Save
Author:
Sabine Seichter Salzburg

Search for other papers by Sabine Seichter in
Current site
Brill
Google Scholar
PubMed
Close
Free access

Die in der Erziehungswissenschaft nur marginal, wenn überhaupt, historisch und/oder systematisch geführte Diskussion rund um die Thematik »Tabus in Erziehung und Bildung«, ist im fachlichen Diskurs – so könnte man pointiert formulieren – beinahe selbst tabuisiert.

Auch wenn der Sinngehalt von Tabu kulturell und historisch variiert, impliziert ein Tabu stets etwas Verbotenes; ein sog. ›Tabubruch‹ wird entsprechend sanktioniert und widerspricht einem ›vernünftigen‹, rationalen, sittlichen und richtigen Handeln. Beruhend auf kollektiven Vereinbarungen, prägen Tabus gesellschaftliche Verhaltensweisen einerseits und drängen deren öffentliche Thematisierung andererseits zunehmend aus dem öffentlichen, vor allem aber aus dem erziehungswissenschaftlichen Diskurs.

In loser gedanklicher Anlehnung an Theodor W. Adornos »Tabus über dem Lehrerberuf« (1965) widmet sich der vorliegende Themenschwerpunkt einigen in Erziehung und Bildung bzw. dem damit verbundenen Handeln in pädagogischen Beziehungskonstellationen vorherrschenden Tabus. Real beobachtbare Phänomene – wie (subtile) Strafpraktiken, das Scheitern, die pädagogische Autorität, sexualisierte Gewalt u.a. – werden bis heute zum großen Teil sowohl in der erziehungswissenschaftlichen Theoriebildung als auch in der pädagogischen Praxis weitgehend verschwiegen, aus der öffentlichen Diskussion verbannt und damit letztlich tabuisiert. Damit oft zusammenhängende Folgeprobleme sind Stigmatisierungen (beispielsweise im Kontext von Inklusion) oder ein mangelndes Bewusstsein pädagogischer Akteure hinsichtlich ihrer Handlungsweisen (beispielsweise im Kontext von ›Bildungsferne‹). Durch das Nichthinterfragen jener ›pädagogischen‹ bzw. ›pädagogisierten‹ (strukturbedingten) Tabus werden diese gesellschaftlich weitertradiert, ohne dass sie zur Sprache und damit zur kritischen Reflexion gebracht werden. Dieser quasi ›ritualisierte‹ Mechanismus des Nichthinterfragens festigt seinerseits die Existenz der Tabus, und das über Generationen hinweg.

In diesem Themenschwerpunkt soll also zur Sprache gebracht werden, worüber man oftmals lieber schweigt. Die Tabus sollen auf ihre pädagogische Relevanz und auf ihre konkrete ›Wirksamkeit‹ in Theorie und Praxis befragt werden. Dabei möge vor allem deutlich werden, wie das jeweilige (pädagogische) Tabu zwar strukturell in Erziehung und Bildung verankert ist und ›wirkt‹, aber dennoch nur selten explizit thematisiert und kritisch reflektiert wird.

In seinem Artikel »Die ›Bildungsferne‹ und die Bildung« analysiert und hinterfragt Roland Reichenbach die öffentlich wirksame Zuschreibung der ›Bildungsferne‹ und deren (stillschweigende und tendenziell tabuisierte) Analogiesetzung mit dem Etikett ›ungebildet‹.

Sofia Richter zeigt in ihrem Beitrag »Pädagogisches Strafen und Schweigen. Entstehung und Effekte des Straf-Tabus in erziehungswissenschaftlichen Diskursen und schulischer Praxis« den historischen Wandel von legitimen hin zu illegitimen Strafpraktiken in der (schul-)pädagogischen Praxis und die damit oft einhergehenden Konsequenzen für pädagogisches Handeln auf. Dabei analysiert die Autorin vor allem die ›Effekte‹ einer zunehmenden Tabuisierung von Strafe im Erziehungsalltag.

In thematischer Anlehnung an Sigmund Freuds »Totem und Tabu« aus dem Jahre 1913 erörtert Mai Anh Boger aus einer kulturhistorischen Perspektive das Problemfeld Inklusion. In ihrem inklusions- und differenztheoretisch argumentierenden Beitrag »Totem und Tabu der Inklusionspädagogik« enthüllt die Verfasserin ein wirkmächtiges Tabu innerhalb einer als inklusiv gedachten Kultur.

Christine Sager befragt in ihrem Beitrag »Sexualität und Pädagogik – Spannungsverhältnisse zwischen (Ent-)Tabuisierung, De-thematisierung und Professionalisierung?« die (sich historisch wandelnde) Bedeutung von Sexualität für pädagogisches Handeln, die damit zusammenhängenden Tabus und die sich daran anschließenden Herausforderungen für ein Verständnis pädagogischer Professionalität. Die Autorin erörtert, aus welchen Gründen eine Tabuisierung und eine damit einhergehende De-Thematisierung von Sexualität keine Lösung für das grundlegend strukturelle Problem mit sich bringt.

Welches Verständnis von Autorität in aktuellen erziehungswissenschaftlichen Diskursen verhandelt wird, analysieren Kathrin Audehm und Jan Niggemann in ihrem Beitrag »Pädagogische Autorität«. Im Anschluss an die Offenlegung von Merkmalen pädagogischer Autorität arbeiten sie aus einer machtphilosophischen und machtsoziologischen Perspektive die Dimensionen von ›Performativität‹ und ›Hegemonie‹ heraus, um den gewohnten Blick auf die Relevanz von Autorität zu weiten.

Dass das Scheitern in Erziehungs- und Bildungsprozessen ein offensichtliches Phänomen ist und dennoch im pädagogischen Diskurs vielfach tabuisiert wird, erörtert Sales Severin Rödel in seinem Beitrag »Scheitern als Tabu der Pädagogik? Vom Verdrängen, Dethematisieren und Durcharbeiten eines ständigen Begleiters«, und er deckt dabei Gründe für die Tabuisierung des Scheiterns in der Erziehung und in der Erziehungswissenschaft auf.

Im Allgemeinen Teil widmen sich die Autorinnen Anja Kraus, Agnes Pfrang und Rose Ylimaki in ihrem Artikel »Wonder, Sincerity and Operationalism in Education. Heidegger as Reference in Going ›Back to Pedagogy Itself‹« der in der Erziehungswissenschaft grundlegenden und bereits umfassend bearbeiteten Frage nach dem Pädagogischen in der Praxis von Erziehung und Bildung. Im engen Anschluss an die Heidegger-Interpretation von Dieter Mersch rücken die Autorinnen das ›Staunen‹ und die ›Aufrichtigkeit‹ in das Zentrum ihrer erneuten und weiterführenden Überlegungen zu einer möglichen Bestimmung des Pädagogischen.

Andrea Bramberger diskutiert in ihrem Artikel »Gestalt(ungen) von Kindheiten. Beweglichkeit als Parameter der Reflexion« einen aus der Perspektive der Childhood Studies gewonnenen Blick auf die Erforschung von Kindheiten angesichts einer zunehmenden Komplexität und Heterogenität von Kindern bzw. Kindheiten. Dabei lotet die Autorin Möglichkeiten und Schwierigkeiten einer Forschung über und mit Kindern aus und fragt nach den Gewinnen und Grenzen dieser Forschung im Kontext eines ›Gestaltens von Kindheit(en)‹.

Die Rezensionen geben vertiefte Einblicke in bildungstheoretische und pädagogisch-anthropologische Veröffentlichungen und laden zum eigenen Nach- und Weiterdenken ein.

Die Schriftleiterin bedankt sich bei allen Autor_innen und den Begutachter_innen der eingegangenen Beiträge. Ein besonderer Dank gilt den Salzburger Mitarbeiter_innen Theresa Lechner und Matthias Steffel für die redaktionelle Gestaltung des Heftes.

Sabine Seichter, Salzburg

Content Metrics

All Time Past Year Past 30 Days
Abstract Views 0 0 0
Full Text Views 29 29 10
PDF Views & Downloads 56 56 28