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Sabine Seichter Salzburg

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In ihrer Studie »Not for Profit« (2010) diagnostiziert die nordamerikanische Philosophin Martha Nussbaum gravierende strukturelle Veränderungen der Universität im Zuge neoliberaler Ökonomisierung. Dieser Umbau habe vor allem massive Auswirkungen auf das Verständnis von Bildung und mit diesem (utilitaristisch konnotierten) Wandel ginge ein Verlust an demokratischer Teilhabe und Partizipation einher. Demokratie bilde nicht länger – wie dies einst prominent John Dewey postuliert hatte – die grundlegende Lebensform gemeinsamer (Bildungs-)Erfahrungen. Wettbewerb, Konkurrenz und Konformismus überlagerten Phantasie, kritisches Denken und leidenschaftliches Argumentieren und drohten diese – der gedanklichen Spur Nussbaums weiter folgend – sogar zum Verschwinden zu bringen. Nussbaum macht deutlich, wie eine einseitige hochschulpolitische Orientierung an den Kriterien von Brauchbarkeit, Anwendungsorientierung und Effizienz humanistische Fächer verdrängt und mit ihnen ebenso demokratisches Denken, weil sich dieses, gerade umgekehrt, an den Prinzipien von Vielfalt, Pluralität und Kritik orientiere. In ihrem Untertitel »Why Democracy needs the Humanities« verweist Nussbaum nicht nur auf den prinzipiellen Zusammenhang von Demokratie und Bildung, sondern expliziert ausdrücklich, weshalb Demokratie Bildung braucht.

Der hier gewählte Themenschwerpunkt »Demokratie – Herausforderungen für die Zukunft« nimmt diese Überlegungen Nussbaums auf und zeigt aus unterschiedlichen Perspektiven die Brüchigkeit von Demokratie einerseits und die Notwendigkeit ihrer Stärkung durch Erziehung und Bildung andererseits auf.

Im Gefolge der Erfahrungen des Aufstiegs des Faschismus und des Falls der Demokratie loten Peter McLaren und Petar Jandrić mit ihrem Beitrag »Postdigital Pedagogy of Liberation« Möglichkeiten einer postdigitalen Pädagogik aus. Dabei stellen sie Beispiele einer neuen Form von Befreiungspädagogik vor und erwägen aktuelle Chancen und Grenzen für eine neu gedachte demokratische Erziehung und Bildung.

Einen Blick zurück in die Geschichte werfen Nicolas Engel und Johannes Bretting in ihrem Artikel »Demokratie organisieren. Zur Rolle und Funktion von NS-Gedenkstätten als Agentinnen gesellschaftlicher Transformation«, um zukünftige demokratische Formen und Orte von Erziehung und Bildung verantwortlich gestalten und organisieren zu können. Dabei zeigen sie die aktuellen Herausforderungen eines Umgangs mit (historischem und demokratischem) Wissen im Kontext einer »Erziehung nach Auschwitz« auf.

Dass sich politische Bildung nicht auf ein formales Verständnis von Politikdidaktik verkürzen lässt und sich nicht in einer bloßen Wissensvermittlung erschöpfen darf, gibt Werner Friedrichs in seinem Beitrag »Radikale Demokratiebildung« zu bedenken. Vielmehr versteht der Autor den heutigen Auftrag von politischer Bildung/Demokratiebildung weiter und umfassender; nämlich im Sinne einer »Kulturwissenschaft der Weltverhältnisse«.

Julia König verortet in ihrem Beitrag »Bildung als ›unerzwungene Neuanordnung von Wünschen‹ im ›Modus des Künftigen‹. Gayatri Chakravorty Spivaks postkoloniale Wendung aufs Subjekt« das aktuelle Bildungsgeschehen in den Kontext einer irreduzibel postkolonialen Welt. Dabei erhellt sie die (pädagogischen) Herausforderungen, die sich im Spannungsfeld von Bestehendem und Künftigem ergeben, und sie verweist von hier aus auf eine notwendige Neuausrichtung einer emanzipatorisch gedachten Erziehungs- und Bildungspraxis.

Angesichts der globalen Herausforderungen und Veränderungen, die das Anthropozän mit sich bringt, plädiert Christoph Wulf für eine »Bildung für eine Weltgemeinschaft« und verweist in seinem Beitrag »Global Citizenship Education« auf die Notwendigkeit, das die Menschen Verbindende zu betonen. Von hier aus müsste das ›Fremde‹ und der/die ›Andere‹ anerkannt und im Sinne einer demokratisch gedachten Weltgemeinschaft verstanden werden.

Im Allgemeinen Teil diskutiert Johannes Bellmann Verhältnisbestimmungen von Philosophie und Pädagogik und analysiert in seinem Beitrag »Philosophy [...] Is the Theory of Education in Its Most General Phases« diese im Anschluss an John Dewey. Damit einher geht die (internationale) Diskussion um disziplinäre Wissensordnungen, vor allem der (deutschsprachigen) Erziehungs- und Bildungsphilosophie.

Dietrich Benner zeigt unter Rückgriff auf historische Erkenntnisse in seinem Beitrag »Pädagogisches Ethos. Eine Kernkompetenz pädagogischer Akteure?« ein modernes pädagogisches Ethos-Verständnis auf, das es vermag, pädagogisches Handeln zu orientieren und verantwortungsvoll zu praktizieren.

Pandemiebedingt wurde die diesjährige Jahrestagung der Görres-Gesellschaft digital abgehalten. Auch ihr Fachbereich Pädagogik widmete sich dem generellen Rahmenthema »Toleranz« und diskutierte diesen schillernden Begriff. Nähere Informationen dazu sind dem Tagungsbericht von Sophia Maria Wilden zu entnehmen.

Auch in diesem Heft geben die »Rezensionen« vertiefte Einblicke in aktuelle bildungshistorische, bildungstheoretische und wissenschaftsmethodologische Veröffentlichungen und laden zu eigenem kritischen Nach- und Weiterdenken ein.

Die Schriftleiterin bedankt sich bei allen Autor_innen und den Begutachter_innen der eingegangenen Beiträge. Ein besonderer Dank gilt den Salzburger Mitarbeiter_innen Theresa Lechner und Matthias Steffel für die redaktionelle Gestaltung des Heftes.

Sabine Seichter, Salzburg

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