen Gegner Persien ausgestrahlt hätte, mag ein Übriges dazu beigetragen haben.489 Julian – das zeigt Ammian mit seinem Bericht – wurde Opfer seiner Selbstdarstellung. Einer expliziten Kritik hat sich Ammian dennoch enthalten, gleichwohl lässt seine narrative Darstellung bestimmter Ereignisse unter der um Contenance bemühten Erzählung das Eingeständnis der wenig nachhaltigen vom basileus-polemikos-Ideal getriebenen Politik erkennen.

3.4.4 „Waffen statt Worte“ – Libanios’ 18. Rede

Eine ähnliche Konstellation liegt auch bei der 18. Rede des Libanios vor. Auch hier ist der Autor eigentlich Julian gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt. Dennoch zeigt sich wie bei Ammian in der postumen Erinnerung an Julians Vorgehen eine gewisse Distanzierung. Der „Epitaphios“ wurde nach dem Tod des Kaisers wahrscheinlich im Sommer 365 verfasst.490 Obwohl Libanios den Text ganz im Stil einer Rede geschrieben hat, ist sie niemals öffentlich gehalten worden.491 Sie stellt sozusagen eine Bilanz der Regierung Julians dar, so dass daraus geschlossen werden kann, dass Libanios auf potentielle Kritik vonseiten der Senatoren oder hohen Militärs Bezug nimmt, die er bei einer letzten Verteidigung Julians als wichtigste Gefahrenquellen geltend machte. Im Gegensatz zur 12. Rede kann bei der Konzeption hier nicht mehr von einer direkten Beeinflussung durch Julian ausgegangen werden.

Zunächst einmal dominieren Leitmotive, die bereits in der 12. Rede nachgewiesen werden konnten, jedoch in nuancierter Form. Ein Hauptaspekt ist hierbei wiederum der im Vergleich zu Constantius völlig konträre Umgang mit den Barbaren. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger betonte Julian laut Libanios nicht die Politik des stetigen Verzeihens, sondern der stetigen Abschreckung. Hinter dieser Ansicht steht ein viel negativeres Barbarenbild, als es Themistios für Constantius entwarf: „Sie [sc. die Gallier] blieben zu Hause und aßen ihre Mahlzeiten, und dies nicht aus Respekt vor Verträgen (οὐκ αἰδοῖ συνθηκῶν), sondern eher aus Furcht vor dem Krieg (φόβῳ πολέμου), da es selbst denjenigen, die keine Abmachung mit uns geschlossen hatten, geraten schien, Frieden zu halten angesichts des Schreckens, den sie erwarteten (προσδοκώμενον δέος).“492 Im Gegensatz zu seinem Vorgänger habe es für Julian nur dann die Möglichkeit zu einem Frieden gegeben, wenn die Gegenseite so eingeschüchtert wurde, dass sie keinen Angriff auf römisches Gebiet mehr gewagt habe. Libanios betont ausdrücklich, dass diese Vorgehensweise, die sich an der Deinokratie-Vorstellung orientiert, effektiver sei als die diplomatische Verständigung durch Verträge.

Symptomatisch ist, dass Libanios die Praxis Julians folgendermaßen in Worte fasst: „Die Ereignisse der Vergangenheit bedurften einer Lösung mit Waffen, nicht mit Worten“ - ὅπλων, οὐ λόγων δεῖσθαι τὰ πεπραγμένα.493 Mit dieser Formulierung bildet Libanios äußerst pointiert die maximale gedankliche Diskrepanz zwischen Constantius und Julian in ihrem außenpolitischen Vorgehen ab, gleichzeitig gereicht sein Diktum zur unmissverständlichen Antwort auf einen Slogan von Themistios. Während Constantius Konflikte mit Worten zu lösen versuchte und deshalb von Themistios auch als Kaiser gepriesen wurde, dem „oft das Wort anstelle der Waffen reicht“ (ἐξαρκεῖ δὲ αὐτῷ πολλάκις ὁ λόγος ἀντὶ τῶν ὅπλων) und der nach einer „Hegemonie des Wortes“ (τοῦ λόγου ἡγεμονία) verfuhr, sieht Libanios Julian als diametrales Gegenbild.494

Ausgehend von dieser Diskrepanz unterstreicht Libanios in dem Schlussresümee seiner Rede noch einmal die Angemessenheit von Julians Vorgehen: Die Loyalität der Barbaren gegenüber Julian sei dem Umstand zu verdanken gewesen, dass er seinen Gegnern so sehr Furcht eingejagt habe, dass diese keinen Aufstand mehr gewagt hätten.495 Nun, da der Kaiser tot sei, habe man wieder die alten Probleme zu fürchten, die sich – völlig konsequent – aus dem zuvor entworfenen Barbarenbild des Libanios ergeben: „Goten, Sarmaten und Kelten und jeder Barbarenstamm, der sich selbst damit begnügte, in Frieden zu leben, wetzen schon wieder ihre Schwerter. Sie marschieren gegen uns, sie überqueren Flüsse, sie drohen, sie machen sich ans Werk; wenn sie uns verfolgen, nehmen sie uns gefangen, und wenn sie verfolgt werden, schlagen sie uns, wie feige Sklaven, die, sobald ihr Herr gestorben ist, sich gegen seine Kinder erheben.“496

Libanios skizziert also einen Zustand, in dem die Gegner an den Grenzen nur durch ständiges Furchteinflößen niedergehalten werden können. Eine weiche oder nachsichtige Haltung gegenüber den von ihnen ausgehenden Bedrohungen akzeptiert Libanios nicht und verweist darauf, dass nur die Drohung und Anwendung von Gewalt eine effiziente Methode darstelle, da die barbarischen Völker allein durch die Antizipation des mit Konflikten verbundenen Schreckens eingeschüchtert und damit zu einer friedvollen Loyalität gegenüber den Römern gezwungen werden können. Diese Vorstellung kongruiert exakt mit der Deinokratie-Vorstellung und Synesios’ Vorwürfen an Arcadius.

Libanios’ Sichtweise gipfelt in der Anschauung, dass eine rein defensive Haltung die Sicherheit der Grenzen nicht garantiere; stattdessen entspräche es dem römischen Naturell, sich stets für Angriffe der Barbaren zu rächen, um ihnen die Stärke des Imperiums zu demonstrieren. Deshalb habe Julian nach seinem Sieg die Meinung vertreten, „dass man bis jetzt nur den eigenen Leuten zu Hilfe geeilt sei, dass es tüchtigen Männern jedoch anstünde, das zu rächen, was man erlitten habe.“497 Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, wenn Libanios schließlich auf abstrakter Ebene als die wichtigsten Helfer für Julian benennt: die Götter des Krieges, des Streits, des Kampfes, des Schreckens und der Furcht (Ares, Eris, Enyo, Deimos und Phobos).498

Bis hierhin scheint somit alles in völligem Einklang zu den bisherigen Beobachtungen zu stehen. Libanios zeichnet einen Julian, der sich dem Ideal des basileus polemikos verschrieb und aus diesem Grund eine nachhaltigere und effektivere Außenpolitik gegenüber den Nachbarn betrieb als sein Vorgänger Constantius, welcher lediglich als Negativfolie bei allen lobenden Bemerkungen über den verstorbenen Julian fungiert. Jedoch sind in der 18. Rede des Libanios nicht alle Töne als harmonische Lobpreisungen aufzufassen. Im Hinblick auf die Reden zur Lebenszeit von Julian lässt sich nämlich eine interessante Akzentverschiebung beobachten. Während die propagierte Vorgehensweise des Kaisers zum damaligen Zeitpunkt noch dadurch charakterisiert wurde, dass ein rigoroses Vorgehen gegenüber den Barbaren, das sich an einem Auge-um-Auge-Prinzip orientierte und die Demonstration von Gewalt als einzig angemessene Form und Reaktion betrachtete, schlägt Libanios in dieser Rede – neben eben jenen Gedanken – auf einmal Töne an, die eher an die Haltung von Constantius II. erinnern: So verweist der Redner darauf, dass Julian zu Beginn seiner Tätigkeit in Gallien der Meinung gewesen sei, dass „Philosophie (ἡ σοφία) und kluges Vorgehen (τὰ βουλεύματα) besser seien als reine Gewalt.“499 Diese Beschreibung erstaunt, steht sie doch in extremem Gegensatz zu Libanios’ sonstigen Äußerungen.

Wie lässt sich also dieser feine Zusatz in der Beschreibung von Julians außenpolitischer Praxis und seines operativen Vorgehens bei militärischen Unternehmungen erklären? Eine direkte Beeinflussung Libanios’ durch Julian scheidet aus den oben genannten Gründen aus. Somit bleibt nur eine andere Möglichkeit, die der neuen Konstellation – das Verhältnis zwischen Redner und der von ihm besprochenen Person ist asymmetrisch, da diese nicht mehr am Leben ist und auf die vermittelten Inhalte nicht mehr einzugehen vermag – Rechnung trägt: Libanios muss nun ganz offensichtlich auf eine Kritik Bezug nehmen, die sich nach dem Tod Julians, insbesondere nach dem Scheitern des Perserfeldzuges, Bahn brach und den ehemaligen Kaiser von einer anderen Seite aus attackierte.500 Aus den Aussagen des Libanios kann auf die Stoßrichtung der Opposition geschlossen werden: Die Betonung der Symbiose von Philosophie und politischer Machtdemonstration beziehungsweise deren Hierarchisierung mit Priorität auf der ersteren legt den Schluss nahe, dass man Julian nach dessen Tod zu wenig Besonnenheit und rationales Kalkül bei der Planung seiner militärischen Operationen unterstellte. Die ungewöhnliche Vergleichskombination von ,strategischer Überlegung‘ (τὰ βουλεύματα) und ,quantitativer Stärke‘ (δυνατώτερα) passt exakt in die Debatte über die Unterschiede im operativen Vorgehen zwischen Constantius II. und Julian; und auch von einer anderen Seite her wird die Intention, die hinter diesem Lobpreis steckt, offenbar: Ammian hatte unter einer dicken Schicht von lobenden Äußerungen die Handlungsweise Julians ebenfalls kritisch gesehen und die von Affekten und Emotionen ausgelösten Impulse in der Entscheidungsfindung des Kaisers skeptisch beurteilt. Genau dasselbe Phänomen zeigt sich nun auch bei Libanios. Dieser enthält sich auf der einen Seite einer expliziten Kritik an dem verstorbenen Julian, eine Haltung, die in der ,posthumen‘ Panegyrik nicht unbedingt als selbstverständlich anzusehen ist.501 Auf der anderen Seite wird jedoch deutlich, dass Libanios’ geradezu übereifrige Anerkennung und Betonung der rational-strategischen Komponente im Vorgehen Julians das gerade in diesem Punkt als defizitär wahrgenommene Verhalten kaschieren beziehungsweise umdeuten möchte. Weil sich Libanios in einer ähnlichen Zwickmühle befand wie Ammian – er wollte die von ihm selbst hinterfragte Vorgehensweise des Kaisers auch nach dem Tod Julians nicht schonungslos kritisieren, gleichzeitig aber auch die eigene Haltung nicht völlig verleugnen –, wirkt auch sein Text ambivalent.

Warum aber hat Libanios, der offensichtlich ein Gegner des Perserfeldzugs war, nicht schon früher auf derartige Kritik reagiert? Weshalb wartete er so lange und hat nicht schon zu Lebzeiten Julians dieselben Punkte angesprochen?502 Diese Fragen können nur dahingehend beantwortet werden, dass Julian sich zuvor schon so sehr als basileus polemikos stilisiert hatte, dass eine programmatische Kehrtwendung mit Orientierung an den Maximen des Constantius ein risikoreiches Unterfangen gewesen wäre, durch das er die seit der Usurpation gewonnenen Unterstützerkreise wohl wieder verloren hätte. Julian wollte nicht dem Verdacht ausgesetzt sein, keine Stärke zu zeigen, beziehungsweise allzu lange bedächtig, wie sein Vorgänger, über dringende Angelegenheiten nachzudenken.503 Jedoch muss nach dem Tod Julians ein Wendepunkt eingetreten sein, der den Gegnern der ,traditionellen‘ Vorgehensweise angesichts des gescheiterten Perserfeldzuges neuen Auftrieb gab und die Schlag-erfordert-Gegenschlag-Politik im Sinne der Deinokratie, die als übereilt und vorschnell empfunden wurde, nach dem Tod Julians noch stärker hinterfragte. Aus diesem Grund vollzieht Libanios auch eine argumentative Kehrtwende, die zu Lebzeiten Julians nicht möglich gewesen und einem völligen Widerspruch gleichgekommen wäre – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Julian eine solche Propagierung sicherlich missbilligend zensiert hätte –, die aber nach dem Ableben des Kaisers auf einmal realisierbar wurde. Das Ziel des Paradigmenwechsels lag darin, die Vorgehensweise Julians e posteriori umzugestalten und ihr eine modifizierte Leitlinie unterzulegen, welche Kritik im Keim ersticken sollte. Bei Libanios wird damit – wie auch bei Ammian – implizit das imperator-Dilemma deutlich, vor dem Julian stand, der nach Meinung des Redners eigentlich ganz anders hätte vorgehen und sein Handeln an der sophia und am klugen Beraten, welches andere Praktiken einschloss als eine Orientierung an der Deinokratie und der Epikratie, hätte ausrichten wollen – es aber nicht konnte.504

3.4.5 Promachos par excellence – Julians Münzprägungen

Analog zu den Untersuchungen der Herrschaft des Constantius soll nun auch ein Blick auf numismatische und epigraphische Überlieferungsträger geworfen werden, die eine ganz andere Perspektive auf die Dynamik des imperator-Dilemmas erlauben als die literarischen Quellen. F. López-Sánchez stellte jüngst zu Recht fest, dass die Münzprägungen Julians ein „seriously underexploited“ Bereich seien.505 Und in der Tat haben im Vergleich zu den vielen literarischen Quellen über Julian die numismatischen Quellen bisher nur wenig Aufmerksamkeit gefunden.506 Sicherlich wird auch die teilweise schwierig zu interpretierende Motivik zu diesem Umstand einen gewissen Teil beigetragen haben.507 Dennoch ergeben sich gerade vor dem Hintergrund der numismatischen Analysen und Ergebnisse zu Constantius wichtige Erkenntnisse zu den bisherigen Befunden über das imperator-Dilemma und seine Konsequenzen.

Eine Analyse zur Selbstdarstellung Julians kann sich am Ausgangspunkt der Untersuchung zu Constantius und an der zeitlichen Zäsur der Erhebung Julians zum Augustus im Frühjahr 360 orientieren. Der erste Abschnitt der Jahre 355-360 ist beeinflusst von der gemeinsamen Herrschaft mit Constantius, die sich auch in der Motivik der einzelnen Prägungen widerspiegelt. Ähnlich wie bei Gallus, den Constantius beispielsweise bei den illyrischen Truppen auf Prägungen als Caesar einführte, wurde auch Julian zu Beginn seiner neuen Stellung auf verschiedenen Münzen in seiner Co-Herrschaft mit dem Kaiser in Szene gesetzt.508 Eine Serie von Solidi, die in Arelate ausgegeben wurde, zeigt auf dem Revers die beiden Herrscher nebeneinander mit einem Siegeszweig, der zu der Legende gloria rei pvblicae entweder vot xxx mvlt xxxx oder votis v anzeigt.509 Da diese Prägung wohl auf einen bedeutenden militärischen Sieg anspielte, bezog sich der Revers wahrscheinlich auf die Schlacht bei Straßburg.510

Nun sind solche gemeinsamen Darstellungen beider Kaiser auf bestimmten Prägungen auch noch nach der Erhebung Julians zum Kaiser vorzufinden. Die Prägungen von Siliquae in Lugdunum feierten die gemeinsamen Erfolge von Julian und Constantius (victoria dd nn) sowie ihre Vota (vot v mvlt xxx beziehungsweise vot xxx/mvlt xxxx).511 Hierbei handelte es sich wohl um das Antrittsdonativ Julians, das zusammen mit einer Serie von Solidi, Gold-Teilstücken und Miliarenses auch noch in Trier und Arelate hergestellt wurde.512 Die Prägungen sind erklärungsbedürftig, da sie nach dem Frühling 360 ausgegeben wurden. Man hat diesen Umstand so gedeutet, dass Julian die Feindschaft mit Constantius noch nicht auf diesem Medium zum Ausdruck bringen wollte.513 Eine solche Maßnahme wäre in der Tat plausibel, falls Julian eine gemeinsame Herrschaft anstrebte und – zumindest auf den Münzprägungen – noch nicht auf den offenen Bruch mit Constantius zustrebte.

Angesichts meiner Ausführungen und Deutungen zu Julians Brief an die Athener ist aber auch eine andere Möglichkeit zu beachten. Nimmt man die Ergebnisse aus der Analyse zu den Panegyriken Julians auf Constantius, die ja ein ähnlich paradoxes funktionales Verhältnis aufweisen wie die Siliquae-Prägungen nach der Erhebung Julians zum Kaiser, so ergibt sich eine Parallele. Mit der Betonung der gemeinsamen Siege auf dem Revers wollte Julian meiner Meinung nach ebenso wie bei seinen Panegyriken nicht (nur) die Leistungen seines Konkurrenten unterstreichen, sondern durch ein subtiles Spiel der Übertreibung von Constantius’ ,Erfolgen‘ bei der jeweiligen Zielgruppe gerade den bewusst einkalkulierten Gegeneffekt erzielen: Durch die scheinbare Gleichstellung beider militärischer Leistungen, die aber – nach Ansicht Julians, der auf diese Einschätzung wohl auch bei anderen Zielgruppen spekulierte – ein asymmetrisches Verhältnis zur eigenen Realitätsbemessung aufweist, erfolgt beim Adressaten automatisch eine Distanzierung von dem dargestellten Motiv zugunsten Julians, den man als den eigentlichen militärischen Sieger beurteilt. Gerade diesen Punkt betonte Julian ja auch in seinem Brief an die Athener und man kann annehmen, dass ihm an der Verbreitung dieser Ansicht auf unterschiedlichen Kanälen lag. Die Strategie Julians war insofern kontingent angelegt, als er mit den Siliquae-Prägungen wiederum offiziell keinen Bruch mit Constantius vollzog. Selbst bei denjenigen Adressaten, bei denen dieser Effekt nicht ausgelöst wurde, also vor allem beim loyalen Umfeld von Constantius, konnte sich Julian somit immerhin auf eine loyale Kooperation berufen, die sich in der Erinnerung gemeinsam errungener Siege widerspiegelte.514

Nun zu Prägungen, die während Julians Alleinherrschaft nach dem Tod des Constantius ausgegeben wurden; diese weisen einen auffallenden Kontrast zu den Motiven und Legenden des Constantius auf. Bezüglich der Motivik bei Constantius ließ sich feststellen, dass dieser die Promachie-Thematik fast gänzlich aus der bildlichen Darstellung auf dem Revers verbannte und sie fast nur noch auf die weniger wertvollen Nominale beschränkte. Hier schlug Julian einen gänzlich entgegengesetzten Weg ein: Um 363 ließ er in Arelate im Zusammenhang seines Perserfeldzuges eine Solidus-Serie prägen. Auf dem Avers ist die nach rechts gerichtete Büste des Kaisers, gekleidet in Panzer und Mantel, zu sehen; auf dem Revers bringt die Abbildung eines behelmten Kaisers, der mit seiner Rechten einen Gefangenen hinter sich herschleift und mit der Linken eine Trophäe hält, die über der Schulter liegt, den Sieg auf dem Schlachtfeld sehr illustrativ zum Ausdruck.515 Dieses Motiv, das aufgrund des Kriegsornats und der dynamischen Haltung ohne Zweifel eine Promachie-Tätigkeit hervorhob, betonte mit der deutlichen Unterwerfung des Gefangenen noch zusätzlich den Aspekt der Deinokratie: Der Kaiser kennt keine Gnade mit den Gegnern.

Abb. 3:
Abb. 3:

Julian, Solidus, 363, RIC 8.96 (Sirmium). Obvers: FL CL IVLIA-NVS PP AVG, Revers: VIRTVS EXERCI-TVS ROMANORVM

Constantius verwendete diese Motivik nicht auf den höheren Nominalen. Höchstwahrscheinlich ging es bei ihm darum, die Eliten des Reiches – wie es ja auch Themistios in seinen Reden praktizierte – von einer neuen Vorgehensweise im Umgang mit den Gegnern an der Grenze zu überzeugen. Julian jedoch präsentierte sich dieser Adressatengruppe gegenüber ganz anders und verkündete auf seinen Solidi eine Programmatik, die sich an der Deinokratie orientierte.

Darüber hinaus war auch die Wahl der Legende aussagekräftig: Die Botschaft virtvs exerc gall oder – je nach Münzstätte – virtvs exercitvs unterstrich gleich mehrere Aspekte – der Kaiser als Soldat, der Kaiser als basileus polemikos, der die römische Vorherrschaft und die propagatio imperii mit der eigenen Promachie nach vorne treibt. Die Abbildung Julians auf dem Revers erinnert dabei sehr stark an die Bildthematik des Romulus tropaiophoros (,der Trophäentragende‘), die den Gründer Roms als Kriegskönig feierte.516 Julians Charakterisierung lehnte sich an das berühmte Bild des Romulus auf dem Augustusforum an, auf dem er mit den spolia opima dargestellt war.517 Der Solidus Julians hob durch diese Parallelisierung ebenfalls den Gewinn militärischer Feldzüge gegen die Barbaren hervor. Julian positionierte sich damit in einem Kontrast zu Constantius, bei dem der Nutzen militärischer Feldzüge im Vergleich zu den Kosten doch sehr problematisiert worden war.518

Gleichzeitig wurde neben diesen Gesichtspunkten die enge Verbindung von Heer und Kaiser betont, der angedeutete Feldzug gereichte zum Ausdruck der virtus des Heeres, bei der man die virtus imperatoris gleich mitdenken kann.519 Mit dieser Prägung hat Julian die Stilisierung zum basileus polemikos, die in den schriftlichen Quellen bereits sehr deutlich wurde, auch auf einem anderen Medium vorangetrieben und mit seiner Anspielung auf die ,Schicksalsgemeinschaft‘ mit dem Heer zielgerichtet bestehende Stereotypen bedient.520 Die dezidierte Nennung des gallischen Heeres zeigt, dass Julian die Initiatoren seiner Erhebung zum Kaiser würdigte, was seine enge Beziehung zum Heer wiederum für alle Welt dokumentierte.521

Wichtig ist, dass Julian seine Promachie, seine Tätigkeit als basileus polemikos, seine Deinokratie nicht mehr nur auf Maiorinenprägungen betonte. Im Gegensatz zu Constantius wollte Julian offensichtlich auch die militärischen und zivilen Eliten des Reiches mit dieser neuen Programmatik ansprechen und sich dort als Kontrastfigur zu Constantius profilieren. Ihm ging es nicht um eine sukzessive Abwertung der militärischen Tätigkeit des Kaisers, sondern um die Bekräftigung der eigenen Aktivität in traditioneller Hinsicht auf allen Ebenen der Gesellschaft.

Gerade die Legende virtvs exercitvs verwendete Julian überaus häufig und kombinierte sie mit verschiedenen Motiven auf dem Revers. Die sich daraus ergebenden Assoziationen betonten in vielerlei Hinsicht Julians Distanzierung von seinem direkten Vorgänger. Kurz vor der eben besprochenen Solidi-Serie ließ Julian im Januar 363 eine weitere virtvs exercitvs-Prägung ausgeben. Die Datierung ergibt sich aus dem Motiv auf dem Obvers, das den Kaiser nach links schauend im consularen Gewand zeigt, in seinen Händen mappa und Szepter, mit der Legende fl cl ivlianvs pf avg.522 Da Julian nur in den Jahren 356, 357, 360 und 363 den Consulat bekleidete, kann der Solidus somit auf das letzte Regierungsjahr des Kaisers datiert werden.523 Mit dieser Prägung spielte Julian auf sein Consulat an, das mit dem Beginn der persischen Kampagne zusammenfallen sollte. Trotzdem ist die geradezu ,zivile‘ Darstellung des Kaisers auffallend, der sich in seiner Position als Consul abbilden lässt und damit auch seine Stellung als Administrator des Reiches betont. Symptomatisch für das Selbstverständnis Julians ist aber die Tatsache, dass dieses Bildthema, das ihn auch auf dem Revers im Consulsgewand zeigt, mit der Legende virtvs exercitvs romanorvm kombiniert wird. Auf diese Weise wurden selbst im zivilen Umfeld die besondere Stellung des römischen Heeres und die enge Verbindung des Consuls mit seinen Soldaten unterstrichen. Die fast schon etwas unpassende Verknüpfung aus Motiv und Legende hob auf unkonventionelle Weise hervor, dass Julian auch im Consulsgewand der militärische Anführer blieb und sich als Kamerad seines Heeres verstand. Über die Verbindung der Legende zu der vorhin besprochenen Prägung mit der eindeutigen Promachiemotivik auf dem Revers, die ein wenig später ausgegeben wurde, wurde der Charakter des basileus polemikos wiederum auf einer anderen Ebene akzentuiert.

Ähnlich motiviert waren die Prägungen eines Medaillons, das auf dem Revers eine römische Militärstandarte zeigt, die von zwei Gefangenen flankiert wird. Die Legende liest victoria romanorvm und erinnert somit an die virtus romanorvm-Serie.524 Wiederum wählte Julian kein abstraktes Motiv einer Allegorie aus zwei Hauptstädten, sondern verband die Sieghaftigkeit Roms dezidiert mit dem römischen Heer, auf dem die Leistungen des Römischen Reiches beruhen. Auf dem abgebildeten Vexillum prangen die Lettern SPQR; damit wird das römische Selbstverständnis auf den Münzen geradezu ,in die Welt getragen‘, da die beiden Gefangenen direkt neben den Standarten die lokale Ausbreitung der römischen Macht unter Julian symbolisieren.

Die inzwischen nun deutlich gewordene Kluft zwischen ihm und Constantius kann schließlich noch mit einer anderen Prägung in Verbindung gebracht werden, die zugegebenermaßen sehr interpretationsoffen ist und die Forschung schon seit längerem beschäftigt hat: Julians Stiermotiv. Die Bronzeprägung wurde 362 ausgegeben und in manchen Münzstätten des Reiches (außer Trier, Rom, Alexandria) geprägt. Auf dem Obvers ist Julian mit einem Diadem und im Panzer dargestellt. Auf dem Revers sieht man einen Stier, der stehend nach rechts gewandt zwei Sterne über seinem Kopf hat. Die Legende ist secvritas rei pvb. Die Prägung wird in verschiedenen Quellen erwähnt.525 In der Forschung wurde der Stier entweder als Opfertier, als mithräischer Bulle, als Apis-Stier, als Stierkreiszeichen für den Kaiser oder überhaupt als Symbolisierung des Kaisers interpretiert.526

Abb. 4:
Abb. 4:

Julian, AE1, 361-363, RIC 8.127 (Cyzicus). Obvers: D N FL CL IVLI-ANVS P F AVG, Revers: SECVRITAS REI PVB

All diese Interpretationen können plausible Argumente für sich in Anspruch nehmen. In jüngster Zeit hat man allerdings die Deutung befürwortet, dass der Stier als Symbol ein ,Führungstier‘ darstelle und auf dessen Siege verweise.527 In der Tat findet diese Herleitung auch ihre Entsprechung in den literarischen Zeugnissen, vor allem bei Dion Chrysostomos, der auf dieses Symbol eingeht.528 Noch adäquater ist aber wohl eine andere Parallelstelle, nämlich die oben zitierte Stelle bei Himerios: Dort wird Julian als leuchtender Stier (ταῦρος) bezeichnet, der aufgrund seiner aktiven Tätigkeit an Achill erinnere.529 Meiner Meinung nach hat Julian deshalb mit dieser Prägung eben genau jenen Diskurs bedient, innerhalb dessen seine Achillnähe mit einem Stier assoziiert wurde.530 Auf diese Weise wird – in gedanklicher Verknüpfung mit der Legende secvritas rei pvblicae – die Botschaft vermittelt, dass Julian als neuer Achill und als ,Führungsfigur‘ seines Staates die Sicherheit des Reiches garantieren wird.531

3.4.6 Keine Gnade mit Barbaren – der epigraphische Befund

Schaut man auf den epigraphischen Befund, so wird eine weitere Nuancierung der Außenpolitik Julians gegenüber Constantius deutlich. Constantius hatte in seine Münzprägungen die Formulierung debellator gentium barbararum aufgenommen und mit dem Reitersturz kombiniert.532 Diese Bezeichnung war seit Diocletian vor allem auf Inschriften geläufig, sie präsentierte den Kaiser mit seiner Leistung als Sieger über die Barbaren.533 Vor allem zur Regierungszeit der Söhne Constantins war diese Formulierung sehr prominent.534 Auch bei Julian wurde sie auf zwei Statuenbasen in Ephesos verwendet. Die erste fand man nordöstlich des Theaters auf einer Basis.535 Sie lautet:

D(omino) n(ostro) Fl(avio) Cl(audio) Iuliano,

virtutum omnium magistro,

philosophiae principi,

venerando et

5 piisimo imperatori,

victoriosissimo Augusto,

omnium barbararum

gentium debellatori;

Ael(ius) Cl(audius) Dulcitius,

10 v(ir) c(larissimius), procons(ul) Asiae,

vic(e) s(acra) cog(noscens),

d(evotus) n(umini) maiestatiq(ue) eius.

Die Bezeichnung philosophiae principi kommt in einer bestimmten Variation (magistro statt principi) nur noch in zwei anderen Inschriften vor, die ebenfalls in der Provinz Asia gefunden wurden.536 Sie kongruiert mit dem Selbstverständnis Julians als Philosoph und betont in besonderer Weise diesen von ihm bewusst auch in anderen Repräsentationsformen markierten Typus als Herrscher, wie man ihn beispielsweise auch bei den Julian-Statuen des Louvre und des Musée Cluny studieren kann. Beide Plastiken heben Julians Eigenschaft als Philosoph hervor, was dem Betrachter vor allem durch den Philosophenbart und den Kleidungsstil vor Augen geführt wird.537 Darüber hinaus folgt die gesamte Komposition der traditionellen Repräsentation griechischer Intellektueller, Redner oder Staatsmänner.538

Die Inschrift zeigt somit, dass Julian einen Diskurs der eigenen Herrschaftspraxis streute, der Widerhall in bestimmten Widmungen an ihn erfuhr. Ein weiteres wichtiges Detail, das diese Inschrift offenbart, ist die Formulierung victoriosissimo. Während Julian häufiger als victor, mitunter auch als triumphator sowie als invictus geehrt wird, bezieht sich dieser Superlativ eindeutig auf einen militärischen Erfolg.539 Da victoriosissimus nur für Julian belegt ist, liegt der Schluss nahe, dass er mit dieser Bezeichnung, die ihm bereits nach den ersten Erfolgen in Gallien als Caesar zugeschrieben wurde,540 eine eigene Vorstellung von Sieghaftigkeit etablieren wollte, die ihn, verbunden mit seinem Anspruch als wahrer basileus polemikos, von der Vorgehensweise und dem Sieg-Konzept des Constantius abheben sollte.

Hier klingt dieselbe Verbindung von Philosophenkaiser und siegreichem militärischem Anführer an, wie sie auch Ammian in seinem Werk formulierte.541Julians Hinwendung zur Philosophie wird manche Teile seiner Akzeptanzgruppen mit einer gewissen Skepsis erfüllt haben, ob solch ein Kaiser auch ein guter Feldherr sei. Ebenso wie auch Ammian in seinen Res Gestae jegliche Zweifel an der doppelten Befähigung Julians zu zerstreuen versucht, indem er offensiv die Symbiose aus beiden Eigenschaften unterstreicht, so beschreitet hier der Stifter der Inschrift, Aelius Claudius Dulcitius, denselben Weg, indem er das philosophische Wesen des Kaisers auf derselben Stufe wie seine militärischen Erfolge betont.

Zurück zur Bezeichnung debellator gentium barbararum. Während in dieser Inschrift Julian mit der seit Constantin gängigen Titulierung versehen wird, findet sich auf anderen epigraphischen Zeugnissen eine weitere Bezeichnung, die in ihrer Individualität sehr gut mit dem oben skizzierten numismatischen Befund erklärt werden kann und das Gesamtbild der spezifischen Repräsentationsformen Julians aus einer zusätzlichen Perspektive ergänzt. Bei Minet-el-Hosn, einem Stadtteil im heutigen Beirut, wurde eine Halbsäule gefunden, die vom Phoenicum genus wahrscheinlich im Frühjahr 363 errichtet wurde.542 Der Text liest:543

R[omani orbis libera]=

tori, [templorum]

rest[auratori, curia]=

rum et [rei publicae re]=

5 creatori, [barbarorum]

extincto[ri, d(omino) n(ostro)]

Iuliano per [p(etuo) Aug(usto), Ala]=

man(n)ico ma[ximo, Francisco ma]=

ximo, Sarmat[ico]

10 maximo, p(ontifici) m(aximo), [p(atri) patriae), Foeni]=

cum genus, [ob imperium]

eius vot[a - - -].

Neben den bemerkenswerten Formulierungen zu den religiösen Taten Julians, auf die nicht weiter eingegangen werden kann, die aber erneut bezeugen, wie sich Julian in mehrerlei Hinsicht von Constantius absetzen wollte, fällt hier die Bezeichnung barbarorum exctinctor in zweierlei Hinsicht auf. Zum einen ist sie nicht bei Vorgängern Julians belegt544 und stellt damit einen individuellen Fingerabdruck dar, was im Hinblick auf die oben analysierte Inschrift erneut verdeutlicht, dass Julian eigene Akzente in der Repräsentation seiner Person setzen wollte. Zum anderen bedeutet die Formulierung extinctor eine Steigerung gegenüber den bisher gebräuchlichen Betitelungen wie debellator, devictor oder domitor. Diese führen in gewisser Weise den Akt des ,Im-Zaum-Haltens‘ oder ganz allgemein des Besiegens vor Augen, sie sind dabei aber nur eingeschränkt resultativ. Im Gegensatz dazu signalisiert exctinctor auf mehreren Ebenen eine Klimax: Die Tat des Sieges wird zunächst noch einmal sublimiert; jedoch funktioniert diese Sublimierung nur dann, wenn man ein Zielpublikum erreichen will, das nicht die Verzeihung oder die Nachsicht gegenüber Barbaren als den richtigen Weg ansieht, sondern das ,Auslöschen‘ eines Feindes. Diesen Ausdruck darf man natürlich nicht ganz wörtlich verstehen, sondern entweder als eine Steigerung zum reinen Besiegen in der Hinsicht, dass dem Gegner signifikante Verluste zugefügt wurden oder als die Metapher, dass die Wurzel eines Übels herausgerissen worden sei.

Vor dem Hintergrund der bisherigen Ergebnisse ließe sich dabei beispielsweise an das Gallienproblem denken, das heißt an die ständigen Invasionen der Alamannen, für die – im Gegensatz zu den diplomatischen Lösungsversuchen des Constantius – Julian nur härtere, bestrafende und unbedingt militärische Aktionen als adäquate Reaktionen ansah und diesen strategischen Unterschied zu seinem senior Augustus als wichtiges Distinktionsmerkmal der eigenen Politik aufbaute.545 Mit barbarorum extinctor inszenierte sich Julian somit als deinos aner. Dass ihm diese Betonung seiner Unerbittlichkeit gegenüber den Feinden des Römischen Reiches als elementarer Bestandteil seines ,Regierungsprogramms‘ wichtig war, erkennt man daran, dass sie direkt neben anderen wesentlichen Spezifika seiner Herrschaft – wie beispielsweise der Restaurierung heidnischer Tempel, welche die Abkehr vom Christentum verkörperte – standen.

Die Bezeichnung barbarorum exctinctor bedeutet aber noch auf einer anderen Ebene eine Steigerung gegenüber devictor, debellator, domitor: Im Unterschied zu den traditionellen Betitelungen deutet sie – wie bereits angesprochen – ein ,Ergebnis‘ an, gegenüber dem prozesshaften und kaum zum Abschluss kommenden ,Zügeln‘ oder ,Zähmen‘ wird ein definitiver Charakter unterstrichen und darüber hinaus die ,Lösung‘ des Barbaren-Problems suggeriert. Vor der Folie des in dieser Studie herausgearbeiteten basileus-polemikos-Diskurses lässt sich somit zeigen, dass jene Diskussion auch auf den epigraphic habit ausstrahlte und dort ihren Niederschlag fand. Die große Kontroverse über die wahre Legitimation des Herrschers wurde auf unterschiedlichen Kanälen und mit verschiedenen Medien ausgefochten. Die Art und Weise, wie sich Julian dabei von Constantius zu distanzieren und seine eigene Herrschaft zu profilieren versucht, macht deutlich, dass er die Zwänge des imperator-Dilemmas anders lösen wollte als sein Vorgänger, indem er ganz bewusst nicht eine Neuakzentuierung traditioneller Herrschaftsvorstellungen im Sinne des basileus polemikos durchzuführen gedachte, sondern etablierte Konzepte und Vorstellungen aufnahm und diese dann mit seinen individuellen, von manchen durchaus als zu wenig kriegerisch empfundenen Eigenschaften (beispielsweise dem Hang zur Philosophie), zu kombinieren versuchte.

3.5 Zusammenfassung

Betrachtet man alle Ergebnisse aus der Analyse der verschiedenen Quellen zu den Regierungszeiten von Constantius II. und Julian, ergeben sich folgende Befunde: In Ammians retrospektiver Darstellung fällt auf, wie er die besondere Wirkmächtigkeit des imperator-Dilemmas vor Augen führt. Mag der Geschichtsschreiber aus dem Wissen um die Katastrophe von 378 seine Darstellung in einer gewissen Weise als teleologische Zuspitzung fataler Prozesse aufgefasst haben, so bleibt dennoch die Tatsache bestehen, dass er das von mir in der Einleitung dieser Studie skizzierte Spannungsverhältnis zwischen der Erwartungshaltung der jeweiligen Akzeptanzgruppen und den eingeschränkten operativen Möglichkeiten des Kaisers, die ich in einem ersten Kapitel dargelegt habe, als eine heikle und prekäre Konstellation empfunden hat. Seiner Meinung nach entfaltete das imperator-Dilemma schon über einen längeren Zeitraum hinweg eine hohe Brisanz bis in seine eigene Zeit und löste äußerst problematische, ja katastrophale Entwicklungen aus, die – wie noch zu zeigen sein wird – letztendlich am Desaster von 378 entscheidenden Anteil hatten.

Das Verhältnis zwischen diesem jederzeit präsenten Motiv und der gesamten Narration ist dabei überaus komplex. So erweist sich Ammians implizite Ansicht reziprok zu seiner explizit geäußerten Meinung: Zwischen den Zeilen konzediert er Constantius einen adäquaten Umgang mit dem imperator-Dilemma, während er ihn explizit für andere Dinge kritisiert.546 Und er problematisiert Julians Selbststilisierung zum basileus polemikos, deren fatale Folgen Ammian auf einer expliziten Ebene mit lobenden Worten über seinen Tatendrang zu verbrämen sucht.547 Diese oftmals sehr verflochtenen und verdeckten Spannungsverhältnisse sind aber hilfreich bei dem Versuch, scheinbar widersprüchliche Aussagen in Ammians Text zu erklären. Sowohl für Constantius als auch für Julian gilt: Ammian sieht – hinter all den Vorzügen und Fehlern von Constantius und Julian – das imperator-Dilemma als einen entscheidenden Faktor an, der den Handlungsspielraum beider enorm einengte und sich in der Interaktion von falschen Erwartungshaltungen und kompromittierenden Verhaltensweisen entzündete.

Dem retrospektiven Blick Ammians wurde der Blick der unmittelbaren Zeitgenossen entgegengehalten, um zu zeigen, dass das imperator-Dilemma und seine Konsequenzen keine Konstruktion aus der Rückschau darstellt, sondern als Erscheinungsform auch schon während der jeweiligen Ereignisse diskutiert und als heikles Problem angesehen wurden. Aus der Untersuchung der Reden des Themistios auf Constantius ergab sich, dass der Verfasser versuchte, das traditionelle Kaiserideal des basileus polemikos umzudeuten, um Constantius aus dem imperator-Dilemma zu befreien. Themistios propagierte eine Modifikation etablierter Leistungskategorien und vertrat dabei die Ansicht, dass Worte besser seien als Waffen (Logokratie), dass Verstand die jeweilige Vorgehensweise leiten sollte und nicht Affekte, schließlich, dass Verzeihung gegenüber den Gegnern an der Grenze nachhaltiger sei als Bestrafung (Deinokratie). Die sehr einprägsamen ,Slogans‘ in Themistios’ Ausführungen korrespondieren eng mit dem zuvor festgestellten Problembewusstsein bei Ammian.

Sodann wurden die Panegyriken von Julian auf Constantius untersucht. Es ließ sich zeigen, dass Julian sehr geschickt die bei Ammian und Themistios nachzuweisenden Debatten aufnahm und mit einer subtilen rhetorischen Strategie Constantius diskreditierte, indem er sich selbst zum Gegenentwurf des Kaisers und zum basileus polemikos stilisierte, ein Kontrastbild, das vor allem mit mythologischen Gegensatzfiguren (Nestor/Agamemnon – Achill) aufgeladen wurde.

Die unterschiedliche Stilisierung ließ sich auch in den epigraphischen und numismatischen Quellen nachzeichnen. Hier fällt jedoch auf, dass gerade Constantius seinen Ausbruch aus dem imperator-Dilemma nur sehr nuanciert und genau auf die jeweiligen Adressatengruppen abgestimmt durchführte, um ein zu großes Konfliktpotential zu vermeiden. So zeigt sich, dass Bildmotive oder Inschriften, die sich nicht nur an die oberen Schichten des Reiches wandten, eine weitaus traditionellere Vorgehensweise des Kaisers suggerieren als andere Quellen, mit denen die zivile und militärische Elite von einer neuen Akzentuierung in der Außenpolitik überzeugt werden sollte. Auch dienten vor allem die Bürgerkriege des Constantius dazu, nicht erfüllte Erwartungen im Sinne des basileus polemikos zu kompensieren und damit den Erfüllungsdruck abzuschwächen.

Julian hingegen lancierte sowohl in epigraphischer als auch numismatischer Hinsicht sein Bild als gnadenloser Verfolger und Bestrafer der Gegner an der Grenze. Er nützte somit auch diese Medien, um sich als Gegenbild zu Constantius aufzubauen und seine Gangart in der Tradition der Deinokratie zu profilieren.

Diese Befunde wurden in weiteren Kapiteln noch untermauert. In seinem Brief an die Athener positionierte sich Julian nach seiner Akklamation zum Augustus ganz offen als Kontrast zu Constantius, indem er dessen imperator-Dilemma für seine eigenen Zwecke instrumentalisierte. Eine funktionale Parallele dazu stellen die Reden des Libanios dar, der in seinen Panegyriken auf Julian eben jene Disparität zum Vorgänger bereitwillig aufnahm und die Maxime „Waffen statt Worte“ als politisches Schlagwort einführte, das ganz offensichtlich die Programmatik des Constantius als unzeitgemäß diskreditierte und das Vorgehen Julians als einzig wahre Handlungsweise betonte.

Die Perserfeldzugsbeschreibung bei Ammian zeigte allerdings, dass Julian mit dieser Profilierung zum basileus polemikos und der erfolgreichen Usurpation gleichzeitig eine für ihn selbst fatale Entwicklungskette einläutete. Seine Suggestion des kriegerischen Kaisers bedingte eine Erwartungshaltung, die auch nach der Erlangung der Alleinherrschaft einen immer größeren Druck aufbaute und Julian zu einem weiteren Prestigeunternehmen zwang, das für ihn tödlich endete.

Rückblickend scheiterte Constantius mit seinem Versuch, dem imperator-Dilemma zu entrinnen und eine schlicht auf das Ergebnis hin orientierte Vorgehensweise – nämlich Ruhe an den Grenzen statt ständiger Feldzüge, die wiederum Racheinvasionen bei den dortigen Gegnern auslösen könnten – zu etablieren. Dies wäre, angesichts der Ressourcen und der Truppen, die einem römischen Kaiser zur Verfügung standen und angesichts der vielfältigen Bedrohungslage an den Grenzen, zweifellos die bessere Praxis gewesen. Aber das war nicht möglich. Von Constantius, der eigentlich Worte statt Waffen sprechen lassen wollte, wurde erwartet, dass er Waffen statt Worte sprechen lassen solle; und sein Caesar Julian profilierte sich deshalb erfolgreich als Gegenentwurf, weil er sich als die wahre Verkörperung des basileus polemikos darstellte und so von seinem Heer zum neuen Kaiser ausgerufen werden konnte. Allerdings scheiterte auch Julian insofern am imperator-Dilemma, als er sich durch eine allzu forsche Stilisierung zum basileus polemikos einen Perserfeldzug aufzwang, der diesem Anspruch genügen sollte, aber schließlich zum eigenen Tod führte und damit das Römische Reich in eine bedrohliche Krise stürzte.

1

Die wichtigste neue Monographie ist Maraval (2013); zuvor erschien die Studie von Barceló (2004), der im Vorwort das Fehlen übergreifender Darstellungen zur Regierungszeit des Constantius feststellt und auf die jeweiligen Lexikonartikel verweist, ebenso davor Teitler (1992), 117. Etwas älter und vor allem zur Außenpolitik ist Barceló (1989), zur Administration Vogler (1979). In Kürze erscheint der Sammelband von Baker-Brian (im Druck), der wichtige Einzeluntersuchungen auf dem aktuellsten Stand der Forschung präsentiert. Bezeichnend für den immer noch etwas unterrepräsentierten Status von Constantius II. in der Forschung ist auch der Titel „The Age of Constantine and Julian“ von Bowder (1978) sowie die Tatsache, dass Demandt (2007), 80–93 die Zeit Constantius’ II. unter dem Kapitel „Die Söhne Constantins“ abhandelt. Eher religiöse Aspekte behandeln Klein (1977) und Barnes (2001) sowie in Aufsatzform Diefenbach (2015). Ganz anders verhält es sich bei Julian, wenngleich die meisten Publikationen bei ihm einen Schwerpunkt auf die Erforschung der philosophischen und religiösen Aspekte in seinem Herrschaftskonzept legen. Die wichtigsten Biographien zu Julian sind Allard (1906-1910), Bowersock (1978), Athanassiadi (1981), Bringmann (2004), Rosen (2006), ebenso wichtige Publikationen sind Bouffartigue (1978), Baker-Brian/Tougher (2012), Brendel (2017) sowie bald Rebenich/Wiemer (im Druck).

2

Dazu Teitler (1992), 117: „I have often felt rather sorry for Constantius II.“

3

Ein weiterer Grund ist sicherlich, dass Constantius von zwei sehr wortgewaltigen Autoren des vierten Jahrhunderts, Athanasios und Ammian, meist negativ beurteilt wurde, siehe z.B. Barnes (2001).

4

Seeck (1922), 31. Weitere durchweg negative Urteile in der modernen Forschung über Constantius bei Moreau (1959), 164–178, Jones (1964), 127. Das schlechte Bild von Constantius als militärischer Anführer in den Quellen thematisiert Szidat (1972), 712: „Wer durch die Lektüre des Ammianus Marcellinus oder historischer Darstellungen mit der Person Constantius II. vertraut ist, weiß, dass dessen Qualitäten als militärischer und politischer Führer gering eingeschätzt werden. Er erscheint als zögernd, langsam, sehr kompromissbereit und ohne festen Willen.“

5

„Constantius war ein argwöhnischer und hinterhältiger Kabinettspolitiker, der seiner Umgebung, besonders seinem praepositus sacri cubiculi, dem Eunuchen Eusebius, eine oft verderbliche Macht einräumte, schwer von Entschluss, aber unbeugsam in der Durchführung, wenn er einen gefasst hatte, erfüllt von einem Übermaß an Herrscherbewusstsein, aber auch von einem hohen Pflichtgefühl, daher ein auf das Wohl der Untertanen bedachter Regent, zugleich kein unfähiger, sondern ein vorsichtiger, mit dem Blute seiner Soldaten überaus sparsamer Feldherr“, Stein (1928), 205.

6

Bleckmann (2003). Zu den bisherigen militärischen Operationen, an denen Constantin II., Constans und Constantius II. teilnahmen, siehe Maraval (2013), 21-22.

7

Vgl. Amm. 14.8.1-15, Maraval (2013), 36, Barceló (2004), 59, Kuhoff (1983), 82-110. Jene Handelswege wurden von Persien immer wieder gestört oder gar unterbrochen und in der Region Isaurien musste gegen verschiedene Gegner die Ordnung immer wieder mühsam hergestellt werden, Amm. 14.2.

8

So bemerkt Wirth (1979), 296 völlig zu Recht, das Schicksal von Constantius sei allein davon bestimmt gewesen, den väterlichen Höhenflug wieder auf ein normales, den wirklichen Umständen angepasstes Maß zurückzuführen und die Reaktionen abzufangen, die sich schon bald nach dessen Tod einstellten. Derartiges aber verstanden weder Zeitgenossen noch die unmittelbare Nachwelt. Positive Urteile über Constantius bei Rosen (1970), 21–23, Szidat (1972), Warmington (1976), Blockley (1989).

9

Das Itinerarium ist aufgelistet bei Barnes (1980).

10

Sarmaten 338 ILS 724, Franken 341/342 CTh 8.2.1, Chr. min. 1.236, Sokr. hist. eccl. 2.13.4, Britannien 343 Lib. or. 59.139, Amm. 20.1.1. Amm. 30.7.5 sagt, dass die Alamannen Constans gefürchtet hätten (formidabant). Zu Constans’ militärischen Operationen Maraval (2013), 39-40.

11

Hanson (1988), 284-292, Barnes (2001). Im Folgenden wird vor allem auf außenpolitische Schwierigkeiten eingegangen, innenpolitische wurden bereits in Kap. 1.1.2.2 angesprochen.

12

Von den vielen Darstellungen über Genese, Verlauf und Konsequenzen des Perserkrieges ist Mosig-Walburg (2009), 283–324 die neueste und beste Darstellung, ergänzend dazu auch Kulikowski (im Druck), etwas älter Winter/Dignas (2001); grundlegend auch die Untersuchungen in Blockley (1992), der in früheren Beiträgen dieses Thema bereits umfassend erschlossen hat, Blockley (1998), Blockley (1989), Blockley (1985), Blockley (1975); weitere nützliche Darstellungen mit eigenen Schwerpunkten bei Le Bohec (2006), 38-54, Bringmann (2004), 169–186, Barceló (1989), 82–104, Warmington (1976), Isaac (1998).

13

Mosig-Walburg (2009), 283, vgl. Amm. 14.3.1-2, Amm. 14.11.4, Amm. 15.13.4, Amm. 16.9.1, Iul. or. 1.22a-c, Iul. or. 2.74b, Lib. or. 59.77-78, Zos. 3.1.1.

14

Blockley (1998), 420–421, Mosig-Walburg (2009), 284.

15

Festus 27 überliefert nur die Schlachten und integriert dabei wohl auch die Belagerung von Städten, da er insgesamt 11 aufzählt, Hier. ad. a. 348 n.Chr. erzählt nur von der Belagerung von Nisibis sowie von der Einnahme von Amida und Bezabde.

16

Kulikowski (im Druck).

18

Blockley (1992), 14. Maraval (2013), 40-62. Vgl. auch Klein (1977), 170, der das defensive Vorgehen des Constantius an der Ostgrenze direkt mit potentiellen Befindlichkeiten von Constans in Verbindung bringt.

19

Dies deutet auch Iul. or. 1.13c an, siehe ferner Hunt (1998), 13.

20

Zur Interdependenz von Reichs- und Außenpolitik siehe Klein (1977), der zudem die wichtige Rolle der Athanasios-Affäre, die das militärische Engagement Constantius’ in den ersten Jahren besonders lähmte, betont. Aus Iul. or. 1.15 und 1.20a-b erhält man einen guten Eindruck davon, mit welchen Problemen Constantius zu kämpfen hatte: Kriegszustand mit den Persern, Überfälle der Araber und Perser, Abfall von Verbündeten (Armenien). Iul. or. 1.14 betont ferner, dass Constantin II. und Constans keine Unterstützung in den Osten schickten, bestätigt von Zos. 2.21.

21

Barnes (1998), 136-137.

23

Zur Kritik an Constantius siehe vor allem den zweiten Panegyrikos Julians auf den Kaiser im Kap. 3.3.2.2 sowie die 59. Rede des Libanios. Wirth (1978), 460 vermutet mangelndes strategisches Verständnis der Zeitgenossen hinter der Kritik an Constantius.

24

Ephr. Syr. C. Iul. 2.20, 4.15, Maraval (2013), 66, Hunt (1998), 14. Sogar Amm. 25.9.3 zeigt im Zusammenhang mit der Preisgabe der Stadt unter Jovian, dass Constantius jene zuvor erfolgreich verteidigt und gehalten hatte.

25

Rosen (1970), 23 und Warmington (1976), 513 können darlegen, dass Constantius mit seiner eher defensiven Haltung die Kräfte des Reiches schonen konnte und die persische Grenze damit nicht einem noch schlimmeren Einfall preisgab. Amm. 17.5.4 lässt Constantius in einem Brief an Shapur zu Protokoll geben, dass er sich der offensiven Aktionen „nicht aus Trägheit, sondern aus Selbstbeschränkung“ enthalten habe. Blockley (1992), 22 hingegen nimmt an, dass Constantius zu Beginn der 50er Jahre nur deshalb diplomatisch vorgegangen sei, um dann gegen Ende des Jahrzehnts einen „full-scale war“ durchführen zu können.

26

Nicht nur die jeweiligen Festungen (Amida, Singara, Bezabde) wurden erobert, sondern auch die darin stationierten römischen Truppen in Gefangenschaft geführt, Mosig-Walburg (2009), 285.

27

Zum Werk Fuhrmann (1989), Barnes (1985), 135, Merkelbach/Trumpf (1977), 101-103. Zum Autor u.a. Lane Fox (1997), der als Autor Iulius Valerius Alexander Polemius ansieht, PLRE I, Julius Polemius 3-4.

28

Itin. Alex. 4: quippe Alexandro illi interim sic aequabere: magnus ille cognomine, tu vero maximi filius, eadem fere natus terrae sub parte eodem atque ille ducis exercitum, numero militum par, sed melior examine, eandem ulturus iniuriam es, sed disparis contumeliae. ex quo iure sane sit praesumendum quod aequali omine militans pari potiare fortuna…

29

Itin. Alex. 2: ut qui Romana tamdiu arma tremuerunt, per te tandem ad nostratium nomen recepti interque prouincias vestras civitate Romana donati.

31

Während der Vergleich mit Alexander und Trajan wahrscheinlich von jedem Leser als nicht ernst gemeinte Parallelisierung verarbeitet wurde, weist der Aufruf zur Eroberung einer neuen Provinz im Perserreich – trotz der angespannten militärischen Lage – einen höheren Realitätsgehalt auf und kann deshalb nicht einfach übergangen werden.

32

Dieser Vorwurf wird in Lib. or. 18 an mehreren Stellen formuliert und kulminiert in der Anklage, dass Constantius mit seinem ,freundlichen‘ Vorgehen gegen die Perser „der anderen Seite die Treue geschworen“ habe, Lib. or. 18. 206.

33

Blockley (1998), 420.

35

Iul. or. 1.21c-22a, Lib. or. 59.92-93.

36

Iul. or 1.21b. Der Aufenthalt von Constantius in Edessa ist nachweisbar in CTh 12.1.25. Weitere Maßnahmen bei Blockley (1992), 15, Seiler (1997), 34.

37

Iul. or. 1.20d, Barceló (2004), 61, Blockley (1998), 423. Später wurde Arsakes zudem mit der vornehmen Römerin Olympias verheiratet, Amm. 20.11.3. Allgemein dazu Drijvers (1999).

38

Als zudem Nisibis im Jahr 350 die dritte Belagerung von Shapur durchstehen musste, entschied sich Constantius dafür, die persische Armee zurückzudrängen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits vom Sturz des Constans gehört hatte und über das Vorrücken des Magnentius in den westlichen Provinzen unterrichtet war, Iul. or. 1.26b-d. Erst als das persische Heer wieder vertrieben und Nisibis wieder befestigt worden war, begann Constantius mit aktiven Maßnahmen gegen Magnentius, Zon. 13.7.14.

39

Iul. or. 1.26d sowie Philost. 3.22. Zwar unternahm Shapur danach noch einen dritten Versuch, Nisibis zu erobern, jedoch konnte sich die Stadt halten, Iul. or. 1.27a, Zos. 2.43.1. Zu Fl. Magnus Magnentius PLRE I, Magnentius. Geboren um 303, Aur. Vict. Epit. 42.6, Iul. or. 1.33d-34a, zunächst protector, dann comes rei militaris noch vor 350, Zon. 13.6. Am 18. Januar 350 ließ sich Magnentius zum Augustus ausrufen, Cons. Const. s.a. 350, Iul. or. 1.26b-c, Zos. 2.42, 3-5, Aur. Vict. Caes. 41.23, Sokr. hist. eccl. 2.25.7, Soz. hist. eccl. 4.1.1-2; Maraval (2013), 103-118, Drinkwater (2000), Bleckmann (1999), Bleckmann (1999a), Enßlin (1928).

40

Amm. 21.16.15 und 16.10.1 repräsentieren die negative Auslegung eines Bürgerkrieges, siehe auch Kap. 3.2.4. Zur Stilisierung des Magnentius und zum Triumph in Rom 357 Iul. or. 1.33d-34a, 2.56b-c, Aur. Vict. Caes. 41.25, Epit. de Caes. 42.7, Zos. 2.46.3.

41

Aur. Vict. Caes. 32.9, PLRE I, Fl. Claudius Constantius Gallus 4, Bleckmann (1994), Barceló (1999).

42

PLRE I, Prosper, Ursicinus 2, Strategius Musonianus.

43

Details bei Mosig-Walburg (2009), 283-296, Scholten (1998), Blockley (1998), 423, Blockley (1992), Blockley (1989). Zur Frage, ob Constantius von diesem Vorstoß wusste, Marcos (2012).

46

Amm. 16.12.2.

47

Barceló (2004), 111, Szidat (1977), 66. Hinzuzuzählen sind ca. 20000 Mann einer gallischen Einheit, die zunächst Silvanus übertragen, später dann von Julian übernommen wurden. Über die im Donauraum und an der Ostgrenze noch verbliebenen Einheiten des Bewegungsheeres sind kaum Angaben zu finden. Aus Iul. or. 3.77b erfährt man immerhin, dass Vetranio wohl über 50000-70000 Fußsoldaten und 20000 Reiter verfügte.

48

Ausführlich Kulikowski (2007), 71-112, Heather (1998).

49

Barnes (2001), 224-225. Was die Rivalitäten zwischen den Eliten in Gallien und auf dem Balkan nur noch steigerte und damit wohl auch den Fall des Constans einläutete.

50

Vetranio, gebürtig aus Moesien, Aur. Vict. Caes. 41.27, war im Herrschaftsgebiet des Constans magister peditum der illyrischen und pannonischen Einheiten, Iul. or. 1.26c, Aur. Vict. Caes. 41.26, als er im Jahr 350 zum Kaiser proklamiert wurde, Aur. Vict. Caes. 41-42, Aur. Vict. Epit. 41, Zos. 2.43-44, Zon. 7.7; PLRE I, Vetranio, Bleckmann (1994), Drinkwater (2000), Maraval (2013), 88-93.

52

Amm. 17.12-13, Dittrich (1984).

53

Heather (1998).

54

Amm. 17.13.19-20.

56

Lib. or. 18.33 und 107, Amm. 16.12.5, 21.3.4, Zos. 2.53.3.

57

Zon. 13.8.17, Eutr. 10.12.

58

Elton (1996), 230-232, Bleckmann (1999), Blockley (1998), 422, Lee (1998), 221, Barceló (2004), 92-112, Lee (2007), 73 und 78, Maraval (2013), 106-111, Kulikowski (im Druck). Zwar hatte Vetranio kurz zuvor seine Truppen an Constantius übergeben, allerdings wurde auf diese Weise die Truppenstärke der drei Truppenteile (Rhein, Donau, Osten) verringert.

59

Mit diesem Problem für Constantius beschäftigt sich Kap. 3.2.1.

60

Siehe dazu Kap. 3.2.1.1, 3.2.2, 3.4.1.

61

Seiler (1997), 20–31 mit Belegen aus der 59. Rede des Libanios.

62

Dazu Barceló (1989), 83–87, Blockley (1992), 12–16. Seiler (1997), 19–27 arbeitet anschaulich heraus, wie man aus der 59. Rede des Libanios auf die enttäuschten Erwartungen der zivilen Elite im Hinblick auf das basileus-polemikos-Ideal schließen kann.

63

Lib. or. 12.49.

64

Teitler (1992). Zum Verhältnis Ammian, Julian, Constantius: Szidat (1972), Blockley (1975), Matthews (1989), 38–46, Barnes (1998), Whitby (1999), Kelly (2005), Kelly (2008), 301–317, Marcos (2015); positive Aspekte besonders im Hinblick auf die Personalpolitik des Constantius bei Wienand (2016). Zum Nachruf auf Constantius siehe beispielsweise Pauw (1972), Mooney (1955), Neri (1984).

65

Amm. 21.16.15. Charakteristisch ist, dass Ammian nicht den Misserfolg in ein kausales Verhältnis zum Erfolg setzt, sondern beide Resultate gleichberechtigt nebeneinander stellt und keine direkte Verbindung zwischen dem im Bürgerkrieg sieghaften Constantius und dem außenpolitisch weniger erfolgreichen Kaiser sieht. Weitere Fehler des Constantius sieht Ammian u.a. in der unberechenbaren Grausamkeit, einer verfehlten Religionspolitik sowie der Abhängigkeit gegenüber schlechten Beeinflussungen von dritter Seite. Aur. Vict. epit. Caes. 42.18 bringt diese Einschätzung, die sich einer gewissen Prominenz bei den Zeitgenossen erfreut haben dürfte, auf die prägnante Formel: felix bellis civilibus, externis lacrimabilis.

66

Damit ist nicht gemeint, dass Ammian auf eine Kritik an Constantius’ Außenpolitik in jeder Hinsicht verzichtete. Vielmehr soll gezeigt werden, dass Ammian in einer ganz bestimmten Hinsicht die Handlungsweise des Constantius als Konsequenz einer fatalen übergeordneten Entwicklung ansah, bei der er den Kaiser in gewisser Weise von einer alleinigen Verantwortung freisprach.

67

Amm. 14.10.1-2: in Gundomadum et Vadomarium fratres Alamannorum reges arma moturus, quorum crebris excursibus vastabantur confines limitibus terrae Gallorum. Zur Route des Constantius (mit zahlreicher weiterer Literatur) siehe Lorenz (1997), 26 sowie Drinkwater (2007), 204-208, Maraval (2013), 121-122. Eine Übersicht über vorherige militärische Expeditionen gegen die Alamannen bei Drinkwater (2007), 198-199. Barceló (1989), 13-18 geht davon aus, dass die Alamannen eine große Gefahr darstellten, während Martin (1997) dies in Zweifel zieht. Drinkwater (2007), 200 jedoch schätzt, dass erst die Entwicklungen um die Konflikte zwischen Constantius, Vetranio und Magnentius zu einem signifikanten Aufruhr in der römisch-alamannischen Grenzregion geführt hätten. In der Tat hatte der Aufstand des Magnentius viele militärische Kräfte gebunden und deshalb die Einfälle fränkischer und alamannischer Stämme erst ermöglicht. Bereits 351 wurden die römischen Grenzen überrannt und gallisches Territorium geplündert, eine direkte Folge der Reichskrise nach Constans’ Ermordung, Beisel (1987), 20, Barceló (1989), 25, Lorenz (1997), 25, Barceló (2004), 114, Drinkwater (2007), 199-203. Insbesondere die Rheingrenze, die von Decentius verteidigt wurde, konnte nicht gehalten werden, so dass es mehreren alamannischen Stämmen gelungen war, auf der linksrheinischen Seite Gebiete einzunehmen, vgl. Eutr. 10.14.1, Amm. 16.12.5, Iul. ad Athen. 279a-b, Lib. or. 12.40-41, 48-49; or. 18,34. Es bestand die Gefahr, dass die Verbindungslinien zwischen Italien und Gallien unterbrochen würden, Barceló (2004), 114. Antike Quellen bringen Constantius als Urheber dieser Misere ins Spiel, da er sich mit den Germanen verbündet habe, um Magnentius zu schwächen. Die dezidiert pro-julianische Herkunft der Texte (Iul. ad Athen. 286a-b, Lib. or. 12.62, 13.35, 18.33, 18.107, 18.113; Zos. 2.53.3) lässt aber Zweifel an der Angemessenheit dieser Anschuldigungen aufkommen, siehe Stallknecht (1969), 48, Seiler (1997), 87–91. Die neue communis opinio tendiert dazu, Constantius von diesem Vorwurf frei zu sprechen, da er um die Konsequenzen einer solchen Tat sehr wohl gewusst habe und ein derartiges Chaos nicht riskieren wollte, vgl. Lorenz (1997), 43 sowie Drinkwater (2007), 202.

68

Im Folgenden wende ich zumeist einen Wechsel zwischen Präsens und Präteritum an, um zwischen dem Narrativ von Ammian und dem heutigen Wissensstand bzw. ,realhistorischer‘ Zeit zu unterscheiden.

69

Vgl. beispielsweise 17.10.3 (Suomar). Es mag dahingestellt bleiben, ob die anschließend geschilderte Episode (14.10.4-5) über den praefectus praetorio Rufinus, der als Verwandter des zum selben Zeitpunkt in Ungnade gefallenen Gallus (14.10.2) anscheinend entmachtet werden sollte, indem man ihm die schier unmögliche Aufgabe übertrug, die Soldaten zu beruhigen, wahr ist; allein ihre Erwähnung und Ausgestaltung zeigt jedoch, dass Ammian die Unruhe der Soldaten sehr deutlich zum Ausdruck bringen wollte.

70

Amm. 14.10.5.

71

Amm. 14.10.10: cum pacem oportere tribui, quae iustis condicionibus petebatur, eamque ex re tum fore sententiarum via concinens adprobasset.

72

Siehe z.B. Amm. 15.8 (Erhebung Julians zum Caesar) oder 26.2.6-10 (Valentinians erste Rede an die Soldaten), Matthews (1989), Barnes (1998), 65-79, O’Brien (2013a) allgemein und O’Brien (2013b) mit vor allem einer philologischen Untersuchung zu den rhetorischen Elementen in den Reden des Constantius bei Ammian.

73

Die Frage, ob Constantius diese Rede wirklich gehalten hat, ist in diesem Zusammenhang nicht wichtig. Ausschlaggebend ist, dass Ammian an genau diesem Punkt eine solche Rede in sein Geschichtswerk einfügt, um einen Sachverhalt zu verdeutlichen: den immensen Druck, der auf dem Kaiser lastet, seine Entscheidung zu rechtfertigen. Darüber hinaus vermittelt die Rede ein anschauliches Bild davon, wie sich Ammian die Zwangslage des Constantius, die aus den zuvor geschilderten Umständen resultierte, gegenüber seinen Offizieren und Soldaten vorstellte.

74

Amm. 14.10.11, 14.10.13 (accipite aequis auribus), 14.10.14 (si vestra voluntas adest) und 14.10.15 (arbitros vos). Allerdings ist hier Seager (1999), 580 zu widersprechen, der in diesen Worten des Constantius die Meinung zu finden glaubt, dass alles umsonst gewesen sei. Constantius wird im Folgenden zeigen, dass die vielen Vorbereitungen und Mühen sich gelohnt haben, weil ein Friede zustande gekommen ist.

75

Schließlich hätte eine erfolgreiche militärische Kampagne ja auch seinem Bild als siegreicher Feldherr in besonderem Maße gedient, zumal nach der Niederschlagung der Magnentius-Usurpation die Operation gegen die Germanen als ein Sieg gegen Nicht-Römer hätte verkauft werden können. Jedoch erscheint in den Worten des Constantius die gesamte Operation als ein Vorhaben, das allein dem Wunsch der Soldaten geschuldet sei. Es entsteht sogar der Eindruck, dass Constantius zu dem Feldzug gegen die Alamannen gedrängt worden sei, wenn der Kaiser sagt, dass „euer Vertrauen mich in das Barbarenland geführt hat“ (fiducia vestri ductante barbaricos pagos adventans, 14.10.11). Selbst wenn man zugrunde legt, dass Ammian dadurch die defensive Politik des Constantius von der offensiven Vorgehensweise des Julian negativ abheben wollte, büßt dieser Umstand nichts von seiner Bedeutung ein; denn gerade durch eine Erwähnung eines solchen Verzichts hätte Ammian die Handlungsweise des Constantius noch pointierter diskreditieren können, besonders auch vor dem Hintergrund der anschließenden Beurteilung in 14.10.16.

76

Amm. 14.10.12: miles ubique, licet membris vigentibus firmius, se solum vitamque propriam circumspicit et defendit, imperator vero †officiorum dum aequis omnibus alienae custos salutis nihil non ad sui spectare tutelam rationes populorum cognoscit.

77

Amm. 14.10.14.

78

Amm. 14.10.14.

79

Amm. 14.10.15.

80

Siehe oben Kap. 1.1.1.3.

81

Die Realität bestätigte Constantius. Das ,Aufmarschieren‘ vor dem Fluss brachte die Alamannen dazu, auch wenn sie die Überquerung der Römer sofort verhindern und damit einen ersten Erfolg verbuchen konnten, eine direkte Auseinandersetzung zu scheuen und sich stattdessen ihren Feinden zu unterwerfen. Ammian deutet bei seinen Spekulationen über diesen Entschluss auch an, dass eine „Autoritätsperson“ im Lager der Alamannen vor einer Schlacht warnte: congredi prohibente auctoritate (14.10.9).

82

Amm. 14.10.14: „… damit wir ohne Blutvergießen ihre Wildheit besänftigen, die den Provinzen schon oft Verderben gebracht hat.“

83

Drinkwater (2007), 205 geht von der Annahme aus, dass Constantius eigentlich ausgezogen sei, um eine erfolgreiche militärische Operation zu führen, bei der es auch zu Kampfhandlungen kommen sollte: as „He needed a ‘foreign’ success … to bind the army to him as a leader. The Alamanni, in reality no great threat, fitted the bill.” Vor dem Hintergrund dieser Vermutung erscheint es umso bemerkenswerter, dass Constantius, der laut Drinkwater diese Operation nutzen wollte, um seine Armee an sich zu binden, eben keinen Raubzug in das alamannische Gebiet unternahm.

84

Für wie bedeutend Ammian den Widerstand innerhalb des römischen Heeres gegenüber der friedlichen Lösung des Konfliktes ansah, zeigen die wiederholten, inständigen Bitten des Constantius in seinem Aufruf an die Soldaten und besonders der nachdrückliche Hinweis am Ende der Rede, in diesem günstigen Augenblick des Schicksals Maß zu halten (adhibere allapsa felicitate modum), Amm. 14.10.15. Die polaren Rollen Kaiser/Soldaten werden im Textbild stilistisch bzw. in der t-Alliteration (princeps) tranquillus temperanter sehr stark hervorgehoben, so dass auch auf lautmalerischer Ebene die jeweiligen Parteien markant aus dem Textrelief heraustreten.

85

Amm. 14.10.14.

86

Marcos (2015), 672 mit weiterer Literatur, anders dagegen Riedl (2002), 272.

87

Riedl (2002), 272, siehe zudem Kap. 3.3.1.2 und 4.3.1.2.

88

Hierbei springt sehr deutlich die Anspielung auf Q. Fabius Maximus ins Auge, der aufgrund seiner defensiven Politik gegenüber den Karthagern auf eine ähnliche Ablehnung in Militärkreisen stieß (Liv. 22.14.14), am Ende aber damit Recht behielt, Maier (2018).

90

Amm. 14.10.16, vgl. dazu auch 14.11.8.

91

Amm. 14.10.6 charakterisiert das Weiterkommen der Römer als impossibile. Zwar bietet sich völlig unverhofft die Möglichkeit, durch einen ortskundigen Führer eine Furt zu finden, bei deren Überquerung man den Feinden hätte überraschend in den Rücken fallen können; jedoch wurde dieser Plan verraten, so dass es nicht dazu kam. Die kontrafaktische Überlegung Ammians, die eine erfolgreiche Ausführung des Vorhabens fingiert, ist somit nichtig.

92

Seager (1999), 580 nimmt an, dass zwischen der Rede Constantius’ und dem Bericht des Ammian signifikante Unterschiede bestünden, weil sich die Alamannen nicht aus Furcht für einen Frieden entschieden hätten; auch diese Annahme trifft nicht unbedingt zu. Gerade die Beratung der Barbaren zeigt, dass man die längerfristigen Folgen fürchtete und deshalb um Frieden bat.

93

Amm. 14.10.16-11.5.

94

Mit dieser Erkenntnis rückt die zweifellos polemisch gemeinte Erklärung Ammians, dass Constantius nur im Bürgerkrieg Glück gehabt habe und aus diesem Grund jenes Resultat angestrebt worden sei, in den Hintergrund; vielmehr offenbart sich auf einer Sub-Ebene das implizite Eingeständnis, dass das Handeln des römischen Kaisers eine an den gegebenen Realitäten orientierte Entscheidung darstellte. Anders hingegen Seager (1999), 581 und Barceló (1989), 26, die dafür eintreten, jenen Einwurf von Ammian als tatsächliche Meinung des Geschichtsschreibers zu interpretieren.

95

Auf die eher an Barbaren erinnernden Formulierungen wie miles saeviebat oder die ihnen zugeschriebene feritas wurde ebenfalls bereits eingegangen.

96

Amm. 14.10.9.

97

Im Gegenteil: Es wird in Kapitel 4.3.2.2 sogar deutlich, dass die Römer die Nachhaltigkeit von Friedensschlüssen nach einer militärischen Auseinandersetzung nicht unbedingt höher einschätzten als diejenigen Übereinkommen, die durch einen Vertrag oder ein Abkommen geregelt wurden, die vor einem Kampf abgeschlossen worden waren und somit jeglichen physischen Konflikt verhindert hatten.

98

Amm. 14.10.2 (imbres solito crebriores prohibebant auctique torrentes) und 14.10.10 (nive obrutis callibus plurimis).

99

Amm. 14.10.14.

100

Auch den Soldaten muss bis zu einem gewissen Grad klar gewesen sein, dass ein Feldzug unter diesen Gegebenheiten ein sehr schwieriges Unterfangen werden würde. Die logistische Versorgung angesichts des ins Stocken geratenen Angriffs wäre – selbst bei guten Wetterbedingungen – nur äußerst schwierig aufrechtzuerhalten gewesen. Insofern stellt sich das Friedensangebot der Gegner als ein glücklicher Umstand heraus, der von Constantius geschickt aufgegriffen wurde.

101

Allgemein zur militärischen Operation: Kulikowski (2007), 105-106.

102

Moscy (1974), 287. Szidat (1972) geht deshalb davon aus, dass die Schilderung Ammians von einer anderen Quelle stammt, weil sich keine offensichtlichen Widersprüche und keine unterschiedlichen stilistischen Ebenen in der Darstellung ausmachen ließen. In demselben Sinn auch Barceló (1989), 63.

103

Amm. 17.12.1. Ammian unterbricht im Anschluss an den Bericht über diese Meldungen sofort seine Erzählung, um eine Beschreibung der Kampftaktik dieser beiden Völker einzufügen. So sei die Bewaffnung sowohl der Sarmaten als auch der Quaden „mehr zum Raub als zum offenen Kampf“ geeignet (ad latrocinia magis quam aperto) und ihr Vorgehen entsprechend stets auf schnelle und kurze Einfälle ausgerichtet.

104

Barceló (1989), 62, Barceló (2004), 150. Ziel der Römer war es wahrscheinlich, mit einem schnellen Angriff die Mobilität des Gegners entscheidend einzuschränken und damit eine bedingungslose Kapitulation einzuleiten. Constantius überschritt mit seiner Abteilung des Heeres von Unterpannonien aus die Donau, die anderen Truppen gingen bei Valeria über die Grenze, Amm. 17.12.4-8.

105

Amm. 17.12.4 macht für diesen Erfolg die schnelle und zügige römische Operation verantwortlich, die dem Gegner kaum die „Gelegenheit zu atmen“ gegeben habe.

106

Amm. 17.12.5-9. Jonge (1977), 295 sieht völlig zu Recht in der Formulierung rogaturi suppliciter pacem fidentes ad principis venere conspectum erga haec et similia lenioris keinen negativen Unterton.

107

Amm. 17.12.9-10 weist auch darauf hin, dass die Bittsteller sich sogar darin übertrafen, unterwürfige Gesten auszudenken. Ob sich diese Episode in der gleichen Weise zugetragen hat, wie sie Ammian beschreibt, ist für die gegenwärtige Frage unerheblich. Wichtig ist, dass Ammian die Unterwerfung von Zizais so ausführlich beschreibt, sie als direkte Folge des kaiserlichen Handelns sieht und dass er die Nachhaltigkeit der supplicatio nicht in Frage stellt. Mag man auch davon ausgehen, dass vielleicht eine panegyrische Quelle Ammians Bericht zugrunde gelegen haben mag, so ist dennoch nicht anzunehmen, dass der Geschichtsschreiber jenen Text einfach kopiert hätte, ohne sich dabei Gedanken zu machen, welche Auswirkungen eine tendenziöse Berichterstattung auf sein eigenes Narrativ haben würde.

108

Amm. 17.12.11-17. Die gesamte Textstelle wird von Seager (1999), 582 als sehr lobend für Constantius beurteilt.

109

Amm. 17.12.12 (feritate) und 14 (pertinaciter obstrepente).

110

Amm. 17.12.9, 17.12.11, 17.12.12, 17.12.16.

111

Dittrich (1984), 62 betont zu Recht, dass Ammians Darstellung enorm gerafft und deshalb seine ausführliche Darstellung dieser Episode als eine ihm besonders wichtige Entwicklung anzusehen sei. Es ist jedoch auch nicht zu übersehen, dass Ammian das Verhalten des Constantius als zu milde einstuft, vgl. 17.12.11; es bleibt aber bei diesen nur sehr leisen Andeutungen einer Kritik. Insgesamt gesteht Ammian ein, dass die Vorgehensweise des Constantius äußerst zweckmäßig und erfolgreich war.

112

Amm. 17.12.11 und 16.

113

Dabei hätte Constantius durchaus die Mittel besessen, den Feldzug bis zu einer vernichtenden Niederlage der Barbaren durchzuziehen, Barceló (1989), 63.

114

Amm. 17.12.11.

115

Amm. 17.12.14.

116

Amm. 17.12.4-9. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Anspielung von Ammian, dass die Sarmaten die Plünderung ihres Gebietes hätten verhindern können, wenn sie „mit derselben Tatkraft, mit der sie den Rückzug angetreten hatten, Widerstand geleistet hätten“ (quam vindicassent profecto, si vigore quo discesserant restitissent). Dass Ammian damit die Möglichkeit eines langfristigen Standhaltens der Sarmaten gegen die Römer meinte, kann wohl verworfen werden; vielmehr ist – vor dem Hintergrund der Beschreibung in 14.10 – davon auszugehen, dass Ammian mit vigor einen kurzen Widerstand mit Verhandlungsbereitschaft im Sinn hatte, der dann, wie bei dem Feldzug des Constantius gegen die Alamannen, zu einer friedlichen Lösung hätte führen können.

117

Amm. 17.12.5, 17.12.9, 17.12.10, 17.12.11.

118

Amm. 17.12.11.

119

Nachdem Teile der Sarmaten um die Mitte des zweiten Jahrhunderts v.Chr. den Don überschritten und sich in der Theißebene niedergelassen hatten, unterwarfen sie allmählich die dort ansässige einheimische Bevölkerung. Ein Aufstand des Teilstammes der Sarmates Limigantes drängte sie im Jahr 337 in römisches Gebiet, wo sie Constantin in verschiedenen Gegenden des Reichs ansiedelte. Constantius führte dann die ehemaligen Beherrscher wieder zurück in das ursprüngliche Gebiet, Dittrich (1984).

120

Amm. 17.12.19-20.

121

Wohl nicht nur aufgrund dieser Ereignisse erscheint es nicht sehr überraschend, dass auch der Quadenkönig Viduar in Person seines Sohnes Vitrodor sowie der Häuptling Agilimund und andere Adlige sich freiwillig unterwerfen, sobald sie des Einmarsches der römischen Truppen gewahr werden. Constantius gewährt sofort Vergebung, es werden Geiseln ausgeliefert und Treueversprechen abgehalten. Auch hier kommentiert Ammian, dass dieses Unternehmen mit gutem Ausgang (his secundo finitis eventu) abgeschlossen wurde, Amm. 17.12.21-13.1.

122

Amm. 17.13.2-3, Moscy (1974), 239, Barceló (1989), 66.

123

Amm. 17.13.6.

124

Die Sicherheitsvorkehrungen des Constantius sind aber nicht, wie Seager (1999), 583 meint, ein Zeichen dafür, „that he had always intended to attack them, however they behaved“, und auch nicht dafür, „that the Limigantes had been right to be suspicious“. Gerade die Bedrängnis, in die der Kaiser bald gebracht wird, zeigt, dass die Römer auf eine Eskalation nur schlecht vorbereitet waren.

125

Amm. 17.13.9. Die Vorgehensweise der Gegner wird in die Sphäre völlig irrationaler Handlungsweisen gerückt, die auf an Irrsinn grenzende Affekte zurückgingen, so dass die Eskalation auf dem Schlachtfeld kaum vermeidbar gewesen sei. Bei der detaillierten Schlachtbeschreibung durch Ammian offenbart sich dem Leser ein geradezu selbstzerstörerischer Fanatismus der Limiganten: Mit „unübertreffbarer Widerspenstigkeit“ (insuperabili contumacia) stürzen sich diese ins Gefecht, trotz der unbarmherzigen Gefechte „bat keiner von ihnen um Gnade“ (nec eorum quisqam supplicia veniam petit, Amm. 17.13.10-11). Ammian betont des Weiteren auch, dass die Sarmaten „lieber von den Kräften der Gegner als von dem Urteil ihres eigenen Gewissens besiegt werden wollten“ (17.13.11).

126

Amm. 17.13.21. Der Zwiespalt rührt einerseits von der Erfahrung früherer Zusammentreffen und andererseits vom Wissen um die Gnade des römischen Kaisers bei Unterwerfung her. Interessanterweise deutet Ammian an, dass der Ältestenrat der Sarmaten sich mit Vehemenz dafür aussprach, das Äußerste zu wagen, d.h. es auf eine militärische Auseinandersetzung ankommen zu lassen (ad ultimum coetu seniorum urgente).

127

Amm. 17.13.23.

128

Insofern orientiert er sich an der Bitte Constantius’ in 14.10.12. Die nun von Ammian vorgestellte Methode kongruiert mit der Programmatik, die Constantius in der Alamannenrede in der gleichen Weise vorgestellt hatte und sorgt dadurch für eine gedankliche Verbindung, welche die Beziehung zwischen beiden Textstellen noch einmal verstärkt.

129

Amm. 17.13.23 beendet seine Ausführungen zu diesem Feldzug mit einer Prolepse: „Nachdem die Limiganten – wie man glaubte – nach ihrem eigenen Wunsch diese Vereinbarung angenommen hatten, blieben sie eine Weile lang ruhig; danach jedoch erhoben sie sich aufgrund ihrer angeborenen Wildheit (feritate nativa) zu einem verderblichen Verbrechen, wie an geeigneter Stelle dargelegt werden soll“. Erstens fällt auf, dass Ammian Constantius keinen Vorwurf macht. Trotz der ,von Natur aus gegebenen Charaktereigenschaft der Wildheit‘, die – so darf man die Formulierung Ammians interpretieren – keine verborgene Konstante darstellt, sondern eine bekannte Beurteilung der Limiganten war, wird keine Kritik an der angewandten, aufgrund der Einschätzung des Verhandlungspartners jedoch wenig aussichtsreichen Strategie der Entspannung geäußert.

130

Amm. 17.13.26: quid enim tam pulchrum tamque posteritatis memoriae iusta ratione mandandum, quam ut miles strenue factis, ductor prudenter consultis exultet?

131

Vgl. oben Kap. 3.2.1.1.

132

Libanios erhielt mehrere Male Kopien von Reden des Themistios, Lib. ep. 434. Im Jahr 357 übergab Themistios der Bibiliothek von Constantinopel eine Sammlung seiner Reden, vgl. Heather/Moncur (2001), 11. Manche Reden wurden auch wiederholt, z.B. wurde or. 5 sowohl in Ancyra als auch in Constantinopel gehalten.

133

Geboren um 317, verbrachte Themistios seine Kindheit wohl in Byzantion. Zum paphlagonischen Ursprung des Redners vgl. Them. or. 2.28d, zum Geburtsjahr or. 1.18a, zur Kindheit in Constantinopel or. 17.214c, Vanderspoel (1995), 31–42, Penella (2000), 1–2, Heather/Moncur (2001), 1. Themistios wurde in griechischer Literatur unterrichtet und schloss seine philosophischen Studien unter der Obhut seines Vaters ab, der selbst ein Lehrer in Constantinopel war, Downey (1955) und Downey (1957) sowie Maisano (1986). Bis ins Alter von ca. 30 Jahren folgte Themistios’ Karriere einem normalen Verlauf: Er gab Unterricht in Nikomedien und in anderen Städten Kleinasiens, vgl. Them. or. 24 und dazu Vanderspoel (1995), 31–42. Auf sich aufmerksam machte Themistios mit seinen philosophischen Traktaten, in denen er unter anderem die Werke des Aristoteles behandelte, siehe dazu or. 23.294d-295a, Todd (1996), 2–6. Leppin/Portmann (1998) verweisen darauf, dass „auch in den neueren Literaturgeschichten seine philosophischen Abhandlungen eine größere Aufmerksamkeit finden als die Reden“. Aber auch sein rhetorisches Talent ließ aufhorchen. Mit seiner Rede or. 1, die er vor Kaiser Constantius II. hielt, war Themistios als wichtige Persönlichkeit etabliert und wurde in den folgenden Jahren bei unterschiedlichen Anlässen immer wieder damit betraut, Reden auf die Herrscher zu halten. Themistios wurde zudem von Constantius in den Senat von Constantinopel aufgenommen, obwohl er nicht einmal Bürger der Stadt gewesen war, vgl. Leppin (1998), 3. Eventuell war er gegen Ende der Regierungszeit des Constantius praefectus urbi, siehe Daly (1982), dagegen Vanderspoel (1995), der für das Amt des princeps senatus plädiert. In den anschließenden Jahren gelang es Themistios, auch bei allen nachfolgenden Kaisern (Julian, Jovian, Valens, Theodosius) eine wichtige Rolle zu spielen. Die Gründe sind sehr plausibel bei Heather/Moncur (2001), 1–41 zusammengetragen.

134

Vgl. dazu den Überblick bei Leppin (1998), 5 und Vanderspoel (1995), 2–3. Abwertende Polemiken gegen Themistios bei Geffcken (1929), 167, Alföldi (1952), 109, Schneider (1966), 109.

135

Zu den Topoi, vgl. Hadot (1972), 601–602, zur lateinischen Panegyrik Mause (1994), 30–32.

136

Vanderspoel (1995), 3, Daly (1975), Daly (1972), Daly (1971), Dagron (1968). Heather/Moncur (2001), xiii nehmen eine Zwischenposition ein, indem sie darauf verweisen, dass Themistios nicht auf einen schmeichelnden Kriecher reduziert werden könne, auf der anderen Seite aber in seiner sehr suggestiven Rhetorik auch nicht als völlig altruistischer Idealist angesehen werden dürfe.

137

Straub (1939), 145–150, Pabst (1989), 25–29, Leppin (1998), 7.

138

Seeck (1906), 294–295.

139

Portmann (1992) mit Bezug auf or. 1,14b-15a, ebenso Leppin/Portmann (1998), 28.

140

Siehe vor allem Heather/Moncur (2001), 69 mit dem Hinweis, dass sich Constantius im März 347 in Ancyra aufhielt (CTh 11.36.8), das im Titel einer Handschrift als Aufführungsort erwähnt wird. Allerdings wird aus dem Redetext deutlich, dass Themistios sein Publikum schon länger kannte, was eher für Constantinopel sprechen würde, Leppin/Portmann (1998), 27.

141

Scholze (1911), 9–10 mit Verweis darauf, dass die Rede nur zum Kaiser gelangte (or. 1.1a), der Redner aber nicht unbedingt den Kaiser selbst getroffen habe.

142

Them. or. 1.4d. Was könnte man sonst, so Themistios, ein „mildes, angemessenes und zivilisiertes Verhalten“ (τὸ δὲ δὴ πρᾷον καὶ τὸ ἐπιεικὲς καὶ τὸ ἥμερον) nennen?

143

In Them. or. 1.5c-d wird deutlich, dass Themistios die Tapferkeit (ἀνδρεία) zwar als eine Tugend des Kaisers ansieht, dabei jedoch keinen Hehl daraus macht, dass diese Eigenschaft von vielen Menschen verlangt wird, sie aber nicht unbedingt die wichtigste ist.

144

Them. or. 1.13c.

145

Them. or. 1.16a und 1.13c.

146

Siehe oben Kap. 1. Generell sei darauf hingewiesen, dass die Ausführungen des Themistios natürlich auch eine philosophische Grundhaltung aufweisen, die eng mit seinem Ideal der philanthropischen Politik verbunden ist, Heather/Moncur (2001), 12-19. Dass ein solches Konzept gedankenleitend für Themistios war, liegt auf der Hand. Die sich daraus ergebenden Anspielungen zu politischen Kontexten müssen jedoch ebenso in Betracht gezogen werden.

147

Zur Datierung vgl. Leppin/Portmann (1998), 47. In Them. or. 4, die auf die vorliegende zweite Rede anspielt, wird auch auf das römische Volk als Zuhörer hingewiesen. Zum Aufenthaltsort von Constantius nach dem Feldzug gegen die Lentienser (Amm. 15.4.1 und 15.7-13) siehe Seeck (1919), 201.

148

Zur etwas komplizierten Überlieferungslage siehe die textkritische Ausgabe von Downey/Norman 122-128, Seeck (1906), 294 und Scholze (1911), 12. Themistios wurde für or. 2 mit einem Erzstandbild von Constantius geehrt, vgl. or. 4.54b sowie Lib. ep. 66.

150

Dazu Lorenz (1997), 28-31, Drinkwater (2007), 210-212, Feger (1956), 52; als Erfolg für Constantius hingegen interpretiert Junghans (1986), 175 das Unternehmen.

151

Them. or. 2.36a: μάλιστα ἐπιτρέπει τὰ αὑτοῦ πράγματα τῇ τοῦ λόγου ἡγεμονίᾳ.

152

Wahrscheinlich wird hier auf Magnentius Bezug genommen, der bei einem Gelage zum Kaiser ausgerufen worden sein soll, vgl. Iul. or. 2.56c-d, Ps.-Vict. epit. 41.32, Zos. 2.42.3-4.

153

Them. or. 2.36a-b. Themistios bringt das Beispiel der Äthiopier und spielt laut Leppin/Portmann (1998), 62 darauf an, dass Magnentius von großem Körperbau (Ps.-Vict. epit. 42.6), Constantius hingegen kleinwüchsig (Amm. 16.10.10 und 21.16.19) gewesen sei.

154

Them. or. 2.36c.

155

Them. or. 2.37a: ἐξαρκεῖ δὲ αὐτῷ πολλάκις ὁ λόγος ἀντὶ τῶν ὅπλων καὶ τῶν στρατιωτῶν, καὶ οἱ μὲν ὁπλῖται ἑστήκασι κεκλιμένοι ἐπὶ τῶν ἀσπίδων, οἱ δὲ ἱππεῖς ἐγκεχαλινωμένοι τοὺς ἵππους, οἱ δὲ τοξόται τὰ τόξα ἀνέντες, οἱ δὲ σφενδονῖται χαλάσαντες τὰς σφενδόνας, βασιλεὺς δὲ μόνος καὶ ἄοπλος, ἄτερ αἰχμῆς, ἄτερ μαχαίρας, μονομαχεῖ ἐπὶ τοῦ βήματος. Themistios fährt sogleich fort: „Die Schwerbewaffneten stützen sich auf ihre Schilde, die Reiter zügeln ihre Pferde und die Bogenschützen nehmen die Spannung aus dem Bogen heraus, die Schleuderer lösen ihre Wurfgeschosse, der Kaiser steht allein und unbewaffnet da, ohne Speer, ohne Schwert. Er kämpft als Einzelkämpfer auf der Rednerbühne.“ Constantius wird hier ganz plastisch einem kampfbereiten Heer gegenübergestellt und mit seiner individuellen Kampfkraft, der Rednergabe, als ebenso großer Kämpfer stilisiert, der auch auf dem Parkett der Diplomatie herausragende Erfolge erzielt. Dass eine solche individuelle Qualifikation eben keine weltfremde Eigenschaft darstellt, sondern einen konkreten Nutzen für den Staat hat, unterstreicht Themistios danach mit einem Zitat aus den Phoenissen des Euripides: „Vieles erledigt das Wort, was sonst das Schwert der Feinde vielleicht vermag“, Eur. Phoen. 516-517: πολλὰ ἐξαιρεῖ λόγος, ἃ καὶ σίδηρος πολεμίων δράσειεν ἄν. Bei Euripides übrigens πᾶν statt πολλά. Constantius’ Logokratie ist also nicht eine völlig unbrauchbare Eigenschaft, sondern eine wirkungsvolle Waffe.

156

Vgl. oben Kap. 3.2.1.1.

157

Them. or. 2.27d und 2.30d, vgl. auch 1.16a. Die Programmatik des λόγος ἀντὶ τῶν ὅπλων καὶ τῶν στρατιωτῶν berührt Themistios aber nicht nur im Hinblick auf Constantius’ Reden gegenüber den römischen Soldaten, sondern auch bezüglich der Verhandlungen mit den Gegnern, in diesem Fall Vetranio. Hier betont Themistios die konsequente Haltung des Kaisers, der „in Anwesenheit von Tausenden von Männern, die zuvor Unrecht getan haben und unter Waffen stehen, die sich durch keine gemeinsame Abstammung, Anschauung oder Sprache auszeichnen, nach oben steigt, ihnen unerschütterlich und felsenfest (ἄτρεπτος καὶ ἀνέκπληκτος) gegenübersteht und bei der Auseinandersetzung nur der Vernunft (λόγῳ) gehorcht“ (Them. 2.37b-c).

158

Beispielsweise Them. or. 1.1b, 5b, 7c-d. Vgl. dazu Vanderspoel (1995), 79. Heather/Moncur (2001), 20 konnten ebenfalls plausibel nachweisen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen den normativen Passagen in den Reden Themistios’ und der von Constantius angestrebten Politik gibt: „Indeed, the closer one looks at the speeches, the harder it becomes to avoid the conclusion that all their substantive contents were dictated by the immediate needs of current rulers.“

159

Heather/Moncur (2001) , 28 sprechen sich für eine sehr konkrete Einflussnahme aus: „Someone close to the emperor, therefore, had presumably given him a clear indication of at least some of the general points that should be made … This does not mean that the speech followed an agreed script. At the very least, however, key points must have been discussed beforehand, even if their rhetorical formulation – one might guess – was left entirely in Themistius’ hands.” Über die Möglichkeiten dieser Beeinflussung kann man jedoch nur spekulieren und es bleibt fraglich, ob es wirklich eine konkrete Person war, die Themistios instruierte oder ob die von mir in der Einleitung unter Kap. 2.1.2 genannten Möglichkeiten der Informationsbeschaffung durch den Redner selbst auch mit in die Abfassung der jeweiligen oratio einflossen.

160

Ab der Mitte der 350er Jahre war Themistios nicht nur ein Redner, der die Politik des Kaisers in seinen Ansprachen rhetorisch verarbeitete, sondern er war auch in Teile des politischen Entscheidungsprozesses involviert. Zusätzlich zu der wichtigen Stellung unter Constantius (vgl. oben) verweist Themistios darauf, besonderen Einfluss auf Valens ausgeübt zu haben (or. 31.354d). Da diese Behauptung erst in der Zeit Theodosius’ gemacht wurde, liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei um eine nachträgliche Stilisierung der eigenen Tätigkeit handelt, vgl. Vanderspoel (1995), 155–187. Jedoch lassen sich gute Gründe dafür finden, dass es sich um keine Übertreibung handelte: Themistios befand sich in den 360er Jahren im direkten Umfeld von Valens, beispielsweise auch bei der militärischen Operation gegen die Goten, vgl. Heather/Matthews (1991). 375 war Themistios Teil einer diplomatischen Gesandtschaft, die Gratian um militärische Hilfe für das Gotenproblem bitten sollte, siehe dazu Heather/Moncur (2001), 199–205.

161

Selbst für den Fall, dass dies nicht zutraf, kann man davon ausgehen, dass die Rede in der nachfolgenden Zeit auch dem Senat zugänglich gemacht wurde, vgl. beispielsweise bei Them. or. 5, Sokr. hist. eccl. 3.26.

163

Siehe beispielsweise Them. or. 16.200a-c.

164

Schließlich wurde Themistios ja auch von Constantius eingesetzt und nicht von Senatoren gewählt.

165

Siehe Them. or. 5.66a-c und Zos. 3.34.3.

166

Hinter einer solchen Haltung könnte man einen hohen emotionalen Grad an Verärgerung aufgrund der feindlichen Invasionen in das eigene Gebiet und die eigenen Ländereien sehen, der nur in der brutalen Vergeltung das angemessene Mittel dafür sah, mit dem Barbarenproblem fertig zu werden.

167

Zur Problematik siehe Leppin/Portmann (1998), 80–81. Seeck (1906), 296, Scholze (1911), 15 und Dagron (1968), 21 sprechen sich für 357 aus, für 358 Wirth (1979), 302, der als unmittelbaren Anlass Themistios’ Antritt seines Proconsulats annimmt und damit die Rede in die Zeit der Jahreswende 358/59 datiert. Jedoch wäre dann kaum zu erklären, in welchem Zusammenhang die Rede mit den Feierlichkeiten in Italien stünde, die Constantius eineinhalb Jahre zuvor verlassen hatte. Seeck (1919), 204, Leppin/Portmann (1998), 82 vermuten mit guten Argumenten sogar das Jahr 354. Sie tauschen die 4. mit der 3. Rede und datieren die Aktion in einen der beiden Winter 355/56 oder 356/57.

168

Them. or. 4.48c-51a sowie 4.53d, Leppin/Portmann (1998), 80. Scholze (1911), 14–16 geht davon aus, dass die angesprochenen Feiern die Vicennalien des Constantius waren, die er im Mai 357 in Rom zelebrierte, Seeck (1919), 204.

169

Them. or. 4.57b.

170

Hinter diesem Hinweis steht zweifelsohne die Andeutung, dass in demselben Maße, wie bei der friedlichen Regelung innerrömischer Konflikte die unblutige Lösung begrüßt wird, man auch im Hinblick auf Auseinandersetzungen mit ,externen‘ Gegnern das Vorgehen Constantius’ anerkennen, in seiner Zweckmäßigkeit würdigen und über die Schonung vieler Kriegsressourcen erleichtert sein sollte.

171

Them. or. 4.57a.

172

Der ironische Effekt dieser Anspielung entfaltet sich meiner Meinung nach dann, wenn man Themistios’ Ausführungen aus seinen vorherigen Reden als Folie anwendet: Vor diesem Hintergrund wird sehr schnell klar, dass dieser traditionellen Informationsvermittlung im Stile eines commentarius der Beigeschmack einer künstlichen und nicht mehr zeitgemäßen Erwartungshaltung anhaftet.

173

Den Sieg von „Schwerbewaffneten und der Reiterei“ verwendet Themistios in einer offenen Formulierung, um damit deutlich zu machen, dass es sich nicht um ein konkretes Ereignis handelt, sondern lediglich um ein traditionelles Herrscherdistinktiv, das von Constantius sozusagen „abgehakt“ werden konnte, um die Senatoren zufrieden zu stellen.

174

Wahrscheinlich Musonianus, PLRE I, 611.

175

Inwieweit diese Aussage von Themistios der Wahrheit entspricht, soll hier nicht diskutiert werden, vgl. dazu Barceló (1989), 89–94 und Scholten (1998).

176

Them. or. 4.57b.

177

Them. or. 4.57c.

178

Andere Beispiele hierfür finden sich in den Reden 5, 6 und 14, in denen Themistios bei Jovian religiöse Toleranz, bei Valens die Verbesserung des Verhältnisses zu seinem Bruder und bei Theodosius die Erhöhung der Mitglieder des Senats ,anmahnt‘.

180

Siehe oben 2.1.3.

181

Während der gemeinsamen Regierungszeit von Constans und Constantius II. wurde eine Münzreform durchgeführt, welche ein Bronzenominal von ca. 20-24mm Durchmesser einführte. Einen terminus post quem bietet die Tatsache, dass Constantin I. nicht auf den Münzen erscheint, so dass die Prägung nach 340 eingesetzt haben muss. Den terminus ante quem stellt CTh 9.21.6 dar, in dem zum ersten Mal die pecunia maiorina erwähnt wird. Ferner orientieren sich die zum Regierungsjubiläum von 343 geprägten Typen noch am alten Gewichtssystem, so dass man als frühestes Datum wohl 344 annehmen kann, Krafft (1958), 142, Mattingly (1933).

182

Abb. 1. Dieses Motiv geht höchstwahrscheinlich sowohl auf die Darstellung des Alexandermosaiks von Pompeji als auch auf den Sarkophag von Sidon zurück, López-Sánchez (2005).

183

Legionär: Mattingly (1969), 240 sowie Mattingly (1933), Virtus: Carson/Kent (1957), 411.

184

Krafft (1958), 144 fasst die wesentlichen Argumente schlüssig zusammen, u.a. ist die Binde als prominentes Alleinstellungsmerkmal auf bekannten Statuen Constantins sowie Constantius’ II. oder bei Honorius auf dem Consulardyptichon von 406 eindeutig erkennbar. Ebenso ist die Gleichsetzung des Kriegers mit der Virtus nicht wahrscheinlich, da diese Figuration gewöhnlich nicht im Panzer erscheint, sondern als weibliche Gestalt mit kurzem, die Brust nicht bedeckenden Chiton.

186

Für die Verknüpfung mit den Ereignissen bei Singara spricht die Tatsache, dass jener Kampf nicht unbedingt als ein Sieg anzusehen ist, wie auch schon aus Libanios’ 59. Rede deutlich wird, die von sehr subversiven Elementen geprägt ist und den Kaiser wegen eines schlaffen und wenig tatkräftigen Handelns kritisiert, siehe Seiler (1997) sowie Mosig-Walburg (1999).

187

Siehe oben Kap. 2.1.3.

188

Abb. 2. Ein Vorläufer dieses Bildprogramms ist ein Reverstyp des Severus aus dem Jahr 210, auf dem Victoria einen kleinen Briten an der linken Hand mit sich führt, RIC 4b. 237; Weiser (1987), 163 stellt die Faustregel auf, „je bedrohlicher aber die Situation an den Grenzen für die Römer wurde, um so aggressiver gerieten die Siegesszenen auf den Münzen“. Ebenso hatte Constantin II. nach 337 in Trier eine Prägung in Auftrag gegeben, die mit der Reverslegende principi ivventvtis dasselbe Bildmotiv wie später beim fel tempreparatio-Typ zeigte, RIC 8.33-36 (Treveri).

189

Zuvor wurden ihm wahrscheinlich schon in Ravenna zwei Finger abgetrennt, Oros. 7.42.9.

190

Prosper Tiro Epitoma chronicon a. 417 (MGH AA 9.468).

191

McCormick (1987), 58. Zur calcatio colli siehe bereits Sittel (1890), 106–108, Dölger (1932).

192

Lact. mort. pers. 5.3: nam rex Persarum Sapor, is qui eum ceperat, si quando libuerat aut vehiculum ascendere aut equum, inclinare sibi Romanum iubebat ac terga praebere et imposito pede super dorsum eius illud esse verum dicebat exprobrans ei cum risu, non quod in tabulis aut parietibus Romani pingerent, Babelon (1953), Dinkler-von Schubert (1970).

193

RIC 7.36-38 (Constantinopolis), siehe aber auch zuvor schon Constantius I, RIC 5 Diocletian 657, Aurelian, RIC 5 Aurelian 62 und 137 mit Sol, ebenso RIC 5 Aurelian 279.

194

Denkt man zudem an den oben genannten constantiniana dafne-Solidus von Constantin, so wird eine mögliche Vorlage beim Konzept der allmählichen Abstrahierung des Sieges noch deutlicher, da dort nicht der Kaiser abgebildet ist, sondern die Allegorie der Victoria, die ihren Fuß auf den besiegten Feind setzt.

195

Es ist nur Antiochia als Münzstätte belegt, die Prägezeit liegt zwischen Dezember 350 und November 355.

196

RIC 8.180 (Roma). Die Legende auf dem Revers liest victoria avg lib romanor und verknüpft dabei geschickt eine Anspielung auf den Kampf gegen Constantius mit dem ikonographischen Motiv eines ,Befreiungskampfes‘ gegen die Gegner Roms. Letztere Kombination suggeriert, dass Magnentius Rom auch in Bezug auf die äußeren Feinde von Constantius befreien muss.

197

RIC 8.442 (Roma), Vorläufer sind zwischen 337 und 340 Prägungen von Constans und Constantius (ebenfalls nur in Rom) mit der Reverslegende debellatori gentt barbar, siehe RIC 8.344-358 (Roma).

198

Es gibt zu dieser Prägung wiederum eine vergleichbare ,Luxusausgabe‘, nämlich ein Goldmultiplum mit der Legende debellator hostivm, das zwischen 352 und 357 in der Prägestätte von Mailand ausgegeben wurde (RIC 8.1) und das sicherlich aus Anlass einer wichtigen Feier, bei der Constantius dieses Wertstück an hohe Militärs oder Funktionsträger des Reiches verteilte, in Auftrag gegeben worden war. Interessant ist die leichte Modifizierung des Motivs: Constantius ist auf einem Pferd nach rechts galoppierend dargestellt, die Rechte ist erhoben und der Mantel weht dynamisch nach hinten. Diese Form der Bildsprache, mit der sich Constantius an die Elite des Reiches wendet, betont nun wieder den Kaiser als Sieger, aber nicht als Kämpfer in der ersten Reihe.

199

Siehe unten Kap. 3.4.5.

200

Zum historischen Hintergrund Zos. 2.42.2-5, Iul. or. 2.56d-58a, Drinkwater (2000) mit weiterer Literatur.

201

RIC 8.158 (Aquileia), 8.149 (Arelate), 8.115 (Lugdunum), 8.209 (Roma), 8.269 (Treveri).

202

RIC 8.196 (Roma).

204

RIC 8.69 (Antiochia). Die Datierung ist leider nicht gut einzuengen, vgl. Kent (1981), 507. Die Prägung weist das Prägezeichen SMANT auf und kann deshalb nicht zu den anderen Typen mit •SMANT•, die für die Zeit ab der Ernennung Julians zum Caesar sprechen, gerechnet werden.

205

Die Adressaten der Geldverteilung sind natürlich nicht abgebildet. Die hier vorgestellten Einzelergebnisse gehen auf Wienand (2015) zurück, der diese Prägung, RIC 8.78 (Antiochia), intensiv untersucht hat.

207

Zur defensiven Perserpolitik des Constantius Warmington (1976), 513, Barnes (1985), 135-136. Zu Constantius’ mäßigem Erfolg auf dem Schlachtfeld (abseits der Kritik von Seiten Julians) Festus 27, Eutr. 10.10.

209

Wie oben bereits angedeutet, orientierte sich Constantius dabei an einer gängigen Praxis, nämlich auf hohen Nominalen nicht ein deinos-aner-Motiv zu zeigen. Wichtig wird aber im Folgenden, dass Julian mit dieser Praxis bricht.

210

CILVI.1163, 31249 = ILS 736. Laut Ammian staunte Constantius II. bei seinem Rombesuch über die Erhabenheit und Größe römischer Bauwerke, überlegte sodann, was er tun könnte, und entschied sich für einen Obelisken, Amm. 16.10.17: deliberansque diu, quid ageret, urbi addere statuit ornamentis, ut in proximo circo erigeret obeliscum. Der ausführliche Bericht der Überführung in Amm. 17.4.6-23. Den zweiten Obelisken plante Julian, nachdem es Constantius nicht mehr möglich gewesen war, diesen nach Constantinopel zu überführen, in die östliche Reichshauptstadt zu bringen. Ob die Überführung jedoch ins Werk gesetzt worden oder der Obelisk in Alexandria verblieben war, ist nicht eindeutig zu bestimmen, Effenberger (1996), 214.

211

Amm. 16.10.1: Constantius quasi recluso Iani templo stratisque hostibus cunctis Romam visere gestiebat post Magnenti exitium absque nomine ex sanguine Romano triumphaturus.

212

Cons. Const. s.a. 357 berichtet in der Tat auch davon, dass Constantius in Rom seine Vicennalia hätte feiern wollen. Auch hatte Constantius in Arelate am 10. Oktober 353 den 30. Jahrestag seiner Ernennung zum Caesar unter Constantin gefeiert, Amm. 14.5.1.

213

354 gegen die Alamannen bei Rauracum (Amm. 14.10), 355 gegen die Lentienser am Bodensee (Amm. 15.4), 356 gegen die Alamannen am Oberrhein, gemeinsam mit Julian (Amm. 16.12, 16.15-17).

214

Siehe Klein (1979), 101 mit Hinweis auf Alföldi (1943), 52-53 und Gnecchi (1912), Taf. 31, Nr. 5-8 und 33, Nr. 15-16, die die Silbermedaillons (mit der Zahl XX in einem Kranz) aus den Prägestätten Arelate, Aquileia und Siscia als Festprägungen auf das Jahr 357 beziehen.

215

Dagron (1968), 20-21, 205-212, Klein (1979), MacCormack (1981), 39-45, 84-91, Lehnen (1997), 75-77, Errington (2000), 871-872, Kolb (2001), 122, Matthews (1989), 231-234, Machado (2010), 290-295, Haake (2016), 244-246. Zu Ammians Darstellung Jonge (1972), 109-137, Behrwald (2009), 78-86, Schmidt-Hofner (2012), 38-43.

216

Amm. 16.10.6, 16.10.9-10. Dazu Kolb (2001), 122, mit dem man diese unbewegliche Haltung als eine für das vierte Jahrhundert typische Entwicklung des „Herrschers ‚in Bewegung‘“ zu der des „ruhenden Kaisers“ interpretieren könnte. Der thronende Herrscher tritt an die Stelle des sich in Aktion befindlichen Kaisers, ein Prozess, der sich mit Abstrichen auch in der numismatischen Ikonographie nachweisen lässt, wie noch weiter unten darzustellen sein wird.

217

Amm. 16.10.6.

218

Amm. 16.10.8, Klein (1977), 101. Ammian kommentiert bissig, dass man die Panzerreiter „für Standbilder hätte halten können, von der Hand des Praxiteles geglättet“, da sie dünne Metallplatten trugen, die sich ganz eng an den Körper anschmiegten. Siehe dazu Kent/Overbeck/Stylow (1973), Taf. 148, Nr. 690 mit einem Goldmedaillon, das zur selben Zeit in Antiochia geprägt wurde und auf dem Revers ein Gespann zeigt, das von zwei Victorien gekrönt wird, was auf die Siege im Osten gegen die Perser und den Sieg gegen Magnentius Bezug genommen haben könnte.

219

Amm. 16.10.2, vgl. oben Kap. 1.1.1.1.

220

Amm. 16.10.17. Seit dem späten 16. Jahrhundert befindet sich der Obelisk vor der Kirche San Giovanni in Laterano.

221

CILVI 1163. 31249 [= CIL X.1883 = CILXIV.174* = ILMN I 28] (+ pp. 3778. 4331) = CLE 279 = ILS 736. Zum Obelisken und seiner Inschrift: Haake (2016), 245-246, Westall (2015), 237-241, Liverani (2012), Ritzerfeld (2001), 176-177, Curran (2000), 247-251, Vitiello (1999). Der Text folgt im Wesentlichen den ILS (Dessau), mit der Abweichung favet/locat (Z. 23) und condit decoratque/condignis usque (Z.24), die von Liverani (2012), 473-474 mit guten Argumenten vorgebracht wird: „Des Vaters Werk und sein eigenes Geschenk hat dir, Rom, Kaiser Constantius gewidmet, nachdem er das gesamte Reich zurückerobert hatte. Um die Geschenke seinen glanzvollen Triumphen anzugleichen, ließ er (dieses Monument) aufrichten, das nicht auf dem Land herbeigebracht worden war und das kein Zeitalter (zuvor) gesehen hatte. Der Kaiser und Gründer der Stadt seines Namens wollte, dass jener (Stadt) dieser Schmuck zur Zierde gereiche und hat ihn daher in Theben vom Sockel gehoben. Die Sorge des Transportes aber bedrückte den Göttlichen sehr schwer, weil nämlich ein umlaufendes Gerücht daran erinnerte, dass dieser kaukasische Block weder durch Scharfsinn, noch durch Anstrengung und Gewalt bewegt werden könne. Aber Constantius, der Herr der Welt, befahl, im Vertrauen, dass der Tüchtigkeit alles gelingt, die Länder (sc. Ägypten) zu besuchen. Einen nicht kleinen Teil des Berges vertraute er dem schäumenden Meere an und mit geneigten Wellen trieben die Gewässer das Schiff – der Tiber schaute staunend zu – an das Gestade Italiens. Unterdessen aber, während Rom von dem schändlichen Tyrannen verwüstet wurde, lagen sowohl das Geschenk des Kaisers als auch das Bemühen, es aufzurichten, darnieder. Nicht aus Hochmut gegenüber dem verachteten Geschenk, sondern weil niemand glauben konnte, dass ein an Masse so großes Werk sich in die Lüfte erheben könne. Nun aber erstrahlte (das Monument) gleichsam wie von neuem aus rotem Stein gebrochen und dieser Ruhm schlägt schon bis an die Pole. Er ist bewahrt für seinen Urheber und wird nun gleichzeitig durch den Tod des Tyrannen Wirklichkeit. Nachdem der Zugang zu Rom so durch Tapferkeit wiedergewonnen war, stellt nun der erfolgreiche Sieger das erhabene Siegeszeichen des Herrschers auf, ein Geschenk für die immer würdigen Triumphe.“

222

Z. 3/8/17. Die Sublimierung der Tat wird dadurch erreicht, dass man in beiden Fällen von einem ,Normalfall‘ ausgeht, aus dessen Perspektive dann die Transgression betrachtet wird, was sich in der Anhäufung aus verneinenden Ausdrücken konkretisiert (nulla … nullo … nec … non).

223

Z. 5-9. Interessant ist dabei, dass äußerst behutsam mit dem heiklen Hinweis auf die Überflügelung der Taten Constantins verfahren wird. Der Text formuliert den Gedanken, dass Constantin die Sorge umtrieb (gravior divum tangebat cura vehendi), wie man den Obelisken transportieren könne. Damit wird nicht explizit gesagt, dass Constantin das versucht habe und gescheitert sei. Ein solcher Schluss wird dem Leser überlassen, was durch die direkt daran anschließende fama aber als naheliegende Folgerung erscheint.

224

Es wird nicht ein Begriff für ,Sieg‘ (victoria) oder ,Ruhm‘ (gloria) gewählt, sondern dezidiert der einen militärischen Erfolg versinnbildlichende triumphus/triumfus.

225

Man könnte zu dieser Strategie auch noch die virtus rechnen, die als typische Eigenschaft eines kämpfenden Kaisers nun mit dem Aufstellungsprozess des Obelisken verbunden wird (Z. 11).

226

Z. 15/20-21. Die Rechtfertigung des Bürgerkrieges über die Kompromittierung des Gegners als Tyrannen erinnert dabei an den Anfang der Res Gestae des Augustus, vgl R.G. 1, wenn Augustus seinen Bürgerkrieg insofern als notwendig beschreibt, als er damit die Stadt von einer „Gewaltherrschaft“ (dominatione) befreit habe. Eine ähnliche Strategie wendet auch die Inschrift auf dem Constantinsbogen an: Dort wird auf den mit „gerechten Waffen“ (iustis armis) erlangten Sieg über den „Tyrannen“ (tyranno) – sc. Maxentius – hingewiesen und damit der heikle Charakter des Bürgerkriegs entschärft, CILVI.1139, Engemann (2006).

227

Z. 20-22. Zur virtus als wichtige Feldherrentugend Hebblewhite (2017), 33-39.

228

Zum einen zeigt der Vergleich mit Ammian, dass ein Bürgerkrieg noch kein völlig unbedenklicher Triumphfaktor war; zum anderen war die Schlacht gegen Magnentius bei Mursa ein überaus teuer erkaufter Sieg, der nicht gerade glanzvoll erfochten wurde, Bleckmann (1999).

229

Zwar liegt der Sieg über Magnentius in Endstellung, jedoch breitet sich der Sieg über die Natur über einen viel längeren Zeitraum aus.

230

Allgemein zum Triumph (mit Hinweisen auf die wichtigste Forschungsliteratur) Wienand/Goldbeck/Börm (2017).

231

Val. Max. 2.8.7: verum quamvis quis praeclaras res maximeque utiles rei publicae civili bello gessisset, imperator tamen eo nomine appellatus non est, neque ullae supplicationes decretae sunt, neque aut ovans aut curru triumphavit, quia, ut necessariae istae, ita lugubres semper existimatae sunt victoriae utpote non externo, sed domestico partae cruore. Ebenso rigoros die Äußerungen bei Cic. Phil. 14.23-24, Liv. 1.23.1, 3.63.8, 8.33.13, 6.16.5, Vell. 2.67.4, Luc. civ. 1.12, Flor. 2.10.1, 2.10.9, Tac. hist. 4.4.2, Plut. Caes. 56.7-9, Gell. 5.4-5, 5.7-8, Cass. Dio 42.18.1, 43.42.1, 51.19.5. Sieht man einmal von einer meist danach einsetzenden Friedenszeit ab, ist die Abneigung der Römer gegenüber dem bellum civile – abseits der zu beklagenden Toten in den eigenen Reihen – auch deshalb zu erklären, weil Bürgerkriege dem Römischen Reich keine weiteren Gebiete hinzufügten, keine neuen Tribute, keine neue Beute, Wienand (2015), 189. Val. Max. 2.8.7 führt noch weiter aus, dass die Soldaten nach einer Schlacht im Bürgerkrieg mit Schwertern, die sie schnell vom Blute gereinigt hätten, wieder ins Lager zurückkehrten und der siegreiche Feldherr nur mit einem wenig freudigen Antlitz in die Stadt käme.

232

Wienand (2015), 190 weist jedoch auf den Triumph Sullas gegen Mithridates (81 v.Chr.) hin, bei dem Gold- und Silberschätze gezeigt wurden, die C. Marius der Jüngere aus römischen Tempeln entnommen und nach Praeneste gebracht hatte, die dann aber von Sulla wieder zurückgebracht wurden, Plut. Sull. 34, Plin. hist. nat. 33.16. Gleichzeitig achtete Sulla aber darauf, dass der Triumph keine ikonographischen oder sonstigen Hinweise auf seine Proskriptionen zeigte, das römische Volk sah keine gefangenen oder getöteten Römer, die im Triumphzug mitgeschleppt wurden. Hingegen zeigte Caesar in einem Triumphzug ex Aegypto (46 v.Chr.), den er laut Lange (2013), 76 als Deckmantel für einen Bürgerkriegstriumph feiern ließ, Bilder, die den freiwilligen Tod der Gegner Scipio, Petreius und Cato zeigten. App. civ. 2.101 berichtet, dass die Zuschauermenge von diesen Abbildungen nicht begeistert war, sondern nur den Sieg über Nichtrömer bejubelte.

233

Lange (2009), 73–93, Lange (2011), Wienand (2015), 190. In seinen Res Gestae hingegen bemerkt Augustus, dass er die bella civilia externaque beendet habe (3.1; 34.1). Zur Relation des Triumphbogens mit dem Bürgerkrieg Cass. Dio 51.19.1, Holland (1946).

234

Die Kontinuität des heiklen Aspekts von Bürgerkriegen über das dritte Jahrhundert hinaus wird von Haake (2016) herausgearbeitet, der besonders auf Herod. 1.1.4-5 verweist, wo Herodian die Zeit von Augustus bis Gordian III. (238) als eine kontinuierliche Aneinanderreihung von Bürgerkriegen beschreibt, siehe Hidber (2006), 106-120 sowie Zimmermann (1999), 19-20.

235

Oros. 5.22.5-7 legt in einer äußerst umständlichen Argumentation dar, dass die Bürgerkriege der eigenen Zeit nicht mit denen der Republik zu vergleichen seien, da man in der aktuellen Zeit aufgrund des hohen Anteils von Barbaren in den jeweiligen Heeren eher von „Bundesgenossenkriegen“ sprechen müsste. Bleckmann (1999), 47 hat deshalb auch zu Recht darauf hingewiesen, dass die besondere Struktur dieser ,Beweisführung‘ die Vermutung nahelegt, dass einige Zeitgenossen eine andere Meinung vertraten als Orosius.

236

Aur. Vict. Caes. 24.9: abhinc dum dominandi suis quam subigendi externos cupientiores sunt atque inter se armantur magis, Romanum statum quasi abrupto praecipitavere.

237

Eutr. 10.12.1: non multo post Magnentius apud Mursam profligatus acie est ac paene captus: ingentes Romani imperii vires ea dimicatione consumptae sunt, ad quaelibet bella externa idoneae, quae multum triumphorum possent securitatisque conferre, siehe dazu Bleckmann (1999), 92.

239

Amm. 21.16.15: ut autem in externis bellis hic princeps fuit saucius et afflictus, ita prospere succedentibus pugnis civilibus tumidus et intestinis ulceribus rei publicae sanie perfusus horrenda. quo pravo proposito magisquam recto vel usitato triumphales arcus ex clade provinciarum sumptibus magnis erexit in Galliis et Pannoniis titulis gestorum affixis se, quoad stare poterunt monumenta, lecturis; dazu Szidat (1996), 219-220, Bleckmann (1999), 52 und Whitby (1999), 81-82. Allgemein zu Ammians Einstellung zu Bürgerkriegen Marié (2003). Natürlich fungiert diese Kritik in erster Linie als Kontrastfolie zu Julian. Jedoch muss man davon ausgehen, dass Ammian mit einer Leserschaft rechnete, bei der diese negative Meinung über Constantius und seine Siege in den Bürgerkriegen auf fruchtbaren Boden fiel, selbst wenn diese nicht gänzlich eine derart projulianische Meinung vertrat wie Ammian. Der gedankliche Konnex, der dann aber die Zustimmung herstellen sollte, war der gemeinsame Nenner Ablehnung des Bürgerkrieges.

240

Erneut sei auf die oben schon erwähnte Passage bei Eusebius verwiesen, in der Constantins Beweggrund zum Perserfeldzug als reine Prestigeerfüllung bezeichnet wird, Eus. vita Const. 4.65.1.

241

Einige Monate später beschreibt ein Panegyriker in Trier, wohin Constantin zurückgekehrt war, dass der abgeschlagene Kopf seines Kontrahenten während des Triumphs von den Zuschauern beschimpft wurde und die Menge in ein jubelndes Gejohle ausgebrochen sei, Pan. Lat. 12(9).18.3, zum Kontext Nixon/Rodgers (1994), 288–293. Selbst wenn die panegyrische Beschreibung einige Sachverhalte übertrieben darstellt, ist dieser Präzedenzfall dennoch nicht zu unterschätzen: Zum ersten Mal in der römischen Geschichte wurde der Kopf eines Römers, der in einem bellum civile besiegt worden war, in einem Triumphzug mitgeführt und fungierte dabei als brutale und schonungslose Manifestation des Siegers. Zwar wurde auch der Kopf des Maximinus Thrax ausgestellt, aber nicht in dem gemeinsamen Triumph von Pupienus und Balbinus mitgeführt, Herod. 8.5.9, 8.6.5-7, SHA. Balb. 11.1-3, Wienand (2015), 177. Der Einzug Constantins in die Stadt Rom wurde zweifellos als Triumph angesehen, wie CILVI.1139, VIII.2721, VIII.7006 beweisen, vgl. ebenso Pan. Lat. 4(10).30.5. Maxentius war immerhin sechs Jahre an der Regierung, und auch wenn man annimmt, dass es zwischenzeitlich zu Spannungen mit bestimmten Akzeptanzgruppen gekommen sein mag, so musste doch auch er sich ein funktionierendes Netzwerk an Vertrauten und Anhängern aufgebaut haben, die seine Herrschaft unterstützten, siehe Leppin/Ziemssen (2007), Cullhed (1994).

242

Pan. Lat. 12(9).18.3.

244

Haake (2016), 35. Außerdem trugen weitere Maßnahmen Constantins dazu bei, die Kontinuität etablierter Herrschaftsstrukturen zu wahren und keinen ,Umbruch‘ zu suggerieren. So lässt sich erkennen, dass die meisten aristokratischen Karrieren nach dem Sieg Constantins nicht enden, sondern ohne großen Einschnitt weitergehen, Kuhoff (1983), 64, 151-152, 179-180. Im Anschluss an den Triumph wurde die Einheit von Senatsaristokratie und Kaiser weiter gestärkt: Pan. Lat. 12(9).20.1-2 berichtet, dass Constantin sententiae und acta erlassen habe, die den Senat zu seiner früheren Autorität zurückgeführt hätten. Im Gegenzug wurde dem Kaiser ein goldener clipeus virtutis sowie die corona civica verliehen, Pan. Lat. 12(9).25.4. Die beiden Auszeichnungen erinnerten die Zeitgenossen sicherlich an die Danksymbole, die man Augustus aufgrund seiner restauratio im Jahr 27 verliehen hatte, mit der ebenfalls ein Bürgerkrieg zu Ende ging, Aug. R.G. 34. Darüber hinaus bezog Constantin auch ganz offensichtlich die Zuneigung der Christen in seine Überlegungen mit ein; indem er davon Abstand nahm, den Triumph am Tempel des Jupiter enden zu lassen und christliche Kultgebäude über den abgerissenen Gebäuden von Maxentius’ Elitetruppen errichten ließ, gewährleistete er die Unterstützung der Christen für seinen Triumph, Girardet (2010).

245

Pan. Lat. 12(9).5.1-3: …contra leves Medos et imbelles Syros et Parthorum arma volatica. Völlig folgerichtig ergibt sich daraus für den Panegyriker auch die Konsequenz, dass Constantin Alexander übertroffen habe, weil jener gegen Römer, dieser nur gegen Nicht-Römer gewonnen habe, Pan. Lat. 12(9).24.1.

246

Zwar hatte Constantin schon zuvor Siege gegen fremde Kriegerverbände feiern können, dennoch führt sein Versuch, das bellum civile ,salonfähig‘ zu machen, zu der Vermutung, dass diese von ihm und seinem Umfeld als ungenügende Beweise für seine Legitimation als basileus polemikos empfunden wurden.

247

Siehe oben Kap. 1.1.1.1. Zwar werden auch im Panegyrikos von 297 ähnliche Motive verwendet, jedoch wird der Kampf zwischen Constantius I. und Allectus explizit als ein Krieg gegen auswärtige Feinde dargestellt, Pan. Lat. 8(5).16.3-5.

248

Pan. Lat. 4(10).25.3-26.5.

249

Auch der Panegyriker in Pan. Lat. 12(9).2.1 weist zu Beginn seiner Rede auf den Präzedenzcharakter seiner Lobpreisung hin, die zum ersten Mal Bürgerkriegstaten positiv hervorhebt, Lange (2012), Wienand (2012), 199–205.

250

Zum Constantinsbogen siehe L’Orange/von Gerkan (1939), Koeppel (1990). Weitere Aspekte der Selbstdarstellung bei Peirce (1989), Raeck (1998), Elsner (2000), Jones (2000), Holloway (2004), 19–53, Bergmann (2006), Marlowe (2006).

251

Bezüglich der folgenden Ausführungen vgl. Wienand (2015).

252

Die Belagerten werfen Geschosse auf die nach oben drängenden Soldaten Constantins, welche wiederum energisch ihren Gegnern zuzusetzen versuchen. Ein Soldat des Maxentius fällt von der Mauer zu Boden, sein Fall verkörpert den verbissen geführten Kampf um die Stadt.

253

Wienand (2015), 184. Die einzigen Nicht-Römer sind die Hilfstruppen auf der Seite Constantins, Koeppel (1990), 46, Fig. 15-22. Von gesteigerter Brutalität ist die Motivik zur Schlacht an der Milvischen Brücke. Die Soldaten Constantins stoßen mit aller Gewalt ihre Gegner in den Tiber. Auffällige Details: Ein Bogenschütze schießt auf einen ertrinkenden Soldaten, ein miles aus dem constantinischen Heer exekutiert mit seinem Schwert einen Gegner, der um Gnade fleht, ein Reiter rammt seine Lanze in den Nacken seines Gegners, der in den Fluss fällt.

254

Nach einem Plünderungszug gegen die Franken 307 hatte Constantin den Titel Germanicus Maximus erhalten und diesen im darauffolgenden Jahr noch einmal nach einer militärischen Operation in das Gebiet der Bructerer, Pan. Lat. 7(6).4.2, Pan. Lat. 6(7).10.2, Pan. Lat. 4(10).16.5-17.2, beziehungsweise Pan. Lat. 6(7).12.1, Pan. Lat. 4(10).18.1, Wienand (2015), 186.

255

Unter anderem den Titel Persicus Maximus, den der Kaiser nach einem großen Sieg über die Truppen des Narses erhalten hatte, Kuhoff (2001), 515–564, siehe ebenso unten Kap. 5.5.1.

256

Bestimmte soziale und wirtschaftliche Entwicklungen in den Jahrhunderten zuvor können angeführt werden, welche die Akzeptanz eines bellum civile erklären können, auch wenn sie diese Entwicklung nicht unbedingt forciert haben mögen: Die constitutio Antoniniana und der Erlass Caracallas von 212, die alle freien Bewohner des Römischen Reiches zu römischen Bürgern machten, unterminierten in gewisser Weise die zuvor bestehende Trennschärfe zu auswärtigen Gruppen. Lokale Zugehörigkeiten spielten eine immer größere Rolle als die gesamtrömische Identität. Ebenso dürfte die vermehrte Integration nicht-römischer Kontingente in das Heer diese Entwicklung befördert haben, siehe Wienand (2015), 194, Haensch (2001), Buraselis (2007), Lee (2007), 145–175, Keppie (1997).

257

Einen Reflex findet man beispielsweise in der bei Ammian beschriebenen, sehr abwertenden Ansicht der Soldaten, dass Constantius nur in Bürgerkriegen Erfolg gehabt habe und nicht in Kriegen gegen auswärtige Feinde, Amm. 14.10.16, siehe oben Kap. 3.2.1.1. Damit das Argument der Soldaten ,funktioniert‘, muss eine Verachtung gegenüber den bürgerkriegsbezogenen Erfolgen Constantius’ impliziert sein. Ammian selbst beurteilt Constantius’ Siege in den Bürgerkriegen in 21.16.15 äußerst negativ.

258

Them. or. 3.43c-d. Mit dem Tyrannentopos greift Themistios eine rhetorische Strategie auf, die schon zur Regierungszeit von Constantin eine bedeutende Rolle spielte, vgl. Eus. vita Const. 1.26.1, Lib. or. 59.19. Themistios vergleicht zudem die „Befreiungstat“ des Constantius mit der Constantins im Jahr 312, Them. or. 3.44a-b, vgl. Bleckmann (1999), 55.

259

Them. or. 2.38d-2.39a, vgl. dazu auch Iul. or. 3.95c.

260

Eutr. 10.11.1: ad ultionem fraternae necis bellum civile commoverat.

261

Chron. Pasch. 540, Philostorg 3.26.

262

Bleckmann (1999), 61, der ebenfalls darauf hinweist, dass es seltsamerweise keine zeitgenössische christliche Verbrämung des Vorgehens von Constantius gibt. Zudem kommt in der orthodoxen Literatur das Motiv des göttlichen Beistandes für Constantius überhaupt nicht vor. Dieser Befund passt zu Leppins These der „Neutralisierungsphase“ im vierten Jahrhundert, in der die religiösen Aspekte für eine gewisse Zeit nicht besonders prominent in den Argumentationen der erhaltenen Quellen auftauchen. Der Bericht bei Sulp. Sev. 2.38.5, in dem der Kaiser als abseits betender Anführer geschildert wird, diente darüber hinaus wohl eher der Kompromittierung der Heterodoxie des Kaisers und der Glorifizierung des Bischofs Valens von Mursa.

263

Zu Proba siehe Cullhed (2015), Näf (1995), 87, Sivan (1993a), ihr Mann war Clodius Celsinus Adelphius, der unter Magnentius praefectus urbi war, siehe Amm. 16.6.2. Adelphius wurde von Constantius II. begnadigt, nachdem er nach der Schlacht bei Mursa die Seiten gewechselt hatte.

264

Cento Probae, CSEL 1.1-8: iam dudum temerasse duces pia foedera pacis, regnandi miseros tenuit quos dira cupido ... nulloque ex hoste tropaea, sanguine conspersos tulerat quos fama triumphos.

265

Bleckmann (1999), 71-72 mit den jeweiligen Referenzstellen zu Lucan.

266

Aus diesem Grund scheidet eine Veröffentlichung des Gedichtes noch zu Lebzeiten des Constantius eigentlich aus.

267

Gerade die Frage, wem man sich bei einem beginnenden Konflikt anschließen sollte, musste sich in gewisser Weise immer wieder als eine hohe Belastung herausstellen.

268

Eutr. 10.12.1: ingentes Romani imperii vires ea dimicatione consumptae sunt, ad quaelibet bella externa idoneae, quae multum triumphorum possent securitatisque conferre, siehe Bleckmann (1999). Darüber wird in einer Untersuchung von Haake (2016) die Zwiespältigkeit von bella civilia in der Münzprägung von Constantius prägnant nachgewiesen. In dem Zeitraum 352 bis 353 wurde in Mailand ein Sesqui-Solidus geprägt, der auf dem Revers den Kaiser abbildet, wie er auf einem galoppierenden Pferd mit erhobener Hand über eine am Boden liegende Schlange hinwegreitet, RIC 8.1 (Milanum). Die Legende debellator hostivm lässt keinen Zweifel daran, dass damit auf den Sieg gegen Magnentius angespielt wird, siehe Szidat (2010), 340, Engemann (1988), 1026–1028. Bemerkenswert ist jedoch, dass nicht explizit auf einen Sieg gegen einen Römer, weder ikonographisch noch textbezogen, Bezug genommen, sondern die entsprechende Deutung dem Leser überlassen wird. Die Schlange fungiert als semantische Chiffre, die den besiegten Bürgerkriegsfeind symbolisiert, vgl. Kent (1994), 56.

269

Siehe Kap. 3.3.2.1. Julian selbst hat sich deshalb auch bei seinem Eindringen ins Illyricum den Beinamen Sarmaticus Maximus gegeben, obwohl die Operation eindeutig gegen Constantius gerichtet war, siehe Conti (2004), 43-44. Dass Julian den Krieg des Constantius gegen Magnentius auch wirklich als einen Bürgerkrieg stilisierte, obwohl er auf die barbarische Herkunft des Magnentius hinwies, wird deutlich, wenn er den Sieg des Constantius mit dem Triumph des Constantin über Licinius gleichsetzt, Iul. or. 1.37b, und betont, dass im Heer des Magnentius zum großen Teil Soldaten aus der gallischen Präfektur kämpften, Iul. or. 3.56b, siehe dazu Bleckmann (1999), 52.

270

Amm. 21.16.15.

271

Klein (1979), 102. Zu Magnentius’ Rebellion vgl. Szidat (2015), Szidat (2003), Drinkwater (2000), Bleckmann (1999).

272

CILVI.1166a. 31882 (+pp 3778. 4331) = ILS 741, Canella (2016), 375-376. Die Basis für eine Magnentius-Statue wurde wohl zwischen 350 und 351 errichtet.

273

Siehe Kap. 3.3.2.

274

CILVI.1158 (+ pp. 3071. 3778. 4330) = ILS 731. McCormick (1987), 40-41. Zu Cerealis, siehe PLRE I, Naeratius Cerealis 2. Im Nachhinein errichtete auch Leontius um 355/56 eine weitere Statue, die auf einer Basis mit ähnlichen Worten stand und Constantius als „Sieger über die gesamte Welt“ (toto orbe victori) pries, CILVI.31397.

275

Bergemann (1990), 121-122. Die Statue ist jüngst von Haake (2016), 242-244 im größeren Kontext der Bürgerkriege analysiert worden, der das Motiv so deutet, dass mit der Darstellung eines Sieges über die Barbaren der Bürgerkrieg gleich mit eingeschlossen sei.

276

CILVI.1161, 1162 und 31395, siehe dazu Haake (2016), 248, Conti (2004), 136-137, Machado (2010), 294-295. Zu Orfitus PLRE I, Memmius Vitrasius Orfitus 3.

277

ILS 732: M(ilia) p(assuum) V / Imp(erator) Caes(ar) Fla(vius) Iul(ius) / Constantius Pius Fel(ix) / Aug(ustus) victor maximus / triumfator aeternus / divi Constantini optimi / maximique principis divo/rum Maximiani et / Constanti nepos divi / Claudi pronepos ponti/fex maximus Germanic(us) / Alama<n>nicus maximus / Germ(anicus) max(imus) Go<th>icus / maximus Adiab<e>n(icus) max(imus) / tribuniciae potestatis / XXXI imp(erator) XXX consul{i} VII / p(ater) p(atriae) proconsuli viis muni/tis pontibus refecti(s) / recuperata re publica / quinarios lapides per Il/lyricum fecit / ab Atrante ad flumen / Savum milia passus / CCCXLVI. Ob dieser Titel nach dem Feldzug von 354 oder 355 angenommen wurde, ist nicht ganz sicher, Lorenz (1997), 32 mit der Diskussion der wichtigsten Argumente.

278

Nach dem Triumph über Ägypten 30 v.Chr. veranlasste Augustus den Transport von zwei Obelisken nach Rom und ließ diese im Circus Maximus und auf dem Marsfeld aufstellen. Die Eroberung Ägyptens wird in den beiden dazugehörigen Inschriften explizit erwähnt, siehe CILVI.701 (+pp 3006. 3757) und 702 = CILVI.30815: Imp(erator) Caesar divi fil(ii) Augustus pontifex maximus imp(erator) XII co(n)s(ul) XI trib(unicia) pot(estate) XIV Aegypto in potestatem populi Romani redacta soli donum dedit. Zu Domitian, der einen Obelisken anfertigen ließ, der seine Triumphe unterstreichen sollte, van Buren (1937), 1712.

279

In Amm. 16.10.3 weist er darauf hin, dass sich doch in der Vergangenheit manche Kaiser auch damit begnügt hätten, einfach nur die Liktoren vor sich schreiten zu lassen und keine weiteren Machtlegitimationen für nötig erachteten.

280

Siehe besonders Amm. 16.10.13-17, dazu Klein (1979), 105.

281

Insofern lässt sich eine ganze Reihe von Meinungen, die Ammians Ansicht über Constantius’ Außenpolitik als grundsätzlich negativ einschätzen, widerlegen, Barceló (2004), 16, Demandt (2007), 80; weitere bei Teitler (1992), 119. Dieser Befund kann an einer anderen prominenten Stelle noch einmal verifiziert werden: Im Nekrolog auf Constantius zählt Ammian im 21. Buch die seiner Meinung nach positiven und negativen Eigenschaften des Kaisers auf. Bei den positiven Aspekten findet sich die Formulierung, dass Constantius „hinsichtlich der Erhaltung der Truppen über die Maßen vorsichtig“ (in conservando milite nimium cautus) gewesen sei. Ammian greift hier Inhalt und Begrifflichkeit aus der Rede des Constantius an seine Soldaten in 14.10 (cautus) auf, um zu unterstreichen, dass – selbst wenn es Kritiker anders gesehen haben mögen – die Vorgehensweise des Constantius, Truppen zu schonen und nicht zu verheizen, eine überaus positive Eigenschaft des Kaisers war.

282

Vgl. hierzu Kap. 4.4.3. Dass man bei Ammian eine übergreifende Konzeption seiner Erzählung annehmen muss, hat schon Kelly (2008), 214 festgestellt und dabei Ammian eine „obsession“ für intratextuelle Beziehungen unterstellt.

285

Amm. 15.8.18. Diese Ereignisse waren unter anderem dadurch ausgelöst worden, dass Constantius zuvor die germanischen Stämme der Alamannen und Franken bei der Usurpation des Magnentius zu Hilfe gerufen hatte. Die damit verbundenen Auflösungserscheinungen an der Grenze hatten dazu geführt, dass das mittlere und nördliche Gallien den Einfällen der Germanen schutzlos ausgeliefert war, vgl. Zos. 3.1.1. Zudem hatten sich im Territorium des heutigen Elsass Alamannen, die Constantius bei der Niederschlagung des Magnentius-Aufstands geholfen hatten, niedergelassen, Bringmann (2004), 52.

286

Julian sollte die Alamannen am Oberrhein angreifen, während Constantius, der von Rätien kam, über die Gegend des Hochrheins nach Norden vorrücken sollte. Die Befehlsgewalt im julianischen Heer lag allerdings – auch wenn es bei Ammian nicht so erscheint – bei den Heermeistern Marcellus und Ursicinus, Iul. ad Ath. 278a, Amm. 16.11.10; siehe zu dem Feldzug auch Müller-Seidel (1955), Bowersock (1978), 37–40, Lorenz (1997), 33-40, Drinkwater (2007), 217-223.

287

Amm. 16.2.2: velut dux diuturnus viribus eminens et consiliis per diversa palantes barbaros, ubi dedisset fors copiam, aggressurus.

289

Ammian muss dies natürlich anders darstellen und berichtet von „Schmeichelei“ (adulatione), mit der ihn die Nächsten (proximi) zum Luxus verführen wollten. Allerdings erscheint dieser Hinweis seltsam überdimensioniert angesichts der keineswegs extremen Gefährdung durch die Alamannen, ebenso die übertriebene Besorgnis Julians (nihil itaque remittentibus curis). Darüber hinaus ist es geradezu symptomatisch, dass Ammian diese Einstellung Julians mit der eines langjährigen Befehlshabers (dux) vergleicht und damit den fast schon übermotiviert anmutenden Betätigungsdrang des jungen Caesars zu rechtfertigen versucht. Vor der Folie der bei Constantius geltend gemachten Prinzipien, dass ein Kaiser sein Handeln nicht an den Maßgaben eines Feldherrn ausrichten, sondern stattdessen informelle Parameter beachten und die Nachhaltigkeit der angewandten Praxis bedenken sollte, erfüllt die Vorgehensweise Julians zwar die Vorstellung eines energischen und resoluten militärischen Anführers, bewegt sich aber noch nicht auf dem Level eines auf die übergeordneten Folgeerscheinungen achtenden, von kurzfristigen Zwischenresultaten abstrahierenden Oberbefehlshabers.

290

Amm. 17.9.3. Vgl. dazu auch SHAHadr. 1.5, wo Hadrian als Graeculus verspottet wird und dabei auch der allzu ,unmilitärische‘ Charakter diffamiert wird.

291

Amm. 16.5.3. Ebenso weist Amm. 17.11.1 darauf hin, dass auch mächtige Personen am Hof von Constantius II. Julian als litterionem Graecum diffamierten.

292

Die Hinweise Ammians auf Julians Jugend und seinen philosophischen Hintergrund können in zwei Richtungen als Beeinflussung des Lesers gedeutet werden: Zum einen soll proaktiv jegliche Skepsis beim Leser, der derselben Meinung wie die Armee im Westen sein könnte, zerstreut und entkräftet werden. Zum anderen bereitet Ammian damit aber auch schon eine Entschuldigung für Julians Verhalten vor, sich unbedingt als basileus polemikos beweisen zu müssen.

293

Amm. 16.2.4. Für Lorenz (1995), 35 zeigt sich ebenfalls hier „Julians Neigung zu gewagten militärischen Operationen … die nach einigen Erfolgen später in Persien zur Katastrophe führen“.

294

Amm. 16.2.4.

295

Amm. 16.2.6. Julian hatte nur Panzerreiter (catafractii) und Balistenwerfer (ballistarii) mitgenommen, vgl. 16.2.5.

296

Amm. 16.2.10: iuvante locorum gnaritate hostes tramite obliquo discurso post Caesaris terga legiones duas arma cogentes adorti paene delessent, ni subito concitus clamor sociorum auxilia coegisset.

297

Siehe oben Kap. 3.2.1.1.

298

Amm. 16.2.11: quod praecipuum bonum in magnis ductoribus opem ferre solet exercitibus et salutem.

299

Diese Konsequenz wird von Ammian aufgrund seiner julianfreundlichen Darstellungsweise natürlich nicht thematisiert, ist aber aufgrund der anderen Hinweise des Geschichtsschreibers offensichtlich und wird wohl auch von ihm selbst realisiert worden sein. Doch auch diese Beifallsbekundung kann nicht die Tatsache vertuschen, dass das übereifrige Ehrstreben Julians zunächst große Risiken einschloss, danach bedeutende Heeresteile in Gefahr brachte und die gepriesene Strategie des Abwartens nicht aus eigener Einsicht, sondern aus den Folgen einer Beinahe-Katastrophe resultierte. Bemerkenswert ist der Umstand, dass Ammian den wohl eher unbeabsichtigten Paradigmenwechsel Julians am Ende mit einer – dem Caesar eigentlich überhaupt nicht genuinen – Eigenschaft loben muss, die in Wirklichkeit von Constantius verkörpert wurde, der sie auch selbstbewusst vor allen Skeptikern durchgesetzt und als ein Grundpfeiler seiner Vorgehensweise präsentiert hatte, nämlich ein cunctator zu sein.

300

Amm. 16.2.12-13.

301

Zur zumeist älteren historischen Rekonstruktion der Schlacht bei Straßburg vgl. die Angaben bei Pighi (1936), 70–71, der auch eine erste narrative Untersuchung der Ereignisbeschreibung vorlegte. Rosen (1970) analysiert die jeweiligen historischen und literarischen Aspekte, ebenso Blockley (1977). Siehe dazu auch Naudé (1958). Julian hatte inzwischen auch den militärischen Oberbefehl inne, Iul. ad Ath. 278d, Zos. 3.3.1. Ausführliche Analysen zum Feldzug bieten Lorenz (1997), 40–52, Geuenich (2005), 42-50, sowie Drinkwater (2007), 225.

302

Amm. 16.11.1. Diese Motivation für den Feldzug ist bei Ammian ziemlich vage. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Severus nun das Oberkommando über das Heer hatte, mit dem sich Julian laut Ammian sehr gut verstand. Es scheint fast so, als ob die neue Personalsituation im Heer, die Julian sehr zustatten kam (magisque laetus), den Hauptauslöser für den Feldzug darstellte. Vor diesem Hintergrund wirkt das Gefahrenszenario von „geheimen Drohungen“, wie gesagt, wenig bedrohlich. Darüber hinaus werden dadurch auch die anschließenden Schuldvorwürfe von Ammian gegen Barbatio, der den Feldzug bei jeder Gelegenheit sabotiert haben soll (vgl. 16.11.8 und 16.11.12), abgeschwächt.

303

Amm. 16.11.4. Die kontrafaktische Bemerkung, die Ammian hier einstreut, deutet an, dass zur absoluten Katastrophe nicht mehr viel gefehlt hätte.

304

Amm. 16.11.5. Immerhin gelingt es, einen Teil der Gegner zu stellen und deren Beute zurückzugewinnen. An der insgesamt wenig schmeichelhaften Tatsache, dass die römischen Truppen beim Vormarsch umgangen werden konnten und ein Angriff im Rücken stattfand, ändert dies jedoch nichts.

305

Amm. 16.11.13. Dass dieses Gerücht eines wahren Hintergrunds entbehrte, erkennt man schon daran, dass sogar Sokrates, der Constantius kritisch gegenüberstand, diese Vermutung als bloße Verleumdung brandmarkt (hist. ecc. 3.1), siehe auch Lorenz (1997), 34.

306

Da sich der Rückzug Barbatios aber noch vor Julians Instandsetzung von Zabern ereignete (Lib. or. 18.51-52), war seine Entscheidung aus militärischen Gesichtspunkten „absolut logisch“, Lorenz (1997), 42. Vgl. dazu auch Rosen (1970), 93, der die subjektiv gefärbte Darstellung von Ammian herausarbeitet.

307

Amm. 16.11.12. Deshalb ist auch Rosen (1970), 84–95 nicht überzeugend, wenn er in Barbatio den Komplizen des Constantius sieht.

308

Amm. 16.11.13. Das Partizip Futur verschärft den Eindruck: Man ging davon aus, dass Julian auch in den folgenden Wochen und Monaten keinen Beweis gegen diese Bloßstellung antreten könne.

309

Bedeutsam ist, dass Ammian jene Meinung unter den Soldaten mitnichten entkräftet. Er gibt sie nur wieder und fährt mit dem Bericht des Feldzugs fort. Beim Leser bleibt dieses Gerücht somit für die weitere Lektüre hängen – ein Effekt, den Ammian vielleicht ganz bewusst einkalkulierte.

310

Auch hier ist die apologetische Erzählweise Ammians sehr aussagekräftig. Der Historiker betont, dass sich die Alamannen in dem Glauben zusammengetan hätten, dass „der Caesar zurückgewichen sei, weil er das Schlimmste befürchtete“ (Amm. 16.12.1: extrema metuentem Caesarem arbitrati retrocessisse). Natürlich beeilt sich Ammian, Julian zu verteidigen; bemerkenswerterweise widerlegt er aber nicht die Annahme des Zurückweichens, sondern verweist darauf, dass Julian „doch noch durch die Beschäftigung mit der Befestigung von Lagern festgehalten wurde“. Mag Ammian dann im Folgenden auch ein besonderes Augenmerk darauf legen, die „Überheblichkeit“ (caput altius attolentium), „Zuversicht“ (confidentiam) und das „Selbstvertrauen“ (fiduciam) der Alamannen zu kritisieren – Fakt ist, dass man auf der nicht-römischen Seite den Zeitpunkt für einen Angriff als günstig erachtete, und dies, obwohl sich Julian mit einem Heer direkt in der Nähe der Grenze aufhielt. So ist es zwar wenig verwunderlich, aber eben auch nicht unbedingt schmeichelhaft für Julian, wenn die Alamannen ihm Botschafter schickten, die ihm „wie durch einen Befehl“ (pro imperio) auftrugen, sich von ihren Ländereien fernzuhalten. Rosen (1970), 105 hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die Sequenz der Ereignisse bei Ammian falsch angeordnet ist. Die Allianz zwischen den verschiedenen Alamannenfürsten und -königen war nicht das Resultat der Gefechte mit Barbatio, sondern „ist als direktes Ergebnis von Julians offensivem Vorgehen anzusehen“, Barceló (1989), 35. Erst nachdem die Verhandlungen mit dem römischen Caesar gescheitert waren, beschlossen die Alamannen, sich den Bedingungen Julians zu widersetzen. Julian reagierte zum ersten Mal gelassen (nec ira nec dolore perculsus) und nicht emotional auf diese Bloßstellung. Ein Grund für diese von ihm nicht unbedingt favorisierte Vorgehensweise liegt in dem Umstand, dass der römische Caesar keine andere Wahl hatte und die Gesandten nicht noch zusätzlich provozieren wollte, da er (noch) nicht auf die ausreichende Stärke seiner Streitkräfte vertraute (Amm. 16.12.3). Dass Julian deshalb die Gesandten hinhielt, bis die Befestigung des Lagers abgeschlossen war, gilt meiner Meinung nach als ein deutliches Zeichen dafür, dass er die eigene Unterlegenheit anerkannte und eine bessere Gelegenheit abwartete.

311

Amm. 16.12.8.

312

Zur Rede und ihrem Bezug zur Narration siehe Ross (2016), 150-154.

313

Amm. 16.12.9. Der Beginn erinnert somit sehr stark an den Anfang der Constantius-Rede in 14.10.

314

Amm. 16.12.10-12.

315

In diesem Zusammenhang spielt es keine Rolle, ob Julian tatsächlich die Rede in dieser Art und Weise gehalten hat. Jegliche Spekulationen darüber wie z.B. von Lorenz (1997), 47, der in ihr den Versuch einer „altruistisch motivierten Konsensherstellung unter den Kämpfenden“ sieht, der durch das nervöse Naturell Julians bedingt gewesen sei, erübrigen sich.

316

Amm. 16.12.18.

317

Ross (2016), 151. Der Feldzeichenträger verwendet dasselbe Argumentationsmuster wie Ammian und verweist auf die mögliche Hilfe durch ein überirdisches Wesen (modo adsit superum numen), dessen Einflussnahme aber nicht unbedingt gesichert sei.

318

Amm. 16.12.10.

319

Amm. 16.12.9. Julian beschwört seine Zuhörer zu glauben, dass er unter keinen Umständen mutlos sei (non iacentis animi Caesarem).

320

Gerade die Tatsache, dass sich Julian auf seine Jugend (iuventutem) bezieht, gewinnt vor dem Hintergrund des zuvor geschilderten Gerüchts, dass der Caesar noch unerfahren (rudis) sei, eine besondere Sprengkraft. Julian musste unter allen Umständen seinen Kritikern zeigen, dass er tatendurstig und entschlossen sei. Die Bitte, den Kampf um einen Tag aufzuschieben, stellte für ihn eine ungeheure Überwindung dar.

321

Zwar gelingt es Ammian durch den Trick mit der Rede des Feldzeichenträgers, das offenkundige Spannungsverhältnis zwischen beiden Parteien vordergründig zu überdecken, dem Leser bleibt jedoch die gefährliche Dynamik der Situation nicht verborgen; selbst Julian, dem Kontrastbild zur defensiven Vorgehensweise des Constantius, ist die Angriffswut der Soldaten nicht geheuer. Auch wenn im Anschluss daran eine der faszinierendsten, bildreichsten und ausführlichsten Schlachtbeschreibungen der antiken Historiographie folgt – Ammian wollte seinem Leser diese Erkenntnis noch vor Beginn der Schlacht in sehr impliziter Art vermitteln, was ihm auch auf recht eindrucksvolle Weise gelingt. Mag im Laufe der Kampfbeschreibung das Bild römischer Leistungsfähigkeit und Tapferkeit immer stärker dominieren – dem gesamten Angriff liegt von Anfang an weiterhin die irrige Einschätzung des Heeres zugrunde, dass man in der Vergangenheit in einer ähnlichen Situation leichtes Spiel gehabt habe. Der Optimismus der Soldaten sowie ihr Wunsch, sofort loszuschlagen, werden durch Ammian ausdrücklich in Frage gestellt. Durch seine sehr nuancierte Beschreibung gelingt es ihm aber gleichzeitig, Julian von einem gewissen Teil der Verantwortlichkeit für das riskante Manöver frei zu sprechen.

322

Blockley (1977), 229 sieht die gesamte Darstellung sehr einseitig als Glorifizierung Julians und seiner Armee durch Ammian. Die vielen impliziten Andeutungen sowie die antithetisch aufgeladene Erzählung lassen tiefer gehende Einsichten in die kritische Situation kurz vor der Schlacht zu. Barceló (1989), 34 spricht sogar von einem „panegyrischen“ Ton Ammians.

323

Vielleicht sah sich Ammian aus diesem Grund noch einmal genötigt, seinen Bericht über Julian als laudativam materiam zu bezeichnen, um alle kritischen Leser davon zu überzeugen, dass eine grundsätzlich positive Darstellung der Taten des Caesars folgen würde.

324

In den anschließenden Jahren enthielten sich die Alamannen eines direkten Angriffs auf Rom, jedoch kommt es nur kurze Zeit später zu einer Invasion der Franken auf niederrheinisches Gebiet (Amm. 17.2.1-4), siehe auch Barceló (1989), 35. Zur schwierigen Quellenlage des gesamten Feldzugs siehe Borries (1892).

325

Amm. 16.12.64.

327

In der Forschung wurden beide Texte lange Zeit nicht intensiv analysiert. Tougher (2012), 19: „Of all Julian’s writings it is probably safe to say that his panegyrics have excited least interest.“ So urteilte Koch (1885), 440: „Die zwei Lobreden auf den Kaiser, die durch ein Übermaß von Schmeichelei uns bisweilen anekeln, lasse ich hier unberührt.“ Ebenso Bouffartigue (1978), 18: „Les déplorables Eloges de Constance, dans lesquels il flatte sans vergogne celui qu’il tient pourtant pour le responsable du massacre de sa famille.” Weitere Beispiele für ein negatives Bild in der Forschung zu Julians Panegyriken bei Tantillo (1997), 13-14 und Schorn (2008), 244. In jüngerer Zeit haben beide Texte aber wieder vermehrt das Interesse der Forschung gefunden, siehe beispielsweise Tougher (2012), Drake (2012), James (2012), Schorn (2008), Tougher (1998).

328

Frühere Analysen der Rede bei Bidez (1932), 3–9 und im Kommentar von Tantillo (1997).

331

Mit Hinweis auf Amm. 16.7.2 von Bidez (1932), 3 vertreten, aufgenommen von Athanassiadi (1981), 61. Von Bowersock (1978), 37 wurde ein ,diplomatischer‘ Charakter der Rede postuliert, die den Versuch dargestellt habe, Constantius von der Loyalität Julians zu überzeugen.

332

Ziemlich überzeugend dargelegt (mit weiteren Argumenten) von Tougher (2012), 21. Derselben Ansicht ist Bleckmann (1999) und Bleckmann (im Druck). Tantillo (1997), 36–40 verlegt die Rede auf das Jahr 357 und sieht Constantius’ Rombesuch und die Feier des Triumphes über Magnentius als Anlass sowie Julians Frau Helena als Überbringerin der Rede. Dieser originellen Lösung steht allerdings auch das Argument entgegen, dass Julian auf das Fehlen eines eigenständigen militärischen Kommandos hinweist.

333

Lib. ep. 30.

334

Tougher (2012), 22 möchte auf diese Fragen keine direkte Antwort geben, weist aber darauf hin, dass es nicht ausgeschlossen sei, dass Julian die Rede als direkte Ansprache an Constantius komponierte.

335

Der Einfachheit halber wird im Folgenden nur die Form „Leser“ anstatt des möglichen „Zuhörer/Leser“ verwendet, da die schriftliche Verbreitung der Rede gesichert, die tatsächliche Aufführung hingegen zweifelhaft ist.

336

Vgl. dazu Russell/Wilson (1981). Ebenso Wright (1913), 2 und Athanassiadi (1981), 61. Zu Übereinstimmungen mit Themistios gibt Tougher (2012), 21 Hinweise.

337

Iul. or. 1.1-17b.

338

Ich folge der Datierung von Mosig-Walburg (1999), 333–334.

339

Die Entrüstung der Soldaten wird besonders betont (Iul. or. 1.24a): Wut (χαλεπαίνοντες) entsteht über das Verhalten der Perser, aber vor allem auch wegen des Haltebefehls des Kaisers (ἀχθόμενοι).

340

Iul. or. 1.24b-d.

341

Azarnoush (1986), 142 bezweifelt den Tod eines Nachfolgers, ebenso Papatheophanes (1986), 261.

342

Iul. or. 1.25a.

343

Iul. or. 1.24a.

344

Dieser Befund entwickelt zusätzliche Brisanz, wenn man Julians Schilderung der Schlacht bei Singara mit der Beschreibung in Libanios’ 59. Rede vergleicht. Libanios bezeichnet dort zwar das gesamte Unternehmen als einen Sieg, meldet jedoch auch Zweifel an Constantius’ Führungskraft und Entschlossenheit an, richtig gesehen von Mosig-Walburg (1999), 343. Anders von Tougher (2012), 27 eingeschätzt, der dazu meint: „He [Libanios] treated it simply as a success.“ Wegen der aus beiden Texten hervorgehenden impliziten Kritik am Kaiser darf deshalb, selbst wenn eine direkte gedankliche Abhängigkeit nicht auszuschließen, ja vielmehr vorauszusetzen ist, gefolgert werden, dass Singara weniger als Symbol eines eindeutigen Sieges, sondern vielmehr als Fanal einer zögerlichen Abwehraktion, die aufgrund der mangelnden Autorität des Oberbefehlshabers beinahe in eine Niederlage mündete, angesehen wurde. Da wohl auch Julian sich darüber im Klaren war, dass die gesamte Operation eher einen strategischen Misserfolg darstellte, Mosig-Walburg (1999), 343, ist vor diesem Hintergrund seine Auswahl und ausführliche Darstellung genau dieser Episode, bei der er seinem Kaiser auch noch die Attribute von ἀνδρεία und ἐυψυχία zuweist, besonders brisant.

345

Im Hinblick auf die Ereignisse bei Singara kommt hinzu, dass das Aufeinandertreffen der beiden Armeen nicht auf einem aktiven, offensiven Plan des Constantius basierte, sondern auf der Initiative von Shapur II. Dodgeon/Lieu (1991), 386 mutmaßen, dass Shapur unbedingt Singara einnehmen wollte, um eine wichtige strategische Bastion der Römer am Tigris zu erobern. Siehe dazu auch Mosig-Walburg (1999), 338; anders hingegen Blockley (1992), 16, der die Initiative bei Constantius sieht. Darüber hinaus hatte Constantius es den Persern im Vorfeld der Schlacht gestattet, über den Tigris zu setzen und dort zu bleiben. Diese zweifelhafte Maßnahme war taktisch gesehen schon ein schwerwiegender Fehler und warf wohl auch in psychologischer Hinsicht lange, dunkle Schatten, siehe Mosig-Walburg (1999), 338–339, die auch nachzuweisen vermag, dass die List der Perser mit der scheinbaren Flucht von langer Hand geplant war. Das Constantius so häufig angelastete ,Nichts-Tun‘, die ihm oft vorgeworfene Cunctator-Mentalität, scheint auch in diesem Fall wieder deutlich unter der dicken Schicht panegyrisch verbrämter Äußerungen hervor.

347

Siehe oben Kap. 3.2.2.

348

Über diese Ereignisse informiert der Panegyrikos mit am ausführlichsten. Weitere Berichte bei Zos. 2.42.2-5, Themist. or. 2, 3, 4, Aur. Vict. Caes. 41.26-42.3, Eutr. 10.10.2—10.11.1. Siehe dazu auch Seeck (1922), Bleckmann (1994), Drinkwater (2000).

349

Iul. or. 1.31d. An sich stellt eine solche Einschätzung durchaus ein großes Lob dar, man denke nur an den ,diplomatischen‘ Sieg des Augustus bei der Rückgabe der Feldzeichen des Crassus. Jedoch wäre es fatal, rhetorischen Topoi einen eindimensionalen Funktionsmechanismus zuzuweisen und sie aus dem Gesamtkontext einer Rede völlig zu isolieren. Gerade im vorliegenden Fall zeigt sich nämlich, wie ambivalent der Topos des ,wortsiegreichen‘ Kaisers ist.

350

Das klassische Referenzbeispiel hierfür ist Augustus’ Rückeroberung der römischen Feldzeichen von den Parthern, siehe R.G. 29.

351

Siehe beispielsweise oben die Reden des Themistios für Constantius, die erahnen lassen, dass der Redner das oftmals nicht traditionelle militärische Vorgehen des Constantius als einen Umstand erachtete, der höchster Verteidigung bedurfte.

352

Iul. or. 1.31b.

353

Iul. or. 1.32a-b. Der unschuldig wirkende Einschub οἶμαι entwickelt eine größere Sprengkraft, als man auf den ersten Blick annehmen könnte: Wenn sich Julian des Umstands, dass Constantius sogar Geschenke verteilt hatte, nicht ganz sicher war, hätte er entweder diesen Hinweis beiseite lassen oder ihn mit dem vollen Selbstbewusstsein eines Panegyrikers auch als Tatsache verkaufen können. Insofern ist sein Kommentar der Ungewissheit nur dahingehend zu deuten, dass er nicht sicher war, ob man diese Handlung des Constantius wirklich als ein Lob ansehen könne und er sich deshalb mit dem „ich glaube“ in jedem Fall absichern wollte.

354

Iul. or. 1.32b-c.

355

Julian macht nicht den besonderen Respekt der Truppen vor Constantius für die plötzliche Gesinnungsänderung verantwortlich, sondern weist noch einmal explizit auf die „trickreiche Rhetorik“ (δημηγορία) des Kaisers hin (Iul. or. 1.31d). Darüber hinaus wird Constantius’ furchteinflößender Charakter zum einen dadurch kompromittiert, dass diese Eigenschaft nicht auf dem Schlachtfeld gegen Nicht-Römer zum Einsatz kam, zum anderen, dass eine solche Qualität bei Constantius eigentlich gar nicht nachweisbar ist, da sie sich nicht aus den Ereignissen ergibt, die Julian beschreibt. Die Zuweisung des φοβερώτερος hängt somit gleichsam in der Luft und erfährt keine Affirmation aus dem Bericht.

356

Iul. or. 1.33a.

357

Bleckmann (1999a). Der junge Caesar stellt nach einem längeren Textabschnitt, in dem er sich über die niederträchtigen Motive Magnentius’ auslässt (Iul. or. 1.34a-35d), die Vorgehensweise Constantius’ dar, der mit einem Flügelangriff seiner Reiterei die Truppen des Gegners entscheidend zu umzingeln vermag und damit die Niederlage des Magnentius einleitet (Iul. or. 1.35d-36a). Es kann nicht geleugnet werden, dass Julian an dieser Stelle das Handeln des Kaisers in wohlwollendem Licht darstellt. Allerdings ist die Passage weit weniger panegyrisch, als sie auf den ersten Blick vermuten lässt.

358

Iul. or. 1.36c: τοσοῦτον περιῆν θράσος καὶ πρὸς τὰ δεινὰ τοῦ χωρεῖν ὁμόσε πολλὴ προθυμία. Julian beschließt seinen Schlachtenbericht nicht mit dieser Huldigung, sondern beschreibt weiter das Verhalten der kaiserlichen Truppen, die „sich freudig in Mühsal und Gefahr begaben“, Iul. or. 1.36d: ὑπέμενον ἡδέως πόνον καὶ κίνδυνον. Interessant ist, dass Julian in demselben Satz die Motivation der kaiserlichen Truppen aus „ihren vorangegangenen Erfolgen“ (παροξυνόμενοι δὲ ὑπὸ τῶν πάλαι κατορθωμάτων) herleitet. Diese Formulierung suggeriert, dass die Soldaten fast schon als autonomer Faktor agieren und sich nicht am sprichwörtlichen „Bürgerkriegs-Glück“ ihres Anführers (vgl. Amm. 14.10.16) orientieren, sondern an den ,eigenen‘ Erfolgen in der Vergangenheit. Dazu passt auch, dass den Soldaten viel am Ruf ihres Kaisers gelegen habe (αἰδούμενοι μὲν … τὸν βασιλέα), was den Eindruck erweckt, als ob die Truppen sich als eigentlichen Referenzpunkt für die Beurteilung im Nachhinein ansahen.

359

Iul. or. 1.36d.

360

Zwar kommt Julian am Ende noch einmal in einem Resümee auf den herausragenden Erfolg Constantius’ zu sprechen (37b-38a); jedoch wirkt dieses Lob in dem inzwischen schon gewohnten Maße gedämpft, ja nahezu eigenartig. Julian lobt fast nur die Gegenseite, was zwar als Überhöhung von Constantius’ Leistung verstanden werden kann, jedoch bezieht dies der Leser automatisch auf die Taten der kaiserlichen Soldaten, die nach der vorherigen Darstellung den Hauptanteil am Sieg hatten. Zudem lässt sich Julian sehr ausführlich über die neue Rüstung der Kavallerie aus (37c-d), die er trotz einer langen Beschreibung nur als unbefriedigend geschildert empfindet. Noch verwunderlicher ist die Tatsache, dass die Abhandlung über die Rüstung den Schluss der Episode bildet und damit beim Leser den Eindruck hinterlässt, vor allem Soldaten und Material hätten die Schlacht gewonnen.

361

Dieser Befund kongruiert mit einer These, die man bereits angestellt hat: „It [the speech] is not as straightforward as it seems to be and contains elements that might be considered disconcerting in a speech of praise”, Tougher (2012), 29, der seine Argumente auf plausible und noch andere als die von mir vorgebrachten Punkte stützt. So macht er zum Beispiel darauf aufmerksam, dass Julian geschickt gewisse ,Zutaten‘ eines Normpanegyrikos nach Menander auslässt (26): „The virtues of temperance and wisdom are briefly discussed in the final section, while courage and justice are not … Is Julian implying that Constantius has no courage and no justice, that he has not much to say about the virtues of the emperor?“ Er liefert zwar Vermutungen, weshalb dieser Text so ambivalent verfasst wurde, will sich jedoch auf keine der angebotenen Möglichkeiten richtig festlegen, weil er sich einen möglichen Hintergrund nicht erklären kann, Tougher (2012), 29–30. Die Möglichkeit, dass Julian kein „adapt writer“ gewesen sei, scheidet meiner Meinung nach völlig aus. Eher ist dem zweiten Gesichtspunkt zuzustimmen, dass Julian ein Schreiber gewesen sei, „not averse to taking risks.“ Dies kann man auch sehr gut am Beispiel des Briefes an Themistios während seiner Caesar-Zeit erkennen. Vgl. auch Bidez (1932), der zwar der Meinung ist, dass dies eine sehr riskante Strategie gewesen sei, der aber auch zu dem Schluss kommt, dass Julians Schmeicheleien begrenzt waren.

362

Tougher (2012), 29: „Could it be that Julian was utilising the panegyric to take the opportunity to assess the political condition of the empire by the mid 350s and to reflect on the nature of imperial power and the role of the emperor?“

364

Dies erkennt man daran, dass Constantius bei Ammian seine Wort-Sieghaftigkeit gegenüber den Soldaten sehr stark rechtfertigen muss und Themistios – wie bereits mehrfach betont – diese Eigenschaft des Constantius gegenüber den zivilen Eliten als wichtige, zu legitimierende Vorgehensweise ansah.

365

Auf Winter 356/57 datiert Athanassiadi (1981), 61; jedoch sollte man die zeitliche Verortung auf einen noch späteren Zeitpunkt ausdehnen, da eine Referenz Julians auf seine persönlichen Erfahrungen mit gallischen Stämmen darauf hindeutet, dass die Rede nicht vor dem Spätjahr 357 beziehungsweise vor dem Frühjahr 358 geschrieben wurde. Bidez (1924), 108 und Curta (1995), 177 gehen mit plausiblen Gründen in das Jahr 359, was Portmann (1988), 145-145 mit dem Hinweis unterstützt, dass die Rede zu einem Zeitpunkt entstanden sei, „als die Konflikte zwischen Constantius und seinem Cäsar schon ein gewisses Maß erreicht hatten.“ Ähnlich Drake (2012), 39: „The more subversive and confrontational we take the speech to be, the less likely it is to have been written before Julian had made up his mind to risk a break with Constantius. So the more rebellious the oration sounds, the later a date it requires.”

367

Siehe Curta (1995), 210 und Drake (2012), 39.

368

Athanassiadi (1981), 64 konstatierte, dass der Panegyrikos nicht unbedingt die Taten des Constantius preise, sondern einen merkwürdigen „auto-panegyrical flavour“ aufweise, der sich durch den gesamten Text ziehe. Nur mit allergrößter Mühe habe sich Julian noch gemäßigt und in dem Bewusstsein, dass eine allzu offensichtliche Kritik einem „act of desertion and even stupidity“ gleichgekommen wäre, habe er noch einmal eine Lobrede verfasst, die seine Haltung zu Constantius nicht zu sehr durchscheinen lasse. Auch Drake (2012), 36–37 schloss sich diesem Urteil an. Er sah in der Rede „one [part] praising Constantius, the other directly or indirectly attacking him”. Curta (1995), 6, der nachweisen konnte, dass sich Julian in dieser Rede vor allem attizistischer Stilelemente bedient, ist der Meinung, dass der junge Caesar damit die Lobpreisungen des Themistios auf Constantius ironisieren wollte. Es werde eine „anti-oration” formuliert, „which permanently undermines the ‚explicit oration‘“. Bringmann (2004), 50 betont, dass der zweite Teil der Rede, in dem Julian den idealen Herrscher präsentiert, „wie der Kontrapunkt zu dem Bild, das die zeitgenössischen Kritiker des Constantius entworfen haben“ erscheint.

369

Die ersten Worte des Panegyrikos – τὸν Ἀχιλλέα – lassen den Zuhörer zunächst vermuten, dass nun eine Gleichsetzung des trojanischen Helden mit Constantius erfolgen und der Kaiser als wahrer basileus polemikos erscheinen wird. Jedoch stellt Achill nur die Folie dar, vor der nun die eigentliche Homer-Parallele zum Kaiser erscheint: Agamemnon. Die mit den ersten Worten verbundenen Erwartungen des Lesers werden damit schnell in eine andere Richtung gelenkt. Jeder Leser, der annimmt, dass Constantius wie Achill sei, wird sofort eines Besseren belehrt. Zwar thematisiert Julian im späteren Verlauf (or. 2.55b) auch kurz eine Ähnlichkeit von Constantius mit dem thessalischen Helden, jedoch wird diese Bemerkung von den vielen anderen Vergleichen, die zum großen Teil durch mehrere Querverbindungen eine viel stärkere Dominanz entfalten (Nestor, Odysseus), überlagert.

370

Iul. or. 2.49c-d. Weitere Vorwürfe sind, dass Agamemnon „maßlos“ und „ohne Betragen eines Staatsmanns“ (οὐδὲ … μετρίως καὶ πολιτικῶς) gehandelt habe. Auf das hinlänglich bekannte Wortfeld von ὕβρις und die damit verbundenen Assoziationen (Xerxes, Tyrannendiskurs, etc.) braucht in diesem Zusammenhang nicht näher eingegangen zu werden. Einen Überblick bieten beispielsweise Fisher (1992) und DelGrande (1947).

371

Iul. or. 2.50b: ὑπεροψίαν βασιλικὴν μὴ δυσχεραίνειν, φέρειν δὲ ἐγκρατῶς καὶ πρᾴως τὰς ἐπιτιμήσεις.

372

In dieser Eigenschaft wende Constantius das Prinzip des griechischen Staatsmannes Pittakos von Mytilene an, „der Verzeihung das Vorrecht gegenüber der Rache zu gewähren“ (τὴν συγγνώμην τῆς τιμωρίας προὐτίθει, Iul. or. 2.50c).

373

Im vorliegenden Fall wäre Briseis stellvertretend mit beispielsweise der Abberufung des treuen Freundes Saturninus Secundus Salutius im Jahr 358 gleichzusetzen, die Julian hart traf und einen weiteren negativen Höhepunkt im ohnehin schon angespannten Verhältnis zwischen Kaiser und Caesar markierte, zu den Hintergründen Bringmann (2004), 64, Iul. ad Athen. 282b-c. Darüber hinaus könnte man auch daran denken, dass Constantius die Erfolge Julians in Gallien für sich reklamierte.

374

Iul. or. 2.50d: αἰσχυνοίμην <ἄν>, εἰ μὴ τοῦ Πηλέως φαινοίμην εὐγνωμονέστερος καὶ ἐπαινοίην εἰς δύναμιν τὰ προσόντα σοί.

375

Iul. or. 2.50c.

376

Siehe oben Kap. 3.2.2. Drake (2012), 38: „Julian seems to be constantly skating on the brink, only to pull back at the last moment.“

377

Vgl. die Ergebnisse aus Kap. 3.2.2. Dass Julians Lobpreis auf Constantius’ Nachsichtigkeit – trotz aller panegyrischen Worte und Vergleiche – implizit viel geringer ausfällt als beispielsweise der des Themistios, erkennt man an der Tatsache, dass Julian keine Worte über den Nutzen oder den Sinn dieser Haltung verliert. Das Lob auf die Großzügigkeit des Constantius gegenüber politischen Gegnern erscheint auffallend blass und es werden daraus keine Vorteile im Hinblick auf das imperium Romanum abgeleitet. Eine letzte Bemerkung zu der äußerst vielschichtigen Parallelisierung von Agamemnon/Constantius und Achill/Julian: Nach all den Lobeshymnen und impliziten kritischen Anspielungen, die wohl bewusst in dieser ungeordneten Weise arrangiert wurden, um ein klares Übergewicht einer der beiden Lesarten zu verhindern, trägt bei näherer Betrachtung Achill alias Julian einen Punktsieg davon. Obwohl Julian zunächst beide Helden für ihr Verhalten kritisiert, steckt in seinen belehrenden Bemerkungen eine deutliche Spitze gegenüber dem Anführer aller Griechen. Während Agamemnon für seine allzu emotionale Haltung getadelt wird, fällt die Rüge für Achill offensichtlich viel harmloser aus: Dieser hätte auf die Geringschätzung durch den Oberbefehlshaber nicht grollend reagieren, sondern den Verweis mit Selbstdisziplin ertragen sollen, Iul. or. 2.50c. Die Formulierung Julians macht deutlich, dass das Unrecht auf Seiten Agamemnons lag, der mit dem Streit begann, und dass Achill nur im Hinblick auf seine Reaktion – wenngleich viel weniger heftig – zu tadeln sei.

378

Vgl. Drake (2012), 36, Athanassiadi (1981), 70 und Curta (1995), 185, der anmerkt, dass Julian mehr als alle seine Zeitgenossen Gebrauch von Vergleichen mit Protagonisten aus Homers Werken macht.

379

,Indirekt‘ meint in diesem Zusammenhang, dass Julian betont, dass Constantius einen Helden aus den Werken Homers zwar übertreffe; jedoch sind solche Vergleichspassagen in der Weise angelegt, dass der Zuhörer dennoch die literarische Figur mit Constantius ,gleichsetzt‘. Dieser Effekt wird vor allem dadurch erreicht, dass Julian die angekündigte positive Differenz zu dem Vergleichsprotagonisten entweder mit keinen oder nur sehr zweifelhaften Argumenten belegt.

380

Siehe oben Kap. 3.3.2.1.

381

Iul. or. 2.75d.

382

Iul. or. 2.75b mit der seltsamen Formulierung: πλέον δὲ ἔχοντα δικαίως <ἂν> αὐτὸν μᾶλλον ἀποδεχοίμεθα.

383

Als ,Schutzbastion‘ wäre beispielsweise die Stadt Nisibis zu nennen, deren erfolgreiche Verteidigung Julian explizit im Vorlauf der diskutierten Textstelle lobt, vgl. Iul. or. 2.62b-67b.

384

Iul. or. 2.75d-76a: οὔκουν οὐδὲ ὄφελος ἦν πολὺ τοῖς Ἀχαιοῖς τοῦ μηχανήματος, ἀλλὰ ἡττῶντο τῶν Τρώων τὸ τεῖχος ἐπιτελέσαντες, καὶ μάλα εἰκότως. Mit „berechtigt“ (εἰκότως) meint Julian folgende Tatsache: Vor dem Bau des Walls hätten die Griechen das Selbstverständnis gehabt, dass sie die Schiffe wie eine edle Schutzmauer (ἔρυμα γενναῖον) mit ihren eigenen Körpern selbst verteidigten. Als sie jedoch gemerkt hätten, dass eine Mauer vor ihnen lag, seien sie immer unvorsichtiger geworden und ihre Kampfstärke habe nachgelassen (ὑφίεντο τῆς ἀλκῆς), da sie nur auf den Schutzwall vertrauten, Iul. or. 2.76a: τότε μὲν γὰρ αὐτοὶ τῶν νεῶν ᾤοντο προβεβλῆσθαι καθάπερ ἔρυμα γενναῖον. ἐπεὶ δὲ ᾔσθοντο τὸ σφῶν προκείμενον καὶ ἀποικοδομούμενον τεῖχος τάφρῳ βαθείᾳ καὶ πασσάλοις ὀξέσι διηλούμενον, κατερρᾳθύμουν καὶ ὑφίεντο τῆς ἀλκῆς τῷ τειχίσματι πεποιθότες.

385

Die offensive Komponente wird nicht ausdrücklich vermerkt, aber aus dem Kontext der Ilias deutlich; zuvor waren die Griechen bis an die Mauern Troias vorgedrungen und hatten damit den Gegner ,vor dessen Haustüre‘ bedrängt.

386

Julian hütete sich jedoch, allzu offen Kritik zu üben. Deshalb baut der junge Caesar noch eine panegyrische Sicherung ein, um den Gehalt seiner Ausführungen abzuschwächen. Im Hinblick auf Constantius, so Julian, sei sein Scharfsinn (ἀγχίνοιαν) zu loben, weil er stets angemessen (ὀρθῶς) plane und sich nie von irrationalen Impulsen (ἀλόγῳ φορᾷ) leiten lasse, Iul. or. 2.76a-b: ὅστις δὲ οἶμαι τῶν ἔργων ἀξίως μνησθείη οὐ μάτην οὐδὲ αὐτομάτως οὐδὲ ἀλόγῳ φορᾷ γενομένων, προβουλευθέντων δὲ ὀρθῶς καὶ διοικηθέντων, οὗτος ἀρκούντως ἐπαινεῖ τὴν βασιλέως ἀγχίνοιαν. Diese scheinbare Differenzierung zur Vergleichsfigur des Nestor unterläuft sich jedoch selbst, da Julian in keiner Weise näher darauf eingeht, inwiefern Constantius nun die beiden Protagonisten aus der Ilias übertrifft, Drake (2012), 37 weist darauf hin „that so many of Julian’s heroic similars fall short that it is hard not so assume this must have been the intent.“ Die Konstatierung einer ,richtigen‘ Politik wirkt geradezu so, als schwebe sie in einem argumentativen Vakuum, da sie nicht mit Beispielen unterfüttert wird. Anschließend wendet sich Julian der besonderen rhetorischen Fähigkeit Constantius’ zu, so dass nicht klar wird, inwiefern die Handlungsweise des römischen Kaisers von der Unbedachtsamkeit Nestors abzugrenzen ist. Noch fataler: Aufgrund der anschließenden Panegyrik über Constantius’ Redefähigkeit rückt dieser wiederum näher an Odysseus und Nestor.

387

Iul. or. 2.75d.

388

Achill kehrt ja schließlich auch nicht wegen eines neuen Friedensangebots aufs Schlachtfeld zurück, sondern erst aufgrund des Todes von Patroklos.

389

Amm. 27.11.1, Bringmann (2004), 66.

390

Iul. or. 2.84c: Ἑλλήνων ὁμοῦ καὶ βαρβάρων, οἳ μάχας πολλὰς καὶ ἰσχυρὰς λίαν μαχεσάμενοι καὶ νενικηκότες, ἔθνη μὲν ἐκτῶντο καὶ αὑτοῖς φόρους ἀπάγειν κατηνάγκαζον, ἐδούλευον δὲ αἴσχιον ἐκείνων ἡδονῇ καὶ τρυφῇ καὶ ἀκολασίᾳ καὶ ὕβρει καὶ ἀδικίᾳ.

391

Iul. or. 2.84c: μόνος γάρ ἐστι τοιοῦτος ὁ μετὰ ἀρετῆς ἀνδρεῖος καὶ μεγαλόφρων.

392

Und doch findet sich auch hier wieder eine indirekte, nur angedeutete, aber aus dem Gesamttext des Panegyrikos sehr kohärente Spitze gegen Constantius. Julian fährt fort: Wer hingegen seinen Zorn und seinen Drang, alles zu haben, nicht kontrollieren könne, sei ebenfalls kein würdiger Regent; darüber hinaus auch nicht, wenn er sich nur an einer scheinbaren Macht erfreue, aber eigentlich ein „weicher Kämpfer“, feige und undiszipliniert sei (Iul. or. 2.84d: ἐπιτρεπτέον δὲ ἴσως αὐτῷ κατὰ τοὺς ταύρους ἢ τοὺς λέοντας ἢ τὰς παρδάλεις τῇ ῥώμῃ γάννυσθαι, εἰ μὴ καὶ ταύτην ἀποβαλὼν καθάπερ οἱ κηφῆνες ἀλλοτρίοις ἐφέστηκε πόνοις, αὐτὸς ὢν μαλθακὸς αἰχμητὴς καὶ δειλὸς καὶ ἀκόλαστος). Klingt bereits in dieser Aussage ein kaum wahrnehmbarer Bezug auf Constantius an, so wird durch eine weitere Formulierung eine mögliche Anspielung schon offenkundiger: Zu diesen ,falschen‘ Herrschern zählen auch die, welche in der Schlacht einfach nur den Anstrengungen der anderen zusehen, ohne selbst aktiv zu sein (καθάπερ οἱ κηφῆνες ἀλλοτρίοις ἐφέστηκε πόνοις). Constantius wird bei dieser Andeutung nicht direkt einen Angriff auf sich selbst vermuten, aus dem Panegyrikos jedoch und der Beschreibung der von ihm geleiteten Schlachten wird gerade er zur Verkörperung eines solchen, die Aktionen der anderen nur mit ansehenden Beobachters einer Schlacht. Dieser sich sehr verdeckt entwickelnde Effekt kommt dadurch zustande, dass Julian in seinem Bericht über Mursa Constantius in eine ,narrative Abwesenheit‘ versetzt. Drake (2012), 35 bringt es auf den Punkt, wenn er zu Beginn seines Aufsatzes ein Beispiel dafür gibt, wie seine Ausführungen zu Julian ausgesehen hätten, wenn er sie so darlegen würde, wie Julian Constantius lobte: „I intend to speak today about Julian’s second speech to Constantius. This reminds me of a speech that Dio Chrysostom gave to Trajan, a speech that would probably please you more, because you love the sophists. But I digress. I was actually talking about Julian. He spoke Greek. In fact, he spoke a lot of Greek. This reminds me of the time when I discovered, through personal experience, that the Greek alphabet (a word derived from the first two letters, which in Hebrew are ‚aleph‘ and ‚beth‘) – as I was saying, the Greek alphabet, as I learned, has no character for the sound ‚aitch‘. But you are small-minded people who cannot be expected to understand the profundity of this discovery. Therefore, though many of you might not consider it appropriate, because I make no claim to expertise on the subject, I will speak about Julian. The facts, be that as it may, are what they are. I would be the first to tell you, but I am just to busy.”

393

Siehe unten Kap. 3.4.1.

394

Bezüglich der Verbreitung lässt sich das Szenario vorstellen, dass dabei nicht nur auf eine Leserschaft im eingeschränkten Sinne gezählt wurde, sondern auch mit einer mündlichen Weitergabe innerhalb der anvisierten Kreise kalkuliert wurde.

395

Aus diesem Grund würde ich den zweiten Panegyrikos zeitlich später einordnen und ungefähr in das Jahr 359 verorten, als das Verhältnis zwischen Julian und Constantius immer stärker abkühlte.

396

Jedoch waren gerade in Rom die Senatoren weiterhin auf der Seite von Constantius, Amm. 21.10.7, Ross (2016), 13. Der Senat schickte zwei Gesandte, Valerius Maximus und Avianius Symmachus, zu Constantius nach Antiochia, Lib. ep. 1004, Sogno (2006), 3-4. Wie geschickt Julian mit der Situation umging, zeigt sich, als er auf seinem Marsch nach Osten den zurückkehrenden Senatoren begegnete, die er mit allen Ehren begrüßte (Amm. 21.12.24), um sie dennoch für seine Sache zu gewinnen, Ross (2016), 14.

397

Athanassiadi (1981), 64–66 hat die Meinung geäußert, dass sich Julians Reden auf Constantius dadurch auszeichnen, dass sie „a panegyric of his [Julian‘s] own deeds … an extraordinary piece of propaganda for his own cause“ seien. Curta (1995), 182 ging sogar noch einen Schritt weiter und interpretierte den zweiten Panegyrikos als ein „veritable political program of the future emperor“, siehe auch 209: „a genuine political manifesto veiled in rhetoric“. Ansätze einer solchen Interpretation auch schon bei Bowersock (1978), 43–45 und Bidez (1932), 113. Siehe außerdem Drake (2012), passim. Auch die dritte Rede (auf Eusebia) wird inzwischen vermehrt als ein Dokument persönlicher Anliegen Julians betrachtet, siehe Tougher (1998) und Vatsend (2000).

398

Amm. 16.12.64 berichtet, dass Julian bereits nach der Schlacht von Straßburg zum Kaiser ausgerufen wurde, allerdings ablehnte, siehe außerdem Kap. 3.4.1.

399

Bleckmann (im Druck): „Julian had thus doubtless planned his self-elevation and conflict with Constantius long in advance.“

400

Themistios geht in seinen Panegyrikoi so oft und so ausführlich auf diesen Aspekt ein, dass man die dahinterstehende Diskussion sehr gut rekonstruieren kann.

401

Zur Rückgewinnung der verloren gegangenen Gebiete am Rhein war nach 355 eine äußerst schlagkräftige Armee dort versammelt, darüber hinaus war die Situation an der Donaugrenze weiterhin kritisch und auch das Verhältnis zu den Persern musste notfalls mit einer größeren Truppe gesichert werden. Aus diesem Grund war die Ernennung Julians zum Caesar und die Einbindung eines dynastischen Repräsentanten der kaiserlichen Gewalt an einem der drei Schauplätze zweifellos ein kluger Schachzug, vgl. Bringmann (2004), 44, Ross (2016), 96-130.

402

Zu Beginn des 16. Buches (16.1.1) charakterisiert Ammian Julian zwar als einen kriegsträumenden jungen Erwachsenen, der, obwohl er noch nicht auf die Bühne der Außenpolitik getreten sei, „von Schlachtengetöse und an Barbaren verübten Gemetzeln träumte, ganz ein Zeichen seiner ihm angeborenen Lebhaftigkeit“ (genuino vigore pugnarum fragores caedesque barbaricas somniabat). Man muss diese Charakterisierung jedoch genau so lesen, wie es Ammian auch wörtlich formuliert: die Träume eines noch kaum gereiften Jugendlichen, die nichts mit der Realität zu tun hatten, die Julian dann vorfand.

403

Szidat (1997), 67 deutete bereits an, dass Julian schon weit vor 359/60 eine mögliche Usurpation geplant haben könnte.

404

Gleichzeitig war damit aber noch nicht der Erfolg der Usurpation garantiert, da Julian – nicht zuletzt auch wegen seines allzu forschen Auftretens im Sinne eines basileus polemikos – mit einer großen Opposition im Reich konfrontiert war: Der praefectus praetorio Galliarum Nebridius verweigerte ihm seinen Eid (Amm. 21.5.11), der praefectus praetorio Italiae Taurus und der praefectus praetorio Illyriae Florentius flohen vor den julianischen Truppen (Amm. 21.9.5). Bis zum Tod Constantius’ II. konnte Italien kaum eingenommen werden (Amm. 21.9.5-7) und auch der Senat wollte nichts mit der Usurpation zu tun haben, als er ihm sein bekanntes Schreiben schickte (auctori tuo reverentiam rogamus, Amm. 21.10.7).

406

Himerios frg. 1.6 (Colonna), Übersetzung Völker: Ὦ καὶ τοῦ σαυτοῦ γένους ὄμμα φανότατον, καὶ ταὐτὸν τῷ γένει γενόμενος, ὅπερ καὶ σοὶ πολλάκις ὁ προπάτωρ Ἥλιος. τῆς γὰρ συνωρίδος ταύτης δὴ τῆς καλῆς ὁ μὲν καταυγάζοντι τοὺς μεγάλους θρόνους ὥς τις ἑωσφόρος συνανέσχεν ὄρθριος, ταῖς αὑτοῦ βολαῖς τὰς σὰς ἀκτῖνας μιμούμενος· ὁ δὲ τῆς τῶν νέων ἀγέλης ἐκλάμπων, καθάπερ τις ταῦρος ἀγελάρχης ἀγέρωχος, ἐσκίρτησε μὲν κατὰ τοὺς Μουσῶν λειμῶνας, ὥσπερ τις πῶλος ὑψαύχην καὶ ἔνθεος, ἐμιμήσατο δὲ καὶ τὸν Ὁμηρικὸν εανίσκον τὸν Θέτιδος, καὶ μύθων ῥητὴρ ἀγαθὸς καὶ πρηκτὴρ ἔργων γενόμενος.

408

Bidez (1932), 95 weist darauf hin, dass die Rede nicht nach Gallus’ Tod (354) gehalten worden sein kann. Die bereits angesprochene zeitliche Einordnung von Barnes (1987), 209 erscheint darüber hinaus ziemlich plausibel.

409

Die These von Barnes (1998), 143, dass hier ein „high-spirited bull“ mit einer „impetuosity that could lead to ruin“ dargestellt werde, ist ein bisschen zu stark aus der Retrospektive beurteilt.

410

Amm. 20.4.1-2.

411

Constantius hatte zwei Vertraute nach Gallien gesandt (Gaudentius und Paulus), die Julian noch mehr auf die Finger schauen sollten, zudem war Julians wichtigster Vertrauter Salutius abberufen worden, Iul. ad Athen. 282b-d.

412

Maraval (2013), 163-166. Zwar beteuerte Julian später, dass diese Erhebung gegen seinen Willen geschehen sei, Iul. ad. Athen: 283a-285a, jedoch gilt es als gesichert, dass das Ereignis sorgfältig geplant wurde; die Zusammenfassung der Argumente bei Bringmann (2004), 70-71.

413

Bleckmann (im Druck).

414

Iul. ad Athen. 282c.

415

Iul. ep. 29.

416

Der römische Senat hatte Julian aufgefordert, sich wieder mit Constantius zu versöhnen, Amm. 21.10.7, Aquileia rebellierte zudem gegen den Usurpator, Amm. 21.12.

417

Der Brief an die Athener ist der einzige, der ganz erhalten ist. Zur Zeit der Abfassung standen Julians Armeen schon am mittleren Lauf der Donau und bereiteten sich für eine Konfrontation mit den Truppen des Constantius vor.

418

Humphries (2012), 75, der aber auch auf Maximus’ Brief an Siricius hinweist, der zu einer Zeit verfasst wurde, als die Jurisdiktion in den Händen von Valentinian II. lag. Ebenso legen auch die Panegyrici Latini die jeweiligen Umstände aus der Perspektive Constantins des Großen dar; keiner dieser Texte jedoch spiegelt den Blickwinkel des jeweiligen Protagonisten ungebrochen wider. Die Darstellung von Humphries (2012) ist eine aktuelle und sehr tiefgehende Analyse; ansonsten sind nur Croissant (1939), Dvornik (1955), Dvornik (1966), 666–669 und Brauch (1993), 88–97 als wesentliche Untersuchungen zu nennen.

419

Iul. ad Athen. 284b-d, 287a.

420

Iul. ad Athen. 286b, vgl. Lib. or. 18.107, Amm. 21.4.

421

Iul. ad Athen. 279b-d.

422

Iul. ad Athen. 279d. Damit wird wiederum auf den Diskurs der falschen Nachsicht des Constantius, siehe oben Kap. 3.3.2.2, Bezug genommen.

423

Iul. ad Athen. 280b.

424

Iul. ad Athen. 280b.

425

Iul. ad Athen. 280c.

426

Wienand (2016), 353 hat in einem anderen Kontext dargelegt, dass die militärischen Erfolge Julians der wesentliche Baustein waren, der ihm die Unterstützung der Truppen in Gallien und Germanien einbrachte.

427

Iul. ad Athen. 279b.

428

Conti (2004), 43-44. Auch dieser Umstand zeigt, welch große Bedeutung Julian der militärischen Sieghaftigkeit beimaß. So lässt sich im Verlauf der Usurpation auch die Betonung weiterer Siegestitel beobachten: neben Sarmaticus Maximus auch debellator omnium barbarorum gentium oder extinctor barbarorum, Conti (2004), 45. Zwar wurden die jeweiligen Inschriften nicht direkt von Julian beauftragt, aber wir bekommen dadurch ein Bild davon, wie Julian seine Repräsentation wohl inszeniert wissen wollte, Wienand (2016), 353.

429

Die Reaktion der Adressaten ist natürlich schwierig einzuschätzen, allerdings wissen wir von einem nicht erhaltenen Brief Julians an die Römer (Amm. 21.10.7), dass der Senat überaus erbost über die Vorgehensweise Julians war und die Loyalität zu Constantius einforderte, Ross (2016), 13.

430

Iul. mis. 360c-d. Zum MisopogonWiemer (1998), Müller (1998), Gleason (1986).

431

Zos. 3.11.2.

432

Bleckmann (im Druck), Wienand (2016).

433

Ein ambivalentes Urteil fällte schon Wilamowitz-Moellendorff (1911), 289–290: „Da er bis zur Ermüdung von sich und seinem Handwerk redet, auch seine Deklamationen über alles mögliche der Nachwelt überliefert hat, von denen viele das Niveau des trivialsten Schulaufsatzes nicht überragen, so kann man leicht zu einem sehr absprechenden Urteil kommen. Es drückt ja auf allem, was er macht … eine Atmosphäre von Bücherstaub, Phrasendunst und Langeweile“. Hingegen kurz darauf: „Aber der Mann hält doch die nähere Betrachtung aus. Er besaß Treue und er besaß Mut. Seine Ideale und seinen Helden Julian hat er niemals verleugnet.“

434

Pack (1986), 255. Schon Gibbon (1910), 810 hatte Libanios verdammt: „The vain and idle compositions of an orator … the productions of a recluse student, whose mind … was incessantly fixed on the Trojan war and the Athenian commonwealth.“

436

Vgl. den Überblick bei Wiemer (1995), 6–11 und bei Scholl (1994), 1–2. Die spärliche Aufmerksamkeit für diesen Autor kann auch dadurch nicht kompensiert werden, dass in jüngster Zeit zwei Biographien erschienen, siehe Nesselrath (2012) und Wintjes (2005).

437

Geboren 314 in Antiochia (Lib. or. 1.139 und 143), als zweitjüngster Sohn einer reichen Familie, wurde Libanios mit zehn Jahren zum Halbwaisen, als sein Vater starb (Lib. or. 1.4). Trotzdem wurde ihm eine gute Erziehung zuteil und im Jahr 337 ging Libanios nach Athen, um dort sein Rhetorikstudium fortzusetzen. Kurze Zeit später eröffnete er zusammen mit seinem Gönner Dionysius eine eigene Schule in Constantinopel, wahrscheinlich um 340/41, vgl. or. 1.36 und PLRE I, Dionysius 11. Vertrieben durch die harte Konkurrenz des Bemarchios ging Libanios nach Nikomedeia. Dort blieb er bis 348/49, Lib. or. 1.48, vgl. Wintjes (2005), 89 und Nesselrath (2012), 16, als ihn ein kaiserliches Schreiben wieder zurück nach Constantinopel beorderte (Lib. or. 1.74). An diesem Ort waren ihm mehrere Proconsuln sehr gewogen und auch Constantius II. wurde auf ihn aufmerksam und bedachte ihn mit Ehren, Lib. or. 1.80. Zu den Gönnern zählte unter anderen auch Musonianus (PRLE I 611-612). Mit kaiserlicher Erlaubnis kehrte er 353 nach Antiochia zurück, wo er 354 auf Betreiben des frisch ernannten praefectus praetorio orientis Musonianus eine bedeutende Rhetorenstelle annahm. Im Sommer 362 – Julian war inzwischen Alleinherrscher – gelangte Libanios im Vorfeld des Perserfeldzuges immer mehr in die Nähe des Kaisers und wurde anschließend zu einem der wichtigsten Ansprechpartner und Helfer Julians, vor allem auf Betreiben des Philosophen Priskos, PLRE I, Priscus 5. Libanios betont, dass er in keiner Weise die Nähe des Kaisers durch Schmeichelei erreicht habe, vgl. or. Lib. 1.121-124. Mit Julian diskutierte Libanios über Rhetorik und Literatur, Lib. or. 1.125. Gleichwohl lässt sich eine gewisse Distanz Libanios’ zum Hof Julians feststellen, vgl. Wiemer (1995), 32-47.

439

Lib. or. 1.127. Libanios wurde dabei die besondere Ehre zuteil, als letzter in der Reihe der Lobredner sprechen zu dürfen. Zum weiteren Rahmen der Feier vgl. Wiemer (1995), 151–160.

440

Wiemer (1995), 155. Der Vortrag fand wohl in der Kurie statt, wie es Julian auch in Constantinopel praktizierte, wenn er mit den Senatoren kommunizierte, Pan. Lat. 3(11).2.3, Lib. or. 18.154, Amm. 22.7.3, zum Rathaus als geeignetem Aufführungsort. Lib. or. 1.112 und 180.

441

Dies lässt sich aus der ,Gästeliste‘ der Consulatsrede Them. 16.201a-b ableiten.

443

Lib. ep. 785.1-2, in dem Libanios darauf hinweist, dass seine 12. Rede demnächst veröffentlicht werde, dazu Wiemer (1995), 158–159.

444

Lib. or. 12.20: ἐγὼ νομίζω τὸν μὲν σὺν τέχνῃ βασιλικῇ τὴν γῆν κατευθύνοντα καὶ τὰ μὲν Ῥωμαίων κρείττω ποιοῦντα, τὰ δὲ τῶν ἀντιπάλων ἀσθενῆ, καὶ τοῖς μὲν εὐφροσύνας πορίζοντα, τοῖς δὲ θρήνων ἀφορμὰς περιιστάντα, καὶ τὰ μὲν εὖ διακείμενα φυλάττοντα, τὰ δὲ ὡς ἑτέρως ἐπανορθοῦντα, τούτῳ μὲν καὶ προσήκειν ἐν τούτῳ γενέσθαι καὶ κέρδος εἶναι τὴν ἀίδιον μνήμην, ὥσπερ Θησεῖ καὶ Πηλεῖ καὶ Παλαμήδει καὶ οἷς ἐμέλησεν ἀρετῆς.

445

Besonders deutlich wird dies an dem ,hierarchischen‘ Relief, das sich bei Libanios in der Sprache widerspiegelt, das gleichzeitig aber auch die ,Hackordnung‘ in der Realität abbilden soll und auf die Epikratie-Vorstellung Bezug nimmt: Rom (τὰ μὲν Ῥωμαίων) wird den Feinden (τὰ δὲ τῶν ἀντιπάλων) gegenübergestellt und mithilfe des Komparativs (κρείττω) eine klare Rangfolge zum Ausdruck gebracht. Der Ausdruck ἀντιπάλος wird ganz bewusst verwendet, um nicht an einen abstrakten Feind denken zu lassen, sondern an einen ,Kampfgegner‘ in der direkten Auseinandersetzung, vgl. Aesch. Prom. 528, Eurip. Bacch. 544, Pind. O. 8.71.

446

Lib. or. 12.21.

448

Lib. or. 12.44.

449

Lib. or. 12.44.

450

Ansonsten hätte Libanios eine andere Strategie wählen und vor allem viel deutlicher die Vorgehensweise Julians gegenüber einer anderen verteidigen müssen; da Libanios aber sehr ,offensiv‘ argumentiert, geht er davon aus, dass sein Publikum mehrheitlich seiner Darstellungsweise folgen wird.

451

Lib. or. 12.48: καρπουμένων γὰρ τὴν ἡμετέραν τῶν βαρβάρων καὶ πόλεις μὲν πέντε δεούσας πεντήκοντα καθῃρηκότων, ἀποτετμημένων δὲ τῆς γῆς τὸ πλέον καὶ κεκτημένων, τῶν δὲ φανερωτάτων ἐν Γαλάταις γενῶν οἰκτρῶς ἐκεῖ δουλευόντων, ἤδη δὲ μείζω περίνοιαν τῶν πολεμίων εἰληφότων.

452

Lib. or. 12.49: ἀναμνησθεὶς Ἀχιλλέως, ᾧ τὸ νικᾶν ἤρκει. Zweifellos war dieser Vergleich nur im besten Sinn gemeint und sollte auf die mutige und kampfeseifrige Haltung des jungen Caesars abheben. Doch was dachten alle anwesenden Zuhörer? Hält man sich nämlich das gesamte stereotype Bild Achills vor Augen, so erscheint Julian erneut – nach dem Ares-Vergleich – als ,Kampfmaschine‘, dem das Streben nach persönlichem Ruhm wichtiger ist als die moralische Absicherung der eigenen Taten, der das übergeordnete Ganze den individuellen Absichten unterordnet, der die Sache aller aufgrund zweifelhafter Entscheidungen in Gefahr bringt. Die utilitas publica ist bei Achill sicherlich nicht gegeben. Es ist schwierig zu ermessen, ob sich Libanios der gesamten Tragweite dieses Vergleichs bewusst gewesen ist. Die negativen Konnotationen waren sicherlich nicht beabsichtigt, könnten jedoch beim Zuhörer ungewollt ambivalente Effekte ausgelöst haben.

453

Lib. or. 12.51. Umgekehrt gebe eine solche Vorgehensweise den Römern eine Haltung vor, die notwendigerweise zu einem „Zaudern“ (τοῖς θ’ ἡμετέροις εἰς ἀτολμίαν ἀνάγκη) und einer „Lähmung“ (τοὺς μὲν ἂν ἔθελξε) der Römer führe.

454

Siehe Kap. 1.

455

Lib. or. 12.53. Vgl. auch die ebenso sarkastische Bemerkung zu Jovians Friedensschluss in or. 18.279-280.

456

Lib. or. 12.53.

457

Natürlich spielen andere wichtige Aspekte (z.B. die Wiederherstellung des Götterkultes oder das priesterliche Kaisertum) ebenfalls eine zentrale Rolle, „Kerngedanken“ meint hier: bezüglich der für die vorliegende Untersuchung primären Gesichtspunkte.

458

Lib. or. 12,83: ἐντεῦθεν οὐ καθίζει βουλὰς στρατηγῶν καὶ λοχαγῶν καὶ ταξιαρχῶν ἐν τοῖς ἐπείγουσιν οὐδὲ τρίβει χρόνους ἐν σκέψεσιν, ἀλλ’ ἐπὶ τοὺς διδασκάλους τῶν ἐν ἀδήλῳ καταφυγὼν ἀπήλλακται.

459

Siehe oben Kap. 3.2.1.1.

460

Lib. or. 12.43.

461

Natürlich ist diese Möglichkeit nicht gänzlich von der Hand zu weisen, da erfolgreiche Mit- oder Unterkaiser in der Vergangenheit sich sehr schnell auch mit den ihnen zugewiesenen Truppenteilen gegen den übergeordneten Augustus wenden konnten.

462

Amm. 16.1.

463

Lib. or. 12.44: „Es ist mir kein Vergnügen, jenen anzuklagen, aber meine Erzählung führt dazu, dass es unausweichlich erscheint. Es ist nämlich nicht möglich, das Lob von dem Tadel abzutrennen.“

464

Siehe oben Einleitung zu Kap. 3.

465

In Bezabde hatte Shapur II. nach der Einnahme die Mauern wieder instand setzen und die Stadt mit reichlich Proviant und auch einer kriegserprobten Besatzung ausrüsten lassen, Amm. 20.7.1. Singara wurde hingegen nicht in Besitz genommen, was wohl mit der strategisch ungünstigen Lage (am nördlichen Rand eines überaus wasserarmen Gebietes) zu tun hatte, Mosig-Walburg (2009), 286. Bezabde allerdings wurde aufgrund seiner Funktion als Kontrollpunkt für den Weg nach Mesopotamia besetzt und war wohl auch ein Hauptgrund für Constantius, 361 einen Feldzug gegen die Perser zu unternehmen, Amm. 21.13.1-2. Mosig-Walburg (2009), 285–287 bewertet die Eroberung dieser Festungen als eine signifikante Schwächung des Römischen Reiches, die Constantius schließlich zu einer militärischen Operation geradezu gezwungen habe. Barceló (1989), 97 hingegen sieht darin nur einen Prestigeverlust, der „im Grunde mehr spektakulär als strategisch wirksam“ gewesen sei.

466

Nach Amm. 21.13.8 sollen ungünstige Vorzeichen den Perserkönig von der geplanten Invasion in römisches Gebiet abgehalten haben. Es dürfte sich bei dieser kausalen Zuordnung um die Verbrämung des eigenen Nichtwissens handeln, wahrscheinlich hatte Ammian keine Informationen zum überraschenden Abzug Shapurs erhalten. Mögliche Gründe wären unter anderem innenpolitische Probleme oder Auseinandersetzungen mit Gegnern in anderen Grenzbereichen, die Shapurs Aufmerksamkeit auf sich zogen. Mosig-Walburg (2009), 287 plädiert für die Möglichkeit, dass der persische König den Ausgang des Bürgerkrieges abwarten wollte, um danach auf ein noch stärker geschwächtes römisches Heer zu treffen. Warmington (1976), 517 hingegen vermutet, dass Shapur einen Krieg gegen Rom als nicht mehr rentabel angesehen und deshalb das Grenzgebiet wieder verlassen habe.

467

Zur narrativen Gestaltung des Berichts über den Perserfeldzug siehe Ross (2016), 162-202 sowie Kelly (2008), 39-42. Über die Motive Julians zum Perserkrieg ist die Forschung seit jeher gespalten: Hunt (1998), 74 sieht das Unternehmen des Kaisers nur in persönlicher Ruhmsucht begründet, Seeck (1922), 341 plädiert für einen Rachekrieg, ebenso Barceló (1989), 98–99, Stallknecht (1969), 52. Einen Feldzug im besten Sinn der Deinokratie-Doktrin hält Martin (1995), 34 für möglich. Blockley (1992), 138 spricht sich für einen Eroberungszug aus, Seager (1997), 263 gar für eine Eroberung des gesamten persischen Reiches. Nach Bringmann (2004), 169 ging es Julian einzig und allein um die Revision der persischen Eroberungen in den Jahren zuvor.

468

Amm. 22.12.1. Eine Parallelstelle zu elatus in diesem Sinn bei Ammian z.B. 20.7.16, siehe auch Boeft/Drijvers/Hengst/Teitler (1995).

469

Amm. 22.12.1: urebatur autem bellandi gemino desiderio, primo quod inpatiens otii lituos somniabat et proelia, dein quod … ornamentis inlustrium gloriarum inserere Parthici cognomentum ardebat.

470

Z.B. Amm. 16.11.3 (cogitatum est enim et solliciteque praestructum), 16.12.3 (nec ira nec dolo perculsus), 16.12.9 (urget ratio), 17.8.1.

471

Amm. 16.5.16 (exarserat), 16.12.44 (exarserant); zur emotionalen ,Aufwallung‘ bei Barbaren vgl. 15.4.9, 16.11.3, 16.12.17, 16.12.31, 20.4.6. Interessant ist, dass Valentinian in gewissen Situationen in einem irrationalen Affekt aufwallte, aber dann von den jeweiligen Beratern zur richtigen Vorgehensweise, die sich an rationalen Aspekten orientierte, überredet werden konnte, z.B. Valentinian in Amm. 26.5.12.

472

Laut Lib. or. 12.75-77 wies Julian zudem ein Friedensangebot der Perser zurück. Es ging dem Kaiser also nicht um eine friedliche Beendigung des Streits, sondern er wollte ein Zeichen setzen – sowohl nach außen wie auch nach innen.

473

Amm. 22.12.3-4: quae maximis molibus festinari cernentes obtrectatores desides et maligni, unius corporis permutatione tot cieri turbas intempestivas, indignum et perniciosum esse strepebant, studium omne in differendo procinctu ponentes. Et dictitabant his praesentibus, quos audita referre ad imperatorem posse rebantur, eum, ni sedatius ageret, inmodica rerum secundarum prosperitate, velut luxuriantes ubertate nimia fruges, bonis suis protinus occasurum. Die gesamte Kritik sieht somit die Handlungen des Kaisers als unangemessene, unheilvolle und eben auch ,erzwungene‘ Praxis an, wohingegen der Kaiser doch „gelassener“ (sedatius) handeln sollte. Dass Ammian diese Kritik erwähnt, spricht nicht dagegen, dass er selbst auch diesen Punkt sah. Vielmehr muss die Deutung der Textstelle dahin gehen, dass Ammian die Existenz der Skepsis an dem Perserfeldzug nicht leugnen konnte, weil sie zu groß war, und deshalb die Flucht nach vorn antrat, indem er sie beim Namen nannte, aber gleichzeitig die Gelegenheit ergriff, sie abzuqualifizieren, um einem Leser durch das Totschweigen nicht die Möglichkeit zu geben, sämtliche Ausführungen zu dem Perserfeldzug vor der Folie einer nicht erwähnten Kritik an dem Unternehmen zu sehen.

474

Amm. 23.5.4.

475

Dies geht, wie Wiemer (1995), 180 gezeigt hat, aus der Andeutung eines abschlägigen Bescheids der sibyllinischen Orakel hervor (Amm. 23.1.7), die sich in der Obhut des senatorischen Gremiums befanden.

476

Amm. 22.7.7-8. Ammian versucht diesen berechtigten Einwand dadurch zu entkräften, indem er Julians berühmte Antwort an die Goten überliefert, dass diese sich „davonmachen und über Krieg nachdenken sollten“ (Amm. 22.7.7) und die Goten als im Vergleich zu den Persern minderwertige Gegner aus der Perspektive des Kaisers darstellen lässt.

477

Dies deutet sich in Lib. or. 12.77 an: ἐγὼ μὲν οὖν ᾤμην αὐτὸν κροτήσειν καὶ ἑορτάσειν καὶ τάχους ἐπιμελήσεσθαι καὶ συνέχαιρον δὴ πρᾶγμα ποιῶν πολλάκις ἡττημένου, ὁ δ’ ἀπέρριψε τὴν ἐπιστολήν.

478

Lib. or. 17.214. Aus der Rückschau (um 390) beurteilt Libanions diese Tatsache jedoch auch anders, vgl. Lib. ep. 901, 929, 947.

479

Lib. or. 18.164. Darüber hinaus lässt sich auch zeigen: Parallel zu der Selbststilisierung Julians sowie zu der Panegyrik des Libanios rückt auch Ammian den jungen Kaiser in ein diametrales Verhältnis zu Constantius. Ammian vergleicht in diesem Zusammenhang Julian mit Herakles, den die Pygmäen und der Bauer Thiodamas beschimpft hätten, Amm. 22.12.4, Philostr. imag. 2.22. Der Einfluss zeitgenössischer Rhetorik lässt sich bei Ammians Text gut nachweisen, wenn der Geschichtsschreiber seinen Helden mit dem tapferen Kämpfer aus dem Mythos vergleicht, der von feigen und niederträchtigen Gegnern am Kämpfen gehindert wird.

480

Unter Constantius hatte meistens Shapur II. die Initiative ergriffen, Constantius – laut den Quellen – nur reagiert. Gesichert ist, dass Constantius wohl jegliche offene Feldschlacht zu vermeiden suchte (Lib. or. 59.77) und somit unfreiwillig in das Schema des Cunctators Fabius Maximus gedrängt wurde, von dem sich Julian dezidiert absetzen wollte. Gegen die offensive Haltung im Perserkrieg, die Blockley (1992), 14–15 zu erkennen glaubt, wendet sich Mosig-Walburg (2009), 293 mit guten Argumenten.

481

Zudem war die Meinung über Julians Perserfeldzug wohl äußerst heterogen, neben Kritikern gab es auch sehr viele Befürworter, vgl. Ross (2016), 16, weiterhin van Hoof/van Nuffelen (2011).

482

Smith (1999) hat das Narrativ Ammians über Julians Perserfeldzug in zwei „stories“ eingeteilt: Story A erzählt von einem rühmlichen Unternehmen eines glorreichen Kaisers, Story B über die fatale Missachtung der Omina der Götter durch den Kaiser. Beide Ebenen, so Smith, laufen nebeneinander und vermitteln damit dem Leser eine doppelte Perspektive auf den Feldzug.

483

Amm. 22.13.1, 22.13.4, 23.1.6, 23.2.6, Ross (2016), 180-182, ausführlich Boeft/Drijvers/Hengst/Teitler (1995) zu den jeweiligen Stellen.

484

Bei Ammian fehlt natürlich der Hinweis, dass Julian zu diesem Spannungsverhältnis, das ihn in den Tod treiben sollte, selbst entscheidend beigetragen hatte, indem er sich als basileus polemikos stilisierte.

485

Amm. 24.3.4-7, mit dem Kommentar von Boeft/Drijvers/Hengst/Teitler (2002). Julian ließ auch aufgegriffene Flüchtlinge aus dem eigenen Heer sofort töten, Brendel (2017), 188.

486

Zusammengestellt bei Ross (2016), 180-189, Amm. 23.2.8, 24.1.12, 24.3.1, 24.4.7, 24.6.12, 24.5.4, dazu Wirth (1978), 485.

487

Amm. 24.6.4-6.

488

Amm. 24.5.5; 24.5.7.

489

Lenski (2002): „Nor was military success anywhere more glorious than in the east“. Eutr. 6.10 weist Lucius Lucullus einen größeren Sieg als Marcus Lucullus zu, da jener im Gebiet Pontus/Armenien, dieser über Gegner in Thrakien gesiegt habe. Der spektakuläre Charakter von Erfolgen im Osten geht wohl auf den Alexanderzug zurück, die imitatio Alexandri ist sowohl bei Julian als auch bei einer Reihe früherer Kaiser sowie bei Caesar offensichtlich, siehe Lane Fox (1997), 247–252, Campbell (1984), 391–393, Meyer (1980), 414–417, Potter (1990), 372.

490

So die Datierung von Wiemer (1995), 266. In fast gleicher Weise Walden (1899) und Fatouros/Krischer/Portmann (2002), 133.

492

Lib. or. 18.81.

493

Lib. or. 18.166.

494

Them. or. 2.36a-37c.

495

Lib. or. 18.300. Zwar lässt es Libanios an der besagten Stelle offen, ob Julian auf die Loyalität oder Furcht der Gegner hätten bauen können; jedoch lassen seine detailreichen Ausführungen zum Aspekt ,Furcht‘ keinen Zweifel entstehen, dass für den Redner zuerst die Furcht existierte, die dann auch zu einer Loyalität geführt hat.

496

Lib. or. 18.290: Σκύθαι δὲ καὶ Σαυρομάται καὶ Κελτοὶ καὶ πᾶν ὅσον βάρβαρον ἠγάπα ζῆν ἐν σπονδαῖς, αὖθις τὰ ξίφη θήξαντες ἐπιστρατεύουσι, διαπλέουσιν, ἀπειλοῦσι, δρῶσι, διώκοντες αἱροῦσι, διωκόμενοι κρατοῦσιν, ὥσπερ οἰκέται πονηροὶ δεσπότου τετελευτηκότος ὀρφανοῖς ἐπανιστάμενοι.

497

Lib. or. 18.69: ἡγούμενος τὸ μὲν πεπραγμένον εἶναι τῇ σφῶν αὐτῶν βοηθούντων ἀνθρώπων, δεῖν δὲ τοὺς ἀγαθοὺς καὶ τιμωρίαν ὧν πεπόνθασι λαμβάνειν. Julian weist seine Soldaten ferner darauf hin, dass der Gegner wie ein wildes Tier eigentlich nur auf einen „Gnadenstoß“ warte: ὡς ἐοίκασιν οἱ βάρβαροι θηρίῳ βεβλημένῳ καὶ δευτέραν περιμένοντι πληγήν.

498

Lib. or. 18.169. Während sonst der Vergleich mit Constantius meist implizit durchgeführt wird, setzt Libanios Julian hier in einen bewusst arrangierten, expliziten Gegensatz zu Constantius. So sind Ares und die anderen Götter die ,richtigen‘ Helfer, während Julians Vorgänger auf die falschen, nämlich die Goten gesetzt habe (vgl. Amm. 20.8.1). Libanios übergeht hier die Tatsache, dass auch Julian sich auf ein gotisches Kontingent stützte (Amm. 23.2.7).

499

Lib. or. 18.39. Interessanterweise wird von Libanios gleich nachgeschoben, dass auch die Götter zu dem Gelingen eines Feldzuges beitragen müssten, so dass die völlige Handlungsautonomie eines Menschen in Frage gestellt wird.

500

Zur bereits zu Lebzeiten Julians bestehenden Opposition und Kritik am Perserfeldzug siehe oben Kap. 3.4.3.

501

Beispielsweise konnte Themistios in seiner Loyalität zu ehemaligen Herrschern sehr flexibel sein. Während er zu Lebzeiten Valens’ dessen Tugend und Tapferkeit lobt, kritisiert er gerade diese Eigenschaften des Kaisers später unter Theodosius, vgl. Them. or. 8.112d-113c mit or. 15.196-197a, mit weiteren Beispielen Heather/Moncur (2001), 25.

502

Bei Johannes Lydos wird Libanios sogar zum Protagonisten einer breiten Opposition gegen das letzte militärische Unternehmen Julians stilisiert, Ioann. Lyd. De mens. 4.118, vgl. dazu Wiemer (1995), 179.

503

Als Julian/Libanios in der 12. Rede die „Kommissionen aus Generälen, Hauptmännern und Unterabteilungsanführern“ des Constantius anprangern und den Standpunkt vertreten, dass nur sofortige Gegenmaßnahmen, welche die Macht des Römischen Reiches demonstrieren, selbst wenn sie risikoreich erscheinen, die richtige Antwort auf das Verhalten der Barbaren darstellten, wurde ersichtlich, dass man Bedenken zerstreuen wollte, man könnte zu nachsichtig gegenüber den in die Provinzen einfallenden Gegnern verfahren. Dass diese Haltung von Teilen der Zuhörerschaft gebilligt, ja sogar gefordert wurde, erscheint angesichts der Rechtfertigungs-Strategie des Constantius in den Reden von Themistios als nicht hinterfragbar.

504

Und dies, obwohl es – wie gezeigt wurde – wichtige Personen im imperium Romanum gab, die eine Außenpolitik in der Nachfolge des Constantius für sinnvoll gehalten hätten.

505

López-Sánchez (2012), 160, eine richtige Einschätzung angesichts der vielen literarischen Quellen, die es zu Julian gibt. Lieu (1989) und Arce (1984) betonen, dass es schon eine große Schwierigkeit sei, alles zu Julian zu lesen, nicht nur seine eigenen Werke.

506

Eine Auswahl der jüngst erschienenen Publikationen: Woods (2014), López-Sánchez (2012), Varner (2012), Tougher (2004), Arce (1984), 177-214, Szidat (1981). Eine ausführliche Zusammenfassung der bisherigen Forschung legt Brendel (2016) vor.

507

Beispielsweise sind ikonographische Motive wie der Adler auf den Prägungen von Arelate oder der Stier überaus kontrovers diskutiert worden, wobei sich die jeweiligen Autoren den Spekulationscharakter ihrer Erklärungsversuche oft überaus explizit eingestehen, vgl. im Überblick Woods (2014) oder Tougher (2004), Gilliard (1965), Kent (1959).

508

Zu Gallus siehe RIC 8.270-292 (Siscia), 8.21-24 (Sirmium), 8.146 (Thessalonica), vor allem auch die felicitas romanorvm-Serie von Miliarenses mit Gallus und Constantius zusammen auf dem Revers, die größtenteils in Sirmium und Nicomedia geprägt wurden, also an zwei Orten, die wahrscheinlich das jeweilige Hauptquartier von Gallus waren, bevor dieser nach Antiochia weiterzog, RIC 8.11-14 (Sirmium), 8.77-79 (Nicomedia), vgl. Sokr. hist. eccl. 2.28.22, siehe auch Bleckmann (1994). Zu Julian RIC 8.243-249 (Arelate) oder auch 8.181-182 (Antiochia), López-Sánchez (2012), 161.

509

RIC 8.234-237 (Arelate).

510

Später prägte Gratian nach der Schlacht von Adrianopel in Sirmium eine Serie mit einem ähnlichen Zweig zwischen den beiden Kaisern Valentinian II. und Gratian; die Legende war victoria avgg, was darauf schließen lässt, dass diese Serie auf den Beginn von Gratians Operation gegen die Goten im Jahr 379 anspielte, vgl. López-Sánchez (2012), 166.

511

RIC 8.210-215a, 218-219, 216-217 (Lugdunum).

514

Beyeler (2011) spricht sich für die Möglichkeit aus, dass Julian mit Constantius zu diesem Zeitpunkt noch in einem Verhandlungsverhältnis stand, wenn man die Prägungen etwa auf November 360 legt. Szidat (1977), 87-89 belegt, dass diese Verhandlungen wohl noch bis Frühjahr 361 andauerten.

515

RIC 8.303-304 (Arelate), ebenfalls in RIC 8.201 (Antiochia), siehe Abb. 3.

517

Varner (2012), 199, vgl. auch Ov. Fast. 5.559-566, Plut. Rom. 16.8,

518

Siehe oben Kap. 3.2.2.

519

Weitere Beispiele (mit jeweils derselben Legende): RIC 8.200 (Antiochia), 8.202 (Antiochia), 8.157 (Constantinopel), 8.327 (Roma), 8.95 (Sirmium).

520

Des Weiteren ist die Legende virtvs exercitvs viel konkreter als die von Constantius bei ähnlichen Motiven verwendete Botschaft der fel temp reparatio.

521

Amm. 20.4.2 berichtet, dass die Petulantes und die Celtae, die Eliteeinheiten im Heer Julians, ihren neuen Kaiser ausgerufen hatten, um damit zu vermeiden, am Persien-Feldzug des Constantius teilzunehmen.

522

RIC 8.204-206 (Antiochia).

523

Siehe auch Beyeler (2011), 142.

524

RIC 8.468 (Roma), dazu Varner (2012), 203. Auf dem Obvers ist die Legende d n fl cl ivlianvs pf avg zu lesen.

525

Iul. mis. 355d, Sokr. hist. eccl. 3.17.4-5, Soz. hist. eccl. 5.19.2.

526

Abb. 4. Die verschiedenen Ansätze sind bei Woods (2000), 159-161 und Brendel (2016) zusammengestellt.

528

Dion Chrys. or. 2.66-67. Darüber hinaus konnte Tougher (2004) überzeugend nachweisen, dass Julian das Werk des Dion Chrysostomos gekannt und auf bestimmte Gedankengänge zurückgegriffen hat: So finden beispielsweise Dions vier Abhandlungen über die Königsherrschaft (or. 1-4) ihren deutlichen Niederschlag in Julians ,Panegyric‘ auf Constantius, vor allem in der zweiten Rede.

529

Siehe Kap. 3.4.

530

Inwiefern dieses Bild und diese Kombination in sich kohärent sind, mag dahingestellt bleiben. Wichtig ist nur, dass die beiden Motive „Achill“ und „Stier“ miteinander verbunden wurden und auch in die Öffentlichkeit gelangten.

531

Es bleibt natürlich das polyvalente Interpretationsspektrum des Stiers auf den Münzen bestehen. Der Stier war sicherlich nicht nur eine Anspielung auf Achill. Die von mir angeführten Argumente sollten jedoch die Plausibilität einer solchen Interpretation stützen. Gleichwohl gilt für das Stiermotiv dieselbe Prämisse, die schon in anderem Zusammenhang geäußert wurde, nämlich dass Julians Stiermotiv auf ein Konglomerat von möglichen Deutungen durch den Adressaten abzielte, Harl (1987), 96. Siehe auch Szidat (1981).

532

Siehe Kap. 3.2.3. Bei den Münzprägungen Julians liegt – im Unterschied zu Constantius II. – keine Ausgabe mit einer Legende debel gent barbar vor.

535

IK 12, 313a = IIulian 26. Der Auftraggeber Aelius Claudius Dulcitius ist auch Stifter einer anderen Inschrift (IK 14, 1312) aus Ephesos. Lib. or. 42.24 erwähnt ihn als Statthalter von Phoenice und vicarius der Thracia (vor 361), 363 war er Proconsul der Provinz Asia, Conti (2004), 78.

536

Zwei Fragmente einer Statuenbasis aus Ephesos (AE 1924, 71 und IK 17.1, 3021) sowie eine zerbrochene Basis aus Pergamon (EE V, Nr. 1388, CILIII.7088).

537

Paris, Louvre MA 1121 (MR 246), Musée Cluny, inv. CL 18830, dazu: L’Orange/Wegner (1984), 162-163, Kiilerich (1993), 222-223, Bringmann (2004), 131, Saragoza (2005), Fleck (2008), 63-73. Der Bart ist überaus lockenhaft ausgestaltet, was an die Beschreibung bei Amm. 22.14.3 und 25.4.22 erinnert. Beide Porträts sind aus einer Replikenserie entstanden, was bedeutet, dass der Bart und die Frisur Julians eng mit den Münzprägungen verbunden sind, Varner (2012), 187. Nach der Eroberung von Italien und dem Illyricum wurde ein neuer Münztypus geprägt, RIC 8.310 (Arelate), der Julian zum ersten Mal mit Bart porträtierte, was eine neue Akzentuierung im Konflikt mit Constantius gegenüber den zuvor bartlosen Darstellungen bedeutete. In beiden Plastiken trägt Julian die tunica und das pallium anstelle der Römischen Toga. Amm. 15.8.1 notiert, dass Julian in einem pallium von Athen nach Mailand gereist sei, kurz vor seiner Erhebung zum Caesar. Es ist möglich, dass die Darstellung Julians im pallium dazu diente, dieses Kleidungsstück von der Assoziation mit einer christlichen Zugehörigkeit zu lösen, vgl. Tert. De pallio, wo das pallium auch als Distinktionsmerkmal christlicher Bekleidung beschrieben wird, Smith (1999b), 452.

539

Es finden sich zudem griechische Entsprechungen wie νεικητὴς καὶ τροπεοῦχος oder νικᾶν ἐγεννήθης, vgl. Conti (2004), 45.

540

Siehe die opistographische Marmortafel (CILXI.4781 = ILS 739) aus der Kirche S. Salvatore im Gebiet von Spoletium, Bonamente (1983), 51.

541

Siehe oben Kap. 3.3.1.1.

542

IIulian 18 = Brendel (2017), 263 = AE 1969/70, 6 = AE 1999, 45 = AE 2000, 1503. Dietz (2000), 807-810. Das Phoenicum genus war wohl der „Provinziallandtag“, siehe Dietz (2000), 822-832 und Deininger (1965), 88. Zur Datierung: Conti (2004), 70 und 72, Bowersock (1978), 123-124.

543

Ich schließe mich dabei Conti (2004), 70 an, der anders als Jalabert (1907), welcher [Repara]/tori [orbis romani] (1-2), rest(itutori omnium re]/rum et [totius felicitatis] (3-4), [re]/creatori [sacrorum et]/exctincto[ri superstitionis, Fl(avio)] (4-6) sowie [Ger]/manico ma[ximo, Alaman(nico) ma] vorschlägt, liest. Mit Blick auf eine andere Halbsäule, AE 1969-70, 631, Bonamente (1983), 89-90, Bowersock (1978), 123-124, die 1969 in der Gegend von Kibbutz Ma’ayan Barukh gefunden wurde und auf der derselbe Text mit bar/[ba]rorum extinctor[i] zu erkennen ist, erscheint diese Lesart plausibler.

545

Siehe oben 3.4.1.

546

Anders verhält es sich vielleicht in Amm. 16.10 (Schilderung des Rombesuchs von Constantius), wenn Ammian Constantius direkt dafür kritisiert, weder einen Gegner selbst besiegt noch in der vorderen Schlachtreihe gekämpft (Promachie) noch als propagator imperii dem Reich ein weiteres Territorium hinzugefügt zu haben: nec enim gentem ullam bella cientem per se superavit, aut victam fortitudine suorum conperit ducum, vel addidit quaedam imperio, aut usquam in necessitatibus summis primus vel inter primos est visus. Ammians expliziter Tadel kann damit erklärt werden, dass er an dieser Stelle von dem Triumphgebaren des Constantius angewidert ist, zumal dieser ,Sieg‘ auch noch ein innerrömischer war, dass er hier eher nicht das System – nämlich das imperator-Dilemma –, sondern die Person des Constantius direkt angreift.

547

Dieses Verhältnis ist nicht widersprüchlich. Für Ammian ist nämlich Julians Tateneifer die direkte Folge einer ihn dazu drängenden Erwartungshaltung.

Palastrevolution

Der Weg zum hauptstädtischen Kaisertum im Römischen Reich des vierten Jahrhunderts

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