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Sabine Seichter Salzburg

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Auch wenn das Wort »Toleranz« in aller Munde ist, trifft man auf die Thematik der Toleranz als erziehungswissenschaftliches Problem doch eher selten. Was im Alltag rasch über die Lippen kommt, erweist sich bei genauerem Zuhören oft als flach und einfach. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich der Begriff »Toleranz« und erst recht seine Klärung für Theorie und Praxis als außerordentlich komplex und anspruchsvoll. Was meint jenes ›Dulden‹ (lat. tolerare) in pädagogischen Kontexten bzw. – und weitaus folgenreicher – wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen von Toleranz bzw. tolerantem Handeln? Und wo – und diese Frage dürfte mindestens genauso schwierig sein – ist intolerantes Handeln zugunsten der Wahrung von Toleranz geboten und gefordert? Der Toleranz, so hatte es einst scharfsinnig der Wiener Philosoph Karl Popper formuliert, wohnt ein gewisses Paradox inne: »Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.« (Karl Popper: »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« [Band I, 2003, 8. Aufl., S. 361f]). Toleranz lässt sich nicht in einem universalistischen Sinne fassen, sie bewegt sich stets innerhalb gewisser (moralischer und politischer) Grenzen und ist von daher notwendig beschränkt.

Es gehört zur grundlegenden Charakteristik demokratischen (Zusammen-)Lebens, sich in Toleranz zu üben und gegenüber Andersdenkenden tolerant zu sein. Darüber hinaus verlangt uns Demokratie aber ebenso Intoleranz ab; nämlich gegenüber jenen, die durch ihr Denken und Tun Freiheiten anderer einschränken, bedrohen, gefährden und eine rationale Diskurskultur verunmöglichen. Toleranz und Intoleranz – und damit wird eine Herausforderung an Erziehung und Bildung gerichtet – verweisen auf handelnde Personen, die qua Einsichten und Argumenten situativ vernünftig zu handeln wissen und sich in tolerantem Handeln üben und auszudrücken vermögen. Der Thematik »Toleranz – Zur Tragfähigkeit eines umstrittenen Begriffs« widmete sich dieFachbereichstagung Pädagogik der Görres-Gesellschaft; zwei der dort gehaltenen Vorträge (von Hans Gruber und Thomas Mikhail) haben Eingang in diesen Themenschwerpunkt gefunden.

In seinem Beitrag »Das unverschämte Wir. Identitätspolitik, Toleranz und demokratische Bildung« zeigt Johannes Drerup in Kontexten und Verhältnissen gegenwärtiger Identitätspolitiken Möglichkeiten und Grenzen einer Toleranzerziehung auf. Drerup markiert Toleranz dabei als eine demokratische Tugend und stellt diese in den Zusammenhang (institutionalisierter) demokratischer Bildung.

Thomas Mikhail erörtert in seinem Beitrag Möglichkeiten der Lehrbarkeit von Toleranz. Im Anschluss an das anthropologisch begründete Konzept der Bildsamkeit diskutiert der Autor Toleranz als Konstitutionsbedingung pädagogischen Handelns.

Sich aus einer historischen Perspektive annährend, unternimmt Sebastian Engelmann in seinem Artikel »›Das gangbare Kleingeld moralpädagogischer Unterweisung‹. Pädagogische Wege zur Toleranz in den Schriften der Ethischen Bewegung« einen kontextspezifisch pädagogischen Versuch zur Klärung von Toleranz und Bildung am Beispiel moralpädagogischer Konzepte der sog. »Ethischen Bewegung«.

Von der Lehr-Lernforschung ausgehend analysiert Hans Gruber die begrifflichen Dimensionen von Toleranz und zeigt anhand empirisch durchgeführter Projekte die sich in der Praxis ergebenden ethischen Herausforderungen auf, welche mit dem Anspruch toleranten Verhaltens und dem Postulat der ›Offenheit für Andersartigkeit‹ einhergehen können.

Der Allgemeine Teil dieses Heftes wird mit der Frankfurter Abschiedsvorlesung von Dieter Nittel eröffnet. In seinem Beitrag »Das pädagogisch organisierte System des lebenslangen Lernens: Im Spiegel von Lebenswelt und System« prüft der Autor unter den Bedingungen aktueller gesamtgesellschaftlicher Differenzierungsprozesse einerseits und dem Ausbau pädagogischer Organisationsformen andererseits die Tragfähigkeit des Konzepts eines lebenslangen Lernens und unterzieht dieses einer Modifizierung.

Clemens Bach untersucht in seinem Artikel »Die Kunst als Modellierungsinstanz des Körpers« rezeptionsgeschichtlich »pädagogisch-ästhetische Entwürfe zwischen Monismus, Tektologie und Biotechnik am Anfang des 20. Jahrhunderts«. Am Beispiel der Erziehung des Körpers zeigt Bach anschaulich die damit einhergehenden Erlösungshoffnungen qua Erziehung und Kunst auf.

Der von Moritz Krebs verfasste Tagungsbericht der Kommissionstagung der Pädagogischen Anthropologie der DGfE vermittelt vielseitige Einblicke in die Thematik der »Begeisterung« und deren anthropologische Ausfigurierungen.

Die Rezensionen geben vertiefte Einblicke in bildungshistorische, bildungstheoretische und wissenschaftsmethodologische Veröffentlichungen und laden zum eigenen Nach- und Weiterdenken ein.

Die Schriftleiterin bedankt sich bei allen Autor_innen und den Begutachter_innen der eingegangenen Beiträge. Ein besonderer Dank gilt den Salzburger Mitarbeiter_innen Theresa Lechner und Matthias Steffel für die redaktionelle Gestaltung des Heftes.

Sabine Seichter, Salzburg

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