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Nachruf auf Edgar Forster (24.6.1961–30.12.2021)

In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik
Authors:
Rita Casale
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Markus Rieger-Ladich
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Edgar Forster ist am 30.12.2021 im Alter von 60 Jahren gestorben. Wir trauern um einen Menschen, der aus der Reihe fiel: ein schöpferischer Denker und großzügiger Hochschullehrer, ein aufmerksamer Zuhörer, eine elegante und freie Erscheinung.

Edgar Forster studierte Pädagogik, Psychologie und Philosophie an der Universität Innsbruck, wo er 1987 zu Grundproblemen der politischen Jugendforschung promoviert wurde. 1997 erhielt er die venia legendi für Erziehungswissenschaften. Seine Habilitationsschrift erschien ein Jahr später unter dem Titel »Unmännliche Männlichkeit. Melancholie ›Geschlecht‹ Verausgabung«. Von 1997 bis 2011 war Forster außerordentlicher Professor an der Universität Salzburg; seither ordentlicher Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Bildung und Globalisierung an der Universität Fribourg, Schweiz. Er verbrachte Forschungssemester in den USA und war Gastprofessor an den Universitäten Wien und Klagenfurt.

In seiner Habilitationsschrift kündigte Forster das Forschungsprogramm an, das er bis zu seinen letzten Publikationen immer weiter ausbuchstabiert hat. Von besonderer Bedeutung war dabei die Auseinandersetzung mit den Entwicklungen der Wissenschaften vom Menschen, den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Transformationen des Bildungswesens sowie den Veränderungen im Bereich der Reproduktion des Lebens.

»Unmännliche Männlichkeit« formuliert nicht nur sein Forschungsprogramm, sondern bildet auch ein Vermächtnis in zweifacher Hinsicht: Die Bedeutung von hegemonialer Männlichkeit für Subjektkonstitution und Wissensproduktion gehört auch weiterhin nicht zu den zentralen Topoi der Erziehungswissenschaft; sein Stil – die literarische Enthüllung des eigenen Standpunkts – stellt noch immer eine Provokation für eine Disziplin dar, der die distanzierte Beobachtung als Credo gilt. Das Sujet der Studie sind Männer, die nichts mehr »von dem alten Machogehabe wissen wollen«, die es aber gleichwohl nicht vermeiden können, sich als Verlierer zu fühlen. Sie trauern um den verfehlten Sieg.

Männlichkeitskritik nimmt hier die Form einer verausgabenden Entäußerung des eigenen Involviertseins an, die nicht ohne Konsequenzen zu haben ist. Edgar Forster war bereit dazu, diese Verantwortung zu übernehmen. Seine Studie wurde in einem eng geführten Dialog mit Vertreter_innen der historischen Anthropologie geschrieben. Die künstlerischen und literarischen Bezüge bilden das Material einer surrealistischen Geschichtsschreibung, wie er sie 2009 in einem Aufsatz näher erläutert hatte. Anfang der 2000er Jahre führte er seine Geschichtsschreibung der Männerkritik fort und orientierte sich dabei an genealogischen Verfahren. Männerkritik und Männerforschung verortete er stets innerhalb der Traditionen feministischer Theorie und Praxis. Er wollte auf diese Weise der Gefahr begegnen, dass sie – entkoppelt von feministischer Wissenschaftskritik – die Resouveränisierung jener Männlichkeitsformen betreiben könnten, die durch die Frauenbewegungen in die Kritik geraten waren.

In »Männlichkeit und soziale Reproduktion. Zur Geschichtlichkeit der Critical Studies on Men and Masculinities« (2020) verschärfte er den erkenntnistheoretischen Zugang seiner Analyse: Surrealistische Geschichtsschreibung, Epistemologie und Gesellschaftsanalyse schlossen sich für ihn nicht aus; er dachte sie in ihrer Vermittlung. Sein Ziel war die Entwicklung einer Form der Analyse, die Phänomenen in ihrer doppelten Historizität gerecht wird: Geschichte von Geschlechterordnungen und Geschichte des Wissens wie auch der Wissenschaft über Geschlecht und Geschlechterverhältnisse. Einer Form der Geschichtsschreibung verpflichtet, die von der Auseinandersetzung mit Walter Benjamin geprägt war, näherte er sich zuletzt der Epistemologie im Sinne Jacques Rancières und suchte, diese als Poetik zu fassen. Der Gegenstand dieser Form der Geschichtsschreibung ist dann nicht nur der ›wissenschaftliche‹ und der ›politische Vertrag‹, sondern auch der ›narrative Vertrag‹.

Gesellschaftstheoretisch richtete sich Forsters Aufmerksamkeit auf die Sphäre der Reproduktion, deren Zentrum er im Haushalt sah. Mit Blick auf feministische Analysen plädierte er dafür, care als staatsbürgerliche Pflicht zu begreifen und als Norm zu etablieren. Männerkritik bekennt sich dadurch zum Feminismus und wird zum Element eines neuen Geschlechtervertrags: »In diesem Modell [universal care giver] orientieren sich nicht Frauen an männlichen Lebensverläufen und werden dafür mit der Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen belohnt, sondern Lebensverhältnisse von Frauen werden auch für Männer zur Norm«.

Forsters epistemologische Studien untersuchten jene Normen, die in der erziehungswissenschaftlichen Wissensproduktion der letzten Jahrzehnte eine hegemoniale Funktion ausübten. In einem Beitrag von 2014 analysierte er am Beispiel der OECD die enge Verknüpfung von Forschung und politischer Steuerung und setzte sich für die Historische Epistemologie ein. Und er warb für eine Form wissenschaftlicher Bildung, welche die normativen Dimensionen der Wissenschaften, aber auch Orte und Modi der Wissensproduktion in den Vordergrund rückt. So trat er in »Toxisches Wahrsagen und sein Gegengift: Zur Förderung der epistemischen Neugier in der Erwachsenenbildung« (2021), verfasst mit Tanja Obex, für eine Form der Kritik ein, die »sich von der Einsicht leiten lässt, dass sich Wissen über die Gesellschaft nicht von seiner Produktion trennen lässt«.

In der Korrespondenz zu einem Beitrag über Dekolonialität, der Reflexivität mit Poesie paarte, bat er zuletzt um eine gewisse Großzügigkeit. Und ließ eine wissenschaftliche Haltung erkennen, die wir schmerzlich vermissen werden. Edgar Forster schrieb im Herbst 2021: »Der Text bleibt an einigen Stellen […] dunkel oder es bleibt bei Andeutungen. Vielleicht regt das zu Diskussionen, zum Weiterlesen oder zum Selberschreiben an.«

Rita Casale und Markus Rieger-Ladich

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