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Sabine Seichter Salzburg

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Die Frage nach dem Selbstverständnis der Erziehungswissenschaft ist – etwas überspitzt formuliert – beinahe ebenso alt wie die wissenschaftliche und erst recht die universitäre Etablierung der Disziplin selbst. Im Kontext der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft standen von Beginn an bspw. das Ringen um die fachspezifische Identität, die Formulierung und Etablierung ›einheimischer‹ Begriffe oder die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen eines sog. ›Grundgedankenganges‹ – verstärkt in Zeiten der wissenschaftstheoretisch und disziplinpolitisch bedingten Wenden und Wendungen – bis heute immer wieder im Fokus ihrer selbstreflexiven Debatten. Bei den Versuchen, ihren Gegenstand zu bestimmen, stößt die Erziehungswissenschaft bis dato auf eine Vielfalt von (interdisziplinären) Theorieperspektiven, was eine eindeutige und klare Bestimmung und disziplinäre Grenzziehung nur unter (einer künstlich erzeugten) Reduktion ihrer lebensweltlich bedingten Komplexität von Erziehung möglich machen würde und daher kaum zulässig wäre.

In dem Versuch, eine pädagogische Lesart auf Erziehung zu entwickeln, kann es – und das ist durchaus als paradox zu sehen und anzuerkennen – nicht primär darum gehen, das Pädagogische in seiner Absolutheit zu generieren, sondern vielmehr unterschiedliche Konturen zu zeichnen, an deren Linien sich ein pädagogisches Verständnis von Erziehung bewegen und über diese beweglichen Grenzziehungen sein disziplinäres Verständnis strukturieren und formieren könnte. Die möglichen (allgemein)pädagogischen Ausgestaltungen des Erziehungsbegriffs – wie sie in diesem Themenschwerpunkt »Erziehung – pädagogisch?« ausgelotet werden – geben über ein inhaltliches Verständnis von Erziehung auch Aufschluss über wissenschaftstheoretische und methodologische Implikationen und markieren allein schon von daher implizite Möglichkeiten und Grenzen.

Die hier versammelten Beiträge entziehen sich dem Anspruch einer fixen Wissensproduktion. Vielmehr spiegeln sie die Suche nach und einen möglichen Umgang mit Deutungsmöglichkeiten und legen dabei Versuche zur aktiven Gestaltung vielfältiger Begründungen und Ausfigurierungen von Erziehung vor. Die Herausforderung, sich dem Gegenstand der Erziehung explizit pädagogisch anzunähern, mag dann nicht in eine in Stein gemeißelte Antwort münden, sondern vielmehr in einer Einladung bestehen, entlang von (unbestimmten bzw. unbestimmbaren) Grenzen weiterzudenken.

Im einzelnen plädiert Oliver Hechler in seinem Beitrag dafür, Erziehung (wieder) stärker als jenen Grundbegriff der Pädagogik zu verstehen und zu formulieren, der es nicht nur vermag, die Tätigkeit des Erziehens zu beschreiben, sondern auch die disziplinäre Autonomie der Erziehungswissenschaft vor allem auch für einen interdisziplinären Austausch zu stärken.

Aus der Perspektive einer kritisch-operativen Pädagogik nähert sich Ralf Koerrenz der Komplexität von Erziehung. Dabei hebt er die besondere Bedeutung des Zusammenhangs von Erziehungstheorie und Gesellschaftstheorie hervor und entfaltet ein Verständnis von Erziehung als »Operation«, um sie in Kontexten von Macht und Herrschaft als »Aufklärung« zu formulieren.

Malte Brinkmann macht in seinem Beitrag auf die pädagogische Bedeutung des Zeigens aufmerksam. Aus einer phänomenologischen Perspektive zeigt der Autor anschaulich auf, wie Erziehung, stets eingebettet in Raum-Zeit-Konstellationen, maßgeblich über Gegenstände erfolgt, die in pädagogischen Situationen gezeigt werden. Erziehung versteht sich von hier aus in der Erfahrung der Differenz zum ›sozialen Anderen und des Anderen der Welt‹ und den vermittelnden Versuch des Zeigens.

Aus einer feministischen Perspektive entfaltet Jeannette Windheuser ein Verständnis von Erziehung und zeigt dabei eine strukturelle Verwobenheit von Erziehung, Feminismus, Politik und Theoriebildung auf. Dabei lotet die Autorin Möglichkeiten und Grenzen einer feministischen Erziehung aus, und sie tut dies vor allem im Hinblick auf mögliche Subjektkonstitutionen.

Vor dem anthropologischen Hintergrund des Anthropozän-Konzepts und auf der Folie einer sog. Resonanzpädagogik konstruieren die Autoren François Prouteau, Renaud Hetier und Nathanaël Wallenhorst ein Verständnis von Erziehung angesichts aktueller gesellschaftlicher Beschleunigungstendenzen und Umbruchssituationen.

Im Allgemeinen Teil untersucht Jens Oliver Krüger die Bedeutung von pädagogischen Rezepten für praktisches (Lehrer_innen-) Handeln und zeigt dabei den sowohl ›abschreckenden‹ als auch ›faszinierenden‹ Charakter dieser Rezepte im erziehungswissenschaftlichen Diskurs einerseits und in ihrer praktischen Anwendung andererseits auf und plädiert dabei für ein erweitertes Verständnis von ›Rezept‹.

Aus einer pädagogisch-kulturwissenschaftlichen Perspektive erörtert Sabine Seichter die im erziehungswissenschaftlichen Diskurs bislang eher selten beachtete Bedeutung von Fiktionalität in erziehungswissenschaftlicher Theorie und in pädagogischer Praxis. Auf der Folie wissenschaftstheoretischer Überlegungen diskutiert die Autorin den notwendigen Bestandteil von Fiktionalität in Erziehung und Bildung.

Die Rezensionen geben vertiefte Einblicke in bildungstheoretische, erziehungsästhetische und wissenschaftsmethodologische Veröffentlichungen und laden zum eigenen Nach- und Weiterdenken ein.

Die Schriftleiterin bedankt sich bei allen Autor_innen und den Begutachter_innen der eingegangenen Beiträge. Ein besonderer Dank gilt den Salzburger Mitarbeiter_innen Theresa Lechner und Matthias Steffel für die redaktionelle Gestaltung des Heftes.

Sabine Seichter, Salzburg

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